Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer für einen Zuwachs seiner

häuslichen Glückseligkeit. Mit reiner Vaterfreude betrachtete er die

Entwicklung der "kleinen krabblichten Mitteldinger von Aeffchen und

Engelchen", wie er seine lieben Sprößlinge scherzweise nannte. Es war ein

herzerfreuender Anblick für ihn, und oft bat er einen auswärtigen Freund,

doch zu ihm zu kommen und seine Freude darüber zu theilen, daß die

Herzogin Mutter, der Herzog, Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der

Taufe seiner Kinder Pathenstellen übernommen. Seine Gattin hatte ihm

vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Töchter und drei Söhne am

Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp und Wilhelm, entriß ihm der Tod.

"Die Zeit", schrieb Wieland "heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe,

die sie zurücklassen, bleibt so lange wir leben."

Noch ehe ihn jener zwiefach harte Schicksalsschlag getroffen, hatte

Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche geschrieben: "Ich habe eine

ganz artige Nachkommenschaft um mich her, alle so gesund und munter,

gutartig und hoffnungsvoll, jedes in seiner Art, daß ich meine Lust und

Freude daran habe, und mich gerade wegen dessen, was die Meisten für eine

große Last halten würden, für einen der glücklichen Sterblichen auf Gottes

Erdboden halte. Das Alter überschleicht mich ganz unmerklich mitten unter

dieser um mich aufsprossenden und aufblühenden jungen Welt. Ich erfahre je

länger je mehr, daß alle wahre menschliche Seligkeit innerhalb der Räume

des ehelichen Lebens liegt. Ich werde immer mehr Mensch, und in eben der

Proportion immer glücklicher und besser. Arbeiten wird meine Lust, weil

ich für meine Kinder arbeite, und auch davon bin ich im Innersten

überzeugt, daß mein ruhiges Vertrauen auf die Hand, die das Gewebe unserer

Schickungen webt, weder mich, noch die Meinigen betrügen werde."

Wielands Familienkreis war noch durch einen talentvollen jungen Mann

erweitert worden, den er bereits 1785 als Haus- und Tischgenossen bei sich

aufgenommen hatte. Dieser junge Mann, der, anfangs Hauslehrer von Wielands

Kindern, späterhin durch Familienbande noch näher an ihn geknüpft ward,

war Reinhold. "Es ist eine wunderbare Geschichte", schrieb Wieland den 15.

Mai 1785 an Gleim, "wie und auf was für Art dieser junge Mann aus den

Wolken, oder vielmehr aus den Armen irgend eines Gottes in meinen Schooß

gefallen, und mir und meiner Frau so lieb geworden ist, daß wir ihn mit

einstimmigem Beifall unseres Kopfes und Herzens zu unserem Sohne

angenommen haben."

Aus Wien gebürtig und in einem Jesuitencollegium erzogen, hatte Reinhold

dem Mönchsleben in dem Barnabiter-Orden so wenig Geschmack abgewinnen

können, daß er heimlich nach Leipzig entfloh und von da nach Weimar ging,

wohin ihn seine Freunde v. Gemmingen und Blumauer an Wieland empfohlen

hatten. Die wohlwollende Aufnahme, die er dort fand, verbunden mit dem

Genuß der Denkfreiheit in einem protestantischen Lande, versetzte ihn in

die froheste Stimmung. Selbst über seine noch ungewisse Zukunft konnte er

sich beruhigen, da Wieland ihn seines Charakters und seiner Kenntnisse

wegen schätzte, ihm einen Antheil an der Redaction des "deutschen Merkurs"

gönnte, und später durch seinen Einfluß ihm eine Professur der Philosophie

auf der Universität Jena verschaffte. Noch fester ward Reinhold's

Verhältniß zur Wielandschen Familie durch seine Neigung zu des Dichters

ältester Tochter, der damals sechzehnjährigen Sophie. Reinhold erhielt am

Altar ihre Hand, und fortwährend, auch später, als er einem Ruf nach Kiel

gefolgt war, bestand zwischen ihm und Wieland ein ungetrübtes

Freundschaftsverhältniß.

