WER hätte es noch nicht mit Entzücken betrachtet, das reizende Gemälde «Vom
Himmel gefallen»? Ein Baby, ein allerliebstes, in taufrischem Gefilde!
Und wer hat noch nicht mit liebevoller Genugtuung festgestellt, daß jenes
Würmchen bei seinem Sturz vom Himmel nicht Hälslein und Beinlein gebrochen
hat, sondern völlig unversehrt geblieben ist?
Reden wir nicht davon, begnügen wir uns vielmehr damit, zur Kenntnis zu
nehmen, daß sich das vom Himmel gefallene Baby allem Anscheine nach
pudelwohl fühlt auf dieser vom Himmel himmelweit verschiedenen Erdkugel.
Der Maler sah es, malte und ging seiner Wege; für ihn war die Sache
abgetan.
Das Gemälde ward vervielfältigt -- _vervielzuviefältigt_! --, ward in den
Kunsthandlungen ausgestellt und ward mit Entzücken betrachtet und wird es
noch.
Um das (seinerzeit) vom Himmel gefallene Menschenkind kümmerte sich
niemand. In taufrischem Gefilde saß es und freute sich seines Daseins.
Ach, wie edelmütig von den Herren Künstlern, den Lebensweg der vom Himmel
Gefallenen und der anderweitig wunderkindlich Veranlagten idyllisch auf
sich beruhen zu lassen und nicht aus der Schule des Lebens zu plaudern!
Wenn etwas am schönsten ist, wird's gemalt und damit basta.
Aber ich will dem Maler jenes Würmchens einen groben Strich durch sein Werk
ziehen und will ausplauschen, was geschah, und was sich begab.
Also das kleine Wesen saß und saß und freute sich des Lebens. Der Maler war
längst über alle Berge.
Aber dann kriegte es Hunger, und dann wurde es müde, und dann kam die
Nacht.
Es fror, daß Gott erbarm, und da machte es sich auf seine kleinen
Strümpfchen und batterte in die Dunkelheit hinein.
Selbstverständlich gelangte es an den bekannten Abgrund, in den zu stürzen
allerdings kein rettender Engel es verhinderte, oh nein: es purzelte hinein
in den Abgrund, brach jedoch infolge seiner Übung im Fallen weiter nichts
als das dritte Gliedchen des vierten Fingerchens des linken
Patschhändchens.
Da lag es nun und plärrte ob des Wehwehchens, wie wenn es am Rost gebraten
werden sollte.
Da kam der bekannte Köhler, der seine Hütte in weiser Voraussicht in
nächster Nähe erbaut hatte, und nahm es und trug es heim und verband das
Wehwehchen des dritten Gliedchens des vierten Fingerchens des linken
Patschhändchens und bettete das Kindelein und wartete sein.
Die bekannten Jahre strichen ins Land, und die Köhlerstochter erblühte zur
Jungfrau.
Und dann kam aber keineswegs der bekannte tugendhafte Prinz, um die schöne
Köhlermaid heimzuholen, im Gegenteil, es kam niemand.
Und da niemand kam, sprach die Jungfrau zu sich selbst: «Ach wat!» und
bestieg ihr Veloziped und fuhr bis zur Bahnstation, und dort setzte sie
sich in die Eisenbahn und dampfte nach der Stadt und wurde daselbst Bardame
und ergab sich, huh, dem bekannten liederlichen Lebenswandel.
Dies zu erfahren, ist zwar nicht hocherfreulich, doch ist es die Wahrheit.
Ich halte es für meine Pflicht und Schuldigkeit, meinen Lesern reinen Wein
einzuschenken, und sei er noch so herb.
-- So oft ich eines unschuldigen, wie vom Himmel gefallenen Menschenkindes
ansichtig werde, denke ich an das Urbild jenes bekannten Gemäldes -- an das
Urbild, das erst vom Himmel und dann auf der Erde und somit in der
Wertschätzung der lieben Mitmenschen fiel.