Caspar träumt

Am andern Morgen übergab Daumer das unheimliche Papier der

Polizeibehörde. Es wurden Nachforschungen angestellt, die aber natürlich

fruchtlos blieben. Der Vorfall wurde auch amtlich an das

Appellationsgericht gemeldet, und nach einiger Zeit schrieb der

Regierungsrat Hermann, der mit dem Baron Tucher befreundet war, an

diesen einen Privatbrief, in welchem er unter anderm die Meinung

vertrat, man solle nicht ablassen, den Hauser scharf zu bewachen und

auszuforschen, denn es sei wohl möglich, daß er durch eine

tiefeingepflanzte Furcht gezwungen sei, manches ihm bekannte Verhältnis

zu verschweigen.

Herr von Tucher suchte Daumer auf und las ihm diese Stelle vor. Daumer

konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. »Ich bin mir wohl

bewußt, daß ein Mysterium, von Menschenhand gewoben, hinter allem dem

liegt, was mit Caspar zusammenhängt,« sagte er mit leisem Widerwillen,

»ganz abgesehen davon, daß mir auch der Präsident Feuerbach unlängst

darüber geschrieben hat, und zwar in höchst eigentümlichen Wendungen,

die auf etwas Besonderes schließen lassen. Aber was heißt das: ihn

ausforschen, ihn bewachen? Hat man darin nicht schon das Äußerste

versucht? Ärztliche Vorsicht und menschliches Gefühl befehlen mir jetzt

ohnehin die äußerste Behutsamkeit gegen ihn. Ich wage es ja kaum, ihn

von der einfachen Kost zu entwöhnen und ihn so zu ernähren, wie es durch

die veränderte Lebenslage bedingt ist.«

»Warum wagen Sie das nicht?« fragte Herr von Tucher ziemlich erstaunt.

»Wir sind doch übereingekommen, ihn endlich zum Genuß von Fleisch oder

wenigstens von andern gekochten Speisen zu bringen?«

Daumer zögerte mit der Antwort. »Milchreis und warme Suppe verträgt er

schon ganz gut,« sagte er dann, »aber zur Fleischkost will ich ihn nicht

ermuntern.«

»Warum nicht?«

»Ich fürchte Kräfte zu zerstören, die vielleicht gerade an die Reinheit

des Blutes gebunden sind.«

»Kräfte zerstören? Was für Kräfte vermöchten ihn und uns für die

Gesundheit des Leibes und die Frische seines Gemüts zu entschädigen?

Wäre es nicht vielmehr ratsam, ihn von der Richtung des

Außerordentlichen abzulenken, die ihm früher oder später verhängnisvoll

werden muß? Ist es gut, einen andern Maßstab an ihn zu legen als es

einer natürlichen Erziehung entspricht? Was wollen Sie überhaupt, was

haben Sie mit ihm vor? Caspar ist ein Kind, das dürfen wir nicht

vergessen.«

»Er ist ein Mirakel,« entgegnete Daumer hastig und ergriffen; dann, in

einem halb belehrenden, halb bitteren Ton, der für einen Weltmann wie

Tucher verletzend klingen mußte, fuhr er fort: »Leider leben wir in

einer Zeit, in der man mit jedem Hinweis auf Unerforschliches den

plumpen Alltagsverstand beleidigt. Sonst müßte jeder an diesem Menschen

sehen und spüren, daß wir rings von geheimnisvollen Mächten der Natur

umgeben sind, in denen unser ganzes Wesen ruht.«

Herr von Tucher schwieg eine Zeitlang; sein Gesicht hatte den Ausdruck

abwehrenden Stolzes, als er sagte: »Es ist besser, eine Wirklichkeit

völlig zu ergreifen und ihr völlig genugzutun, als mit fruchtlosem

Enthusiasmus im Nebel des Übersinnlichen zu irren.«

»Rechtfertigt mich denn die Wirklichkeit noch nicht, auf die ich mich

berufen kann?« versetzte Daumer, dessen Stimme leiser und schmeichelnder

wurde, je mehr das Gespräch ihn erhitzte. »Muß ich Sie an Einzelheiten

erinnern? Sind nicht Luft, Erde und Wasser für diesen Menschen noch von

Dämonen bevölkert, mit denen er in lebendiger Beziehung steht?«

Baron Tuchers Gesicht wurde düster. »Ich sehe in allem dem nur die

Folgen einer verderblichen Überreiztheit,« sagte er kurz und scharf.