Wielands Vaterfreuden wurden erhöht, als er auch seine übrigen erwachsenen

Töchter glücklich vermählt sah. Die Prediger Schorcht und Liebeskind,

letzterer bekannt als Verfasser der von Herder herausgegebenen

"Palmblätter" und als Mitarbeiter an Wielands "Dschinnistan", hatten sich

mit Caroline und Amalie Wieland verheirathet. Julie war die Gattin des

Kammerraths Stichling in Weimar geworden, und Charlotte, die 1794 mit dem

Dichter Baggesen und dessen Gattin nach der Schweiz gereist war, knüpfte

dort unvermutet ein Ehebündniß. Wieland schrieb darüber den 17. April

1795: "Wenn je eine Ehe im Himmel geschlossen worden, so ist es gewiß

diese, die sich auf eine beinahe wunderbare Art, und doch wieder so

natürlich durch die entschiedenste Sympathie der Herzen, Gemüthsart,

Neigungen, Sitten -- zwischen dem Sohne Salomo Geßners, meines liebsten

und einzigen Jugendfreundes und einer Tochter seines Freundes Wieland

geschlossen hat -- eine Verbindung, die in jedem Betracht so ganz nach den

innersten Wünschen meines Herzens ist, daß ich mich nicht erwehren kann,

dem schönen Wahn der vortrefflichen Salomo Geßnerschen Wittwe Raum zu

geben, und mit ihr zu glauben, daß der Geist meines verewigten Freundes

selbst diese Ehe geknüpft habe."

In seiner eigenen Ehe blieb Wieland immer dem schon früh gefaßten

Grundsatze treu, in seinem Aufwande nie die durch seine Lage und seine

Verhältnisse ihm vorgeschriebenen Grenzen zu überschreiten. Einfach und

schlicht, wie seine Lebensweise, war Wielands Wohnung und Kleidung. Nichts

erinnerte in seinen Umgebungen an Prunk und Glanz, und Luxusartikel kannte

er fast gar nicht. Ueberall aber zeigte sich in seinem Haushalt die

äußerste Sauberkeit und Ordnung. Sein Mittagstisch war einfach, und

überhaupt jede Ueppigkeit und Verschwendung ihm völlig fremd. Er sah ein,

daß der Seinigen Ruhe, wie seine eigene, durch einen seine Kräfte

übersteigenden Aufwand leicht gefährdet werden konnte.

Seine Sparsamkeit artete nie in Geiz aus. Es war ein harmloses Spiel, wenn

er zuweilen mit Wohlgefallen empfangene Goldstücke betrachtete oder sich

dergleichen Münzen gegen Silbergeld einwechselte. Er mußte sich sagen, daß

er sie doch nicht behalten konnte, und willig gab er sie hin zu nöthigen

und unentbehrlichen Ausgaben.

Völlig fremd war Wielands Charakter jede Art von Habsucht und Eigennutz.

Sein poetischer Sinn machte ihn gleichgültig gegen den Erwerb, so wenig er

das Erworbene verschwendete. Schon seinen hausväterlichen Pflichten

glaubte er das schuldig zu seyn. Doch übte er Gastfreundschaft im

schönsten Sinne des Worts. Seine Freunde fanden bei ihm immer die

herzliche Aufnahme, die ihm selbst in seinen Jugendjahren in Bodmers Hause

zu Theil geworden war. So weit es seine Kräfte irgend erlaubten, half er

jedem, der sich an ihn wandte, gern mit Rath und That. Um aufkeimende

Talente zu unterstützen, bewilligte er für Beiträge zu seinem "deutschen

Merkur" mitunter ein höheres Honorar, als er selbst erhielt. Aus

Gutmüthigkeit wies er selbst Manuscripte, die er nie abdrucken ließ, nicht

zurück, sondern zeigte sich bereit, sie zu bezahlen -- eine Liberalität,

durch welche der Gewinn, den ihm sein Journal abwarf, nie bedeutend werden

konnte.

Im Grunde war Wieland in Bezug auf sich selbst sparsamer, als gegen

Andere. Darin lag auch vielleicht der Grund, weshalb er während seines

Aufenthalts in Weimar nur wenige Reisen unternahm, obgleich er sie zur

Erholung von angestrengten Geistesarbeiten wohl bedurft hätte. Seine

eigene Aeußerung, daß er "ein Mensch sei, der selten aus seinem

Schneckenhäuschen heraus krieche", schien sich an ihm bewähren zu wollen.

