Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengärtlein auf der
Insel Schütt; es war ein altes Gebäude mit vielen Winkeln und
halbfinstern Kammern, doch erhielt Caspar ein ziemlich geräumiges und
wohleingerichtetes Zimmer gegen den Fluß hinaus.
Er mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Es zeigten sich jetzt mit
einem Schlag die Folgen der jüngstdurchlebten Zeit. Er war wieder ohne
Sprache, ja bisweilen wie ohne Gefühl des Lebens. Auf den ungewohnten
Kissen warf er sich fiebernd herum. Wie jammervoll, ihn bei jedem
Knacken der Dielen erschaudern zu sehen; auch das Geräusch des Regens an
den Fenstern versetzte ihn in aufgewühlte Bangnis. Er hörte die
Schritte, die auf dem weiten Platz vor dem Haus verhallten, er vernahm
mit Unruhe die metallenen Schläge aus einer fernen Schmiede, jeder
Stimmenlärm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen des
Schmerzes hervor; und von Moment zu Moment vertauschten seine Züge den
Ausdruck der Erschöpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit.
Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett. Diese Opferkraft und
Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen. »Er muß mir leben,« sagte
er. Und Caspar fing an zu leben. Vom dritten Tag ab besserte sich sein
Zustand stetig und schnell. Als er am Morgen erwachte, lag ein
besinnendes Lächeln auf seinen Lippen. Daumer triumphierte.
»Du tust ja, als ob du selbst dem Kerker entronnen wärst,« meinte seine
Schwester, die nicht umhin konnte, an seiner Freude teilzunehmen.
»Ja, und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten,« antwortete er
lebhaft; »sieh ihn nur an! Es ist ein Menschenfrühling.«
Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen. Daumer führte ihn in den
Garten. Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade, band er
ihm einen grünen Papierschirm um die Stirn. Späterhin wurden die
Dämmerungszeit oder die Stunden bewölkten Himmels für diese Ausgänge
vorgezogen.
Es waren ja Reisen, und nichts geschah, was nicht zum Ereignis wurde.
Welche Mühe, ihn sehen, ihn das Gesehene nennen zu lehren. Er mußte erst
zu den Dingen Vertrauen gewinnen, und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm
selbstverständlich ward, machte ihn ihre unvermutete Nähe bestürzt. Als
er endlich die Höhe des Himmels und auf der Erde die Entfernung von Weg
zu Weg begriff, wurde sein Gang ein wenig leichter und sein Schritt
mutiger. Alles lag am Mut, alles lag daran, den Mut zu kräftigen.
Das ist die Luft, Caspar; du kannst sie nicht greifen, aber sie ist da;
wenn sie sich bewegt, wird sie zum Wind, du brauchst den Wind nicht zu
fürchten. Was hinter der Nacht liegt, ist gestern; was über der nächsten
Nacht liegt, ist morgen. Von gestern bis morgen vergeht Zeit, vergehen
Stunden, Stunden sind geteilte Zeit. Dies ist ein Baum, dies ist ein
Strauch, hier Gras, hier Steine, dort Sand, da sind Blätter, da Blüten,
da Früchte ...
Aus dem dumpfen Hören heraus erwuchs das Wort. Die Form wurde
einleuchtend durch das unvergeßliche Wort. Caspar schmeckt das Wort auf
der Zunge, er spürt es bitter oder süß, es sättigt ihn oder läßt ihn
unzufrieden. Auch hatten viele Worte Gesichter; oder sie tönten wie
Glockenschläge aus der Dunkelheit; oder sie standen wie Flammen in einem
Nebel.
Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort. Das Wort lief davon, man
mußte nachlaufen, und hatte man es endlich erwischt, so war es
eigentlich gar nichts und machte einen traurig. Gleichwohl führte
derselbe Weg auch zu den Menschen; ja, es war, als ob die Menschen
hinter einem Gitter von Worten stünden, das ihre Züge fremd und
schrecklich machte; wenn man aber das Gitter zerriß oder dahinter kam,
waren sie schön.
