»Heimweisen?« antwortete der Wärter, halb verdrießlich, halb mitleidig.
»Wohin denn heim? Wo bist du denn daheim, du Unglückswurm? In dem
unterirdischen Loch vielleicht? Nennst du das daheim?«
»Der Du soll kommen,« sagte Caspar klar, langsam und hell.
»Der wird sich hüten,« versetzte Hill, bärbeißig lachend.
»Der Du kommt, bald kommt,« beharrte Caspar, und er schaute mit einem
Ausdruck feierlicher Inbrunst gegen den abendlichen Himmel, als sei er
überzeugt, daß der Du durch die Lüfte schreiten könne. Dann erhob er
sich in seiner mühevollen Weise, nahm sein Spielpferdchen und versuchte
es zu tragen, denn dies allein wollte er von den Gegenständen, die er
geschenkt erhalten, mitnehmen, wenn der Du käme, sonst nichts.
Hill begriff sein Vorhaben. »Nein, Caspar,« sagte er, »jetzt mußt du
schon in dieser Welt bleiben. Daß sie dir nicht gefallen mag, versteh'
ich wohl. Mir gefällt sie auch nicht, aber dableiben mußt du.«
Caspar, wenngleich er den Worten nicht ganz folgen konnte, erfaßte doch
den unabänderlichen Beschluß, den sie enthielten. Er begann an allen
Gliedern zu beben, laut weinend warf er sich zu Boden, aber auch später,
als es dem bestürzten Hill gelungen war, ihn zu trösten, schien es, wie
wenn er vor Kummer sein Herz verhauche. Die Traurigkeit seines Gemüts
überflutete das kindhafte Gesicht wie ein dunkler Schleier, und am
Morgen waren seine Lider durch die während des Schlummers vergossenen
Tränen verklebt.
Er wollte zum erstenmal nicht mehr mit dem Pferdchen spielen, sondern
kauerte stundenlang ohne Regung auf einem Fleck. Bei jedem Krachen der
Treppe schüttelte es ihn, und er schauderte, wenn sich wieder und wieder
ein neues Gesicht über der Schwelle zeigte. Zitternd sah er die Menschen
an, der Geruch ihres Atems war ihm eine Pein und unerträglich, wenn sie
ihn berührten. Am meisten Furcht hatte er vor ihren Händen. Zuerst sah
er immer die Hände an, merkte sich ihre verschiedene Gestalt und Farbe,
und ehe er sie an seiner Haut spürte, erschrak er schon, denn sie
erschienen ihm wie selbständige Geschöpfe, kriechende, klebrige,
gefährliche Tiere, deren Tun von einem Augenblick zum andern gar nicht
abzuschätzen war.
Nur Daumers Hand, die einzige, deren Berührung angenehm war, war
verschwunden. Warum? dachte Caspar, warum war dies alles? Warum das
seltsame Getöse von früh bis spät? Woher kamen die fremden Gestalten,
warum so viele, und warum war ihr Mund und ihr Auge böse?
Das frische Wasser schmeckte ihm nicht mehr, auch hungerte ihn nicht
mehr nach dem gewürzten Brot. In seiner Erschöpfung dünkte ihm mitten am
Tage, es sei Nacht geworden, und das Heißgleißende, -funkelnde, von dem
man ihm gesagt, daß es der Schein der Sonne sei, wurde vor seinen müden
Augen zu purpurnem Dunst. Es beängstigte ihn das Geräusch des Windes,
denn er verwechselte es mit den Stimmen der Menschen. Er sehnte sich in
die Einsamkeit seines Kerkers zurück; heimweisen war sein einziger
Gedanke.
Es war ein Sonntag. Spätnachmittags waren Daumer und Herr von Tucher aus
Ansbach wieder angelangt, und in ihrer Begleitung befand sich der
Staatsrat von Feuerbach, der sich entschlossen hatte, den Findling
selbst zu besuchen und womöglich Klarheit in das unfruchtbare Hinundher
von Akten und Erlässen zu bringen. Nachdem er im Gasthof zum Lamm
Quartier gemietet hatte, ließ sich der Präsident von den beiden Herren
sogleich zur Burg und auf den Turm führen. Es hatte schon neun Uhr
geschlagen, als sie dort ankamen. Groß war ihre Überraschung, als sie
das Zimmer Caspars leer fanden; die Frau des Wärters erklärte verlegen,
ihr Mann sei mit Caspar ins Wirtshaus zum Krokodil gegangen. Der
Rittmeister von Wessenig habe nämlich einigen seiner von auswärts
zugereisten Freunde den Findling zu zeigen gewünscht, habe
heraufgeschickt und befohlen, daß man Caspar bringe.
