-- Sitz' ich auf meinem Schemel und erzähle

Von Kampf und Sieg, gleich fliegt sein Feuergeist

Mir in die Rede... da strömt

Sein fürstlich Blut ihm in die Wang', er schwitzt,

Spannt jeden jungen Nerv, spielt in Geberden

Die Worte nach --,

das ist mir wirklich immer wie ein montenegrinisches Porträt, so sind

sie hier, so flammen sie von tapferen Worten auf! Und indessen haut

in Mariahilf bei der Birn, zur Zehnerjausen, der dicke Selcher auf den

Tisch und brüllt, schwitzend von kriegerischem Furor: Der verfluchte

Serb hat ja ka Kultur!

Vielleicht wird es notwendig sein, dieser Nation jetzt unsere Waffen zu

zeigen. Wir sind bereit. Es geht mir aber nicht ein, warum wir dazu den

Feind erst schmähen, verleumden und schlecht machen sollen. In allen

Reden des Perikles gegen die Lakedämonier ist kein häßliches Wort

über sie. Nicht sie zu höhnen, sondern sein eigenes Volk zu befestigen

war sein Sinn. Denn, hat er gesagt, ich fürchte weit mehr unsere

eigenen Fehler als die Pläne der Gegner. -- Übrigens macht es ja

der einzelne bei uns nicht anders. Keiner scheint fähig, ruhig

seinen Willen zu behaupten, sondern jeder scheint dazu vor sich selbst

gleichsam erst einer moralischen Entschuldigung zu bedürfen, der Gegner

muß immer ein schlechter Kerl sein und die Lust am Gegner, den doch

jeder braucht, um so sich selbst erst zu bejahen und erfüllen, ist hier

unbekannt.

[Illustration: _Ragusa, Rektorenpalast_]

Ich tröste mich mit Warsberg. Der hat auch die Schönheit dieser

Menschen gefühlt, die rauh und doch von der höchsten Anmut sind. Und

er hat sie mit seiner unvergleichlichen stillen Kraft dargestellt: »Es

ist, wenn man, wie ich, an einem Nachmittage den Zickzacksteig nach

Montenegro hinaufklimmt und also die Sonne im Rücken, aber auf den

Gesichtern der von oben herabsteigenden und glutvoll beschienenen

Gestalten hat, als sei irgendeines unserer europäischen Museen

lebendig geworden und alle die Statuen des Vatikans oder Louvre von dort

flüchtig hierher ausgewandert, und als hätten sie sich nur etwas

mehr bekleidet, vielleicht der Flucht wegen nur verkleidet oder wärmer

angetan, und die Männer mehr bebartet um des rauhen Klima willen und

der steinigen Pfade wegen. Nirgends kann man einen Begriff bekommen

wie hier von dem, was lebendige Schönheit des Altertums gewesen sein

müsse. Man lebt in Montenegro förmlich die Zeiten des Homeros und

Phidias wieder, wenigstens was die Menschen betrifft und wie sie unsere

Phantasie uns glauben läßt. Ich sah die Steine und Öde kaum und das

ganze großartige Traurige und Tote der dortigen Landschaft vor diesen

aus dem weißen Marmor zum warmen und bunten Leben erweckten antiken

Statuenbildern. Und weil es hoch ist und feine Lüfte dort wehen, ich

auch nur so kurz blieb, daß nichts der anderen Realität mich derb

anfassen konnte, glaubte ich mich unter Göttern wandelnd.«

Aber wer kennt dies Buch? Wer unter uns kennt Warsberg noch? Wir

schwärmen für Walter Pater, aber daß wir einen hatten, der seines

Geistes auf unsere Art war, weiß keiner. In Österreich wird der

Lebende nicht angehört, der Tote wird vergessen. Wir leben und sterben

inkognito. Und so steht jede Jugend wieder einsam da und muß, mit

ratloser Sehnsucht, die Welt noch einmal beginnen. Keiner kann keinem

helfen, keiner wirkt, seine Tat sinkt mit jedem ins Grab, und wir

bleiben verlassen.

