Caspar war in den Garten gegangen. Er lief über den feuchten Boden bis
zum Zaun und schaute gegen den Fluß hinüber. Ein bleifarbener Dunst
umkleidete die Türmchen und ineinander geschobenen Dächer der Stadt, nur
das bunte Dach der Lorenzerkirche glänzte hell, doch glich alles
zusammen mehr einem Spiegelbild im Wasser als einer greifbaren
Wirklichkeit.
Caspar fröstelte, und es war doch warm. Er wandte sich wieder gegen das
Haus. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, machte ihn der leer
daliegende Flur betroffen. Ein breiter Streifen Sonne, der über die
Steinfliesen kam und zitternd die weißen Stufen der Wendeltreppe
hinauflief, verstärkte den Eindruck der Verlassenheit. Hinter einer Tür
des Flurs, aus der Wohnung des Kandidaten Regulein, tönten Geigenklänge;
der Kandidat übte. Den einen Fuß schon auf der Treppe, blieb Caspar
stehen und lauschte.
Da! Da war es! Da kam er! Ein Schatten erst, dann eine Gestalt, dann
eine Stimme. Was sagte die Stimme, die tiefe Stimme?
Eine tiefe Stimme sprach hinter ihm die Worte: »Caspar, du mußt
sterben.«
Sterben? dachte Caspar erstaunt, und seine Arme wurden steif wie Hölzer.
Er sah einen Mann vor sich stehen, der ein seidig-schwarzes,
langhängendes, vom Zugwind ein wenig geblähtes Tuch vor dem Gesicht
hatte. Er hatte braune Schuhe, braune Strümpfe und einen braunen Anzug.
Über seinen Händen trug er Handschuhe, und in seiner Rechten funkelte
etwas Metallenes, funkelte schnell und erlosch. Er schlug Caspar damit.
Während Caspar den gelähmten Blick nach oben zwang, spürte er einen
donnernden Schmerz im Hirn.
Auf einmal hörte der Kandidat Regulein auf, die Geige zu spielen. Es
erschallten Schritte, die wieder verklangen, doch mochte der Vermummte
stutzig geworden sein und die Furcht ihn verhindern, zum zweitenmal
auszuholen. Als Caspar die Augen auftat, über die von der Mitte der
Stirn herunter eine brennende Nässe floß, war der Mann verschwunden.
Ei, hätte er nur nicht Handschuhe gehabt, unter tausend Händen wollte
ich seine Hand erkennen, dachte Caspar, indem er zur Seite torkelte. An
der Schmalseite des Flurs fand er keinen Halt; er probierte die Stiege
hinaufzuklimmen, aber der Sonnenstreifen erschien wie ein hindernder
Strom Feuers. Er glitt nieder, umklammerte die Steinsäule und blieb eine
halbe Minute lautlos sitzen, bis ihn die Angst packte, der Vermummte
könne wieder zurückkommen. Mit aller Kraft hielt er das fliehende
Bewußtsein noch fest, richtete sich auf, taumelte vorwärts und tastete
sich an der Wand entlang, als suche er ein Loch, um sich zu verkriechen.
Als er bei der Kellertreppe war, gab die nur angelehnte Tür dem Druck
seiner Hand nach, so daß er fast hinuntergestürzt wäre. Kaum sehend und
ohne zu überlegen tappte er so schnell wie möglich die finsteren Stufen
hinunter, denn schon glaubte er den Vermummten hinter sich. Als er im
Keller war, spritzte Wasser von seinen Schritten auf; es war
Regenwasser, das bei schlechtem Wetter hier unten Pfützen bildete.
Endlich fand er einen trockenen Winkel; während er sich niederließ und
sich, voller Furcht und Grauen, förmlich zusammenrollte, hörte er noch
von den Turmuhren zwölf schlagen, danach sah und fühlte er nichts mehr.
Um viertel eins kamen die Daumerschen Frauen zurück. Anna, die im Flur
voranging, gewahrte die große Blutlache vor der Stiege und schrie auf.
Gleichzeitig kam der Kandidat Regulein aus seiner Wohnung und meinte:
»Na, was ist denn das für eine Bescherung!« Die alte Frau, die an nichts
Schlimmes dachte, äußerte sich, wahrscheinlich habe jemand Nasenbluten
gehabt. Anna jedoch, mehr und mehr voll Ahnung, wies auf die blutigen
Fingerabdrücke hin, die an der Mauer bis zur Kellertür sichtbar waren.
Sie sprang hinauf, ihr erster Gedanke war Caspar, sie suchte ihn in
allen Zimmern und sagte zum Bruder: »Du, da unten ist alles voll Blut.«
Daumer erhob sich mit einem beklommenen Ausruf vom Schreibtisch und
eilte hinaus.
Inzwischen war der Kandidat der Blutspur bis in den Keller gefolgt. Mit
heiserer Stimme schrie er von unten nach Licht und fügte gellend hinzu:
»Da unten ist er, da liegt der Hauser! Hilfe, Hilfe, schnell!«
Alle drei Daumers stürzten in den Keller, Anna kam keuchend wieder
zurück, um die Kerze zu holen, die andern versuchten, den verkauerten
Körper Caspars aufzurichten, und dann trugen sie ihn selbdritt hinauf.
»Zum Arzt, zum Arzt!« kreischte Frau Daumer der entgegenrennenden Anna
zu, die das Licht ausblies, zu Boden warf und davonsprang.
