"Verschiedene, welche mich," schrieb er, "mit allerlei theils

versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufsätzen, Idyllen u. dgl. für

den Merkur zu beschenken die Gewogenheit hatten, setzen mich in eine Art

von Verlegenheit, deren ich gern auf immer überhoben zu seyn wünsche. Ihr

geneigter Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige

Collision von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm seyn

können. Einige scheinen von der Güte ihrer Producte so überzeugt zu seyn,

daß man ihnen, ohne Beleidigung, weder sagen, noch zu verstehen geben

kann, man sei anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich

blos für Anfänger aus, bitten um Nachsicht, oder daß man ihnen ihre

Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen möchte, ob sie zur

Dichterei berufen seien oder nicht. Aber sie bringen das mit einer so

sichtbaren Erwartung eines höflichen, d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden

Bescheides vor, daß man's kaum über's Herz bringen kann, ihnen durch eine

ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, daß unser einer -- der

von einem solchen jungen Candidaten des Musenpriesterthums gefragt wird:

Meister, was soll ich thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort

werden läßt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! -- sich darauf

verlassen kann, daß der junge Aspirant diese Antwort geradezu für einen

Beruf annehmen wird, sich nun erst recht auf's Versemachen zu legen. Denn

-- sagt er zu sich selbst -- meine Verse müssen doch wohl gut seyn, weil

Wieland sich fürchtet, daß ich ihn ausstechen werde, und mich also gleich

an der Schwelle des Musentempels gern zurückschrecken möchte. -- Wie

könnte der arme Verfasser des Winter- und Sommermährchens sich

unterstehen, einem solchen Rivalen etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge

Mann würde natürlicher Weise denken müssen, es verdrieße Wieland nur, sich

in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzählen, übertroffen zu sehen.

Das will ich denn auch dem jungen Dichter hiermit ohne Widerrede

zugestanden haben. Nur der Merkur ist kein würdiger Schauplatz für solche

Originalwerke. Mein unmaßgeblicher Rath ist, sie besonders, und um des

Effects willen, auf prächtigem holländischen Papier, mit Kupfern von

Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der Verfasser wird an der Wirkung sein

Wunder sehen! Jetzt ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation für

solche Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon

aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne Kupfer von

irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt suchen mußte."

Ein anderes Ungemach, worüber Wieland sich oft bitter beklagte, erwuchs

ihm aus den zeitraubenden Correcturen, die er zwanzig Jahre hindurch

allein besorgt, und erst 1793 sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der

Theologie, Lütkemüller mit Namen, übertragen hatte. Mit Unmuth äußerte

sich Wieland oft über das unleserliche Manuscript. Jeder Gelehrte und

Schriftsteller, äußerte er, sollte eine leserliche Hand schreiben, das

könne man mit Fug und Recht fordern; sonst müsse er seine Druckschriften

von einem seiner Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen

Verdrießlichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit hätte gleichgültig

werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken, die Herausgabe des

"deutschen Merkurs" aufzugeben, ungeachtet dies Journal für ihn bisher

keine unbedeutende Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Köpfen,

unter andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller durch

gehaltvolle Beiträge unterstützt worden war.

Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde Göschen die Nachricht

mit, daß der "deutsche Merkur" mit dem December aufhören werde. Vierzehn

Tage nachher widerrief er jedoch diesen Entschluß, und erklärte sich für

die Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schluß des

Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem Entschluß

gebracht haben, von welchem ihn ein Blick auf den damaligen Zustand der

deutschen Literatur zurückgeschreckt hatte. Die Kantische Philosophie, die

ihm durch Reinholds Bemühungen, ihre Principien immer allgemeiner zu

verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben können, äußerte ihren Einfluß

auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar war besonders der

Einfluß jener Philosophie auf die neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt

eine Geschmackscritik treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen

nichts einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich aus der

Kantischen gebildet, schien ihm eine gänzliche Umgestaltung der Aesthetik

herbeizuführen, seit man angefangen hatte, sie auf die Grundideen der

Fichte'schen Wissenschaftslehre zu reduciren. Dies war besonders von

Schiller in den "Horen" geschehen. Mit wachsender Besorgniß sah Wieland an

die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und Drangperiode

treten, und wie in der politischen Welt, schien auch im Gebiet der

Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend werden zu wollen. Auf's

Heftigste erregt ward die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch

die in dem Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten "Xenien."

Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller, waren Wielands

Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist bereits früher gedacht worden.

Schillers Talenten jedoch hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit

widerfahren lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen

Beurtheilung einiger Scenen des "Don Carlos", welche Schiller in der

"Thalia" mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt ein Brief vom 6.

März 1785. "Ich kann irren," schrieb er, "jedenfalls aber spreche ich nach

meiner innigsten Ueberzeugung, wenn ich sage, daß ich weder die Charaktere

in diesem Stück richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften mit Wahrheit

dargestellt finde; daß ich auch dann, wenn ich zugeben könnte, daß es

einem Tragödienschreiber, der seine Personen aus dem sechzehnten

Jahrhundert an dem Hofe König Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in

ideale Phantasiegeschöpfe zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit

nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, wenn man will,

schöne Carricaturen seyn mögen, aber doch immer nur Carricaturen sind; daß

ich ziemlich häufig auf Gedanken und Ausdrücke gestoßen bin, die, meinem

Gefühl nach, bald schwülstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst

unschicklich und der redenden Person nicht anständig sind; und daß

überhaupt die Sprache in diesem Stück sehr weit davon entfernt ist, was

nach meinem von Sophokles und Racine abgezogenen Ideal die schöne Sprache

der Tragödie seyn soll."

Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige Stimmung

eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er einige Jahre später (1787)

nach Weimar kam, von Wieland mit väterlicher Zuneigung empfangen. "Wir

werden schöne Stunden haben," schrieb Schiller; "Wieland ist jung, wenn er

liebt." Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden Dichtern dauerte

fort, und ward noch fester geknüpft durch Schillers Beiträge zum

"deutschen Merkur." Im December 1787 eröffnete Wieland dem Publikum die

Aussicht, daß "Schiller mit dem nächsten Jahrgange vielleicht jedes

Monatsstück mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die schon in

ihren ersten Versuchen den künftigen Meister verrathe, und nun, da sein

Geist den Punkt der Reise erreicht habe, die Erwartung rechtfertige, die

sich das Publikum von dem Verfasser des "Fiesko" und des "Don Carlos" zu

machen Ursache gehabt habe." Wieland fügte hinzu: "Da ich selbst vom

Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre herabsteige, und täglich mehr

Gelegenheit finde, an mir selbst zu erfahren, wie wahr das Virgilische:

=Facilis descensus Averni= in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir

zu nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen Mann an meiner

Seite zu sehen; und mit solcher Unterstützung darf ich sicher hoffen, den

deutschen Merkur seinem ersten gemeinnützigen Zwecke in Kurzem auf eine

sehr merkliche Art näher zu bringen."

Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen für seine

Anerkennung und Hochachtung Schillers. Mit liebenswürdiger Bescheidenheit

weigerte sich Wieland, für den "historischen Calender", den Schiller

damals herausgab, das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er

wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der für jenen Calender

seine "Geschichte des dreißigjährigen Kriegs" lieferte. "Diese

Geschichte," schrieb Wieland, "hat so viele Leser gehabt, als es in dem

ganzen Umfang unserer Sprache Personen giebt, die auf einigen Grad von

Cultur des Geistes Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller

verfaßt, dessen frühere Werke in der dramatischen Dichtkunst sowohl, als

in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen Muse nähert,

große Erwartungen von dem, was sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise

leisten könnte, erweckt hatten, übertraf sie selbst diejenigen, zu welchen

man sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt

hielt; einen Versuch, der bereits alles, was unsere Literatur in dieser

Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich zurückließ, und natürlicher Weise

in Allen, denen der Ruhm der Nation nicht gleichgültig ist, den Wunsch

erregen mußte, daß ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in

dieser neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte, sich zu

einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon emporzuschwingen, sich, wo

nicht gänzlich, doch hauptsächlich, der Geschichte unseres Vaterlandes

widmen möchte."

Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das Verhältnis zwischen ihm

und Schiller erhielt sich in der ursprünglichen Reinheit, wie es der

Letztere mehrere Jahre zuvor (1787) durch die Worte bezeichnet hatte: "Mit

Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer

Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache

habe zu glauben, daß er mich auch liebt." Schillers Gesinnungen gegen

Wieland, wenn sich auch seine ästhetischen Ansichten geändert hatten,

waren dieselben geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von

Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner Werke, von denen

die erste Lieferung erschienen war, hatte er mit den Worten begleitet:

"Wäre es auch nur, damit man uns nicht gar über den neu erschienenen Horen

aus dem Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit

beschäftigen, und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pompös

angekündigt und so hyper-pompös recensirt worden sind."

Weder in den "Horen", noch in den "Xenien" war Wieland in Vergleich mit

andern Schriftstellern auf eine Weise angegriffen worden, die ihn hätte

veranlassen können, sich persönlich zu beklagen. Nur in einem Anflug übler

Laune hatte er sich durch einige Xenien (Göschen an die deutschen Dichter,

Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fühlen können. Der Tadel war meistens

weniger gegen ihn, als gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso

in Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen herrschte,

und der Uebermuth, der sie charakterisirte, war Wielands Urbanität

zuwider. Er glaubte, seine Meinung darüber öffentlich aussprechen zu

müssen, und wählte dazu die Form des Dialogs, der ihm gönnte, den

schärfsten Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu

geben, als vertheidige er die Verfasser der "Xenien." Er bezweifelte

sogar, daß sie, ungeachtet des allgemeinen Gerüchts, aus Schiller's und

Goethe's Feder geflossen seyn könnten. Die bedenkliche Frage, wie diese

Epigramme in den Musenalmanach gekommen wären, suchte Wieland mit einer

seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklären, daß Schiller, aus Mangel

an Zeit, das Ordnen seiner Distichen nicht selbst besorgt habe. "Das

Geschäft," schrieb Wieland, "kam zur bösen Stunde in die Hände irgend

eines jungen, lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, für Goethe

und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjüngers, welcher der

Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit zu benutzen, und --

vielleicht weniger in der Absicht, sich ein Verdienst um seine =magnos

amicos= zu erwerben, als um sie zu rächen, und ein schreckliches Exempel

an ihren Widersachern zu statuiren -- in aller Stille eine gute Anzahl

derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik hinzuthat. Das in

den =parvum amicum= gesetzte allzu große Vertrauen wäre denn also das

Einzige, was dem Herausgeber des Almanachs zur Last gelegt werden könnte,

und wofür er durch den häßlichen Spuk, den die "Xenien" machen, mehr als

zu viel bestraft ist. Wer weiß, welches Meisterwerk, das uns allen Freude

machen wird, ihn damals beschäftigte, als er dem jungen Brausekopf die

Sorge für seinen Musenalmanach überließ, und sich dadurch unwissend

manchen bittern Augenblick bereitete."

Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands Ironie seine wahre

Meinung, die er in einem Briefe an Göschen vom 29. November 1796 mit den

Worten aussprach: "Ich habe wenig Freude daran, wenn Männer, wie Goethe

und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch einen

Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist, sich selbst eine

pöbelhafte Behandlung zuziehen. Ich möchte eher darüber weinen, als

lachen. Ueber die ihm gesandten Gegen-Xenien, die der Buchhändler Dyk in

Leipzig verfaßt hatte, schrieb Wieland: "Ich werde mich wohl hüten, dieses

von der Pleiße zu uns herüberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen; ich

fürchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug werden." In einem spätern

Briefe vom 5. December 1796 äußerte Wieland: "Das hätten die Herren

Götterbuben, um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden, doch

voraussehen sollen, daß man beschmutzt wird, wenn man sich zum Spaß mit

Gassenbuben herumbalgt."

