Indessen mochte ein solches Diktum pantheistischer Philosophie für die
Auffassungsgabe des Jünglings ein wenig zu verwickelt sein. Er
schüttelte ungläubig den Kopf, dann sagte er mit dem Ausdruck
dumpf-abgöttischer Verehrung: »Caspar liebt die Sonne.«
Auf dem Heimweg war er ganz stumm; auch die übrigen, selbst die immer
wohlgelaunte Anna, waren in einer wunderlich gedrückten Stimmung, als
wären sie nie zuvor durch einen spätsommerlichen Abend gewandert, oder
als fühlten sie den Auftritt voraus, der ihnen das Beisammensein dieser
Stunden unvergeßlich machen sollte.
Kurz vor dem Stadttor nämlich blieb Anna stehen und deutete mit einem
Zuruf an alle in das herrlich gestirnte Firmament. Auch Caspar blickte
hinauf, er erstaunte maßlos. Kleine, jähe, wirre Laute eines
leidenschaftlichen Entzückens kamen aus seinem Mund. »Sterne, Sterne,«
stammelte er, das gehörte Wort von Annas Lippen raubend. Er preßte die
Hände gegen die Brust, und ein unbeschreiblich seliges Lächeln
verschönte seine Züge. Er konnte sich nicht sattsehen; immer wieder
kehrte er zum Anschauen des Glanzes zurück, und aus seinen seufzerartig
abgebrochenen Worten war vernehmbar, daß er die Sterngruppen und die
ausgezeichnet hellen Sterne bemerkte. Er fragte mit einem Ton des
Außersichseins, wer die vielen schönen Lichter da hinaufbringe, anzünde
und wieder verlösche.
Daumer antwortete ihm, daß sie beständig leuchteten, jedoch nicht immer
gesehen würden; da fragte er, wer sie zuerst hinaufgesetzt, daß sie
immerfort brennten.
Plötzlich fiel er in tiefe Grübelei. Er blieb eine Weile mit gesenktem
Kopf stehen und sah und hörte nichts. Als er wieder zu sich kam, hatte
sich seine Freude in Schwermut verwandelt, er ließ sich auf den Rasen
nieder und brach in langes, nicht zu stillendes Weinen aus.
Es war weit über neun Uhr, als sie endlich nach Haus gelangten. Während
Caspar mit den Frauen hinaufging, nahm Herr von Tucher am Gartentor von
Daumer Abschied. »Was mag in ihm vorgegangen sein?« meinte er. Und da
Daumer schwieg, fuhr er sinnend fort: »Vielleicht spürt er schon die
Unwiederbringlichkeit der Jahre; vielleicht zeigt ihm die Vergangenheit
schon ihre wahre Gestalt.«
»Ohne Zweifel war es ihm ein Schmerz, das beglänzte Gewölbe zu
schauen,« antwortete Daumer; »nie zuvor hat er den Blick zum nächtlichen
Himmel erheben können. Ihm zeigt die Natur kein freundliches Antlitz,
und von ihrer sogenannten Güte hat er wenig erfahren.«
Eine Zeitlang schwiegen sie, dann sagte Daumer: »Ich habe für morgen
nachmittag einige Freunde und Bekannte zu mir gebeten. Es handelt sich
um eine Reihe von höchst interessanten Erfahrungen und Beobachtungen,
die ich an Caspar gemacht habe. Ich würde mich freuen, wenn Sie dabei
sein wollten.«
Herr von Tucher versprach zu kommen. Zu seiner Verwunderung ward er, als
er am andern Tag etwas verspätet erschien, in eine vollständig
verfinsterte Kammer geführt. Die Produktion hatte schon begonnen. Von
irgendeinem Winkel her vernahm man Caspars eintönige Stimme lesend. »Es
ist eine Seite aus der Bibel, die der Herr Stadtbibliothekar
aufgeschlagen hat,« flüsterte Daumer Herrn von Tucher zu. Die Dunkelheit
war so groß, daß die Zuhörer einander nicht gewahren konnten, trotzdem
las Caspar unbeirrt, als ob seine Augen selbst eine Quelle des Lichtes
seien.
