Diese Menschen, mit denen ich hier sitze, sind alle noch unter dreißig.

Und mir ist es ein wunderschönes Gefühl, wie schnell wir in Erfüllung

gegangen sind! Unser Leiden, unser Ringen, unser Hoffen, hier ist

es gestillt. Es hat sich in ruhige Kraft und einen heiteren Willen

verwandelt. Diese neue Jugend sucht nicht mehr, zweifelt nicht mehr,

bangt nicht mehr. Sie weiß, was sie will, und sie weiß, daß sie's

kann, sie wird es wagen. Sicher ist sie, ihrer selbst gewiß und von

entschlossener Freudigkeit. In ihr sind die Väter erlöst, Zukunft ist

da. Wir sind nur durch die Welt gerannt, unserer Sehnsucht nach. Diese

stehen fest, in Bereitschaft, frohen Taten entgegen. Österreich kann

beginnen.

Ich möchte noch dabei sein. Ich möchte noch Österreich erleben.

Spielt weiter, gebt mir volles Maß!

9.

Ich hätte so gern den Milan Begovič kennen gelernt, den die Dalmatiner

ihren d'Annunzio nennen. Aber er ist fort. Vor ein paar Tagen erst ist

er nach Hamburg abgereist, zum Baron Berger, bei dem er Regie lernen

will. Auch wieder ein Beispiel der slawischen Gier, deutschen Geist

und deutsche Kunst und unser ganzes Wesen einzusaugen, die mich an

den jungen Tschechen so freut. Mein Freund Kvapil, der Dramaturg des

böhmischen Landestheaters in Prag, kommt jeden Augenblick nach Berlin,

mit einer wahren Todesangst, nur ja nichts zu versäumen, was draußen

vorgeht; alles wollen sie wissen, alles haben, und sie glauben es ihrer

Nation schuldig, ihr alles zu bringen, was sich nur an neuen

Gedanken, Wünschen oder Versuchen irgendwo zeigt. Während in den

österreichischen Deutschen eine Neigung ist, hochmütig gegen das Neue

sich im Alten zu beruhigen, als ob sie nichts mehr nötig hätten. Hält

bei diesen der Dünkel, bei jenen die Gier an, so kann es geschehen,

daß in Österreich die neue deutsche Kultur nur noch bei Slawen

zu finden sein wird. Wer unsere Deutschen aber warnt, macht sich

verdächtig, in dem großen Kampf um den Nachtwächter lau zu sein.

Auf Gundulič folgten noch zwei Dichter, Gjon Palmotic und Ignjat

Gjorgjic. Dann war es still. Hundert Jahre lang. Gjorgjic starb 1737.

Und 1830 begann der Illyrismus, unter den Slowenen und Kroaten. Ljudevit

Gaj, der Steirer Stanko Vraz, Miklosichs Freund, und Ivan Mazuranic,

Peter Preradovič, der aus einem General eine Art von slawischem Wotan

wurde, und August Senoa sind die Hauptnamen dieser Romantik. 1900 aber

erschien in Agram ein Buch, das schlug einen Ton an, den man noch nicht

vernommen hatte; seitdem gibt es eine kroatische Moderne. Es war

einer Marchesa Zoë Boccadoro gewidmet und nannte sich nach ihr Knjiga

Boccadoro, das Buch Boccadoro. Sein Dichter hieß Milan Begovič, war

damals vierundzwanzig Jahre alt und dem Studium der romanischen und

slawischen Sprachen ergeben. Er hat dann die Locandiera, das goldene

Vließ und die Gespenster übersetzt, ein Drama Myrrha, ein Lustspiel

Venus victrix, ein historisches Schauspiel Marya Walewska und eine

seltsame Dichtung, die im russisch-japanischen Krieg spielt, Das Leben

für den Zaren, verfaßt. Die Pracht seiner kunstreichen Sprache wird

gerühmt. Seiner Myrrha hat er das Motto vorgesetzt: »Alles für

Liebe und Schönheit, Myrrha! Laß dich die Gesetze der Menschen

nicht kümmern: sie sind ungerecht, unnütz und selbstisch, sie sind

vergänglich. Schönheit und Liebe sind ewig; dies nur ist Verbrechen:

ihrem Rufe nicht folgen.« (Ich habe meine Kenntnisse von Murko und

unserem Otto Hauser; dieser hat auch seine Venus victrix übersetzt.)