»Das sind die Quellen nicht, aus denen Leben geboren wird, in solchen

Formen kann sich keine Brauchbarkeit bewähren!«

Daumer duckte den Kopf, und in seinen Augen lag Ungeduld und Verachtung,

doch antwortete er im Ton nachgiebiger Freundlichkeit: »Wer weiß, Baron.

Die Quellen des Lebens sind unergründlich. Meine Hoffnungen wagen sich

weit hinauf und ich erwarte Dinge von unserm Caspar, die Ihr Urteil

sicherlich verändern werden. Aus diesem Stoff werden Genien gemacht.«

»Man tut einem Menschen stets unrecht, wenn man Erwartungen an seine

Zukunft knüpft,« sagte Herr von Tucher mit trübem Lächeln.

»Mag sein, mag sein, ich aber halte mich an die Zukunft. Mich kümmert

nicht, was hinter ihm liegt, und was ich von seiner Vergangenheit weiß,

soll mir nur dienen, ihn davon zu lösen. Das ist ja das hoffnungsvoll

Wunderbare: daß man hier einmal ein Wesen ohne Vergangenheit hat, die

ungebundene, unverpflichtete Kreatur vom ersten Schöpfungstag, ganz

Seele, ganz Instinkt, ausgerüstet mit herrlichen Möglichkeiten, noch

nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis, ein Zeuge für das Walten

der geheimnisvollen Kräfte, deren Erforschung die Aufgabe kommender

Jahrhunderte ist. Mag sein, daß ich mich täusche, dann aber würde ich

mich in der Menschheit getäuscht haben und meine Ideale für Lügen

erklären müssen.«

»Der Himmel bewahre Sie davor,« antwortete Herr von Tucher und nahm

eilig Abschied.

Noch am selben Tag wurde Daumer durch seine Mutter aufmerksam gemacht,

daß Caspars Schlaf nicht mehr so ruhig sei wie sonst. Als Caspar am

andern Morgen ziemlich unerfrischt zum Frühstück kam, fragte ihn Daumer,

ob er schlecht geschlafen habe.

»Schlecht geschlafen nicht,« erwiderte Caspar, »aber ich bin einmal

aufgewacht und da war mir angst.«

»Wovor hattest du denn Angst?« forschte Daumer.

»Vor dem Finstern,« entgegnete Caspar, und bedächtig fügte er hinzu: »In

der Nacht sitzt das Finstere auf der Lampe und brüllt.«

Den nächsten Morgen kam er halbangekleidet aus seinem Schlafgemach in

das Zimmer Daumers und erzählte bestürzt, es sei ein Mann bei ihm

gewesen. Zuerst erschrak Daumer, dann wurde ihm klar, daß Caspar

geträumt habe. Er fragte, was für ein Mann es denn gewesen sei, und

Caspar antwortete, es sei ein großer schöner Mann gewesen mit einem

weißen Mantel. Ob der Mann mit ihm gesprochen? Caspar verneinte;

gesprochen habe er nicht, er habe einen Kranz getragen, den habe er auf

den Tisch gelegt, und als Caspar danach gegriffen, habe der Kranz zu

leuchten angefangen.

»Du hast geträumt,« sagte Daumer.