Als Caspar endlich oben auf dem Bett lag, wuschen sie das gestockte Blut
von seinem Gesicht, und es kam eine nicht unbedeutende Wunde inmitten
der Stirn zum Vorschein. Daumer lief mit gerungenen Händen im Zimmer auf
und ab und stöhnte fortwährend: »Das muß mir passieren! Das muß in
meinem Haus passieren! Ich hab's ja gleich gesagt, ich hab's immer
gewußt!«
Der Platz vor dem Haus war schon voller Menschen, als Anna mit dem Arzt
zurückkam. Im Flur standen einige Magistrats- und Polizeileute. Ein
wenig später erschien auch der Gerichtsarzt; beide Doktoren
versicherten, daß die Wunde ungefährlich sei, ob aber das Gemüt des
Jünglings nicht eine bedenkliche Erschütterung erlitten habe, ließen sie
dahingestellt.
Ein amtliches Protokoll konnte nicht aufgenommen werden, Caspar war
immer nur kurze Zeit bei Besinnung; er stammelte dann ein paar Worte,
die allerdings das, was mit ihm geschehen war, wie unter Blitzesleuchten
erkennbar machten, sprach von dem Vermummten, von seinen glänzenden
Stiefeln und gelben Handschuhen, fiel aber danach in heftige Wahn- und
Fieberdelirien. Bei der Besichtigung der Lokalität wurde der Weg
entdeckt, auf dem der Unbekannte ins Haus gedrungen war: unter der
Stiege befand sich nämlich gegen den Baumannschen Garten ein kleines
Türchen, dessen Vorlegeschloß zersprengt war.
Die Vernehmung Daumers war fruchtlos, er stand kaum Rede. Gegen Abend
kam Herr von Tucher und teilte mit, daß man einen Eilboten an den
Präsidenten Feuerbach abgefertigt habe.
Das Bürgermeisteramt hatte sogleich umfassende Nachforschungen
veranstaltet. An allen Haupt- und Nebentoren der Stadt wurde die Wache
zu erhöhter Aufmerksamkeit verpflichtet; die Wirtshäuser und Herbergen,
wo Leute gemeinen Schlags sich aufzuhalten pflegten, wurden sorgfältig
durchsucht, auch wurden die Gendarmerie und die benachbarten
Landgemeinden zu tätiger Vigilanz aufgefordert. An die Amtstafel des
Rathauses wurde eine öffentliche Bekanntmachung angeschlagen, und zwei
Aktuare und die halbe Polizeimannschaft wurden mit der Verfolgung des
Frevlers betraut.
Die Untat geschah an einem Montag; eine zu leitende Gerichtsverhandlung
hinderte unglücklicherweise den Präsidenten, sofort nach Nürnberg zu
kommen, erst am Donnerstag traf er mit Extrapost in der Stadt ein und
begab sich unverzüglich aufs Rathaus. Er ließ sich vom Magistratsvorstand
über die polizeilichen Maßregeln und deren Ergebnisse Bericht erstatten,
zeigte sich aber mit allem so unzufrieden und geriet über eine Reihe von
Mißgriffen in solchen Zorn, daß die ganze Beamtenschaft den Kopf verlor.
Über die vom Aktuar ihm vorgelegten Protokolle und Zeugenaussagen machte
er sarkastische Bemerkungen; da war eine Hallwächtersfrau, welche am
Schießgraben beim Hauptspital einen wohlgekleideten Herrn gesehen hatte,
der sich in einer Feuerkufe die Hände wusch; da war ein Öbstnerweib, die
in Sankt Johannis einem Fremden begegnet war, welcher sich bei ihr
erkundigt hatte, wer am Tiergärtner Tor Examinator sei und ob man, ohne
angehalten zu werden, in die Stadt gelangen könne; da waren verdächtige
Handwerksburschen und unterstandslose Strolche verhaftet worden; da
hatte man zwei Kerle beobachtet, den einen im hellen Schalk, den andern
im dunkeln Frack, die auf der Fleischbrücke zusammengekommen waren und
einander Zeichen gegeben hatten.
»Zu spät, zu spät,« knirschte der Präsident. »Warum hat man nicht die
Namensliste der zu- und abgereisten Fremden in den Gasthöfen
kontrolliert?« fuhr er den zitternden Aktuar an.
»Die Spuren laufen nach vielen Richtungen,« bemerkte schüchtern der
Unglückliche.
»Gewiß, die Unfähigkeit hat viele Wege,« antwortete der Präsident
beißend, und mit Bedeutung fügte er hinzu: »Hören Sie, Mann Gottes! Der
Übeltäter, auf den wir da fahnden, wäscht seine Hände nicht auf offener
Straße, er läßt sich mit keinem Öbstnerweib in Gespräche ein und braucht
keinen Examinator zu fürchten. Zu niedrig habt ihr gegriffen, viel zu
niedrig.«
Er nahm einen Schreiber mit, um den Lokalaugenschein im Daumerschen Haus
nochmals selbst vorzunehmen. Der Magistratsrat Behold begleitete ihn und
ward ihm durch mannigfaches Reden lästig; unter anderm äußerte Behold,
er habe gehört, Professor Daumer wolle Caspar nicht länger behalten, und
machte sich erbötig, dem Jüngling in seinem Haus Obdach zu gewähren.
Feuerbach hielt dies für leeres Geschwätz und entledigte sich des
Mannes, indem er ihn mit einem Auftrag zu Herrn von Tucher schickte.
Aber als er dann mit Daumer sprach, erregte dessen Zerfahrenheit sein
Befremden. Um ihn nicht noch mehr zu verwirren, legte Feuerbach das
Verhör mit ihm so an, daß es mehr einer freundschaftlichen Unterhaltung
glich. Daumer erinnerte sich der geheimnisvollen Begegnung, die Caspar
vor der Egydienkirche gehabt hatte, und rückte damit heraus.
