Der eine von ihnen ist ein Knirps mit einem sehr großen, breiten,

glatt ausrasierten Gesicht, das, mit den heftig fragenden Augen, etwas

kindisch Verwundertes hat. Herrisch stapft er knieweit auf dem Schiff

herum, die Hände in den Taschen, mit schiefem Maul, und weiß alles.

Er kennt jedes Riff beim Namen und hat alle geschichtlichen Daten. Er

gehört zu den Menschen mit ausgemachten Wahrheiten. Wie er so vorn am

Bug steht, definitiv hingespreizt, und in den Regen schaut, gleichsam

abwägend, ob er es denn noch weiter regnen lassen soll, hat er sicher

das Gefühl, in eine Schlacht zu fahren. Trotzdem wirkt er nicht

komisch, der insolente Zwerg, weil man ihm ansieht, daß er in einer

wirklichen Gefahr gewiß ebenso wäre, nur wahrscheinlich ruhiger als

jetzt, wo ihn seine Phantasie plagt. Ich kann die kriegerische Brunst

solcher Knaben schon verstehen. Sie sind wie junge Mädchen, denen der

Mann fehlt. Man müßte nur für sie Gefahren suchen, die der Menschheit

nützen. So lange die Demokratie keine Verwendung für den Dampf der

bürgerlichen Jugend hat, für ihre Lust an Abenteuern, Drangsalen und

Verwegenheiten, für ihre Spannung nach Explosionen, wird sie den jungen

Leuten langweilig sein. Daher in Frankreich die Banden der jeunesse

royale. Es hilft nichts, zu sagen: Die Menschheit ist heute so weit,

daß sie keine Helden mehr braucht! Es gibt aber noch immer Menschen,

die das Bedürfnis haben, Helden zu sein. Wie es immer noch Menschen

gibt, die das Bedürfnis haben, Schwärmer zu sein. Was sollen sie mit

sich anfangen? Ihr habt kein Ventil für sie, so laufen sie euch weg,

unter die Soldaten und zu den Pfaffen. Aber die wirkliche Demokratie

wird Platz für jede Menschenart haben. Ich kann mir meinen kleinen

maritimen Siegfried da, mit den ovalen Beinen, nun einmal im

Bureaudienst nicht denken. -- Er vergilt mir übrigens meine Sympathie

keineswegs. Er ist artig, aber sichtlich auf der Hut mit mir. Lange

Haare sind ihm nicht geheuer, und er hat gehört, daß ich nach

Montenegro will; dies aber genügt jetzt hier, um ein Spion zu sein.

Inseln rechts und Inseln links. Hier Selve, Ulbo, Pago, dort Premuda,

Skarda, Melada. Jetzt springt das dalmatinische Festland vor, wir sind

im Kanal von Zara, den im Westen Sestrunj mit seinen Scoglien und die

langgestreckte Insel Ugljan deckt.

[Illustration: _Ragusa, Dogana_]

Zara. Da sieht man zuerst nur eine lange weiße Wand. Nach und nach wird

man gewahr, daß diese lange weiße Wand Häuser vorstellen soll. Es

sind Bauten sozusagen sächlichen Geschlechtes. Man kann sich nicht

denken, daß hier Männer oder Frauen und Menschen wohnen. Nein,

Solneß, Heimstätten für Menschen können das nicht sein. Sie haben

unseren ärarischen Stil. Wir haben ein Armeedeutsch und so haben wir

auch einen ärarischen Stil. Sein Reiz besteht darin, daß er mit Stein

den Anschein von Papier erweckt. Man glaubt zuerst: Das ist sicher nur

eine Zeichnung! Merkwürdigerweise kann man aber in diese Zeichnung auch

hineingehen und, wenn man es aushält, darin wohnen; schläft man ein,

so wacht man in der Früh auf und hat einen Kopf aus Papiermaché, ich

glaube sicher; es kann aber auch sein, daß diese Häuser in der

Nacht, wenn das letzte Schiff fort ist, abgeräumt und sorgfältig

zusammengeklappt und in ein Depot gelegt werden, wie Kulissen nach der

Vorstellung, wenn es aus ist und finster wird. Das ist die berühmte

Riva von Zara, der Stolz der österreichischen Verwaltung. Sie hat den

Zweck, die alte Stadt Zara zu verstecken. Hinter ihr ist die alte Stadt

Zara. Vor der alten Stadt ist eine österreichische Wand aufgestellt.

