"seines, noch immer zu seinem Besten geschäftigen guten Genius," hatte ihm
im Februar 1803 in dem Hofrath Kühn aus Hamburg einen Käufer seines Guts
zugeführt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn. anheischig machte.
"So ungern," schrieb Wieland, "ich mich auch von dem Boden trenne, worin
die heiligen Gebeine meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen
Verkauf doch nicht anders, als für das Glücklichste halten, was mir in
meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch von einer Last befreit,
die mich öfters zu Boden drückte; ich werde auf einmal schuldenfrei, und
es bleibt immer noch so viel übrig, daß ich für meine noch unversorgten
Kinder ungleich mehr thun kann, als mir möglich gewesen wäre, wenn ich das
Gut noch länger hätte behaupten müssen."
Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rührende Geständnisse über
seine drückende Lage und über die Mittel, die er ergriffen, sie durch eine
erweiterte literarische Thätigkeit zu verbessern, die beinahe seine Kräfte
überstieg. In Bezug auf seine Beiträge zu mehreren Taschenbüchern schrieb
er: "Ich schäme mich, daß ich durch die Etourderie, mit der ich mein
ganzes Leben hindurch zu kämpfen gehabt, mich selbst in meinem siebzigsten
Jahre noch zu Projecten solcher Art hinreißen lassen konnte. Aber die
Summe, deren ich bedurfte, um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu
bestreiten, stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des Gutes
und meiner übrigen fixen Einnahmen in einem so unproportionirten
Verhältniß, daß ich, um das sehr beträchtliche Deficit zu decken, alle
meine Kräfte aufbieten mußte, das =vacuum=, das Ceres und Pales in meinem
Beutel ließen, durch den Ertrag der Früchte meines Geistes zu ersetzen.
Ich fühlte von Zeit zu Zeit, daß ich über Vermögen arbeitete, oder
wenigstens daß ich, wenn es noch länger so fortgehen müßte, Gefahr liefe,
in den traurigen Zustand von Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen.
Aber Noth hat kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne beträchtlichen
Schaden verkaufen zu können, war sehr gering, die Last, die auf mir lag,
immer drückender, und die Gefahr, mit jedem Jahr ärmer zu werden, immer
größer. Welche Lage für einen Siebzigjährigen, von einer zahlreichen
Familie umgebenen Mann von meiner Sinnesart und Constitution!"
Mit Böttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im Februar 1803 sein
früher so heiß ersehntes Idyllenleben in Osmanstädt schloß, durchwanderte
Wieland noch einmal den geräumigen Garten. Nicht ohne Rührung betrachtete
er alle seine Lieblingsplätze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, als er vor
den Gräbern seiner Dorothea und der Sophie Brentano stand, und sich sagen
mußte, daß er auch diese in fremden Händen zurücklassen müßte. Nach
einigem Schweigen sagte Wieland: "Ich traue es dem wackern Käufer meines
Guts zu, daß die Stätte, wo auch ich einst neben meiner Gattin begraben zu
seyn wünsche, ihm stets heilig und unantastbar seyn werde." Darin täuschte
sich Wieland nicht. Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige
Stätte, wo die geliebten Todten ruhten.
In einem Schreiben aus Osmanstädt an die Herzogin Amalia hatte Wieland
sich sehr gefreut, eine Wohnung in der Nähe des Palastes seiner von ihm
innig verehrten Fürstin beziehen zu können. Aus den Fenstern seiner von
dem Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung sah er auf
freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie er sich äußerte, die geliebte
Fürstin als "die wohlthätigste aller Feen walte." Nur der Vergünstigung
eines Schlüssels, meinte er, werde es bedürfen, um mit aller
Bequemlichkeit in's Himmelreich einzugehen. "Denn das wird für mich,"
schrieb er, "jeder Ort seyn, wo sich die über alles verehrte und geliebte
Fürstin aufhält, deren Huld und herablassende Güte so wohlthätige
Sonnenblicke auf den späten Abend meines Lebens geworfen."
Seine kühnsten Erwartungen übertraf die wohlwollende Aufnahme, die
Wieland, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, bei der hochherzigen
Fürstin fand. Sie zog ihn in ihre nächsten Umgebungen und erweiterte den
Kreis seiner ältern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm
Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin ernannt, eine
der interessantesten war. Während des Sommeraufenthalts der Fürstin in
Tiefurt befand sich Wieland oft dort. Wie sie ihn überall auszeichnete,
bewies auch sein Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur
Bühne, auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete,
fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht mehr der Opfer, mit denen
er während seines Aufenthalts in Osmanstädt den theatralischen Genuß hatte
erkaufen müssen. Erfreulich und belehrend waren für ihn auch die damaligen
Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's Leitung. Wieland glaubte so
wenigstens einigen Ersatz dafür zu finden, daß die von Goethe
herausgegebene Zeitschrift: "die Propyläen", für die er sich lebhaft
interessirt, aufgehört hatte.
