wollte den Mann sehen, an den sein ganzes Volk glaubt. Solche Männer
haben wir heute nicht. Wir in Wien, wir in Berlin. Vielleicht gehört es
zur »Kultur«, solche Männer des Vertrauens nicht zu haben. Also ging
ich aus, sein Haus zu suchen. Wie man in polnischen Städten, wohin man
auch gehe, zunächst immer auf den »Ring« kommt, einen Platz, auf dem
die Bewohner der Stadt ihr Leben zubringen, so ist es hier der Gospodski
Trg, die Piazza dei Signori, zu der jeder Weg führt. Hier ist der
Orient, alle Farben sind hier, das Leuchten der ausgebotenen Orangen
verblaßt am Feuer dieser Trachten. Wunderschöne alte Leute mit ganz
stillen, ganz großen Gebärden. Sie lehnen den weißen Kopf an die
Mauer und ruhen aus. Sie ruhen immer aus. Manchmal schreit einer
plötzlich etwas, ein anderer springt auf, sie fahren sich an, jetzt
sind zehn, jetzt schon zwanzig beisammen, im Rudel so dicht beisammen,
daß es ein einziger ungeheurer Rumpf mit unzähligen Köpfen und Armen
scheint, sie schreien, sie stoßen, sie drängen und doch bleibt mitten
im Lärm die große Ruhe da. Aus dem Gedränge ragt ein starker Arm,
der einen Tschibuk hält, mitten im Gedränge. Und wie einen schweren
dichten Mantel haben sie noch immer ihre große Ruhe um. Und plötzlich
ist es aus. Und plötzlich ist alles wieder still. Und die weißen
Köpfe lehnen wieder an der Mauer, ausruhend. Ich gehe auf den mit dem
Tschibuk los, um ihn nach Smodlaka zu fragen. Ich frage italienisch.
Er versteht mich nicht. Ich zeige den Brief, den man mir für Smodlaka
gegeben hat. Und ich wiederhole: Smodlaka, Smodlaka! Ein bildhübscher
junger Mensch hört den Namen, tritt auf mich zu und spricht mich
kroatisch an. Ich antworte italienisch, er wieder kroatisch. Ich
verstehe, daß er italienisch versteht und es nur nicht sprechen will.
Pantomimisch bietet er sich an, mich zu führen. Wir gehen. Ein zweiter
Jüngling, auch dieser wunderhübsch und von einer merkwürdigen
Wildheit, schließt sich an. Und gleich noch ein dritter, sehr groß,
mit exzessiven Beinen. Und bald ist es ein ganzer Zug, ich mitten drin,
langsam durch die Gassen stapfend, und die schlanken, hitzigen Burschen
neben mir mit ihren federnden, drängenden Tritten. Der bloße Name
Smodlaka hat mir eine ganze Garde von Jugend gebracht. Und seltsam
kommt's mir vor, wie wir so schreiten, so gar nichts Slawisches an ihnen
zu finden. Wie junge, frohe, deutsche Turner sind sie.
Smodlakas Zimmer ist ganz einfach. Ein großer Schreibtisch, zwei
Sessel, sehr viel Bücher. Kroatische, russische italienische,
englische, französische, deutsche Bücher. Viel Staatswissenschaft,
Ökonomie, Statistik. Sehr viel Geographie, sehr viel Orient, sehr viel
Kolonien. So mags bei Dernburg aussehen. Oder mein lieber Johannes V.
Jensen könnte diese Bibliothek haben. Aber da kommt Smodlaka und ich
frage, verwirrt, ungläubig, fast erschreckt: Herr Doktor Smodlaka?