Hinter der österreichischen Wand fängt der Orient an, unsere Zeit

hört auf. So kann man sagen, daß diese Riva ihren Ruhm verdient, weil

sie das Symbol unserer Verwaltung in Dalmatien ist. Diese besteht darin,

das alte Land zu lassen, wie es ist, aber vorn eine österreichische

Wand zu ziehen, damit man es nicht sieht. Und das genügt den

Dalmatinern nun nicht, sondern sie verlangen, wirklich ein

österreichisches Land zu werden. Das ist der Streit der

österreichischen Verwaltung mit dem dalmatinischen Volk.

Ich habe ein sehr nettes Buch mit: Dalmatia, the land where East

meets West by Maude M. Holbach. Die brave alte Engländerin, die es

geschrieben hat, durchaus im frömmsten Glauben an unsere Behörden,

reißt die Augen auf, wie sie hinter die weiße Wand in die alte Stadt

Zara kommt, und ruft aus: This is no more Europe, no matter what the map

may tell you! Und dann, wie sie die Morlaken auf dem Markt erblickt, mit

den dunklen Gesichtern in weißen Tüchern, die rußigen Hände schwer

beringt, die Füße in Opanken: At the first glance they seemed to me

more like North American Indians than any European race! Ganz erschreckt

staunt sie und kann es kaum begreifen, so fremd ist dieses Land!

Wir aber eignen es uns nicht an, sondern stellen eine weiße Wand auf,

um es zu verdecken, und vor ihr spazieren die Beamten, und Militärmusik

spielt.

Es gibt ein Zaratiner Museum, das in der alten Kirche San Donato

untergebracht ist. Man hat in ihr eine Inschrift gefunden, die vermuten

läßt, sie sei einst ein Tempel der Livia Augusta gewesen. Der wurde

dann im 9. Jahrhundert umgebaut, um die Gebeine der heiligen Anastasia

aufzunehmen, die der Bischof Donatus aus Byzanz mitbrachte, ein

weltkluger Heiliger, der in den Händeln zwischen Karl dem Großen

und dem Kaiser Nikephorus beiden zu dienen verstand. Vorrömisches, in

Gräbern gefunden, illyrische Krüge, Leuchter und Münzen, Römisches,

Inschriften und Schmuck, longobardisches Ornament und allerhand

Mittelalter sind hier aufbewahrt und warten, bis einmal ein junger

Archäologe kommen wird. Ich fand einst, nach Athen fahrend,

Furtwängler auf dem Schiff. Er fragte mich: Warum gehen Euere jungen

Leute nach Griechenland, während in Dalmatien noch alles zu tun

bleibt? Ich antwortete: Man interessiert sich in Österreich mehr für

Griechenland als für Dalmatien. Er sagte: Ach so!

Wir hätten jetzt in Wien einen, den jungen Doktor Hans Tietze. Das

ist ein Schüler Wickhoffs und irgendeine Art von Genie. Er hat eine

Topographie des politischen Bezirks Krems verfaßt, das schönste Buch,

das in den letzten Jahren in Österreich erschienen ist; niemand kennt

es. Hier wird Topographie zum erstenmal als Kunst betrieben. Dem müßte

man sehr viel Geld geben und ihn auf drei Jahre nach Dalmatien schicken.

Wir wüßten dann erst, was wir in Dalmatien haben.