* * * * *

Nach Trau. Immer links das Meer, rechts die kahlen steilen Wände. Das

ist der Weg der sieben Kastelle. Warsberg hat recht: »Auch wer das

Schönste von Italien und Südfrankreich gesehen, wird hier noch Freude

erleben.« Nur der Einwohner erlebt keine.

Rings um Spalato besteht noch das Kolonat. Allgemeines gleiches

Wahlrecht und dazu das Kolonat. Ein Haus, ein Feld mit Wein und

Ölbäumen wird vom Eigentümer dem Kolonen übergeben, der es bestellt

und dem Herrn einen Teil des Ertrages abzuliefern hat. Ein Minimum

ist bestimmt. Kann er es nicht leisten, weil etwa der Hagel die Frucht

zerschlagen hat, so muß er Geld dafür geben, er hat für den Hagel

Strafe zu zahlen. Wenn auf den Feldern des Herrn Arbeit notwendig ist,

besorgt sie der Kolone; der Herr bestimmt den Lohn dafür. Sie rechnen,

daß ein Viertel, bisweilen ein Drittel ihrer Arbeit im Jahre dem Herrn

gehört; und von dem, was der Rest ihnen trägt, haben sie dann erst

noch jenen Teil an den Herrn abzuführen. Jede Gefahr trifft den

Kolonen; bricht Feuer aus, so haftet er für den Schaden. Das Werkzeug

stellt der Kolone. Das Vieh auch. Den Dünger auch (den aber, bevor

er ihn verwenden darf, der Herr prüft, ob er gut sei). Meliorationen

dürfen ohne Zustimmung des Herrn nicht geschehen; die Kosten trägt der

Kolone. Früher konnte der Herr den Vertrag nach Belieben lösen; jetzt

ist meistens eine Frist zur Aufkündigung gesetzt. Ein Tagelöhner hat

seinen Lohn sicher, der Kolone nichts. Alles Risiko trifft sonst den

Herrn, hier trifft es den Knecht. Es ist ein System, das dem Eigentümer

unter allen Umständen gegen alle Gefahren einen Ertrag sichert und alle

Sorgen des Eigentums auf den Arbeiter wälzt, der ohne Lohn dient, jeden

Schaden, keinen Nutzen hat, in schlechten Jahren sich verschulden muß,

um den Herrn zu bezahlen, jeden Tag davongejagt werden kann, aber das

Gefühl hat, ein freier Mann zu sein, da doch in Österreich die Robot

durch das kaiserliche Patent vom vierten März 1849 aufgehoben worden

ist.

Heinrich Friedjung erzählt: »In der ersten Hälfte des

19. Jahrhunderts vernachlässigte das ungarische Königtum seine

sozialen Pflichten, während der magyarische Adel sich in einer

ruhmvollen politischen Blütezeit zum klaren Verständnisse seiner

Aufgaben aufschwang. Baron Eötvös widmete der Schilderung der

überlebten Verhältnisse im ungarischen Komitatsleben den besten seiner

Romane: »Der Dorfnotär«, und niemand stand feuriger und beredter

als Kossuth für die Befreiung des Landvolks ein. So gelang es ihm, der

Abgott des Bauers zu werden und darauf sein Volk zum Kampfe gegen das

Haus Habsburg mit fortzureißen.« Wenn nun ein dalmatinischer Kossuth

aufstünde? Wozu haben wir eigentlich unsere schmerzlichen ungarischen

und italienischen Erfahrungen, wenn wir noch immer aus ihnen nichts

lernen?

Dann kommt aber der strebsame Mensch der Verwaltung, Austriacus

insapiens, und sagt: »Ich bitt' Sie, mit den Dalmatinern ist nichts

zu machen, sie sind indolent! Sehen Sie sich doch nur den Boden an!

Die schlechteste Wirtschaft, keine Maschinen und keine Spur eines neuen

Betriebs!« Wie soll der Kolone Maschinen kaufen, wenn er riskiert, daß

ihn sein Herr vertreibt, bevor noch ihr Preis getilgt ist? Woher nimmt

er das Geld, da doch unsere Verwaltung keine Sparkassen im Lande will?