Man war erstaunt. Man wurde es noch mehr, als Caspar in der gleichen
Dunkelheit die Farben verschiedener Gegenstände unterscheiden konnte,
die bald der eine, bald der andre von den Anwesenden -- um jeden Verdacht
einer Verabredung oder Vorbereitung auszuschließen -- ihm auf eine
Entfernung von fünf oder sechs Schritten vorhielt.
»Ich will jetzt die Weinprobe machen,« sagte Daumer und öffnete die
Läden. Caspar preßte die Hände vor die Augen und brauchte lange Zeit,
bis er das Licht ertragen konnte. Jemand brachte Wein im
undurchsichtigen Glas, und Caspar roch es nicht nur sogleich, sondern es
zeigten sich auch die Merkmale einer leichten Trunkenheit: seine Blicke
flimmerten, sein Mund verzog sich schief. Konnte das mit rechten Dingen
zugehen? War solche Empfindlichkeit denkbar oder möglich? Man
wiederholte den Versuch zweimal, dreimal, und siehe, die Wirkung
verstärkte sich. Beim viertenmal wurde draußen Wasser ins Glas gegossen,
und nun sagte Caspar, er spüre nichts.
Doch viel wunderbarer war zu beobachten, wie er sich gegen Metalle
verhielt. Ein Herr versteckte, während Caspar das Zimmer verlassen
hatte, ein Stück Kupferblech. Caspar ward hereingerufen, und alle
verfolgten mit Spannung, wie er zu dem Versteck förmlich hingezogen
wurde; es sah aus, wie wenn ein Hund ein Stück Fleisch erschnuppert. Er
fand es, man klatschte Beifall, man achtete nicht darauf, daß er blaß
war und mit kühlem Schweiß bedeckt. Nur Herr von Tucher bemerkte es und
mißbilligte das Treiben.
Es hatte natürlich nicht bei diesem einen Mal sein Bewenden. Die Sache
redete sich schnell herum, und das Haus wurde zum Museum. Alles, was
Namen und Ansehen in der Stadt hatte, lief herzu, und Caspar mußte immer
bereit sein, immer tun, was man von ihm haben wollte. Wenn er müde war,
durfte er schlafen, aber wenn er schlief, untersuchten sie die
Festigkeit seines Schlafes, und Daumer schwamm in Glück, wenn der Herr
Medizinalrat Rehbein behauptete, eine derartige Versteinerung des
Schlummers habe er nie für möglich gehalten.
Selbst gewisse krankhafte Zustände seines Körpers gaben Daumer Anlaß
zur Vorführung oder wenigstens zum Studium. Er suchte durch hypnotische
Berührungen und mesmeristische Streichungen Einfluß zu nehmen, denn er
war ein glühender Verfechter jener damals nagelneuen Theorien, die mit
der Seele des Menschen hantierten wie ein Alchimist mit dem
wohlbekannten Inhalt einer Retorte. Oder wenn auch dies nichts half,
wandte er Heilmittel von einer besonderen Kategorie an, erprobte die
Wirkungen von Arnika und Akonitum und Nux vomica; immer beflissen, immer
erfüllt von einer Mission, immer mit dem Notizenzettel in der Hand,
immer in rührender Obsorge.
Was für seriöse Spiele! Welch ein Eifer, zu beweisen, zu deuten, das
Sonnenklare dunkel zu machen, das Einfache zu verwirren! Das Publikum
gab sich redliche Mühe im Glauben, nach allen Windrichtungen wurden die
anscheinenden Zaubereien ausposaunt -- nicht zum Vorteil unsers Caspar,
keineswegs zu seinem Heil, wie sich bald herausstellen sollte --, aber
leider gibt es überall verwerfliche Kreaturen, die noch zweifeln würden
und wenn man ihnen die Skepsis überm Essenfeuer ausräuchern würde.
Vielleicht wollten sie jedesmal etwas Neues vorgesetzt bekommen,
schraubten ihre Erwartungen zu hoch und fanden, daß der Wundermann nur
in seinen eingelernten Paradestückchen exzellierte, in denen er
allerdings, so drückten sie sich aus, etwas von der Fertigkeit eines
dressierten Äffchens an den Tag legte.
