Seine sehr glückliche Ehe zeigte ihm auch seine Amtsverhältnisse, so
bitter er sich auch oft darüber beklagt hatte, in einem minder ungünstigen
Lichte. In einem seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, "sich die
Sache nicht so gar gräßlich vorzustellen." Ueber die Nachmittage, äußerte
Wieland, könne er frei disponiren, und seine Geschäfte gingen ihm leicht
von der Hand. "Dafür bin ich aber auch," fügte er hinzu, "einer der
expeditivsten Leute im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum
geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den nächsten zwanzig
Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch keine Möglichkeit, eins zu
bekommen. In Ermangelung dessen habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch
in einem etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo ich die
angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und, so nahe es meinem Hause
in der Stadt ist, doch völlig auf dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer
meine meisten müssigen Stunden zu, =solus cum sola=, oder ganz allein mit
den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit zu Zeit einige im
Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten Einsiedler unversucht lassen
würden. Ich rieche den lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe
schneiden und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus der
Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern liegen, daß ich leben
soll, so lange und gut ich kann; auf der andern Seite lockt mir ein durch
Gebüsche halb verdeckter Galgen fernher den Wunsch ab, daß ein halb
Dutzend Schurken, die ich ganz trotzig =tète levée= herumgehen sehe, daran
hängen möchten. Ich sehe Mühlen, Dörfer, einzelne Höfe, ein langes
angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen Bäumen hervorragenden Dorfe
mit einem schönen schneeweißen Kirchthurm endet, und über demselben eine
Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht, über der ich
alles, was mir unangenehm seyn kann, vergesse, und, mit diesem Prospect
vor mir, sitze ich an einem kleinen Tisch, und -- reime."
Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte, konnte Wieland
unbesorgt seyn. Durch Pünktlichkeit und unermüdete Berufstreue hatte er
sich die Achtung und das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine
ökonomischen Verhältnisse überhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich
der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu vertauschen. Er
wußte es daher anfangs seinen Freunden wenig Dank, als sie ihm eine andere
Stellung zu verschaffen suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen
Fähigkeiten und Neigungen mehr harmonirte.
Eine flüchtig hingeworfene Aeußerung Wielands, daß er nicht abgeneigt
wäre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden, hatte in dem Churmainzischen
Minister v. Großschlag, der ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee
geweckt, ihn nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang, ob
er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden mit seinen
bisherigen Verhältnissen, fesselten ihn Familienverhältnisse, Eltern und
Schwiegereltern an seine Vaterstadt Biberach. Er fürchtete außerdem von
seiner neuen Lage manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste,
was er zu umgehen wünschte. Magister zu werden, meinte Wieland, werde sich
für ihn um so weniger schicken, da er "die Ehre habe, =Comes Palatii
Caesarei= zu seyn, und vermöge seines Diploms selbst fähig sei, Meister
der freien Künste zu creiren." Manche dieser Hindernisse räumte Wielands
Freund, der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptsächlich
bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war die Vorstellung, daß er
dort die ersehnte Muße zu literarischen Arbeiten zu erlangen hoffte. Das
Schreiben, in welchem ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter
eines Churfürstl. Mainzischen Regierungsraths und einem Gehalt von 600
Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt zugleich die schmeichelhafte
Aeußerung, daß sein Name das Hauptmotiv gewesen wäre, ihn nach Erfurt zu
ziehen. Man sei, hieß es ausdrücklich in jenem Schreiben, "schon
zufrieden, wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes thun,
als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle." Diese Aussicht einer
unbeschränkten literarischen Thätigkeit hatte so viel Lockendes für
Wieland, daß er sich entschloß, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der
Magisterpromotion sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin
erwähnt, dagegen einzuwenden gehabt hatte.
In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschäftigten ihn
mancherlei schriftstellerische Pläne, die er in Erfurt zu realisiren
hoffte. Er wollte unter andern "Briefe über die Literatur" schreiben, und
sie "in kleinen Bändchen in die Welt fliegen lassen." Die Muße, welche ihm
seine Kanzleigeschäfte irgend gönnten, benutzte er zu einer Revision
seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt werden sollten.
