In seinem "Oberon", der sich dadurch von Wielands bisherigen Gedichten

unterschied, daß durchaus keine Spur von satyrischer Tendenz darin zu

entdecken war, hatte er alle Elemente des Romantischen zu vereinigen

gesucht, Schwärmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. "Es

scheint", schrieb er, "einer der feinsten Kunstgriffe in Gedichten

romantischer Gattung, daß man die Genien und Feen als Wesen einer höhern

Ordnung und Bürger einer andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungskreis

und Geschichte für uns immer etwas Räthselhaftes, Geheimes und

Unerklärliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch

höhere und geheimere Ordnung der Dinge, die man wohl Schicksal nennt, in

die übrigen eingeflochten, und wir, ohne zu wissen, wie und warum,

Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist."

Wieland war noch beschäftigt mit seinem "Oberon", als das Studium der

Alten, an dem er noch immer mit Liebe hing, in ihm die Idee weckte, seinen

Lieblingsdichter Horaz zu übersetzen. Ausgeführt ward diese Idee erst, als

er den "Oberon" vollendet hatte. Wieland beschränkte sich in seiner

Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren des römischen

Dichters. Es war ihm mehr darum zu thun, den Geist seines Originals

wiederzugeben, als sich streng an die Form zu halten und die Treue seiner

Uebersetzung bis auf das Buchstäbliche auszudehnen. Um die Manier und den

Ton seines Autors besser zu treffen, wählte er, statt des Hexameters, den

jambischen Vers, den er für geeigneter hielt, die Leichtigkeit und

Gewandtheit der Conversationssprache wiederzugeben. Auch bei seiner

Uebersetzung des Lucian, die er einige Jahre später unternahm, ging er mit

gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald kürzer, bald

weitläufiger ward als der des Originals. Einen bleibenden Werth verlieh er

seinen Uebersetzungen, durch die denselben beigefügten Einleitungen und

Erläuterungen, die von der gründlichsten Sachkenntniß zeugten. An die

Uebersetzung des Lucian erinnerte sich Wieland noch in spätern Jahren oft

mit Vergnügen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine Art von

Geistesverwandtschaft statt, und Wieland äußerte scherzend, daß er während

jener literarischen Arbeit sich oft dem Glauben an eine Seelenwanderung

überlassen habe.

Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in seinen

großentheils durch die politischen Ereignisse veranlaßten "Gesprächen in

Elysium" und in seinen "Göttergesprächen." Früher, als diese Schrift,

entstand ein Werk, das durch seinen Inhalt große Sensation erregte. Die

erste Idee zu seiner "Geschichte der Abderiten" gaben ihm vermuthlich

Erinnerungen an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach

und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen Regierung

in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger und behutsamer in seinen

Schriften und Aufsätzen über politische Gegenstände. Schon sein Verhältniß

zum Weimarischen Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rücksichten zu

nehmen. Sein Freund Jacobi mußte sich's gefallen lassen, daß Wieland in

den für den "deutschen Merkur" bestimmten Bruchstücken des Romans "Alwill"

mehrere Stellen strich, besonders eine über den Fürstendienst. Er schrieb

darüber an Jacobi: "Gott weiß, wie Du, mit dem Bewußtseyn deiner und

meiner Verhältnisse, so etwas hinschreiben konntest, daß ich's drucken

lassen sollte." Bescheidenheit hielt Wieland für eine unerläßliche

Bedingung, unter der ein Privatmann öffentlich über Staatsangelegenheiten

sprechen, und über Maßregeln, von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen

abhängig sei, ein Urtheil fällen sollte. Er war der Ansicht: die Wünsche

des Volks und die Meinung verständiger und unparteiischer Männer zu

vernehmen, müsse den Fürsten immer willkommen seyn, so lange sie noch

keine entschiedene Parthei ergriffen hätten. Sei aber einmal der

unglückliche Wurf geschehen, so könne das Einmischen von Privatleuten und

ihr Urtheil über die ergriffenen Maßregeln nichts mehr helfen, wohl aber

schaden. Wiederholt warnte Wieland vor dem Mißbrauch der Presse. Aber eine

Reform in den politischen Verhältnissen wünschte und hoffte er sehnlich.

