Religion, Homöopathie, Besuch von allen Seiten

So war es Dezember geworden und eines Morgens fiel der erste Schnee des

verspäteten Winters.

Caspar wurde nicht müde, dem lautlosen Herabgleiten der Flocken

zuzuschauen; er hielt sie für kleine beflügelte Tierchen, bis er die

Hand zum Fenster hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen.

Garten und Straße, Dächer und Simse glitzerten, und durch das

Flockengewühl kroch lichter Nebeldampf wie Hauch aus einem atmenden

Mund.

»Was sagst du dazu, Caspar?« rief Frau Daumer. »Erinnerst du dich, daß

du mir nicht glauben wolltest, als ich dir einmal vom Winter erzählte?

Siehst du, wie alles weiß ist?«

Caspar nickte, ohne einen Blick von draußen zu wenden. »Weiß ist alt,«

murmelte er, »weiß ist alt und kalt.«

»Um elf Uhr hast du Reitstunde, Caspar, vergiß es nicht,« mahnte Daumer,

der in seine Schule ging.

Eine überflüssige Sorge; das vergaß Caspar nicht, allzulieb war ihm

schon das Reiten geworden seit der kurzen Zeit, wo er damit begonnen.

Er liebte Pferde, war ihm doch ihre Gestalt gar sehr vertraut. Es kam

vor, daß abendliche Schatten als schwarze Rosse vorüberstürmten, erst

am feurigen Rand des Himmels Halt machten und ihn mit zurückschauendem

Blick aufforderten, sie in die unbekannte Ferne zu geleiten. Auch im

Wind sausten Rosse, auch die Wolken waren Rosse, in den Rhythmen der

Musik hörte er das taktbemessene Traben ihrer Hufe, und wenn er in

glücklicher Stimmung an etwas Edles und Vollkommenes dachte, sah er

zuerst das Bild eines stolzen Rosses.

Beim Reitunterricht hatte er von Anfang an eine Gewandtheit gezeigt, die

das größte Erstaunen des Stallmeisters erregt hatte. »Wie der Bursche

sitzt, wie er den Zügel hält, wie er das Tier versteht, das muß man sich

anschauen,« sagte Herr von Rumpler; »ich will hundert Jahre in der Hölle

braten, wenn das mit rechten Dingen zugeht.« Und alle, die etwas von der

Sache verstanden, redeten ähnlich.

Ei, wie selig war Caspar beim Trab und Galopp! Dies Ziehen und Fliehen,

dies leichte Getragensein, hinaus und vorwärts, dies sanfte Auf und Ab,

das Lebendigsein auf Lebendigem!

Wenn nur nicht die Leute so lästig gewesen wären. Beim ersten Ausritt

mit dem Stallmeister wurden sie von einem ganzen Pöbelhaufen verfolgt

und selbst gesetzte Bürger blieben stehen und lachten erbittert vor sich

hin. »Der versteht's,« höhnten sie, »der hat sich ein Bett gemacht, so

muß man's anfangen, damit einem warm wird.«

Auch heute war solch ein unbequemes Aufsehen. Der Himmel hatte sich

geklärt und die Sonne schien, als sie durch die Engelhardtsgasse ritten.

Eine Rotte von Knaben zog hinter ihnen drein und rechts und links

wurden die Fenster aufgerissen. Der Stallmeister gab seinem Tier die

Sporen und trieb Caspars Pferd mit der Peitsche an. »Man kommt sich ja,

parbleu, wie ein Zirkusreiter vor,« rief er zornig.

Sie sprengten bis zum Jakobstor. »He! Holla!« rief da eine Stimme, und

aus einer Seitengasse kam, ebenfalls zu Pferde, Herr von Wessenig auf

sie zu. Rumpler begrüßte den Offizier und der Rittmeister gesellte sich

an Caspars Seite.

»Prächtig, lieber Hauser, prächtig!« rief er mit übertriebener

Verwunderung, »wir reiten ja wie ein Indianerhäuptling. Und das alles

hat man erst bei den braven Nürnbergern gelernt? Nicht zu glauben.«

Caspar hörte nicht den verfänglichen Unterton der Rede; er blickte den

Rittmeister dankbar und geschmeichelt an.