Was kann er von neuen Betrieben wissen, da doch unsere Verwaltung keine

Schulen will? (Neunzig Prozent Analphabeten, hat der Doktor Tartaglia

gestern erzählt.) Denn der strebsame Mensch der Verwaltung mag

Sparkassen und Schulen nicht, Sparkassen bringen Geld ins Land, Schulen

Bildung und wenn es erst Geld und Bildung hat, haben wir die Revolution!

Was natürlich ein Unsinn ist, denn wer was zu verlieren hat, macht

keine Revolution. Und nichts ist dümmer als die Meinung unserer

Verwaltung, Notwendiges lasse sich durch Gewalt verhindern. Als wenn er

das jetzige Dalmatien gekannt hätte, hat Goethe einmal gesagt, er sei

vollkommen überzeugt, »daß irgendeine große Revolution nie

Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz

unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend

wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen

entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von

unten her erzwungen wird. Ist aber ein wirkliches Bedürfnis zu einer

großen Reform in einem Volke vorhanden, so ist Gott mit ihm und sie

gelingt.« Aber wer in der Statthalterei kennt Goethe?

(Über das Kolonat hat der Wiener Professor Hofrat Doktor von Schullern

zu Schrattenhofen im Auftrag des Ackerbauministeriums geschrieben.)

* * * * *

Dies ist sicher der schönste Weg, den wir in Österreich haben. Die

wilde Macht der jähen Felsen, die sanfte Schönheit des breiten Kanals,

der nur östlich einen ganz schmalen Pfad ins Meer hinaus hat, die

ruhigen Züge der Weingärten und Ölwälder, die Stille der Dörfer,

die Klarheit der Luft, in der alles so groß, ganz nahe, ja wie verewigt

scheint, die Schwermut langer Mauern, alter Türme, verschlossener

Häuser aus grauem Stein, die Lust des schallenden weißen Blühens, die

seltsamen Erektionen der Agaven, die, schief von ziehender Sehnsucht,

ihre langen Stengel zum Himmel strecken, der silbrige Staub der Straße,

das Leuchten überall zwischen der gelben Wand des Bergs und der blauen

des Meers, dies hat zusammen solche Größe mit solcher Lieblichkeit

zugleich, daß man nur immer ins Unbegreifliche schaut und schaut und

schaut. Diese Straße könnte das ganze Land ernähren. Überall fordert

sie zu Villen, Schlössern am Meer und Capanen auf. Hier könnte, Sommer

und Winter, Europa sein. Hier sind ein paar arme Dörfer.

Manchmal aber bewaffnet sich der strebsame Mensch der Verwaltung

noch mit einem Ästheten, der findet, daß es auch schad wäre, den

malerischen Reiz des Verfalls zu zerstören. Denken Sie sich hier

Amerikanerinnen und Berliner, die ganze Stimmung wäre weg! Wie

malerisch aber ist das Elend! Es regt zu melancholischen Betrachtungen,

manchen sogar zu Gedichten an. Hüten wir uns, dieser einzigen Stimmung

ihre Patina zu nehmen! -- Wie man ja auch in Wien die Forderungen des

Verkehrs durch ästhetische Bedenken hemmt, plötzlich um irgendein

liebes altes Haus besorgt, das im Wege steht; und lieber soll die Stadt

ersticken! In der Not, wenn es gilt, Leben zu verhindern, werden sie

sogar Ästheten. Denn es wäre bequemer, aus Österreich ein Museum zu

machen.

Trau, der Insel Bua gegenüber, auf die man über eine Drehbrücke

kommt, ist noch ganz venezianisch, überall sitzt der Löwe noch. Der

berühmte Dom, im dreizehnten Jahrhundert, nachdem die Sarazenen den

alten zerstört hatten, begonnen, 1600 ausgebaut, hat ein wunderschönes

romanisches Portal. Man wird dann in eine Kapelle geführt, hier ist das

Grabmal des heiligen Johann Orsini, des ersten Bischofs von Trau.

