Unternehmen, das seine Zeit und Kräfte fast übermäßig in Anspruch zu
nehmen drohte. Der sehr beliebte =Mercure de France= gab ihm die Idee zur
Herausgabe einer ähnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: "Der deutsche
Merkur" erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem Journal eine
weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, und versprach sich selbst
davon für die Zukunft eine in ökonomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach
seinem Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufsätze in Prosa
von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten der neuesten
Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, Politik und schönen
Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden Recensionen sollten besonders
auch dazu dienen, parteiische und unbillige Urtheile über die
vorzüglichsten Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe des
"deutschen Merkur," stieß jedoch bald auf nicht vorhergesehene
Hindernisse. "Ohne die Beihülfe unserer besten Schriftsteller vermag ich
nichts," gestand er in einem seiner Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er
für sein Journal zu gewinnen wünschte, waren Lessing, Herder, Garve, Möser
u.A. zu beschäftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um ihm eine
ununterbrochene Theilnahme am "deutschen Merkur" zusichern zu können.
Andere Schriftsteller, die ihm nützlich werden konnten, kannte er zu
wenig; von mehreren wußte er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie
behaupteten. Unter seinen nähern Freunden und Bekannten mußte er sich die
Mitarbeiter für sein Journal wählen, welches ihm übrigens, da er nicht
blos die Herausgabe, sondern auch den Verlag übernommen hatte, bald durch
eine ausgebreitete Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit
Papierhändlern, Druckern und Correctoren unsäglichen Verdruß bereitete.
Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: "er sei des Merkurs schon satt,
noch ehe er begonnen." Von den Sorgen der Geschäftsführung, für die es ihm
durchaus an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige
Legationsrath und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, welche
damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, und ihm mit Rath und
That hülfreich zur Seite stand.
Wieland's kühnste Erwartungen übertraf die Zahl der Abonnenten bald nach
der Ankündigung des "deutschen Merkur." Eine Auflage von 2000 Exemplaren
war in kurzer Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des
ersten Hefts sehr dürftig ausgefallen war. Außer Wieland und Jacobi hatte
kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen Beitrag geliefert. Gotter,
Bürger, Möser u.A. hatten sich anonym unterzeichnet. Es war aber weniger
der Mangel an berühmten Namen, als die im "deutschen Merkur" enthaltene
Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene Zeitschrift warf, die so
vielversprechend angekündigt worden war. Auf eine leidenschaftliche
Gegenwirkung mußte Wieland gefaßt seyn, als er sich zu einem strengen
Kunstrichter aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, daß er durch
seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben und selbst mit
denen zerfallen würde, die er für seine treusten Freunde hielt.
In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schärfe seiner Kritik mit den
Halberstädter Dichtern, mit Gleim, Jacobi, Michaelis u.A. Die Göttinger
poetische Blumenlese, zu welcher er selbst Beiträge geliefert, hatte er
mit einer Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl,
als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fühlten. Es waren Bürger, Hölty,
Voß, Miller, die Grafen Stolberg u.a. junge talentvolle Männer, die dem
Göttinger Dichterbunde, der sich damals gebildet, angehörten. Völlig
verscherzte Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch die
Bardenpoesie und den kühnen Dithyrambenton traf, den die Göttinger Dichter
damals in einer Uebersetzung griechischer Chöre der alten Tragiker
angestimmt hatten. Durch solche Bestrebungen meinte Wieland, werde die
deutsche Poesie bald allen Wohlklang und überhaupt alle Wahrheit,
Regelmäßigkeit, Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Göttinger
Dichter bemerkte er: "Sie scheinen sich vorgenommen zu haben, den
Ausspruch des Demokrit, daß ein Poet rasen müsse, durch ihr Beispiel zu
rechtfertigen; aber die poetische Wuth sollte doch, dächt' ich, nicht gar
zu nahe an diejenige grenzen, die in die dunkle Stube führt." Durch solche
Aeußerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, der zugleich
den von den Göttingern hochverehrten Sänger der Messiade traf, hatte
Wieland jene jungen Männer so gereizt, daß sie, als der Dichterbund am 2.
Juli 1773 Klopstocks Geburtstag feierte, Wielands "Komische Erzählungen"
den Flammen opferten.
Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern Wege, als die
Göttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, bei der ihnen Shakspeare
als Muster galt, war Wieland durch eine Recension des "Götz von
Berlichingen" zerfallen, die, wenn auch nicht von ihm selbst herrührend,
doch einen Platz im "deutschen Merkur" gefunden hatte. Das gespannte
Verhältniß, in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der sein
ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher durch die "Leiden
Werthers", das Trauerspiel "Clavigo" u.a. Schriften bewährte, ward noch
gesteigert durch die von Wieland im deutschen Merkur erschienenen "Briefe
über das Singspiel Alceste." Den Verfasser dieser Briefe wählte Goethe zum
Gegenstande seiner aristophanischen Laune in der damals von ihm
gedichteten Posse: "Götter, Helden und Wieland." Statt dadurch gereizt,
sich zu der Parthei der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefährliche
und sittenverderbliche Tendenz der "Leiden Werthers" hervorzuheben
suchten, empfahl Wieland im "deutschen Merkur" die gegen ihn gerichtete
Schrift "allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstück
von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen möglichen
Standpunkten sorgfältig _den_ auserwähle, aus dem ihm der Gegenstand
schief vorkommen müsse, und sich dann recht herzlich lustig darüber mache,
daß das Ding so schief sei." Dabei ließ Wieland es nicht bewenden. Auch
eine früher versprochene Vertheidigung des "Götz von Berlichingen" hielt
er nicht zurück und ließ sie bald nachher im "deutschen Merkur" drucken.
In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch eine sehr ausführliche
Beurtheilung des eben genannten Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland
sich gleich. Hinsichtlich der "Leiden Werthers" vertheidigte er in seiner
Kritik den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, dem Selbstmord
das Wort geredet zu haben. Wieland nannte jenen Roman "das Gemälde eines
innern Seelenkampfes, wie ihn nur _der_ entwerfen könne, der den Schöpfer
des Hamlet und des Othello studirt habe." So hatte sich Wieland wieder
ausgesöhnt mit Goethe, der einer seiner gefährlichsten Gegner zu werden
drohte. Aber auch den Angriffen derer, die die Klopstockische Bardenpoesie
priesen, setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten
heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen Gegnern
gegenüber eine würdige Stellung zu behaupten.
Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstädter Freunden, mit Gleim und
Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen, als Gleim zur Versöhnung die
Hand bot. Er benutzte dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestörte
Freundschaftsverhältniß völlig wieder hergestellt ward. Auch mit einem
Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen. Er versöhnte sich aber
mit ihm, als er Heinses Roman "Laidion" gelesen, und ganz bezaubert worden
war von "dem schönen, abenteuerlichen Ungeheuer", wie er jenes Werk
nannte.
Auf einen bisherigen Lieblingsgenuß, auf den Besuch des Theaters, hatte
Wieland einstweilen verzichten müssen. Durch den Brand des Weimarischen
Schlosses am 6. Mai 1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu
ihren Vorstellungen eingebüßt, und war entlassen worden. Mit dem Schlusse
des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschäft, welchem sich Wieland bisher
gewidmet, gänzlich aufgehört. Der Erbprinz Carl August und sein Bruder
Constantin hatten, in Begleitung des Grafen v. Görz und des Majors v.
Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland angetreten, und sich
auch nach Frankreich begeben. Seit Wieland nicht mehr Instructor war,
hatten sich seine Sorgen vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Fleiß
mußte er an eine Erweiterung seiner Einkünfte denken. Sein Familienkreis,
zu welchem vier Töchter gehörten, war noch durch seine Mutter vergrößert
worden, die bereits 1772, bald nach ihres Gatten Tode, zu Wieland nach
Weimar gezogen war. Der mäßige Absatz des "deutschen Merkur" nöthigte ihm
in einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, daß er kaum im Stande sei,
die Unkosten jenes Journals zu decken.
Zu den Sorgen für seine Subsistenz gesellte sich manche Kränkung seines
Selbstgefühls. An Veranlagung zu Argwohn fehlte es ihm nicht. Ein
satyrisches Drama, "Prometheus, Deukalion und seine Recensenten" betitelt,
und von Wagner in Frankfurt am Main verfaßt, galt ziemlich allgemein für
ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit, wo Wieland von dem genannten
Dichter einige Zeilen erhalten hatte, die auf ein freundliches Verhältniß
hinzudeuten schienen. Gleichgültige Hintansetzung auf der einen Seite, und
Versöhnung auf der andern, hielt Wieland in seinem Unmuth für das Loos,
das ihm zu Theil geworden sei, so wenig er es verdient zu haben glaubte.
"Nie hab' ich," schrieb er an Sophie la Roche, "mehr Liebe für einen
Menschen gefühlt, als für den Verfasser des Götz und Werther. Seine
Freundschaft würde mich glücklich machen. Aber er will nicht mein Freund
seyn. Er will die Freude haben, vor der Welt sein Spiel mit mir zu
treiben, und in die Art, wie er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen
verzeihlich macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab' ich
mich unwürdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten geliebt und
geschätzt zu werden?"
