Am 18. Februar 1798 meldete Wieland, daß er einige Dialoge politischen

Inhalts, unter dem Titel "Gespräche unter vier Augen" auszuarbeiten

angefangen habe, und noch mehrere folgen lassen werde, bis er "alles vom

Herzen habe, was er in diesen kunterbunten Zeitläuften für Worte zu

rechter Zeit halte." Daß er dabei doch einige Rücksichten genommen, zeigte

seine eigene Aeußerung in einem spätern Briefe vom 7. November 1798.

"Obgleich in meinen Gesprächen," schrieb Wieland, "die Sache der

Menschheit freimüthig geführt wird, und Wahrheiten gesagt werden, die man

weder zu Paris, noch zu Wien oder Petersburg von den Dächern predigen

hört, so hab' ich, meiner Denkart und der Klugheit gemäß, vor allem, was

einem auch nur halbweg vernünftigen Leser anstößig, oder dem Respect, den

man den Machthabern schuldig ist, zuwiderlaufend scheinen könnte, mich

sorgfältig gehütet, und hoffe also mit der Leipziger Censur in keine

Collision zu kommen, wiewohl ich nicht dafür stehe, daß das Buch nicht zu

Wien verboten werden wird, wie beinahe alles Gute, was außerhalb Wien an's

Licht tritt."

Für eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits erwähnten

"Agathodämon." Dies Urtheil, meinte er, werde die Nachwelt darüber fällen,

so gleichgültig sein Werk auch für den Augenblick aufgenommen werden

möchte. "Das siebente Buch des Agathodämon," schrieb Wieland, "war mir

eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von allen, die ich mir

aufgeben konnte. Die Ausführung ward mir um so mühsamer, da Jahreszeit und

Witterung Geistesarbeiten dieser Art sehr ungünstig waren, um mich selbst

zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs Mal von neuem durch

-- und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet, und des Feilens und Polirens

wollte kein Ende werden. Nun ist es -- wie es ist; ich bin mit mir selbst

zufrieden, denn ich weiß, daß ich als Mensch, als schriftstellerischer

Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also meine Schuldigkeit

gethan habe."

In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland durch die Nachrichten

versetzt, die er von dem geringen Absatz der Gesammtausgabe seiner Werke

erhielt. An seinen Verleger, Göschen in Leipzig, schrieb er darüber den

15. Juli 1799. "Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefühl beklagen, daß

ich mich selbst bereits überlebt habe. Ich weiß nicht, wie ich zu solchem

Verfall meines Credits und meiner Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen

bin, und theile daher Ihre Meinung, daß es bei den zwei und dreißig Bänden

wenigstens für das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden haben müsse.

Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert ein günstigerer Stern über uns

auf, und ich will mich indeß, wie jener griechische Flötenspieler,

begnügen, den Musen und mir selbst zu spielen."

Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland in seinem

ländlichen Asyl. Mannigfache Pläne zu Verbesserungen in seinem Hause und

Garten gaben ihm die heitere Stimmung wieder, die er durch den Gedanken,

wie tief sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch

öfterer würde er dem Mißmuth anheim gefallen seyn, wenn zu jener

Verstimmung seines Gemüths sich noch körperliche Leiden gesellt hätten.

Doch selbst in höherem Alter war ihm eine fast ununterbrochene Gesundheit

geblieben. In einem Briefe an Göschen, vom 24. December 1798 wunderte sich

Wieland selbst über sein Wohlbefinden. "Sie gründen darauf," schrieb er,

"Ihre Hoffnung, daß ich ein ziemlich betagter Patriarch werden dürfte. Vor

zwanzig Jahren hatte ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte

alt werden können, und hatte zu diesem Mißtrauen in meiner

Leibesbeschaffenheit allerdings viele und triftige Ursachen. Nach dem fünf

und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit unvermerkt immer fester, und

ich befinde mich nun im sechs und sechszigsten so, daß ich ohne Absurdität

mein zehntes Stufenjahr zu übersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund,

sollen und müssen mich überleben, wäre es auch nur, um meine =Confessions=

oder Nachrichten von mir selbst und meinen Schriften, oder wie Sie meine

Selbstrecension betiteln wollen, verlegen zu können, die nicht eher, als

nach meinem Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll."