Längst zerfallen mit seinem früheren Freunde Bodmer, der sogar
Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte, folgte Wieland, der schönen
Vergangenheit sich dankbar erinnernd, nur den Eingebungen seines Herzens,
als er jene Sammlung "seinen alten und ehrwürdigen Freunden, dem Herrn
Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer" mit einer für beide
sehr schmeichelhaften Dedication widmete.
Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch Hitze, Staub und andere
Unannehmlichkeiten der Reise so gänzlich erschöpft, daß er, seinen eignen
Aeußerungen nach, "einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen großen
Theil ähnlicher sah, als einem der sieben Weisen." Das Schicksal hatte ihn
wieder in die Stadt zurückgeführt, wo er seine philosophischen Studien
begonnen, doch damals durchaus keine Neigung zu einem akademischen Lehramt
in sich verspürt hatte. Außer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt
Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen Theorie der
Dichtkunst, den eben so berühmten als berüchtigten =Dr.= Bahrdt u.A.
Keiner von diesen talentvollen Köpfen hatte damals schon einen so
festbegründeten literarischen Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner
Collegen schon deßhalb beneidet werden mochte. Vorzüglich fühlten sie sich
verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie. Neue
Nahrung erhielt ihre Mißgunst, als Wieland nach einem halben Jahre auch
zum außerordentlichen Beisitzer des =Collegii academici= ernannt ward.
Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschränkte Wieland seinen
Umgang. Mit den übrigen Lehrern der Erfurter Hochschule kam er in wenige
Berührung. Den Freuden des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz für
ihn gehabt, sich in Erfurt fast gänzlich zu entziehen, ward ihm nicht
schwer. Ersatz dafür bot ihm seine freundliche Gartenwohnung im Gasthofe
zum Schwan, hinter dem Schottenkloster. Dies Asyl befriedigte in jeder
Hinsicht seine mäßigen Wünsche. Er fühlte sich glücklich, seiner Familie,
sich selbst und den Musen ungestörter leben zu können, als es seine
Verhältnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt eröffnete er mit
Vorträgen über die Geschichte der Menschheit, nach einem bekannten Werke
von Iselin über diesen Gegenstand. Späterhin hielt er Vorlesungen über die
Geschichte der Philosophie, las über die allgemeine Theorie der schönen
Künste, und erklärte einige Lustspiele des Aristophanes und die Briefe des
Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische Uebersicht der besten
griechischen, lateinischen, italienischen, französischen und englischen
Schriftsteller.
Am liebenswürdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise. In
einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand er, daß er "das
Vergnügen, mit seinen kleinen Kindern zu spielen, allem Vergnügen der Welt
vorziehe." Das meinte er den Grazien zu verdanken, die überhaupt für ihn
"sehr wesentliche Gottheiten" wären. Bei Uebersendung des unter diesem
Namen von ihm verfaßten Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb
Wieland: "Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben meinen
Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch öfter Zufriedenheit mit
meinem Zustande; kurz, sie sind meine Schutzgöttinnen, und ich werde ihnen
bis zum letzten Lebensaugenblicke dienen."
Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der "Diogenes von
Sinope" seyn, dessen "Dialogen" Wieland noch während des Sommers 1770
herausgegeben hatte. Auch ohne Lucians Vorliebe für diesen Sonderling,
mußte schon für Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann
wohl hätte seyn _können_, über den so seltsame und widersprechende
Gerüchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland weniger Cynismus und mehr
ächte Lebensweisheit, als man ihm bisher gewöhnlich zugestanden hatte. Das
kleine Werk, in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische
Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch eine Basis von
Sokratischer Philosophie.
In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand Wieland, daß er
über manche Dinge, die sich auf den moralischen Theil der menschlichen
Natur bezögen, nicht mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n,
die Carl Grandison's und ähnliche Werke nicht liebe, aus dem einzigen
Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wären. "Vielleicht habe ich Unrecht,"
schrieb er; "sollte ich aber Recht haben, so spotte ich doch nicht über
ihre Denkart. Ich halte vielmehr dafür, daß die Verschiedenheit der
Ansichten der Dinge von der Natur herrührt, und ihr nicht weniger gemäß
ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den Temperamenten,
und in allem macht, was damit in Beziehung steht; und wofern die
öffentliche Ruhe und das allgemeine Wohl nicht darunter leidet, behaupte
ich, es müsse erlaubt seyn, daß der Eine für heilig halte, was dem Andern
als sehr profan erscheint; daß der Eine mit _dem_ sein Spiel treibe, was
der Andere für sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w.