Er lacht und sagt ein paar freundliche Worte, schon sind wir mitten im
Gespräch; er gehört zu den Menschen, die man nach zwei Minuten
seit Jahren zu kennen glaubt. Und doch kann ichs noch immer gar nicht
glauben, daß dies wirklich, dieser Wikinger, dieser Ibsen-Mensch hier
vor mir, Smodlaka sein soll, der Heilige von Dalmatien! Und dann fällt
mir ein, daß daran aber bloß Heinrich Mann schuld ist. Nämlich sein
Pavic, in den »Göttinnen«, der morlakische Tribun, trifft das, was
sich ein Deutscher unwillkürlich unter einem südslawischen Demokraten
zu denken gewohnt ist, so sehr, daß man es nun dem Leben gar nicht
glauben mag, es könnte doch auch anders sein. Jetzt weiß ich das erst
und werde lachend gewahr, daß ich bei mir, ohne es selbst zu wissen,
Smodlaka ja die ganze Zeit als Pavic gesehen! Mit wehendem Bart,
mit flatternden Gebärden, mit schnaubender Stimme. So einen kleinen
kroatischen Gambetta halt. Und nun sitzt eine Art Roosevelt vor mir, ein
Luftmensch, ein Ingenieur, stark bäuerisch im Denken, einer, der keine
Worte macht, sondern Hand anlegt, kein Phantast, ein Rechner, einer, der
sich nicht an Phrasen, sondern an das Bedürfnis hält, einer, der auf
kein Programm, sondern auf die Not hört, ein Wegmacher, der vor dem
eigenen Hause beginnt, einer, der ausholzen und Luft haben und Licht
machen will. Und ich reibe mir die Augen und frage plötzlich: Ja, bin
ich denn in Schweden? Da sieht er auf und lacht. Es ist das kurze helle
Lachen eines tätigen Germanen. Und dann sagt er: »Der Vergleich wäre
gar nicht übel. Wir sind mehr Schweden, als man weiß. Wir sind Bauern.
Spalato ist eine von Bauern bewohnte Stadt. Und ganz Dalmatien ist
bäuerisch. Aber die Kraft dieser Bauern liegt gebunden. Und wenn Sie
mich schon um mein »Programm« fragen: diese gebundene Kraft wollen
wir entbinden, damit der Bauer werde, was er sein kann. Das ist unser
Hochverrat. Wir haben neunzig Prozent Analphabeten, und wenn wir Schulen
verlangen, nennt man es Hochverrat. Wenn wir Wanderlehrer zu den Bauern
schicken, weil diese gern lesen und schreiben lernen möchten, kommt der
Gendarm über uns, und es ist Hochverrat. Wenn wir Sparkassen gründen,
ist es Hochverrat. Wenn wir gegen die Kolonenwirtschaft sind, die jeden
modernen Betrieb unmöglich macht, ist es Hochverrat. Wenn unsere jungen
Dalmatiner nach Amerika gehen, dort arbeiten und ein höheres Leben
kennen lernen, das sie dann mit nach Hause bringen wollen, ist es
Hochverrat. Diesen Hochverrat werden wir so lange fortsetzen, bis wir
ihn durchgesetzt haben werden. Wir haben keinen besonderen Wunsch, dabei
Gewalt anzuwenden. Sollte man dies aber durchaus wünschen, so ist
es Bauernart, auch damit dienen zu können.« Und er wiederholt
nachdenklich: »Schweden wäre wirklich gar nicht schlecht. Noch lieber
aber Norwegen. Das ist es ungefähr, dahin will unsere Zukunft.
Nach einer solchen langsamen, bäuerlich behutsamen und bäuerisch
beharrlichen, bedächtig zuschreitenden Entwickelung, von unseren
Bedürfnissen aus, unseren Möglichkeiten gemäß, verlangen wir. Diese
Möglichkeiten möchten wir zu Wirklichkeiten machen. Auf unsere Art
wollen wir unser Land bestellen. Das hält man in Wien für gefährlich.
Uns aber verhungern zu lassen, wird vielleicht noch gefährlicher
sein. Jedenfalls zeigen wir dazu keine Lust. Und das findet man
unpatriotisch.«
Und er schildert mir dann das Land und das Volk von den alten Zeiten
her. Ich sage, welchen seltsam wehmütigen Zauber es für mich hat.