»Aber denk dir, Hauser, was ich heute bekommen habe,« fuhr der

Rittmeister fort, den es juckte, mit Caspar einen Spaß zu haben. »Ich

hab' etwas bekommen, was dich höchlichst angeht.«

Caspar machte ein fragendes Gesicht. Vielleicht war es der edel-ruhige

Ausdruck seiner Züge, der den Rittmeister zögern ließ. »Ja, ich hab'

etwas bekommen,« wiederholte er dann eigensinnig, »ein Brieflein hab'

ich bekommen.« Er hatte den einfältigen Ton, den die Erwachsenen

annehmen, wenn sie mit Kindern scherzen, und der lauernde Blick in

seinen Augen besagte etwa: wollen mal sehen, ob er Angst kriegt.

»Ein Brieflein?« entgegnete Caspar, »was steht denn drinnen?«

»Ja,« rief der Rittmeister und lachte knallend, »das möchtest du wohl

wissen? Wichtige Sachen stehen drin, wichtige Sachen!«

»Von wem ist es denn?« fragte Caspar, dem das Herz erwartungsvoll zu

pochen anfing.

Herr von Wessenig zeigte seine Zähne und stellte sich vor Vergnügen in

die Steigbügel. »Nun rate mal,« sagte er, »wir wollen mal sehen, ob du

raten kannst. Von wem kann das Brieflein sein?« Er zwinkerte Herrn von

Rumpler verständnisinnig zu, indes Caspar den Kopf senkte.

Es quoll auf einmal Traumluft um Caspars Sinne und eine Hoffnung

liebkoste ihn, die den kargen Tag verleugnete. Aus ihren Schleiern erhob

sich die kummervolle Traumfrau und schwebte still vor den drei Rossen

dahin. Jäh blickte er empor und sagte mit zögernden Lippen: »Ist

vielleicht von meiner Mutter der Brief?«

Der Rittmeister runzelte ein wenig die Stirn, als ob es ihm bedenklich

schiene, den Schabernack zu weit zu treiben, doch entäußerte er sich

schnell der ernsten Regung, klopfte Caspar auf die Schulter und rief:

»Erraten, Teufelskerl! Erraten! Mehr sag' ich aber nicht, Freundchen,

sonst könnt' es mir übel bekommen.« Und mit dem letzten Wort setzte er

sich fester in den Sattel und sprengte davon.

Eine Viertelstunde später kam Caspar atemlos nach Hause. Daumers saßen

schon bei Tisch, sie schauten dem Ankömmling gespannt entgegen und Anna

erhob sich unwillkürlich, als Caspar mit schweißbedeckter Stirne neben

den Sessel ihres Bruders trat und mit gebrochener Stimme hervorjubelte:

»Der Herr Rittmeister hat einen Brief bekommen von meiner Mutter!«

Daumer schüttelte erstaunt den Kopf. Er versuchte Caspar begreiflich zu

machen, daß ein Mißverständnis oder eine Täuschung obwalten müsse;

Mutter und Schwester unterstützten ihn darin nach Kräften. Es war

umsonst. Caspar faltete flehentlich die Hände und bat, Daumer möge mit

ihm zu Herrn von Wessenig gehen. Dessen weigerte sich Daumer

entschieden, doch als Caspars Aufregung wuchs, erklärte er sich bereit,

allein zu Herrn von Wessenig zu gehen. Er aß schnell seinen Teller leer,

nahm Hut und Mantel und ging.

Caspar lief zum Fenster und sah ihm nach. Er wollte sich nicht zu Tisch

begeben, ehe Daumer wieder da war. Er zerknüllte das Taschentuch in der

Hand, rasch atmend starrte er gegen den Himmel und dachte: Wenn ich dich

liebhaben soll, Sonne, mach, daß es wahr ist. So wurde es ein Uhr und

Daumer kam zurück. Er hatte den Rittmeister zur Rede gestellt und eine

heftige Auseinandersetzung mit ihm gehabt. Herr von Wessenig hatte die

Sache zuerst humoristisch genommen, damit lief er aber bei Daumer übel

ab, dem ohnehin das hämische Gerede, das ihm täglich zugetragen wurde,

Verdruß genug erregte. Erst gestern hatte man ihm erzählt, auf einer

Assemblee bei der Magistratsrätin Behold habe sich ein angesehener

Aristokrat über ihn lustig gemacht als über den Meister somnambuler und

magnetischer Geheimkunst, der Caspar Hauser feierlich den Zaubermantel

unter die Füße breite, aber statt in den Äther zu entschweben, wie

jedermann erwarte, bleibe der gute Caspar gemächlich sitzen und lasse

sich ausfüttern.

