Die Dogana sieht, mit ihrer heiteren Loggia und den kleinen gotischen

Fenstern unter dem skurilen heiligen Blasius in seiner anmutig

umschlossenen Nische, ganz venezianisch aus. Die Jugend aber, von der

sie glänzt, war eine slawische. Die Dogana ist 1520 vollendet und

1521 erschien die Judita des Spalatiners Marko Marulič, des Vaters

der kroatischen Literatur. Der war, noch ganz lateinisch erzogen,

ein strenger Gelehrter, der sich aber gelegentlich schon in heiteren

Gedichten der heimischen Sprache gefiel. Und nun bekam auch hier die

Jugend überall Mut. Wie jetzt die jungen Tschechen sich auf Europa

stürzen, mit dieser ungeheuren Gier, ihrer Sprache die Gedanken und

Gefühle der westlichen Völker anzueignen, so war damals alle Jugend

hier von einer unbändigen Lust gequält, den ganzen Geist der neuen

Zeit für ihre Stammesart zu erobern. Ihre Muttersprache wurde von ihr

entdeckt. Da scholl es in dieser zierlichen Dogana von wagender Kraft!

Denn unten war die Münze und das Zollamt, oben aber eine Art Klub, in

dem sich die vornehme Welt mit den Schöngeistern traf. Hier saßen auch

die beiden Akademien, die der Concordi und die der Oziosi. Hier klangen

noch die Lieder der ragusäischen Troubadoure nach des Sisko Mencetic

und des Gjore Drzič. Hier bildete sich an Nachahmungen italienischer

Muster eine durchaus nationale Dichtung, lebensvoller als diese,

von einem oft verwegenen Realismus und einer höchst merkwürdigen

gesalzenen Heiterkeit, wovon des Ragusaner Goldschmieds Cubranovič

berühmte Jegjupka und die Schäferspiele des Marin Drzič zeugen.

Bis dann zuletzt der Große kommt, der die Frucht der langen Sehnsucht

pflückt, der Vollender, der Erfüller: Ivan Gundulič. Von ihm ist das

letzte Hirtenspiel, Dubravka, 1628, die Freiheit Ragusas feiernd. Und

dann war es aus.

[Illustration: _Ragusa, San Biagio_]

Auf dem Markt, ein paar Schritte vom Palast der Rektoren, ist sein

Denkmal. (Von dem Bildhauer Rendič; 1893 enthüllt.) Im langen Mantel

steht er da, die Hand mit dem Stift zum Dichten erhoben. Er wird wohl

nicht so feierlich gewesen sein. Auch steht er zu hoch, auf einem

umständlichen Postament mit langwierigen Reliefs. Ich hätte ihn lieber

mitten unter den Menschen, wie der Goldoni in Venedig mitten drin in

seinem Volke zu spazieren scheint.

(Die ragusäische Literatur hat der Grazer Professor Matthias Murko in

der Teubnerischen »Kultur der Gegenwart«, Teil eins, Abteilung

neun, vortrefflich dargestellt. Auch seiner »Geschichte der älteren

südslawischen Literaturen« verdanke ich viel. Sie ist in den

»Literaturen des Ostens«, Leipzig, Amelangs Verlag, erschienen, als

zweiter Teil des fünften Bandes, dessen ersten Teil die ebenfalls sehr

bemerkenswerte Geschichte der tschechischen Literatur von Jan Jakubec

und Arne Novák bildet.)