Ich kann es kaum erwarten, in Gravosa zu sein. Denn nun weiß ich, es

kommt wieder diese Fahrt im weißen Regen der blühenden Mandeln, links

der graue Karst mit dem gelben Fort und rechts der schwarze Wald, Agaven

beugen sich, Gärten glühen, unten glänzt das schwellende Meer! Ich

weiß, das wird jetzt wieder sein! Ich weiß, ich werde das jetzt wieder

haben! Und meine Hände strecken sich aus, und mich fiebert vor Ungeduld

und lechzender Erwartung.

Ich muß rennen, ich muß reden, um mir nur die Zeit zu betäuben.

Der Innsbrucker Gemeinderat ist noch da, der fährt gleich wieder nach

Triest zurück, er will nur drei Tage seine Nerven einmal von der Stadt

auslüften. Ich hänge mich an ihn, mit Reden und Fragen, um mich nur

über die Zeit zu betrügen, bis ich wieder auf dem weißen Weg sein

werde, zwischen den fahlen Felsen und dem grün an sanften Höhen

hängenden Hain! Es ist ein redlicher, verständiger, städtischer

Mann, und ich höre gern zu, wie sich seine Heimat jetzt aus dem Kleinen

überall ins Weite regt. Jede Sorge, die draußen in der Welt die

Menschen bewegt, schlägt auch ins Wesen seiner geschäftigen Stadt

herein, wenn manche auch freilich, bis sie dort ankommt, zuweilen ein

recht wunderliches Aussehen hat, und es macht mir Spaß, anzuhören,

wie rasch Gedanken heute wandern; von Berlin nach Innsbruck ist es jetzt

geistig gar nicht mehr so weit. Ich kann nur an diesen Menschen die

Furcht um ihr Deutschtum nie verstehen. Der brave Mann hier, der sogar

über die Sozialdemokraten vernünftig spricht, macht auch auf

einmal ein erschrecktes Gesicht, indem er sagt: Ja, wenn nur aber die

Sozialdemokraten national verläßlich wären! Ich frage: Was soll denn

dem Deutschtum der deutschen Stadt Innsbruck geschehen? Er aber, mit

finsteren Augenbraunen: Es besteht doch die nationale Gefahr! Ich: Wo,

wie, wann? Da kommt's heraus, daß auch dieser ruhige Bürger gleich in

Angst gerät, wenn auf der Gasse italienisch gesprochen wird. Sind wir

wirklich so schwach? Ist wirklich das Deutschtum gleich bedroht, wenn

unsere Kinder eine fremde Sprache hören? Trauen wir unserer eigenen

Kraft so wenig zu? Und geht es denn immer bloß um die Sprache, geht

es nicht vielmehr um den deutschen Sinn und unsere alte deutsche

Stammesart? Ist es nicht wichtiger, diese südlichen und östlichen

Völker einzuhauchen? Lassen wir doch in der weiten Welt die deutsche

Seele für uns werben! In welcher Sprache sie dann wirkt, was kümmerts

uns, wenn nur deutsches Wesen obenan in der Menschheit steht!

Endlich sind wir in Gravosa, endlich bin ich im Wagen. Und ich weiß:

jetzt kommts, gleich werden wir jetzt auf der Höhe sein, links der

kahle Berg und rechts der dunkle Wald und unter den nackten Agaven die

gäschende Flut, gleich wird es wieder sein, gleich wird der Traum zur

Wirklichkeit, und Frühling wird sein, denn hier ist immer Frühling,

und ich werde mitten im Frühling sein, während aus glühenden Gärten

die weißen Mandeln winken! Wie langsam sind meiner Ungeduld die

gemächlichen Gäule! Ich kann es nicht mehr erwarten! Ewigkeit wird's

mir, bis wir, an der gelben Kaserne mit den exerzierenden Soldaten

vorbei, doch endlich, endlich, endlich auf der Höhe sind! Auf der

Höhe, zwischen dem grellen Berg und dem dunklen Wald, über dem

glitzernden Meer! Und ich kanns noch immer gar nicht glauben, daß ich

das jetzt wieder haben soll! Aber da ist es, alles ist noch da, Berg

und Wald und Meer und die schiefen Agaven über dem Abgrund und in den

Gärten die schimmernden Mandeln und der ganze Frühling! Ich aber sitze

ganz still und kann es nicht begreifen. Und ich sage mir die ganze Zeit:

Was hast du denn, sei nicht so dumm, du hast es doch gewußt, warum

denn heulen, du hast es doch gewußt! Aber nein, nein, ich habe nichts

gewußt! Alles ist noch, wie es damals war, und doch ist mir alles, als

wär's zum erstenmal!