»Ästhetisch,« sage ich, »bin ich in den dumpfen Gehorsam und die
fast tierische Treue, die es im Blute hat, ganz verliebt. Politisch
freilich --?«
»Nun ja«, sagt er, in seiner stillen Art. »Aber vergessen Sie nicht,
daß wir die Regierung haben, das ist unser großes Glück, die wird uns
den Gehorsam schon noch austreiben.«
* * * * *
Von Smodlaka zu Bulič. Es ist gar nicht weit. Ein paar Schritte und man
ist aus dem zwanzigsten Jahrhundert in das vierte getreten.
Ein großer alter Bauer, mit der langsamen Feierlichkeit eines
Landgeistlichen und den weltblinden Augen eines Visionärs. Baumeister
als Attinghausen hat diesen Blick eines Entrückten, der schon drüben
ist. Ein dalmatinischer Abbé Constantin mit einem Zug ins Heroische der
großen Träumer. Ein freundlicher alter Herr, den die Gicht plagt, aber
wenn er dann von seiner Stadt Salona beginnt, wird er fanatisch jung.
Und man spürt, daß es ein Besessener ist. Diokletian und Salona, das
ist seine Welt; der Rest macht ihn ängstlich und verwirrt.
Aber auf unsere Regierung ist er noch viel schlechter zu sprechen als
Smodlaka. Sie versteht nämlich auch vom Palast des Diokletian nichts.
Er erzählt mir, wie er, vor Jahren schon, als er eben zum Konservator
ernannt worden war, sich feierlich ins Amt begab, um dort den Palast
des Diokletian als Staatseigentum anzumelden, wodurch er ihn vor
barbarischen Eingriffen zu sichern glaubte. Statt nun aber dafür, wie
er fest erwartete, belobt zu werden, was denken Sie, was geschah? Er
steht auf und faßt mich an, er kann es noch heute nicht glauben. Was
denken Sie? Das errät niemand! Was denken Sie, was geschah? Ich hätte
einen Orden verdient, aber ich bekam eine Nase. Eine Nase! Und er reibt
sich seine, als ob es jene wäre. Statt mir zu danken, daß ich das
einzige Mittel fand, den Palast zu schützen! Aber im Finanzministerium
meinte man, daß es Geld kosten könnte. Und davon wollen sie nichts
wissen in Wien. Wenn ich nach Wien komme, heißt's immer: Sehr schön,
sehr gut, aber wir haben kein Geld! Und wieder springt der alte Herr
auf, nimmt mich an den Schultern und wiederholt, mit seiner schweren
zornigen Stimme, ratlos: Kein Geld, für den Palast des Diokletian kein
Geld! Und wenn ich nach Wien komme, wollen sie mich schon gar nicht mehr
anhören, der Sektionschef läßt sich verleugnen und entschuldigt
sich mit Geschäften, die wichtiger sind. Wichtiger als der Palast
des Diokletian! Und er tippt mit seinem knöchernen Finger auf meine
Schulter und sieht mich aus seinen versunkenen Augen an und wiederholt
das Unbegreifliche: Wichtiger als der Palast des Diokletian!
Ich muß lachen, weil ich mir denken kann, wie seltsam, ja fast
unheimlich denen in Wien der alte Schwärmer vorkommen mag. Und das
Gesicht des jungen Referenten im Ministerium, als damals ein so
gar nicht erwünschtes Staatseigentum »angemeldet« wurde! Und den
Schrecken, den sein juristisches Gemüt bekam! Die »Nase« war ja
sicherlich rechtmäßig fundiert. Denn es kommt in einem Rechtsstaat
nicht darauf an, Recht zu haben, sondern die rechte Form zu finden.
Einen aber, der das Rechte will, auf den rechten Weg zu bringen, ist
nicht Sache des Referenten. Auch muß es denen in Wien unbegreiflich
sein, wie man sich um etwas kümmern kann, das einen schließlich ja
gar nichts angeht. Dem braven Bulič aber, wie Gott ihn nun einmal
geschaffen hat, muß es wieder unbegreiflich sein, daß ihnen das
unbegreiflich ist. So geht es in der Welt, und einer hält dann den
anderen für schlecht und dumm.
