In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch zunehmende

Altersschwäche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. "Wohl mir", schrieb

er, "daß ich im Winter meines Lebens noch mit Gegenständen der Liebe

umgeben bin, mit Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein Herz

wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu schlagen aufhört."

Sehr glücklich würde er sich gefühlt haben, wenn er noch einmal seinen

ganzen Familienkreis um sich hätte versammeln können, der immer kleiner

geworden war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Töchter mit

zwei Töchtern von dieser, und seiner jüngsten Tochter Luise bestand. In

dankbarer Erinnerung an die Feier seines Geburtstags im Jahr 1810 schrieb

Wieland an Böttiger: "Auch wieder ein paar schöne Tage, die sich ganz

besonders freundlich, heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir

vorbeigewankt, gehüpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestürmt und

geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine hübsche Sache um's

lange Leben, wenn einem am Vorabend des 78sten Jahres noch solche Stunden

zu Theil werden, wie ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen

Kreise brüderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte meinem

Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige Zeichen

herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe zu empfangen."

Wielands Gesundheit, ziemlich gestärkt seit der früher erwähnten

Krankheit, gönnte ihm, an seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe

mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. Neben dieser Beschäftigung

trug er sich damals mit dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner

sämmtlichen Werke. Als sein Freund und Verleger Göschen ihn dazu

aufgefordert und seinem Wunsche gemäß, versprochen hatte, deutsche

Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu wählen, schrieb Wieland:

"Die erste und wichtigste Frage wäre wohl diese: ob die neue Auflage

_alles_, was in der ersten ist enthalten soll oder nicht? Da diese Frage,

meines Erachtens, blos aus buchhändlerischem Gesichtspunkte entschieden

werden kann und muß, so habe ich nichts darüber zu sagen, als daß sie mir

viele und kaltblütige Ueberlegung von allen Seiten zu erfordern scheint.

Glauben Sie Ihre Rechnung bei einer Auswahl des Besten und

Interessantesten eher zu finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner

_sämmtlichen_ Werke, so bin ich's völlig zufrieden; nur muß ich bemerken,

daß alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren ließe, höchstens drei

oder vier Bändchen ausmachen, und manchen Lesern auch damit vielleicht

kein Gefallen geschehen würde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder

meines Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, auf

einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern Gründen wohl das

Beste seyn möchte: ob die poetischen von den prosaischen Werken

abgesondert werden, und also zwei Classen ausmachen sollen? Auch dies kann

und soll blos von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische

Rücksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben, es dürfte

vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner Schriften angenehmer seyn,

ohne Hinsicht auf Verse und Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben

wurden, zu lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen und

aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr die Belege zur

Geschichte meines geistigen Lebens an die Hand geben, welche ich, wenn der

schwarzbraunige Bruder des Schlafs mir Zeit dazu läßt, zu schreiben

gedenke."

Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig Ernst zu seyn. In

seinem literarischen Nachlaß fand sich auch nicht das kleinste Fragment

jener "Memorabilien," wie er sie zu nennen pflegte. Zufällige Umstände

verhinderten die in dem vorhin erwähnten Briefe besprochene neue Ausgabe

seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Muße zu seiner Uebersetzung des

Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser Arbeit überraschte, sein

Freund und Landsmann Gräter die noch übrigen vierzig Briefe Cicero's

hinzufügte.

Nicht ohne Nachtheil für seine schwache Brust glaubte Wieland die Berge

und Anhöhen von Belvedere ferner erklimmen zu können. Er leistete daher im

Sommer 1811 Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und

beschränkte sich auf kleine Ausflüge nach Jena und auf Spazierfahrten. Am

11. September 1811 hatte er das Unglück, als der Wagen umwarf, das

Schlüsselbein zu zerbrechen. Noch gefährlicher ward seine jüngste Tochter

verletzt. Wahrhaft bewundernswerth war, nach Goethes Zeugniß, die Fassung,

der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen Folgen des Falles

und die Langeweile der Genesung ertrug. Auch bei dieser Prüfung bewährte

sich seine Lebensphilosophie, die ihn noch nie verlassen hatte.

"Es gehört," schrieb er den 18. October 1811, "unter die größten Uebel der

schon oft von mir recht herzlich verwünschten Celebrität (zu deutsch

Berühmtheit) -- die übrigens auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes

Gute hat -- daß einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige ein

Schlüsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen will, brechen

kann, ohne daß es sogleich in öffentlichen Blättern der Welt verkündigt,

und dadurch alle entfernten Freunde des Verunglückten unschuldiger und

ungebührlicher Weise, gegen den Willen desselben, zum Mitleiden

aufgefordert, beunruhigt, und nicht selten ist der Fall gesetzt werden,

sich das Uebel ärger vorzustellen, als es ist."

Wieland genas bald wieder. In völliger Heiterkeit fand ihn sein

achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von Freunden feierte, die

ihn nach Jena eingeladen hatten, und ihm an jenen Tage eine silberne

Denkmünze überreichten, mit der Aufschrift: "Dem unsterblichen Sänger."

Mit den heitersten Eindrücken kehrte er wieder nach Weimar zurück, wo ihn

Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater erwarteten. Er schien

sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. Seine Gesundheit blieb sich

gleich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein

Anfall von Schlag. Aller ärztlichen Hülfe unerachtet, ward sein Zustand,

durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage zu Tage bedenklicher.