In einem Briefe an Gleim setzte er die Gründe auseinander, weshalb er

einer Einladung, nach Halberstadt zu kommen, nicht folgen könne. "Tausend

seidene Bänder", schrieb er, "fesseln mich an Weimar. Ich bin in den Boden

eingewurzelt und um nur Eins zu sagen, wie kann ich, oder wie könnte meine

Frau mit mir, sich von den Kindern trennen? Unser Haus ist eine kleine

Welt für uns geworden. Aber Sie, liebster Gleim, Sie haben keine solchen

Hindernisse. Kommen Sie zu uns, und versuchen Sie einmal, wie sich's in

meinem Hause lebt, wo alle Augenblicke aus irgend einem Winkel ein anderes

Bübchen oder Mädchen, auf das man nicht gerechnet hatte, hervorgekrochen

kommt."

Eine Reihe von Jahren verstrich, ehe Wieland, den nicht blos die Liebe zur

Gemächlichkeit, sondern auch die mannigfachen mit der Herausgabe des

"deutschen Merkur" verbundenen Geschäfte an sein Haus fesselten, sich mit

Reiseplänen beschäftigte. Zur Stärkung seiner Gesundheit entschloß er sich

1794 zu einem Ausflug nach Leipzig und Dresden. Nach der letztgenannten

Stadt zog ihn die dortige Gemäldegallerie. Er wünschte in Dresden das

strengste Incognito zu beobachten. An seinen Freund und Verleger Göschen

schrieb er darüber: "Ich weiß nicht, warum Frau Fama so grillenhaft ist,

sich schon im Voraus mit einer so unbedeutenden Sache, als meine Excursion

nach Dresden ist, so viel zu thun zu machen. Es ist meine Meinung gar

nicht, mich in Dresden Allen, die mich in Beschlag nehmen sollten,

preiszugeben. Weder meine Gesundheit, noch meine Diät, die ich in meinen

Jahren bei einer äußerst zarten und reizbaren Constitution zu beobachten

habe, noch meine Absicht, meine Zeit in Dresden zur Betrachtung der

dortigen herrlichen Gemäldesammlung zu benutzen, könnte sich mit vielen

Aufwartungen, Besuchen, Diners und Soupee's vertragen, und ich wollte die

Reise dorthin lieber ganz aufgeben, als die Freiheit, auch in Dresden (wo

freilich keine Freiheitsbäume so leicht Wurzel fassen können) nach meinem

eigenen Sinn und Willen zu leben."

Dieser Wunsch ging nicht ganz in Erfüllung. So gern auch Wieland jeder

Gelegenheit, sich gefeiert zu sehen, auswich, hatte er es doch nicht

vermeiden können, in Pillnitz dem Churfürsten vorgestellt zu werden.

Manche interessante Bekanntschaften, die er in Dresden machte, ließen ihn

jedoch seine Reise nicht bereuen. Mit größern Hindernissen hatte er zu

kämpfen, ehe er die Idee, das Land wieder zu sehen in dem er seine Jugend

verlebt, realisirte. Nicht nur für den "deutschen Merkur", sondern auch

für die ununterbrochene Fortsetzung des Drucks seiner sämmtlichen Werke

hatte er Sorge tragen müssen, ehe er an einen sechsmonatlichen Aufenthalt

in der Schweiz denken konnte, von welchem er sich, nach seiner eigenen

Aeußerung, "für seinen innern und äußern Menschen viel Gutes versprach."

Nicht blos die Sehnsucht, seine an den Buchhändler Geßner in Zürich

verheirathete Tochter Charlotte wiederzusehen, bewog ihn zu jener Reise.

Auch sein leidender Gesundheitszustand mußte ihm sagen, daß ihm Erholung

höchst nöthig sei. "Ich bedarf", schrieb Wieland, "einer solchen

Aufziehung meines innern Uhrwerks, und die Freuden des Herzens, die mich

in der Geßnerschen Familie erwarten, werden ein Trunk aus der =Fontaine de

Juvence= für mich seyn."