* * * * *

Beim Landtagsabgeordneten Doktor Stefan Knezevič. Ein unendlich feiner

stiller Mensch mit wunderschönen zärtlichen Augen. Er kommt mir sehr

artig entgegen, doch erstaunt. Er scheint sich zu wundern, daß es

da droben in Wien einen Menschen geben könnte, der Interesse, ja gar

vielleicht ein wirkliches Gefühl für das vergessene Dalmatien hat. Es

wird ihm anfangs schwer, sich gleich in einen Wiener zu finden, der kein

Spion ist und nicht Verschwörungen entdecken will. Aber ich habe das

an mir, daß man mir vertrauen muß. Die Menschen fühlen es doch durch,

wenn einmal einer nichts als ein Mensch ist. Sie brauchen nur einige

Zeit, um sich vom ersten Schrecken zu erholen. Bald aber wird er

frei. Still fließt jetzt unser Gespräch dahin. Er hat eine leise

Traurigkeit, die selbst anmutigen und fröhlichen Worten einen dunklen

Ton gibt. Diese Menschen hier sitzen viel allein und sehnen sich ohne

Hoffnung. Ihre große Vergangenheit steht hinter ihnen, die trostlose

Gegenwart ängstigt sie. Wer sich der Väter würdig zeigen will, ist

gleich verdächtig. Die Not ihres Volkes ergreift sie, sie möchten

helfen, aber dies gilt für Hochverrat. Man traut ihnen nicht. Zuerst

sollen sie jetzt einmal beweisen, daß sie Patrioten sind. Sie wollen

es ja sein. Nur möchten sie doch auch leben dürfen. Dies aber will man

ihnen erst gewähren, bis sie bewiesen haben werden, daß sie Patrioten

sind. Inzwischen aber werden sie, weil man doch davon allein nicht

existieren kann, längst verhungert sein.

Knezevič hat in Wien studiert und ist dann, als Lujo Vojnovič

Minister in Montenegro war, dorthin berufen worden, um die Rechtspflege

einzurichten. Dies ist ihm von unserer Regierung verweigert worden. Er

hätte aufhören müssen, ein Österreicher zu sein. Und lieber hat

er verzichtet. Man kann sich denken, wie schwer der junge Mensch, noch

nicht dreißig Jahre alt, einer solchen Gelegenheit, einmal ins Große

zu wirken, entsagt haben mag. Und müßten wir uns nicht vielmehr

wünschen, in Montenegro einen zu haben, der als Student in Wien auf der

Wieden gewohnt hat, der unsere Art kennt, mit dem wir uns verständigen

können? Aber Goluchowski, unter dem auch dies geschah, hatte das

Prinzip, im Großen und im Kleinen, Österreich überall verhaßt

zu machen. Es war das einzige Prinzip, das er hatte. Und es war

erfolgreich, man siehts auf dem Balkan.

Merkwürdig ist es überhaupt von einer Verwaltung, wenn sie, wie hier,

um ihre Pflicht zu tun, immer erst Bedingungen stellt. Der Dalmatiner

sagt: Wir brauchen Straßen, wir brauchen Bahnen, wir brauchen Schulen!

Unsere Verwaltung antwortet ihm: Zeige zuerst, daß du ein Patriot bist!

Notwendigkeiten werden so zu Belohnungen verwendet, die man sich erst

jahrelang verdienen muß. Als ob ein Vater seinem Kinde sagte: Wenn du

heuer brav sein wirst, kriegst du aufs Jahr zu essen! Ganz abgesehen

davon, daß es mir nicht sehr gescheit scheint, einer Bevölkerung

fortwährend den Patriotismus als eine so ganz besondere Kraftleistung

hinzustellen; in anderen Ländern gilt er für selbstverständlich und

darum ist er es auch. Wir haben übrigens diese Politik schon einmal

erprobt: in der Lombardei.

Beim Apotheker Matej Sarič. Ein eifriger, beweglicher, tätiger Mann,

dem die Lust an der Arbeit aus den Augen blitzt. Klein, elegant, klug,

rasch und geschäftig. Überall sieht er in der Stadt Kraft versteckt,

die nur den Ruf erwartet, sich regen und strecken zu dürfen; und im

Handumdrehen baut er mir die Stadt um, hier noch ein Hotel, dort

eine Strandpromenade, und sieht schon überall die Menschen fröhlich

wimmeln! Schön ist der Plan, das Schlachthaus zu fällen und dort einen

Strandweg bis zur Schwimmschule zu führen, um die Wette mit dem in

Abbazia; und am Ende dann, in San Giacomo dort, mit dem Blick zum Meer

und auf das waldige Lakroma, ein großes Hotel. Denn es ist nicht wahr,

beteuert er mir, daß sie keine Fremden wollen, wie man ihnen in Wien

nachsagt; nur von einer künstlichen Fremdenindustrie mögen sie nichts,

die nach den Bedürfnissen der Eingeborenen nicht fragt und sie um allen

Gewinn betrügt, weil sie sie nicht versteht und ihnen nicht traut!