Mit einem Wort, das Programm wurde ein wenig einförmig, höchstens
Neulinge konnten ihm noch Geschmack abgewinnen. Die andern erblickten in
Daumer etwas wie einen Zirkusdirektor oder einen Literaten, der seine
Freunde mit der beständig wiederholten Vorlesung eines mittelmäßigen
Poems langweilt, während über Caspar sich zu amüsieren sie immerhin noch
genug Gelegenheit fanden.
Oder war es nicht amüsant, wenn er zum Beispiel einen hohen Offizier
tadelte, daß sein Rockkragen bestäubt war, wenn er mit dem Finger das
Haupt eines ehrwürdigen Kammerdirektors berührte und mitleidig-verwundert
sagte: »Weiße Haare, weiße Haare?« Wenn er während der Anwesenheit einer
vornehmen Standesperson nur darauf achtete, wie diese den Stock zwischen
den Fingern baumeln ließ und es auch so machen wollte, wenn er seinen
Ekel gegen den schwarzen Bart des Magistratsrats Behold äußerte oder
sich weigerte, einer Dame die Hand zu küssen, indem er sagte, man müsse
ja nicht hineinbeißen?
Durch solche kleine Zwischenfälle hielten sie sich für belohnt. Wenn man
lachen konnte, war alles gut. Hingegen Daumer ärgerte sich darüber und
suchte ihm die Pflichten der Höflichkeit begreiflich zu machen. »Du
vergißt stets, die Ankömmlinge zu begrüßen,« sagte Daumer. In der Tat
blickte Caspar, in ein Buch oder Spiel versenkt, erst empor, wenn man
ihn anrief, bisweilen, wenn er ein bekanntes oder liebgewordenes Gesicht
sah, mit einem berückend schelmischen Lächeln, und fing dann ohne
Einleitung an zu fragen und zu plaudern. Mochten noch so wichtige
Personen zugegen sein, er verließ nie seinen Platz, ohne alle Dinge, mit
denen er beschäftigt gewesen, sorgfältig in Ordnung zu bringen und mit
einem kleinen Besen den Tisch von Papierschnitzeln oder Brotkrumen zu
reinigen. Man mußte warten, bis er fertig war.
Er war ohne Schüchternheit. Alle Menschen schienen ihm gut, fast alle
hielt er für schön. Er fand es selbstverständlich, wenn sich irgendein
Herr vor ihn hinstellte und ihm aus einem bereitgehaltenen Zettel endlos
viele Namen oder endlos viele Zahlen vorlas. Sein Gedächtnis ließ ihn
nicht im Stich, er konnte in der gleichen Reihenfolge Namen für Namen,
Zahl für Zahl, und waren es hundert, wiederholen. Am Erstaunen der Leute
merkte er wohl, daß er Staunenswertes geleistet, aber kein Schimmer von
Eitelkeit zog über sein Gesicht, nur ein wenig traurig wurde es, wenn
immer dasselbe kam, wenn sie nie zufrieden schienen.
Er konnte es nicht verstehen, daß ihnen wunderbar war, was ihm so
natürlich war. Aber was ihm wunderbar war, darum kümmerte sich keiner.
Er vermochte es nicht zu sagen, es wurzelte im verborgensten Gefühl. Es
war eine kaum gespürte Frage, am Morgen, beim Erwachen etwa, ein
hastiges, stummes, verzweifeltes Suchen, wofür es keine Bezeichnung gab.
Es lag weit zurück; es war mit ihm verknüpft und er besaß es doch nicht.
Es war etwas mit ihm vorgegangen, irgendwo, irgendwann, und er wußte es
nicht. Er tastete an sich herum, er fand sich selber kaum. Er sagte
'Caspar' zu sich selbst, aber das dort in der Ferne hörte nicht auf
diesen Namen. So band sich die Erwartung an ein Äußeres; wenn die Uhr im
andern Zimmer tönte, welch sonderbare Erwartung von Schlag zu Schlag!
Als ob eine Mauer sich auflösen, zu Luft vergehen müßte. Die eben
vergangene Nacht war voll ungreifbarer Vorgänge gewesen. Hatte es am
Fenster gepocht? Nein. War jemand dagewesen, hatte gesprochen, gerufen,
gedroht? Nein. Es war etwas geschehen, doch Caspar hatte nichts damit
zu tun.
Unergründliche Sorge. Man mußte lernen, vielleicht wurde es dann klar.