Ein Anflug von Hypochondrie, wie er selbst gestand, machte allerlei

Bedenklichkeiten in Wieland rege, ehe er sich entschloß, die Reise nach

der Schweiz anzutreten. "Man spricht und schreibt", äußerte er in einem

seiner damaligen Briefe, "gar so viel von der Unsicherheit der Landstraßen

in Franken und Schwaben, wo zahlreiche Räuberbanden sich eingenistet haben

sollen, daß ich in der That nicht weiß, ob ich Recht thue, eine so

gefährliche Reise mit Weib und Kindern zu wagen. Ueberhaupt kommt mir ganz

Deutschland jetzt nicht viel besser vor, als es in den Zeiten des

dreißigjährigen Krieges war, und ich gestehe, daß ich alles Zutrauen zu

den Menschen verloren habe, und in jedem Unbekannten einen Dieb und Mörder

zu sehen glaube." An seinen Schwiegersohn, den Buchhändler Geßner, schrieb

Wieland bald nachher: "Ich sollte freilich, wenn ich auch nur so viel

Glauben hätte, als der zehnte Theil eines Senfkorns, mehr Vertrauen setzen

in die lieben Engelein, die uns geleiten werden. Aber das ist eben

das Elend, daß ich weniger Glauben habe, als der heilige Sanct Thomas,

und auch nicht viel mehr Herz als Glauben. Da lob' ich mir meine

ehrliche Hausfrau, eure Mutter! Die ist so zart, als ob sie aus

Postpapierschnitzeln gemacht wäre, und hat Herz und Unerschrockenheit und

Heldenmuth, trotz der tapfersten aller Marfisen und Bradamanten."

Am 24. Mai 1795 war Wieland mit seiner Frau und drei Kindern, Caroline,

Wilhelm und Luise, in einen bequemen Wagen, den er der Herzogin Amalia

verdankte, von Weimar abgereist. Die freundliche Aufnahme, die er

unterwegs an mehrern Orten, besonders in Nürnberg gefunden, ward noch

übertroffen durch die zahlreichen Beweise von Liebe und Wohlwollen, die er

von ältern und jüngern Freunden bei seinem Eintritt in die Schweiz

empfing. An Göschen schrieb Wieland den 8. August 1795. "Sie erhalten dies

Blättchen nicht -- wie Sie billig vermuthen könnten -- von den Ufern des

Lethe, dessen Anwohner ein süßes Vergessen aller Dinge über der Erde

eingesogen haben, sondern von dem rechten Ufer des Zürchersees, in dessen

Nachbarschaft ich ein artiges kleines Häuschen schon seit ungefähr acht

Wochen bewohne, und mich so wohl befinde, als ob ich in meinem nun bald

zurückgelegten 63sten Jahre auf neue Rechnung zu leben anfangen sollte.

Sie kennen das Land und den Ort und die liebenswürdigen Menschen, mit

denen ich lebe. Sie haben sich selbst, wenn ich nicht irre, mehrere Tage

in dem Geßnerschen Hause aufgehalten, und wenn Sie sich nun das Vergnügen

denken, in welches ich durch eins meiner liebsten Kinder mit demselben

gekommen bin, so werden Sie sich leicht vorstellen können, daß Tage und

Wochen mit einer mir selbst kaum begreiflichen Geschwindigkeit, über

meinem Haupt wegfliegen, und wie lange mein hiesiger Aufenthalt auch

währen könnte, er mir am überraschenden Tage des Scheidens doch immer nur

ein kurzer Morgentraum scheinen wird."

Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen Ereignisse in ihm

weckte, fühlte sich Wieland bewogen, seine Abreise zu beschleunigen. "Der

Krieg", schrieb er, "hat sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis

in's Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen Strom,

und es fehlt hier nicht an Gerüchten, die uns auch für die Reiche von

Thüringen und Sachsen bekümmert machen könnten, wofern es den Westfranken

vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen

Theilnehmern an dem Göttern und Menschen verhaßten Kriege ihre schwere

Hand fühlen zu lassen. Haben nun auch die Zeitumstände mich die Wonnetage,

die ich mir von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein

genießen lassen, als ich wohl gewünscht hätte, so ist doch einer von den

Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde mich ungemein wohl, und

wenn der gute Genius, der meine Reise von Weimar nach Zürich begünstigte,

mich auch von Zürich nach Weimar zurückgeleitet, so darf ich hoffen, die

guten Folgen derselben für meine Gesundheit und die Munterkeit meines

Geistes noch mehrere Jahren zu verspüren."