So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller, wofür er gelten
wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl gelten konnte, von den Fesseln
zu befreien, die den Flug seines Geistes hemmten, und sich zugleich über
den in seinen Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die
öffentliche Meinung mit der Würde eines Professors der Philosophie für
nicht verträglich zu halten schien. Er äußerte sich darüber mit den
Worten: "Man glaubt hier, die Geistesschwere, gewöhnlich Gravität genannt,
sei eine wesentliche Eigenschaft eines akademischen Lehrers, und man kann
oder will nicht sehen, daß ein Autor, der für das Publikum und für
Menschen von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben darf."
Dieser Aeußerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch seinen Beruf als
Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen zu müssen. Der
Entwurf, eine "Geschichte des menschlichen Geistes" zu schreiben, die er
dem Churfürsten von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgeführt. Aber
Bruchstücke einer solchen Geschichte waren gewissermaßen alle Werke
Wielands, die in den Jahren 1770-1772 entstanden. Das Studium der Natur
des Menschen ward sein angelegentlichstes Geschäft. In den Aufsätzen: "Was
ist Wahrheit?" und "Welchen Zweck hat die Philosophie?" hatte er sich zwei
wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch einzubilden, daß er mit den
kurzen Antworten, die er darauf gab, seinen Gegenstand erschöpft habe.
Seinen "Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen,"
fügte Wieland, gewissermaßen als Ergänzung, einen Aufsatz bei: "Ueber die
Behauptung, daß ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig
sei." Den Contrast zwischen den von Rousseau geäußerten Ideen und der
Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland durch Beispiele noch
anschaulicher machen. Zu diesem Behuf schrieb er außer einem Roman,
"Koxkox oder Kikequetzel" betitelt, die "Reisen und Bekenntnisse des
Priesters Abulfauaris."
Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals auf einen
Monarchen, dar mit mächtiger Hand die Fesseln zerbrechen zu wollen schien,
welche bisher die Geistesfreiheit gelähmt hatten. Durch den Kaiser Joseph
II. waren zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klöster in den
österreichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt des Mönchthums
in mehrfacher Weise beschränkt worden. Damals (1773) schrieb Wieland
seinen Roman: "der goldene Spiegel", den er dem als dramatischen Dichter
nicht unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete. In
einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin Sophie la Roche äußerte
Wieland, daß er in seinem Roman mit einer nicht gewöhnlichen
Unerschrockenheit den Großen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der
ihnen wahrlich nicht schmeichle. "Seyn Sie aber deshalb ohne Furcht",
schrieb er. "Ich fürchte weder Bastille, noch Löwengrube, noch feurigen
Ofen. Hab' ich auch nicht die Ueberzeugung, daß die Fürsten und Minister
mich um meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewiß, daß
sie sich wohl hüten möchten, mir eine böse Miene darüber zu machen."
Ohne seine fast gänzliche Zurückgezogenheit und den anhaltendsten Fleiß
hätte Wieland während seines dreijährigen Aufenthalts in Erfurt so viel
als Schriftsteller nicht leisten können, wie er wirklich leistete.
Ueberdies ward er oft unterbrochen in seinen literarischen Beschäftigungen
theils durch Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung übertrug,
theils durch Aufforderungen zu zweckmäßigen Vorschlägen, wie der Flor der
Universität zu befördern seyn möchte. Unter diesen mannigfachen Geschäften
war er nicht der Sorge überhoben, mit seiner Familie anständig leben zu
können. Sein Gehalt war mäßig, und von seinen Vorlesungen, so zahlreich
sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn. Auch ohne innern Trieb
hätte er zur Feder greifen müssen. Nur von seinem anhaltenden Fleiß, nicht
von der Gnade seines Fürsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen
Aeußerungen, eine Verbesserung seiner Lage.
