Sonst wenn ich nach Dalmatien kam, war ich auf den Zufall angewiesen,

mir in den Gassen die Stimmungen der Menschen zu erhorchen. Diesmal

haben es mir Empfehlungen erleichtert, die ich dem Grafen Ivo Vojnovič,

dem großen kroatischen Dichter, verdanke; sie schlossen mir manches

gastliche Haus auf. Nun sind mir diese scheuen, ernsten, schwermütigen

Menschen erst recht ins Herz gedrungen! So traurig sind sie, so

preisgegeben und ausgesetzt fühlen sie sich, mit ihrer tiefen Liebe zur

Heimat. Und immer dieselbe Klage: Niemand will uns anhören, man traut

uns nicht, wie in feindlichem Land hausen sie mit uns! Und überall hat

man mir dieselbe Geschichte wieder erzählt: wie vor ein paar Jahren

der Stadt Ragusa, weil einmal in ihren Straßen auf den durchfahrenden

Prinzen Danielo von Montenegro zu stark Hoch gerufen wurde, strafweise

ein Bataillon entzogen worden sei, »strafweise, als wären wir

unartige, schlimme Buben!« Noch klingt mir immer der dunkle,

schamverhüllte Ton zorniger Kränkung im Ohr, in dem mir's alle

erzählten: Wie schlimme Buben, die man in den Winkel stellt! Und darum

geht schließlich alles: sie wollen nicht von Wien »erzogen« werden,

sie fühlen sich reif, sich selbst zu erziehen, ihr eigenes Leben

wollen sie haben, ihrer eingeborenen, angestammten Art gemäß! Und dann

rücken sie an einen ganz nahe heran, und die mandelförmigen, samtenen

Augen glänzen ihnen, und, kindisch-treuherzig, beteuern sie, es sei

wirklich nicht wahr, daß sie Hochverräter sind, nur ihr schönes Land

möchten sie für sich haben.

[Illustration: _Agaven_]

Noch eine Geschichte haben mir alle gerne erzählt. Als der Kaiser Franz

einst nach Ragusa kam, gefiel ihm eine Straße sehr. Und er hörte: Die

haben die Franzosen gemacht! Und dann gefiel ihm eine Brücke. Und er

hörte: Die haben die Franzosen gemacht! Und noch manches gefiel ihm.

Und immer hörte er: Das haben die Franzosen gemacht! Bis er endlich

sagte: Schad', daß s' nicht länger da blieben sind, die Franzosen! So

sprach der staatsmännische Kaiser Franz.

Übrigens, wenn die Ragusaner Polizei noch weiter nett mit mir sein

wird, mir meinen Apparat unversehrt wiedergibt und den Film nicht

verdorben hat, will ich mich revanchieren und ihr raten, wie sie

sich noch patriotischer betätigen kann: Sie soll doch auch die

Ansichtskarten der Bocche konfiszieren!

Einstweilen aber sinne ich nach, wie ich's anstellen soll, um wieder

Lust zu kriegen, den Leuten Lust zu Dalmatien zu machen.

* * * * *

Diese Schilderung meines Dalmatinischen Abenteuers war dem jungen

Herrn von Chlumecky gar nicht recht, und er ließ sich darüber in der

Österreichischen Rundschau vom 15. März also vernehmen:

»Hermann Bahrs Dalmatien.