Und wieder die ewige Klage: man versteht uns nicht und will uns nicht

verstehen, weil man uns nicht traut und überall Verschwörungen

wittert, während wir uns wahrhaftig nichts anderes wünschen als ruhig

arbeiten und verdienen zu können! Und sehr amüsant ist es nun, wie

er mir den strebsamen Beamten schildert (er nennt ihn beim Namen), der

eines Tages aus Wien nach Dalmatien kommt, von vornherein entschlossen,

nach Wien zu berichten, was in Wien den größten Eindruck macht, also

Verschwörungen, und der nun dreimal die Woche mit der italienischen,

dreimal mit der serbischen Gefahr und am Sonntag mit der wachsenden

Demokratie droht, um nur, als Retter hochverdient und hochbelobt, ins

Ministerium berufen zu werden: Wir lachen ihn aus, aber in Wien scheint

man ihm zu glauben.

Dieser Sarič war vor ein paar Jahren noch ein leidenschaftlicher

Serbe. Heute gehört er zur serbokroatischen Koalition. Der Unterschied

zwischen Serben und Kroaten scheint erloschen. Vor vier Jahren ging

ich einst mit einem Freunde hier auf dem Stradone. Vor uns zwei große

hochgewachsene junge Leute. Ich sagte: Sehen Sie doch, wie wunderschöne

Menschen diese Serben sind! Da drehte der eine sich um, hielt mir die

geballte Faust ins Gesicht und schrie, voll Wut: Nix Serbe, wir sind

Kroaten, nix Serbe! Heute kann man überall in Dalmatien gefahrlos

sagen, daß Serben und Kroaten bloß zwei verschiedene Namen für

dieselbe Nation sind. Sie sprechen dieselbe Sprache, sie haben dieselbe

Rasse und auch die Religion trennt sie nicht, da es ja doch auch

katholische Serben gibt. Ein braver kroatischer Notar, neben dem ich

neulich im Speisewagen saß, war freilich ganz entsetzt, als ich dies

sagte. Aber auf meine Frage, was denn also der Unterschied zwischen

den Serben und den Kroaten wäre, erklärte er mir: Die Kroaten sind

schwarz-gelb, die Serben aber ungarisch gesinnt! Und konnte nicht

begreifen, daß mir das nicht auszureichen schien, um zwei Nationen zu

statuieren. Man wird wohl dabei bleiben dürfen, daß Serben und

Kroaten von einer und derselben Nation sind, bloß mit verschiedenen

Erlebnissen. Merkwürdig ist nur, daß sie selbst, miteinander und

ineinander lebend, dies so lange verkennen konnten. Und merkwürdig

auch, daß man, ihrer Verständigung nachgehend und die Vermittler

suchend, fast immer zuletzt auf einen Schüler Masaryks stößt. Fast

immer ist es einer, der als junger Mensch einmal nach Prag kam, bei

Masaryk im Kolleg saß und, von ihm aufgeweckt, heimgekehrt überall

die Botschaft der Versöhnung zu verkündigen begann. Schüler Masaryks

haben Serben und Kroaten vereint und richten das zerschlagene Land jetzt

zum Glauben an die Zukunft auf. So stark wirkt der einsame Slowak in

Prag, der eine Mischung von Tolstoi und Walt Whitman, diesen ein Ketzer,

jenen ein Asket und allen ein Schwärmer scheint, in die weite Welt

hinaus.

* * * * *

Der Habitus dieser Kroaten ist: weiches dunkles Haar, meist ganz kurz

geschnitten, ein kleiner Schnurrbart, ein gelbes, matt glänzendes

Gesicht, eine schmale gerade Nase mit zuckenden Flügeln, die

mandelförmigen Augen schief unter gesenkten Lidern blinzelnd, ermüdet

und verschlafen, die Stimme weich und klagend.

Und innerlich: von einer unbestimmten Sehnsucht voll und tief im Herzen

beklommen, mit dem einzigen Wunsch, still gehorchen zu dürfen.

Ich muß schon sagen, mir wären diese »Hochverräter« noch viel

sympathischer, hätten sie nicht so stark den Trieb in sich, treue

Diener zu sein. Und so hat vielleicht unsere Verwaltung doch einen

propädeutischen Sinn: der unbekannte Geist, der über den Schicksalen

der Welt sitzt, hat sie vielleicht ins Land geschickt, um diesen

Menschen hier die knechtische Lust am Gehorsam auszutreiben. Und so sei

sie gepriesen!