Einzelne Ausflüge nach Weimar mußten ihm Ersatz bieten für eine größere
Reise, die weder seine beschränkte Zeit, noch seine pecuniären
Verhältnisse erlaubten. Als ihm einst in Weimar Lessings "Emilie Galotti"
in die Hände fiel, begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob
überströmenden Briefe an Lessing. "Es war," äußerte Wieland, "das erste
Schreiben, das ich an diesen großen Mann richtete." Literärische
Bekanntschaften und Verbindungen anzuknüpfen, und zu Verfolgung
schriftstellerischer Zwecke einen Briefwechsel zu unterhalten, fühlte
Wieland kein Bedürfniß. Er hatte schon so viele literärische Pläne wieder
aufgeben müssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszuführen. Der Kreis
von auswärtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel stand, war daher
sehr beschränkt. Er schrieb an wenige, meistens nur an solche, die sich
zuerst an ihn gewendet hatten. In ein engeres Freundschaftsverhältniß war
er mit Gleim und Jacobi getreten. "Beide," schrieb Wieland an Sophie la
Roche, "gehören zu der kleinen Zahl der schönen Geister, die eine zu
schöne Seele haben, um des Neides und der Eifersucht fähig zu seyn, und
Sie wissen, daß solche zu den weißen Raben gehören." Zu dem Dichter Jacobi
fühlte sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen.
Er pflegte ihn seinen _eigenen_ Dichter zu nennen, und freute sich
herzlich über seines Freundes Streben, in der Poesie das Ideal von
Vollkommenheit zu erreichen, das vor seiner Seele schwebte.
In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im März 1771 in
Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen Besuch machte, hat
sich eine Schilderung von Wielands Aeußeren und seiner Persönlichkeit in
jener Periode seines Lebens erhalten. "Beim ersten Anblick," schrieb
Jacobi, "schien mir seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen
sind klein und etwas trüb, und die Menge von Blatternarben, womit seine
Haut überdeckt ist, machen, daß seine Züge nicht genug hervorstechen, um
sich gehörig auszeichnen zu können. Nichts desto weniger drückt sich in
seiner ganzen Gebehrde das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner
Empfindungsart auf eine außerordentliche und eigentümliche Weise aus. Wenn
er stark gerührt ist, geräth sein ganzer Körper, doch auf eine fast
unmerkliche Weise, in Bewegung; seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen
werden heller und glänzender; sein Mund öffnet sich etwas; und so bleibt
er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen, oder
seinem Freunde die Hand gedrückt hat. Dieser Ausdruck in Wielands Person
ist so fein, daß er den Meisten unbemerkt bleiben muß; ich aber bin davon
mehr als einmal bis auf das Mark erschüttert worden. Wieland geht schnell
von einem Vorwurf zum andern über, weil er in einem Nu eine Reihe von
Gedanken oder eine Situation durchschaut und empfunden hat. Bei ihm würde
es Zeitverderbniß seyn, wenn er länger dabei verweilte." Zu den
Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, "Wielands Charakter eben so
liebens- und verehrungswürdig machten, als sein Genie," rechnete Jacobi
"die natürliche, schöne und männliche Empfindsamkeit seiner Seele; die
unzerstörtere Güte seines Herzens; seine warme, uneigennützige, zu Neid
und Eifersucht ihn ganz unfähig machende Liebe des Wahren und Schönen;
seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche Aufrichtigkeit."
So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward keine von den
Bekanntschaften, welche Wieland während eines damaligen Aufenthalts in
Leipzig anknüpfte, wohin er auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an
die er sich näher anschloß, gehörten Weiße und Garve, beide Gellerts
Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber zu nicht geringem
Verdruß hören mußte, wie Jung und Alt sich bemühte, den gefeierten Dichter
durch matte Lobgesänge zu verherrlichen. "Es war," schrieb Wieland, "ein
entsetzliches Gesinge, Geplärre, Geseufze und Geheul." Weiße's
liebenswürdiger Charakter zog ihn an. Er gehörte zu denen, meinte Wieland,
mit denen er sein Leben zubringen möchte. In Garve verehrte er den
Philosophen und scharfsinnigen Denker. Nur in geringe Berührung kam er mit
Clodius, der ihn durch sein Talent für den gefälligen Umgang mehr
interessirte, als durch seine Geistesvorzüge. Eine gewisse
Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der Winklerschen
Gemäldegallerie kennen gelernt hatte. In einem seiner damaligen Briefe
gestand Wieland: "Unter allen Männern, deren Bekanntschaft ich in Leipzig
gemacht, ist Oeser der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden
habe, eine schöne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit
von außen, die sich an dem wahren Genie findet."