So rührende Klagen enthielten mehrere von Wieland's damaligen Briefen.
Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim, der ihm unter allen seinen Freund
fast noch allein geblieben war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein
zweitägiges Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch rege,
künftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche Pläne wurden in
dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben. Gleim's Bemühungen, ihm
eine Stelle in Berlin zu verschaffen, wußte Wieland zu schätzen. Die
Gründe, weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt ein bald
nach der Rückkehr aus Halberstadt geschriebener Brief an Gleim. Darin hieß
es unter andern: "Wahrscheinlich wird Carl August mir nie Ursache geben,
mich von ihm zu entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schön auch immer
Ihr Berliner Project für mich in unser chimärisches Plänchen paßte, so
würde es doch in der Ausführung unendliche Schwierigkeiten haben.
Anderswo, als in Weimar zu leben, würde mich doch blos die Noth zwingen
können, irgend ein öffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die
Versetzung in eine Welt, wie die Berlinische ist, würde sich überdies für
meine Gemüthsart und meine Umstände kaum schicken. =Pain cuit et liberté=
wird ewig mein Wahlspruch bleiben. Lieber mit sechshundert Thalern in dem
kleinen Dörfchen, wo mein Gleim geboren wurde, in einer Hütte an dem
Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend Thalern, als
Sie wollen. Carl August ist mir gewogen und seine Mutter auch. In
Hofintriguen und Staatssachen werde ich mich nie mischen, und mich so viel
als möglich in meinem Schneckenhäuschen ruhig halten. Ich werde also wenig
oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden und Unschuld dahinleben,
so lange es Gott gefällt. Aendern sich einmal die Umstände, so wollen wir,
um Ruhe zu bekommen, uns weder nach Berlin, noch in eine Windmühle setzen,
sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim, gerade so ein kleines
suetonisches tranquilles Gütchen kaufen, wie es einem Danischmende nützt
und frommt -- so weit von Sultanen und Bonzen, als immer möglich ist. In
einer kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer kleinen
Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und Horaz, wie ich bin,
wohlfeiler glücklich seyn."
So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt seines
bisherigen Zöglings Carl August und dessen Vermählung mit der Prinzessin
Luise von Hessen-Darmstadt manche Veränderungen in seiner bisherigen Lage
eintreten konnten. Er schien gefaßt, unter allen Umständen die
Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche Lebensgefährtin
gewesen war. "Ich habe," schrieb er, "schon meine Parthie genommen. Die
Hofluft ist mir immer zuwider gewesen, und je seltner ich künftig
genöthigt seyn werde, sie zu athmen, desto glücklicher werd' ich seyn."
Diesem Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen Briefe an
Sophie la Roche äußerte er: "Die bevorstehenden Auftritte, so unbedeutend
sie für die übrige Welt sind oder scheinen, sind für uns Weimaraner doch
von so großer Wichtigkeit, daß jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge
schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen nennt sich
Wieland, weil er für sich selbst nichts verlangt, mit allem zufrieden ist,
und übrigens voll guter Hoffnungen."
Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er längst im Stillen gehegt, ward
erfüllt durch die persönliche Bekanntschaft Goethe's, den der junge Herzog
auf seiner Reise in Frankfurt am Main kennen und schätzen gelernt, und ihn
aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu treten. Wenige
Monate, nachdem Carl August die Regierung übernommen und seine Vermählung
gefeiert hatte, traf Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit
Begeisterung verkündete Wieland dies Ereigniß seinem Freunde Jacobi. Neid
und Mißgunst waren seiner Seele gänzlich fremd. Den jungen Autor, der ihn
durch seine Satyre gekränkt, bald als Liebling und Vertrauten eines
Fürsten zu sehen, dem er bisher näher gestanden, machte ihm keine
unangenehme Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen Aeußerung als
"das größte Genie und als der beste, liebenswürdigste Mensch, den er
bisher gekannt."