7.

Nach Lakroma. Man fährt, vom alten Hafen weg, kaum eine halbe Stunde.

Ich habe wieder das Gefühl, im Anblick der Stadt, sie sei nicht von

Menschen erbaut, sondern aus der Erde gewachsen.

Dem Landenden wird ein weißes Kreuz sichtbar, und der Schiffer

erzählt, daß hier einst ein Kriegsschiff explodiert und nur ein

einziger Mann gerettet worden sei, der für ein schweres Verbrechen,

das er verübt, ganz unten in Ketten lag. Die Geschichte höre ich immer

wieder gern, weil sie so moralisch ist. Wie muß sich dieser brave Mann

sein ganzes Leben lang über sein Verbrechen gefreut und es gesegnet

haben!

Hier war schon 1023 ein Kloster. Und diese Benediktiner verstanden es

dann überall, die Händel der Großen für sich auszunützen. Da war

irgendein Zwist eines Königs Radoslav mit seinem Neffen Bodino, und der

Schluß ist, daß der landflüchtige König das Kloster zum Erben macht,

sein böser Neffe aber auch. Die geistliche Kunst besteht darin, sich

so zwischen die Starken und Schwachen zu stellen, daß sie diese zu

schützen, jenen zu drohen scheint, doch aber immer noch im rechten

Moment wenden kann. -- Auch Richard Löwenherz, aus einem Sturm an

diesen Strand gerettet, hat dafür dem lieben Gott viel bezahlen

müssen.

Wie mir diese Namen klingen! Richard Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz

Rudolf. Im wilden Garten sage ich sie mir immer wieder vor. Ich weiß

nicht, was ich eigentlich dabei fühle. Es sind nur Akkorde. Richard

Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz Rudolf. Bis zu einem deutlichen

Gefühl, das ich nennen könnte, wirds nicht klar. Nur wie wenn leise

der Wind über eine Harfe ging, streichen die drei Namen über mich hin.

Richard Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz Rudolf.

In Hietzing steht der Kaiser Max vor der Kirche. Immer wenn ich in die

Stadt muß, fahre ich in der Elektrischen an ihm vorbei. Das Denkmal,

von einem Johann Meixner, der mir sonst unbekannt ist, sagt nichts. Es

stellt irgendeinen sehr österreichischen, gar nicht tragischen Herrn

dar. Wenn man aber hier im Kloster durch seine Zimmer geht, sieht man

ihn; da ist er noch selbst, der Kaiser Max von Mexiko. Sie sind ganz

einfach, aber in jeder Ecke sitzt die Sehnsucht. Und draußen der Garten

und drüben das Meer, in ungeheurer Einsamkeit. Aus den ganz kleinen

Zellen sieht man überall ins Große. Und die Stimmen des Windes,

der zornig in den Eichen haust, der Welle, die stöhnend an den Fels

schlägt, rufen in die tiefe Stille herein.

[Illustration: _Lakroma_]

Ich habe neulich einmal die sieben Bände durchgesehen, die vom Kaiser

Max übrig sind. Reiseskizzen, Aphorismen, Gedichte. Besonders die

Gedichte sind arg. Überall aber spricht ein Mensch, der sich immer

wünscht, Großes und Schönes zu finden; und er glaubt, es müsse

draußen irgendwo sein. Die stolzen Namen seiner Ahnen regen ihn auf,

ihr Enkel zu sein will er sich verdienen, so sucht er ein würdiges

Schicksal. Und rührend ist es, wie er sich immer mit dem Edelsten

umgibt und durch Erinnerung an die Taten oder Werke bedeutender Menschen

sich selbst ihnen zu nähern glaubt. Er war zu groß, Großes aus der

Ferne zu bewundern; er hat daran teilnehmen wollen. Und dazu war er doch

wieder nicht groß genug, er hatte nur den Wunsch nach Größe. Er hatte

nur die Sehnsucht. Und so hat er, ein Schicksal suchend, zuletzt nur ein

Abenteuer gefunden. Das war seine Tragik.

Der Kaiser Max und unsere Kaiserin Elisabeth, diese zwei großen Statuen

der Sehnsucht stehen am Eingang unserer Generation. Wird an unserem

Ausgang eine der Erfüllung stehen?

