Statthalter Nardelli, worin er ihm Einiges, was er in dieser Beziehung
gehört, mitteilte, und fragte ihn ob es wahr sei, daß gelegentlich der
Entwaffnung im Jahre 1907 in einem Dorfe des Bezirkes von Splitazach die
altertümlichen Volkswaffen den Bauern abgenommen wurden. (Bahr glaubte
nämlich, daß das Dorf Glavice im politischen Bezirke von Split gelegen
sei.) Die Statthalterei wußte zwar genau, daß sich dies auf den Ort
Glavice beziehe, machte sich jedoch den Irrtum Bahrs zu Nutzen, und
stellte fest, daß schon seit zehn Jahren im Bezirke von Split keine
Entwaffnung vorgenommen wurde, und daher auch die Behauptung Bahrs nicht
der Wahrheit entspreche.
Herr Bahr ruhte jedoch nicht, erfuhr, daß der Ort Glavice zum
politischen Bezirk von Sinj gehöre, daß derselbe im Jahre 1907
entwaffnet wurde, und daß bei dieser Gelegenheit nebst anderen auch
dem Luka Milauvire-Litre zwei kostbare Stücke alter Waffen abgenommen
wurden.
Als Bahr im Besitze dieser unwiderlegbaren Tatsachen war, drohte er
diesen ganzen systemisierten Skandal der Plünderung des Nationalgutes
in die europäische Presse zu bringen, falls dem nicht ehebaldigst
entgegengetreten würde.
Die Drohung des deutschen Herrn Bahr flößte doch den Herren in Zadar
und Wien Angst ein, obwohl sie die Drohungen unserer Abgeordneten
unbeachtet ließen, und die Folge war, daß die Statthalterei
einen Erlaß erließ, worin angeordnet wird, daß die dem Luka
Milanovič-Litre, gelegentlich der Entwaffnung abgenommenen Waffen
sogleich rückzuerstatten sind, und am 27. Mai l. J. sandte die
Statthalterei ein Zirkular an alle Bezirksvorstände, in welchem
bestimmt wurde, daß von nun an bei der Entwaffnung dalmatinischer
Ortschaften auf die alten Waffen genau zu achten ist, und solche weder
gepfändet noch abgenommen werden dürfen, sondern im freien Besitze
desjenigen zu verbleiben haben, bei dem sie gefunden wurden.
So wird durch das Verdienst eines Fremden unser Volk in der Lage sein,
die wenigen Überreste der historischen Waffen behalten zu können. Dies
ist zwar sonderbar und traurig, aber wahr.«
In diesem Aufsatz wundert mich nur, daß die Statthalterei als eine
»Drohung« empfunden haben soll, was doch nur eine höfliche Anfrage
war.
Am Ende wird man dieses ganze Buch auch als »Drohung« empfinden,
während es doch nur zornige Liebe ist, die hier spricht.
Ich will helfen, Österreichs schönstes Land vor seinen tückisch
schleichenden Verderbern zu retten und ihm die Freiheit zu bringen.
=Ende=
DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG
_Werke von Hermann Bahr_
(_S. Fischer, Verlag, Berlin_)
_Die gute Schule. Roman. 2. Auflage. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk._
_Neben der Liebe. Wiener Roman. 2. Auflage. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk._
_Dora. Wiener Geschichten. 2. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Caph. Novellen. 2. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Renaissance. Neue Reihe zur Kritik der Moderne. Geh. 3,50 Mk., geb.