Die Wappen der Bischöfe werden gezeigt, ein kostbarer Schrein,

Meßgewänder und Missalen. In Vergangenheiten geht man so herum, und

tritt man dann wieder auf den Markt in die Sonne hinaus, ist wieder

Vergangenheit überall, und mir ist ganz, wie wenn ich bei Reinhardt

oft in der aufgestellten Stadt Verona spazieren ging, während sie leise

gedreht wurde; nur die Beleuchtung ist hier besser, ich ziehe die Sonne

Homers doch der des Herrn Knina vor. Halb macht es mir Spaß, halb mich

ängstlich, Menschen so gleichsam auf einer Bühne wohnen zu sehen. Und

nun, da heute ja Fastnacht ist, geschieht es noch, daß auf der Riva

vermummte Männer mit Hörnern und langen roten Nasen, verlarvte Frauen

mit Mantillen in der Sonne springen. Und in Lumpen liegen alte Bettler

und wärmen sich. Gespenstisch ist alles, am blauen Meer in der lieben

Sonne.

Und da kommt mir plötzlich alles unsäglich albern vor, was wir in

den großen Städten tun. In den großen Städten werden die Gedanken

gemacht. Menschen sitzen und suchen, bis wieder ein neuer Gedanke

gefunden ist. Den legt jeder dann in ein Buch, da wird er aufbewahrt und

bleibt eingesperrt. Draußen aber, überall, strecken sich die Hände

vergeblich aus! Wie ein Dieb komme ich mir vor. Darf ich mir eine

Wahrheit behalten, für mich allein, statt ihre Kraft ohnmächtig

verlangenden Menschen zu geben? Dies alles, was ich weiß, was mich

stärkt, was mein Trost und meine Sicherheit ist, wovon ich lebe,

wodurch ich bin, anderen versagen? Selber reich sein und andere darben

lassen, im neidischen Hochmut des Wissenden? Und es reißt mich, in die

Loggia hier zu treten und zu rufen, bis aus allen schwarzen Gassen und

von der Insel her auf dem hellen Markt um mich alle versammelt wären,

und der horchenden Schar zu sagen, was ich weiß, von der Entstehung

der Welt und der Abstammung des Menschen und wie jedes Gestein und jedes

Gewächs und jedes Getier uns Bruder und Schwester ist, bis alles Leid

von den Lauschenden fällt und die Lust des Erkennens in einen einzigen

ungeheuren Schrei der Freiheit ausbricht. Aber man ist feig. Auch käme

doch sicher gleich ein Gendarm.

[Illustration: _Bauern in Sinj_]

Kultur, von der soviel die Rede ist, hätten wir dann erst, wenn, was

irgendeiner zu seinem Trost gefunden und erkannt hat, allen zugesprochen

würde. Wir aber vergraben unsere Gedanken, wie geizige Bauern die Taler

im Strumpf. So liegen sie dann unverzinst. Aber nicht bloß, daß

sie nichts tragen, sondern sie gehen ein, trocknen aus und fallen ab.

Vielleicht ist keine Zeit noch reicher an Gedanken gewesen als unsere;

weil aber keiner in der Erde der Menschheit Wurzeln schlägt, bleibt sie

bettelarm.

Der Prasser, der vor seiner Türe verhungern und erfrieren läßt,

scheint mir nicht verächtlicher als wer irgend etwas weiß, ohne die

Kraft und den Mut dieses Wissens den Schwachen und Ängstlichen zu

geben. Und bis zu körperlichen Schmerzen quält es mich oft, daß

wir mit unseren höchsten Erkenntnissen unnütz sind, weil von den

Wissenschaften und den Künsten kein Weg ins Volk ist. Wir sagen stolz:

die Zeit Darwins, Wagners, Ibsens! Aber war es denn ihre Zeit? Sie waren

in dieser Zeit. Es ist mir unerträglich, zu denken, daß die Menschen

in dieser alten venezianischen Stadt hier nie den Tristan gehört haben.

Der Grund gehört den Herren, das Geld gehört den Herren, und die

Wahrheit auch und die Schönheit auch. Auch zur Wahrheit und zur

Schönheit ist den Armen der Eintritt verboten. Wer nichts zu essen hat,

soll auch nichts zu denken, nichts zu fühlen haben. Und der Denker,

der Künstler, statt der Herr der Menschheit zu sein, ist ein Knecht der

reichen Leute. Und ist es zufrieden! Ich schäme mich manchmal so, daß

ich auf und davon möchte, hinaus ins weite Land und zu Menschen, den

wirklichen Menschen, und ein Wanderer im Volk werden, weil es doch

mehr ist, einem einzigen Menschen zu helfen, als einsam in verwegenen

Gedanken und erlauchten Stimmungen zu schwelgen, und weil doch nur der

das Leben erst genießt, der überall auf seinen Wegen Freude hinter

sich läßt.