* * * * *

Da ist, unter Eichen und Kiefern, eine Mulde, in die vom Meer

unterirdisch Wasser dringt: das Mare Morto. Ich strecke mich hier hin,

es weht lau, der Stein glüht, unten gluckst es dumpf; und vor mir

nichts als das blaue Meer. Mir wird warm und wohl, es denkt sich hier so

gut.

Nein, das sind keine Verschwörer, dort in der alten Stadt; es sind

keine Verräter. Sie haben keinen Wunsch als gut österreichisch sein

zu können. Aber die Stadt dehnt sich, sie spürt ihre Kraft; und die

Bauern, ringsherum, schicken ihre Söhne nach Amerika, die lernen dort,

wie man heute das Land bestellt, und, heimgekehrt, erzählen sie davon.

Doch die Bildung fehlt und die Maschinen fehlen und Städter und Bauer

erkennen so, daß ihnen überall das Geld fehlt. Woher kriegen wir

Geld? Wir selbst sind zu schwach und Wien hilft uns nicht. Ja wenn

wir stärker wären! Wir sind zu wenige. Wir müssen uns mit anderen

vereinigen. So setzt sich auch hier die wirtschaftliche Not ins

nationale Gefühl um. Wenn die Menschen hungern, sagen sie: das

Vaterland muß größer sein! Die Stadt dehnt sich, der Bauer will

Maschinen, dies wird jetzt in das Wort gepreßt: Trialismus! Warum sind

wir von unseren Brüdern getrennt? Wir Kroaten in Dalmatien und die

Kroaten in Kroatien und Slawonien sind ein Volk, so wollen wir auch

ein Reich sein! Wirtschaftliches Bedürfnis wird so zur politischen

Leidenschaft. Ein habsburgisch gesinnter Staatsmann ließe sich das

nicht entgehen. Er gewänne für Österreich ein Volk und hätte die

ungarischen Rebellen geschlagen.

Nun sagen unsere Staatskünstler freilich: Solange die Menschen hier

hungern, gehorchen sie noch am ehesten, brächten wir aber Geld ins Land

und ließen Bürger und Bauern erstarken, oder würden gar Dalmatien

und Kroatien ein Reich, so fängt sogleich die politische Romantik

auszuschlagen an, ein kräftiges Bürgertum ist nicht zu regieren, davon

haben wir in Böhmen genug, und wenn es sich erst wirtschaftlich und

geistig zu fühlen beginnt, weiß niemand mehr, gegen wen sich die junge

Kraft am Ende noch kehrt, während mit diesen Bettlern hier ein paar

Gendarmen fertig werden, das ist sicherer, Not regiert man noch am

leichtesten, denn wie den Menschen nicht mehr hungert, wird er frech,

glauben Sie mir!

Diese Staatskünstler stecken nämlich noch ganz im alten Österreich,

das seinen Sinn in Deutschland suchte. Seit es aber hinausgeworfen

wurde, hat es nur die Wahl: entweder keinen Sinn mehr zu haben oder sich

jetzt einen neuen zu suchen. Der kann nur auf dem Balkan sein. Jener,

nach Norden und Westen gekehrt, hat es nicht nötig gehabt, sich um das

verlorene Volk dort unten zu kümmern. Dieser braucht es. Denn nur mit

starken Südslawen können wir auf dem Balkan stark sein. In ihrer Kraft

ist unsere Zukunft. Aber unsere Staatskünstler wissen noch immer nicht,

daß wir aus einem deutschen Östreich ein slawisches Westreich geworden

sind. Vor dreiundvierzig Jahren ist das geschehen. Es wäre Zeit, sich

daran zu gewöhnen...

Das Wasser gluckst im Schacht, die Kiefern biegt der Wind, der Stein

glüht. Ich bin unruhig, in einem inneren Halbdunkel, zwischen Denken

und Fühlen. So seltsam klingt es überall, die Seele der Insel scheint

aus dem Schlaf zu reden. Und ich erwarte, jetzt und jetzt eine weiße

Gestalt aus dem Lorbeer treten zu sehen. Wenn noch Götter wären? Die

Götter der Griechen! Götter, die sich zu geliebten Irdischen neigen!