Wielands Unmuth über die "Xenien", die er seinen Freunden geraume Zeit

nicht verzeihen konnte, erhielt neue Nahrung durch die Reform im Gebiet

der Aesthetik, die damals von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich

Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht zu seyn, was

ihre vereinten Bemühungen leitete, der deutschen Poesie einen neuen

Schwung zu geben. Sie begünstigten vielmehr die poetischen Formen des

Auslandes, und suchten durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue

Dichterschule zu begründen, die der romantischen Poesie vorzugsweise das

Wort redete. Gewohnt, das Schöne und Gute überall anzuerkennen, wo er es

fand, war Wieland jenen Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich,

daß er einst selbst ähnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das

Fortschreiten einer jüngern Generation gern an. Was ihm aber keineswegs

behagte, war der polemische Ton, durch den die Häupter der romantischen

Schule die von ihnen aufgestellten Principien geltend zu machen suchten.

Schonungslos griff eine von den Gebrüdern Schlegel herausgegebene

Zeitschrift, "Athenäum" betitelt, seit dem Jahr 1798 alles an, was die

"Xenien" noch verschont hatten. Auch Wieland entging diesem Schicksal

nicht durch eine, späterhin von ihm selbst als voreilig erklärte Aeußerung

in der Vorrede zu seinen sämmtlichen Werken. "Seine beinahe ein halbes

Jahrhundert umfassende Laufbahn", schrieb er dort, "habe begonnen, da eben

die Morgenröthe unserer Literatur vor der aufgehenden Sonne zu schwinden

angefangen, und er beschließe sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange."

Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Häuptern und Anhängern der

romantischen Schule gegen das sogenannte goldene Zeitalter der Literatur

gerichtet wurden, befand sich auch im zweiten Bande des "Athenäums" eine

gegen Wieland gerichtete ="Citatio edictalis."= Sie lautete: "Nachdem über

die Poesie des Hofraths und =Comes Palatinus Caesarius= Wieland in Weimar,

auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding, Sterne, Bayle, Voltaire,

Crebillon, Hamilton und vieler anderer Autoren =Concursus creditorum=

eröffnet, auch in der Masse mehreres verdächtigt, und dem Anschein nach

dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende Eigenthum sich

vorgefunden: als wird jeder, der ähnliche Ansprüche =titulo legitimo=

machen kann, hierdurch vorgeladen, sich binnen sächsischer Frist zu

melden, hernachmal aber zu schweigen." Dieser öffentliche Angriff Wielands

war das Signal für alle Anhänger der romantischen Schule, über den

genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fällen, und ihm unter

andern die Anerkennung des Hans Sachs im "deutschen Merkur" als sein

bedeutendstes Verdienst um die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte

ihm verargt werden, wenn er, tief gekränkt, in seinem Unmuth die Frage

aufwarf: "Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient habe?"

Was ihn hauptsächlich schmerzte, war, daß der größere Theil derer, die ihn

nicht tief genug herabwürdigen zu können glaubten, unter Goethes Aegide zu

stehen schien, da das "Athenäum", unerschöpflich in dem Lobe dieses

Dichters, zu den "drei größten Tendenzen des Zeitalters" außer der

französischen Revolution und Fichte's "Wissenschaftslehre", auch "Wilhelm

Meister's Lehrjahre" gerechnet hatte. Obschon der aufrichtigste Verehrer

und Bewunderer Goethe's, fühlte Wieland sich ihm allmälich entfremdet,

wenn auch Goethe's Persönlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz

auf ihn ausübte. An Herder, für den er längst eine große Zuneigung

empfunden, schloß er sich um so inniger an, da Goethe und Schiller sich

einander mehr genähert hatten, als es bisher der Fall gewesen war. Aber

während Wieland Herder's Unmuth über Kant's "Kritik der reinen Vernunft"

theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders "Metakritik" zu einer

leidenschaftlichen Philippika hinreißen ließ, fand er selbst Niemand, der

die unbillige Behauptung, "er habe sich selbst überlebt", zu wiederlegen

suchte. Zwar bemühten sich Kotzebue und Merkel, in dem "Freimüthigen" und

in den "Briefen über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur",

Wieland an seinen Gegnern zu rächen, doch geschah es nicht selten auf eine

für ihn unwürdige Weise.