So vereinigten sich mehrere Umstände, ihn in einer ruhigen Gemüthsstimmung
zu erhalten, die jedoch durch den Tod Herders am 18. December 1803 heftig
erschüttert ward. Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: "Es
ist ein großer unersetzlicher Verlust für seine Familie, für die Welt und
für seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaßen mein einziger
Freund in Weimar. Ich habe sehr viel an ihm verloren, und hatte große
Ursache, auch um meiner selbst willen zu wünschen, daß er, der so
beträchtlich jüngere Mann, mich Alten überleben möchte. Geduld und
Ergebung ist alles, was uns in solchen Fällen übrig ist; und mir wird
diese Ergebung freilich insofern leichter, als mein Gefühl für Schmerz und
für Freude durch den 8. November 1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist
es Pflicht, sich für die Lebenden so lange als möglich zu erhalten, und
sich an der geistigen Gemeinschaft genügen zu lassen, daß wir mit unsern
Geliebten, nachdem sie unsern Augen und Armen entschwunden sind, uns noch
immer fort unterhalten können. Das egoistische Gefühl unseres Verlustes
ist menschlich; aber immer verliert es sich wieder in dem süßen Gedanken,
daß sie ausgelitten haben, daß ihnen nun wohl ist, und unendlich besser,
als uns."
In ein dumpfes Hinbrüten artete Wielands Ergebung in das unvermeidliche
Schicksal selten aus, und seine Thätigkeit ward dadurch nicht gelähmt. Von
besonderem Interesse war in seiner damaligen Stimmung für ihn die Schrift:
"Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode." Ihr Verfasser,
=Dr.= Wötzel, hatte sie dem Herzog von Weimar zugeeignet, und sie ward in
einem Hofcirkel, in welchem sich auch Wieland befand, vorgelesen und
vielfach besprochen. Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund
und Verleger Göschen: "Ich arbeite seit einigen Monaten an einem kleinen
Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen wünsche, und es daher zu einer
Bedingung machen muß, daß es besonders, und als ein Werk für sich, im
Buchhandel erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gespräche über das
Leben nach dem Tode, veranlaßt durch die Schrift: Meiner Gattin wirkliche
Erscheinung nach ihrem Tode. Diese Euthanasia wird aus drei oder vier
Dialogen bestehen, wovon der erste und größte vollkommen fertig ist. Das
Ganze wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschäftigen."
Ein sehr scharfes Urtheil fällte Wieland in einem spätern Briefe über die
vorhin erwähnte Schrift und ihren Verfasser. "Ich glaube," schrieb er,
"daß der Herr Doctor oder Magister Wötzel durch meine Analyse seines über
allen Ausdruck elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen wird.
Aber damit er Ursache habe, sich dafür bei mir zu bedanken, möcht' ich ihm
rathen, sich in bevorstehender Messe um Geld sehen zu lassen. Wirklich
wäre ein Hermaphrodit mit drei Köpfen, sechs Armen und vier Beinen kein
sehenswürdigerer Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewiß einzige
Mensch, in welchem Dummheit, Eigendünkel, Pfiffigkeit, Albernheit und
Plattheit auf eine Art, die allen Psychologen zu schaffen machen sollte,
vereinigt sind. Wer sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches
Mißgeschöpf mit Augen zu sehen!"
Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland hinlänglich
Veranlagung erhalten, über den Zusammenhang der Geisterwelt mit dem
irdischen Leben reiflich nachzudenken. Er glaubte sich aber gegen alle
Geistererscheinungen erklären zu müssen, wenn er sich die Erfahrungen
seines eignen Lebens zurückrief. "Wäre eine Möglichkeit", schrieb er, "daß
die Geister der Verstorbenen erscheinen könnten, warum habe ich von meiner
Gattin, dieser treuen Seele, nie eine Erscheinung gehabt? Warum, wenn
Geister auf unsre Seelenorgane wirken können, erscheint sie mir nicht alle
Wochen wenigstens einmal im Traum, und unterhält sich mit mir, da sie doch
weiß, wie unaussprechlich glücklich sie mich durch eine solche
Herablassung zur menschlichen Schwachheit machen könnte? Sie _kann_ also
nicht, oder sie _darf_ nicht, und warum sollte es denn nicht mit allen
Andern eben diese Bewandtniß haben?
Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, hatte Wieland die
Vollendung des "Aristipp" fast gänzlich aus den Augen verloren, besonders
als ein literarischer Plan, den er schon vor zwanzig Jahren (1790)
entworfen, der Ausführung entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der
sämmtlichen Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen
Schwierigkeiten getraute er sich zu überwinden. Willkommen war ihm diese
Arbeit auch deshalb, weil sie ihn über die Eindrücke der politischen
Ereignisse hinwegtrug. Freude und Leid griffen damals rasch wechselnd in
sein Leben ein. Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der
Vermählungsfeier des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Großherzogs)
von Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna. Den Dichter, der
jenes frohe Ereigniß durch das Drama: "die Huldigung der Künste" gefeiert,
mußte Wieland bald nachher scheiden sehn. Schiller starb am 9. März 1805,
und Goethe war damals gefährlich krank. "Ich kann mir vorstellen", schrieb
Wieland den 6. Juni 1805 an Göschen, "welche Sensation die Nachricht von
Schillers Tode in Leipzig gemacht hat. Nach Herder, und so lange uns
Goethe noch erhalten wird, konnte Deutschlands Literatur keinen
empfindlichern Verlust erleiden." Seinen eigenen Gesundheitszustand
schilderte Wieland in diesem Briefe mit den Worten: "Einen so strengen und
fast ununterbrochen fortdauernden Winter habe ich in 72 Jahren nicht
erlebt, und ich wundere mich alle Tage, wie es zugeht, daß eine so zarte
Maschine, wie diejenige, an die mein Daseyn geknüpft ist, eine solche
unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als ich in der That
diese Zeit her gefühlt habe, auszudauern vermögend gewesen ist."
Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse zu ertragen,
welche die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 über Weimars Bewohner
verhängte. Bei der allgemeinen Plünderung jener Residenz hatte er jedoch
am wenigsten Ursache gehabt, für seine Person und seine Familie sich zu
beklagen. Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mürats ward ihm der
unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. Tief erschüttert von dem
allgemeinen Unglück und innig beklagend, daß er den Tag erlebt, wo seine
fürstliche Gönnerin ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, hatte
verlassen, und der Erbprinz für seine Gemahlin ein Asyl im Auslande hatte
suchen müssen, begann Wieland wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen,
den 1. November 1806 seine früher erwähnte Uebersetzung der Briefe
Ciceros, die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der Gegenwart so
entschieden ablenkte, daß er, nach seinem eigenen Geständniß, von allem,
was um ihn her vorging, wenig gewahr ward.
In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen Schwierigkeiten
nannte er sie, zumal für einen Greis von 72 Jahren, ein großes Wagstück.
"Kaum kann ich", schrieb er, "etwas anderes zu meiner Entschuldigung
anführen, als die _Zeit_, in welcher, und die _Art_, mit welcher dieser
verwegene Gedanke wie ein Gewappneter über mich gekommen ist. Ich fühlte
damals ein zwiefaches dringendes Bedürfniß in mir, ohne dessen
unmittelbare Stillung ich nicht länger ausdauern zu können glaubte. Das
eine war: mich je eher je lieber aus einer fürchterlich einengenden
Gegenwart in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, die
längst nicht mehr waren, wo möglich unter lauter colossale Menschen vom
Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; -- das Andere: irgend eine große,
schwere und mühselige, aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien
passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen ließ, daß sie
mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die mit der Ausführung
selbst nothwendig verbundene unvermerkte Steigerung meiner Kräfte
vielleicht so weit gelingen dürfte, daß ich die Welt mit dem Troste
verlassen könnte, die letzten Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos
zugebracht zu haben. Wie hätte mir, zu Befriedigung dieses doppelten
Bedürfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter Genius einen
glücklichern Vorsatz einhauchen können, als die Uebersetzung der Briefe
Cicero's?"
Mitten unter dieser Beschäftigung erschütterte ihn, nachdem die
Kriegsstürme geschwiegen, die Nachricht von dem Tode der Herzogin Amalia.
Am 10. April 1807 war ihr standhafter Geist von den Schicksalen, die sie
ertragen, überwältigt worden. Wielands ganze philosophische
Standhaftigkeit war nöthig, um sich über den für ihn zu schmerzlichen
Verlust zu trösten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten und
die Heimkehr des Herzogs Carl August in seine Staaten. Dennoch aber
bedurfte Wieland des rastlosen Fleißes, den er seiner Uebersetzung der
Briefe Cicero's widmete, um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrücke zu
erliegen. Der Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu
seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer mäßigen Anhöhe, dem
Schloßberge gegenüber, fand Wieland unter dunkeln Fichten ein
Lieblingsplätzchen, wo er bald umherwandelte, bald mit der Lectüre irgend
eines römischen oder griechischen Classikers sich beschäftigte. Mit
ruhigem Gleichmuth und auf das Unvermeidliche gefaßt, schrieb er den 3.