Nun bin ich wieder auf dem Platz vor der Porta Pile, unter den Platanen

und Maulbeerbäumen. Über den Häusern links droht, ganz oben, aus dem

grauen, karg angegrünten Stein des Monte Sergio das breite, gelblich

weiße Fort Imperial. Vor mir die Stadtmauer, nordwärts ansteigend

zum Mincetaturm, während sie sich südwärts zur Seebastion Bokar auf

jähen Klippen senkt. Bald ist sie ganz regengrau, bald von weißlichen

Schimmern, hier rostig gefleckt, dort schwarz genäßt, mit gelben

Heiligen in verwetterten Nischen; und aus dem wuchernden Graben ragen

silbrige Pappeln, grüne Kiefern und dunkler Lorbeer auf. Von der

Terrasse zwischen der Scuola Nautica und dem kleinen Café all' arciduca

Federigo sieht man ins Meer hinab. Links die Mauer und die Bastion

Bokar, rechts auf steilem Riff das Fort Lorenzo und in der Bucht noch

ein ganz enger jäher Fels und daneben eine breite niedrige Bank; und

über alle diese grauen und gelben und braunen Zinken und Zacken und

Zulpen wirft sich das brandende, brausende, brodelnde Meer her.

Über die Brücke, durchs Tor in der Mauer. Man tritt in einen Zwinger,

der sich, unter steilen Wänden, im leichten Bogen zu einem zweiten

Tor senkt. Seltsam wirken die schwarzgelben Türen in dieser großen

heroischen Impression; und seltsam ist es, wenn das Meer brüllt und

plötzlich ein Trompeter ein Signal bläst. Nun aber, aus dem zweiten

Tor tretend, hemmt man vor Entzücken den Schritt und steht und schaut:

eine gerade, mäßig breite, trotzige Straße von stämmigen, wehrhaften

und entschlossenen Häusern; und jedes dieser bräunlich glänzenden,

gelb gescheckten, aus Steinwürfeln gefügten, streitbaren und

bewaffneten Häuser steht hoffärtig für sich allein, jedes etwa drei

Schritte vom nächsten weg, so daß überall enge Gassen entstehen, die

sich dann, links und rechts, über Stiegen, den Berg hinauf fortsetzen.

Das ist, von der Porta Pile zur Porta Ploce, Ragusas große Straße: der

Stradone. Kein Trottoir. Mit großen Platten gepflastert. Man hat das

Gefühl, durch einen langen schmalen Saal zu schreiten. Und irgendwie

muß man immer an den Markusplatz denken. Ein enger, bedrängter

Markusplatz scheints. Ein Gefahren abgerungener Markusplatz, der immer

noch die Waffen in der Hand hält. Tanzsaal und Fechtsaal zugleich. So

festlich als kriegerisch bereit. Das Leben jauchzt, aber an jeder Ecke

steht der Tod.

Die Häuser sind niedrig. Anderthalb Stöcke. Unten meist vier runde

Bogen mit Gewölben; darüber vier Fenster mit weiß oder grün

gestrichenen Jalousien; und die Fenster im nächsten Stock sind kaum ein

Drittel so groß. Alles sehr alt; aber ganz jung geblieben. Alles hell

und rein. Alles froh und stark. Mit verbundenen Augen in diese Straße

geführt, müßte man noch ihren Glanz fühlen. Und ein Fremder, hier

aus einem verschlagenen Ballon gefallen, fragte sicher: In welcher

Republik, bitte, bin ich hier?