»Und davon erfährt man jetzt erst?« brauste der Präsident auf. »Und
hatte die Sache keine unmittelbaren Folgen? Haben Sie nachher nichts
Verdächtiges beobachtet?«
»Nein,« stotterte Daumer, in Furcht gesetzt durch den stählern
durchdringenden Blick des Präsidenten. »Das heißt, eines fällt mir noch
ein: ich traf am selben Abend bei Frau Behold einen Herrn, der sich mir
gegenüber in ganz seltsamen Andeutungen oder Warnungen gefiel, wie man
es auffassen soll, weiß ich nicht.«
»Was war der Mann? Wie hieß er?«
»Man sagte, es sei ein zugereister Diplomat, des Namens entsinne ich
mich nicht. Oder doch, jawohl: Herr von Schlotheim-Lavancourt; er soll
sich aber unter falschem Namen hier aufgehalten haben.«
»Wie sah er aus?«
»Dick, groß, ein wenig pockennarbig, ein hoher Fünfziger.«
»Schildern Sie mir das Gespräch mit ihm.«
Daumer gab, so gut er es vermochte, den Inhalt der Unterredung.
Feuerbach versank in langes Nachdenken, dann schrieb er einige Notizen
in sein Taschenbuch. »Lassen Sie uns zu Caspar gehen,« sagte er, sich
erhebend.
Caspars Stirn war noch verbunden; das Gesicht war beinahe so weiß wie
das Tuch; auch das Lächeln, womit er den Präsidenten empfing, war
gleichsam weiß. Er hatte bereits drei oder vier Verhöre überstanden;
schon beim ersten hatte er alles Erzählenswerte erzählt; das hielt den
guten Amtsschimmel nicht ab, immer wieder von neuem anzutraben, man
fragte die Kreuz und Quer, um das Opfer auf einem Widerspruch zu
erwischen; mit Widersprüchen kann man arbeiten, wenn einer jedesmal
dasselbe sagt, wird die Geschichte aussichtslos. Der Präsident unterließ
das Fragen; er fand einen veränderten Menschen in Caspar; es war etwas
Beklommenes an ihm, sein Blick war weniger frei, nicht mehr so
tiefstrahlend und seltsam ahnungslos, näher an die Dinge gekettet.
Während die Frauen sich über Caspars Befinden befriedigt äußerten, kam
auch der Arzt und bestätigte gern, daß von irgendwelcher Gefahr keine
Rede mehr sein könne. In einem Ton, der mehr Befehl als Wunsch enthielt,
sagte der Präsident, er hoffe, daß in diesen Tagen fremde Besucher ohne
Ausnahme abgewiesen würden. Daumer erwiderte, das verstehe sich von
selbst, erst diesen Morgen habe er einem betreßten Lakaien abschlägigen
Bescheid geben lassen.
»Es war der Diener eines vornehmen Engländers, der im Gasthof zum Adler
wohnt,« fügte Frau Daumer hinzu; »er war übrigens nach einer Stunde noch
einmal da, um sich ausführlich zu erkundigen, wie es Caspar ginge.«
Es klopfte an die Tür, Herr von Tucher trat ein, begrüßte den
Präsidenten und machte nach kurzer Weile eine überraschende Mitteilung:
derselbe Engländer, ein anscheinend sehr reicher Graf oder Lord, habe
dem Bürgermeister einen Besuch abgestattet und ihm hundert Dukaten
überreicht als Belohnung für denjenigen, dem es gelingen würde, den
Urheber des an Caspar verübten Überfalls zu entdecken.
Ein erstauntes Schweigen entstand, welches der Präsident mit der Frage
unterbrach, ob man wisse, weshalb sich der Fremde in der Stadt aufhalte.
Herr von Tucher verneinte. »Man weiß nur, daß er vorgestern abends
angekommen ist,« antwortete er; »ein Rad seines Wagens soll in der Nähe
von Burgfarrnbach gebrochen sein, und er wartet hier, bis der Schaden
ausgebessert ist.« Der Präsident zog die Brauen zusammen, Argwohn
umdüsterte seinen Blick; so wird der Jagdhund stutzig, wenn sich abseits
von verwirrenden Fährten eine neue Spur zeigt. »Wie nennt sich der
Mann?« fragte er scheinbar gleichgültig.
»Der Name ist mir entfallen,« entgegnete Baron Tucher, »doch soll es in
der Tat ein hoher Herr sein, Bürgermeister Binder preist seine
Leutseligkeit in allen Tönen.«
»Hohe Herren gelten schon für leutselig, wenn sie einem auf den Fuß
treten und sich nachher freundlich entschuldigen,« ließ sich Anna, die
an Caspars Bett saß, naseweis vernehmen. Daumer warf ihr einen
strafenden Blick zu, doch der Präsident brach in eine schmetternde Lache
aus, die auf alle ansteckend wirkte; noch minutenlang kicherte er vor
sich hin und zwinkerte vergnügt mit den Augen.