November 1809 an seine Freundin Sophie la Roche: "Was uns noch bevorsteht,
weiß allein der Himmel. Unser künftiges Schicksal ist ungewiß. Wie es aber
auch entschieden werden mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich
selbst in keinem Falle verlassen."
Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschüttert werden.
Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner eben erwähnten
Jugendfreundin, deren letztes Werk, "Melusinens Sommerabende", er noch
revidirt und mit einer Vorrede begleitet hatte. "Es scheint", schrieb er,
"mein Schicksal, daß ich alles überleben soll, was ich am meisten und
innigsten liebte. Bald habe ich, außer meinen größtentheils weit von mir
entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber der Verlust, den ich am
9. November 1801 erlitt, hat mich auch gegen jeden andern völlig
abgestumpft. Die Welt kann zufrieden seyn, eine so außerordentliche Frau,
die von ihrer Kindheit an für diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang
besessen und 36 Jahre die Früchte ihres, mit ihrem Herzen gänzlich in Eins
verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar
genossen zu haben. Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer
gedenken und das wollen wir."
In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland einen Rückblick auf
seine Laufbahn. "Ich habe", schrieb er, "zwar in vollen 75 Jahren Gottlob!
kein glänzendes, noch sonderliches Glück gemacht; sondern auch das
herzdrückende Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner
Jugend und meiner besten Jahre zu überleben. Aber demungeachtet verdanke
ich der Mutter Natur eine so glückliche Organisation und Sinnesart, und
meinem guten Genius so manche glücklichen Ereignisse, und ein so
freundlich schönes Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit
eingerechnet), daß ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich gegen Einen
trüben oder stürmischen Tag, womit die Parzen mich nicht verschonen
konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergnügte Tage eines so frohen
Lebensgenusses zähle, als ein Sterblicher, ohne thörichte Forderungen an
den Himmel zu machen, von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer
verlangen kann. Denn für mich sind die Gefühle, worin sich ein Tropfen
Bitterkeit mit dem Süßen vermischt, immer die angenehmsten."
Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, ungeachtet er, nach
seinem eignen Geständnisse, "sich von den Erdengöttern so viel als möglich
entfernt gehalten," ihn noch in Berührung mit Frankreichs Kaiser, als
Napoleon mit den damals (1808) auf dem Congreß zu Erfurt versammelten
Fürsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar aufhielt. Er wünschte den
Dichter zu sehen, der ihm durch die früher erwähnte Prophezeiung, "daß
Frankreichs Heil nur allein auf Buonaparte beruhe", merkwürdig geworden
war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. Unter dem Vorwande
des Unwohlseyns hatte er eine Einladung zum Ball abgelehnt. Eine
Vorstellung von Voltaires Julius Cäsar lockte ihn jedoch Abends in's
Theater, wo er seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog
einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, daß es Wieland gewesen sei, den
er dort in seinem einfachen Kleide und einem Sammtkäppchen auf dem Haupt
gesehen hatte, erkundigte er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm.
"Nun war kein andrer Rath", gestand Wieland in einem Briefe vom 13.
October 1808, "als mich in den Hofwagen, der mir geschickt wurde, zu
setzen und -- in meinem gewöhnlichen =accoutrement=, eine Calotte auf dem
Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (übrigens anständig
costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen halb eilf Uhr. Kaum war
ich etliche Minuten dagewesen, so kam Napoleon von einer andern Seite des
Saals auf mich zu. Die Herzogin präsentirte mich ihm selbst, und er sagte
mir ganz leutselig -- das Gewöhnliche, indem er mich zugleich scharf in's
Auge faßte. Schwerlich hat wohl jemals ein Sterblicher die Gabe, einen
Menschen gleich auf den ersten Blick zu durchschauen, in einem höhern
Grade besessen, als Napoleon. Er sah, daß ich, meiner leidigen Celebrität
zum Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und da er, wie
es schien, für immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so
verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher seyn
konnte, seine Absicht zu erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen
einfachern, ruhigern, sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen.