Eine kühnere Sprache als manche seiner Aeußerungen erwarten ließen, führte

Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze.

"Wenn man", äußerte er darin, "mit der Religion und der Priesterschaft

fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die Reihe an Untersuchungen

kommen, die unsern weltlichen Gewalthabern nicht behagen dürften, so

gleichgültig auch das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag.

Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher Macht thut ihr dies und

das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft

davon zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitzthümer und

Ansprüche? Wenn sich alle eure Vorrechte -- wie uns unsre Philosophen von

allen Dächern herabpredigen -- auf einen bloßen Vertrag zwischen uns und

euch gründen; wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und

euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch haben kann, als

eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Tage zurücknehmen

können, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen:

wie könnt ihr erwarten, daß so aufgeklärte Leute, wie wir, in der

wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch eine willkührliche

und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, unser Eigenthum und unser

Leben einräumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir

untersuchen, ob sie uns glücklich machen werden. Ehe wir euch Subsidien

bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen

anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an die Schlachtbank führen, oder uns

der Gefahr aussetzen lassen, unser Feld verwüstet, unsre Wohnungen

angezündet und unsere Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen,

wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche

Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt, oder nicht."

Diese Aeußerungen waren prophetische Worte, die bald nach Friedrichs II.

Tode (1786) und noch mehr durch die spätern politischen Ereignisse sich

bewährten. Die Stellung, welche Wieland damals als Schriftsteller und

Journalist zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten:

"Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen,

als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für eins der wirksamsten Mittel,

seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer

beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und

einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts."

Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu

nehmen, war Wielands unablässiges Bestreben. Bei der sich immer mehr

ausbreitenden Aufklärung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur,

hielt er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck

"die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden könnten." Nur einer

einzigen Commotion, meinte er, bedürfe es, "um zehn oder zwanzig

Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin

zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen."

Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht getäuscht. Noch vor

dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den

Ausbruch der französischen Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie

mächtig dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere

Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung niederlegte.

Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das

Zeugniß geben, daß "in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die

öffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser

Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme."

Die Hauptmaxime, die ihn "in seinem Urtheil über die menschlichen Dinge"

leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß. "Nie vergesse ich," schrieb

er, "daß Menschen in allen Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger,

als Menschen sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut oder

schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, daß

ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen zutrauen sollte. Daher kommt

es, daß ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darüber

formalisire, wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge

großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder stoische

Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser, noch consequenter,

noch uneigennütziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von

den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte."

Von den Greueln der französischen Revolution wandte sich Wieland mit

Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mächtiger in ihm.

Rühmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm

getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der

bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. "Was

kann," schrieb er, "deutscher Patriotismus anders seyn, als das

aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwärtigen

Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem

Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen fähig ist? Mit

wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der römische

Dichter von den Landleuten sagt: =Felices sua si bona norint=! Glücklich,

wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, blind und

undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht hätte;

wenn wir ihrer nicht genössen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man

erst fühlt, wenn man sie verloren."

Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen

seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als

aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu

werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine

Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verübelten.

Gegen den Vorwurf, "die Schuster- und Schneider-Aufklärung befördert zu

haben," vertheidigte sich Wieland mit den Worten: "Meiner geringen Meinung

nach, ist das Beste für den Schuster -- Schuhe zu machen. Sollte aber --

was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit ist -- ein Schuster

glauben, daß er auch =ultra crepidam= etwas Gemeinnütziges oder ein Wort

zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer

von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der

für die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl

leiden, in mehr als dreißig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die

Wahrheit zu hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen

Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame,

mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne daß ein Mensch etwas dagegen

einzuwenden hatte? -- Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in

Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem

Bürger, als heut zu Tage!"

Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland oft den heftigsten

Angriffen blosgestellt. Das Bewußtseyn, einen guten Zweck verfolgt zu

haben, mußte ihn trösten. Daß er oft schärfer gesehen, als Andere, und

manches in prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen

"Gesprächen unter vier Augen" durch den Vorschlag: das demokratische

Frankreich möchte zu seiner eignen Rettung -- Buonaparte zum Dictator

ernennen. In jenen politischen Dialogen sah Wielands Blick weit in die

ferne Zukunft hinaus, und in mehreren Schilderungen entwarf er ein

anschauliches Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines

Lebens lag.

Von solchen Beschäftigungen ward Wieland wieder zu den Musen zurückgeführt

in den geistreichen Cirkeln, welche die Herzogin Amalia in Ettersburg und

Tiefurth zu versammeln pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und Musik

von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen Goethe, Herder,

Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil nahmen, zu einem Gegenstande der

Unterhaltung. Ländliche Feste und Schauspiele, in denen die eben

genannten Männer, nebst einer Corona Schröter, Amalie v. Göchhausen

u.a. geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten mit

Ergötzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den dramatischen

Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die bald das Schloß zu

Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung zum Schauplatz wählte, lieferte

Wieland in seiner "Pandora." Mehrere Gedichte und Aufsätze legte er auch

in dem noch handschriftlich erhaltenen "Tiefurther Journal" nieder.

In solchen Kreisen fühlte sich Wieland sehr behaglich, so wenig er sonst

auch dem Hofleben und der damit verbundenen Etiquette Geschmack abgewinnen

konnte. Noch in späterer Zeit pries er oft das Glück, so geistreichen

Cirkeln angehört zu haben, die durch den lebhaften Austausch der

mannigfachsten Ideen für ihn immer das Interesse der Neuheit behielten.

Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene Schilderung der völligen

Zufriedenheit mit seiner Lage paßte auch für seine spätern Lebensjahre.

Jenes Schreiben enthielt das Geständniß: "In einer erwünschten Befreiung

von öffentlichen Geschäften lebe ich den Musen und mir selbst, ein

unscheinbares, aber glückliches Leben, begünstigt durch die Gnade meines

Fürsten und durch die Liebe vieler Rechtschaffenen."

Der erwähnte Brief schilderte ihn zugleich "umgeben von einer zahlreichen,

um ihn her theils aufblühenden, theils noch aufkeimenden Familie, die

seine Existenz auf die interessanteste Weise vervielfältige und durch die

süßen Sorgen und angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr

einförmiges Leben vor Stockung bewahre." Fühlbar mußte ihm jedoch werden,

daß er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen Fleiß verdoppeln

mußte, wenn er für den anständigen Unterhalt seiner nicht kleinen Familie

gehörig sorgen wollte. Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren,

lebten damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen

schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten Gewinn

hatte er noch der Herausgabe des "deutschen Merkurs" zu danken gehabt. Bei

den meisten seiner frühern poetischen Werke hatte er sich mit einem

Dukaten für den Druckbogen begnügen müssen. In Bezug auf das Honorar für

seine "Komischen Erzählungen" gestand Wieland einem Freunde: "Jedermann,

welcher weiß, daß in Frankreich dem mittelmäßigsten Reimer und

Romanschreiber wenigstens zwei Louisd'or für den Bogen bezahlt werden,

lacht mich aus, daß die Komischen Erzählungen mir nicht mehr noch weniger

eingetragen haben, als fünf Gulden für den Bogen."