Bloß Caspar nahm an dem heiteren Zwischenspiel keinen Teil, sein Blick
war nachdenklich ins Freie gerichtet, er wünschte jenen Mann zu sehen,
der aus weiter Ferne kam und so viel Geld hergab, damit der gefunden
werde, der ihn geschlagen. Aus weiter Ferne! Das war es; nur aus weiter
Ferne konnte kommen, wonach Caspar Verlangen trug, vom Meere her, von
unbekannten Ländern her. Auch der Präsident kam aus der Ferne, aber doch
nicht von so weit, daß seine Stirn gefärbt war von fremdem Schein, daß
ein süßer Wind an seinen Kleidern hing oder daß seine Augen wie die
Sterne waren, ohne Vorwurf, ohne das ewige Fragen. Der aus der Ferne
kam, im silbernen Kleid vielleicht und mit vielen Rossen, der brauchte
nicht zu fragen, er wußte alles von selbst, die andern aber, alle die
Nahen, die immer da waren, immer hereingingen und immer wieder fort, sie
sahen niemals aus, als ob sie von schäumenden Rossen gestiegen wären,
ihr Atem war dumpf wie Kellerluft, ihre Hand müde wie keines Reiters
Hand; ihr Antlitz war vermummt, nicht schwarz vermummt wie das Gesicht
dessen, der ihn geschlagen und der ihm so nah gewesen wie keiner sonst,
sondern undeutlich vermummt; darum redeten sie mit unreiner Stimme und
in verstellten Tönen, und darum war es auch, daß Caspar sich jetzt
verstellen mußte und nicht mehr imstande war, ihnen fest ins Auge zu
sehen und alles zu sagen, was er hätte sagen können. Er fand es
heimlicher und trauriger zu schweigen als zu reden, besonders wenn sie
darauf warteten, daß er reden solle; ja, er liebte es, ein wenig traurig
zu sein, viele Träume und Gedanken zu verbergen und sie zu dem Glauben
zu bringen, daß sie ihm doch nicht nahkommen könnten.
Daumer war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und zu bedrückt von der
bevorstehenden Ausführung eines unabänderlichen Entschlusses, um darauf
zu achten, ob Caspar ihm noch in derselben kindlich offenen Weise
entgegenkomme wie sonst. Erst Herr von Tucher war es, der auf gewisse
Sonderbarkeiten in Caspars Betragen hinwies, und er ließ auch gegen den
Präsidenten einige Andeutungen darüber fallen, als sie zusammen aus dem
Daumerschen Haus gingen. Der Präsident zuckte die Achseln und schwieg.
Er bat den Baron, ihn nach dem Gasthof zum Adler zu begleiten; dort
erkundigten sie sich, ob der englische Herr zu Hause sei, erfuhren
jedoch, daß Seine Herrlichkeit Lord Stanhope, so drückte sich der
Kellner aus, vor einer knappen Stunde abgereist war. Der Präsident war
unangenehm überrascht und fragte, ob man wisse, welche Richtung der
Wagen genommen habe; das wisse man nicht genau, ward geantwortet, doch
da er das Jakobstor passiert, sei zu vermuten, daß er die Richtung nach
Süden, etwa nach München, eingeschlagen habe.
»Zu spät, überall zu spät,« murmelte der Präsident. »Ich hätte gern
gewußt,« wandte er sich an Herrn von Tucher, »was Seine Herrlichkeit
bewogen hat, so viel Dukaten aufs Rathaus zu tragen.« Das Gesicht
Feuerbachs war dermaßen zerarbeitet von Gedanken und Sorgen, von der
Anstrengung einer beständigen Wachsamkeit wie von der Glut eines
zehrenden Temperaments, daß es dem eines Kranken oder eines Besessenen
glich.
Und so war es seit Monaten. Die ihm unterstellten Beamten fürchteten
seine Gegenwart; die geringste Pflichtverletzung, ja, der geringste
Widerspruch brachte ihn zur Raserei, und waren die Ausbrüche seines
Zornes schon von jeher furchtbar gewesen, so zitterten sie jetzt um so
mehr davor, als der unbedeutendste Anlaß einen solchen Sturm
heraufbeschwören konnte. Dann gellte seine Stimme durch die Hallen und
Korridore des Appellgerichts, die Bauern auf dem Markt unten blieben
stehen und sagten bedauernd: »Die Exzellenz hat das Grimmen,« und vom
Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann saß alles blaß und artig
auf den Stühlen.
Vielleicht hätten sie williger dies Joch getragen, wenn sie gewußt
hätten, welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward, wie sehr
er, besiegt durch sein eignes Wüten, Scham und Reue litt, so daß er
bisweilen, wie um durch irgendeine Handlung sich loszukaufen, dem
erstbesten Bettler auf der Gasse eine Silbermünze hinwarf. Sie ahnten
freilich nicht, daß die trüben Nebel dieser Laune ein bewegtes
Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und daß hier ein Genius am Werk
war, um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein Wunderwerk
der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hölle von
Verworfenheit und Missetat zu durchdringen.
Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen, aus den dunkeln Fäden, die das
Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden, ein
Gewebe zu knüpfen, auf welchem jählings wie in Brandlettern flammte, was
durch die Fügung der Umstände und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt
war.
Voll Schrecken stand er vor seiner Schöpfung, denn der Boden seiner
Existenz wankte unter ihm. Es gab für ihn keinen Zweifel mehr. Aber
durfte er es wagen, mit der fürchterlichen Wahrheit auf den Plan zu
treten und die Rücksicht hintanzusetzen, die ihm durch sein Amt und das
Vertrauen seines Königs auferlegt war? Schien es nicht besser, das
Geschäft des Spions in Heimlichkeit weiter zu betreiben, um den
ränkevollen Gewalten, tückisch wie sie selbst, erst bei gelegener Stunde
in den Rücken zu fallen? Es war nichts zu gewinnen, nicht einmal Dank,
aber alles war zu verlieren.
O Qual, dachte er oft in schlaflosen Nächten, sonderbare Qual, dem
rechtlosen Treiben als bestellter Wächter und mit untätiger Hand zusehen
zu müssen, groß und kleine Sünde am ungenügenden Gesetz zu messen, die
Feder auf den Buchstaben zu spießen, indes das Leben seine Bahn läuft
und Form auf Form gebiert, zerstört, niemals Herr der Taten zu sein,
immer Spürhund der Täter und nie zu wissen, was zu verhüten sei, was zu
befördern!