Wielands Begeisterung für Goethe kannte keine Grenzen. Die Belege dafür
findet man in mehrern seiner damaligen Briefe. Er war in der frohesten
Stimmung, die auch wohl darin einen wesentlichen Grund haben mochte, daß
in seinen bisherigen Lebensverhältnissen nicht die mindeste Veränderung
eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm der Genuß seines
bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit zugesichert worden. Die Gemahlin
seines Fürsten gab ihm unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die
Herzogin Amalia blieb ihm unveränderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch,
unbekümmert um das Treiben der Welt, sich selbst und seinen Studien zu
leben, sah Wieland erfüllt. "In seinem Schneckenhäuschen, wohin er," wie
er einem Freunde meldete, "sich zurückgezogen," kam er nur mit Wenigen in
Berührung. Wichtig ward jedoch für ihn die persönliche Bekanntschaft
Herders, der als Generalsuperintendent nach Weimar berufen worden war. Den
Eindruck, den Herder auf ihn machte, schilderte ein im October 1776
geschriebener Brief Wielands. "Meine ganze Seele," schrieb er, "ist voll
von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu groß, zu herrlich. Ich fühle,
wie wenig ich ihm seyn kann. Fühlen, einsehen, durchschauen, was er ist,
und ihn lieben, mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann
ich. Aber wie unzulänglich ist das für einen so tief denkenden,
allumfassenden, mächtigen Genius!"
Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland nicht gleichgültig
gegen seine entfernten Freunde. Vorzüglich war es Gleim, dem er alle seine
Freuden und Leiden mittheilte, und ihn gewissermaßen in das Innere seines
Familienkreises führte. Wahrhaft einheimisch fühlte sich Wieland erst in
Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der Stadt gelegenen Garten
gekauft hatte. Dort, in ländlicher Einsamkeit, konnte er ungestört die
Schönheiten der Natur genießen, und sich seinen Betrachtungen hingeben.
Seine ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere Wendung
bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem er eine Schilderung seiner
"neuen Domaine" entwarf, bemerkte er: "Sie müssen sich nichts Vornehmes,
noch Kostbares vorstellen. Bilden Sie sich ein, daß es ungefähr so ein
Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton kaufen will, ein
Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn ein Müsiggänger meiner Art vonnöthen
hat; Bäume genug, um Schatten zu haben, und groß genug, daß meine Mädchen
sich müde darin laufen können. Seitdem die Kirschbäume zu blühen
angefangen haben, bin ich nun den ganzen lieben Tag draußen, und habe es
schon so weit gebracht, daß mir in meinen vier Mauern in der Stadt,
nirgends wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus zu
gehen und im Freien, im Grünen, unter meinen Bäumen, im Angesicht meiner
eignen kleinen Pflanzungen, zu leben und zu wallen, und den unendlichen
Erdgeist einzuziehen, mit dem ich je länger, je mehr Sympathie und
Verwandtschaft fühle."
In einem spätern Briefe vom 7. September 1777 meldete Wieland seiner
Jugendfreundin Sophie la Roche, daß er seit Anfang des Sommers in einem
großen Hause vor der Stadt wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch
mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten
Freiheit und Ruhe. "Dort," schrieb er, "leb' ich fast ganz allein mit mir
selbst und den Meinigen; und wenn mir, um ganz glücklich zu seyn, noch
etwas abgeht, so ist's, daß ich der übrigen Welt nicht so ganz vergessen
darf, als ich wohl gern möchte. Hinten an meinem Hause hab' ich einen
Küchengarten mit Obstbäumen, und ein paar hundert Schritte davon liegt ein
größerer Garten, den ich vor anderthalb Jahren gekauft habe, und worin ich
dieser schönen herbstlichen Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz
unvermuthet schenkt."
In seiner Zurückgezogenheit blieb Wieland fast gänzlich unbekannt mit den
abentheuerlichen und großenteils übertriebnen Gerüchten, die sich damals
über Weimar und das dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene
Freundschaftsverhältniß zwischen einem geistreichen Fürsten und einem
genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt, und war gewissermaßen
das Signal geworden für alle Kraft- und Dranggenie's, nach Weimar zu
wallfahrten. Die wunderlichsten Mährchen verbreiteten sich über Goethe und
dessen Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach Weimar
gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst: "er mache alle Tage
regelmäßig seinen dummen Streich, und wundere sich dann darüber, wie eine
Gans, wenn sie ein Ei gelegt habe." Selbst von Herder ward gefabelt, er
predige in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und reite
unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus.
Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das Gerücht schuld gab,
rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe vom 7. Februar 1776 mit den
Worten: "Ich höre, daß gewisse Leute, die aus verächtlichen Ursachen meine
und Goethe's Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern
auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit in das, was hier
geschieht und nicht geschieht, einmischen, und mich zu einem, ich weiß
nicht ob Actuar oder Soufleur oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomödie
machen, da ich doch, Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloßer Zuschauer
bin -- bereit, mit aller möglichen Bonhomie zu klatschen, wenn gut
gespielt wird, und höchstens die Achseln zuckend, oder ein paar =sacres
bleus= zwischen den Zähnen murmelnd, wenn es dumm geht."