Der Dom von Zara war zuerst eine Basilika. Davon ist nur eine einzige

Säule noch übrig. Denn er wurde dann im 13. Jahrhundert völlig

umgebaut, romanisch. Und später kam ein Erzbischof, der Valaresso hieß

und ein Venezianer war. Darum gefiel ihm das Romanische nicht, er konnte

seine Heimat nicht vergessen, mit dem Campanile, so ließ er einen

solchen hier errichten. Ausgebaut wurde dieser erst in unserer Zeit,

nach Skizzen Jacksons; ein Zeichen schöner Dankbarkeit, die man für

sein gutes Buch über Dalmatien hat. (»Dalmatia, the Quarnero and

Istria.« Das andere gute Buch über Dalmatien ist auch von einem

Engländer: Adams »Ruins of Diocletian Palace at Spalato«. Dieses

ist schon 1774 erschienen; jetzt wäre doch allmählich für ein

österreichisches Zeit, also schickt schon den Tietze her!) Ein Zeichen

schöner Dankbarkeit, gewiß, doch auch dieser ganz entkräfteten Zeit.

Es wäre dem Valaresso nicht eingefallen, romanisch fortzubauen, sondern

er hatte seinen eigenen Geschmack. Vergangenes auszudenken kann sich

eine starke Gegenwart niemals bequemen, sondern sie setzt sich selbst

her, ihrem eigenen Sinn gemäß, nach ihrer eigenen Art. Laßt uns

Vergangenheiten in Museen ehren, leben aber wollen wir in unserem

Eigentum! Auf dem Markt steht eine Säule hier, offenbar von einem

römischen Tempel übrig. Ketten hängen daran, in der venezianischen

Zeit wurden nämlich da die Verbrecher ausgestellt, es war der Pranger.

Denn diese starke venezianische Zeit litt es nicht, daß irgend was

Vergangenes unbenutzt in der Gegenwart herumstand.

Die Fassade des Doms ist übrigens unvergleichlich. Wie aus Sonnenschein

gesponnen. Alles Gotische will immer über den Menschen hinaus,

da fühlt er sich schon schuldig. Hier aber genießt er sich noch

entzückt, und mit allen Werken loben seine Hände das Leben.

Sehr gern möchte ich von hier einmal landeinwärts, nach Zemunik, wo

jetzt unter den armen Bauern in der Steinwüste Trappisten nisten. Wenn

man nur ihren Namen hört, wird einem ganz unirdisch und weltstumm.

Es sind aber tüchtige Landwirte, sie haben den modernen Betrieb

eingeführt und nutzen die billige Menschenkraft aus. Und schließlich,

ob es nun durch eine Berliner G. m. b. H. oder durch Karthäuser

geschieht -- wenn es nur geschieht, da es ja durch unsere Verwaltung

doch nicht geschieht! Selbst von Mönchen kann man immerhin noch mehr

Kultur erwarten, als unsere Verwaltung hat, und sie sind moderner.

* * * * *

Ich bleibe noch auf dem Deck, bis wir an Zaravecchia vorüber sind.

Unsäglich traurig liegt es da. Ein Grab alter Herrlichkeiten. Einst

hieß es Biograd, die weiße Stadt, und war unter kroatischen und

ungarischen Königen groß. Nur Not und Schutt ist davon übrig. Und

während ich im Dunkel stehe, muß ich denken: Wenn ich nun da geboren

wäre und säße mit alten Büchern und läse von der versunkenen

großen Zeit und hätte das Herz von den Taten meiner Ahnen voll und

sähe mich dann um, auf die Not und auf den Schutt rings? Es ist noch

ein Glück, daß die Leute hier nicht lesen und schreiben lernen. So

wissen sie von ihrer Vergangenheit nichts. Scham und Zorn hätten

ihnen sonst längst den Gehorsam ausgepeitscht. Wenn es aber einst doch

geschieht, daß einige lesen lernen? Wenn ihnen einst ihre Vergangenheit

erscheint? Wenn sie dann vergleichen, was sie waren und was sie sind,

und die Frage steht in ihnen auf: Und jetzt, und jetzt, und jetzt?