Wie Wieland selbst über seine Gegner urtheilte, zeigte ein 1799 an einen

Freund gerichteter Brief, der zugleich einige Andeutungen über sein

Verhältniß zu Goethe und Schiller enthielt. "Warum ich Sie bitten möchte",

schrieb Wieland, "wäre besonders dies: sich mit den Gebrüdern Schlegel und

Comp. nicht abzugeben. Es sind grobe, aber witz- und sinnreiche Patrone,

die sich Alles erlauben, nichts zu verlieren haben, nicht wissen, was

Erröthen ist, und mit denen man sich beschmutzen würde, wenn man auch den

Sieg über sie erhielte, welches doch beinahe unmöglich ist, da sie, auch

geschlagen und niedergeworfen, gleich wieder aufstehn, und es nur desto

ärger machen würden. Können Sie's aber ja nicht lassen, den Muthwilligen,

die durch ein in Deutschland noch neues =genre=, nämlich französische

=persiflage=, ihr Glück zu machen hoffen, etwas abzugeben, so beschwöre

ich Sie bei allen Göttern, lassen Sie wenigstens Goethe und Schiller aus

dem Spiel, wär' es auch nur mir zu Liebe, und um allem Argwohn

auszuweichen, als ob ich irgend einen directen oder indirecten Antheil an

der Sache hätte. Ich stehe mit diesen beiden Matadoren in einem guten, mit

Goethe in einem beinahe freundschaftlichen Verhältniß wie ich mir

einbilde, wenigstens vor der Welt, denn =de occultis non judicat praetor=.

Aber die Herren sind empfindlich und ein wenig argwöhnisch. Ich kann mich

also nicht nur selbst, sondern auch meine Freunde können sich, mir zu

Liebe, nicht genug in Acht nehmen, daß ich mit ihnen nicht compromittirt

werde."

Von dem damaligen Unwesen in der deutschen Literatur fürchtete Wieland,

nach einem Briefe vom 15. Februar 1801, einen dreifachen beträchtlichen

Schaden. Jener jacobinische Sansculotismus, meinte er, werde erstens den

Charakter unserer Nation, einer an Stupidität grenzenden Gleichgültigkeit

gegen das Wahre, Schöne und Gute verdächtig machen; zweitens die ganze

Classe der Gelehrten und Schriftsteller, die so ehrwürdig und

vielvermögend seyn könnten, in der öffentlichen Meinung tief herabsetzen,

sie ihres wichtigsten Einflusses berauben, und dadurch ihren Verächtern

und Verfolgern unter den Großen und Aristokraten gewonnen Spiel geben.

Endlich drittens werde jener Sansculotismus jungen Leuten, theils für eine

kleinere Zeit, theils für ihr ganzes Leben, Kopf, Geschmack und Herz

verwirren. "Alles aber", fügte Wieland hinzu, "will seine Zeit haben. Auch

diese Periode der schändlichsten Anarchie in der Gelehrtenrepublik wird

vorübergehen, und das unfehlbarste Mittel, ihr Ende zu beschleunigen,

wäre, es wie ich zu machen, und zu thun, als ob gar keine Schlegel,

Tieck's, Bernhardi's, Clemens Brentano's, und wie die Gesellen alle

heißen, in der Welt wären."

Auf ähnliche Weise äußerte sich Wieland in einem Briefe an Voß: "Ich fange

an, immer gleichgültiger zu werden gegen Bübereien dieser Art, und hülle

mich sehr ruhig in das Bewußtseyn, daß ich ein Besseres um die Zeit, in

der ich lebe, verdient habe. Was seit dem Moment, da ich etwas Gutes habe

drucken lassen, d.i. etwa vom Agathon an, mir widerfahren ist und noch

täglich widerfährt, wäre hinreichend, jeden Jüngling, der sich mit einiger

Fähigkeit dem Dienst der Musen widmen wollte, abzuschrecken. Indeß hat die

fast unbegreifliche Ungerechtigkeit meiner Zeitgenossen wenig Einfluß auf

meine Glückseligkeit, und es war kein Compliment, sondern wahres

herzliches Gefühl, als ich zu meiner Muse sagte:

Du machst das Glück von meinem Leben,

Und hört dir Niemand zu, so singst du mir allein.