Am 15. September 1795 meldete Wieland, daß er letztverwichenen Sonntag um

zwei Uhr Nachmittags mit seiner lieben Reisegesellschaft gesund und

wohlbehalten in Weimar angekommen sei. "Sein guter Genius", schrieb er,

"habe es so geleitet, daß er auf der ganzen Route über Stuttgart,

Heilbronn, Schwäbisch-Hall, Anspach, Nürnberg, Bamberg, Coburg und

Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen, auch nirgends kaiserliche

Truppen angetroffen, auf keiner Post länger als eine Stunde aufgehalten

worden sei, daß er seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und

französischen Pässe auch nicht ein einziges Mal nöthig gehabt, und mit

Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob überall Friede wäre."

Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben von einer so

anmuthigen Seite gezeigt, daß ihm, der, nach seinem eignen Geständniß,

"gern wie Horaz, durch's Leben weggeschlichen wäre, und der nichts mehr

haßte als Stadt-, Hof- und Weltgetümmel", sich oft der sehnsuchtsvolle

Wunsch aufdrang, in ländlicher Zurückgezogenheit, der Natur, sich selbst

und den Seinigen leben zu können. Die Achtung und Neigung fürstlicher

Gönner, die Freundschaft mancher vorzüglichen Männer, die Weimar damals in

sich versammelte, hätten ihn in jenem Entschluß wankend machen können. Oft

aber ergoß sich Wieland in bittere Klagen, daß er bei aller Muße doch ein

sehr zerstückeltes Leben führe, mit Unterbrechungen durch Besuche von

Einheimischen und Fremden. Sein Zartgefühl für das Schickliche versetzte

ihn in eine sehr unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock und

in der Nachtmütze überrascht ward. Trostlos machte ihn besonders die

Vorstellung, daß seine arglos hingeworfenen Aeußerungen von solchen

Besuchenden aufgefangen und öffentlich bekannt gemacht werden könnten.

All' diesem Ungemach glaubte er in einer ländlichen Zurückgezogenheit zu

entgehen, die ihm überdieß manchen Lieblingsplan, der seinen Geist

beschäftigte, auszuführen vergönnte. Ernstlich dachte er längere Zeit

daran, seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar mit einem freundlichen

Landhause bei Hohenstädt, unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes

hatte für ihn die Idee, dort seines Freundes Göschen Nachbar zu werden.

Seine Verhältnisse zum Weimarischen Hofe nöthigten ihn indeß, diesen Plan

wieder aufzugeben.

Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute Tannrode malte

sich Wielands Poesie mit den glänzendsten Farben aus. Ueber den Ankauf

dieses Gutes, das der Familie von Egloffstein gehörte, pflog er

Unterhandlungen. Er nannte es in einem seiner Briefe ein ächtes

Horazisches Sabinum. "Ich schmeichle mir", schrieb er, "wenn ich erst in

meinem alten Schlößchen Tannrode etablirt seyn werde, in der herrlichen

Luft und der schönen Natur, die mich dort umgeben wird, neue Munterkeit

und Kraft zu meinen Geistesarbeiten zu erhalten." Diese Idee gab Wieland

jedoch wieder auf. Er entschloß sich zu dem Kauf des unweit Weimar

gelegenen Gutes Osmanstädt für die Summe von 22,000 Thalern. Diese Summe

glaubte er theils durch den Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch

ein etliche Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital

decken zu können, das er durch Vermittlung seines Freundes Göschen zu

erhalten hoffte.

Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Göschen's Antwort ablehnend

ausfiel, noch zu kämpfen, ehe er seinen Lieblingswunsch realisiren konnte.

Seinen Credit in Weimar wollte er nicht benutzen. "Davon bin ich ziemlich

überzeugt", schrieb er, "wenn alle andern Stricke reißen sollten, der

Herzog würde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich habe mehr als

Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel, nur im äußersten Nothfall zu

concurriren. In einem Briefe an Göschen äußerte Wieland: "Hören Sie,

lieber Freund, wie ich glaube, daß meine Angelegenheit, ohne daß Ihnen

oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden könnte; denn ganz kann

ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen, so sehr ich's auch thun zu

können wünschte. Sie sind nun einmal, weil Sie es selbst so gewollt haben,

mein Verleger, und müssen es seyn und bleiben, dafür ist kein Rath." --

Nachdem Wieland nun das Honorar für die neue Ausgabe seiner Werke auf 7000

Thaler festgesetzt hatte, schloß er seinen Brief an Göschen mit den

Worten. "Warum ich Sie bitte, ist, daß ich auf künftigen Michaelistag 4000

Thaler von Ihnen zu empfangen sicher rechnen könnte."