Der Gedanke, daß dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr nähere, trübte nicht

Wielands Heiterkeit. Er fühlte sich in seinem Alter sehr glücklich unter

literarischen und ländlichen Beschäftigungen und Genüssen. Immer neues

Vergnügen schöpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen

Gartenanlagen, auf Spaziergängen durch seine Lindenallee, oder durch ein

Birkenwäldchen am Ufer der Ilm, wo er sich ungestört seinen Ideen

überließ. In solchen Augenblicken glaubte er zu seiner völligen

Zufriedenheit kaum noch etwas zu bedürfen. An seinen Schwiegersohn, den

Buchhändler Geßner in Zürich, schrieb Wieland im Januar 1799: "Ich freue

mich so lebhaft auf die wiederkehrende schöne Jahreszeit, daß ich sie

wirklich im Geist schon genieße, und den dazwischen liegenden Winter um so

weniger lang finden werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn

auszufüllen gedenke, mehr als hinlänglich wären, mich eine doppelt so

lange Zeit zu beschäftigen. Ich werde aber fleißig seyn; denn es ist nicht

mehr als billig, daß ich das Recht, den Sommer blos mit Genießen

zuzubringen, im Winter durch Arbeiten erkaufe."

In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an Gleim erkannte

Wieland es dankbar, daß ihm, neben der Glückseligkeit, ungestört mit den

Geistern der Weisen und Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu können, noch

das Vergnügen gegönnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt eines Weibes,

an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern und Enkeln um sich zu haben,

unter welchen ihm seine Tage so leicht und schnell entschlüpften, wie den

Bewohnern des dichterischen Elysiums. "Das Einzige", schrieb er, "was

allenfalls (wenigstens zur vollständigen Aehnlichkeit mit dem Elysium, das

uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht, sind die Buttersemmeln

und Bratwürstchen, die auf den Bäumen wachsen, die gebratenen Rebhühner,

die von selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schönen crystallenen

Kelchgläser, die man von den Hecken abbricht, um sie aus Quellen und

Bächen mit köstlichem Wein zu füllen, die eben so freiwillig, als

unerschöpflich aus allen Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und

wohlfeil hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu sagen,

ich möcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil haben; denn ich halte

das Gesetz, daß uns die Götter nichts Gutes ohne Arbeit geben, für ein

sehr weises Gesetz, und betrachte eine gewisse Portion Mühe und Sorge

=quantum satis=, als die unentbehrlichste Würze zum wahren Lebensgenuß."

Erhöht ward dieser Genuß für Wieland noch durch Besuche seiner

Weimarischen Freunde. Selbst sein Fürst, seine Fürstin, die Herzogin

Mutter verschmähten nicht, ihn unter dem Schatten seiner Bäume zu

begrüßen. Der lebhafte Ideenaustausch in mannigfachen Gesprächen, die ihn

in die Vergangenheit zurückführten, hatte für Wieland viel Anziehendes.

Von großem Interesse war ihm auch die damals angeknüpfte Bekanntschaft mit

Jean Paul, von dem er sich vielseitig angeregt, doch, nach seinem eignen

Geständnisse, auch eben so oft abgestoßen, als angezogen fühlte.

Unstreitig einer der schönsten Momente in Wielands späterem Leben war das

Wiedersehn seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, die ihn 1799 in

Osmannstädt besuchte, begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie

Brentano, einer Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die

Erinnerung an die genußreichen Tage, die Wieland damals verlebte, blieb

ihm unvergeßlich. Wieder angefrischt ward sie, als Sophie Brentano im Mai

1800 ihn abermals in seinem ländlichen Asyl begrüßte. Erheiternd wirkte

auf ihn die Gegenwart des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mädchens,

das damals in der vollen Blüthe jugendlicher Schönheit stand. Einen

eigentümlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch einen Zug stiller Melancholie.