Die Nähe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. In schmerzlosen

Stunden beschäftigte sich seine Phantasie mit seinen Kindern. Auch sprach

er bisweilen mit lebhaftem Interesse von seiner Uebersetzung der

Ciceronianischen Briefe. Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch

ärztliche Mittel beseitigte Fieber mit größerer Heftigkeit wieder

zurückkehrte, schwärmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, bald in

Italiens Gefilden. In den Abendstunden hörten seine Kinder ihn schwach,

doch vornehmlich, Hamlets berühmten Monolog: "Seyn oder Nichtseyn", bald

deutsch, bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen

Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr unter den

Lebendigen.

Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines Todes. Die Brüder

des Freimaurerbundes, dem er angehörte, beschlossen eine feierliche

Bestattung des Entschlummerten. Architektonische Verzierungen schmückten

in dem mittlern Theile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar, das von

seinem vieljährigen Freunde Bertuch eingeräumte Local, wo Wielands

sterbliche Hülle am Abend des 24 Januar ausgestellt ward. Seine

zahlreichen Verehrer und Freunde sahen dort, mit fast unveränderten Zügen,

sein mit einem Lorbeerkranze geschmücktes Haupt, auf einem blauseidnen,

mit golden Spitzen eingefaßten Kissen ruhen. Eine ähnliche Decke breitete

sich aus über den untern Theil des Sargs. Der Körper war in ein weißes

Tuch gehüllt. Ein Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden

Gedichte: "Oberon" und "Musarion", die in einem Einbande von Maroquin auf

einem rothen Sammtkissen auf dem Deckel des Sargs ruhten. Dort sah man

auch auf einem kleinern weißen Atlaskissen die Decorationen des russischen

und französischen Ordens.

Der Gartensaal des Gutsgebäudes zu Osmanstädt, einst Wielands

Lieblingsaufenthalt, empfing in der nächsten Nacht seine irdischen

Ueberreste. Dort versammelten sich am 25. Januar 1813 Nachmittags die

sämmtlichen Brüder der Loge Amalia, nebst einer großen Zahl von Wielands

Freunden und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an, welches

der französische Gesandte, Baron St. Aignan, mit des Dichters ältestem

Sohne Ludwig eröffnete. Sechzehn Maurerbrüder trugen den Sarg. Das Geläut

der Dorfglocken lockte einen großen Theil der Bewohner von Osmanstädt

herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch immer nannten, wollten

sie die letzte Ehre erweisen. Der Zug ging die lange Allee hinab, die der

Dichter oft durchwandelt hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich längst

seine Ruhestätte gewählt. Dem Trauergesange an seinem Grabe folgte eine

kurze, aber herzliche Rede des Oberconsistorialraths Günther, der die

Verdienste des Dahingeschiedenen in ergreifenden Umrissen schilderte.

Neben den Gräbern derjenigen, die ihm am theuersten gewesen im Leben,

neben Sophie Brentano und seiner Gattin Anna Dorothea, erhielt Wieland,

seinem oft geäußerten Wunsch gemäß, seine Ruhestätte. Neben den zwei

dreiseitigen Pyramiden, die die Gräber seiner Lieben bezeichneten, erhob

sich auch sein Grab.

Der Weimarische Bildhauer Weiße hatte jene Denkmale in Seeberger Sandstein

ausgeführt. Für Sophie Brentano war das Emblem einer Psyche mit einem

Rosenkranz umgeben gewählt worden; für Wielands Gattin das Sinnbild der

Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hände in einem Eichenkranz. Die

geflügelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit darüber ward für Wieland

zum Sinnbilde gewählt. Er selbst hatte bereits 1806 für jene Denkmale die

treffende Inschrift verfertigt:

"Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben,

Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein."

Die übereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland näher gekannt,

bestätigen die richtige und partheilose Schilderung seines liebenswürdigen

Charakters, die einer seiner Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf:

"Mild gegen den Irrthum, schonend gegen Fehler, war er für Vernunft, für

Recht und Pflicht, für alles, was der Menschheit heilig seyn muß, weil es

allein dem höhern Menschenleben Werth giebt, ein unermüdlicher, eifriger

Kämpfer, aber eben deshalb auch ein rastloser Bekämpfer aller Vorurtheile,

aller Verfinsterung, aller Unterdrückung. Veredlung und Beglückung seines

Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte nicht von Religion und

Philosophie, aber er bethätigte sie im Leben, in welchem er dankbar alles

Gute, und mit ruhiger Ergebung das Unglück hinnahm. Für ihn gab es nichts

Größeres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den Sinn stets auf das

Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter Mensch, Gatte, Vater, Freund und

Bürger zu seyn."

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[Errata / Druckfehler:

"Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen,"

original: urspünglichen

die meisten Klöster in den / österreichischen Staaten aufgehoben

original: östereichischen

Der Erbprinz Carl August

original: Erbpinz

"Hann / und Gulpenheh"

original: Han

zum Weimarischen Hofe

original: Weimaririschen

jener zwiefach harte Schicksalsschlag

original: hatte

so wenig Geschmack abgewinnen

original: Geschack

seinen Entschluß, das ganze Gut

original: daß

Ereignisse hinwegtrug

original: hiwegtrug

einer lebensgefährlichen / Krankheit

original: lebensgefahrlichen]

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Chr. M. Wieland's Biographie · 第 10 / 10 段