DIE DAME OHNE KOPF

(1)

AUF der Terrasse des Esplanade-Hotels in Biarritz.

Urban, Rüdiger und Martin, drei tadellos angezogene junge Herren, blicken

auf das Meer hinaus.

Martin mahnt zum Aufbruch und zieht die Brieftasche. Er will bezahlen.

Rüdiger klopft mit dem Löffel an sein Teeglas.

Urban beobachtet absichtslos die Handbewegungen Martins.

Da fällt aus dessen Brieftasche eine Akt-Photographie.

Martin bückt sich, Urban bückt sich. Rüdiger dreht seinen Schnurrbart.

Martin hat die Photographie aufgehoben und steckt sie in ein Fach seiner

Brieftasche. Er hat einen feuerroten Kopf.

«Was war das?» fragt Urban.

«Oh, weiter nichts!» gibt Martin zur Antwort.

Aber der eine Blick, den Urban auf die Photographie geworfen hat, hat genug

enthüllt.

Urban ersucht den verlegenen Martin, ihm die Photographie zu zeigen.

Martin holt die Photographie heraus und reicht sie Urban hin. Mit dem

Daumen verdeckt er den Kopf der Dame.

Rüdiger wirft einen flüchtigen Blick auf das Bild und putzt sodann

umständlich seine Brillengläser.

Das Bild stellt eine Dame dar, die völlig nackt ist. Sie liegt rücklings

auf einer Ottomane und hat die Beine hoch in der Luft gekreuzt.

Urban erkennt sofort seine Frau.

Martin nimmt den Daumen weg.

Die Dame hat keinen Kopf. Wo der Kopf sitzen müßte, hat die Photographie

einen leeren Fleck.

«Wer ist das?» fragt Urban heiser.

«Ihre Frau!» antwortet Martin.

«Und wer hat die Aufnahme gemacht?»

«Der Herr Gemahl!»

«Ich denke nicht dran.»

«Ihre Frau hat's gesagt.»

«Das ist gelogen. Ich weiß nichts von der Aufnahme.»

«_Ich_ habe die Aufnahme gemacht!» mischt sich Rüdiger in das Gespräch,

setzt seine Brille auf und schaut die beiden Herren an.

«Das finde ich großartig!» spricht Urban.

«Ich nicht» sagt Martin. «Rüdiger, Sie sind ein Schuft!»

«Jawohl» versetzt Rüdiger.

Beide stehen auf und gehen weg.

Urban zahlt und schlendert hinter den beiden her.

(2)

In den Dünen.

Rüdiger und Martin schießen sich.

Martin kriegt einen Schuß in den Kopf und ist auf der Stelle tot.

Rüdiger nimmt dem Toten die Photographie aus der Brieftasche und entfernt

sich.

(3)

In den Dünen.

«Verschaffen Sie mir wenigstens eine Kopie von der Aufnahme!» sagt Urban zu

Rüdiger. Er ist ihm nachgelaufen.

«Mit Vergnügen» gibt Rüdiger zurück und überreicht die Photographie, die er

Martins Brieftasche entnommen hat.

«Danke!» sagt Urban.

«Bitte schön!» sagt Rüdiger.

Urban geht hierhin, Rüdiger geht dorthin.

(4)

In den Dünen.

Am Abend findet man Urban an derselben Stelle, an der Martin tot

zusammengebrochen ist.

Er hat sich erschossen.

Die Kugel ist durch die linke Brust gegangen -- mitten durch die

Photographie in der linken Brusttasche.

(5)

Rüdiger heiratete trotzdem Urbans Witwe nicht.

(6)

Aber Urbans Witwe, die Dame ohne Kopf, heiratete trotzdem.

«SNEEWITTCHEN, DER APFEL IN»

ICH lebe unter dem Fluche, Grotesken zu schreiben.

Bringe ich die simpelsten, banalsten Dinge zu Papier -- Dinge, die ich mit

eigenen Augen sah und ohne irgendwelche «Ausschmückung» notierte --, so

heißt es, sie seien «grotesk».

_Nichts ist grotesk auf dieser Erde._

Selbstverständlich ist _alles_ grotesk auf dieser Erde.

Aber es kommt darauf an.

Die Welt ist grotesk, und sie ist das Gegenteil.

Das Leben ist ernst, und es ist das Gegenteil.

Subjektiv genommen ist die Welt grotesk _und_ das Gegenteil.

Subjektiv genommen ist das Leben ernst _und_ das Gegenteil.

Aber objektiv genommen ist die Welt grotesk. Denn das Gemisch von Groteskem

und Nicht-Groteskem, eben dies Gemisch ist grotesk.

Und das verflucht ernste Leben, das zu Zeiten so haarsträubend ulkt, ist

grotesk.

Und auch das andere Leben, das so ulkig ist, kann zu Zeiten verflixt ernst

sein. Und somit grotesk.

Kobolz: Grotesken · 第 7 / 57 题