Solches nagte an Daumer und er hatte es dem Rittmeister ins Gesicht

gesagt, daß ihn das scheele Geschwätz der nichtstuenden eleganten Welt

gleichgültig lasse. »Bin ich auch eher auf Hilfe und Zustimmung als auf

Verteidigung und Abwehr gefaßt gewesen, so weiß ich doch genau, daß das

erstarrte Herz von Ihnen und Ihresgleichen nicht um einen Pulsschlag

gefühlvoller schlagen wird,« rief er aus. »Das aber kann ich fordern,

daß man den Jüngling, der unter meinem Schutz und dem des Herrn

Staatsrats steht, wenigstens mit böswilligen Scherzen verschont.«

Sprach's und ging. Einen Freund ließ er nicht zurück.

Zu Hause ankommend und Caspars stummes Drängen wahrnehmend, sagte er mit

mühsamer Milde: »Er hat dich zum Narren gehabt, Caspar. Es ist natürlich

kein Wort wahr. Solchen Leuten mußt du auch nicht glauben.«

»O!« machte Caspar voll Schmerz. Dann war er still.

Erst als Daumer sich nach der Mittagsrast zum Aufbruch anschickte,

entriß sich Caspar seinem Schweigen und sagte in mattem und verändertem

Ton: »Der Herr Rittmeister hat also nicht die Wahrheit gesagt?«

»Nein, er hat gelogen,« versetzte Daumer kurz.

»Das ist schlecht von ihm, sehr schlecht,« sagte Caspar.

Erstaunlich schien ihm zunächst die Tatsache des Lügens, erstaunlicher

noch, daß sich ein so großer Herr ihm gegenüber der Lüge schuldig

gemacht. Warum hat er das mit dem Brief gesagt, grübelte er, und

stundenlang war er damit beschäftigt, sich des Rittmeisters Worte immer

wieder von neuem vorzusagen und sich das Gesicht zurückzurufen, in

welchem, von ihm nicht gewußt, die Lüge wohnte.

Es war da etwas nicht in Ordnung. Er sann und sann und kam zu keinem

Ende. Um sich auf andre Gedanken zu bringen, schlug er die Rechenfibel

auf und ging an sein Tagespensum. Als auch dies nichts half, nahm er die

Glasharmonika, die ihm eine Dame aus Bamberg geschenkt, und übte sich

eine halbe Stunde lang in den simpeln Melodien, die er darauf zu spielen

erlernt hatte.

Plötzlich erhob er sich und trat vor den Spiegel. Starr blickte er sein

eignes Gesicht an: er wollte sehen, ob Lüge darin sei. Trotz der

Beklommenheit, die er dabei empfand, reizte es ihn, einmal selber zu

lügen, nur um zu prüfen, wie nachher sein Gesicht aussehen würde.

Ängstlich schaute er sich um, blickte dann wieder in den Spiegel und

sagte leis: »Es schneit.«

Er hielt das für eine Lüge, weil ja die Sonne schien.

Nichts hatte sich in seinem Gesicht verändert: man konnte also lügen,

ohne daß es jemand bemerkte. Er hatte geglaubt, die Sonne würde sich

verfinstern oder verstecken, aber sie schien ruhig weiter.

Am Abend kam Daumer mit einem neuen Ärger nach Hause. Von der Mutter

gefragt, was es denn schon wieder gebe, zog er ein kleines

Zeitungsblättchen aus der Tasche und warf es auf den Tisch. Es war der

»Katholische Wochenschatz«; auf der ersten Seite stand eine Epistel über

Caspar Hauser, die mit den fettgedruckten Lettern begann: Warum läßt man

den Nürnberger Findling nicht der Segnungen der Religion teilhaftig

werden?

»Ja, warum läßt man denn nicht?« spottete Anna.

»Und das wagt man in einer protestantischen Stadt,« sagte Daumer mit

finsterem Gesicht. »Wenn diese Herren nur wüßten, was für eine unmäßige

Furcht der Jüngling vor ihren Geistlichen hat. Während er noch auf dem

Turm war, sind eines Tages vier zu gleicher Zeit bei ihm erschienen.