Nun schildert er mir die Leiden seiner Ausgrabungen. Der Taglohn steigt,
der Betrag, den man ihm in Wien ausgesetzt hat, bleibt lächerlich
klein, so stockt das Werk. Und was gefunden wird, kann er nicht
unterbringen. Der enge Raum des Zimmers, das einstweilen als Museum
dient, ist längst überfüllt. Seitdem liegt alles in Kisten verpackt,
die in Kellern warten. Er kann nicht wissenschaftlich arbeiten, weil
er nichts mehr aufstellen, nichts mehr ordnen kann. Und die Miete der
Keller, in denen die Kisten liegen, verringert noch den Betrag, mit dem
er für sein Werk auskommen soll. Endlich ein wirkliches Museum zu
bauen ist unabweislich. Dann kann endlich erst alles ausgepackt und
aufgestellt werden, dann erst wird er arbeiten können, dann erst ist es
möglich, junge Gelehrte herzuziehen, die ihm helfen, dann wird man die
Wunder von Salona sehen, dann werden die Fremden kommen! Ein Architekt
hat ihm den Plan dieses Museums entworfen. Damit ist er dann wieder
einmal nach Wien gereist und hat die in Wien so bedrängt, daß sie
schließlich, um ihn nur wieder los zu werden, sich nicht anders zu
helfen wußten, als durch die Zusage, die Baukosten zu bewilligen, unter
der Bedingung jedoch, daß die Stadt Spalato dafür aus Eigenem den
Bauplatz beizustellen hätte. Sie dachten wohl, er könnte dies von der
Gemeinde niemals erreichen und sie stünden dann noch als die verkannten
Wohltäter da, ohne Kosten, und hätten Ruhe. Und wirklich wollte die
Gemeinde zuerst nicht. Bulič aber, der selbst im Rat der Stadt sitzt,
bedrohte sie so, daß endlich keiner mehr zu widersprechen wagte. Nur
versuchten sie noch, sich auszureden, indem sie behaupteten, es werde
ja doch nichts nützen, denn die Regierung werde nicht halten, was sie
versprochen, weil sie noch nie gehalten hat, was sie versprochen hat.
Aber da sprang Franz Bulič auf, und indem er drohend seine schwere Hand
gegen die Zweifler hob, sprach er: »Ich habe das Wort der Regierung und
so kann ich, Franz Bulič, den Ihr kennt als einen wahrhaft gesinnten
Mann, der nie gelogen hat, ich kann euch schwören, daß, wenn ihr den
Grund gebt, die Regierung das Geld geben wird, und wer ist unter euch,
der an meinem Eide zweifelt?«
Mitten im Zimmer steht er, erzählend, mit erhobener Hand, wie wirklich
vor der ganzen Gemeinde. Dann besinnen sich seine fernen Augen, kommen
langsam zurück, und indem er sich wieder zu mir setzt, sagt er: So
sprach ich ins Gewissen der versammelten Gemeinde, da gaben sie den
Grund, aber die Regierung gab das Geld nicht, jetzt lachen sie mich aus,
und ich muß mich schämen!
[Illustration: _Clissa_]
Natürlich ist man in Wien empört, daß die Regierung verdächtigt
wird, nicht zu halten, was sie versprochen hat. Das ist auch eine
Verleumdung, denn die Regierung sagt keineswegs, daß sie das Geld nicht
geben wird. Sie wird es schon geben, sie läßt sich nur Zeit. In
dieser Zeit aber (fünf Jahre mag es her sein) ist es geschehen,
daß inzwischen in der Stadt der Arbeitslohn um etwa vierzig Prozent
gestiegen ist. Wenn nun also, nachdem die Gemeinde den Grund gegeben
hat, die Regierung, wie sie versprochen hat, schließlich doch einmal
das Geld geben wird, das der Architekt damals gefordert hat, so wird man
nun erst wieder nicht bauen können, denn das Geld reicht jetzt nicht
mehr, und mehr als sie versprochen hat, wird die Regierung nicht geben,
und sie kann dann noch sagen, daß man eben wieder einmal sieht, wie
mit diesen Dalmatinern nichts zu machen ist, und das ausgegrabene Salona
bleibt weiter in Kisten verpackt, in Keller versenkt, und kein Forscher,
kein Fremder kriegt es zu sehen, und kein Forscher, kein Fremder kommt
mehr, und die in Wien haben Ruhe.