Er wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht einen Weg zwischen
Öffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden hätte, der seiner
Selbstachtung Genüge tat. Er richtete ein ausführliches Memorial an den
König, worin er mit bedächtiger Gliederung aller Merkmale den Fall
darlegte, frei und kühn vom Anfang bis zum Ende; ein Hammerschlag jeder
Satz.
Das Schriftstück begann mit der Auseinandersetzung, daß Caspar Hauser
kein uneheliches, sondern ein eheliches Kind sein müsse.
Wäre er ein uneheliches Kind, hieß es, so wären leichtere, weniger
grausame und weniger gefährliche Mittel angewendet worden, um seine
Abstammung zu verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang
fortgesetzten Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer
eines der Eltern war, desto müheloser konnte das Kind entfernt werden,
und noch weniger Ursache zu so bedeutenden und verräterischen Anstalten
hätten Leute geringen Standes und geringen Vermögens gehabt; das Brot
und Wasser, welches Caspar im verborgenen verzehren mußte, hätte man ihm
auch vor aller Welt reichen dürfen. Denkt man sich Caspar als
uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer Eltern, in
keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck. Und wer übernimmt
grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei die
angstvolle Plage hat, es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und
wieder verüben zu müssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der
unerbittliche Ankläger fort, daß sehr mächtige und sehr reiche Personen
an dem Verbrechen beteiligt sind, welche über gemeine Hindernisse
unschwer hinwegschreiten, welche durch Furcht, außerordentliche Vorteile
und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung setzen, Zungen
fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund legen können.
Ließe es sich sonst erklären, daß die Aussetzung Caspars in einer Stadt
wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden
konnte; daß durch alle seit vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer
betriebenen Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand
entdeckt werden konnte, der auf einen bestimmten Ort oder einen
bestimmten Menschen führte, daß selbst hohe Belohnungen keine einzige
befriedigende Anzeige veranlaßten?
Deshalb muß Caspar eine Person sein, mit deren Leben oder Tod
weittragende Interessen verkettet sind, folgerte Feuerbach. Nicht Rache
und nicht Haß konnten Motive zur Einkerkerung gewesen sein, sondern er
wurde beseitigt, um andern Vorteile zuzuwenden und zu sichern, die ihm
allein gebührten. Er mußte verschwinden, damit andre ihn beerben, damit
andre sich in der Erbschaft behaupten konnten. Er muß von hoher Geburt
sein, dafür sprechen merkwürdige Träume, die er gehabt und die sonst
nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen aus früher Jugend, dafür
sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und die daraus sich
ergebenden Schlüsse; er wurde freilich im Kerker gehalten und spärlich
ernährt, aber man hat Beispiele von Menschen, die nicht in böswilliger,
sondern in wohltätiger Absicht eingekerkert wurden, nicht um sie zu
verderben, sondern um sie gegen diejenigen zu schützen, die ihnen nach
dem Leben getrachtet. Vielleicht auch, daß durch sein bloßes Dasein ein
Druck ausgeübt werden sollte auf jemand, der mit zauderndem Gewissen an
der Unternehmung teilgehabt und doch nicht wagen durfte, Einspruch zu
erheben. Es wurde Sorgfalt und Milde an Caspar geübt; warum? Warum hat
ihn der Geheimnisvolle nicht getötet? Warum nicht einen Tropfen Opium
mehr in das Wasser getan, das ihn bisweilen betäuben sollte? Das Verließ
für den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres für den Toten.
Wenn nun in irgendeiner hohen, oder nur vornehmen, oder nur angesehenen
Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wäre, ohne daß man über
dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung
brachte, so müßte doch längst öffentlich bekannt sein, in welcher
Familie dies Unglück vorgefallen. Da aber seit Jahren und unerachtet
Caspars Schicksal ein weitbesprochenes Ereignis geworden, nicht das
mindeste davon verlautet hat, so ist Caspar unter den Gestorbenen zu
suchen. Das will heißen: ein Kind wurde für tot ausgegeben und wird noch
jetzt dafür gehalten, welches in Wirklichkeit am Leben ist, und zwar in
der Person Caspars; das will heißen, ein Kind, in dessen Person der
nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen sollte,
wurde beiseitegeschafft, um nie wieder zu erscheinen; es wurde diesem
Kind, das vielleicht gerade krank gelegen, ein andres, totes oder
sterbendes Kind unterschoben, dieses als tot ausgestellt und begraben
und so Caspar in die Totenliste gebracht. War der Arzt im Spiel, hatte
er Befehl, das Kind zu morden, fand er jedoch in seinem Herzen oder in
seiner Klugheit Gründe, den Auftrag scheinbar zu vollziehen und das Kind
zu retten, so konnte der fromme Betrug leichterdings vollzogen werden.
Hier handelte jeder auf höhere Weisung, aber wo war der gebietende Mund?
Wo der mächtige Geist, der ein solches Gewicht von Verantwortung für
ewige Zeiten zu tragen unternahm? Wo das Haus, in welchem das Unerhörte
geschah?
An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten, --
tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit
dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens
sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem
Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten,
hieß das nicht, die Majestät auch des eignen Königs beleidigen,
geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten, die unmündigen Völker zum
Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt
des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt.