Und unerklärlich bleibt mir, warum man sich denn hier immer in einer

großen Stadt glaubt! Die steilen Gäßchen, links und rechts, den Berg

hinauf und südwärts, sind in ihrer Enge, mit den bunten Fetzen, aus

irgendeinem italienischen Dorf. Aber auf dem Stradone fühlt man sich in

einer großen Stadt. Hier weht die Luft der weiten Welt herein. So

stark ist die Vergangenheit hier hängen geblieben, daß man immer

noch überall den Hauch der Geschichte spürt; und griechische und

byzantinische und venezianische Herrlichkeit spricht mit königlichen

Stimmen aus allen Steinen. Nach den Bergen und über das Meer hat diese

Stadt einst ihre Waren in die weite Welt geschickt, der fünfte Karl

war ihr so gnädig als Cromwell, der Pabst gab ihr seine Gunst wie der

Sultan. Dies alles ist verweht, aber die Stadt Ragusa steht.

Heute ist die Republik Ragusa eine von den dreizehn

Bezirkshauptmannschaften Dalmatiens, dem k. k. Statthalter in Zara

untertan, mit einem Kreisgericht, einem Bezirksgericht und einer

Finanzbezirksdirektion. Einst hatte die Stadt vierzigtausend Bewohner,

jetzt hat sie, mit den Vorstädten, kaum achttausend. Aber es sind die

alten Ragusäer, und ihre Geschichte lebt.

[Illustration: _Ragusa, Rektorenpalast_]

Und ich stehe noch immer, im zweiten Tor, und schaue nur, den Stradone

hin, und schaue. Dann aber sagt es plötzlich in mir: Siehst du, in der

Getreidegasse, wenn das zittrige Glockenspiel herüberklingt, und in den

bunten Goldmacherhäuseln des Hradschin und vor dem Tuchhaus in Krakau,

wo der Mickiewicz steht, und auf dem Platz in Trient, wo der Dante seine

Hand zum Norden hebt, und in Bozen auf dem Platz des Vogelweiders und

hier im Abglanz der Komnenen fühlst du dich zu Haus, dies alles ist

dein Heim, dies alles zusammen erst bist du, siehst du jetzt, was ein

Österreicher ist? Und ich stehe noch immer im zweiten Tor, über den

Stradone schauend, die kleinen, festen, breiten Burgen entlang, und

uralte Zeit ergreift mich im Sonnenschein, und ich bin froh.

* * * * *

Warsberg ist auch einst hier gestanden. Da hat er sich einen

Geschichtsschreiber der glorreichen Stadt gewünscht. »Die Stadt,

schrieb er, erscheint wie der Siegelabdruck ihrer Geschichte. So ganz

die Vergangenheit verratend stellt sich vielleicht nur noch Venedig dar.

Wie dort, hatte sich auch hier nichts neues beigemischt, und man sieht

ein treues Bild dessen, was ehemals war. Eben deshalb, weil man immer

wahre und zeitgemäße Bilder zur Illustration des Erzählten zur Hand

hätte und dieses also beinahe ganz aus dem noch vorhandenen Leben

selbst schöpfen könnte, dünkt mir die Geschichte Ragusas zu schreiben

eine der bestechendsten und interessantesten Aufgaben. Ich meine eine

Geschichte, die Fleisch und Blut, das Leben selbst, eine körperliche

Darstellung, nicht eine langweilige, dunstige, bloße Aufzählung der

Fakten wäre. Solche Monographien, gut geschrieben, sind heute das

Eigentliche, was den Historikern noch erübrigt und daher aufliegt. Sie

haben vor den früher üblichen Weltgeschichten das voraus, daß sie

mehr individuelle Spannung und Teilnahme, einen festen Knochenbau und

auch eine leidenschaftlichere Seele, mehr bunte Färbung und auch mehr

Rücksicht für die Landschaft und den städtischen Hintergrund mit

sich bringen und bedingen. Der Welthistoriker ist mehr Philosoph; der,

welcher eine solche Einzelhistorie versucht, muß Maler und Künstler,

auch Dichter und Romantiker sein. Dabei hätte die Monographie der

Republik Ragusa noch das besondere Interesse, immer das Branden der

Weltgeschichte mithören zu lassen; denn das Schicksal Ragusas war, ganz

wie sein Stadtbild, nicht reich und großmächtig, aber wohlhabend und

ansehnlich, und wie das Meer um seine Flanken liegt, so spülen hier

alle großen Ereignisse unseres Mittelalters an.« Warsbergs Wunsch

ist jetzt erfüllt. Der Graf Vojnovič erzählt die Geschichte seiner

Vaterstadt.