Und immer das leise Singen, auf der ganzen Insel. Und drüben die roten

Rosen. Und draußen das blaue Meer.

Solche Stunden, wenn der Wind weht, das Meer glänzt, die Sonne

glüht, haben die sonderbare Macht, indem sie den Geist zu lichten

oder gleichsam zu schleifen scheinen, daß er hell und schneidend wird,

zugleich einen magischen Kreis um ihn zu ziehen, in dem alles traumhaft

wird. Niemals sind wir bereiter, mit dem Verstande alles zu wagen,

niemals kühner zu logischen Exzessen gestimmt, niemals so gewiß, jedes

Geheimnis auszurechnen, niemals aber auch ahnungsvoller und mehr in

Nacht vertieft. Während unser Verstand dann eine lachende Zuversicht

hat, alle Fragen aufzustören, alle Rätsel abzuwickeln, werden wir

über den Rand des Bewußtseins gedrängt und sind unsicher, was noch

Realität, was schon Halluzination ist. Wirklichkeit erkennen wir für

Wahn, und Wahn nimmt die Gewalt von Wirklichkeiten an. Niemals fühlen

wir uns im Geiste so fest, aber der Boden unter ihm wankt. Wir wissen,

daß wir im Recht sind, aber es könnte sein, daß es das Recht einer

anderen Dimension wäre. Wir fühlen uns ungeheuer wach, aber so

unwahrscheinlich wach, daß wir es bloß zu träumen fürchten. Und

seltsam ist es, wie von dieser geheimnisvollen Erektion des Geistes nun

auch unsere Sinnlichkeit mitgerissen wird. Das sinnlich Aufregende weiß

zerstiebenden Wassers, mit leisen Fingern kitzelnden Windes und des

verwirrenden Geruchs schwellender Blumen wirkt niemals stärker auf uns

als in solchen Stunden der höchsten inneren Klarheit, wenn sich der

Geist vom Körper zu lösen scheint und dieser nur noch einmal zum

Abschied die Hände nach ihm hebt. Dann hat jede Rose das Gesicht

einer Frau, Dryaden nicken nackt aus allen Bäumen und der Boden

dampft überall vom Schweiß der Faune. Indem wir, entrückt, schon

aufzufliegen glauben, hält uns noch einmal der süße Bann der Erde

zurück. In solchen Stunden ist es, als machten wir an uns noch einmal

die ganze Menschheit durch, vom Anbeginn des Urtiers, und ewig weiter,

bis in unbekannte Fernen, vom Faun, der wir gewesen sind, bis zum Gott,

der aus uns werden will. Und einen atemlosen Augenblick lang steht dann

in uns die Ewigkeit versammelt.

Dem Heimkehrenden aber, der, solcher banger Seligkeit entkommen, noch

einmal vom Kahn zu dem magischen Eiland zurückblickt, ist es wieder nur

ein stiller, waldiger, verwilderter Garten...

Im Kahn fällt mir plötzlich ein: Warum setzen wir hier nicht einen

unserer jungen Erzherzoge her? Den Erzherzog Eugen etwa, der sich in

Innsbruck bewährt hat. Er wäre fähig, die Schönheit der Insel

zu genießen, und hätte durch seine frische, leutselige, weltkluge

Sinnesart bald das Zutrauen der Menschen. Sie sind zu oft getäuscht

worden, um uns noch zu glauben. Sie lachen nur, wenn wieder ein Minister

zum hundertstenmal die »Hebung Dalmatiens« verkündigen läßt. Sie

wissen schon, daß es doch immer auf dem Papier bleibt. Aber käme nun,

statt der Botschaft, auf die keiner mehr hört, ein lebendiger Mensch

in ihre Stadt, um unter ihnen zu wohnen, ihre Sitten zu teilen und ihre

Sorgen zu suchen, dies wäre vielleicht ein Zeichen für sie, woran sich

alte Hoffnungen wieder aufrichten könnten. Und er hat es ja nicht

so nötig, sich oben beliebt zu machen. Er müßte nicht immer daran

denken, nur das nach Wien zu berichten, was man in Wien gerade zu hören

wünscht. Er könnte wagen, einmal die Wahrheit zu sagen, ohne gleich

verdächtig zu sein. Abends auf dem Stradone gehend, wie es seine Art

ist, sich gern im Volke zu bewegen, oder ins Land zu den Bauern fahrend,

schon um alte Waffen und ererbten Schmuck zu sehen, die Wünsche der

Bürger hörend, mit diesen schönen Frauen scherzend, Fischern im Boot

lauschend, die Geschichten aus der alten Zeit erzählen, fände

dieser junge, dem Leben offene, wahrhafte Mensch den echten Sinn des

verleumdeten Volkes bald heraus und hätte den Mut, Gerechtigkeit zu

heischen. (Behutsam natürlich, denn wir haben Hofräte im Ministerium,

denen auch ein Erzherzog noch lange kein genügender Patriot ist!)