* * * * *
Mitternacht. In der Kabine, heimwärts zu fahren. Langsam stößt das
mächtige Schiff aus dem Hafen, die Lichter der frohen Stadt erblassen.
Und in mir ist eine wunderbare Sicherheit: Diese Menschen hier sind
stark, sie werden stärker sein als alles!
Und dann fragt es noch in mir: Warum? Warum wollen wir dieses kräftige
Volk voll Zukunft nicht für uns haben? Es ist bereit, warum stoßen wir
es weg?
Ich hätte manchmal weinen mögen, über unsere Dummheit. Das schönste
Land mit den treuesten Menschen trägt sich uns an und wir wollen es
nicht. Warum, warum?
Aber dann denke ich, daß selbst die Dummheit vergebens gegen die
Götter kämpft. Die Götter sind stärker, die Macht der Entwicklung
siegt. In unserer ganzen Geschichte geht es ja doch immer so, daß wir
dumm sind und doch zuletzt etwas Gescheites daraus wird. Wir sind
dumm gewesen und haben Deutschland führen wollen. Da sind wir aus
Deutschland geworfen worden und nun bleibt uns doch nichts übrig als
auf den Balkan zu gehen. Wir sind wieder dumm, wir wehren uns, wir
wollen nicht. Aber wir müssen. Wenn es um das Leben geht, hört der
Mensch auf, dumm zu sein. Wir müssen auf den Balkan. Wir können aber
nicht auf den Balkan, wenn wir unserer Südslawen nicht sicher sind.
Bosnien und die Herzegowina zu nehmen kann nur den Sinn haben, daß
Österreich seine Zukunft auf dem Balkan sucht. Dazu braucht es das
Vertrauen der Slawen auf dem Balkan. Diese muß es sich zu Freunden
machen. Kann es sich diese zu Freunden machen, wenn es der Feind ihrer
Brüder, seiner eigenen Slawen, bleibt? Sollen uns die Slawen auf
dem Balkan vertrauen, so kann es nur geschehen, wenn unsere Slawen in
Dalmatien und Kroatien ihnen Lust dazu machen. So lange wir hier aber
wie in Feindesland hausen, wird dies die drüben nicht verlocken, sich
uns anzuschließen. Wir müssen auf den Balkan, aber wir können
es erst, wenn Bosnien und die Herzegowina, Dalmatien, Kroatien und
Slawonien beisammen und für Österreich bereit gemacht sind.
Die Geschichte wird sicher wieder gescheiter sein als wir, mir ist gar
nicht bange. Still atmet die Nacht zu den Luken herein und wiegt mich;
das Wasser schlägt ans Schiff. Mich schläfert, es kreiselt durch das
Hirn und ich denke noch, daß ja sicher, bis ich wieder, vielleicht im
Herbst, nach Dalmatien komme, diese Verwaltung schon weggejagt und hier
ein freies Volk sein wird, an Österreich gläubig, durch Österreich
stark, für Österreich bereit, da die Geschichte ja noch immer
gescheiter war als wir.
11.
Nach Agram. -- Architektonisch läßt sich nichts Österreichischeres
denken als die alte Stadt Agram, oben beim Palast des Banus und rings
um den Dom. Schönstes österreichisches Barock, in welchem sich
der südlichen Anmut gleichsam ein bedächtiger deutscher Ernst, ein
bürgerlich haushaltender Sinn auf die Schulter setzt. Häuser von einer
so lieben Einfalt, stille Balkone, Fenster mit verkrausten Kranzeln sind
da im Gewinkel und Gewirr verschlafener Gassen und verbogener Ecken,
daß man sich die Augen reibt und verwundert fragt: Ja, bin ich denn
in Salzburg oder der alten Stadt Steyr? Und unwillkürlich glaubt man,
gleich wird aus einem der engen Fenster ein Wiener Hofrat seinen alten
Kopf stecken, um das Land zu mustern! Tritt man dann, an dem Wohnhaus
des Barons Rauch vorbei, das wie aus einem Stück von Goldoni aussieht,
auf die Promenade hinaus, die nach dem Bischof Stroßmayer heißt, so
breitet sich das lieblichste Tal aus, mit anmutigen Villen auf sanften
Gehängen, und in der Ferne glänzt die Save weiß. In die untere Stadt
zurückgekehrt, steht man vor dem Jelacic, den Fernkorn auf den großen
Platz gestellt hat, hoch zu Roß und den Säbel froh gezückt, gegen
Ungarn hin. Da brechen Erinnerungen auf, und man kann die Wandlungen der
abwechselnden österreichischen Geschichte repetieren.