Caspar wollte wissen, was das heiße. »Wenn auch dein Körper ruht,«

erklärte Daumer, »so wacht doch deine Seele, und was du am Tag erlebt

oder empfunden, daraus macht sie im Schlummer ein Bild. Dieses Bild

nennt man Traum.«

Nun verlangte Caspar zu wissen, was das sei, die Seele. Daumer sagte:

»Die Seele gibt deinem Körper das Leben. Leib und Seele sind einander

vermischt. Jedes von beiden ist, was es ist, aber sie sind so untrennbar

gemischt wie Wasser und Wein, wenn man sie zusammengießt.«

»Wie Wasser und Wein?« fragte Caspar mißbilligend. »Damit verderbt man

aber das Wasser.«

Daumer lachte und meinte, das sei nur ein Gleichnis gewesen. In der

Folge nahm er wahr, daß es mit Caspars Träumen eigen beschaffen war.

Sonst sind Träume an ein Zufälliges geknüpft, sagte er sich, spielen

gesetzlos mit Ahnung, Wunsch und Furcht, bei ihm ähneln sie dem

Herumtasten eines Menschen, der sich im finsteren Wald verirrt hat und

den Weg sucht; da ist etwas nicht in Ordnung, ich muß der Sache auf den

Grund gehen.

Das Auffallende war, daß gewisse Bilder sich allmählich zu einem

einzigen Traum sammelten, der von Nacht zu Nacht vollständiger und

gestalthafter wurde und mit immer größerer Deutlichkeit regelmäßig

wiederkehrte. Im Anfang konnte Caspar nur abgebrochen davon erzählen, so

stückhaft wie die Bilder sich ihm zeigten, dann eines Tages, wie der

Maler den Vorhang von einem vollendeten Gemälde zieht, vermochte er

seinem Pflegeherrn eine ausführliche Beschreibung zu geben.

Er hatte über seine Gewohnheit lange geschlafen, deshalb ging Daumer in

sein Zimmer, und kaum war er ans Bett getreten, so schlug Caspar die

Augen auf. Sein Gesicht glühte, der Blick ruhte noch im Innern, war aber

voll und kräftig und der Mund war zu sprechen ungeduldig. Mit langsamer,

ergriffener Stimme erzählte er.

Er ist in einem großen Haus gewesen und hat geschlafen. Eine Frau ist

gekommen und hat ihn aufgeweckt. Er bemerkt, daß das Bett so klein ist,

daß er nicht begreift, wie er darin Platz gehabt. Die Frau kleidet ihn

an und führt ihn in einen Saal, wo ringsum Spiegel mit goldenem Rande

hängen. Hinter gläsernen Wänden blitzen Silberschüsseln und auf einem

weißen Tisch stehen feine kleine, zierlich bemalte Porzellantäßchen. Er

will bleiben und schauen, die Frau zieht ihn weiter. Da ist ein Saal, wo

viele Bücher sind, und von der Mitte der gebogenen Decke hängt ein

ungeheurer Kronleuchter herab. Caspar will die Bücher betrachten, da

verlöschen langsam die Flammen des Leuchters eine nach der andern und

die Frau zieht ihn weiter. Sie führt ihn durch einen langen Flur und

eine gewaltige Treppe hinab, sie schreiten im Innern des Hauses den

Wandelgang entlang. Er sieht Bilder an den Wänden, Männer im Helm und

Frauen mit goldenem Schmuck. Er schaut durch die Mauerbogen der Halle in

den Hof, dort plätschert ein Springbrunnen; die Säule des Wassers ist

unten silberweiß und oben von der Sonne rot. Sie kommen zu einer zweiten

Treppe, deren Stufen wie goldene Wolken aufwärts steigen. Es steht ein

eiserner Mann daneben, er hat ein Schwert in der Rechten, doch sein

Gesicht ist schwarz, nein, er hat überhaupt kein Gesicht. Caspar

fürchtet sich vor ihm, will nicht vorbeigehen, da beugt sich die Frau

und flüstert ihm etwas ins Ohr. Er geht vorbei, er geht zu einer

ungeheuern Tür und die Frau pocht an. Es wird nicht aufgemacht. Sie ruft

und niemand hört. Sie will öffnen, die Tür ist zugeschlossen. Es

scheint Caspar, daß sich etwas Wichtiges hinter der Tür ereignet, er

selbst beginnt zu rufen, doch in diesem Augenblick erwacht er.