Und die Familien der alten Ragusäer, die sich jetzt in Einsamkeit

verkriechen und verbittern, legten wieder ihren alten Prunk an, um bei

seinen Festen zu glänzen, und sein froher Sinn, den Künsten

zugetan, riefe die Jugend der Dichter und Maler herbei, die jetzt in

ohnmächtiger Sehnsucht vergeht. Und der Saal, oben in der Dogana,

wäre dann wieder von Freuden und Hoffnungen hell wie damals, in der

unvergessenen Zeit des ersten Erwachens.

Da stößt der Kahn hart ans Ufer und rüttelt mich auf. Ich muß

lachen, denn ich habe plötzlich in mir die Stimme Kolo Mosers gehört.

Der las uns auf dem Semmering so gern eine Predigt des Abraham a Santa

Clara vor, in der jeder Satz mit dem Ausruf schließt: O Narr! Und wie

aus einem Grammophon klingt es mir: O Narr! Und klingt mir noch in einem

fort nach, während ich durch die Stadt gehe, mit seiner vollen, tief

gurrenden Stimme von verhaltener Lustigkeit: O Narr! -- Kolo, was tust

du? Kolo, Professor, Ritter des Franz-Josef-Ordens, was willst du von

mir? Hebe dich hinweg und störe mich nicht in meinen patriotischen

Phantasien!

* * * * *

Dreimal die Woche werden die Ragusa besuchenden, im Hotel Imperial

abgefütterten Fremden in eine stoßende stinkende Barkasse gestopft und

nach Cannosa geschleppt; noch drei Nächte lang träumt man dann nur von

Öl. Dort müssen sie aussteigen und werden über steile Stufen in der

Sonne zu der berühmten Platane getrieben; gehorsam geht jeder um

diese herum, die Schritte zählend, um festzustellen, daß es wirklich

fünfundzwanzig sind. Dann nimmt man jedem eine Krone ab und sie dürfen

in den Garten der alten Grafen Gozze. Hier sind Zedern und Lorbeer und

Palmen von seltener Art, und es wäre hier sehr schön. Schon aber wird

der schwitzende Fremde wieder in die stinkende Schale gesteckt. Rote

Rosen winken vom Fels, das blaue Meer glänzt, aber die ganze Welt

riecht hier nach Öl. Einer liest vor, daß die Erinnerungen der Gozze

zurück bis in das zehnte Jahrhundert gehen und wer alles aus dem

kleinen Schloß schon über das Meer geblickt hat, Tegetthoff und Kaiser

Max mit der Charlotte und unser alter Kaiser Franz, und daß die weiße

Straße, die man dort sieht, nach dem Herzog von Ragusa, dem Marschall

Marmont heißt, aber alle rümpfen die Nasen, denn alle diese

feierlichen Namen schwimmen in Öl. Und man hat nach einiger Zeit das

Gefühl, daß es überhaupt nur Öl gibt. Und dann unterhalten sich die

Frauen. Ihr Hauptvergnügen ist, jede will der anderen beweisen, daß

sie noch billiger eingekauft hat. Ein dickes, kommerzienrätliches,

altes Weib, schwer mit Putz behangen, beschreibt, wie man es anstellen

muß, um den armen Händlern auf dem Stradone die Preise zu drücken.

Sie zeigt einen Ring, den sie gekauft hat, und läßt raten, um

wie viel. Es ist nicht der Ring, der ihr Freude macht, sondern das

Hochgefühl, den armen Albanesen übervorteilt zu haben. Ehrfurchtsvoll

wird ihr zugehört.

[Illustration: _Spalato_]

Dalmatinische Reise · 第 4 / 10 段