Und plötzlich fällt mir ein: Wo sind die Deutschen? Wir haben doch

Deutsche von der alten deutschen Art in Österreich. Wo bleiben sie?

Deutsche Art war es von je, bedrängten Völkern beizustehen und kein

Unrecht zu leiden, wo es sich auch zeige. In der ganzen Welt sind die

Deutschen immer Krieger der Gerechtigkeit gewesen. So verlangt es unser

Blut. Ich höre die deutsche Stimme der Väter in meinem Blut.

Aber die Nacht wird kalt, ich will lieber hinunter, zu den lustigen

Offizieren.

5.

Ich erwache vom Geräusch des Stoppens. Ich kann doch kaum eine Stunde

geschlafen haben, wir werden in Spalato sein. Aber durchs Fenster dringt

es hell, dies weckt mich völlig auf. Ich habe neun Stunden geschlafen,

wir sind in Gravosa. Noch klebt mir überall der Schlaf an. Solchen

traumlosen, tief erstarrten, alles entseelenden Schlaf, aus dem man

gleichsam erst wieder neu geboren werden muß, gibt mir nur das Meer.

Und ich erwache dann mit einem wunderlichen Gefühl, wie nach einer

moralischen Entfettungskur, als ob ich alle Vergangenheit ausgeschwitzt

hätte und nun so leicht wäre, daß ich gleich auffliegen könnte, und

über mich selbst hinweg.

Gravosa im Regen. So habe ich die Bucht noch nie gesehen. Es ist mir,

wie wenn man eine frohe Frau, die man nur von Festen kennt, plötzlich

in Trauer sieht. Denn wenn hier die Sonne scheint, ist es, als wäre

der Sonnenschein Eigentum der Bucht. Nichts Linderes, Leiseres, Lieberes

läßt sich denken als die heitere Zärtlichkeit, in der sie sich

lächelnd wiegt. Zypressen und Pappeln schwärzen das Ufer, Villen

blinzeln durch, stille Wege winken, der Wald steht auf dem Hügel,

alles ruht. Von einer ganz eigenen Heiterkeit ist's, einer Heiterkeit

im Winkel, die sich geborgen weiß, einer Heiterkeit, die zuweilen

plötzlich warnend den Finger zu heben scheint, weil sie weiß, daß

ganz nahe, gleich über dem grünen Hügel dort, das große Meer ist,

in dem lauernd der Sturm liegt. Und in anderen Jahren, wenn ich hier an

hellen Tagen in der stillen Sonne stand, war es mir immer ein Bild der

Heiterkeit, die jetzt unser Geist sucht. Einer Heiterkeit, die zwischen

Inseln geschützt liegt, rings ruht alles, sie dehnt sich im leisen

Wind, aber der Hauch einer Angst schwebt über ihrem Glück, weil

sie weiß, daß ganz nahe, hinter den grünen Inseln, der Tumult von

Stürmen ist; und man sieht es ihrem Lächeln an.

Langsam fahren wir aus dem Hafen. Links die waldige Stille der Halbinsel

Lapad, rechts die tiefe Bucht der breiten Ombla, unter kahlen Felsen.

Wir drehen, immer dicht an der Küste von Lapad, erst nördlich, bald

westlich von ihr, zwischen ihren dunklen Kiefern und den nackten,

jähen, gelben Riffen der Pettini durch. Plötzlich ist die alte Stadt

Ragusa vor uns da, mit ihren Felsen und ihren Wällen in das schäumende

Meer tretend; und man weiß nicht, was Fels, was Wall ist, was gewachsen

und was geschaffen, was von Ewigkeit und was das Werk der Zeiten ist; so

wunderbar haben sich hier das Land und der Mensch die Hände gereicht.