Er nannte das Haus mit Namen. Er wies nach, daß das alte Geschlecht
jählings, in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im
Mannesstamm erloschen sei, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen
Nebenzweig Platz zu machen. Nicht etwa in einer kinderlosen, sondern in
einer mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben
ereignet, und nur die Söhne starben, die Töchter aber lebten weiter. So
wurde die Mutter zur wahrhaften Niobe, doch traf Apollos tötendes
Geschoß ohne Unterschied Söhne und Töchter, hier aber ging der Würgengel
an den Töchtern vorüber und erschlug die Söhne. Und nicht bloß
auffallend, sondern einem Wunder ähnlich, daß der Würgengel schon an der
Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der Reihe
blühender Schwestern. Wie wäre es erklärbar, fragte Feuerbach, daß eine
Mutter demselben Vater drei gesunde Töchter gebiert und als Söhne lauter
Sterblinge? Darin ist kein Zufall, behauptete er furchtlos, sondern
System, oder man muß glauben, die Vorsehung selbst habe einmal in den
gewöhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Außerordentliches getan, um
einen politischen Streich auszuführen. Nicht lange nach dem Erscheinen
Caspars hat sich in Nürnberg das Gerücht verbreitet, Caspar sei ein für
tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts, und immer wieder redeten die
dunkeln Stimmen, sogar von einer angeblichen Geistererscheinung wurde,
wie öffentliche Blätter erzählten, die Behauptung gewagt, daß die
gegenwärtigen Regenten den Thron durch Usurpation besäßen und daß noch
ein echter Prinz am Leben sei. Gerüchte sind freilich nur Gerüchte; aber
sie fließen oft aus guten Quellen; sie haben, wo es geheime Verbrechen
gibt, häufig ihre Entstehung darin, daß ein Mitschuldiger geplaudert,
oder mit seinem Vertrauen zu freigebig gewesen, oder eine
Unvorsichtigkeit begangen, oder sein Gewissen erleichtern wollte, oder
seine getäuschten Hoffnungen zu rächen sich vorgesetzt, oder im stillen
die Entdeckung der Wahrheit herbeizuführen gesucht, ohne die Rolle des
Verräters spielen zu müssen.
Der Präsident nannte nicht bloß die Dynastie mit Namen und das Land, das
ihr erbeigen war, er nannte auch den Fürsten, dessen plötzlicher Tod vor
mehr als einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte, er nannte die Fürstin,
die, von hocherlauchter Abkunft, in selbsterwählter Einsamkeit ein
unfaßbares Geschick betrauerte; er nannte diejenigen, die so über
Leichen hinweg zum Thron geschritten, und neben dem Bild eines
schwachen, doch ehrgeizigen Mannes tauchte die Gestalt eines Weibes auf,
voll von dämonischem Wesen, der regierende Wille über dem grausen
Geschehen.
Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen
Hinweisen des Präsidenten. Denn er kannte die höfische Welt, in der
Tücke und Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerüchen gebettet sind und wo
die Niedertracht ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betäubt; er hatte
ihre Luft geatmet, er hatte von ihren Tischen gespeist, von ihrem Gift
genossen, den besten Teil seines Lebens und seiner Kräfte in ihrem
Dienst vergeudet und war für die reinste Hingebung mit Schmach und
Verfolgung belohnt worden; er kannte ihre Kreaturen und Helfershelfer,
er kannte sie, denen die Geschichte nichts bedeutet als eine
Stammbaumchronik, Religion eine Priesterlitanei, Philosophie einen
fluchwürdigen Jakobinismus, Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und
Protokollen, der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe,
Menschenrechte ein Pfänderspiel, der Monarch ein Schild ihrer eignen
Größe, das Vaterland ein Pachtgut und Freiheit das sträfliche Vermessen
aberwitziger Toren. Die unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen
Worten hervor, erlittene Zurücksetzung und ein verfinsterter Geist. Er
wollte seiner selbst nicht gedenken, doch die Worte entschleierten
seinen Gram, wenn auch nicht für das Auge des Königs, der nur zu lesen
brauchte, was geschrieben stand.
Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt, damit
sie in keine andern Hände als in die des Regenten gerate, und der
Präsident wartete von Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung, auf
einen Bescheid, auf irgendein Zeichen. Da kam die Kunde von dem
Mordanfall auf Caspar. Feuerbach reiste nach Nürnberg; seine eignen
Maßnahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei. Am zehnten Tag
seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der königlichen
Privatkanzlei, worin mit gebührendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz
genommen und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns
in der Entwirrung verwickelter Verhältnisse gedacht war, das aber in
allen wesentlichen Punkten eine spröde Zurückhaltung zeigte; man werde
prüfen; man werde überlegen; man müsse abwarten; gewichtige Rücksichten
seien zu beachten; leicht erklärliche Beziehungen legten unbequeme
Pflichten auf; die Natur des Unglaublichen selbst veranlasse eher zur
Verwunderung, zur Bestürzung als zu unbesonnenem Eingreifen; doch
verspreche man, ja man verspreche; vor allem werde Schweigen empfohlen,
unbedingtes Schweigen; bei Verlust aller Gnade dürfe keine derartige
Kunde als authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach
außen dringen: man erwarte über den Punkt Verständigung und
Unterwerfung.
Die Wirkung dieses geheimen Erlasses, mit welchem man ihm zugleich
schmeichelte und drohte, der einer freundlich dargereichten Hand glich,
worin der geschliffene Dolch blitzte, war um so heftiger, als der Inhalt
längst geahnt und gefürchtet war. Feuerbach schäumte. Er zertrat das
Sendschreiben mit den Füßen; er rannte mit keuchender Brust, die Fäuste
gegen die Schläfen gedrückt, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab, dann
stürzte er aufs Bett, das Sausen seiner Pulse beängstigte ihn und er
erlöste sich schließlich in einem lauten, langen Gelächter voll Wut und
Zorn.
Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das
einzige Wort: Schweigen, Schweigen, Schweigen.