Glaubt ihr vielleicht, sie hätten zu seinem Herzen geredet oder seine

Andacht zu wecken gesucht? Weit gefehlt. Sie schwatzten vom Zorn Gottes

und von der Vergeltung der Sünden, und als er immer furchtsamer

dreinsah, fingen sie an zu wettern und zu drohen, als ob der arme Mensch

am nächsten Tag zum Galgen geführt werden sollte. Zufällig kam ich dazu

und forderte sie höflich auf, ihre Bemühungen einzustellen.«

Da Caspar ins Zimmer trat, wurde das Gespräch abgebrochen.

Aber der Appell des »Katholischen Wochenschatzes« verhallte nicht

ungehört. »Mit der Religion ist nicht zu spaßen,« sagten die Herren auf

dem Magistrat, und einer drückte sogar den Zweifel aus, ob der Jüngling

überhaupt getauft sei. Darüber ward eine Weile hin und her debattiert,

doch ließ man die Frage schließlich fallen und die Taufe ward als

selbstverständlich angenommen, da man ja unter Christen in einem

christlichen Lande lebe und der Jüngling auf keinen Fall aus der Tatarei

kommen könne.

Nicht so leicht war die Entscheidung über die katholische oder

evangelische Konfession. Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht

besaßen, mußte man doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms

entreißen, anderseits war man zu zaghaft für ein rauhes Zugreifen, weil

es möglich war, daß eine einflußreiche Person über kurz oder lang ein

Anrecht andrer Art geltend machen konnte.

Der Bürgermeister wandte sich an Daumer und verlangte, Caspar solle

einen Religionslehrer erhalten, man überlasse es Daumer, einen

vertrauenswürdigen Mann zu bestimmen. »Wie wäre es mit dem Kandidaten

Regulein?« meinte Binder.

»Ich habe nichts dagegen,« erwiderte Daumer gleichgültig. Der Kandidat

wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und genoß den Ruf eines

soliden und fleißigen Mannes.

»Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin,« sagte der

Bürgermeister, »so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen

zuwider, und ich wünschte nicht, daß unser Caspar in ein ehrfurchtsloses

Weltwesen gerät. Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen.«

Aha, ein Stich, dachte Daumer stillergrimmt, man beleidigt, verdächtigt

mich schon wieder, ich bin niemand bequem, sehr ehrenwert, ihr Herren,

sehr ehrenwert. Laut antwortete er: »Gewiß nicht. Ich habe es auch nicht

fehlen lassen, in meiner Art auf ihn zu wirken. Und meine Art mag sein,

wie sie will, sie ist nicht schlechter als jede andre. Leider haben mir

allerhand Unberufene beständig hineingepfuscht. So war es mir in der

ersten Zeit mit großer Mühe gelungen, den starren Eigensinn seines

Schauens zu brechen und ihm einen Begriff von dem allmächtigen Trieb des

Wachstums in der Natur zu geben. Kommt da ein Frauenzimmer an, während

Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem unschuldigen Staunen

die über Nacht aufgesproßten Schößlinge betrachtet. Nun, Caspar, fragt

sie einfältig, wer hat denn das wachsen lassen? Es ist von selbst

gewachsen, erwidert er stolz. Aber, Caspar, ruft jene, es muß doch

jemand sein, der es hat wachsen lassen? Er würdigte sie keiner Antwort

mehr, aber die wohlwollende Dame ging hin und erzählte überall, Caspar

werde zum Atheisten gemacht. Da hat man eben einen schweren Stand.«

»Es handelt sich doch am Ende nur darum, ihm das Gefühl einer höheren

Verpflichtung einzuimpfen,« sagte Binder.

»Die hat er, die hat er, aber sein Verstand anerkennt eben in seinen

Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein,« fuhr

Daumer leidenschaftlich fort. »Gestern abend besuchten ihn zwei

protestantische Geistliche, der eine aus Fürth, der andre aus Farnbach,

der eine dick, der andre mager, alle beide eifrig wie kleine Paulusse.

Sie machten mir erst allerlei Elogen, ich lasse sie zu Caspar hinein,

und ehe man drei zählen kann, fangen sie eine Disputation mit ihm an.