Das gibt dieser einzigen Stadt ihre Hoheit, die doch auf der ganzen Erde

keine mehr hat. Lakroma erscheint; hier sieht es nur wie ein stiller

Hain aus, man ahnt die Wunder seiner verwilderten Gärten nicht.

Jetzt aber tritt alles zurück, die Stadt scheint sich in den Berg

zu schieben, nur ein paar rote Dächer brennen noch aus seinem grauen

Stein. Über San Giacomo schreit die Straße weiß; sie teilt sich, hier

nach Trebinje steigend, dort ins Tal von Breno ziehend. Die Küste biegt

sich ein, Sturm springt das Schiff an, es stößt, bäumt sich, sinkt,

scheint bald zu schweben, bald zu stürzen und tanzt klatschend,

zwischen den steilen Mauern der Wellen, die, bald vor ihm lauernd, bald

aufbrechend, aus braunen Schlünden weiße Schäume schießen. Und mit

ungeheuren Sprüngen setzt das Wasser manchmal plötzlich über uns,

lacht noch schrill und ist schon zerstiebend wieder versunken.

Unseren armen Offizieren geht es übel. Bleich lehnen sie. Es ist

gar nicht schön von mir, daß ich ihnen zusehe. Sonst bin ich nicht

boshaft, aber es reizt mich, weil sie sich so schämen. Selbst auf

hoher See noch, während das Schiff ächzt, das Wasser rast, der Sturm

dröhnt, lassen sie den angelernten Begriff eines falschen Heldentums

wider die Natur nicht fahren und weigern sich einzugestehen, daß sie

doch auch Menschen sind. Da muß ich ihnen die Beschämung gönnen.

Achill hat sich sicher nicht geschämt, in den Armen des Patroklos zu

speien.

Zu ihrem Trost biegen wir schon zwischen der vorgeschobenen Punta

d'Ostro, mit den steilen gelben Wänden, und dem Fort Mamola durch;

oben glänzt ein einsamer Soldat auf Wache. Vor uns verengt es sich,

Castelnuovo taucht aus dem Regen. Die großen Wellen verschlagen sich,

sie können nicht mehr nach. Der stille weite See der glatten Bocche

nimmt uns auf.

[Illustration: _Ragusa, Rektorenpalast_]

Uralte Mauern. In die Wogen hinein stand das Castello di mare, im Lande

drin das Castello di terra. Dazwischen sind, in Gärten, jetzt die

Häuser der hellen Stadt. Und hinten oben noch vier Türme; das ist das

Fort spagnol. Jede Vergangenheit hat hier gehaust, jede hat ihr Zeichen

gelassen. Venezianer, Spanier, Türken, wieder Venezianer, Malteser,

bis dann wir gekommen sind. Und vor achtunddreißig Jahren fuhr ein

vergessener österreichischer Dichter hier vorbei, mein Alexander von

Warsberg, sah dies mit ahnungsvollen Augen an und schrieb, jener alten

Abenteuer eingedenk, in sein Buch: »Man kann diese Schicksale nicht

bedenken und das Schloß nicht sehen, ohne sich zu sagen, daß diesem

Erdenflecke noch manches Ähnliche bevorstehe.«

Wir fahren, an Savina vorbei, einem uralten Kloster, das jetzt eine Art

von serbischem Ober Sankt Veit ist, die Sommerresidenz des orthodoxen

Bischofs von Cattaro, durch die Enge von Kombur in die behaglich

ausgedehnte Bai von Tivat. Schon zeigt sich der Lovcen, der Berg von

Montenegro. Vor uns aber sieht eine große Straße her, die sich langsam

in die Berge windet, oben von zwei Forts bewacht, das ist der Weg in die

Krivosije, zu den wilden Hirten mit den Opanken, den kurzen Hosen und

dem braunen Tuch über dem rauhen Hemd, die, der Tracht und dem Sinn

nach, unsere Schotten sind. Und, an Perasto vorüber, wo man sich,

vor dem schlanken Campanile und gebräunten, in Verfall prunkenden

Palästen, wirklich im Canal grande glaubt, sind wir in den Golf von

Cattaro gelangt. Immer enger wird der See, immer häuslicher das Ufer,

mit Dörfern überall, an grünen Höhen, vor uns aber droht die steile

Wüste des montenegrinischen Gebirgs, mit dem verwegen in steilen Zacken

zum Schnee klimmenden Weg.