Keine Spur, daß der Mann, der mit mir sprach, ein großer Monarch zu seyn
sich bewußt war. Er unterhielt sich mit mir, wie ein alter Bekannter mit
_seines_ Gleichen, und was noch keinem Andern _meines_ Gleichen
widerfahren war, an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz
allein, zu großem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr ungeübter,
schwerzüngiger französischer Orateur bin, so war es glücklich für mich,
daß er gerade in der Laune war, viel zu sprechen, und die =frais de la
conversation= fast allein auf sich nahm. Es war nahe an zwölf Uhr, als ich
endlich zu fühlen anfing, daß ich das Stehen nicht länger ertragen könne.
Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich schwerlich irgend ein
andrer Deutscher oder Franzose unterstanden hätte. Ich bat Se. Majestät,
mich zu entlassen, weil ich mich nicht stark genug fühle, daß Stehen
länger auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. =Allez donc=, sagte er mit
freundlichem Ton und Miene, =allez! bon soir!="
In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein freundlich Napoleon auch
gegen ihn gewesen, habe er doch an ihm vermißt, was man Gemüth nenne, und
es sei ihm mitunter vorgekommen, als wäre der Mann aus Bronze gegossen.
"Indessen", schrieb Wieland, "hatte ich es doch dahin gebracht, daß ich
ihm ganz offen endlich die Frage vorlegte, wie es denn komme, daß der
Cultus, den er in Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem
Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lächelnd erwiederte
hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er auch
nicht gemacht, denn die Philosophen glauben weder an mich, noch an meinen
Cultus, und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder genug
thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion für Philosophen stiften
könnte, die sollte freilich anders beschaffen seyn. An diesen Faden spann
sich nun das Gespräch über Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so
sehr machte, daß er die historische Existenz Christi bezweifelte. Das war
aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den er da auskramte, und ich
fand an seiner Freigeisterei nichts zu bewundern, als die Offenheit, mit
welcher er sich mir preisgab."
Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch den ihm übersandten
Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser Alexander verdankte er gleichzeitig
(1808) den St. Annenorden, wobei sich ihm unwillkührlich die Bemerkung
aufdrang, daß das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, als die
Nation, zu der er gehöre. Sein Patriotismus erkaltete jedoch nicht durch
solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon den außerordentlichen Mann zu
verkennen, den er für ein Werk in den Händen der Vorsehung hielt, äußerte
sich Wieland mit tiefem Unmuth über die mannigfachen Bedrückungen, die das
Unterjochungssystem des französischen Machthabers über Deutschland
verhängte.
Was ihn oft in eine trübe Stimmung versetzte, war der Gedanke, sich so
vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschätzt und geliebt hatte.
Herder, Schiller, Gleim waren ihm vorangegangen, in der letzten Periode
seines Lebens auch noch Fernow und Seume. An dem Letztern schätzte Wieland
neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit seines
Charakters, den offnen, geraden Sinn. "Es ist eine Freude", schrieb er,
"derbe Wahrheiten so freimüthig und kräftig, und doch so manierlich gesagt
zu hören. Seume kann sicher seyn, daß Niemand glauben und sagen wird, daß
englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. Ich habe von jeher
große Stücke auf die ächten Cyniker gehalten, deren Ideal Lucian in seinem
Kyniskos so trefflich aufhellte. Der ächte Cyniker ist der ächteste Mensch
und der wahre Weise, und =minor Jove=, wie Horaz sagt. Das alte
Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen 500 Jahren
aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume der Einzige, den ich wenigstens
kenne."
Zu dem Schmerz über Seumes Verlust gesellten sich für Wieland häusliche
und persönliche Leiden. Seine Tochter Julie entriß ihm der Tod. Ein
hartnäckiges Augenübel untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben.
Nur langsam genas er im Herbst 1809 von einer lebensgefährlichen
Krankheit. "Das Sonderbare dabei war", schrieb Wieland, "daß, nach der
Versicherung meines Arztes, das Herz und die ganze Blutmasse an dem
schrecklichen Sturm auf alle übrigen Theile meines ohnedieß schwachen
Körpers keinen Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig
fortzutreiben schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas
schneller, als gewöhnlich. Dafür aber waren die Muskelkräfte, Nerven,
Flechsen und Sehnen so jämmerlich zugerichtet, alle Drüsen so rein
ausgewunden und ausgetrocknet, alle Fibern so abgespannt, daß ein
vierteljähriges Kind mehr Stärke in Armen und Beinen hat, als ich in den
ersten vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; über
vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick stehen. Kurz, ich mußte,
wie ein Kind, von vorn anfangen, und die Verrichtungen des animalischen
Lebens wieder lernen, als ob sie mir etwas Neues wären. Wie gern möcht'
ich hier meinen mich umgebenden Töchtern und Enkelinnen eine Lob- und
Dankrede halten!"