Hatte es am Morgen neu geklungen, zu sagen: die Blume, am Mittag war es
schon vertraut, am Abend war es schon alt. »Dies Herz, dies Hirn, zur
Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten, treibt wie vertrockneter
und endlich befeuchteter Humus Sprößlinge, Blüten und Früchte in einer
Nacht,« notierte der fleißige Daumer; »was dem matten Blick der
Gewohnheit unwahrnehmbar geworden, erscheint diesem Auge frisch wie aus
Gottes Hand. Und wo die Welt verschlossen ist und ihre Geheimnisse
beginnen, da steht er noch seltsam drängend und fragt sein
zuversichtliches Warum. Nach jedem Schall und jedem Schein tappt dies
zweifelnde, erstaunte, hungrige, ehrfurchtslose Warum.«
Es ist nicht zu leugnen, Daumer war oft erschreckt durch das Gefühl
eignen Ungenügens. Heißt das noch lehren? grübelte er, heißt das noch
Gärtner sein, wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet, das
maßlos wuchernde Getriebe keine Grenze achtet? Wie soll das enden?
Zweifellos bin ich hier einem ungewöhnlichen Phänomen auf der Spur und
meine teuern Zeitgenossen werden sich herbeilassen müssen, ein wenig an
Wunder zu glauben.
Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars, einst heimkehren zu
dürfen; »erst lernen, dann heim,« sagte er mit dem Ausdruck
unbesiegbarer Entschiedenheit. »Aber du bist ja zu Hause, hier bei uns
bist du zu Hause,« wandte Daumer ein. Aber Caspar schüttelte den Kopf.
Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinüber, wo
Kinder spielten, deren Wesen er mit komischem Befremden studierte. »So
kleine Menschen,« sagte er zu Daumer, der ihn einmal dabei überraschte,
»so kleine Menschen.« Seine Stimme klang traurig und höchst verwundert.
Daumer unterdrückte ein Lächeln und während sie zusammen ins Haus
gingen, suchte er ihm klarzumachen, daß jeder Mensch einmal so klein
gewesen, auch Caspar selbst. Caspar wollte das durchaus nicht zugeben.
»O nein, o nein,« rief er aus, »Caspar nicht, Caspar immer so gewesen
wie jetzt, Caspar nie so kurze Arme und Beine gehabt, o nein!«
Dennoch sei dem so, versicherte Daumer; nicht allein, daß er klein
gewesen, sondern er wachse ja noch täglich, verändere sich täglich, sei
heute ein ganz andrer als der Hauser auf dem Turm, und nach vielen
Jahren werde er alt werden, seine Haare würden weiß sein, die Haut
voller Runzeln.
Da wurde Caspar blaß vor Furcht; er fing an zu schluchzen und stotterte,
das sei nicht möglich, er wolle es nicht, Daumer möge machen, daß es
nicht geschehe.
Daumer flüsterte seiner Schwester etwas zu, diese ging in den Garten und
brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe, eine aufgeblühte und eine
verwelkte Rose mit herauf. Caspar streckte die Hand nach der
vollblühenden aus, wandte sich aber gleich mit Ekel ab, denn so sehr er
die rote Farbe vor allen andern liebte, der heftige Geruch der Blume war
ihm unangenehm. Als ihm Daumer den Unterschied der Lebensalter an Knospe
und Blüte erklären wollte, sagte Caspar: »Das hast du doch selbst
gemacht, es ist ja tot, es hat keine Augen und keine Beine.«
»Ich hab' es nicht gemacht,« entgegnete Daumer, »es ist lebendig, es ist
gewachsen; alles Lebendige ist gewachsen.«
»Alles Lebendige gewachsen,« wiederholte Caspar fast atemlos, indem er
nach jedem Wort pausierte. Hier drohte Verwirrung. Auch die Bäume im
Garten seien lebendig, sagte man ihm, und er getraute sich nicht, den
Bäumen zu nahen, das Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestürzt. Er fuhr
fort zu zweifeln und fragte, wer die vielen Blätter ausgeschnitten habe
und warum? warum so viele? Auch sie seien gewachsen, wurde geantwortet.
Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue, die sollte
tot sein, trotzdem sie aussah wie ein Mensch. Caspar konnte stundenlang
die Blicke nicht davon wenden, Verwunderung machte ihn stumm. »Warum hat
es denn ein Gesicht?« fragte er endlich, »warum ist es so weiß und so
schmutzig? Warum steht es immer und wird nicht müde?«
Als seine Furcht besiegt war, ging er heran und wagte die Figur zu
betasten, denn ohne zu tasten, glaubte er nicht dem, was er sah. Er
hatte den heftigen Wunsch, das Ding auseinander nehmen zu dürfen, um zu
wissen, was innen war. Wie viel war überall innen, wie viel steckte
überall dahinter!
Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stück des abschüssigen Weges
entlang. Daumer hob ihn auf, und Caspar fragte, ob der Apfel müde sei,
weil er so schnell gelaufen. Mit Grauen wandte er sich ab, als Daumer
ein Messer nahm und die Frucht entzweischnitt. Da ward ein Wurm sichtbar
und krümmte seinen dünnen Leib gegen das Licht.
»Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker,« sagte Daumer.
Das Wort machte Caspar nachdenklich; es machte ihn nachdenklich und
mißtrauisch. Wie vieles war da im Kerker, wovon er nicht wußte! Alles
Innen war ein Kerker. Und in wunderlicher Verworrenheit knüpfte sich an
diesen Gedanken die Erinnerung an den Schlag, den er damals erhalten,
nachdem ihn der Du gelehrt, wie man das Pferdchen frei bewegen könne. In
allen fremden Dingen lauerte der Schlag, in allen unbekannten wohnte
Gefahr. Eine gewisse strahlende Heiterkeit, die allmählich Caspars Wesen
entströmte und die das Entzücken seiner Umgebung bildete, war daher
stets an jene erwartungsvolle, ahnungsvolle Bangigkeit gebunden.
Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend, gewahrte
Caspar einen Regenbogen am Himmel. Er war starr vor Freude. Wer das
gemacht habe, stammelte er endlich. Die Sonne. Wie, die Sonne? Die Sonne
sei doch kein Mensch. Die natürlichen Erklärungen ließen Daumer im
Stich, er mußte sich auf Gott berufen. »Gott ist der Schöpfer der
belebten und unbelebten Natur,« sagte er.
Caspar schwieg. Der Name Gottes klang ihm seltsam düster. Das Bild, das
er dazu suchte, glich dem Du, sah aus wie der Du, als die Decke des
Gefängnisses auf seinen Schultern ruhte, war unheimlich verborgen wie
der Du, als er den Schlag geführt, weil Caspar zu laut gesprochen.
Wie geheimnisvoll war alles, was zwischen Morgen und Abend geschah! Das
Regen und Raunen der Welt, das Fließen des Wassers im Fluß, das Ziehen
luftig-dunkler Gegenstände hoch in der Luft, die man Wolken nannte, das
Vorübergehen und Nichtwiederkommen undeutbarer Ereignisse, und vor allem
das Flüchten der Menschen, ihre schmerzlichen Gebärden, ihr lautes
Reden, ihr sonderbares Gelächter. Wie viel war da zu erfahren und zu
lernen!
Es schnürte Daumer das Herz zusammen, wenn er den Jüngling in tiefem
Nachdenken sah. Caspar schien dann wie erfroren, er hockte
zusammengekauert da, seine Hände waren geballt und er hörte und spürte
nicht mehr, was um ihn vorging.
Ja, es war zu solchen Zeiten eine vollständige Dunkelheit um Caspar, und
nur, wenn er lange genug versunken war, hüpfte aus der Tiefe etwas wie
ein Feuerfunken, und in der Brust begann eine undeutlich murmelnde
Stimme zu sprechen. Wenn der Funken wieder verlosch, tat sich die äußere
Welt wieder kund, aber eine schwermütige Unzufriedenheit hatte sich
Caspars bemächtigt.
»Wir müssen einmal mit ihm hinaus aufs Land,« sagte Anna Daumer eines
Tages, als der Bruder mit ihr darüber gesprochen. »Er braucht
Zerstreuung.«
»Er braucht Zerstreuung,« gab Daumer lächelnd zu, »er ist zu gesammelt,
das ganze Weltall lastet noch auf seinem Gemüt.«
»Da es sein erster Spaziergang sein wird, wäre es gut, die Sache
möglichst still zu unternehmen, sonst sind wieder alle Neugierigen bei
der Hand,« meinte die alte Frau Daumer. »Sie schwatzen ohnehin genug
über ihn und über uns.«
Daumer nickte. Er wünschte nur, daß Herr von Tucher mit von der Partie
sei.
Am ersten Feiertag im September fand der Ausflug statt. Es war schon
fünf Uhr nachmittags, als sie vom Haus aufbrachen, und da sie auf
Caspars langsame Gangart Rücksicht nehmen mußten, gelangten sie erst
spät ins Freie. Die begegnenden Leute blieben stehen, um der
Gesellschaft nachzuschauen, und oft hörte man die staunenden oder
spöttischen Worte: »Das ist ja der Caspar Hauser! Ei, der Findling! Wie
fein er's treibt, wie nobel!« Denn Caspar trug ein neues blaues
Fräcklein, ein modisches Gilet, seine Beine staken in weißseidenen
Strümpfen und die Schuhe hatten silberne Schnallen.