Lernen, wie alles bestand, lernen, was in der Nacht verborgen war, wenn
man nicht lebte und dennoch spürte, das Unbekannte lernen, erhaschen,
was so fern, wissen, was so dunkel war, die Menschen fragen lernen. Sein
Eifer bei den Büchern wurde glühend. Er begann Ungeduld zu zeigen, wenn
er von den fremden Besuchern sich immer wieder empfindlich gestört fand,
denn jetzt kamen die Leute schon von auswärts, weil allenthalben im Land
über Caspar Hauser geredet und geschrieben wurde. Auch Daumer konnte
sich der Ansprüche, die an ihn gestellt wurden, kaum erwehren. Er war
oft mißgelaunt und matt, und es gab Stunden, wo er bereute, Caspar der
Welt preisgegeben zu haben.
Es gab Stunden, wo er, allein mit dem Jüngling, sich seiner besseren
Würde erinnerte und diesem seltsam Leibeigenen, Seeleneigenen sich
tiefer anschloß, als der anfängliche Zweck gewollt. Es gab eine Stunde,
wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten,
auf der Bank sitzend, ein Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre
Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor seinen Füßen, ein Schmetterling
ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt an seinem Arm. In ihm
ist die Menschheit frei von Sünde, sagte sich Daumer bei diesem Anblick,
und was wäre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu erhalten?
Was wäre hier noch zu enträtseln, was zu verkünden?
Eines andern Tages erhob sich im Nachbargarten großer Lärm. Ein bissiger
Hund hatte seine Kette zerrissen und raste, Schaum vor dem Maul, in
wilden Sprüngen umher, überrannte ein Kind, schlug einem Knecht, der ihn
verfolgte, die Zähne ins Fleisch und stürzte gegen den Zaun des
Daumerschen Gartens. Eine Latte krachte unter dem Anprall, das Tier
schlüpfte herüber und richtete die blutunterlaufenen Augen wild auf die
kleine Gesellschaft, die unter der Linde saß: Daumer selbst, dessen
Mutter, der Bürgermeister Binder und Caspar. Alle standen ängstlich auf,
Binder erhob den Stock, das Tier machte einige Sätze, blieb aber auf
einmal stehen, schnupperte, trabte auf Caspar zu, der bleich und stille
saß, wedelte mit dem Schweif und leckte die herabhängende Hand des
Jünglings. Mit einem lodernden ungewissen Blick sah es ihn an, voll
Ergebenheit fast, eine Zärtlichkeit erwartend, und es war, als erbitte
es Verzeihung. Denselben ungewissen und ergebenen Ausdruck hatte auch
Caspar im Auge; ihn jammerte der Hund, er wußte nicht warum.
Man erzählte sich, daß Daumer nach diesem Auftritt geweint habe.
Zwei Tage später, an einem regnerischen Oktoberabend, war es, daß sich
Daumer mit seiner Mutter und Caspar im Wohnzimmer befand. Anna war zu
einer Unterhaltung in die Reunion gegangen, die alte Dame saß strickend
im Lehnstuhl am offenen Fenster, denn trotz der vorgerückten Jahreszeit
war die Luft warm und voll des feuchten Geruchs verwelkender Pflanzen.
Da wurde an die Türe geklopft, und der Glasermeister brachte einen
großen Wandspiegel, den die Magd in der vergangenen Woche zerbrochen
hatte. Frau Daumer hieß ihn den Spiegel gegen die Mauer lehnen, das tat
der Mann und entfernte sich wieder.
Kaum war er draußen, so fragte Daumer verwundert, warum sie den Spiegel
nicht gleich an seinen Platz habe hängen lassen, man hätte dann doch die
Arbeit für morgen erspart. Die alte Dame erwiderte mit verlegenem
Lächeln, am Abend dürfe man keinen Spiegel aufhängen, das bedeute
Unheil. Daumer besaß nicht genug Humor für derlei halbernste Grillen; er
machte der Mutter Vorwürfe wegen ihres Aberglaubens, sie widersprach,
und da geriet er in Zorn, das heißt er sprach mit seiner sanftesten
Stimme zwischen die geschlossenen Zähne hindurch.