Der Einfluß junger talentvoller Köpfe wirkte aufregend für Wielands
geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen "Unterredungen mit einem
Pfarrer" eine Apologie seiner frühern Schriften niedergelegt hatte. Manche
Pläne entwarf er damals, seinen "deutschen Merkur" gemeinnütziger zu
machen. Nichts, meinte er, würde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen, als
wenn man "mehr Urtheile über Bücher und andere Dinge" hinein brächte. "Den
Leuten," schrieb Wieland, "liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie
über alles Vorkommende denken und sagen sollen." Seltener waren allmälig
die Beiträge geworden, durch welche Goethe, Herder, Jacobi u.A. vor dem
Jahre 1776 sein Journal, dessen Aufnahme ihm sehr am Herzen lag,
unterstützt hatten. Es enthielt mehr Aufsätze von seiner eignen Feder, und
fast alle seine Werke theilte er bruchstückweise zuerst in dem "deutschen
Merkur" mit.
Seine fast ununterbrochene Beschäftigung mit der Literatur der Griechen
und Römer entzog ihn nicht philosophischen und historischen Studien im
weitesten Umfange des Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse
für alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen in seiner
Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem Auge. Er machte sich mit
den neuern Reisebeschreibungen und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt.
Sein reger Geist durchwanderte das große Gebiet der Wissenschaften und
Künste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er reichhaltige
Materialien zu größern und kleinen Aufsätzen für den "deutschen Merkur."
Die meisten jener Aufsätze charakterisirte das Streben, Aufklärung zu
verbreiten zu einer Zeit, wo schwärmerische Köpfe, wie der Pater Gaßner in
Wien, der berüchtigte Graf Cagliostro, Meßmer, Schröpfer u.A. dem
Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, daß man sich des Unglaubens
auf der einen Seite, und des Aberglaubens auf der andern beschuldigte.
Behutsam aber glaubte Wieland zu Werke gehen zu müssen, und nicht zu
verkennen war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er über religiöse
Gegenstände schrieb.
Unter seinen mannigfachen Studien und Beschäftigungen ward er der
Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines Lebens fallen die
poetischen Erzählungen: "Gandelin" oder "Liebe um Liebe"; das "Winter- und
Sommermährchen"; "Pervonte"; der "Vogelfang" oder "die drei Lehren", "Hann
und Gulpenheh" u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden zur romantischen
Poesie. Nach seinen eignen Aeußerungen war er überzeugt, daß sich "dem
Mährchen ein höherer Zweck unterlegen lasse, als bloße Unterhaltung
kleiner und großer Kinder." Bei den meisten der vorhin erwähnten Gedichte
hatte Wieland französische Quellen benutzt, die =Fabliaux= von =Chretien
de Troyes=, die =Lays de l'Oiselet= u.a.m. Aus einer altfranzösischen
Sage, =Huon de Bordeaux= betitelt, schöpfte Wieland auch den Stoff zu
seinem "Oberon", durch den er seinen Dichterruhm für immer begründete.
Für eine eigenthümliche Schönheit des Plans und der Composition seines
Epos hielt Wieland, nach seinem eignen Geständniß, "die Art und Weise, wie
die Geschichte von Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der
Geschichte Hüons und Rezia's eingewebt worden sei." Er schrieb darüber
einem Freunde: "Oberon ist nicht nur aus zwei, sondern, wenn man es genau
nehmen will, aus drei Haupthandlungen zusammengesetzt, nämlich aus dem
Abentheuer, welches Hüon auf Befehl des Kaisers zu bestehen übernommen,
der Geschichte seines Liebesverhältnisses mit Rezia, und der
Wiederaussöhnung der Titania mit Oberon. Aber diese drei Handlungen oder
Fabeln sind dergestalt in Einen Hauptknoten verschlungen, daß keiner ohne
die andern bestehen, oder einen glücklichen Ausgang gewinnen könnte. Ohne
Oberon's Beistand würde Hüon Kaiser Carl's Auftrag unmöglich haben
ausführen können; ohne seine Liebe zu Rezia, und ohne die Hoffnung, welche
Oberon auf die Treue und Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als
Werkzeuge seiner eignen Wiedervereinigung mit Titania gründete, würde
dieser Geisterfürst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen Antheil
an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf wechselseitige
Unentbehrlichkeit gegründeten Verwebung ihres verschiedenen Interesses
entsteht eine Art von Einheit, die meines Erachtens das Verdienst der
Neuheit hat, und deren gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme
an den sämmtlichen handelnden Personen zu stark fühlt, als daß sie ihm
irgend ein Kunstrichter wegdisputiren könnte."