Wie wohl sich Wieland fühlte in seinem "Osmantinum" oder seiner

"Oberinstädtischen Retraite", wie er sein ländliches Asyl mitunter nannte,

schilderten mehrere seiner damaligen Briefe. Am 25. April 1797 hatte er

dort, nach abgeschlossenem Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr

später, den 25. Juli, schrieb er: "Mir ist, als ob gar keine andere Art zu

existiren für mich möglich sei, und die Weimarischen Propheten, die als

ganz unfehlbar voraussahen, daß ich mich gar jämmerlich auf dem Lande und

=vis à vis de moi même= langweilen würde, bestehen mit Schande. Auch

sperren sie die Augen mächtig darüber auf, daß ich so heiter und vergnügt

aussehe, und können sich daß Phänomen gar nicht erklären. Ich hingegen

begreife das Wunder sehr gut, und in der That ungleich besser, als wie ich

die vier und zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich

habe aushalten können. Landluft, unverkünstelte Natur, viel Gras und

schöne Bäume, äußere Ruhe und freie Disposition über mich selbst und meine

Zeit -- das Alles zusammengenommen ist, so zu sagen, mein Element, so gut,

wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element ist; und es

geht also ganz natürlich zu, daß ich darin gedeihe."

Wieland war damals unerschöpflich im Lobe des Landlebens, das, wie er

glaubte, sehr wohlthätig auf seinen Gesundheitszustand einwirke. Er

schrieb darüber den 19. December 1797 einem Freunde: "Das Angenehmste ist,

daß ich in diesem veränderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter eine

über alle Menschenerwartung hinausgehende Probe über meine

Leibesconstitution mache. In der Stadt würde ich mich in diesen

verwichenen acht Wochen wahrscheinlich ziemlich schlecht befunden haben;

hier in meinem Hause zu Osmanstädt befinde ich mich ununterbrochen wohl

und munter, arbeite an meinem Schreibtisch mit Succeß, habe, ungeachtet

ich wenig an die Thür komme, guten Appetit, und schlafe weit besser, als

ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens was mich betrifft, den Vorzug

des Landlebens vor dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven

Vorzügen zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen ihre Freundin,

die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher thut mir auch das Bewußtseyn wohl,

daß ich meinen Garten bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt

habe. Ueber dreihundert Bäume habe ich gepflanzt, von deren größerem

Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens die ersten

Früchte zu erleben hoffen kann; und das, was ich auf Cultur und

Verbesserung verschiedener, nach und nach durch Verwahrlosung in Abnahme

gekommener Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde, wird

schon im künftigen Jahre so auffallend seyn, daß, wer mich wieder besucht,

sich in ein kleines Paradies versetzt zu sehen glauben wird."

Unter den erwähnten ländlichen Beschäftigungen war Wieland seinen

literarischen Arbeiten nicht untreu geworden, obgleich manche darunter ihm

so viel Beschwerden und Verdruß bereiteten, daß er sehnlich wünschte, sich

ihrer entledigen zu können. Den "deutschen Merkur" würde er, wenn er den

mäßigen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf, hätte entbehren können,

zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig ward er mitunter über die

reichlichen Zusendungen schlechter Verse und anderer mittelmäßiger

Produkte. Besonders ward Wielands Zeit zerstückelt durch die Beantwortung

zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands an ihn gelangten.

In dieser Beantwortung war er freilich mitunter so saumselig, daß er die

deshalb ihm gemachten Vorwürfe wohl verdient zu haben glaubte, und sich

selbst bisweilen noch schärfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie ganz

verließ, gab ihm einst eine öffentliche Erklärung ein, durch die er den zu

häufigen und werthlosen Manuscriptsendungen vorbeugen wollte.

Chr. M. Wieland's Biographie · 第 6 / 10 段