Während wir landen, drängen sich die Träger heulend auf dem Kai,

wie Räuber. Ich winke dem, der es am wildesten treibt. Er schreit

wutentbrannt, schlägt sich in einem fort mit der Faust an die Brust,

wie Alexander Strakosch, wenn er die Goneril verflucht, und springt

kreischend, indem er zuweilen plötzlich den Zeigefinger spreizt, mit

ihm auf das Schiff zielt und ihn dann in sein Herz stößt. Als er aber

mein Zeichen erblickt hat, ist er sofort ganz still, läßt mich mit

seinen guten braunen Augen nicht mehr los und nickt mir, während die

Brücke gelegt wird, immer wieder zu, nur unbesorgt zu sein und Geduld

zu haben. Und schon, bevor ich noch recht begreife, wie er durch das

Gewühl gekommen sein kann, ist er mit einem Katzensprung bei mir, hat

meine Sachen und indem vor seinen Fäusten alles auseinanderstiebt, bin

ich schon mit ihm durchs Tor in die Stadt getreten. Seit er spricht, hat

er gar nichts Wildes mehr, der Räuber ist ein frohes Kind. Ich sage,

daß ich nach Montenegro will, nach Cetinje. Da bleibt er stehen,

schlägt meinen Koffer an seine Brust und sagt, mit einem Freudenschrei:

Ich bin aus Cetinje! Lachend sagt er das und sein Gesicht glänzt.

Dreimal wiederholt er es: Ich bin aus Cetinje! Und dabei zeigt er immer

nach den Bergen hin, in seiner Hand meinen Koffer reckend, empor zu den

wilden Steinen. Jetzt sind wir die besten Freunde. Er erzählt mir von

seinem Bruder, der Kutscher bei der Post nach Cetinje ist; er wird mich

ihm empfehlen. Und dann stellt er sich mir vor und nennt sich: Milo

Milosevič aus Cetinje! Er könnte nicht feierlicher sagen: Josef Kainz!

Er führt mich in einen schmierigen Raum, wo ein österreichisches

Subjekt in Flöhen, mit irgendeiner Uniform, nach der es mir ein

Finanzer scheint, meinen Paß verlangt. Und der genügt ihm noch nicht,

sondern es versucht, mich auszufragen. Ich erinnere mich aber noch im

rechten Augenblick, daß unser Otto Lecher immer sagt: In Östreich

hilft nur schreien! Und ich schreie. Und siehe, der Otto Lecher hat

immer recht, es hilft auch hier, der Flohmensch wird höflich. Weil

doch in Österreich eine Amtsperson nie weiß, ob der Untertan nicht

vielleicht einen Hofrat zum Onkel hat, wodurch er ja dann eben aufhört,

ein Untertan zu sein. Danke, lieber Otto Lecher!

Und nun schultert Milo Milosevič meine Koffer wieder, wir eilen zur

Post. Aber die Post geht nicht, der Weg ist verschneit, sie kann nicht

über den Paß. Ich will es gar nicht glauben: Die Post geht nicht,

wirklich nicht? Nein, schon seit drei Tagen nicht! Ich sehe Milo

Milosevič an. Es ist zu hübsch, wie er den Erstaunten spielt.