Er ging zwischen den beiden Frauen und hatte sorgsam acht auf den Weg,
der nicht mehr wie ehedem vor seinen Blicken auf- und abwärts schwankte.
Die Männer schritten in gemessener Entfernung hinterdrein. Plötzlich
erhob Daumer den rechten Arm nach vorn, und gleich darauf blieb Caspar
stehen und sah sich fragend um.
Erfreut und in liebevollem Ton rief ihm Daumer zu, weiterzugehen. Nach
ein paar hundert Schritten hob er wieder den Arm, und abermals blieb
Caspar stehen und blickte sich um.
»Was ist das? Was bedeutet das?« fragte Herr von Tucher erstaunt.
»Darüber gibt es keine Erklärung,« antwortete Daumer voll stillen
Triumphes. »Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen noch viel Merkwürdigeres
zeigen.«
»Hexerei wird doch wohl kaum im Spiele sein,« meinte Herr von Tucher ein
bißchen ironisch.
»Hexerei? Nein. Aber wie sagt Hamlet: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel
und Erde --«
»Also sind Sie schon an den Grenzen der Schulweisheit angelangt?«
unterbrach Herr von Tucher noch immer mit Ironie. »Ich für meinen Teil
schlage mich zu den Skeptikern. Wir werden ja sehen.«
»Wir werden sehen,« wiederholte Daumer fröhlich.
Nach oftmaligem kurzem Rasten ward am Rand einer Wiese Halt gemacht, und
alle ließen sich im Gras nieder. Caspar schlief sogleich ein; Anna
breitete ein Tuch über sein Gesicht und packte sodann einige
mitgebrachte Eßwaren aus einem Körbchen. Schweigend begannen alle vier
zu essen. Ein natürliches Schweigen war es nicht: der lieblich
vergehende Tag, das sommerliche Blühen forderten eher zu heiteren
Gesprächen auf, aber um den Schläfer lag ein eigner Bann, jeder spürte
die Gegenwart des Jünglings jetzt stärker als vorher, und es hatte bei
einigen gleichgültigen Redensarten sein Bewenden, die leiser klangen als
selbst die Atemzüge des Schlummernden. Weit und breit war kein Mensch zu
sehen, da man absichtlich einen selten begangenen Weg gewählt hatte.
Die Sonne war am Sinken, als Caspar erwachte und, sich aufrichtend, die
Freunde der Reihe nach dankbar und etwas beschämt anblickte. »Sieh nur
hinüber, Caspar, sieh den roten Feuerball,« sagte Daumer; »hast du die
Sonne schon einmal so groß gesehen?«
Caspar schaute hin. Es war ein schöner Anblick: die purpurne Scheibe
rollte herab, als zerschnitte sie die Erde am Rand des Himmels; ein Meer
von Scharlachglut strömte ihr nach, die Lüfte waren entzündet, blutiges
Geäder bezeichnete einen Wald und rosige Schatten bauschten langsam über
die Ebene. Nur noch wenige Minuten, und schon zuckte die Dämmerung durch
den sanften Karmin des Nebels, in den die Ferne getaucht war, einen
Augenblick lang bebte das Gelände, und grünkristallene Strahlenbündel
schossen über den Westen, der versunkenen Sonne nach.
Ein geisterhaftes Lächeln glitt über die Züge der beiden Männer und der
zwei Frauen, als sie Caspar mit einer Gebärde stummer Angst
hinübergreifen sahen gegen den Horizont. Daumer näherte sich ihm und
ergriff seine Hand, die eiskalt geworden war. Caspars Gesicht wandte
sich erzitternd ihm zu, voller Fragen, voller Furcht, und endlich
bewegten sich die Lippen und er murmelte schüchtern: »Wo geht sie hin,
die Sonne? Geht sie ganz fort?«
Daumer vermochte nicht gleich zu antworten. So mag Adam vor seiner
ersten Nacht im Paradies gezittert haben, dachte er, und es geschah
nicht ohne Schauder, nicht ohne seltsame Ungewißheit, daß er den
Jüngling tröstete, ihn der Wiederkunft der Sonne versicherte.
»Ist dort Gott?« fragte Caspar hauchend, »ist die Sonne Gott?«