4,50 Mk._
_Theater. Ein Wiener Roman. 3. Auflage. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk._
_Tschaperl. Ein Wiener Stück. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Josephine. Ein Spiel. Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk._
_Der Star. Ein Wiener Stück. 2. Auflage. Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk._
_Wiener Theater (1892-1898). Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk._
_Die schöne Frau. Novellen. 2. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Rezensionen (Wiener Theater 1901-1903). Geh. 5 Mk., geb. 6 Mk._
_Dialog vom Tragischen. Essays. Kart. 2,50 Mk._
_Der Meister. Komödie. 3. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Sanna. Schauspiel. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Die Andere. Schauspiel. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Glossen (Zum Wiener Theater 1903-1906). Geh. 5 Mk., geb. 6,50 Mk._
_Ringelspiel. Komödie. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Die gelbe Nachtigall. Komödie. Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk._
_Stimmen des Bluts. Novellen. 2. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk._
_Die Rahl. Roman. 3. Auflage. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk._
_Drut. Roman. 4. Auflage. Geh. 5 Mk., geb. 6 Mk._
_Theater_
_Hermann Bahr hat sein oft gegebenes Versprechen gehalten, er hat den
ersten bodenechten Wiener Roman geschrieben._
(_Wiener Tagblatt_)
_... So hat denn sein Roman, den er selbst einen Wiener Roman nennt,
bei aller Lokalfarbe doch etwas Allgemeingültiges, ist ein menschliches
Dokument, das seinen Wert behalten wird, auch wenn alle Modelle, von
denen er die Einzelzüge entlehnt, längst den Weg alles Fleisches
gegangen sein werden... Ein so mondänes Buch wie das Bahrsche darf
man selbst denen empfehlen, die sich mit Grund vor deutschen Romanen
fürchten. Eine spannende Plauderei für den Oberflächlichen, ist
es ein hochrespektables Kunstwerk für den Verständigen, in Plan
und Detailausführung gleich bemerkenswert, zugleich aber eine
Prosaleistung, vor der man den Hut abnehmen darf._
(_Neues Pester Journal_)
_Glossen_
_So manche der in der Glossensammlung besprochenen Autoren werden im
Mausoleum der Literaturgeschichte vermodert, so mancher heute noch laut
ausgerufene Name wird, vergessen und verschollen, selbst den Gelehrten
nicht mehr geläufig sein -- in dem höchst anziehenden und lehrreichen
Buche des impressionistischen Dichterkritikers werden sie vor der
Nachwelt ihre Auferstehung feiern._
(_Die Wage, Wien_)
_Stimmen des Bluts_
_Jede dieser lässig skizzierten Erzählungen hat irgendeinen Reiz, der
fasziniert. Ihre Vorwürfe sind bizarr. Die geheimnisvolle Anziehung und
Abstoßung zwischen den Geschöpfen wird von einem skeptischen Weltmann
mit eleganter Nachlässigkeit beplaudert. Es ist Pose in dieser Eleganz,
Nachlässigkeit vor dem Photographen, aber es ist künstlerisch und
niemals langweilig._
(_Süddeutsche Monatshefte_)
_... Wer aber diese Geschichten liest, der wird eine Weile lang sonst
unhörbare, nie völlig erschürfte Quellen des Lebens rauschen hören
und eine Weile lang gedankenvoll Dingen nachgrübeln, die ganz abseits
vom Wege unseres nüchternen Rechenverstandes liegen und die nur ein
Dichter zuweilen bis an die Schwelle unseres Bewußtseins zu heben
versteht._
(_Pester Lloyd_)
_Drut_
_... den österreichischen Roman zu schreiben, das Buch, in dem
nicht einzelne Typen, sondern der gesamte Komplex von verknöcherten
Traditionen, kampfbereiten Expansionsgelüsten, innerem Parteihader,
still arbeitenden politischen Gewalten, von Liberalismus und
Demagogentum, von ehrfürchtiger Kaisertreue und scheelem Zynismus, von
müde gewordenen Hoffnungen und machtdurstiger Geschäftigkeit, in dem
dieser Komplex von mehr fühlbaren als faßbaren Dingen lebendig
würde und dies in der spezifisch weichen, lebensfrohen Atmosphäre
Österreichs -- dieses Buch zu schreiben gelang erst heute Hermann Bahr
in seinem eben erschienenen Roman »Drut«... Es wird Leute geben, die
sich an diesem allzu frischen Zusammenhang des Bahrschen Romans mit
realen Ereignissen stoßen werden. Sie werden das Buch lesen müssen,
um zu sehen, wie ein Künstler den Einzelfall ins große Allgemeine,
Typische zu weiten weiß. Mit welch tiefer Seelenkunde, mit welch warmem
Verstehen und namentlich mit welch unglaublicher Lebensechtheit die
Menschen hier gestaltet sind. Und wie in ihr Tun alle Probleme und
alle Mächte des heutigen Österreich hineinspielen, wie greifbar
die österreichische Landschaft hineingrüßt -- und sie werden dann
bewundernd zu der Höhe der Kunst hinaufsehen, zu der sich Bahr durch so
vielerlei Wandlungen emporläuterte._
(_Pester Lloyd_)
_... So bekommen wir auch in diesem Roman, der, künstlerisch
gemessen, eines seiner bedeutendsten und vollkommensten Werke, ein
österreichischer Roman im besten Sinne des Wortes, ein wundervoll
lebendiges Bild unserer Zeit ist, doch auch manchen prächtigen
Essay, manche treffende Abhandlung über soziale und ethische Fragen
zwischendurch zu lesen. -- Bahr will eben nicht bloß unterhalten,
sondern auch überzeugen. Er ist Bildner und Lehrer, Prophet und Dichter
zu gleicher Zeit. Sein Roman ist in diesem Sinne auch ein politisches
Buch. Und es ruft nicht bloß -- wie sonst meistens Romane -- Frauen
und Jünglinge, sondern auch und vielleicht vor allem Männer zu seinen
Lesern herbei. Männer, die dieses Österreich lieben wie Bahr selbst
und denen Österreichs Zukunft am Herzen liegt._
(_Neue Freie Presse, Wien_)
_Die Rahl_
_Hermann Bahr hat einen neuen Roman geschrieben: »Die Rahl«. Aus dem
Theaterleben, dem Bahr schon so viel psychologische Beute verdankt.