Daumer war erbleicht und schaute, Schlimmes ahnend, finster zu Boden;
Herr von Tucher vermochte seinen Unwillen kaum zu bemeistern, und über
die bartlosen Lippen des Präsidenten huschte ein halb mokantes, halb
verächtliches Lächeln; seine gebietende Haltung erinnerte an einen durch
Pflichtversäumnisse vielfach beleidigten Fürsten, als er sich mit der
schroffen Aufforderung zu seinen Begleitern wandte: »Führen Sie mich zu
diesem Wirtshaus!«
Die Dunkelheit war eingebrochen, über dem Dach des Rathauses stand
fahlleuchtend der Mond. Schweigend schritten die drei Männer den Berg
hinab, und kaum waren sie, das winklige Gassengewirr verlassend, auf den
Weinmarkt getreten, als Daumer stehenblieb und mit erregter Stimme
flüsterte: »Da ist er.«
In der Tat sahen sie Caspar, der gleich einem zu Tod Erkrankten am Arme
Hills aus dem Tor des Krokodilwirtshauses wankte. Der Präsident und Herr
von Tucher blieben ebenfalls stehen, und sie bemerkten jetzt, daß der
Jüngling plötzlich innehielt, zurückschauderte und, ein maßloses Staunen
in den vor Angst weit aufgerissenen Augen, zu Boden starrte. Die drei
Männer näherten sich eilig, um zu erfahren, was es sei. Sie sahen nichts
weiter als die Mondschatten des Jünglings und seines Begleiters auf dem
Pflaster.
Caspar wagte nicht mehr sich zu regen, weil er jede Bewegung seines
Körpers nachgeahmt sah von dem unbegreiflichen Ding. Seine Lippen waren
wie zum Schrei geöffnet, seine Wangen schneeweiß und die Knie
schlotterten ihm. War es doch, als ob alles Grauenhafte und
Geheimnisvolle einer Welt, in die ein Ungefähr ihn geschleudert, sich zu
dem seltsam zuckenden Gebild am Boden verdichtet habe.
Daumer, Herr von Tucher und der Wärter bemühten sich um ihn, der
Präsident stand wortlos daneben. Als er emporblickte, bemerkte Daumer,
der ihn heimlich und gespannt beobachtete, in seinem strengen Gesicht
eine unverstellte Erschütterung.
Es fehlte nicht viel, so wäre Hill, den der Zorn des Präsidenten am
ersten traf, noch am selben Abend aus seinem Amt gejagt worden; nur die
mutige Fürsprache des Herrn von Tucher rettete ihn und lenkte das
Gewitter auf schuldigere Personen ab, denn die Vernachlässigung, die der
Gefangene erlitten, war allzu offenbar. Seiner ungestümen Art gemäß
suchte der Präsident sogleich den Bürgermeister Binder auf, dem er die
heftigsten Vorwürfe machte. Herr Binder konnte nicht umhin, dem
Präsidenten kleinmütig beizupflichten; die Entschiedenheit, mit der er
den Gegenstand behandelt sah, übte tiefen Eindruck auf ihn, und er mußte
einen kaum wieder gutzumachenden Fehler vor sich selber eingestehen. Von
seiner Seite war nur Lauheit im Spiel gewesen, die Scherereien mit der
Regierung hatten ihn verdrossen, jetzt auf einmal, da der mächtige Mann
seine Stimme für den Findling erhob, wurde er sich seiner
Bereitwilligkeit bewußt, alles Fördernswerte für Caspar Hauser zu tun,
und er erklärte sich ohne weiteres einverstanden, als Herr von Feuerbach
verlangte, der Knabe müsse seiner bisherigen Lage entrissen werden. »Er
soll in eine geordnete Pflege kommen,« sagte der Präsident, »Professor
Daumer hat sich freiwillig erboten, ihn zu sich ins Haus zu nehmen, und
ich wünsche nicht, daß dieser Schritt im geringsten verzögert werde.«
Binder verbeugte sich. »Ich werde morgen mit dem frühesten die nötigen
Anstalten treffen,« antwortete er.
»Nicht, bevor ich selbst mit dem Knaben gesprochen,« versetzte der
Präsident hastig; »ich werde um zehn Uhr auf dem Turm sein und bitte,
daß man mich eine Stunde lang mit dem Gefangenen allein lasse.«
Auch Daumer war ziemlich erregt heimgekommen. Kaum daß er, nach
tagelanger Abwesenheit, Mutter und Schwester ordentlich begrüßte. »Die
Herrschaften müssen artig gewütet haben,« grollte er, indem er
unaufhörlich durch das Zimmer wanderte, »der Knabe ist ja ganz verstört.