Dem Lande Dalmatien ist großes Heil widerfahren: Hermann Bahr hat es

entdeckt. Jetzt wird das Aschenbrödel Österreichs bald eine reiche

Prinzessin werden, denn Hermann Bahr sinnt darüber nach, wie er

»wieder Lust bekommen könnte«, den Leuten Lust zu Dalmatien zu

machen. Wie er uns selbst sagt, soll er über seines Verlegers Wunsch

ein »Büchel« schreiben, um Stimmung für Dalmatien zu machen. Es

scheint nicht, daß es dem Verleger wirklich darum zu tun ist,

gerade dieses Ziel zu erreichen. Der Ruf eines Landes muß schon wohl

begründet sein, um Hermann Bahrs zersetzenden Kritiken standhalten zu

können. Schon in dem Präludium[*] zu seinem »Büchel« bleibt uns

die ätzende Lauge seines Spottes nicht erspart. Sie ergießt sich wie

gewöhnlich über die Verwaltung Österreichs. Diese hat freilich ein

schweres Vergehen begangen. Hat es gewagt, Herrn Bahr nach seinem Paß

zu fragen und ihm den Kodak abzunehmen, als er in einem Festungsrayon

lustig darauf losknipste. Die böse, vom Polizeigeist Metternichs

durchdrungene Verwaltung! Sie unterfängt sich am Vorabend eines Krieges

in einem von Spionen durchkreuzten und von Feinden umlauerten Lande

den Fremdenverkehr ein bißchen zu überwachen. Und nun gar die

Kodakaffäre! Freilich: In Malta oder Villefranche oder Spezia wie

in jedem Kriegshafen oder anderen Orte des Auslandes, in dem wichtige

Festungen sich befinden, wäre Hermann Bahr einfach arretiert worden.

Selbst dann, wenn es dort keinen Kriegslärm gegeben und vielleicht auch

dann, wenn er gar nicht photographiert hätte, sondern mit seinem Kodak

bloß spazieren gegangen wäre. Selbst der Kaiserin Eugenie ist einmal

ähnliches widerfahren. Im Auslande kennt man eben in solchen Dingen

keinen Spaß, und Hermann Bahr verdankt es nur unserer Gemütlichkeit,

wenn es ihm dabei so glimpflich ergangen ist.

Wer ihn hört, muß freilich glauben, daß in Dalmatien das türkische

Spitzelsystem herrsche. Ausnahmezustände und Ausnahmezeiten werden als

Regel dargestellt und so dem ahnungslosen Publikum für immer die Lust

benommen, nach Dalmatien zu reisen. Das kleine »Abenteuer mit dem

Kodak« scheint Herrn Bahrs objektiven Blick getrübt zu haben,

denn auch die Wiedergabe seiner sonstigen Beobachtungen läßt das

unbefangene Urteil missen. Studien, die bei einer hastigen Eilfahrt

längs der Küste des Landes betrieben wurden, scheinen den Beobachter

zu befähigen, ein Urteil zu fällen, welches klarer und treffsicherer

sein soll als jenes von Beamten und Offizieren, die jahre- und

jahrzehntelang im Lande leben, es von Nord nach Süd und bis tief

ins Innere durchstreiften, dabei tagtäglich mit der Bevölkerung in

innigsten Kontakt kamen, und die heute alle es noch wagen, anderer

Meinung zu sein als Hermann Bahr. Das eben ist der Vorzug des Genies.

Es erfaßt alles auf den ersten Blick und kann aus einigen hie und da

aufgelesenen Andeutungen ein ganzes System ausklügeln. Schade nur, daß

die Quellen, aus denen Herr Bahr geschöpft, vielleicht etwas trüb, die

Ansichten, die er zu hören bekommen, recht einseitige waren. Man

darf nicht vergessen, daß Ragusa seit Jahren der Brennpunkt der

großserbischen Bewegung ist, welche gerade die Intelligenz der Stadt

erfaßt hat. Es scheint, daß Hermann Bahr in Kreise gelangt ist, die

man nicht konsultieren darf, wenn man über Österreichs Wirken in

Dalmatien die Wahrheit wissen will. Dies gibt uns den Schlüssel für

seine ganz eigenartige Auffassung der Dinge. »Die Polizei macht

das Land unsicher.« Gewiß, unsicher für jene, welche »still und

friedlich« ihre -- hochverräterischen Pläne mit Cettinje und Belgrad

weiterspinnen wollen, unsicher für jene, welche großserbischen Ideen

nachjagen. Diese »scheuen und schwermütigen Menschen« Hermann

Bahrs, die seit Jahrhunderten ein mit faszinierender Liebenswürdigkeit

verbundenes diplomatisches Auftreten einander vererben, haben auch

andere als Herrn Bahr über ihre wahren Ziele und Absichten getäuscht.

Mit etwas mehr Gründlichkeit würde aber Hermann Bahr dessen gewahr

werden. Er würde die ihm so unschuldig erscheinende Demonstration

für den Fürsten Danilo in ihrer Bedeutung einschätzen lernen, würde

erfahren, daß hinter dem Glanz dieser »mandelförmigen, samtenen

Augen« sich Hoffnungen verbergen, deren Kühnheit sein Erstaunen und

vielleicht auch sein Befremden erregen dürften.

Und noch einen anderen Irrtum begeht Bahr, indem er meint, man brauche

nur der eigenen Kraft des Volkes freien Lauf zu lassen, um Dalmatiens

wirtschaftliche Lage zu bessern. Es ist wahr: Österreich hat an

Dalmatien jahrzehntelang schwer gesündigt, aber gerade dadurch, daß es

von der Initiative der Bevölkerung immer erwartet hat, was dieser

ohne Anregung von außen besonders schwerfallen wird: sachliche, ruhige

Arbeit. Die Kräfte des Dalmatiners sind durch seine politischen

und nationalen Kämpfe, welche ihn mehr fesseln als jedwede andere

Betätigung, so sehr gebunden, daß sie auf keinem anderen Gebiete mehr

zu voller Entfaltung gelangen können. Daher erwartet der Dalmatiner

jeden Impuls, und mehr als das, jede praktische Tätigkeit zur

wirtschaftlichen Hebung des Landes immer nur von der Regierung. Die

Intelligenz Dalmatiens treibt Politik und übt Kritik an der Regierung

und ihren Maßnahmen. Der Verwaltung wird die Aufgabe zugewiesen, dem

Volke Arbeitsgelegenheit zu schaffen, für die materiellen Bedürfnisse

des Landes zu sorgen. Und eben dadurch haben die Regierungen

Österreichs gefehlt, daß sie jahrzehntelang darauf warteten, daß

dieses durch den Dalmatiner selbst geschehe. Damals, als die Verwaltung

keine Anregung zu geben wußte, da wurde sie in Dalmatien als indolent

verschrien. Heute, wo die Regierung die wirtschaftliche Wiedergeburt des

Landes selbst herbeiführen will, wehren sich die Dalmatiner gegen

die fremde Einmischung. Herr Bahr möge uns den Weg weisen, wie wir

es anstellen sollen, um diesen einander widersprechenden Wünschen und

Beschwerden gerecht zu werden. Solange er uns kein anderes Rezept zu

geben weiß, halten es viele für das beste, Dalmatien wie eine Kolonie

zu verwalten, in die man erst alles von außen hineintragen muß. Alles:

Kapital, Menschen, Impulse und Ideen.«

[*]: »Neue Freie Presse« vom 2. März 1908.

* * * * *

Ich lasse mir nun ja viel gefallen, aber doch nicht, daß der junge Herr

von Chlumecky den Retter Dalmatiens spielt; ich weiß zu gut, womit

er seine Zeit in Ragusa zugebracht hat. Ich bat also den Regierungsrat

Glossy zum Telephon, den Herausgeber des Blatts, um anzufragen, ob

ich antworten könnte. Er war einverstanden und so schrieb ich ihm am

19. März:

»Sehr verehrter lieber Herr Regierungsrat! Im letzten Hefte Ihrer

Rundschau macht sich Herr Baron Chlumecky der Jüngere das Vergnügen,

meine Meinungen über Dalmatien mit Ironie zu behandeln. Ich könnte ihm

das vergelten. Ich könnte ja zum Beispiel erzählen, wie man über ihn

in Dalmatien denkt; man kennt ihn dort und weiß manches von ihm. Doch

handelt es sich hier weder um ihn noch um mich, nicht um Personen,

sondern um die Sache, um Dalmatien. Ich kenne Dalmatien und die

Dalmatiner seit Jahren, nicht bloß vom Eildampfer aus, ich liebe das

Land und die Leute, sie tun mir sehr leid, und ich habe nachgedacht, ob

es denn nicht möglich wäre, aus Dalmatien ein österreichisches Land

zu machen. Jetzt, kommt mir vor, ist es dies keineswegs, sondern es wird

von uns nur mit Waffengewalt besetzt gehalten. Und wir werden es

uns, kommt mir vor, so lange nicht innerlich aneignen, als wir zu den

Dalmatinern und sie zu uns kein Vertrauen haben. Nach meinen Erfahrungen

zeigt aber die österreichische Verwaltung den Dalmatinern kein

Vertrauen und sie verdient von ihnen keins. Mein Eindruck ist alle

die Jahre her dort immer derselbe gewesen: ein armes, stilles, treues,

aufrichtiges und gehorsames Volk, das sich in seiner Not gar nichts

Besseres wünschen möchte, als gut österreichisch sein zu können,

wird durch Unverstand, Willkür und Rechtlosigkeit gepeinigt, als

sollte ihm gewaltsam sein österreichisches Gefühl ausgetrieben und es

vorsätzlich zum Hochverrat gezwungen werden. Da man nun damit bisher

nichts erreicht hat als Verwirrung, Argwohn und Haß im ganzen

Land, wäre ich dafür, es jetzt einmal mit Vernunft, Wohlwollen und

Gesetzlichkeit zu versuchen. Probeweise könnten ja, zunächst etwa

bloß für ein Jahr, Vernunft, Wohlwollen und Gesetzlichkeit in

Dalmatien eingeführt werden, und man könnte dann eben abwarten, was

aus den Dalmatinern werde, wenn sie sich einmal wohl fühlen. Das ist

meine Meinung über Dalmatien. Sie kann natürlich falsch sein. Aber es

kann ja auch die Meinung des Herrn Chlumecky falsch sein. Das können

wir beide nicht wissen. Wollen wir in Dalmatien darüber abstimmen

lassen, wer von uns beiden recht habe? Ich bin's bereit. -- Übrigens

weiß ich sehr wohl, daß Dalmatien fremde Hilfe braucht, darin hat Herr

Baron Chlumecky sicher recht. Ich habe nur noch nicht bemerkt, daß es

sie je von Wien bekommen hätte. Weshalb ich schon voriges Jahr einmal

in der Neuen Freien Presse vorschlug, Dalmatien sollte doch, da ja wir

nichts dafür tun, einer Berliner G. m. b. H. übergeben werden, und

erst neulich noch im Berliner Tageblatt über Dalmatien unter dem

Titel schrieb: Um Berliner wird gebeten! Ich sagte da meinen Berliner

Freunden: Dalmatien braucht Geld, das größte Geschäft wäre dort zu

machen, Österreich unterläßt es, also macht ihr es doch! Da es am

Ende ja wirklich gleich sein kann, woher Geld in das verlassene Land

kommt. Wenn Herr Baron Chlumecky eins bringt, solls ebenso willkommen

sein. Er will ja »kolonisieren«. Nur zu! Alles, alles soll durch ihn

ins Land gebracht werden, »Kapital, Menschen, Impulse, Ideen!« Nur zu!

Aber wenn er schon »alles, alles« in Dalmatien importiert, wüßte

ich ihm noch etwas, was er auch mitbringen könnte: ein bißchen

Gerechtigkeit, oh, einen einzigen Tropfen nur, einen einzigen kleinen

Tropfen Gerechtigkeit für den ersten Anfang.«

[Illustration: _Spalato, Porta aurea_]

Aber ich mußte dem verehrten Regierungsrat noch ein zweites Mal

schreiben, nämlich folgendes: »In der Österreichischen Rundschau vom

15. März hat sich Herr von Chlumecky über mein in der Neuen

Freien Presse vom 2. März erschienenes Feuilleton, »Dalmatinisches

Abenteuer« ausgesprochen. Telephonisch wurde dann zwischen Ihnen und

mir vereinbart, daß ich in Ihrer Zeitschrift antworten könnte. Zehn

Tage, nachdem meine Antwort an Sie abgegangen war, wurde ich von Ihrer

Redaktion verständigt, das Manuskript sei auf eine unbegreifliche

Weise in Verlust geraten; dies mit der Bitte, eine Kopie des Manuskripts

einzusenden, mit dem Bedauern, daß es nun leider für die Nummer vom

1. April zu spät sei, und mit der Versicherung, den Brief im zweiten

Aprilheft abzudrucken. Dieses zweite Aprilheft ist am 9. ausgegeben

worden und enthält meinen Brief nicht. Ich überlasse es Ihrem

Urteil, sehr verehrter Freund, ob dies unseren journalistischen Sitten

entspricht.«

Er antwortete mir: »Ich habe mir am 2. April erlaubt, Ihnen

mitzuteilen, daß ich Ihre Erwiderung Herrn Baron Chlumecky mitgeteilt

habe und hoffentlich in der Lage sein werde, Ihnen recht bald Nachricht

zu geben. Von meinem Osterausfluge zurückgekehrt finde ich sowohl ein

Schreiben des Herrn Baron Chlumecky als auch Ihre werte Zuschrift vom

13. d. M. vor. Herr Baron Chlumecky schrieb mir, daß man gerne Ihre

Stimme in einem sachlich begründeten Artikel, worin die Bedenken

der dalmatinischen Verwaltung erörtert und Vorschläge zu deren

Verbesserung gemacht werden, hören würde. Mit Ihrer Erwiderung könnte

er sich nicht einverstanden erklären. Ich möchte Sie also bitten,

hiervon Kenntnis zu nehmen und dem Vorschlage des Herrn Baron Chlumecky

zu entsprechen. Ich habe Ihnen bereits mitgeteilt, daß wir Herausgeber

uns in die Arbeit geteilt haben und daß der politische Teil unserer

Zeitschrift in das Arbeitsgebiet des Herrn Baron Chlumecky fällt. Ich

würde mich ungemein freuen, endlich einmal einen Beitrag aus Ihrer

Feder für unsere Zeitschrift zu erwerben. Sie können sich auch denken,

daß mir bei der besonderen Sympathie für Ihre Person diese Episode

sehr unangenehm ist, und ich hoffe, daß Sie mit Rücksicht auf Ihre mir

sooft bewiesene freundschaftliche Gesinnung auch diesmal entgegenkommen

werden. Ich bin auch der Meinung, daß bei Vermeidung jeder Spitze der

Effekt weit kräftiger und nachhältiger sein wird.«

Worauf ich dem verehrten Regierungsrat noch ein drittes Mal schrieb,

nämlich so: »Es tut mir sehr weh, Sie in dieser Gesellschaft zu sehen.

Ihre Redlichkeit kennend, weiß ich ja, wie schwer es Ihnen geworden

sein muß, das Gebot des journalistischen Anstands zu verleugnen.«

* * * * *

An Nikolaus Nardelli, den Statthalter von Dalmatien, schrieb ich am

9. März:

»Sehr geehrter Herr Statthalter! Um über Dalmatien, das ich seit

Jahren kenne, für einen Berliner Verleger ein kleines Buch zu

schreiben, bin ich nun wieder einige Zeit dort gewesen. Dabei wurde mir

in Spalato von Leuten, die durchaus mein Vertrauen haben, immer wieder

ein Vorgang erzählt, der sich vor ganz kurzer Zeit abgespielt haben

soll, der mir fast unglaublich vorkommt, der mir aber von allen mit

einer solchen Heftigkeit beteuert wird, daß ich ihn nicht werde

verschweigen können. Doch will ich nicht von ihm sprechen, ohne

zuvor Ihre Äußerung eingeholt zu haben, da Sie, sehr geehrter Herr

Statthalter, mir überall als ein gründlicher Kenner und der ehrlichste

Freund Dalmatiens bezeichnet werden und ich für Sie, für Sie

persönlich, keineswegs für Ihre Organe, die allergrößte Hochachtung

hege. Erzählt wird allgemein, daß vor einigen Monaten eine allgemeine

Entwaffnung angeordnet und dann in der Umgebung von Spalato bei den

Bauern nach Waffen gesucht worden sei. Nun besteht das einzige

Erbe dieser armen Leute in altertümlichen Gewehren, Pistolen oder

Handsäbeln, die von ihren Ahnen den Türken abgenommen worden und von

Geschlecht zu Geschlecht als kostbare Andenken an eine größere Zeit in

den Familien aufbewahrt geblieben sind. Es ist ganz unzweifelhaft,

daß solche längst unbrauchbar gewordene historische Geräte keine

»Waffen« im Sinne des Gesetzes sind. Und wären sie es, so müßte

doch jedenfalls der Ordnung gemäß verfahren und dem Eigentümer

mitgeteilt werden, was mit den »Waffen«, die man ihm konfisziert hat,

denn eigentlich geschieht, wohin sie gebracht worden und wo sie bleiben.

Erzählt wird aber, daß man dies unterlassen, den Bauern ihr Eigentum

einfach weggenommen und es verschleudert habe. Meine Vertrauensmänner

pflegen diesen Bericht mit der Bemerkung zu schließen, daß man

seitdem bei vielen Beamten und Offizieren merkwürdig reiche Sammlungen

kostbarer alter dalmatinischer Waffen finde. Meine Vertrauensmänner

stehen nicht an, dies als einen »amtlichen Raub« zu bezeichnen. Ich

wäre Ihnen, sehr geehrter Herr Statthalter, außerordentlich verbunden,

wenn Sie die große Güte hätten, mich darüber mit einigen Worten

aufzuklären.«

Als ich dem Hofrat Burckhard von diesen merkwürdigen »Entwaffnungen«

berichtete, sagte er: »Sie dürfen nur nicht glauben, daß dies etwas

Neues oder etwas besonders Dalmatinisches sei, nein, es ist gute alte

österreichische Tradition.« Und er erzählte mir, wie er als Bub

daheim einst ein verrostetes altes Schießgewehr fand und sein Vater,

als er ihn damit spielen sah, in argen Zorn geriet, weil dieses

Schießgewehr nämlich früher eine wunderschöne Flinte gewesen war,

die 1849, bei der allgemeinen Entwaffnung, abgeliefert werden mußte;

und als dann später die konfiszierten Waffen ihren Eigentümern

zurückgegeben wurden, siehe! da hatte die kostbare Flinte sich in ein

wertloses Schießgewehr verwandelt. Es gab also schon damals solche

Sammler und die dalmatinische Verwaltung hält sich an ein altes

Gewohnheitsrecht.

Auf meinen Brief an den Statthalter in Zara kam zunächst an mich ein

Brief aus Spalato. Einer meiner Freunde dort hatte erfahren, was ich an

den Statthalter geschrieben, ferner daß darauf der Statthalter bei

der dortigen Bezirkshauptmannschaft angefragt, und endlich, was die

Bezirkshauptmannschaft dem Statthalter geantwortet und was nun also der

Statthalter mir antworten werde. Dies alles schrieb mir der Freund, und

es machte mir Spaß, die Antwort des Statthalters früher zu wissen

als er selbst. Ich dachte einen Moment daran ihm zu schreiben: »Sehr

geehrter Herr Statthalter! Auf meinen Brief vom 9. d. M. werden Sie mir

antworten, daß usw. Ich erlaube mir darauf im voraus zu erwidern, daß

usw.« Aber das hätte ihn am Ende geärgert.

Der Statthalter antwortete mir am 30. März aus Zara:

»Euer Hochwohlgeboren! Wiewohl mir die von Euer Hochwohlgeboren

erwähnten Gerüchte über das Verschwinden amtlich konfiszierter Waffen

wenig glaubwürdig vorkamen, habe ich hierüber Erhebungen einleiten

lassen, aus welchen ich entnehme, daß die letzte Entwaffnung im Bezirke

Spalato im Jahre 1898 erfolgte. Die damals konfiszierten Waffen

befinden sich ausnahmslos noch gegenwärtig in Verwahrung der

Bezirkshauptmannschaft. Die Euer Hochwohlgeboren erteilten Informationen

über ein Abhandenkommen einzelner derselben muß ich demnach als ganz

unrichtig bezeichnen. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Euer

Hochwohlgeboren ergebener Nardelli.«

Ich schrieb darauf an ihn noch diesen Brief: »Sehr geehrter Herr

Statthalter! Nehmen Sie, sehr verehrter Herr Statthalter, meinen

allerbesten Dank für Ihre so freundlichen Bemühungen und Ihr

liebenswürdiges Schreiben vom 30. März. Was die Sache selbst

betrifft, die ja auch mir »wenig glaubwürdig« verkommt, so sind

mir inzwischen hierzu noch folgende Daten angegeben worden: ›Zu

Weihnachten 1908 wurden bei der Entwaffnung des Dorfes Otok im

politischen Bezirke Sinj den Bauern mehrere sehr schöne, kostbare,

antike Nationalwaffen genommen, welche die Bauern bei dem jährlichen,

am 15. August stattfindenden historischen »Alka«-Pferderennen

als Schmuck tragen. So wurde dem Dorfvorsteher von Otok, Luka

Milanovič-Litre des ver. Luka, zwei mit Silber beschlagene sehr

alte Gewehre und ein gleichfalls mit Silber beschlagenes und mit sehr

kostbaren Steinen besetztes Handjar-Messer genommen. Diese Waffen waren

schon über 150 Jahre im Besitze der Familie Milanovič.‹ So steht

nun Behauptung gegen Behauptung. Nochmals bestens dankend, bin ich, sehr

geehrter Herr Statthalter, Ihr aufrichtig ergebener H. B.«

Darauf erhielt ich vom Statthalter keine Antwort mehr, wohl aber

erschien in der Spalatriner »Sloboda« vom 18. Juni folgender Aufsatz:

»=Hermann Bahr für Dalmatien.=

Als Hermann Bahr den verflossenen Winter in Dalmatien zubrachte,

fragte er uns, da er sich für die Landes- und Volksverhältnisse sehr

interessierte, unter anderem, weshalb unsere reichen und altertümlichen

Volkswaffen immer mehr verschwinden, so daß sie heute zu einer

Seltenheit im Lande geworden sind.

Um dem Herrn Bahr dieses »Verschwinden« zu erklären, zeigten wir

ihm, wie auch in diesem »Unternehmen« unsere Regierung die Hauptrolle

spielt und es ausschließlich ihr Verdienst ist, daß es mit diesen

historischen und kunstvollen Andenken unseres Volkes so weit gekommen

ist.

Wir erzählten ihm folgendes: Unsere Regierung führt schon seit

mehreren Dezennien ununterbrochen und systematisch die Entwaffnung

des Landes durch; bei diesen Entwaffnungen wird auf die historischen

Volkswaffen der größte Wert gelegt, und werden dieselben von den

betreffenden behördlichen Organen mit einer gewissen Habgier gepfändet

und abgenommen; hierbei werden mit den neuen Waffen alte Gewehre,

Pistolen und Säbel abgenommen, mit denen man kaum eine Maus töten

könnte, die für das Volk jedoch die einzige Erinnerung an die

Heldentaten ihrer Vorfahren sind. Diese Waffen werden dann aus Dalmatien

nach Wien transportiert, und hier entweder um teures Geld verkauft, oder

unter die höheren Beamten und deren Freunde verteilt. Der verstorbene

Dr. Trojanović sah gelegentlich einer Opernvorstellung in Wien in der

Hand des Tenors einen herrlichen alten Säbel, der aus der Gegend von

Kotor stammte; als er mit diesem Tenor zusammenkam, sagte ihm dieser, er

habe den Säbel im Ministerium des Inneren erworben. Schließlich wurde

vor einiger Zeit das Dorf Glavice bei Sinj entwaffnet und hierbei den

Leuten kostbare, in Gold und Silber gearbeitete, sowie mit Edelsteinen

verzierte Waffen, abgenommen.

Als Herr Bahr dies hörte, staunte er und skandalisierte sehr über

dieses Barbarenwesen und diese Plünderung -- wie er es selbst

bezeichnete. Er wollte gar nicht an die Möglichkeit unserer

Behauptungen glauben, und sagte, daß dies nicht nur ein dalmatinischer,

sondern ein europäischer Skandal wäre, und begriff nicht, wie das Land

und besonders die Abgeordneten dem ruhig zusehen können, denn es wäre

doch unglaublich, wenn man diesem Vorgehen nicht Einhalt tun könnte...

Dalmatinische Reise · 第 9 / 10 段