Ach, es war komisch, es war höchst komisch. Es kam die Rede auf die

Erschaffung der Welt, und der Dicke aus Fürth sagte, Gott habe die Welt

aus dem Nichts geschaffen. Und als nun Caspar wissen wollte, wie das

zugegangen, stibitzten sie ihm die Erklärung vor der Nase weg, indem sie

alle zwei händefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden, der

bei seinem Götzen schwört. Endlich beruhigten sie sich, und da sagte

mein guter Caspar zutulich, wenn er etwas machen wolle, müsse er doch

etwas haben, woraus er es mache, sie möchten ihm doch sagen, wie das bei

Gott möglich sei. Da schwiegen sie eine Weile, flüsterten

untereinander, und endlich antwortete der Magere, bei Gott sei alles

möglich, weil er nicht ein Mensch sei, sondern ein Geist. Da lächelte

mich Caspar an, denn er dachte, sie wollten sich über ihn lustig machen,

und er stellte sich, als glaube er ihnen, was die beste Manier war, um

sie loszuwerden.«

Der Bürgermeister schüttelte mißbilligend den Kopf. Daumers Sarkasmus

gefiel ihm ganz und gar nicht. »Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von

Gott als die, die sich so mühelos verspotten läßt,« wandte er ruhig ein.

»Eine gedachtere Ansicht? Ohne Zweifel. Vergessen Sie nur nicht, daß die

der gemeinen durch und durch widerspricht. Und wenn ich sie ihm

beizubringen suche, setze ich mich Vorwürfen und Mißkennungen aus.

Nächstes Jahr soll er in die öffentliche Schule gehen, für einen

Menschen von wenigstens achtzehn Jahren ohnedies eine Schwierigkeit, da

würden nun _meine_ Lehren wieder zunichte gemacht und die Folge ist

Konfusion. Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise ihn mit

bequemen Antworten ab. Neulich konnte er eingetretener Augenschwäche

halber nicht arbeiten, und er fragte mich, ob er von Gott etwas erbitten

dürfe und ob er es dann erhalten werde. Ich sagte, zu bitten sei ihm

gestattet, doch müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob er die

Bitte gewähren wolle oder nicht. Er entgegnete, er wolle die Genesung

seiner Augen erbitten und dawider könne ja Gott nichts einzuwenden

haben, denn er gebrauche die Augen, um seine Zeit nicht in unnützen

Gesprächen und Spielereien vergeuden zu müssen. Ich sagte darauf, Gott

habe bisweilen unerforschliche Gründe, etwas zu versagen, wovon wir

glaubten, daß es heilsam wäre, er wolle uns oft durch Leiden prüfen, in

Geduld und Ergebung üben. Da ließ er traurig den Kopf hängen. Gewiß

dachte er, ich sei auch nicht besser als die Frommen, deren Gründe er

nur für Ausreden nimmt.«

»Was ist jedoch zu tun?« fragte der Bürgermeister mit sorgenvoller

Stirn. »Auf dem Weg des Zweifelns und Leugnens muß die Fähigkeit zum

Guten verkümmern.«

»Zweifeln und Leugnen ist es wohl kaum,« versetzte Daumer unwillig.

»Gott ist kein Bewohner des Himmels, er haust nur in unsrer Brust. Der

reiche Geist birgt ihn im umfassenden Gefühl, der arme wird durch die

Not des Lebens seiner gewahr und nennt es Glauben; er könnte es auch

Angst nennen. In Schönheit und Freude gestaltet sich der wahre Gott, im

Schaffen. Was Sie Zweifel und Leugnen heißen, ist das aufrichtige Zagen

der ihrer selbst noch ungewissen Seele. Man gebe der Pflanze so viel

Sonne, wie sie braucht, und sie besitzt einen Gott.«

»Das ist Philosophie,« erwiderte Binder, »und zudem Philosophie, die

einem Alltagsmenschen wie mir frivol klingen muß. Jeder Bauer hat für

seine Ernte mit Sturm und Unwetter zu rechnen, und nur ein überheblicher

Mensch kann sich einfallen lassen, von selber etwas zu gelten. Doch

genug davon. Waren Sie eigentlich mit Caspar schon einmal in der

Kirche?«

»Nein, ich habe das bis jetzt vermieden.«

»Morgen ist Sonntag. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn ich ihn

zum Gottesdienst in die Frauenkirche mitnehme?«

»Nicht im geringsten.«

»Gut, ich werde ihn um neun Uhr abholen.«

Wenn sich Herr Binder eine sonderliche Wirkung von diesem Versuch

versprochen hatte, so wurde er darin sehr enttäuscht. Als Caspar die

Kirche betreten hatte und die erhobene Stimme des Predigers vernahm,

fragte er, warum der Mann schimpfe. Die Kruzifixe erregten seinen

tiefsten Schauder, weil er die angenagelten Christusbilder für

gemarterte lebendige Menschen hielt. Beständig schaute er, beständig

verwunderte er sich, das Spiel der Orgel und der Gesang des Chors

betäubten sein empfindliches Ohr dermaßen, daß er die Harmonie der

Klänge gar nicht spürte, und zum Schluß brachte ihn die Ausdünstung der

Menschenmenge einer Ohnmacht nahe.

Der Bürgermeister sah wohl seinen Fehlgriff ein, doch ließ er nicht ab,

auf einen regelmäßigen Besuch der Kirche zu dringen, obwohl sich Caspar

jedesmal hartnäckig dagegen sträubte. Wenn der Kandidat Regulein Herrn

Binder seine Not klagte, erwiderte dieser: »Nur Geduld, die Gewohnheit

wird ihn schon zur Andacht nötigen.« -- »Ich glaube nicht,« versetzte der

Kandidat darauf mutlos, »gebärdet er sich doch, als ob er sein Leben

lassen sollte, wenn ich ihn zum Kirchgang auffordere.« -- »Macht nichts,

es ist Ihr Beruf, seinen Widerstand zu brechen,« lautete der Bescheid.

Der gute, hilflose Kandidat Regulein! Ein junges Männlein, das nie jung

gewesen war und dessen Gottesgelehrtentum von so dünner Beschaffenheit

war wie seine Beine. Er zitterte insgeheim vor den Unterrichtsstunden,

die er Caspar erteilen mußte, und sooft ihn eine Frage in Verlegenheit

setzte, was gar nicht selten geschah, verschob er die Auskunft auf das

nächste Mal, wobei er sich vornahm, in gewissen Büchern nachzuschlagen,

um nicht gegen die Theologie zu verfehlen. Caspar wartete treuherzig,

aber in der folgenden Stunde kam nichts oder wenig. Der Kandidat, der im

stillen hoffte, sein Schüler habe vergessen, erschrak und wich aus. Das

half nicht; der unbarmherzige Frager trieb ihn aus einer Verschanzung in

die andre, bis das verzweifelte Argument aufgestellt werden mußte, es

sei unrecht, über dunkle Gegenstände des Glaubens zu forschen.

Caspar lief zu Daumer und beklagte sich bitter, daß er keine Aufschlüsse

erhalte. Daumer fragte, was er zu wissen begehrt habe. Er hatte zu

wissen verlangt, warum Gott nicht mehr wie in früheren Zeiten zu den

Menschen herabkomme, um sie über so vieles, was verborgen sei, zu

belehren. »Ja sieh mal, Caspar,« sagte Daumer, »es gibt Geheimnisse in

der Welt, die sich eben beim besten Willen nicht verstehen lassen. Da

muß man Vertrauen haben, daß Gott eines Tages unser Herz darüber

erleuchtet. Wir alle wissen ja auch nicht, woher du kommst und wer du

bist, und trotzdem hoffen wir von der Gerechtigkeit und Allwissenheit

Gottes, daß er uns eines Tages darüber Aufschluß gewährt.«

»Aber Gott hat doch nichts damit zu tun, daß ich im Kerker war,«

erwiderte Caspar sanft, »das haben doch die Menschen getan.« Und ratlos

setzte er hinzu: »So ist's eben. Das eine Mal sagt der Kandidat, Gott

lasse den Menschen ihren freien Willen, das andre Mal sagt er, Gott

strafe sie für ihre bösen Handlungen. Da werd' ich ganz zum Narren.«

Diese Unterhaltung fand an einem stürmischen Nachmittag Ende März statt

und Daumer geriet durch sie in eine so trübe Stimmung, daß er eine

angefangene schriftliche Arbeit nicht zu beendigen vermochte. Man raubt

ihn mir, man bricht ihn mir zu Stücken, dachte er. Voll Traurigkeit nahm

er ein dickes Heft zur Hand, das seine Aufzeichnungen über Caspar

enthielt, und blätterte drin herum. Er schrak zusammen, als seine

Schwester ziemlich hastig eintrat, noch mit Pelzkappe und Umhang, wie

sie von der Straße kam. Ihr Gesicht verriet Aufregung, und sie wandte

sich mit der schnell hervorgestoßenen Frage an Daumer: »Weißt du schon,

was man in der Stadt spricht?«

»Nun?«

»Man erzählt sich, Caspar Hauser sei von fürstlicher Abkunft, ein

beiseitegeschaffter Prinz.«

Daumer lachte gezwungen. »Das fehlte noch,« entgegnete er abschätzig.