Wieland beklagte oft, daß Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu

verschönern, sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche.

Früher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte, zerstörten

die Eindrücke eines längst zerrütteten Gemüths ihren von Natur zarten

Körper. Das friedliche Osmantinum, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte,

war bestimmt, ihre irdischen Uebereste zu empfangen.

"Ich und meine Familie", schrieb Wieland den 29. September 1800 an

Göschen, "haben in diesem Monat einen harten Stand gehabt. Sophie

Brentano, das liebenswürdigste und interessanteste Mädchen von 24 Jahren,

das vielleicht der Erdboden trug, ward am 24. September von einer der

sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen, die sich in

wenig Tagen als gefährlich ankündigte, mit jedem Tage trostlosere Symptome

zeigte, und unerachtet aller ersinnlichen angewandten Hülfe, mit dem Tode

endigte. Was wir in diesen trübseligen sechzehn Tagen erfahren und

gelitten, möge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr eigenes Herz

sagen. -- Die Hülle, die der entflohene Engel zurück ließ, ruht nun in

einem stillen Plätzchen meines durch sie geheiligten Gartens."

Wielands stille Trauer um das zu früh verblühte holde Mädchen erklang noch

oft in den Briefen an seine Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801

schrieb er: "Die Wiederkehr der schönen Jahreszeit giebt der geistigen

Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie Brentano und mir ziemlich

ununterbrochen fortgedauert, ein neues Leben. Alle meine Spaziergänge

führen zu ihrem Grabe; meine liebsten Ruheplätze sind nur wenige Schritte

davon entfernt, und der Gedanke, daß uns nur noch ein kleiner Zeitraum

trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden Gefühl, das meinem

Aufenthalt im Garten ein ganz eignes melancholisch süßes Interesse giebt.

Weil es indessen gut ist, daß ich noch, so lange als möglich, für meine

Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin, Gott für die Erhaltung

meiner bessern Hälfte bitten, deren zeither abnehmende und noch immer

schwankende Gesundheit mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhestätte

mit Trübsinn und herzzerdrückenden Ahnungen erfüllt. Noch hoffen wir, was

wir sehnlich wünschen, daß die immer näher kommende schöne und milde

Jahreszeit das Beste bei ihr thun, und uns eine Gattin und Mutter, die so

wenige ihres Gleichen hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit

wieder schenken werde."

Ein ungewöhnlich rauher Sommer, über den er sich bitter beklagte,

vereitelte Wielands Hoffnungen. "Der Juni", schrieb er, "war so kalt,

windig und unfreundlich, daß wir oft vierzehn Tage lang täglich zweimal

die Wohnzimmer heizen lassen mußten. Aber noch viel schlimmer spielte uns

der Juli mit. Stürmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein immer

dichtbewölkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an denen die Sonne

zuweilen durchzubrechen vermochte, und zwei Regentage gegen einen, sind

diesen ganzen Monat über unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der

Barometer meist anderthalb, zwei, drei, höchstens vier Linien über sieben

und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig über vier Grad stieg, konnten

wir auf einen vollständigen Landregen rechnen. Wie eine solche Witterung

nicht nur den Menschen, sondern auch den Feld- und Gartenfrüchten aller

Art bekommt, können Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene

Ernte ist vor der Thür, und noch ist kein Anschein zu einer schon so lange

und so sehnlich erwarteten Veränderung. Doch der Mensch ist nun einmal in

der Gewalt der großen elementarischen Massen, und Geduld! Geduld! Geduld!

ist die unwillkommene Lection, die sie uns einbläuen, und an der wir unser

Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer eingeht."

Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu üben, so schwer ihm dies

auch werden mochte, fand Wieland, als der in einem frühern Briefe erwähnte

Gesundheitszustand seiner Gattin im Herbst 1801 sich täglich

verschlimmerte. Wielands Empfindungen schilderte ein Brief an Göschen vom

19. October 1801. "Zwar bin ich", schrieb er, "noch nicht in der traurigen

Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu müssen; aber ich kann doch nur

selten über mich gewinnen, es nicht zu fürchten. So wenig beneidenswerth

auch meine übrige Lage ist, würde ich mich doch für den glücklichsten

aller Menschen halten, wenn mir der Himmel nur _sie_, die nun sechs und

dreißig Jahre lang das ganze stille Glück meines Lebens machte, nur noch

einige Zeit erhalten wollte. Sie allein ist mein Ersatz für alles Andere;

ohne sie -- Gott allein weiß, ob und wie ich ohne sie leben könnte."

Am 8. November 1801 sah sich Wieland für immer getrennt von seiner

Gefährtin, im Kreise derer, denen sie das Leben gegeben, und für deren

Wohl sie kein Opfer gescheut hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes

zeigte ein Brief Wielands an Göschen vom 31. December. Er äußerte darin

unter andern: "Mit mir geht es -- wie es kann; leidlich wenigstens. Ich

arbeite viel, aber es ist, als ob mir die Schwungfedern gestutzt wären.

Sonst arbeitete ich mit Freude, mit Munterkeit; jetzt mühsam, entgeistert,

schwerfällig. Möglich, daß auch die trübselige, immer veränderliche und

gar nicht wintermäßige Witterung etwas dazu beiträgt. Gewiß aber ist, daß

ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit so viel Gesundheit, als sie

noch vor drei Jahren besaß, aus dem Elysium zurückbringen könnte, auf

einmal einen ganz andern Menschen aus mir machen würde."

In einem spätern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte sich Wieland selbst

über seinen leidlichen Gesundheitszustand in einem Alter von beinahe

siebzig Jahren. Er schrieb einem Freunde: "Daß die Engelsseele, die nun

meinen körperlichen Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer

gegenwärtig ist, und daß ich mich nach und nach an diese rein geistige Art

Liebe und Freundschaft gewöhne, trägt ohne Zweifel das Meiste dazu bei,

daß ich mich so wohl, d.h. nicht viel schlimmer befinde."

Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und Theilnahme der

Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste eine andere Richtung zu geben,

im Juli 1802 nach Tiefurt eingeladen, und nach Wielands eignem

Geständnisse, ihr Möglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen

zu machen, daß er, "ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules wieder

bringe," wohl zuweilen glücklich scheinen, doch nicht glücklich seyn

könne. "Der besten Fürstin zu Gefallen", schrieb Wieland, "arbeite ich,

wiewohl unter mancherlei Unterbrechungen, etwas langsam in den

Vormittagsstunden an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor

ich mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht zu denken;

denn mit diesem kann und will ich nicht anders, als mit ganzer Seele, mit

ganzem Gemüth und mit allen mir noch übrigen Kräften mich beschäftigen."

Ermuntert fühlte sich Wieland zu dem eben erwähnten Werke, das später

unter dem Titel: "Aristipp und seine Zeitgenossen" erschien, durch die

Theilnahme, die ihm nicht blos in seinen nächsten Umgebungen, sondern auch

durch briefliche Mittheilungen entgegen kam. "Was Sie mir", schrieb er an

Göschen, "über die Entwicklung und Ausführung der beiden Hauptcharaktere

des Aristipp und der Lais schreiben, hat mir großes Vergnügen gemacht.

Solche Leser, für welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern

die auch Sinn für die Composition, Haltung und Ausführung des Ganzen

haben, d.h. gerade für das, worauf Alles ankommt -- solcher Leser wünsch'

ich mir recht viele. Aber unglücklicher Weise giebt es deren unter hundert

kaum Einen, weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung und

Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn, als ein Autor,

der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen."

Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleißig an seinem

"Aristipp" gearbeitet, daß er im Sommer 1801 das vollständige Manuscript

seinem Verleger Göschen senden zu können glaubte. Das Werk erlitt jedoch

eine Unterbrechung durch die Idee, seinem "Aristipp" eine ausführliche

Beurtheilung der vorzüglichsten Werke Plato's in den Mund zu legen. Schon

vier Monate, schrieb Wieland an Göschen, beschäftige ihn einzig die Lösung

dieser Aufgabe. "Sie können sich nicht vorstellen," heißt es in jenem

Briefe, "was für ein Stück Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glücklich

seyn sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es das

wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks seyn." Ueber den Umfang

desselben war Wieland eine Zeitlang nicht mit sich einig. "Es findet

sich", schrieb er, "daß ich mit dem vierten Bande allerdings schließen

kann, aber daß die Ausführung meines Plans, den Aristipp bis nahe an

seinen Tod fortzuführen, wenigstens noch einen starken Band erfordern

würde. Im vierten kann ich ihn nicht weiter bringen, als bis zum Tode

seiner Kleone und zu seinem Entschluß, Cyrene wieder zu verlassen, und

sich zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich bin aber

gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den vier Bänden zu lassen,

und nicht eher an den fünften zu gehen, als bis unsre -- merken, daß dem

Werke noch was fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund,

sondern als Verleger, zum fünften Bande aufzufordern. Dabei muß und wird

es einstweilen bleiben; denn wenn ich noch vor Fertigung dieses fünften

Bandes aus der Welt ginge, so blieben die vier Bände ein doch für sich

bestehendes Werk, und Niemand hätte sich zu beklagen, daß es unvollständig

wäre."

Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der "Aristipp", so lange Wieland

nicht den vierten Band dieses Werks geliefert hatte. Darüber war jedoch

eine geraume Zeit vergangen. Der Grund zu dieser Zögerung war der

Gesundheitszustand seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte fortwährend

zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem Freunde und Verleger Göschen

entschuldigte er sich, daß es ihm in den letzten sechs Wochen physisch und

moralisch unmöglich gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem

freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerläßlichsten

Bedingungen sei. "Seyn Sie indeß versichert", schrieb Wieland, "daß ich

nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet, und so vollendet ist, daß ich

selbst einiges Wohlgefallen daran haben kann."

Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals entworfnen Plan

irre machen zu lassen, nach dem Muster des =Théatre des Grecs=,

gemeinschaftlich mit Böttiger und Jacobs ein "Theater der Griechen"

herauszugeben, welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen

begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fünften Bandes

seines "Aristipp" ward Wieland indeß bald wieder abgelenkt durch mehrfache

neue Entwürfe zu literarischen Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgeführt

blieben, wie unter andern das Werk "Osmanstädtische Unterhaltungen"

betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzählungen seines Sohnes Ludwig

aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller in's Publikum einführen

wollte.

Wielands literarische Thätigkeit war damals sehr groß. Ehe er seinen

"Aristipp" vollendet hatte, lieferte er einige Seitenstücke zu diesem

Werke. Dahin gehörten die beiden griechischen Gemälde "Menander und

Glycerion", und "Krates und Hipparchia", die er als Taschenbuch für die

Jahre 1804 und 1805 herausgab, und außerdem sechs Erzählungen, zuerst in

Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: "das Hexameron von

Rosenhain" in einem Bändchen vereinigt. Wieland war dadurch mit mehreren

Buchhändlern in Verbindung getreten, mit Cotta in Tübingen, Wilmans in

Bremen, und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljähriger

Verleger Göschen verletzt fühlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen. "Ich

kann", schrieb er, "den Gedanken nicht ertragen, daß die Irrungen, die ein

doppeltes Paar alter Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen

uns veranlaßt haben, das Grab unserer vieljährigen Freundschaft seyn

sollten. Ich glaube, Sie können sich meinen kleinen Verkehr mit den

Taschenbüchern um so mehr gefallen lassen, da Sie auch nichts dagegen

hätten, wenn ich dergleichen Aufsätze im Merkur abdrucken ließe, der noch

unter meinem Namen und Böttigers Redaktion fortläuft. Wäre es nicht

Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umständen, solche Gelegenheiten

nicht hätte benutzen wollen?"