Einigermaßen verbessert hatten sich Wielands literärische Einkünfte durch

seine Bekanntschaft mit dem Buchhändler Reich in Leipzig, der ihm für das

Gedicht "Musarion" ein Honorar von dreißig Dukaten und für den "Diogenes

von Sinope" funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung in Dessau

hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe auf Actien geliehen und sie

größtentheils eingebüßt. Zurückgeschreckt durch so bittere Erfahrungen,

schwankte er, ein Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die

Unternehmer der Jenaischen Literaturzeitung, Schütz und Bertuch, ihn im

Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen trat Wieland, nach

Reichs Tode, in nähere Verbindung mit dem damals noch sehr jungen

Buchhändler Göschen in Leipzig, der zuerst den "Peregrinus Proteus" und

die "Göttergespräche" druckte, und nachher der Verleger von Wielands

sämmtlichen Werken ward.

Durch eine genaue Revision und Feile wünschte Wieland seinen Schriften den

höchsten Grad von Vollendung zu geben. In der Ankündigung der

Gesammtausgabe seiner Werke im zwölften Stück des "deutschen Merkur" vom

Jahr 1793 äußerte Wieland, daß ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren

beschäftige. "Ich widme ihr," schrieb er, "die heitersten Tage und Stunden

meines Lebens, und spare weder Zeit noch Mühe, um den kleinsten Flecken

wegzubringen, den ich an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr

werde. Es ist ein süßer Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen des

Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen, die man geliebt

hat, fortzuleben, ihnen noch werth und nützlich zu seyn, und von den

Besten unter ihnen noch geliebt zu werden. Wenn auch die Hoffnung, daß die

Zukunft diesen Gedanken realisiren werde, nur Täuschung wäre: welche

Aufforderung, welche Nachtwachen könnten zu viel seyn, um sich noch in

seinem Leben eine so süße Täuschung zu verschaffen? Niemand kann es

stärker fühlen und einsehen, als ich selbst, daß, meiner angestrengtesten

Bemühungen ungeachtet, auch die besten Producte meines Geistes noch immer

weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den Ideal des Schönen

und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser Gedanke wird meine Aufmerksamkeit

schärfen, und meinen Fleiß verdoppeln; und so werde ich, was auch der

Erfolg seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen können, wenn

ich mir bewußt seyn werde, alles, was in meinen Kräften stand, gethan zu

haben, um ihr meinen geistigen Nachlaß so wohl beschaffen und in so guter

Ordnung, als mir möglich war, zu hinterlassen."

Bei der Durchsicht seiner Schriften überzeugte sich Wieland, wie sehr sein

Styl und Geschmack sich allmälig geläutert hatten. Seinen Jugendarbeiten

beurtheilte er mit nachsichtsloser Strenge. Nur wenige nahm er in die

Sammlung seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf seine

"moralischen Erzählungen." Nach einem seiner damaligen Briefe hielt er

diese Erzählungen "für das Beste von allem, was er vor seinem fünf und

zwanzigsten Jahre geschrieben habe." Ueber den Platz, den er seinen ersten

schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner Werke anweisen

sollte, schwankte er lange. In Bezug auf seine Erzählung: "Araspes und

Panthea" äußerte er in einem Briefe an seinen Verleger Göschen: "Ich

finde, daß es die höchste Unschicklichkeit wäre, dies noch sehr

jugendliche und meinen frühern Jugendwerken noch viel zu ähnliche Product

an die Spitze meiner sämmtlichen Schriften zu stellen, und zwar nicht

hinsichtlich des Inhalts oder der darin geäußerten Geisteskräfte (in

welcher Rücksicht es nicht zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack

und Styl damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon und im

goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war." Oft verwarf Wieland

wieder die bereits getroffenen Anordnungen. Endlich entschloß er sich,

seine Jugendarbeiten der Ausgabe seiner Werke beizufügen, weil sie doch,

wie er äußerte, "gewissermaßen zur Geschichte unserer Literatur gehörten

und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei."

Längere Zeit beschäftigte sich Wieland mit dem Gedanken, auch seine

Uebersetzungen in die Sammlung seiner Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee,

die er wieder verwarf, äußerte er sich in einem Briefe vom 1. November

1793 mit den Worten: "Alle Welt stimmt mit Recht darin überein, daß meine

Uebersetzungen des Horaz und des Lucian so viel von meinem Eignen haben,

und sich so weit von der gewöhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, daß

sie so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung aller

meiner Schriften gehören, zumal da der Commentar einen eben so

beträchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube es dem Publikum schuldig zu

seyn, daß die allgemeine Ausgabe aller meiner Werke, auch die Satyren und

Briefe des Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst

meinem Commentar enthalte."