Ich ging dann ins Gericht, wo jetzt dieser Prozeß gegen die Serben
spielt. Ich meine nämlich, daß man Menschen aus ihren Reden niemals
erkennen kann, wenn man sie nicht leibhaftig vor sich gesehen hat. Die
Gesichter der Menschen muß man sehen, dann bekommen ihre Reden erst den
rechten Sinn. So saß ich denn und sah mir die Gesichter an, der Richter
oben und der Beschuldigten. Ich erlebte dabei wieder einmal, was ich
doch im Grunde für ein Theatermensch bin. Gleich waren meine Gedanken
bei Reinhardt, als hätte der ein Stück zu inszenieren, und ich säße
bei seiner Probe. Irgendein Stück von der Tolstoischen Art, wo denn
immer, wie das schon Tolstoischen Gedanken entspricht, das Licht den
Angeklagten günstiger ist als den Klägern. Aber ich würde da sicher
zu Reinhardt sagen: »Das ist nun wieder recht Ihre Art mit Ihrer
Vorliebe für die ganz starken Ausdrücke, durch die gleich im ersten
Augenblick dem Publikum alles handgreiflich gemacht und seine Sympathie
sogleich entschieden werden soll! Ich verstehe das schon, aber, lieber
Max Reinhardt, übertreibt denn das Leben so? Ich dächte, so drastisch
klar abgeteilt sind die Dinge doch im Leben nicht. Und mir wird angst,
ob wir da nicht auf einmal wieder in der alten Komödie sind, mit den
fuchsroten Bösewichtern und der schwanweißen Unschuld. Geben Sie nur
acht!« Es kann aber sein, daß Max Reinhardt mehr vom Leben weiß als
ich; die Dinge teilen sich da manchmal wirklich gar drastisch ab, und
der Unterschied von der alten Komödie ist vielleicht nicht so groß.
Ein kahler, heller Raum. Die Luft ist trüb. Wenig Publikum. Und diese
paar Leute drücken sich eng aneinander und halten sich ganz still. Sie
sind scheu und regen sich nicht. Denn das Publikum wird hier sehr streng
gehalten. Die Frau des Doktors Hinkovic, des Hauptverteidigers, hat
neulich mit ihrer Nachbarin gesprochen, gleich hat sie fort müssen.
Im Halbrund am Fenster sitzen die Richter mit großen vorhängenden
kupfrigen Gesichtern, dicken Schnauzbärten und vagen, wie verlorenen
Augen, aus denen nur Gehorsam blickt. Merkwürdig ist der stets gereizte
Präsident, der aussieht wie jemand, der schlecht schläft und böse
Träume hat. Er hört nicht gern zu, besonders den Anwälten nicht.