Sprachlos, wie gelähmt, fassungslos steht er da, schnappt mit Lippen

und Augen und Händen und kanns nicht begreifen. Ich frage: Schon

gestern ist sie nicht gegangen? Er sagt: Nein, gestern nicht! Ich frage:

Und vorgestern auch nicht? Er sagt: Vorgestern auch nicht! Ich: Schon

die ganzen Tage nicht? Er: Schon die ganzen Tage nicht! Plötzlich

aber tritt er ganz dicht an mich heran, zeigt in die Berge, nickt

geheimnisvoll, und als hätte er die größte Entdeckung gemacht, die er

keinem Menschen auf der Welt als mir anvertrauen wollte, sagt er: Weil

nämlich der Paß verschneit ist! Ich muß lachen und frage nur noch:

Und du hast nicht gewußt, daß sie auch heute nicht geht? Er sieht mir

in die Augen und sagt: Man kann nie wissen, Exzellenz! Als ob er der

Bernard Shaw wäre, so rätselhaft schicksalsvoll sagt er das.

Wir haben gerade noch Zeit, das Schiff zu erreichen. Ich will nach

Ragusa zurück, um dort abzuwarten, bis man wieder über den Paß

können wird. In Cattaro mag ich nicht bleiben, als Zivilist muß

man hier zu bescheiden sein. (Ich könnte mich ja freilich von Milo

Milosevič in die besseren Kreise einführen lassen.) So gehen wir

wieder durch die Gäßchen, wo bald ein alter Balkon, bald in einem

verlassenen Hof eine wunderlich barocke Figur Erinnerungen bewahrt, an

dem Uhrturm mit seinem römischen Altar vorbei, durch das Tor, auf dem

der venezianische Löwe unter dem österreichischen Adler sitzt. Vor dem

Schiffe bleibe ich stehen, um meinen Freund feierlich anzusprechen:

Milo Milosevič, was bin ich schuldig? Er antwortet geschwind, gar

nicht feierlich: Drei Kronen! Er sagt es lässig. Wie man eine

selbstverständliche Wahrheit ausspricht. Wie man sagt: Zwei mal zwei

ist vier. Gleichgültig, verächtlich und fast ein bißchen ärgerlich,

von einer solchen Bagatelle zu reden. Aber seine Augen schielen und das

Gesicht wäre bereit, mit sich handeln zu lassen. Ich erwidere, hart:

Nein! Er schrickt zusammen und wiederholt, tief erstaunt fragend: Drei

Kronen, Herr Baron? Und noch einmal klingt sein Staunen klagend in

den stillen Regen: Herr Baron? Ich wiederhole: Nein! Er sieht mich mit

seinen braunen Augen schwermütig an, läßt den Koffer von der Schulter

fallen und setzt sich darauf. Da sitzt er jetzt vor mir, stumm in seinem

Schicksal. Er bleibt aber nicht stumm, sondern mit einer unbeschreiblich

rapiden Beredsamkeit erzählt er mir sein Leben; und wie heuer gar keine

Fremden kommen und Krieg droht und Not ist. Und immer wieder fragt er

mich, klagend: Herr Baron? Ich gehe zur Brücke. Er nimmt wieder meinen

Koffer und kommt mir gehorsam nach. Er tippt mich auf die Schulter und

schlägt mir vor, ihm bloß zwei Kronen zu zahlen, aber noch eine zu

schenken, weil er ja mein Freund ist, amico. Ich drehe mich um und sage

wieder: Nein! Er sticht mit dem Finger in sein Herz und sagt: Amico. Ich

sage: Nein, es geht wirklich nicht, drei Kronen, nein! Er wiederholt,

klagend: Herr Baron, drei Kronen? Ich wiederhole: Drei Kronen, nein, es

geht nicht, drei Kronen ist zu wenig! Er duckt sich und steht horchend,

die braunen Augen fallen zu. Ich sage noch einmal: Drei Kronen, nein!