Seltsam, dachte Daumer, da sind Dinge, die er nie zuvor gesehen haben

kann, wie den gerüsteten Mann ohne Gesicht. Seltsam! Und sein

Wortesuchen, seine hilflosen Umschreibungen bei solcher Klarheit des

Geschauten. Seltsam.

»Wer war die Frau?« fragte Caspar.

»Es war eine Traumfrau,« entgegnete Daumer beschwichtigend.

»Und die Bücher und der Springbrunnen und die Tür?« drängte Caspar.

»Waren's Traumbücher, war's eine Traumtür? Warum ist sie nicht

aufgemacht worden, die Traumtür?«

Daumer seufzte und vergaß zu antworten. Was bekam da Gewalt über seinen

Caspar, sein Seelenpräparat? Sehr an Welt und Stoff gebunden war dieser

Traum.

Caspar kleidete sich langsam an. Plötzlich erhob er den Kopf und fragte,

ob alle Menschen eine Mutter hätten? Und als Daumer bejahte, ob alle

Menschen einen Vater hätten. Auch dies mußte bejaht werden.

»Wo ist _dein_ Vater?« fragte Caspar.

»Gestorben,« antwortete Daumer.

»Gestorben?« flüsterte Caspar nach. Ein Hauch des Schreckens lief über

seine Züge. Er grübelte. Dann begann er wieder: »Aber wo ist _mein_

Vater?«

Daumer schwieg.

»Ist es der, bei dem ich gewesen? Der Du?« drängte Caspar.

»Ich weiß es nicht,« antwortete Daumer und fühlte sich ungeschickt und

ohne Überlegenheit.

»Warum nicht? Du weißt doch alles? Und hab' ich auch eine Mutter?«

»Sicherlich.«

»Wo ist sie denn? Warum kommt sie nicht?«

»Vielleicht ist sie gleichfalls gestorben.«

»So? Können denn die Mütter auch sterben?«

»Ach, Caspar!« rief Daumer schmerzlich.

»Gestorben ist meine Mutter nicht,« sagte Caspar mit wunderlicher

Entschiedenheit. Plötzlich flammte es über sein Gesicht und er sagte

bewegt: »Vielleicht war meine Mutter hinter der Tür?«

»Hinter welcher Tür, Caspar?«

»Dort! im Traum ...«

»Im Traum? Das ist doch nichts Wirkliches,« belehrte Daumer zaghaft.

»Aber du hast doch gesagt, die Seele ist wirklich und macht den Traum --?

Ja, sie war hinter der Tür, ich weiß es; das nächste Mal will ich sie

aufmachen.«

Daumer hoffte, das Traumwesen würde sich verlieren, doch dem war nicht

so. Dieser eine Traum, Caspar nannte ihn den Traum vom großen Haus,

wuchs immer weiter, umschlang und krönte sich mit allerlei Blüten- und

Rankenwerk gleich einer zauberhaften Pflanze. Immer wieder schritt

Caspar einen Weg entlang und immer wieder endete der Weg vor der hohen

Türe, die nicht geöffnet wurde. Einmal zitterte die Erde von Tritten,

die innen waren, die Türe schien sich zu bauschen wie ein Gewand, durch

einen Spalt über der Schwelle brach Flammengeloder, da erwachte er, und

die nicht zu vergessende Traumnot schlich durch die Stunden des Tages

mit.

Die Gestalten wechselten. Manchmal kam statt der Frau ein Mann und

führte ihn durch die Bogenhalle. Und wie sie die Treppe hinaufgehen

wollten, kam ein andrer Mann und reichte ihm mit strengem Blick etwas

Gleißendes, das lang und schmal war und das, als Caspar es fassen

wollte, in seiner Hand zerfloß wie Sonnenstrahlen. Er trat nahe an die

Gestalt heran, auch sie ward zu Luft, doch sprach sie lautschallend ein

Wort, welches Caspar nicht zu deuten verstand.