Lieber spricht er selbst. Er kann kaum seine nervösen Hände
beherrschen; immer auf dem Sprung sitzt er da. Nimmt einer der Anwälte
das Wort, so schüttelt's ihn, und er fährt los. Sie wollen immer
beweisen, daß diese oder jene Handlung nicht geschehen sei; ihn aber
scheint mehr die Gesinnung zu interessieren. Und er führt manche
Neuerungen in den Prozeß ein; wie er z. B. den Verteidigern verboten
hat, den Angeklagten, die doch noch gar nicht verurteilt sind, die Hand
zu reichen. Eine gute Figur macht der Staatsanwalt. Er zeichnet sich
dadurch aus, daß er Talent zu haben scheint. Noch jung, schlank,
kampfbereit, agil mit seinem Zwicker hantierend und von einer fast
katzenhaften Anmut der beweglichen Gebärden, weiß er seine Sache
unbedenklich zu führen. Besonders geschickt ist er im Angriff, wobei
ihm eine gewisse geistige Gelenkigkeit hilft, die jeden Augenblick die
Stellung wechselt und, wenn ein Argument versagt hat, es sogleich mit
dem Gegenteil versucht, immer wieder von einer anderen Seite her. Er hat
eine geschmeidige Intelligenz, die jeden Sprung wagt, in dem sicheren
Gefühl, zuletzt schon irgendwie wieder auf die Füße zu fallen. Und
wenn es einmal für ihn gefährlich wird, läßt er sein Temperament
schießen und will überrennen. Seine Begabung wird sichtlich vom
Präsidenten gewürdigt. Der Staatsanwalt heißt Accurti, und für die
angeklagten Serben soll es eine Art Trost sein, daß seine Frau von dem
letzten serbischen Wojwoden Suplikac stammt.
Die Angeklagten sind Lehrer, Popen, Händler und kleine Beamte vom Land,
fast durchaus ganz arme Leute. Sie sitzen ergeben da, halb ermüdet, und
halb schon ein bißchen gelangweilt; und manchmal reißt einer weit die
traurigen Augen auf, als müßte das alles, was er hier hört, doch nur
ein einziges großes Mißverständnis sein, und dann senkt er den Kopf
wieder und ergibt sich, es gelassen zu tragen, oder sein stiller Blick
geht langsam im Saal herum, Menschen suchend. Seit Monaten sind sie in
Haft, Monate haben sie noch vor sich. Und dann? Sie sind angeschuldigt,
den Tod durch den Strang verdient zu haben. So sitzen sie halt in dem
kahlen Raum mit dem trüben Licht und erwarten. Einer fällt unter ihnen
auf, Adam Pribicevic, der Hauptangeklagte, mit seinem weißen, geistig
zerquälten Gesicht und den großen, fernblickenden Augen. Es ist das
Gesicht eines logischen Schwärmers, den viele Fragen gepeinigt haben,
eines Suchenden, der sich mit der Welt nicht abfinden kann, eines
Unsteten im Geiste, der alles Leid austrinken will, um die Wahrheit
über das Leben zu erfahren; einen Hamlet-Zug hat es. Er und der
Staatsanwalt, da sieht man vielleicht nebeneinander die beiden Enden
der Menschheit. Stark scheint in ihm das Bedürfnis zu sein, ins Volk zu
gehen und zu helfen. Was er zu wissen glaubt und für recht hält, will
er nicht für sich behalten, sondern es soll unter die Menschen kommen,
um die Leiden zu lindern. Dieses Bedürfnis haben junge Russen oft; bei
uns ist es ziemlich unbekannt, weshalb es für ihn schwer sein wird,
sich hier verständlich zu machen. Man sieht ihm an, daß er mit
Zweifeln gerungen hat, und er macht den Eindruck, ein sehr zartes und
reizbares Gewissen zu haben. Deshalb sind auch seine Antworten zuweilen
von einer Art, die nicht üblich ist. In einer Verhandlung ist ihm
gedroht worden, in Ketten geschlossen zu werden. Er antwortete:
»Ich fürchte das nicht. Denn körperliche Qualen können mich nicht
schrecken. Sie sind mir eher erwünscht, weil sie die anderen, die
geistigen, betäuben und die Seele besänftigen.« Zu einer solchen
Menschenart, wie sie sich in diesen Worten ausspricht, wird man hier
vielleicht kein rechtes inneres Verhältnis finden, aber dies scheint er
nicht zu bemerken. Er gehört wohl zu den gläubigen Seelen, die sich,
wenn sie etwas für recht halten, ganz sicher fühlen, und er weiß noch
nicht, wie die Menschen einander oft mißverstehen.