* * * * *

Im Gehen fällt mir dann noch ein: dies allein, sich in solchen Extremen

daheim zu fühlen, macht noch nicht den ganzen Österreicher aus,

sondern dazu gehört noch, daß er sich in seinem Land überall immer

mißhandelt und doch sonst nirgends wohl fühlt. Deshalb kann uns auch

»draußen« keiner je verstehen. Was weiß man denn von uns in Europa?

Jetzt reist einer herum, der unsere Landschaften draußen bekannt machen

will. Schön. Aber es sollte dann auch einmal einer reisen, der Europa

mit unserer Menschenart bekannt macht. Warum halten wir sie versteckt?

Warum verstellen wir uns? Warum sind wir alle so bös, wenn einer sie

verrät?

Abend wird's, der Korso beginnt. Die scharfen, beweglichen, gern ein

wenig spöttischen Mienen eilig äugelnder Italienerinnen, die weichen,

scheuen, gesenkten der zögernden slawischen Mädchen. Männer in weiten

bauschigen Hosen, mit dem Turban, Messer in den breiten blauen oder

tiefgrünen oder roten Binden. Blaue Mäntel, rote Mäntel. Bäuerinnen

mit Kopftüchern, Brusttüchern, Schürzen in allen Farben, möglichst

bunt, möglichst grell. Und dann wieder welche ganz weiß. Priester

unter breiten schwarzen Hüten. Ein bärtiger Pope. Junge Serben mit

sanften braunen Augen. Schlanker Albanesen ungeduldiger Schritt und das

Säbelklirren gravitätisch schlendernder Kadetten. Langsam, zu dritt,

Soldaten im gleichen Schritt, stumm und mit dumpf verwunderten Blicken.

Und dann sitzt man abends in diesem friedlichen Hotel Imperial an der

Table d'hôte. Narzissen duften durch den hellen Saal. Eine alte Dame

mit einem stillen, ganz weißen Gesicht hat Blüten mitgebracht, legt

sie neben sich und streichelt sie. Und ganz glücklich sagt sie: Alles

blüht schon! Ein Wiener gegenüber sagt: No ja, das schon, aber

die Butter müssens aus Schärding bringen lassen, aus Schärding in

Oberösterreich, ich bitt' Sie! Die alte Dame mit dem lieben feinen

Gesicht erschrickt und sieht die weißen Blüten ganz ängstlich an,

als wären sie schuld. Und rings am Tisch verstummen alle. Die Narzissen

duften, das Licht glänzt an den Gläsern. Bis plötzlich eine junge

Stimme schmetternd sagt: Wollen Sie wetten, daß in acht Tagen Krieg

ist? Alle horchen auf und sehen hin, die Nachbarin des schmetternden

Leutnants wird verlegen, er aber lacht und noch einmal schallt's über

den Tisch: In acht Tagen ist Krieg! An einem Tischchen in der Ecke sitzt

ein hagerer Herr im Frack, mit einem kahlen zerknitterten gelben Gesicht

und einer exotischen, sehr geschmückten Dame. Jetzt sehen sie her,

horchend; dann sehen sie sich an und lächeln. Der schmetternde Held

aber, der spürt, daß ihm jetzt alle zuhören, hebt sein Glas zur

errötenden Nachbarin und wieder hallt der stille Saal von Krieg.

Mich verdrießt das gelbe Gesicht des Fremden. Ich kann mir denken,

was er sich denkt. Ich stelle mir vor, was ich im Ausland über einen

Offizier dächte, der an der Table d'hôte den Krieg erklärt.