»Was denn noch alles!«

»Du glaubst nicht daran? Das hab' ich mir gleich gedacht. Aber woher

mögen solche Gerüchte stammen? Irgend etwas muß doch dahinter sein.«

»Gar nichts muß dahinter sein. Sie schwatzen eben. Laß sie schwatzen.«

Eine halbe Stunde später erhielt Daumer den Besuch des Archivdirektors

Wurm aus Ansbach. Es war dies ein kleiner, etwas verwachsener Mann, der

nie lächelte; es hieß von ihm, daß er sehr befreundet mit Herrn von

Feuerbach und die rechte Hand des Regierungspräsidenten Mieg sei. Von

ersterem bestellte er Grüße an Daumer und sagte, der Staatsrat werde in

allernächster Zeit nach Nürnberg kommen, er beschäftige sich

angelegentlich mit der Sache Caspar Hausers.

Nach einem kurzen, wenig belangvollen Hin- und Herreden griff der

Archivdirektor plötzlich in die Rocktasche, brachte ein kleines

broschiertes Buch zum Vorschein und reichte es wortlos Daumer. Dieser

nahm es und las den Titel: »Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein

Betrüger. Vom Polizeirat Merker in Berlin.«

Daumer besah das Büchlein mit feindseligen Augen und sagte matt: »Das

ist deutlich. Was will der Mann? Was ficht ihn an?«

»Es ist ein gehässiges Pamphlet, tritt aber höchst plausibel auf,«

erwiderte der Archivdirektor. »Es sind da mit Fleiß und Geschick alle

Verdachtsgründe, die schon längst in mißtrauischen Gemütern spuken,

gegen den Findling zusammengetragen. Der Verfasser prüft alle Angaben

Caspars auf ihre Verdächtigkeit hin, auch gibt er Beispiele aus der

Vergangenheit, wo ähnliche Lügenkünste, wie er sich ausdrückt, zu

verspäteter Enthüllung gelangt sind. Sie, lieber Professor, und Ihre

hiesigen Freunde kommen dabei nicht zum besten weg.«

»Natürlich; kann ich mir denken,« murmelte Daumer, und mit der flachen

Hand auf das Buch schlagend, rief er aus: »Nicht unwahrscheinlich ein

Betrüger! Da sitzt so ein mit allen Hunden gehetzter Herr in Berlin und

wagt es, wagt es --! Himmelschreiend! Man sollte ihm diesen nicht

unwahrscheinlichen Betrüger vorführen, man sollte ihn zwingen, dem

Engelsblick standzuhalten, ach, schändlich! Der einzige Trost dabei ist,

daß doch niemand das Zeug lesen wird.«

»Sie irren sich,« versetzte der Archivdirektor ruhig, »das Heft findet

reißenden Absatz.«

»Nun gut, ich werde es lesen,« sagte Daumer, »ich werde damit zum

Redaktor Pfisterle von der 'Morgenpost' gehen, der ist der richtige

Mann, um dem famosen Polizeirat Widerpart zu halten.«

Der Archivdirektor maß den aufgeregten Daumer mit einem

gleichgültig-schnellen Blick. »Ich möchte eine solche Maßregel nicht

ohne weiters gutheißen,« bemerkte er diplomatisch; »ich glaube auch im

Sinn des Herrn von Feuerbach zu sprechen, wenn ich Ihnen davon abrate.

Wozu das Zeitungsgeschreibe? Was soll es nützen? Man muß handeln, in

aller Vorsicht und Stille handeln, das ist es.«

»In aller Vorsicht und Stille? Was wollen Sie damit sagen?« fragte

Daumer ängstlich und argwöhnisch.

Der Archivdirektor zuckte die Achseln und schaute zu Boden. Dann erhob

er sich, sagte, er wolle am folgenden Nachmittag wiederkommen, um Caspar

zu sehen, und reichte Daumer die Hand. Als er schon auf der Treppe war,

eilte ihm Daumer nach und fragte, ob es ihn nicht störe, wenn er morgen

fremde Leute hier im Hause treffe, es hätten sich einige Herrschaften zu

Besuch angesagt. Der Archivdirektor verneinte.

Es gehörte zu den Charaktereigentümlichkeiten Daumers, daß er sich in

einmal gefaßte Ideen bis zur offensichtlichen Schädlichkeit verrannte.