Im Allgemeinen erklärte sich Wieland über die Gesammtausgabe seiner

Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795 mit den Worten: "Unter meinen

sämmtlichen Werken will ich eigentlich nichts verstanden haben, als was

ich nach meiner besten Ueberzeugung für werth halte, unter die besten und

reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden." Mehrere seiner

Werke wurden von ihm umgearbeitet, um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von

Vollkommenheit möglichst zu nähern. Er scheute weder Zeit noch Mühe,

siebzehn Gesänge seines "Neuen Amadis," dessen "licensiöse Versart" ihm

nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen. Nach seinem eignen

Geständniß ging Wielands Bemühen hauptsächlich darauf hinaus, sowohl dem

eben erwähnten Gedicht, als seinen übrigen poetischen Arbeiten, "ohne

Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit des Stils und der

Sprache zu geben." Zu Anfange des Februar hatte er die "wirklich mühsame

Revision der dreißig Bände seiner sämmtlichen Werke" vollendet. Er sah

sich dadurch mancher Sorgen überhoben. Einer reinen Freude überließ er

sich indeß erst, als die empfangenen Nachrichten von zahlreichen

Subscriptionen einigermaßen seine Besorgnisse milderten, daß das

Unternehmen für seinen Verleger einen bedeutenden Verlust herbeiführen

möchte.

Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht Wielands

Besorgniß. Nicht für sonderlich günstig hielt er den Moment, in welchem

die Gesammtausgabe seiner Werke an's Licht trat. "Wir sind leider,"

schrieb er, "in eine unglückliche Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung,

das Einzige, was uns zum Trost noch übrig blieb, scheint bereit, mit jedem

Augenblicke die Flügel aufzuspannen, und uns durch die Flucht einem

Zustande zu überlassen, der durch seine Ungewißheit beinahe noch schlimmer

ist, als das Aergste, was uns wirklich treffen kann." Manches

Unerfreuliche brachte ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth

kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke, ihren

rechtmäßigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein Opfer gescheut, mit

einem bedeutenden Verlust bedrohte.

In seinem Familienkreise mußte Wieland Trost und Erheiterung suchen, und

er suchte dort beides nicht vergebens. Kaum hätte er eine Gattin finden

können, die die Pflichten einer thätigen Hausfrau und sorgsamen Mutter

pünktlicher erfüllt hätte, als seine liebe Dorothea. Ungestört konnte er

den größten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen, und dadurch

nach allen Kräften für das Wohl seiner Familie sorgen. Ohne durch ihr

Aeußeres, noch durch Talente sich auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein

höchstes Lebensglück. In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster

jeder weiblichen und häuslichen Tugend. "Sie ist", schrieb er, "frei von

jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem Kopf ohne Vorurteil, und mit

einem moralischen Charakter, der einer Heiligen Ehre machen würde. Die

Jahre, die ich mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne daß ich nur ein

einziges Mal gewünscht hätte, nicht verheirathet zu seyn. Im Gegentheil

ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen verwebt, daß ich nicht acht

Tage von ihr entfernt seyn kann, ohne etwas dem Schweizer-Heimweh

Aehnliches zu empfinden." Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch

in einem Briefe an Gleim die Worte ein: "Gott hat mich aus einer Gefahr

erlöst, an die ich ohne Schaudern nicht denken kann. Ich war nahe daran,

oder wenigstens machte mich Liebe und Angst denken, das beste, für mich

allein geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes haben

Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt; wir haben unser bestes

Mütterchen wieder, und sie befindet sich außer Gefahr."

Chr. M. Wieland's Biographie · 第 5 / 10 段