An demselben Nachmittag war der Bürgermeister Binder mehrmals im Gasthof
gewesen und hatte den Präsidenten zu sprechen gewünscht. Der Kellner war
stets mit dem Bescheid zurückgekommen, sein Pochen sei vergeblich, der
Herr Staatsrat scheine zu schlafen oder wünsche nicht gestört zu werden.
Gegen Abend kam Binder wieder und wurde endlich vorgelassen. Er fand den
Präsidenten in ein Aktenheft vertieft, und seine Entschuldigung wurde
mit der verletzend kurzen Bitte erwidert, er möge zur Sache kommen.
Der Bürgermeister trat betroffen einen Schritt zurück und sagte stolz,
er wisse nicht, wodurch er sich das Mißfallen Seiner Exzellenz zugezogen
haben könne, doch wie dem auch sei, er müsse eine derartige Behandlung
zurückweisen. Da erhob sich Feuerbach und entgegnete: »Ums Himmels
willen, Mann, lassen Sie das! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort, hat
einigen Grund, wenn er die Regeln der Höflichkeit vergißt!«
Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert. Dann erklärte er den
Zweck seines Besuchs. Daß Daumer die Absicht habe, Caspar aus seinem
Haus zu entfernen, sei dem Präsidenten wahrscheinlich bekannt. Da nun
der Jüngling soweit hergestellt sei, habe sich Daumer entschlossen,
damit nicht hinzuwarten, sondern ihn baldmöglichst zu den Beholdischen
zu bringen, die Caspar mit Freuden aufnehmen wollten. Alles dies sei
genügend besprochen und man wünsche nur, den Präsidenten zu
unterrichten, und bitte um seine Gutheißung.
»Ja, ich weiß, daß Daumer die Geschichte satt hat,« antwortete Feuerbach
verdrießlich. »Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Niemand hat Lust,
sein Haus zu einer umlauerten Mordstätte werden zu lassen, obwohl
dagegen Maßregeln ergriffen werden können, werden müssen. Von heute ab
soll Caspar unter genauer polizeilicher Überwachung stehen; die Stadt
haftet mir für ihn. Doch warum hat Daumer solche Eile? Und warum gibt
man Caspar in die Familie Behold, warum nicht zu Herrn von Tucher oder
zu Ihnen?«
»Herr von Tucher ist während der nächsten Monate berufshalber gezwungen,
seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen, und ich --« der Bürgermeister
zögerte, und sein Gesicht wurde vorübergehend bleich, -- »was mich
betrifft, mein Haus ist kein Ort des Friedens.«
Rasch schaute der Präsident empor; sodann ging er hin und reichte Binder
stumm die Rechte. »Und was ist es mit diesen Beholds? Was sind es für
Leute?« fragte er ablenkend.
»O, es sind gute Leute,« versetzte der Bürgermeister etwas unsicher.
»Der Mann jedenfalls; ist ein geachteter Kaufherr. Die Frau ... darüber
sind die Meinungen geteilt. Sie gibt viel auf Putz und dergleichen,
verschwendet viel Geld. Böses kann man ihr nicht nachsagen. Da es für
Caspar, wie wir ja verabredet, von Vorteil ist, wenn er jetzt die
öffentliche Schule besucht, genügt schließlich die bloße Beaufsichtigung
in einem Kreis anständiger Menschen.«
»Haben die Leute Kinder?«
»Ein dreizehnjähriges Mädchen.« Der Bürgermeister, dem es wie aller Welt
wohlbekannt war, daß Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte,
wollte noch etwas hinzufügen, um sein Gewissen zu beruhigen, doch da
wurden Daumer und der Magistratsrat Behold gemeldet. Der Präsident ließ
bitten. Alsbald zeigte sich das freundlich-grinsende Gesicht des Rats;
der feierliche schwarze Kinnbart stand in einem komischen Gegensatz zu
dem schon ergrauten Kopfhaar, das in feuchten Strähnen pomadeduftend
über die Stirn hing.
Unter beständigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu, der ihn nur
eines flüchtigen Grußes würdigte und sich sogleich an Daumer wandte.
Dieser wagte kaum dem forschenden Auge des Präsidenten zu begegnen, und
die Frage, ob man Caspar die innere und äußere Anstrengung eines so
durchgreifenden Wechsels schon zumuten dürfe, beantwortete er durch
verlegenes Schweigen. Als sich Herr Behold ins Gespräch mischte und
versicherte, Caspar solle in seinem Haus wie ein leiblicher Sohn
betrachtet werden, unterbrach ihn der Bürgermeister mit den fast
widerwillig hervorgepreßten Worten, darauf halte er nichts, wie man an
Caspar selbst sehe, gebe es ja Eltern, die ihre leiblichen Kinder
verkümmern ließen. Der Rat machte ein verlegenes Gesicht, rieb seine
ausgemergelten Finger an der Stuhlkante und stotterte, er könne nichts
weiter sagen, was an ihm läge, wolle er tun.