Daran hingen sich wieder besondere kleine Träume, Träume von unbekannten

Worten, die er im Wachen nie gehört und deren er, wenn der Traum vorüber

war, vergebens habhaft zu werden suchte. Sie hatten meist einen sanften

Klang, bezogen sich aber, so fühlte er, nie auf ihn selbst, sondern auf

das, was hinter der verschlossenen Türe vor sich ging.

Traumboten waren es, Vögeln des Meeres gleich, die in beständiger

Wiederkehr Gegenstände eines halbversunkenen Schiffes an die ferne Küste

tragen.

In einer Nacht lag Daumer schlaflos und hörte in Caspars Zimmer ein

dauerndes Geräusch. Er erhob sich, schlüpfte in den Schlafrock und ging

hinüber. Caspar saß im Hemde am Tisch, hatte ein Blatt Papier vor sich,

einen Bleistift in der Hand und schien geschrieben zu haben. Ein matter

Mondschein schwamm im Zimmer. Verwundert fragte Daumer, was er treibe.

Caspar richtete den bis zur Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und

antwortete leise: »Ich war im großen Haus; die Frau hat mich bis zum

Springbrunnen im Hof geführt. Sie hat mich zu einem Fenster

hinaufschauen lassen; droben ist der Mann im Mantel gestanden, sehr

schön anzuschauen, und hat etwas gesagt. Danach bin ich aufgewacht und

hab's geschrieben.«

Daumer machte Licht, nahm das Blatt, las, warf es wieder hin, ergriff

beide Hände Caspars und rief halb bestürzt, halb erzürnt: »Aber Caspar,

das ist ja ganz unverständliches Zeug!«

Caspar starrte auf das Papier, buchstabierte murmelnd und sagte: »Im

Traum hab' ich's verstanden.«

Unter den sinnlosen Zeichen, die wie aus einer selbsterdachten Sprache

waren, stand am Ende das Wort: Dukatus. Caspar deutete auf das Wort und

flüsterte: »Davon bin ich aufgewacht, weil es so schön geklungen hat.«

Daumer fand sich verpflichtet, den Bürgermeister von den Beunruhigungen

Caspars, wie er es nannte, in Kenntnis zu setzen. Was er befürchtet

hatte, geschah. Herr Binder legte der Sache eine große Wichtigkeit bei.

»Zunächst ist es geboten, dem Präsidenten Feuerbach einen möglichst

ausführlichen Bericht zu geben, denn aus diesen Träumen können

sicherlich ganz bestimmte Schlüsse gezogen werden,« sagte er. »Dann

mache ich Ihnen den Vorschlag, mit Caspar einmal in die Burg

hinaufzugehen.«

»In die Burg? Warum das?«

»Es ist so eine Idee von mir. Da er immer von einem Schlosse träumt,

wird ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrütteln

und uns bestimmtere Anhaltspunkte geben.«

»Ja, glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Träume?«

»Ganz unbedingt. Ich bin davon überzeugt, daß er bis zu seinem dritten

oder vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung gelebt hat und daß