Er steht, wie wenn ein Erdbeben gewesen wäre. Und ich sage noch, mit

meinem bösesten Gesicht und wie man ein letztes Angebot macht: Vier

Kronen, meinetwegen! Milo Milosevič spricht kein Wort. Ich überreiche

ihm fünf Kronen und sage, zornig: Und jetzt marsch, va via! Da fängt

er, in jeder Hand einen meiner Koffer, auf der Brücke zu tanzen an und

dreht sich rund herum und lacht. Ich bin schon auf dem Schiff, er tritt

zu mir und streichelt leise meinen Arm und lacht. Und lachend sagt

er nur immer: Herr Graf, Herr Graf! Plötzlich aber zeigt er, mit den

Händen ausstoßend, zu den wilden Bergen hinauf und sagt: Ich bin aus

Cetinje! Als ob er mir sagen wollte: Du hast recht getan, du hast mich

erkannt, ich bin einer, der es verdient! Und er zwingt mich, mir seinen

Namen aufzuschreiben, er buchstabiert mir ihn vor, und ich soll nie

vergessen, daß ich jetzt einen Freund in Cattaro habe! Ganz still geht

er dann ans Land zurück und steht dort noch und seine Augen bleiben

noch die ganze Zeit bei mir.

Ich bin oben, beim Kapitän, der Abfahrt zuzusehen. Einer unserer

Matrosen fällt mir auf, der noch auf dem Kai steht, bei einer armen

alten Frau und einem armen alten Mann. Er hält ihre Hände, lacht sie

an und küßt sie ab, bald den Mann und bald die Frau. Der Kapitän

sagt: »Der kann sich wieder nicht trennen! Das ist die einzige Freude,

die er hat, diese Stunde in Cattaro, zweimal die Woche. Da warten sein

Vater und seine Mutter auf ihn und er bringt ihnen seinen Lohn mit!«

Seinen letzten Schrei stößt das Schiff aus, der Matrose reißt sich

los, die Brücke fällt. Langsam wälzt es sich zurück und wendet sich

langsam, stoßend und stöhnend. Seltsam ist es, wie die Bestie von

Schiff anfangs immer nicht gehorchen will und sich zu wehren scheint.

Und oben steht der Kapitän, nur ein kleiner schwarzer Punkt; und der

kleine schwarze Punkt bändigt das ungeheure Tier. Oder eigentlich nicht

der kleine schwarze Punkt, nicht der Kapitän, sondern Menschen an der

Maschine, von denen wir gar nichts sehen und nur manchmal einer aus der

Tiefe steigt, um seinen Eltern den Lohn zu bringen und ihre alten Hände

zu küssen, zweimal die Woche.

Während wir kreisen, steht immer noch mein neuer Freund am Ufer, und

seine guten braunen Augen sind bei mir, und manchmal ruft er, auf sich

zeigend: Milo Milosevič! Und dann sticht er seinen Finger in das Herz

und ruft: Amico! Ich zweifle nicht. Um eine Krone kann man hier wirklich

einen Freund haben. Bei uns kostet es mehr. Und dann weiß man doch erst

nicht.

Wir sind, kreisend, fast bis zum anderen Ufer gelangt, dort blicken wir

zurück, und nun tut sich erst die ganze Macht der felsigen Öden

über der Stadt auf. Wie mich diese Straße lockt, die Straße nach den

schwarzen Bergen! Wie's mich zu diesen Menschen zieht, den Menschen in

den schwarzen Bergen! Ich kenne nur wenige. In Ragusa war ich einmal mit

einigen zusammen. Ich kann kaum sagen, was sie mir so lieb macht. Ich

muß immer an die Welt des Wilhelm Tell denken. Oder auch an die Tiroler

von 1809. Wenn Reinhardt einmal den Cymbelin machen wird, muß er her:

hier sind Guiderius und Arviragus auf allen Wegen. Wenn Belarius den

Jungen schildert:

Dalmatinische Reise · 第 2 / 10 段