Caspar, der es nicht sehen konnte, wenn Daumers Gesicht unfreundlich
wurde, legte den Arm um dessen Schulter und suchte ihn mit kindlicher
Schmeichelei zu begütigen. Daumer schlug die Augen nieder, schwieg eine
Weile und sagte dann, völlig beschämt: »Geh hin zur Mutter, Caspar, und
sag ihr, daß ich im Unrecht bin.«
Caspar nickte; ohne recht zu überlegen, trat er vor die Frau hin und
sagte: »Ich bin im Unrecht.«
Da lachte Daumer. »Nicht du, Caspar! Ich!« rief er und deutete auf seine
Brust. »Wenn Caspar im Unrecht ist, darf er sagen: ich. Ich sage zu dir:
du, aber du sagst doch zu dir: ich. Verstanden?«
Caspars Augen wurden groß und nachdenklich. Das Wörtchen Ich durchrann
ihn plötzlich wie ein fremdartig schmeckender Trank. Es nahten sich ihm
viele Hunderte von Gestalten, es nahte sich eine ganze Stadt voll
Menschen, Männer, Frauen und Kinder, es nahten sich die Tiere auf dem
Boden, die Vögel in der Luft, die Blumen, die Wolken, die Steine, ja die
Sonne selbst, und alle miteinander sagten zu ihm: Du. Er aber
antwortete mit zaghafter Stimme: Ich.
Er faßte sich mit flachen Händen an die Brust und ließ die Hände
heruntergleiten bis über die Hüften: sein Leib, eine Wand zwischen Innen
und Außen, eine Mauer zwischen Ich und Du!
In demselben Augenblick tauchte aus dem Spiegel, dem gegenüber er stand,
sein eignes Bild empor. Ei, dachte er ein wenig bestürzt, wer ist das?
Natürlich war er schon oft an Spiegeln vorbeigegangen, aber sein von den
vielen Dingen der vielgesichtigen Welt geblendeter Blick war
mitvorbeigegangen, ohne zu weilen, ohne zu denken, und er hatte sich
daran gewöhnt wie an den Schatten auf der Erde. Ein Ungefähr, das ihn
nicht hemmte, konnte nicht zum Erlebnis werden.
Jetzt war sein Auge reif für diese Vision. Er sah hin. »Caspar,«
lispelte er. Das Drinnen antwortete: Ich. Da waren Caspars Mund und
Wangen und die braunen Haare, die über Stirn und Ohren gekräuselt waren.
Nähertretend, schaute er in spielerisch-zweifelnder Neugier hinter den
Spiegel gegen die Mauer; dort war nichts. Dann stellte er sich wieder
davor, und nun schien ihm, als ob hinter seinem Bild im Spiegel sich das
Licht zerteile und als ob ein langer, langer Pfad nach rückwärts lief,
und dort, in der weiten Ferne stand noch ein Caspar, noch ein Ich, das
hatte zugeschlossene Augen und sah aus, als wisse es etwas, was der
Caspar hier im Zimmer nicht wußte.
Daumer, gewohnt, das Betragen des Jünglings zu beobachten, lauerte
gespannt herüber. Da -- ein seltsames Geräusch; es surrte etwas in der
Luft und fiel neben dem Tisch zu Boden. Es war ein Stück Papier, das von
draußen hereingeflogen war. Frau Daumer hob es auf; es war wie ein
Brief zusammengefaltet. Unschlüssig drehte sie es zwischen den Fingern
und reichte es dem Sohn.
Der riß es auf und las folgende, mit großer Schrift geschriebene Worte:
»Es wird gewarnt das Haus und wird gewarnt der Herr und wird gewarnt der
Fremde.«
Frau Daumer hatte sich erhoben und las mit; ein Frösteln lief über ihre
Schultern. Daumer jedoch, indes er schweigend auf den Zettel starrte,
hatte das Gefühl, als sei vor seinen Füßen ein Schwert, die Spitze nach
oben, aus der Erde gewachsen.
Caspar hatte von dem Vorgang nicht das mindeste wahrgenommen. Er verließ
den Platz vor dem Spiegel und ging wie geistesabwesend an den beiden
vorüber zum Fenster. Dort stand er besinnend, beugte sich besinnend vor,
immer weiter, völlig selbstvergessen, ganz vom Willen des Suchens
erfüllt, bis die Brust auf dem Sims lag und seine Stirn in die Nacht
hinaus tauchte.