mit dem neuen Erwachen zum Leben und zum Selbstbewußtsein die

Erinnerungen an die frühere Existenz auf dem Weg der Träume Form und

Inhalt gewinnen.«

»Eine sehr naheliegende, sehr nüchterne Erklärung,« bemerkte Daumer

gallig. »Also der Hintergrund dieses Schicksals wäre nichts weiter als

eine gewöhnliche Räubergeschichte.«

»Eine Räubergeschichte? Mir recht, wenn Sie es so nennen. Ich verstehe

nicht, weshalb Sie sich dagegen wehren. Soll der Jüngling aus dem Mond

heruntergefallen sein? Wollen Sie irdische Verhältnisse für ihn nicht

gelten lassen?«

»O gewiß, gewiß!« Daumer seufzte. Dann fuhr er fort: »Ich schmeichelte

mir mit andern Hoffnungen. Das Grübeln und Verlangen nach rückwärts ist

eben das, was ich Caspar ersparen wollte. Gerade das Freie,

Freischwebende, Schicksallose war es ja, was mich so stark an ihm

ergriffen hat. Außerordentliche Umstände haben diesen Menschen mit Gaben

bedacht, wie kein andrer Sterblicher sich ihrer rühmen kann; und das

soll nun alles verkümmern, abgelenkt werden in das Gleis von

Erlebnissen, die ja an sich tragisch genug sein mögen, aber doch nichts

Ungemeines an sich haben.«

»Ich verstehe, Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstören,«

versetzte der Bürgermeister mit etwas pedantischer Geringschätzung.

»Aber wir haben größere Pflichten gegen den Mitmenschen als gegen das

Unikum Caspar Hauser. Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein, lieber

Professor. Es erscheinen heutzutage keine Engel mehr und wo Unrecht

geschehen ist, muß Sühne sein.«

Daumer zuckte die Achseln. »Glauben Sie denn, daß Sie damit etwas zum

Heile Caspars tun?« fragte er mit einem Ton von Fanatismus, der dem

Bürgermeister lächerlich erschien. »Nur Erdenschwere und Erdenschmutz

heften Sie ihm an. Schon jetzt erhebt sich ja ein Gezänke um ihn, daß

mir mein Anteil an seiner Sache verbittert wird. Es werden böse

Geschichten zutage kommen.«

»Das sollen sie; wenn sie nur zutage kommen,« erwiderte Binder lebhaft.

»Im übrigen tue jeder, was seines Amtes.«

Am nächsten Vormittag stellte sich der Bürgermeister in Daumers Wohnung

ein und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf. Herr Binder läutete an

der Pförtnerwohnung; der Pförtner kam mit einem großen Schlüsselbund und

geleitete sie hinüber.

Als sie vor dem mächtigen zweiflügeligen Tor standen, war es, als ob

sich Caspars Gesicht plötzlich entschleiere. Er reckte sich auf, sein

Oberleib bog sich nach vorn und er stammelte: »So eine Tür, genau so

eine Tür.«

»Was meinst du, Caspar, was schwebt dir vor?« fragte der Bürgermeister

liebevoll.

Caspar antwortete nicht. Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer

Langsamkeit schritt er durch die Halle. Die beiden Männer ließen ihn

vorangehen. Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann.

Seine Erschütterung wuchs zusehends, als er die breite Steintreppe

hinaufstieg. Oben blickte er sich seufzend um; sein Gesicht war bleich,

die Schultern zuckten. Daumer hatte Mitleid mit ihm und wollte ihn

seiner Hingenommenheit entreißen, doch wie er zu sprechen begann, sah

ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an, lispelte: »Dukatus,

Dukatus« und lauschte dabei, als wolle er dem Wort einen heimlichen Sinn

abhorchen.

Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wänden, er

schaute durch die Flucht der offenen Säle, er stand in der Galerie und

schloß die Augen, und endlich, auf eine leise Frage des Bürgermeisters,

wandte er sich um und sagte mit erstickter Stimme, es sei ihm so, als

habe er einmal ein solches Haus gehabt, und er wisse nicht, was er davon

denken solle.

Der Bürgermeister sah Daumer schweigend an.

Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in

Gemeinschaft mit ihm den Bericht an den Präsidenten Feuerbach. Das

ausführliche Schreiben wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben.

Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch überhaupt ein

Zeichen, daß der Präsident das Schriftstück erhalten habe. Der Brief

mußte verloren gegangen oder gestohlen worden sein. Baron Tucher ließ

unter der Hand und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen,

und man erfuhr wirklich, daß dieser von nichts wisse. Unruhe und

Bestürzung bemächtigte sich der drei Herren. »Sollte da ein unsichtbarer

Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel, den man mir ins Fenster geworfen

hat?« meinte Daumer ängstlich. Nachforschungen bei der Post hatten kein

Ergebnis, und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefaßt und durch

einen sicheren Boten dem Präsidenten persönlich eingehändigt.

Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art, daß er die Sache im

Auge behalten wolle und sich aus naheliegenden Gründen einer

schriftlichen Meinungsäußerung enthalte. »Ich entnehme aus dem

Gesundheitsattest des Amtsarztes, worin bei einem sonst befriedigenden

Befund von Caspars bleicher Gesichtsfarbe die Rede ist, daß es dem

jungen Menschen an regelmäßiger Bewegung in freier Luft fehlt,« schrieb

er; »hier ist Abhilfe dringend nötig. Man lasse ihn reiten. Es ist mir

der Stallmeister von Rumpler dortselbst empfohlen worden. Hauser soll

dreimal wöchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen, die Kosten soll der

Stadtkommissär auf Rechnung setzen.«

Vielleicht waren es die Träume, die Caspar blaß machten. Fast jede Nacht

befand er sich in dem großen Haus. Die gewölbten Hallen waren von

silbernem Licht durchflutet. Er stand vor der geschlossenen Tür und

wartete, wartete ...

Endlich eines Nachts, die dämmernden Räume des großen Hauses dehnten

sich schweigend und leer, tauchte vom untersten Gang her eine schwebende

Gestalt auf. Caspar dachte zuerst, es sei der Mann im weißen Mantel;

aber als die Gestalt näherkam, gewahrte er, daß es eine Frau war. Weiße

Schleier umhüllten sie und flogen bei den Schultern durch den Hauch

eines unhörbaren Windes empor. Caspar blieb wie festgewurzelt stehen;

sein Herz tat ihm wehe, als hätte eine Faust danach gegriffen und es

gepackt, denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen Ausdruck des

Kummers, wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt. Je näher sie kam,

je furchtbarer schnürte sein Herz sich zusammen; ernst schritt sie

vorbei; ihre Lippen nannten seinen Namen, es war nicht der Name Caspar,

und doch wußte er, daß es sein Name war oder daß ihm allein der Name

galt. Sie hörte nicht auf, denselben Namen zu nennen, und als sie schon

wieder in weiter Ferne war und die Schleier wie weiße Flügel um ihre

Schultern flatterten, hörte er immer noch den Namen; da wußte er, daß

die Frau seine Mutter war.

Er wachte auf, in Tränen gebadet; und als Daumer kam, stürzte er ihm

entgegen und rief: »Ich hab' sie gesehen, ich habe meine Mutter gesehen,

sie war es, sie hat mit mir gesprochen!«

Daumer setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sieh

mal, Caspar,« sagte er nach einer Weile, »du darfst dich solchen

Wahngebilden nicht gläubig hingeben. Es bedrückt mich aufrichtig und

schon lange. Es ist, wie wenn jemand in einem Blumengarten lustwandeln

darf und, statt freudigem Genuß sich zu überlassen, die Wurzeln ausgräbt

und die Erde durchhöhlt. Versteh mich wohl, Caspar; ich will nicht, daß

du auf das Recht verzichtest, alles zu erfahren, was auf deine

Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen, das an dir verübt wurde.

Aber bedenke doch, daß Männer von reicher Erfahrung, wie der Herr

Präsident und Herr Binder, dafür am Werke sind. Du, Caspar, solltest

vorwärts schauen, dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit; im Lichte

ruht dein Dasein, dort ist das Glück. Jeder Mensch von Vernunft kann,

was er will; tu mir die Liebe und wende dich ab von den Träumen. Nicht

umsonst heißt es ja: Träume sind Schäume.«

Caspar war bestürzt. Der Gedanke, daß in seinen Träumen keine Wahrheit

sein solle, wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten, aber zum erstenmal

war die eigne Gewißheit von einer Sache fester als die Meinung seines

Lehrers. Das zu empfinden, bereitete ihm keine Genugtuung, sondern

Bedauern.

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman · 第 12 / 41 题