Eine Stunde von Spalato liegt ein altes Schloß in Trümmern. Es gehört

einem reichen Grafen, der es zerfallen läßt. Selten sieht man ihn

in den Gassen der Stadt, meistens hütet er das Bett. Nur wenn eine

italienische Truppe kommt, taucht er auf, ladet alle Sängerinnen und

Tänzerinnen ein und unterhält sich mit ihnen so lange, bis ihn der

Schlag trifft. Dann legt er sich wieder ins Bett, bis wieder eine Truppe

kommt. Draußen aber zerfällt sein altes Schloß. Er hat keine Freude

daran. Doch gehört es ihm, er gibt es nicht her, so kann es auch keinem

anderen Freude machen. Das ist ein Gleichnis unserer Verwaltung in

diesem Lande. Sie hat keine Freude daran. Aber sie verhindert es,

anderen Freude zu machen.

* * * * *

Nun ist die Fastnacht da. Masken drängen durch die Stadt, Augen

glühen, Späße taumeln. In dem Saal des Hotels Troccoli staut sich

die Menge. Eng sind die Tische zusammengerückt; wer keinen Stuhl

mehr gefunden hat, steht, die schwitzenden Kellner können kaum durch;

Militärmusik und Coriandoli. Anfangs gehts noch ganz sittsam zu,

die Mädchen verwahren ihre Blicke noch. Diese Kroatinnen sind am

hübschesten zwischen fünfzehn und zwanzig, wenn in ganz kindliche

Züge plötzlich das heiße Blut schießt; sie kokettieren schon

allerliebst, aber mit einer schuldlosen Heiterkeit, die dann bei den

Frauen bald einem entschlossenen Ernst der Leidenschaft weicht. Dieser

Liebesernst macht den ganz eigenen Reiz kroatischer Schönheiten aus; in

ihren Mienen steht, daß sie mit allem anderen spielen, aber die Liebe

das Herz ihres Lebens ist. (Ich habe das Gefühl, daß sie so sind,

wie Stendhal die Italienerinnen gesehen hat, die mir neben ihnen so

vorkommen wie ihm neben den Italienerinnen die Französinnen.)

Oben, ganz am Ende des Saals, ist ein langer Tisch, da sitzen die

Offiziere. Es ist aber, als säßen sie hinter einer unsichtbaren

Mauer. Niemals springt die Lust bis an ihren langen Tisch, selbst die

Coriandolis scheinen Respekt zu haben. Die Herren Offiziere sind ganz

unter sich. -- Auch auf der Gasse fällt das auf. Man sieht sie nie mit

Zivilisten. Sie klagen, es sei ganz unmöglich für den Offizier, in die

kroatische Gesellschaft zu kommen, und wenn einmal einer zufällig einer

kroatischen Dame vorgestellt worden sei, drehe sie bei der nächsten

Begegnung den Kopf weg, um nur seinen Gruß nicht erwidern zu müssen.

Sie ziehen es deshalb vor, sich abzusondern und abseits zu bleiben. Man

erinnert sich wieder unserer lombardischen Erlebnisse. Ich schlage vor,

ein Gesetz zu machen, wonach der Staat jedem Offizier, der eine Kroatin

zur Frau gewinnt, die Kaution stellt und jedes Kind erzieht, das ein

Offizier, ehelich oder nicht, mit einer Kroatin hat, und dann die

Deutschmeister oder das Linzer Regiment hinzuschicken. Da man doch immer

von innerer Kolonisation spricht.