Das heiß' ich menschlich sein, das heiß' ich Einsicht haben! Barbaren
sind sie, Schlächter sind sie! Und unter solchem Volk zu leben bin ich
gezwungen!«
»Warum sagst du es ihnen nicht selbst?« bemerkte Anna Daumer trocken.
»Hinter deinen vier Wänden zu schimpfen fruchtet wenig.«
»Sag mal, Friedrich,« wandte sich nun die alte Dame an ihren Sohn, »bist
du denn wirklich fest davon überzeugt, daß du dein Herz nicht wieder
einmal an einen Götzen wegwirfst?«
»Aus deiner Frage erkennt man, daß du ihn noch immer nicht gesehen
hast,« antwortete Daumer fast mitleidig.
»Das wohl; es war mir ein zu groß Gerenne.«
»Also. Wenn man von ihm spricht, kann man nicht übertreiben, weil die
Sprache zu ärmlich ist, um sein Wesen auszudrücken. Es ist wie eine
uralte Legende, dies Emportauchen eines märchenhaften Geschöpfs aus dem
dunkeln Nirgendwo; die reine Stimme der Natur tönt uns plötzlich
entgegen, ein Mythos wird zum Ereignis. Seine Seele gleicht einem
kostbaren Edelstein, den noch keine habgierige Hand betastet hat; ich
aber will danach greifen, mich rechtfertigt ein erhabener Zweck. Oder
bin ich nicht würdig? Glaubt ihr, daß ich nicht würdig bin dazu?«
»Du schwärmst,« sagte Anna nach einem langen Stillschweigen fast
unwillig.
Daumer zuckte lächelnd die Achseln. Dann trat er an den Tisch und sagte
in einem Ton, dessen Sanftheit gleichwohl einen gefürchteten Widerstand
im voraus zu bekämpfen schien: »Caspar wird morgen in unser Haus ziehen;
ich habe Exzellenz Feuerbach darum angegangen und er hat meiner Bitte
willfahrt. Ich hoffe, daß du nichts dawider einzuwenden hast, Mutter,
und daß du mir glaubst, wenn ich versichere, es ist eine Sache von
großer Bedeutung für mich. Ich bin höchst wichtigen Entdeckungen auf der
Spur.«
Mutter und Tochter sahen erschrocken einander an und schwiegen.
Am nächsten Morgen um zehn fanden sich Daumer, der Bürgermeister, der
Stadtkommissär, der Gerichtsarzt und einige andre Personen im Burghof
vor dem Gefängnisturm ein und warteten dritthalb Stunden auf den
Präsidenten, der bei dem Findling oben war. Daumer, der Gespräche mit
andern vermeiden wollte, stand fast ununterbrochen an der
Umfassungsmauer und blickte auf das malerische Gassen- und Dächergewirr
der Stadt hinunter.
Als der Präsident endlich unter den Wartenden erschien, drängten sich
alle mit Eifer heran, um die Meinung des berühmten und gefürchteten
Mannes zu hören. Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so düsteren
Ernst, daß niemand ihn mit einer Anrede zu belästigen wagte; sein
machtvolles Auge blickte brennend nach innen, die Lippen waren gleichsam
aufeinander geballt, auf der Stirn lag eine von Nachdenken zitternde
senkrechte Falte. Das Schweigen wurde vom Bürgermeister mit der Frage
unterbrochen, ob Exzellenz nicht geruhen wolle, das Mittagessen in
seinem Haus zu nehmen. Feuerbach dankte; dringende Geschäfte nötigten
ihn zu sofortiger Rückkehr nach Ansbach, entgegnete er. Darauf wandte er
sich an Daumer, reichte ihm die Hand und sagte: »Sorgen Sie sogleich für
die Übersiedlung des Hauser; der arme Mensch braucht dringend Ruhe und
Pflege. Sie werden bald von mir hören. Gott befohlen, meine Herren!«
Damit entfernte er sich in raschen, kleinen, stampfenden Schritten,
eilte den Hügel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche.
Die Zurückbleibenden machten etwas enttäuschte Mienen. Da sie alle
überzeugt waren, daß der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und
daß kein andres als sein Auge das Dunkel durchdringen könne, welches
über Untat und Verbrechen brütete, waren sie verstimmt über eine
Schweigsamkeit, die ihnen beabsichtigt und planvoll erschien.
Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers.