geschätzt als gehaßt. Mit einer gewissen großen Vereinfachung, die
dann freilich im einzelnen nie völlig stimmt, kann man sagen, daß
einst Kroatien zwischen Stroßmayer, dem großslawischen Schwärmer, und
dem alten Starcevic, für den es auf der Welt nur Gott und die Kroaten
gab, geteilt war. Wer nun in dieser Richtung des Starcevic weiter denkt,
hält sich jetzt an den Doktor Josip Frank, während die Gläubigen des
großen Bischofs zur serbokroatischen Koalition gekommen sind, der der
Doktor Hinkovic angehört. Er ist ein unermüdlicher Verstandesmensch,
der ganz genau weiß, was er will, und seine Zeit abwartet. Die Neigung,
eher ein Wort zu wenig als ein Wort zuviel zu sagen, hilft ihm sehr, und
es ist sein Sport, sich um keinen Preis provozieren zu lassen. Als seine
Frau neulich aus dem Saal verwiesen wurde, ist er ganz still gesessen,
man hat ihm nichts angesehen, und es war nichts zu machen. Seinem
Kollegen, dem Serben Doktor Dusan Popovic wird dies weniger leicht, er
hat ein prachtvolles Temperament, gleich schießt ihm das Blut in den
ehrlichen Kopf, und er ringt insgeheim die Hände, weil er, ganz wie die
Angeklagten selbst, gar nicht verstehen kann, warum man denn oft, statt
Aufklärungen hinzunehmen, die ganz plausibel sind, noch nach ferneren
und unwahrscheinlichen Motiven sucht.
[Illustration: _Spalato_]
Dann ist mir noch was Lustiges passiert, wie es schon mein Schicksal
scheint, in meinem Vaterland nirgends unangefochten zu bleiben. Die
Bank der Journalisten war besetzt, so luden mich die Verteidiger ein,
zu ihnen zu kommen. Dies war mir erwünscht, weil sie mir ja manches
erklären konnten. Auch habe ich einen Hang zu symbolischen Akten, da
war es mir recht, mich an die Seite des Mitleids zu setzen. Wohl eine
Stunde saß ich dort, sehend und hörend, bis dann plötzlich der
Staatsanwalt in einen Zwist mit dem Doktor Popovic neben mir geriet.
Da fragte der Präsident, wer denn eigentlich der neue Verteidiger da
wäre, nämlich ich. Und ich verstehe ja gewiß, daß Zuschauer und
Zuhörer aus dem Norden oder Westen hier jetzt nicht gerade sehr
erwünscht sind oder doch sich so plazieren sollen, daß sie nichts
davon verstehen. Übrigens weiß ich dem Präsidenten allen Dank, es
ist mir lieber, daß er mich fortgeschickt hat, als wenn er mich am Ende
dort behalten hätte.
Nachts fuhr ich heim. Die Strecke nach Steinbrück scheint die
Bestimmung zu haben, die Entfernung zwischen Agram und Wien zu
vergrößern. Der Zug war mit Auswanderern voll. Bauern vom kroatischen
Land, nach Amerika getrieben, ein paar hundert. Ächzend schob der Zug
sich in die schwarze Nacht hinein. An den Stationen, im Dunkel, ihre
Mütter, Weiber und Kinder, mit den Schürzen winkend, in die Hände
weinend. Der ächzende Zug aber unerbittlich fort in die schwarze Nacht.
In der Ferne verhallt das Wimmern. Und die Bauern schreien, gewaltsam:
Nach Amerika!
12.
Als Epilog noch einiges, was die Fahrt ergab.
Von Ragusa schrieb ich an das Berliner Tageblatt um Hilfe:
=Um Berliner wird gebeten.=
Nämlich in Dalmatien.
Ich war jetzt wieder unten. Und überall dieselbe Klage, noch immer: Wir
haben keine Fremden! Und überall derselbe Wunsch, wieder: Ja, wenn wir
Berliner hätten! Allen ist es ausgemacht: Nur Fremdenindustrie kann uns
retten. Oder wie sie's gern sagen: Nur als Adriatische Schweiz
können wir leben. Und dürfen wir es nicht ansprechen? Wird nicht die
Landschaft der Bocche, mit den weißen Bergen am blauen Golf, nordischen
Fjorden verglichen? Lockt Lakromas verwunschener Hain nicht weicher
als Korfu? Haben wir in Salona, kaum eine halbe Stunde von Diokletians
verwittertem Palast, nicht unser Pompeji? Nicht die ganze Küste von
Arbe bis nach Ragusa hinab Reste der venezianischen Herrlichkeit,
mit einer Kraft im Zierlichen, einer Unschuld im Prächtigen, einem
Frühling in der Anmut hier, die daheim, in der Sicherheit des eigenen
Landes, längst zum Buhlerischen, Üppigen, Prahlerischen entartet?
Und dazu das Gewimmel serbischer, albanischer, türkischer Trachten,
in durchsonnten Farben! Und auf dem angestammten Stolz ungebrochener
Leidenschaften liegt der bronzene Glanz der slawischen Wehmut! Uralte
Sitten, aus griechischer Zeit noch, walten im Land, der Orient greift
herein, aber schon wühlen westliche Gedanken, Hoffnungen aus dem Norden
das Volk auf; und dies alles wird von dem ahnungslosen österreichischen
Militär bewacht! Galizien und Castilien und der Peloponnes ist hier,
aber in die Jugend bläst ein Alarm von Amerikanismus, Jugend dehnt
sich, Jugend streckt die kühnen Arme, während von den Forts der
Radetzky-Marsch klingt! Wo gibt es das noch, extremen Osten und Westen,
Süd und Nord, Urzeit und Zukunft so beisammen? Hier könnt ihr ein
totes Land sehen! Und hier könnt ihr ein Land erwachen sehen! Es ist
ein ganz einziger Augenblick. Und hier könnt ihr den Orient
begreifen, in seiner stillen Heiligkeit, und den österreichischen
Bezirkshauptmann, in seiner lauten Albernheit! Aber sachte gleiten diese
neuen großen, schönen Dampfer des Lloyd durch die glitzernde See,
weiße Möwen ziehen mit. Möwen, aber keine Fremden. Warum kommen keine
Fremden? Warum kommen die Berliner nicht? In zwei Tagen kann man von
Berlin in Triest, in vierundzwanzig Stunden von Triest in Ragusa sein.
Warum kommen die Berliner nicht? So hat man mich überall gefragt.
Es gibt drei Gattungen von Berlinern, die im Winter reisen. Erstens die
reichen Berliner. Sie gehen nach Schierke oder nach Kitzbühel oder
auf den Semmering. Dann die sehr reichen Berliner. Sie gehen nach Sankt
Moritz. Endlich die ganz reichen Berliner. Die gehen an die Riviera oder
an den Nil. Den Dalmatinern wäre jede der drei Gattungen recht. Warum
kommt keine?
Ich habe den Dalmatinern auf ihre Fragen gesagt, daß wahrscheinlich
deswegen kein Berliner nach Dalmatien kommt, weil noch kein Berliner
nach Dalmatien gekommen ist. Ich meine damit nicht bloß, daß der
Berliner wenig Neigung hat, einen Ort aufzusuchen, wenn er nicht sicher
ist, dort schon einen anderen Berliner vorzufinden. Er geht dorthin,
wohin »man« geht. Er gehört nicht zu den Entdeckern im Reisen. Dies
überläßt er den Engländern, deren Stolz es ist, die ersten zu sein
und ein Land sozusagen zu deflorieren. Aber ich meine damit auch
noch, daß hier erst einmal ein paar Jahre lang Berliner gehaust haben
müßten, um Dalmatien für Fremde einzurichten. Denn wenn der Berliner
auch kein Entdecker im Reisen ist, so gleicht er doch dem Engländer
darin, daß er als Reisender produktiv ist, indem er seine Gewohnheiten,
Sitten und Ansprüche in das Land mitnimmt und hier unterbringt. Dies
aber ist es, was wir hier brauchen, um Dalmatien erst für Europäer
wohnlich zu machen; und die Kraft dazu fehlt den Ungarn und den Wienern
ganz, den einzigen Gästen, die Dalmatien bisher hat. Nachdem man der
österreichischen Regierung zwanzig Jahre lang vorgesagt hat, es
könne doch auf die Dauer nicht genügen, dieses Land immer noch bloß
militärisch besetzt zu halten, sondern sie müsse nun doch auch einmal
mit einer Art Verwaltung beginnen, es müsse für das Land irgend
etwas einem Regieren Ähnliches geschehen, und das Nächste sei,
Fremde herzubringen, fängt sie jetzt langsam mit Erstaunen an, dies
einzusehen, glaubt nun aber alles getan, wenn sie den Lloyd verhält,
diese beiden neuen schönen großen Dampfer auszurüsten, den »Baron
Gautsch« und den »Prinzen Hohenlohe« (im Ministerium gilt es nämlich
für die Hauptaufgabe unserer Schiffahrt, eine Art Walhalla der großen
österreichischen Politiker zu sein), und wundert sich baß, daß
diese behaglichen Schiffe mit ihren liebenswürdigen Kapitänen dreimal
wöchentlich leer sind. Achthundert hätten Platz, meistens sinds
keine Zwanzig: ein paar Offiziere, nach Cattaro versetzt, ein paar
Offiziersfrauen, die ihre Männer auf vierzehn Tage besuchen, und die
paar Ungarn und Wiener, die eine Woche im Hotel Imperial in Ragusa
verbringen wollen, um einen Schnupfen loszuwerden. Läßt sich ein
solcher einmal verlocken, auch nach einer anderen Stadt oder gar nach
einer der Inseln zu gehen, so kommt er eilends zurück, entsetzt,
zerstochen und halb verhungert. Er ändert aber nichts. Denn Ungarn
und Wiener sind als Reisende ganz unproduktiv. Der Engländer, der ein
produktiver Reisender ist, sagt: Nein, das ist kein Bett, das ist kein
Essen, das ist kein Waschtisch, sondern das Bett muß so sein, das Essen
so, der Waschtisch so, vorwärts! und außerdem will ich noch folgendes!
Der Engländer weiß genau, was er will, zeigt es und läßt nicht ab,
bis er es durchgesetzt hat. Der Ungar schimpft, reist ab und schließt
daraus, daß Dalmatien ungarisch werden müsse. Der Wiener verdirbt sich
den Magen, aber gern, weil ihm das wieder einmal beweist, daß es nur
eine Kaiserstadt gibt. Und so zeigt niemand diesen höchst willigen
Leuten hier, was der Fremde braucht. Sie sind bereit, man muß es ihnen
nur sagen, denn sie wissen es nicht, man muß sie nur erziehen. Weshalb
ich wiederhole: Um Berliner wird gebeten! Denn der Berliner nimmt seine
Sitten, seinen Geschmack, seine Gewohnheiten auf Reisen mit und weiß
sie überall mit Entschiedenheit zu installieren. Beliebt macht er sich
dadurch wenig, was ja wohl auch kaum sein eigentlicher Ehrgeiz ist. Aber
man weiß: wo Berliner einmal einige Zeit waren, da kann man getrost
hin. Es gibt unter den Deutschen keinen anderen Stamm, der so sehr die
Kraft hat, zu kolonisieren.
[Illustration: _Trau_]
Um Berliner wird gebeten. Noch aus einem dritten Grunde. Wo nämlich
ein Berliner hinkommt, entsteht eine G. m. b. H. Jedes Gespräch in
Dalmatien aber schließt damit, daß man überall eine Gesellschaft mit
beschränkter Haftpflicht nötig hätte. Mit Wienern geht das nun leider
nicht, weil der Wiener seinen ganz eigenen Begriff von Geschäften hat.
Ein Geschäft, meint er, ist, was nachweisbar acht Prozent trägt, aber
pupillarsicher. Der Berliner weiß, daß man bei einem Geschäft auch
verlieren kann. Der Wiener sagt: Dann kaufe ich mir lieber gleich ein
Los. Als Argument führt er dafür an: Wenn schon, denn schon! Und so
geschieht's, daß man in Istrien und Dalmatien, die ganze Küste hinab,
alle zwei Stunden an ein Geschäft kommt, das bereit steht, für das
aber kein Geld zum Betrieb zu finden ist. Bei den Leuten hier nicht,
denn sie sind bettelarm. Bei der Regierung nicht, die sie mit Flausen
betrügt; auch ist sie der Ansicht, Brücken oder Straßen nicht
nach der Notwendigkeit, sondern nach dem Servilismus der Ortschaft zu
vergeben: Wählt klerikal, dann kriegt ihr die Eisenbahn! Und ein alter
Grundsatz bei uns ist: daß man, um Zement machen zu dürfen, erst eine
patriotische Gesinnung nachweisen muß. Was nun die guten Kroaten
noch nicht begreifen wollen; sie sind erst hundert Jahre lang
österreichisch. Sehen sie sich nun aber sonst nach Geld um, so tritt
ihnen die Wiener Forderung der sicheren acht Prozent in den Weg. Und so
bleiben die Geschäfte stehen und warten. Mir ist es eine Qual, hier zu
reisen, mit den wartenden Millionen am Ufer. Da ist Opcina, oberhalb von
Triest, die seligste Höhe, die ich weiß, im Schutz der Berge, mit
dem Blick übers Meer, auf Miramar und Grignano, bis zu den Lagunen
des weißen Grado hin, Alpenmacht und Meerespracht in der düsteren
Einsamkeit des Karst; lind lächelt die Luft, die Welle tanzt, Segel
leuchten, Möwen blinken, die Erde hat kein helleres Glück, und da
steht ein elendes, lächerliches Wirtshaus zwischen drei verschlafenen
Villen. Und so geht's die ganze Küste hinab, aus einem Entzücken ins
andere, aus einem Elend ins andere. Dort ragt der Monte Maggiore, aber
die Bahn wird nicht gebaut. Noch immer ist Triest mit Abbazia durch kein
Automobil verbunden, sie bringen die fünfzigtausend Kronen nicht auf.
Dort ist Medolino, der schönste Hafen, den wir haben könnten. Gewiß,
sagt die Regierung, gewiß! Drüben ist Arbe, unser Venedig, hier winkt
das Eiland Sansego! Schade, sagt die Regierung, daß hier keine Fremden
sind! Man kann aber hier nicht wohnen, kriegt nichts zu essen und hat
kein Bad. Und dann gar, zwischen Trau und Spalato, der Märchenweg der
sieben Kastelle, unsere Corniche! Man kann aber nirgends wohnen, kriegt
nichts zu essen und kann nicht baden. Und die Halbinsel Lapad bei
Gravosa mit den uralten Zypressen! Und San Giacomo bei Ragusa mit den
schiefen Agaven! Unheimlich ist es, wenn man so zwei Tage lang immer an
Millionen vorbeifährt! Überall winken die reifen Millionen am Ufer und
warten und scheinen die Hände zu ringen, zwischen den schwarzen Pinien
und den silbernen Ölbäumen: Fremdling, heb' mich doch auf, nimm mich
doch mit! Aber der Wiener sagt: Das ist mir ein unsichere Geschichte,
mit solchen Millionen; wenn man Pech hat, tragen sie einem fünf, sechs
Jahre lang nichts!
Um Berliner wird gebeten! Ich habe mir auf dieser ganzen Fahrt, an den
flehenden Millionen vorbei, nur in einem fort gedacht, wie ich's denn
bloß machen könnte, daß einmal zehn Berliner mit mir nach Dalmatien
kämen. Freche, hämische, Skat spielende Berliner; Berliner, die mir
schnoddrig den schönsten Sonnenuntergang verwitzelten: Berliner, die
mir vor dem Rektorenpalast der Ragusaner jüdische Anekdoten erzählten;
Berliner, die auf Lakroma, während aus dunklem Busch der Faun hinter
der Nymphe her über den gelben Fels springt, Sehnsucht nach dem Ball
der bösen Buben hätten. Ich will alles ertragen. Denn ich weiß, daß
mich am zweiten Tag doch einer mit seiner zottigen Hand auf die Schulter
schlagen wird, um mir zu sagen: Machen wir! Und nichts braucht Dalmatien
als so einen mit einer großen dicken schwarzen Importe in der rauhen
Hand, der es »macht«. Um Berliner wird gebeten!
Sagt aber doch ja nicht, ihr Herren, daß dies ein guter Spaß sei,
sondern merkt lieber auf, ob denn keiner hört, wie weh mir dabei ist.
* * * * *
Dann beschrieb ich in der Neuen Freien Presse mein =Dalmatinisches
Abenteuer=:
Platz hätten achthundert. Wir sind aber unser kaum zwanzig. Und als ich
letzte Woche hinunterfuhr, waren wir noch weniger. Überall hört man
jammern, die ganze Küste entlang, in allen Hotels, in allen Läden:
Leer, es wollen keine Fremden heuer kommen, leer! Und die Schuld wird
natürlich den Zeitungen gegeben; wieder einmal. Die Zeitungen haben
das angestellt! Die Zeitungen verscheuchen uns die Fremden, mit ihrem
Kriegslärm und ihrer Kriegsfurcht! Täglich hab' ich's überall hören
müssen: Schreiben Sie doch, bitte, bitte, schreiben Sie doch in die
Zeitung, daß es nicht wahr ist; daß wir hier in aller Stille leben,
wie sonst; daß weit und breit der schönste Friede herrscht; das
verdammte Kriegsgeschrei ruiniert uns noch alles! Die armen Leute taten
mir leid, so gern hätt' ich ihnen zu helfen versucht! Wenn ich nur
nicht inzwischen fast verhaftet worden wäre.
Das spielte sich in drei Akten ab. Es begann vorigen Mittwoch in
Cattaro. Wir kamen an, ich wollte nach Montenegro, da hieß es, die Post
gehe nicht, weil alles verschneit und der Paß unpassierbar für Wagen
sei. Ich glaubte das zunächst nicht, nach meiner Gewohnheit, zunächst
nichts zu glauben, und ließ meine Sachen ans Land bringen. Da trat
mir ein finsterer Mann entgegen, ein österreichischer Finanzer von
Aussehen, und auf italienisch, wie er mich mit meinem Facchino reden
hörte, forderte er mir meinen Paß ab. Zufällig hatte ich in meinem
alten Reisesack einen mit (er gilt natürlich längst nicht mehr, ich
habe ihn nicht erneuern lassen, weil ich ja meistens im Ausland reise,
und im Ausland braucht man keinen). Der Mann der Obrigkeit, der nicht
Deutsch konnte, sah sich den Paß lange an. Dann rief er einen Kollegen
herbei, der konnte auch nicht Deutsch. Und nun sahen alle zwei den Paß
an und konnten alle zwei noch immer nicht Deutsch. Endlich nahm der
erste wieder das Wort und fragte mich in seinem rauhen gutturalen
Italienisch, wohin ich denn wolle. Ich: Nach Cettinje. Er, schon sehr
argwöhnisch: Um was dort zu tun? Im reinsten Toskanisch, dessen ich
fähig bin, bekam er zur Antwort: Was ich will. Er glaubte nicht recht
verstanden zu haben und fragte wieder, als ob er schlecht gehört
hätte: Um was zu tun? Ich sagte wieder: Was ich will. Und noch einmal
wiederholte er seine Frage, ich meine Antwort: Um was zu tun? Was ich
will. Und plötzlich, mit einem freundlichen Wink, war ich entlassen.
Ist das nicht echt österreichisch, harmlosen Passagieren erst
durch unnützes Verhör die Reise zu verleiden, wenn sich dann aber
herausstellt, daß sie gar nicht harmlos sind, sondern frech, sogleich
Respekt vor ihnen zu haben?
[Illustration: _Trau_]
Nun war aber wirklich kein Gefährt nach Cettinje zu kriegen; es
regnete, der Sturm stieß mir ins Gesicht, so beschloß ich, in meinem
geliebten Ragusa besseres Wetter abzuwarten. Und erst heute fuhr ich
nun wieder nach Cattaro. Zweiter Akt in dieser Tragödie von der
dalmatinischen Hebung des Fremdenverkehrs. Ort: Hafen von Gravosa. In
Erwartung des Dampfers. Der Morgen glänzt, leise Wellen schweben durch
die Bucht, drüben grünen die Kiefern hell. Torpedos und Kriegsschiffe
liegen draußen, grau wie Forellen. Ich stehe, mein Gepäck und einen
von diesen stillen, geduldigen, gottergebenen Trägern neben mir. Und
nichts Verdächtiges war an mir, bis auf den Schädel, den mir der liebe
Gott verliehen hat. Da kam plötzlich langsam ein Feldwebel von der
Gendarmerie zu mir heran, mit einem großen, offenen, herzensguten
Gesicht, und grüßte mich recht freundlich und war sichtlich sehr
verlegen, wie jemand, der sich furchtbar geniert. Es half ihm aber
nichts, er mußte schließlich doch meinen Paß verlangen. Sehr froh war
er, daß ich einen hatte. In meiner Bosheit hätt' ich's ihm gegönnt,
keinen zu haben; es fiel mir aber zu spät ein; im ersten Moment regt
sich doch stets der ausgezeichnete Staatsbürger, wenn man in Linz
geboren ist; auch fuhr schon der Dampfer an. Mit hohen Ehren gab mir
nun der Gendarm den Paß zurück, den ich alle die Jahre her in Italien,
Frankreich und England niemals gebraucht. Und jetzt Akt drei! In Cattaro
hieß es nämlich wieder: Alles verschneit, kein Wagen kommt durch!
Und wieder vertröstete mich mein Freund Milo Milosevič, Packträger,
Bruder eines Postkutschers und Montenegriner: In ein paar Tagen,
vielleicht morgen schon! Aber ich hatte keine Lust, in dem
säbelklirrenden Ort mit den aufgezwirbelten Kadetten zu bleiben, und
zog es vor, nach Spalato zu fahren. Also ging ich aufs Schiff zurück,
da lauerte mir schon das Verhängnis auf. Es bestand zunächst aus einer
ganz merkwürdigen, schneehellen Luft, die von solcher Reinheit war,
daß alles darin wie frisch gebadet schien; und nun oben der Himmel,
unten das Wasser von einem venezianisch unwahrscheinlichen Blau,
dazwischen aber das kreischende Kreideweiß des neu gestreuten Schnees
in allen Bergen. So jung hatte mir schon lange keine Luft geglänzt;
als wär's ein neuer Anfang aller Dinge. Zweitens aber bestand
das Verhängnis aus einer Kette von Möven, diesen blitzschnellen,
flugfrohen Möven, die hier in der Adria und unten im Mittelmeer oft
tagelang den Schiffen folgen. Ein ganzer Zug war's, einige darin aber
ganz toll vor Übermut, sich zu regen, wie betrunken von Sonne; und
tauchten und stiegen und sprangen und bogen sich und warfen sich und
trieben's so arg wie junge Delphine oder lange, lichte Engländerinnen,
die Tennis spielen. Und eine, die war gar geheimnisvoll: sie schien's
gar nicht nötig zu haben, erst zu fliegen, sondern ganz still hielt sie
sich, und der Wind, auf seinem sanften Arm, trug sie. Da war's um
mich geschehen. Nichts reizt mich nämlich mehr, als den Vogelflug zu
photographieren. Nie gelingt's, drum will ich's immer. Einen Apparat
hatte ich mit. Ich soll ja nämlich für meinen Verleger ein Büchl
über dieses Land schreiben, um den Menschen in Berlin ein bissel Lust
zu Dalmatien zu machen; und da, meint er, wären ein paar Aufnahmen
gut. Also: ich stelle den Apparat auf die Möven ein, aber das Schiff
stößt. Da sind wir gerade vor Castelnuovo, hier wird nicht gelandet,
sondern Boote legen an. Der Dampfer steht, die Möven schweben,
eben will ich knipsen, da schreit mir ein Individuum, das wie ein
Briefträger aussieht, aus einem Boot herauf in rauhem Deutsch mit
rabiaten Gesten zu, nicht die Festung zu photographieren! Ich lache und
sage gelassen zurück: »Aber nein, ich will ja bloß die Möven, die
Festung ist doch sicher den Italienern längst bekannt, also wozu?«
Aber schon bewegen wir uns wieder, ich habe die kleine Möve verloren,
nun freut's mich auch nicht mehr. Und den blauen Golf entlang, still auf
dem Deck spazierend, genieß ich das Glück des silberweißen Tages und
denke nur insgeheim, daß es gar nicht so einfach ist, den Menschen Mut
zu Dalmatien zu machen! Und schon biegen wir wieder in die gelinde Bucht
von Gravosa, wir landen, siehe, da springt ein aufgeregter Herr aufs
Schiff, ein Telegramm in der Hand schwingend: der Polizeikommissär!
Mein Pech war nun, daß unser Kapitän mich kannte und dem Kommissär
meinen Namen nannte. Und leider war es ein wohlgebildeter und
wohlgesitteter, sehr artiger Kommissär (auch das gibt's!), der sich
höflich entschuldigte, mir zur Entschuldigung das Telegramm wies, das
jener gelb ausgeschlagene Lackl von Castelnuovo dem Spion mit dem Kodak
patriotisch nachgeschickt, nur »der Form wegen« meinen Paß zu sehen
bat und mir, wohl auch »nur der Form wegen«, den Apparat abnahm, aber
baldigst nachzusenden versprach -- aber sicher wird die Polizei schlecht
»entwickeln«! Schade. Wie schön wär's gewesen, in Ketten über
den Stradone zu marschieren! Die besten Gelegenheiten versäumt man.
Ernsthaft: wenn ich nun nicht zufällig »einer von der Zeitung« wär',
die jeder haßt, aber mit einer solchen Heidenangst davor? Wenn ich
ein unbekannter junger Maler wär'? Oder gar ein ehrsamer, lustiger
Schneidergesell? Den hätten sie drei Wochen eingesperrt und mit dem
Schub nach Haus geschickt.
Ich höre nun liebe Wiener sagen: Muß er denn auch grad jetzt nach
Dalmatien gehen, bei den aufgeregten Zeiten? Sie haben ganz recht: man
muß nicht. Aber darum handelt es sich ja grad: denn die Dalmatiner
möchten doch, daß man muß. Und seit Jahren werden doch in den
Ministerien so viele Köpfe gekratzt, dienstlich oder freiwillig, was
denn geschehen soll, damit man nach Dalmatien muß! Und wie kann ich den
Dalmatinern den Gefallen tun und »in die Zeitung schreiben«, daß hier
niemand was von Kriegsgefahr und Aufregung weiß und alles still und
friedlich ist, wenn man nicht einmal mehr dem banalen Mädchensport des
Kodaks frönen darf, in seinem eigenen Lande nicht? Ja, die Dalmatiner
gehen freilich ruhig ihren Arbeiten und Sorgen nach, sie wissen nichts
von Lärm und Furcht, sie sind still und friedlich wie sonst, sie schon;
das ist schon wahr. Aber die Polizei macht das Land unsicher. Und da
hab' ich's: Ich muß in diesem Satze nur Verwaltung noch für Polizei
einsetzen, und er drückt vollkommen das Gefühl aus, das mir in
Dalmatien nicht von der Seite geht. Die Verwaltung macht Dalmatien
unsicher, das ist es. Seit Jahren reise ich hier und muß mich immer
wieder fragen, was denn so bang und schwer hier auf allen Menschen und
allen Dingen liegt. Und eigentlich kommt's mir immer mehr und mehr so
vor: Wir haben dieses Land inne, wir halten es besetzt und bewacht, aber
wir eignen es uns noch immer nicht an, dafür tun wir nichts. Wir eignen
es uns nicht an, denn dazu gehörte Vertrauen bei beiden; und Vertrauen
hat keins. Das Verhältnis ist: dem Dalmatiner ist von vornherein alles
verdächtig, was von der Regierung kommt, und der Regierung ist von
vornherein alles verdächtig, was der Dalmatiner will; und trifft es
sich zuweilen einmal, daß beide dasselbe wollen, so kriegen beide
Angst, und beide denken, daß sie sich geirrt haben müssen! Die
Regierung sagt, sie will das Beste. Möglich. Die Dalmatiner sagen auch,
sie wollen das Beste. Höchst wahrscheinlich. Und dieses Beste, wovon
in einem fort geredet und worüber in einem fort geschrieben wird,
warum geschieht es nie? Weil die Regierung meint, es müsse von ihr aus
geschehen, nach ihrer Wohlmeinung und als eine Belohnung sozusagen, die
sich die Dalmatiner erst durch artige Sitten zu verdienen hätten. Und
weil die Dalmatiner verlangen, daß es durch sie selbst geschehe, durch
ihres eigenen Volkes Kraft und nach seinem Bedürfnis und als sein
Recht. Darum bleibt, was immer man in Wien für Dalmatien »erlassen«
mag, die Stimmung im Lande stets: Timeo Danaos et dona ferentes.
Man muß in alten Memoiren nachlesen, aus der Zeit, als wir noch in
Oberitalien saßen. Auch da sind wir immer Danaer geblieben. Und unsere
Verwaltung macht überall immer doch die alten Dummheiten wieder!