Immer enger drängt sich das Gewühl in dem dampfenden Saal, die Freude

siedet, Mädchen raffen die Coriandolis von den Tischen zusammen, ballen

sie, kneten sie, springen auf die Stühle und schleudern die großen

Kugeln, weiße Zähne blitzen und die schwarzen Augen jauchzen, ein

Stampfen ist, in den Rauch der Zigaretten fließt der Dunst verwelkender

Blumen und erregter Frauen, Gelächter und Trompeten schallen,

plötzlich tauchen ungeheure Schädel auf, die Menge rast, die Schädel

wanken durch den Saal, es sind meine Maler von gestern, die mich so

pariserisch angeheimelt haben, mit gewaltigen künstlichen Köpfen,

Karrikaturen städtischer Berühmtheiten. Und nun ist alles nur noch ein

einziger Knäuel tosenden Entzückens.

(Diese jungen Maler geben auch eine sehr witzige Zeitschrift heraus,

Duje Balavac; sie heißen Emanuel Vidovič, Angelo Uvodič, Virgilius

Meneghetto, Anton Katundrič.)

Dann noch ins Café nebenan. Ich sehe durch das Fenster auf die

venezianische Loggia. Vom Platz schallt slawischer Gesang. Masken

dringen ein und necken die Frauen. Die ganze Stadt des Diokletian

hallt von Lust und Gier. Und in der Luft ist das Zittern einer wild

verlangenden ungebändigten Kraft.

10.

Zu Josip Smodlaka.