Der Präsident, stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden, sah
die beiden Männer abwechselnd an. Darauf trat er dicht vor Daumer hin,
legte die Hand auf dessen Schulter und fragte ernst: »Muß es denn sein?«
Daumer seufzte und entgegnete bewegt: »Exzellenz, wie hart mein
Entschluß mich ankommt, das weiß nur Gott.«
»Gott mag es wissen,« versetzte der Präsident grollend, und seine
untersetzte feiste Gestalt schien plötzlich drohend zu wachsen, »aber
wird er es darum schon billigen? Wenn man Stein und Stahl
zusammenschlägt, gibt es Funken; wehe aber, wenn bloß Schmutz und Krümel
vom Stein fliegen. Da ist keine Dauer und keine Tüchtigkeit der Natur.«
Er kanzelt mich schon wieder ab, dachte Daumer, und die Röte des
Unwillens stieg ihm ins Gesicht. »Ich habe getan, was in meinen Kräften
stand,« sagte er hastig und mit Trotz. »Ich verschließe Caspar nicht
mein Haus. Und mein Herz schon ganz und gar nicht. Aber erstens kann ich
keine Gewähr für seine Sicherheit mehr leisten, und ich glaube, niemand
kann es. Wie ist es möglich, Säemann zu sein auf einem Acker, unter dem
ein verderbliches Feuer gloset und jeden Samen verbrennt? Und dann, was
mehr ist, ich bin enttäuscht, ich gestehe es, ich bin enttäuscht. Nie
will ich vergessen, was mir Caspar gewesen ist, wer könnte ihn auch
vergessen! Aber das Wunder ist vorüber, die Zeit hat es aufgefressen.«
»Vorüber, ja vorüber,« murmelte Feuerbach düster, »das Wort mußte
fallen. Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht. Die Söhne werden
verstoßen, wenn sie unsrer Liebe ein Übermaß abnötigen. Aber der Bettler
kriegt seine Bettelsuppe. Meine geschätzten Herren,« fuhr er laut und
förmlich fort, »tun Sie, wie Ihnen beliebt; in jedem Fall, dessen seien
Sie eingedenk, bleiben Sie mir für das Wohl Caspars verantwortlich.«
Als Daumer auf der Straße war, ärgerte er sich noch immer über den Ton
und die Worte des Präsidenten. Doch zugleich konnte er sich seine
Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen. In einer der verödeten Straßen
nahe der Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig. Daumer war froh,
eine Ansprache zu haben, und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne.
Von Anfang an lenkte der Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar, und
Daumer bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, daß die Gesprächigkeit
des Rittmeisters einen hohnvollen Beigeschmack hatte.
»Eine geheimnisvolle Sache, das mit dem Vermummten,« meinte Herr von
Wessenig, plötzlich deutlicher werdend. »Sollte es Leute geben, die
daran ernstlich glauben? Am hellichten Tag dringt ein Kerl, ein Kerl mit
Handschuhen, bitte, dringt in ein bewohntes Haus, hängt sich einen
Schleier übers Gesicht und zieht ein Beil aus der Tasche? Oder sollte er
das Beil vorher offen über die Straße getragen haben? Mit Handschuhen,
wie? Beim heiligen Tommasius, das ist eine gewaltige Räuberhistorie!«
Da Daumer nichts antwortete, fuhr der Rittmeister eifrig fort: »Nehmen
wir einmal an, der famose Vermummte hat die Absicht gehabt, den
Burschen zu töten. Warum dann die unbedeutende Wunde? Er brauchte ja nur
ein bißchen kräftiger zuzuschlagen und alles war aus, der Mund, der ihn
verraten mußte, war stumm. Man muß rein glauben, der behandschuhte
Mörder hat sein Opfer einstweilen nur ein bißchen kitzeln wollen.
Wahrhaftig, eine kitzlige Geschichte. Alle meine Bekannten, #parole
d'honneur#, lieber Professor, sind empört über die Leichtgläubigkeit,
die sich von so albernem Spuk zum besten halten läßt.«
Daumer hielt es für unter seiner Würde, Zorn oder Entrüstung zu zeigen.
Er stellte sich, als hätte er nicht übel Lust, dem Rittmeister
beizustimmen, und fragte gelehrig, wie man sich aber den ganzen Vorgang
zu denken habe. Herr von Wessenig zuckte vielsagend die Achseln; er
mochte heftiges Aufbrausen und scharfe Zurechtweisung erwartet haben,
und weil dies nicht eintraf, legte er sein verhalten-feindseliges Wesen
ab, war jedoch vorsichtig genug, sich nur in allgemeinen Vermutungen zu
äußern. »Vielleicht ist der gute Hauser betrunken gewesen und auf der
Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt, um sich
interessant zu machen. Das wäre ja noch harmlos. Andre sehen bei weitem
schwärzer; man traut dem Halunken schon zu, daß er seine Wohltäter durch
einen feingefädelten Streich hinters Licht geführt hat.«
Jetzt vermochte Daumer nicht mehr an sich zu halten. Er blieb stehen,
wehrte mit beiden Händen ab, als drängen die Reden seines Begleiters wie
giftige Fliegen auf ihn ein, und stürzte ohne Wort noch Gruß davon.
Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen, dachte er bestürzt; das
zu denken, ist möglich, es auszusprechen, steht jedem Mund frei! Und
dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer
Caspar! Wenn du auch nicht der Himmelszeuge bist, den ich wähnte, über
ihnen schwebst du doch wie der Adler über Koboldsgezücht. Freilich, sie
werden dir die Flügel brechen; vergebens wird die Schuldlosigkeit aus
deinem Innern strahlen, sie werden es nicht sehen; vergebens wirst du
vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand fassen und
vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein,
angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen und Verrat führt dich auf
den verderblichsten von allen ...
Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt; man kennt die Menschen,
man weiß, daß das Feuer brennt, daß die Nadel sticht, und daß der Hase,
wenn er angeschossen wird, ins Gras fällt und stirbt; man kennt die
Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa
ein Grund, den Geschehnissen, wie einem Feind, der das Schwert erhoben
hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein
Grund. Oder ist es nur Grund, ein kleines Entschlüßchen rückgängig zu
machen? Nein, es ist kein Grund. Darin haben die Idealisten und
Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern.
Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich
schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als
am gestrigen, reichlich verstimmten Abend.