Schon in einem frühern Briefe an Göschen hatte Wieland offen gestanden,

daß "die eiserne Noth, die ehemals den Horaz zum Dichter gemacht, ihn

drücke und dränge, und daß er alles, was seine alte Muse noch gebähre,

bald möglichst in baares Geld umsetzen müßte." Dadurch hoffte er

wenigstens einigermaßen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern, in die

er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache kostspielige Bauten und

Verbesserungen, und durch den geringen jährlichen Ertrag seines

Besitzthums gerathen war. Daß er "bei seiner Landwirtschaft keine Seide

spinne," gestand er offen seinem vieljährigen Freunde Göschen.

"Ich habe," schrieb Wieland den 21. April 1802, "eine Last auf mich

geladen, unter der ich erliegen würde, wenn ich nicht ernstlich darauf

bedacht wäre, sie je eher je lieber von meinen alten Schultern abzuwälzen,

in sofern es ohne Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner

armen Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der mich vor sechs

Monaten verlassen mußte, noch sichtbar um mich war, fühlt' ich diese Last

zwar auch, aber sie drückte mich weniger. Ich hatte mehr Muth und

Hoffnung, mehr Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein

Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem ist alles

leider ganz anders. -- Ich fühle, wenn ich noch einige Jahre den Meinigen,

der Welt und meinen Freunden leben soll, so ist es schlechterdings

nothwendig, daß ich mich gänzlich schuldenfrei mache -- und dazu ist

möglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen, wenn sich auch

ein Käufer dazu fände, der mir dafür geben wollte, was mich's kostet, dazu

kann ich mich aus mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschließen.

Meine Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne,

nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland für mich zu behalten,

aus allem Uebrigen aber ein für sich bestehendes kleines Erblehngut zu

machen, und es gegen baare Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu

verkaufen. Da das Gütchen so klein ist, so ist es natürlicher Weise keine

Sache für reiche Leute. Indessen könnte und sollte sich doch wohl in ganz

Germanien unter 24 Millionen Menschen irgend Jemand finden, dem gerade ein

solches kleines Landgut anstünde, und in dessen Augen es dadurch noch

einen besondern Werth erhielte, daß er mein lieber Nachbar würde, und

(alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen ist), mit mir und meiner

Familie in einem beiden Theilen angenehmen freundschaftlichen Verhältniß

leben könnte. Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt sie

mir verschiedene Arten möglicher Subjecte vor, die hiezu geeigenschaftet

seyn könnten. Ich gestehe übrigens gern, daß diese meine Idee einem

utopischen Traum ziemlich ähnlich sieht. Indessen sind doch schon viel

unwahrscheinlichere Dinge realisirt worden."

Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschluß, das ganze Gut zu

verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm bewohnten Hauses und dazu

gehörigen Gartens, von welchem er jedoch den =usum fructuum= und jede

selbstbeliebige Benutzung dem Käufer des Guts überlassen wolle. "Der

Garten," schrieb er, "soll, so lange es nur immer möglich seyn wird,

meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er das heilige Grab meiner

Geliebten, und dereinst auch das meinige neben ihr, in sich schließt.

Finde ich einen annehmlichen Käufer zum Gute, so lebe ich künftig wieder

in der Stadt, und bringe nur die schöne Jahreszeit in meiner

Osmanstädtischen Villa zu."

Chr. M. Wieland's Biographie · 第 8 / 10 段