Diesmal steht eine große Tragödin in der Mitte und neben ihr ein
kleiner Schuljunge, ein Gymnasiast. Die Rahl lebt im Leben nur ein
Scheindasein, ihr inneres und echtes Leben lebt sie auf dem Theater; der
arme kleine Junge neben ihr darf eine Nacht lang ihr Genosse sein, und
da der Gymnasiast in der Wirklichkeit steht, kann er es nicht begreifen,
daß die Künstlerin die große Stunde so rasch vergessen konnte. Am
Ende, da der Jüngling von den Bedienten der Rahl nicht mehr vorgelassen
wird, dringt er in seinem knabenhaften Mut bis zu dem Grafen, dem Gatten
der Tragödin, vor, um ihm alles zu »enthüllen«. Das ist eine von
delikatestem Witz eingegebene Szene. Dieser bebende kleine Junge,
der mit der Romantik seiner sechzehn Jahre vor einem vom Leben
durchgegerbten, aus Notwendigkeit milde gewordenen Gatten steht, nun
von dem vermeintlichen »Unterdrücker« die Geliebte fordert, und als
Antwort nur ein sehr gütiges, nachsichtiges Lächeln empfängt! Ich
wüßte nicht, welcher Deutsche außer Hermann Bahr eine ähnliche
Szene schreiben könnte. Diese aus seelischem Wissen entspringende
Lustspielstimmung gehört nur ihm. Wo ist denn ein anderer Deutscher,
dessen Humor aus psychologischem Untergrund kommt? Der Roman ist mit
einigen sehr scharfen Silhouetten aus der Mittelschulwelt geschmückt,
und besonders in Wien wird das angedeutete Porträt des »kleinen
Beer«, des jüdischen Revolutionärs im Obergymnasium, von Hunderten
Jünglingen als das eigene Bild angesehen werden._
(_Wiener Arbeiterzeitung_)
[Illustration]
[ Hinweise zur Transkription
Das Verlagsemblem wurde vom Vorblatt zum Buchende verschoben.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:
Seite 28:
"ungrischen" geändert in "ungarischen"
(Hafen von Preluka, knapp an der ungarischen Grenze)
Seite 30:
"zerstriebend" geändert in "zerstiebend"
(lacht noch schrill und ist schon zerstiebend wieder versunken)
Seite 101:
"Verständnise" geändert in "Verständnisse"
(zum klaren Verständnisse seiner Aufgaben aufschwang)
Seite 123:
"unsrerer" geändert in "unserer"
(wenn wir unserer Südslawen nicht sicher sind)
Seite 142:
"Bote" vereinheitlicht zu "Boote"
(hier wird nicht gelandet, sondern Boote legen an)
Seite 142:
"Bot" vereinheitlicht zu "Boot"
(aus einem Boot herauf in rauhem Deutsch)
Seite 158:
"9. d." geändert in "9. d. M."
(Auf meinen Brief vom 9. d. M. werden Sie mir antworten)
Seite 165:
"Kart" geändert in "Kart."
(_Dialog vom Tragischen. Essays. Kart. 2,50 Mk._)]