Trotz der Abmahnung des besonnenen Herrn Wurm begab er sich, kaum daß er

das Buch des Berliner Polizeirats gelesen hatte, was weniger denn eine

Stunde Zeit brauchte, voll Erbitterung in die Redaktion der

'Morgenpost'. Der Redaktor Pfisterle war ein hitziges Blut; wie der

Geier aufs Aas stürzte er sich auf diese Gelegenheit, seine immer in

Vorrat vorhandene Wut und Galle loszulassen. Er wollte Material haben,

und Daumer bestellte ihn für den Mittag des folgenden Tages zu sich in

die Wohnung.

Am Abend herrschte eine sonderbar schwüle Luft im Daumerschen Haus.

Während des Nachtessens wurde wenig geredet, und Caspar, der von all

dem, was rings um ihn vorging, nicht im mindesten etwas ahnte, war

verwundert über manchen prüfenden Blick oder über das düstere Schweigen

auf eine herzliche Frage. Er hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehen

noch ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen; das tat er auch heute,

und es geschah nun, daß sein Blick, als er das Buch aufgemacht, auf eine

bestimmte Stelle fiel, die ihn veranlaßte, entzückt in die Hände zu

schlagen und in seiner herzlichen Art zu lachen. Daumer fragte, was es

gebe; Caspar deutete mit dem Finger auf das Blatt und rief: »Sehen Sie

nur, Herr Professor!« Seit einiger Zeit hatte er aufgehört, Daumer zu

duzen, und zwar ganz von selbst und eigentümlicherweise fast an

demselben Tag, an welchem er zum ersten Male Fleisch genossen und danach

krank geworden war.

Daumer blickte ins Buch. Die von Caspar aufgegriffenen Worte lauteten:

»Die Sonne bringt es an den Tag.«

»Was gibt's dabei zu staunen?« fragte Anna, die über die Schulter des

Bruders gleichfalls in das Buch schaute.

»Wie schön, wie schön!« rief Caspar aus. »Die Sonne bringt es an den

Tag. Das ist wunderschön.«

Die drei andern schauten einander voll seltsamer Gefühle in die Augen.

»Überhaupt ist es schön, wenn man so liest: die Sonne!« fuhr Caspar

fort. »Die Sonne! Das hallt so.«

Als er gute Nacht gewünscht hatte, sagte Frau Daumer: »Man _muß_ ihn

doch lieb haben. Es wird einem ordentlich wohl, wenn man ihn in seiner

artigen Geschäftigkeit beobachtet. Wie ein Tierchen webt er für sich

hin, niemals langweilt er sich, nie fällt er durch Launen zur Last.«

Wie verabredet, kam Pfisterle am nächsten Tag kurz nach Tisch, blieb

jedoch über Gebühr lange sitzen und verstand nicht die ungeduldigen

Andeutungen Daumers, der ihn gern vor dem Eintreffen der erwarteten

Gäste losgeworden wäre. Als diese um drei Uhr erschienen, saß er noch

immer auf seinem Fleck und blieb auch da. Wahrscheinlich hatte es seine

Neugierde gereizt, daß ihm Daumer den Namen einer der drei Personen

mitgeteilt hatte; es war dies ein damals vielgelesener Schriftsteller

aus dem Norden des Reichs. Die andern beiden waren eine holsteinische

Baronin und ein Leipziger Professor, der auf einer Romreise begriffen

war; ein Unternehmen, welches zu jener Zeit, wenigstens in Nürnberg,

einem Mann den Nimbus eines kühnen Forschers verlieh.

Daumer empfing die Herrschaften sehr liebenswürdig, und nachdem er

Caspar herbeigeholt hatte, zündete er trotz der frühen Stunde die Lampe

an, denn der Nebel lag dicht wie graue Wolle vor den Fenstern. Der

Leipziger Professor zog Caspar in eine Unterhaltung, aber er sprach mit

ihm wie von Turmeshöhe herunter. Auch ließ er keinen Blick von ihm, und

die gelblichen Augen hinter den kreisrunden Brillengläsern schimmerten

bisweilen boshaft. Währenddem kamen noch Herr von Tucher und der

Archivdirektor, ließen sich den Fremden vorstellen und nahmen auf dem

Sofa Platz.

»In deinem Kerker war es also immer dunkel?« fragte der Romfahrer und

strich langsam seinen Bart.

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman · 第 13 / 41 题