Ich weiß, daß in den letzten Jahren wahre Wunder in unserem Heer

geschehen sind. Auch wer kein Militarist ist, darf die großen Schöpfer

und Ordner unserer neuen Armee bewundern. Nirgends in Österreich ist

mehr Arbeit geleistet worden, nirgends mit reinerem Sinn. Aber ich kann

nicht aufstehen, um dem gelben Fremden in sein höhnisches Gesicht zu

sagen: Lachen Sie nicht, wir haben die besten Generäle! Denn ich wäre

stumm, wenn er mir antwortet: Sehr angenehm, aber warum erziehen sie

dann ihre kleinen Leutnants nicht besser? Es hat mir den ganzen Abend

verdorben.

6.

Der schönste Tag. Kalt und klar. Jetzt ist's wieder die gelbe Stadt am

blauen Meer.

In den Gassen gebummelt, in Kirchen und Palästen. Dazwischen ein paar

Besuche gemacht. So mit einem Bein in der Vergangenheit, mit dem anderen

in der Zukunft. Denn das ist das Merkwürdige hier: es gibt keine

Gegenwart! Überall steht groß: Es war einmal! Und in den Menschen

treibts stark: Es wird einst wieder sein! In Erinnerung und in Erwartung

leben sie hier. Von gestern auf morgen. Aber kein Heute haben sie. Eine

tote Stadt, mit einer ungeborenen Stadt im Schoß.

Im Kreuzgang der Franziskaner. Man sieht auf eine wunderbar heitere

Terrasse, über die der alte Campanile ragt. Die dünnen Säulchen, das

lieblichste Maßwerk! Eine Statue des heiligen Franziskus in der

Mitte des stillen Hofs, ein Bäumchen in der Ecke, mit Orangen schwer

behangen, und blühende Rosen, gelb und rot. Ein junger Frater, mit

lachenden Augen und blühenden Wangen, stark und derb, schlurft lässig

auf und ab, in der Sonne. Vögel schreien. Und der unwahrscheinlich blau

knallende Himmel.

Durch die Klausur, auf enger Stiege den Berg hinan, kommt man noch in

einen zweiten Hof. Ganz klein, ganz still. Ein alter Brunnen unter einem

Dach, Bäume, der Gang, die Mauern, eine Sonnenuhr, der Himmel. Und

alles wie versunken, wie verstorben. Kein Laut, kein Hauch. Hier sind

die Vögel still und der Wind verstummt. Nur die liebe Sonne scheint

unverschämt herein.

Auch die Dominikaner, vor der Porta Ploce, haben einen wunderschönen

Klosterhof. In ihrer Kirche wird ein Tizian und ein Vasari gezeigt,

und der Mönch, der mich führt, ist besonders stolz auf einen Nicolo

Ragusano. Mir geht's wie vor dem Tizian und dem Rafael im Dom (die wohl

übrigens beide bloße Kopien sind): ich erschrecke fast, wie mir mit

den Jahren alle Fähigkeit, mich in tote Bilder einzufühlen, entkommen

ist; nur mein Verstand schaut sie noch an.

Aber vor dem Palast der Rektoren und vor der Dogana könnte ich tagelang

stehen. Die haben das ewige Leben. Hier ist der unsterbliche Sinn eines

großen Geschlechts aufbewahrt.

Man vergleicht sie gern mit dem Dogenpalast. Ich finde sie ganz anders.