Mit Smodlaka ging's mir wie mit dem heiligen Biagio. Den trifft man

überall, wo man immer in Ragusa geht. Über jedem Tor steht er, aus

jeder Nische schaut er, jede Mauer trägt sein Bild. Immer scheint es

ein anderer Heiliger zu sein: bald ein zierliches Männchen, zwischen

korinthischen Säulchen, den Bart ganz lang und spitz, die Mütze ganz

lang und spitz, den Finger der warnenden und drohenden Hand ganz lang

und spitz, so blickt er von der Porta Pile aus dem gelben Stein in den

grauen Zwinger, dem lieben Nikolo bei uns zu Haus gleich; bald wieder

seltsam feierlich, kindlich stilisiert, ein Sarastro aus Lebzelt,

wunderbar hager und steif gehalten, in der rechten Hand das Modell der

Stadt, die linke mit einem schmalen Hirtenstab, so hält er im Hafen

die Wacht; bald wieder, wie über dem Fenster der alten Dogana, in der

anmutigsten venezianischen Nische, ein rechter Kinderschreck und böser

Gnom mit einem Umhängbart und fetten kleinen Fäusten, einem ganz

kurzen, plumpen, atemlosen Rumpf und den winzigsten zittrigsten

Beinchen. Und immer ist's doch derselbe: der Heilige der Stadt, dem auch

die schöne Barockkirche am Stradone gehört. Er hat die Stadt in seiner

Hut, jeder vertraut sich ihm an; und so geschieht's, daß jeder sich

nach der eigenen Not sein Bild von ihm macht. Wie von Smodlaka. Der

steht jetzt auch überall in Dalmatien. Wovon man immer mit den Leuten

zu reden beginnt, um ihre Sorgen, ihre Hoffnungen, ihre Wünsche zu

hören, zuletzt wird plötzlich sein Name laut. Sie klagen, sie sind

bettelarm, niemand will ihnen helfen. Sagt man ihnen, es sei doch in

Wien mancher gute Wille für ihre Not bereit, so verschleiern sich

die mandelförmigen samtenen Augen, argwöhnisch stockt das Gespräch,

dunkel wird es. Aber plötzlich lacht dann einer und sagt: »Wir werden

Wien nicht brauchen, nein, wir haben ja jetzt den Smodlaka!« Und

gleich ist es hell. So viel Sonne bringt ihnen der bloße Name. Oder man

spricht von alten Zeiten, unter den Venezianern, unter den Türken, als

der Dalmatiner noch mitten im Sturm der Geschichte stand; und die gelben

Wangen röten sich, die leisen dunklen weichen Stimmen springen auf,

bis einer traurig sagt: Es war einmal! Und aller Glanz ist plötzlich

erloschen, und aller Stolz wieder versunken, sie sitzen still, draußen

wirft die Bora den weißen Schaum über die Riffe. Sie hören es und

horchen. Und in das Zischen hinein, während der Sturm so mit

seinen zornigen Schwingen schlägt, daß das eherne Tor des Himmels

einzubrechen scheint, fragt einer dann: Und jetzt, und jetzt? Aber da

sagt ein anderer, während die scheiternden Wasser heulen: Und jetzt,

vergeßt nicht, haben wir doch den Smodlaka! Und es ist, als wäre

plötzlich ein großes schweres altes Schwert gezückt, durch seinen

bloßen Namen. Oder man fragt etwa, ungewiß, sich in allen diesen Zank

von Serben und Kroaten, Alten und Jungen, Bedächtigen und Beweglichen

zu finden, fragt nach Programmen, fragt nach der Herkunft und der

Richtung der Parteien, da steht mitten im Gespräch plötzlich ein

ungeduldiger junger Mensch mit dunklen Locken auf und schüttelt alles

ab und sagt: Das ist alles Unsinn, das zählt nicht, das sind Masken,

wir haben überhaupt erst seit vier oder fünf Jahren wieder ein

politisches Leben, denn unser politisches Leben in Dalmatien besteht

nämlich aus Smodlaka! Und so bekam ich's immer wieder zu hören,

überall, von Intellektuellen und Bauern und Arbeitern, auf dem Land

und in den Städten, von Nationalen und Demokraten und Sozialisten:

Smodlaka, Smodlaka! Jeder ruft ihn an, in ihm glauben sich alle zu

finden. Er hat jedes Vertrauen, ihm will jeder gehorchen. Er ist die

allgemeine Landesfreude. Er ist der neue San Biagio der dalmatinischen

Jugend.

Dieser neue Biagio ist Advokat in Spalato, Landtagsabgeordneter und

fast Reichsratsabgeordneter. Wer nämlich jetzt eigentlich der

Reichsratsabgeordnete von Spalato ist, weiß man seit der letzten Wahl

nicht. Die Regierung behauptet, es sei Monsignore Franz Bulič

gewählt worden. Monsignore Bulič ist ein unendlich feiner, unendlich

liebenswürdiger und unendlich gelehrter alter Herr, der sein Leben

damit verbringt, die versunkene Stadt Salona auszugraben. Er hat ein

bißchen etwas von einem alten Landpfarrer, ein bißchen etwas von dem

deutschen Philologen der »Fliegenden Blätter« und ein bißchen etwas

von einem Visionär. Wenn man so neben ihm sitzt, zwischen geborstenen

Kapitälen, zersprungenen Aphroditen und verwaschenen Inskriptionen, und

er einem nun die Stadt des Diokletian erklärt, sieht man, daß er sie

sieht, vor seinen Augen steht sie da, und er geht in ihr herum. Wenn er

aber in der heutigen Stadt Spalato herumgeht, hat er diese Sicherheit

nicht, und ich zweifle sehr, daß er sie sieht. Was auch vielleicht

ein bißchen zuviel verlangt ist von einem und demselben Mann: mit eben

denselben Augen zu sehen, was vor tausend Jahren war, und zugleich,

was heute ist; es gehörte dazu eine nicht gemeine Fähigkeit der

Akkommodation. Die letzte Wahl spielte sich nun so ab: Smodlaka war der

Kandidat, der Bezirkshauptmann aber erklärte, Bulič sei der Kandidat,

was Bulič, höchst erschreckt, eifrig bestritt. Die Wähler erklärten

nach der Wahl, sie hätten Smodlaka gewählt. Der Bezirkshauptmann aber

erklärte, sie hätten Bulič gewählt. In Wien hielt man sich an das,

was der Bezirkshauptmann erklärte. In Wien glaubt man heute noch,

Bulič sei der Abgeordnete von Spalato. Bulič selbst aber glaubt es

nicht, ihm ist es nicht geheuer, er übt sein Mandat nicht aus, er

weigert sich, er will nicht. Wohl auch weil ihm das versunkene Salona

lieber ist, da kennt er sich aus, und dort gab es auch damals noch

keinen Bezirkshauptmann. Die ganze Sache ist sehr österreichisch, man

muß einen österreichischen Kopf haben, um sie zu verstehen; auch

in Galizien gibt es das ja, und nun muß man wissen, daß, was Wahlen

betrifft, dalmatinisch noch der Komparativ von galizisch ist.

[Illustration: _Salona_]

Dalmatinische Reise · 第 6 / 10 段