Entscheidend für Wielands späteres Leben ward ein Ausflug nach Weimar.
Durch die dort angeknüpfte Bekanntschaft mit dem Grafen v. Görz hatte er
das Glück, der verwittweten Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar
vorgestellt zu werden. Seine Persönlichkeit und geistreiche Unterhaltung,
verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm voranging, machten den
günstigsten Eindruck auf jene, den Musen befreundete Fürstin. Die Herzogin
Amalia übertrug ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen
Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland Aussichten gehabt,
nach Wien gerufen zu werden. Seine Hoffnung gründete sich auf das ziemlich
allgemein verbreitete Gerücht: Joseph II. beabsichtige, die vorzüglichsten
Geister der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs zu
vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab Wieland auch da noch
nicht ganz auf, als er bereits die Stelle eines Instructors des Erbprinzen
von Sachsen-Weimar angenommen hatte. "Ich stehe nun," schrieb er, "in
meinem vierzigsten Jahre, und wenn die Göttin Fortuna etwas für mich thun
will, so ist's hohe Zeit; =en attendant=, und weil ich dieser Humoristin
nicht sonderlich traue, bemühe ich mich, =ne ipse desim mihi=."
Die neuen Verhältnisse, in die er zu treten im Begriffe stand, überhoben
ihn nicht gänzlich der Sorge für die Zukunft, oder eigentlicher gesagt,
für seine Familie. Ihre Lage war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch
die lebenslängliche Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden
war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen seyn würde. Bis zu
diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September 1775 herannahte, bezog er einen
Jahrgehalt von 1000 Thlrn. Seine Einkünfte hatten sich nur für wenige
Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher sah er jedoch
einen früh gehegten Lieblingswunsch erfüllt, mit dem er sich schon während
seines Aufenthalts in der Schweiz oft lebhaft beschäftigt hatte.
Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, keinen Geschmack
abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es ihm anlegte, seinem eignen
Geständniß nach, nichts weniger als drückend waren. Etwas Erfreuliches
hatte für ihn aber doch die Nähe einer durch Geist und Herz
ausgezeichneten Fürstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie für
alles Große und Schöne, für Wissenschaft und Kunst im weitesten Sinne des
Worts, empfänglich machte. Darum versammelte sie gern einen Kreis
feingebildeter Männer und Frauen um sich, und jedes Talent konnte sich in
ihrer Nähe um so freier entwickeln, da Humanität und Herablassung zu den
Hauptzügen ihres Charakters gehörten, wodurch sie sich allgemeine Liebe
und Verehrung erwarb. An seinen fürstlichen Zögling, den Erbprinzen Carl
August, der durch treffliche Anlagen und liebenswürdige Eigenschaften zu
den schönsten Hoffnungen berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band
wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknüpft. Das Interesse für das
Wahre, Gute und Schöne in seinem fürstlichen Zögling zu wecken und zu
nähren, war die Hauptaufgabe, die sich Wieland bei seinem Unterricht
stellte. Ein Zeugniß davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen
durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, "die Wahl des
Herkules" betitelt, feierte.
Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward genährt durch die
Seylersche Schauspielergesellschaft, deren Mitglieder, zu denen der
berühmte Eckhof gehörte, damals Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich
noch keine stehende Bühne befand. Weder den Dramen, noch den komischen
Operetten, meistens französischen Mustern nachgebildet, konnte Wieland
eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen Producten auch nicht
geradezu allen Werth absprach. Eine größere Wirkung hoffte er von der
bisher gänzlich vernachlässigten ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn
dieser Gegenstand beschäftigt und ihm manche Erklärungen abgenöthigt, seit
er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders dessen "Elysium" gelesen
hatte.
Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes Singspiel "Aurora"
fand, als es, von Schweizer componirt, aufgeführt ward, ermuthigte ihn zu
einem größern musikalisch-dramatischen Versuche. So entstand Wielands Oper
"Alceste," die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgeführt ward. Gleichzeitig
schrieb er seinen "Versuch über das Singspiel." Wielands Freude über die
günstige Aufnahme seiner "Alceste" ward vermehrt, als der berühmte Gluck
ihn aufforderte, für ihn eine ähnliche Oper zu schreiben.