Sie sind gar nicht kokett, sie wollen nicht gefallen, sie schmeicheln

nicht, sondern in ihrer festen Schönheit stehen sie da, kriegerisch zur

Welt hin, um ihr einmal zu zeigen, was das Rechte ist; und die Lust, so

zu sein, wie sie sind, lacht aus ihren stolzen Augen. Und ich erkenne

hier wieder, daß die Menschheit in zwei Rassen geschieden ist: eine,

die sein muß, was sie ist, die sich gar nicht denken kann, anders zu

sein, die nichts braucht, weil sie alles an sich selbst hat, und so

lange sie sich hat, weder Wunsch noch Furcht kennt, die Rasse der

sicheren einsamen unschuldigen Heiden, die keine Gerechtigkeit kennen

in ihrem starken Gewissen, Luft und Raum um sich fordern, keine Nähe

vertragen; und eine der immer Fragenden, ewig an sich Zweifelnden,

niemals Gewissen, die sich schämen, so zu sein, wie sie sind, die sich

wünschen, anders zu sein, als sie sind, die sich fürchten, so zu sein,

wie sie sind, die jeden bewundern, der anders ist, die jeden beneiden,

der anders ist, die schmeicheln, die für sich um Verzeihung bitten,

die gefallen möchten, die Rasse der aus Scham Anmutigen, aus Angst

Mitleidigen, aus Neid Reuigen, der Suchenden und Irrenden, der an

sich selber kranken, schlecht träumenden, vor sich selber flüchtigen

Sünder. Und zwischen diesen beiden Rassen, zwischen den Menschen,

denen in ihrem eigenen Wesen wohl ist, und den Menschen, denen vor ihrem

eigenen Wesen bang ist, kann niemals Friede sein. Der Spaß aber ist

nun, daß jedes Zeichen, das die erste von sich gibt, immer von der

zweiten gleich ergriffen und als Maske vorgebunden wird.

Und ich frage mich in einem fort: Ist der Palast der Rektoren gelb, oder

ist er braun, oder ist er grau? Mit einem Glanz unsagbarer Farben hat

die Zeit den alten Stein überzogen. Abgelegene Spitzen, wie sie auf den

Inseln hier noch in Klöstern bewahrt werden, lang verborgenes Pergament

und in uralten Truhen erblaßte Meßgewänder haben manchmal dieses

Leuchten von verschossenem Gold. Fünf große Säulen, mit fünf

üppigen Kapitälen; und jedes ist anders, als hätte jedes allein den

ganzen Reichtum der Welt für sich ausgeschöpft! Denn Größe hat das,

daß sie sich verschwenden kann, ohne Furcht, sich zu verlieren. Uns

schwindelt in dieser Fülle wuchernder, schwelgender, strotzender

Details, aber man tritt zwei Schritte weg, und die reinste Heiterkeit

nimmt alles in sich auf. Denn alles dient hier, und ein einziger großer

Wille spielt damit.

Auf diesen steinernen Bänken saßen die Senatoren. Hier saß der

Rektor, der, immer für einen Monat nur erwählt, in dieser Zeit den

Palast nicht verlassen durfte, der Gefangene seiner Macht. Bis dann,

1806, die Franzosen vor der Stadt standen, da blies die Marseillaise das

alte Gesetz hinweg, es zerbrach; diesen großen Moment, in dem sich alle

Vergangenheit noch einmal versammelt, aber aus der Sehnsucht der Armen

schon die Zukunft aufspringt, hat Ivo Vojnovič in seiner Ragusäischen

Trilogie mit der höchsten Leidenschaft, sein Bruder Lujo im ersten

Bande seines Pad Dubrovnika mit einer nicht weniger künstlerischen

Gelehrsamkeit dargestellt. (Der Fall Ragusas. Von Dr. Lujo Knez

Vojnovic. Erster Band: 1797-1806. Zweiter Band: 1807-1815. Agram,

Verlag der Aktien-Typographie, 1908. Ein solches Werk über Toledo wäre

längst ins Deutsche übersetzt.)

Der Palast, 1388 aufgebaut, 1435 abgebrannt, kaum erneut 1462 wieder und

nochmals 1483 durch Feuer zerstört, hat diese Gestalt seit vierhundert

Jahren. Die Dogana ist jünger. Und alles an ihr ist jung. Überall hat

sie Jugend. Wäre das Problem gestellt: Drücke durch ein Gebäude das

Wort Jung aus, es ließe sich nicht besser lösen. Allen festen Trotz

und die lachende Verwegenheit und das arglose Glück der Jugend hat

sie. Sie ist doch aus Jugend entstanden! Damals als in Europa rings das

Erwachen der Menschheit geschah. Und man hat das Gefühl: so lange sie

hier steht, kann in dieser alten Stadt die Jugend nicht erlöschen, so

lange wird die Stadt immer wieder jung sein.

Dalmatinische Reise · 第 3 / 10 段