Uebrigens hab' ich doch immer das Glück gehabt, dessen Horaz sich rühmte,

von einer kleinen Zahl solcher Leute geliebt zu werden, deren jeder ein

Publikum werth ist; und dies war auch immer für mein Herz genug. Ich habe

immer die Kunst der Musen um ihrer selbst willen geliebt, und sie mit

Liebe und aus Liebe getrieben. Das lauteste Zujauchzen aller Leser in der

Welt würde mich für den kleinsten Fehler, den ich vermeiden konnte, und

nicht vermieden hätte, nicht schadlos halten, wenn ihn gleich Niemand

gesehen hätte, als ich."

So tröstete sich Wieland, und überließ sich in dem Gartenhäuschen, das er

sich in seinem "Osmantinum", wie er seinen Wohnsitz gewöhnlich nannte,

hatte erbauen lassen, der freundlichen Hoffnung, "noch manche selige

Stunde zuzubringen und noch manchen geheimen Besuch von seiner Muse zu

erhalten." Zu den Plänen, die er in seiner ländlichen Zurückgezogenheit

entwarf und zum Theil ausführte, gehörten besonders Uebersetzungen aus dem

Griechischen, aus Xenophon, Euripides und Aristophanes, die er unter dem

Titel eines "Attischen Museums" herausgeben wollte. Tüchtige Gehülfen

hatte er bei diesem Unternehmen an Jacobs und Hottinger. Den Letztern

hatte er während seines Aufenthalts in der Schweiz kennen gelernt, und

schätzte ihn sehr. "Ich kenne," schrieb Wieland, "keinen so ganz rein nach

dem sokratischen Modell gebildeten Geist, als Hottinger."

Unter den Uebersetzungen der alten Classiker, die er für das "Attische

Museum" unternahm, fesselte ihn vorzüglich der "Ion" des Euripides. Mit

der Wahl dieser Tragödie verband Wieland eine Nebenabsicht. Durch eine

fließende, dem Original treu nachgebildete Uebersetzung wollte er das

gebildete Publikum veranlagen, dieselbe mit dem von A. W. Schlegel

gedichteten Trauerspiel "Ion" zu vergleichen, das damals auf die

Weimarische Bühne gebracht und vielfach besprochen worden war. So könnte

man, meinte Wieland, mit eignen Augen sehen, wie beide denselben Stoff

bearbeitende Künstler und ihre Werke sich gegen einander verhielten. Eine

solche Vergleichung aber, "mit reinem Sinn für das Wahre, Schöne und

Geziemende angestellt," könne für Freunde und Jünger der Kunst nicht

anders als unterhaltend und belehrend seyn.

Von zwei eigenen Werken, "Agathodämon" und "Solon", die, wie er an Göschen

schrieb, "noch als Embryonen in seinem Kopfe lägen," gab Wieland den Plan

zu dem zuletzt genannten Werke wieder auf. Eine großartige Wirkung

versprach er sich von den mannigfachen Schilderungen, die er in den

"Briefen Aristipp's und seiner Zeitgenossen" entwerfen wollte. Dies Werk,

von welchem er einen ausführlichen Plan entwarf, sollte eine seiner

umfassendsten Schriften werden. Während der Ausarbeitung beschäftigten ihn

indeß noch manche andere literarische Arbeiten. An seinen Freund und

Verleger Göschen in Leipzig schrieb er den 19. Dezember 1797: "Es ist hohe

Zeit, daß ich Ihnen einmal wieder ein kleines Lebenszeichen gebe. In der

That, was das geistige, oder, vielleicht richtiger gesagt, was das

literarische Leben betrifft, so lebe ich, seit die unfreundliche

Jahreszeit eingetreten ist, vollauf. Ich komme nur selten aus meinem

Museum, aus dem Hause gar nicht, arbeite von Morgen bis in die Nacht,

finde Tage und Wochen unbegreiflich kurz und schnell, und habe

demungeachtet seit dem 23. November eins der schwersten literarischen

Abentheuer, eine metrische Uebersetzung der Wolken des Aristophanes

glücklich, wie ich wenigstens hoffe, zu Stande gebracht."

Chr. M. Wieland's Biographie · 第 7 / 10 段