"Hier gehen meine Talente für das Publikum verloren," klagte Wieland in

einem Briefe an Zimmermann. "Unter solchen Zerstreuungen, bei einem

solchen Amte, ohne Aufmunterung, was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit

und Gemüthsruhe und Muth genug hätte, etwas zu unternehmen, so verbietet

mir der einzige Umstand, daß wir keine Bibliotheken haben, alle

Unternehmungen von Wichtigkeit. Ich bin genöthigt, immer aus mir selbst

herauszuspinnen. Es sind schon viele Jahre her, daß ich mit einer

philosophischen Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe. Die

Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausführen würde, dürfte es zu einem

nützlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen Buche machen. Ohne

eine Bibliothek von den vollständigsten und kostbarsten Büchern zur Hand

zu haben, ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht Schade

seyn, daß es nur darum unterbleiben soll, weil ich zu Biberach und nicht

in Berlin oder an einem andern Orte bin, wo eine öffentliche

Büchersammlung mir die Folianten und Quartanten darbietet, die man bei

einer solchen Arbeit alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?"

Unter solchen Umständen blieb ihm kein Trost, als zu seinen trocknen und

verdrießlichen Amtsarbeiten wieder zurückzukehren. Er unterzog sich diesen

Arbeiten mit einer seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine

andere Folge für ihn hatte, als daß seine erprobte Thätigkeit noch mehr

und fast übermäßig in Anspruch genommen ward. Oft fand ihn die Mitternacht

noch an seinem Schreibtisch, wo er den Concipienten und den Copisten in

Einer Person vorstellen mußte, als sich die Arbeiten häuften. Dies war

vorzüglich 1764 der Fall, wo der früher erwähnte Proceß durch zwei

kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach gekommen waren,

gütlich ausgeglichen ward.

Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie Bondeli hatte Wieland

aufgegeben. Beide schienen sich in dem, was sie eigentlich für einander

fühlten, getäuscht zu haben. In ihrem Verhältnisse war eine Spannung

eingetreten, welche Juliens Eifersucht veranlaßt, und Wielands Reizbarkeit

bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, daß ein völliger Bruch fast

unvermeidlich schien. In einem Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich

Wieland gegen allerlei Beschuldigungen, die, wie er äußerte, "nur durch

Niedrigkeit und Bosheit ihm hätten angedichtet werden können." Ungeachtet

mancher sehr leidenschaftlicher Aeußerungen, die ihm sein Unmuth über

Juliens Benehmen eingab, blickte doch auch wieder das Gefühl noch nicht

ganz erloschener Zärtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor.

Entschlossen äußerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens: "Ich werde

allein bleiben, und so lange es Gott gefällt, ein Leben fortschleppen, das

bei einer ununterbrochenen Folge von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung

eines wahren Vergnügens, kurz genug seyn wird."

Eine ruhige Ueberlegung mußte ihm sagen, daß es ein bedenklicher Schritt

sei, in seiner damaligen Lage sich zu verheirathen. Ungeschwächt erhielt

sich jedoch Zeitlebens ein herzliches Freundschaftsverhältniß zwischen

Wieland und Julie Bondeli. "Den Beweis einer höhern für ihn sorgenden

Vorsehung" glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeußerung, in dem

Zusammentreffen mannigfacher Umstände zu finden, die für sein

Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine Stunde von Biberach

entfernten Marktflecken Warthausen lernte Wieland den Grafen von Stadion

kennen, in dessen nächster Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la

Roche, den Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von zehn

Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige Braut, die ihm

nun mit der innigsten herzlichsten Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher

Empfang ward ihm auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig

gebildeten Manne, der sich in seinen "Briefen über das Mönchswesen", auch

als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt hatte.

Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, daß er in mehreren Briefen

unpartheiisch die Verdienste eines Mannes anerkannte, der ihm seine

Geliebte entrissen hatte.

Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten war, gehörten,

außer den bereits genannten Personen, des Grafen Stadion älteste Tochter,

eine Gräfin v. Schall und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr

wohl fühlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er durchaus keine

angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen eilte, um dort einige Tage

zuzubringen. Für Geist und Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle

Befriedigung. Fleißig benutzte er die an literarischen Schätzen reiche

Bibliothek des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich mit dieser

Büchersammlung beschäftigt, so unternahm er einen Spaziergang durch die

reizende Umgegend, bis ihn die Tafel zu einem köstlichen Mahle einlud.

Lesen und Gespräche der verschiedensten Art verkürzten ihm den übrigen

Theil des Tages, welchen Abends gewöhnlich eine musikalische Unterhaltung

beschloß.

Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war die Erweiterung seiner

Welt- und Menschenkenntniß, die durch sein zurückgezogenes Leben in

Biberach, wo er den größten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt

war, nicht sonderlich hatte gefördert werden können. Der feine Weltton

trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Männern und liebenswürdigen

Frauen überall entgegen, zu einer Zeit, wo er in das praktische Leben

eingetreten und zu der Ueberzeugung gekommen war, daß er, von den Träumen

seiner Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders gedacht, als

er sie jetzt fand.

Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine Jugendgeliebte, die

sich noch immer den frühern Platz in seinem Herzen bewahrt zu haben

schien. Reizbar und für Liebe empfänglich, mochte es ihm manchen Kampf

kosten, das äußerst zarte Verhältniß zu Sophien in der Reinheit zu

bewahren, wie es sich, glaubwürdigen Zeugnissen zufolge, fortwährend

erhielt. Wieland war sogar fähig, mit seiner Liebe und über sie zu

scherzen, was er unter andern in einem Briefe that, in welchem er mit der

feinsten, gegen sich selbst gerichteten Ironie, Sophien eine Art von

Liebeserklärung machte. In einem freundschaftlichen Verhältnisse stand er

mit ihrem Gatten, der sich, ohne die merkwürdige Veränderung, die in

Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so innig an ihn

angeschlossen haben würde. In einem damaligen Briefe gestand Wieland, daß

er nichts von dem mehr sei, was er gewesen, "weder Enthusiast, noch

Hexametrist, noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit sei er

von alle dem zurückgekommen, und befände sich ganz natürlich auf dem

Punkte, von dem er vor zehn Jahren ausgegangen."

An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darüber: "Was am meisten dazu

beigetragen hat, diese Verwandlung, oder, wenn Sie wollen, diese

Herstellung meiner ursprünglichen Gestalt, woraus die Magie des

Enthusiasmus mich verdrängt hatte, zu bewirken, das war hauptsächlich die

Unzahl von Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rückkehr in

mein Vaterland verfolgte. Da fühlte ich das Nichts all' der großen Worte,

all' der glänzenden Phantome, die in einer süßen Einsamkeit oder an der

Seite einer Gyon oder Rowe so verführerische Reize haben für ein

empfindsames Herz, wie das meinige, und für eine Einbildungskraft, die um

so thätiger war, da sie mich für alles, was den Sinnen abging,

entschädigen mußte."

Zu einer heitern und ruhigen Gemüthsstimmung konnte gleichwohl Wieland

noch immer nicht gelangen, seit er, wie er sich in einem seiner Briefe

darüber ausdrückte, "aus den Wolken auf die Erde herabgestiegen" oder mit

andern Worten seine idealen Träume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht

hatte. Seine Lage, seine Geschäfte waren geeignet, seinen Unmuth zu nähren

und zu steigern. Vergebens suchte er Trost in dem Studium der Philosophie,

das ihn damals ernsthaft beschäftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen

Schöpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung den höchsten

Grad erreicht zu haben schien, den Plan zu seinem Roman "Agathon." Die

Vollendung dieses Werks erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung

gelangte, daß die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelähmt wäre,

als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman hatte ihm der "Ion"

des Euripides gegeben. Aber Wieland hatte in seinem Helden sich selbst

geschildert, nicht blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen

und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher in einem seiner

Briefe behaupten: "Agathon sei eine wirkliche Person, die er vor allen am

genauesten kenne." Nur die Nebenumstände hatte er erfunden. Agathon's

Seelengeschichte war im Wesentlichen Wielands eigene, und eine der

treuesten Selbstschilderungen.

Noch ehe die vier Theile des "Agathon" vollständig erschienen, hatte

Wieland einen andern Roman, den "Don Sylvio von Rosalva" herausgegeben.

Nach seinem eignen Geständnisse war die Beschäftigung mit diesem

satyrischen Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu einer

Zeit, wo Mißgeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen von allen

Seiten auf ihn eingedrungen waren. Durch die Schilderung ergötzlicher

Thorheiten suchte Wieland das Gefühl seiner Uebel zu mildern und

abzustumpfen. Cervantes war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das

wiederholte Lesen des "Don Quixote" kam ihm die Idee, nach jenem Muster

die herrschenden Modethorheiten zu verspotten, und besonders dem

Aberglauben einen tödtlichen Stoß zu versetzen.

Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die von ihm unternommene

Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien in den Jahren 1762-1768 zu Zürich

in acht Octavbänden. Schon während seines dortigen Aufenthalts hatte

Wieland den großen brittischen Dichter näher kennen gelernt. Die

Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm die Hülfsmittel dar,

jenen Dichter auch in Deutschland, wo man ihn bisher noch wenig kannte,

durch eine Uebersetzung einzuführen. Es war ein kühnes Unternehmen, dessen

Wichtigkeit er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach seinen

Aeußerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung "jene Arbeit mitten

unter allen Arten von Geschäften und Zerstreuungen fortsetzen zu können

glaubte." Für Wielands Geist war diese Beschäftigung von dem günstigsten

Einfluß. Mit gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den großen Britten

geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen Poesie. In

Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund zu finden, weshalb dieser

Schriftsteller, ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmack seit der Zeit, in

der er lebte, sich wesentlich verändert, doch noch immer unter seinen

Landsleuten den Reiz der Neuheit behalten habe und für sie noch immer weit

anziehender sei, "als alle neuern Schriftsteller, die nach französischen

Modellen gearbeitet hätten."

Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe für das

Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen andern englischen Autor. Es

war Sterne oder Yorik, wie er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften

nannte. Fast noch von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als

von dem unter dem Titel: "Tristram Shandy's Leben und Meinungen" damals

erschienenen Roman jenes Schriftstellers. Noch in spätern Jahren war

Wieland unerschöpflich im Lobe jenes Werks.

Seine äußern Lebensverhältnisse hatten sich allmälig günstiger gestaltet.

1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector ernannt worden. Mannigfachen

Verdrießlichkeiten und lästigen Arbeiten überhoben, schien seine Existenz

im Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als früher. Wie er sein Verhältniß

als Stadtschreiber in Biberach betrachtete, schilderte er in einem Briefe

an den Buchhändler Geßner in Zürich, dem er zugleich meldete, daß er nicht

abgeneigt sei, sich nächstens zu verheirathen.

"Ich habe nun," schrieb Wieland, "auf all' mein Lebelang ein zwar ziemlich

mühseliges, aber doch einträgliches und honorables Amt -- ein Umstand, der

allezeit die Basis von meiner Ruhe ausmacht, und mich über die

niederschlagenden Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den

Bedürfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein Weib, und da ich

durch den Tod meines Bruders die Ehre habe, der Einzige von meiner Familie

zu seyn, so werde ich von meinen lieben alten Eltern über diesen Punkt so

sehr in die Enge getrieben, daß ich bald genöthigt seyn werde, in die

ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet sich keine für mich,

denn ich sollte eine hübsche, gescheidte, muntere, und wo möglich eine

reiche Frau haben, und die drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes

halber, ein Recht an mich haben könnten, sind nicht für mich. Ich wollte,

daß sich in den dreizehn hochlöblichen Kantonen ein artiges Mädchen fände,

das so viel christliche Liebe hätte, einen ehrlichen Biberachschen

Kanzleidirector, der ganz hübsche Verse macht, von seinem Amt ungefähr

tausend Gulden Einkünfte und die zärtlichste Seele von der Welt hat,

glücklich zu machen. Wenn Sie ein solches Mädchen wissen, lieber Freund,

so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schön."

Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermählung. "Ich habe," schrieb

er, "ein Weib genommen, oder eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es

ist ein kleines, wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswürdiges

Geschöpf, das ich mir, ich weiß selbst nicht recht wie, von meinen Eltern

und guten Freunden habe beilegen lassen." Wieland berichtete zugleich:

seine Frau stamme aus einem Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen

Jakob Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt nicht unbekannt

sei." "Meine Frau," schrieb Wieland, "hat wenig oder nichts von

schimmernden Eigenschaften, auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlässe

gehabt habe, ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen

habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewählt für mein Herz, und meinen

Wünschen gleich -- ein unschuldiges, von der Welt unangetastetes, sanftes,

fröhliches, gefälliges Geschöpf, nicht so gar hübsch, aber doch hübsch

genug für einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau für sich selbst hat --

eine Prätension, welche man bei den großen Schönheiten vergebens macht."

Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glücklich sich Wieland

nach seiner Verheirathung fühlte. Sehr richtig hatte er sich beurtheilt,

als er meinte: "wenn er sich nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht

gesetzt haben, so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals

einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts dabei

verlieren." Durch manche lästige Amtsarbeiten ward ihm die Poesie

verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter Liebe wieder zu ihr zurück.

Mehrere seiner damaligen literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem

Rathhause, in der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lästigsten

und trockensten Amtsgeschäfte. Die Fruchtbarkeit seines Geistes war nie

größer gewesen, als in dieser Periode seines Lebens. Außer der Vollendung

des "Agathon" schrieb Wieland damals seine "Komischen Erzählungen" (das

Urtheil des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und Cephalus). 1768

erschien sein Gedicht "Musarion", zwei Jahre später "Idris und Zenide";

hierauf die erste Hälfte des "Neuen Amadis" und ein Theil des Gedichts:

"die Grazien." In einem Briefe an Geßner gestand Wieland: "der poetische

Taumelgeist habe ihn so mächtig ergriffen, daß er seine Mußestunden nicht

besser auszufüllen wisse, als mit Reimen."

Zu manchen poetischen Entwürfen, mit denen sich Wieland beschäftigte,

gehörte die bald wieder aufgegebene Idee, Alexander den Großen zum Helden

eines epischen Gedichts zu wählen. Länger verweilte er bei dem Entwurf

eines Gedichts, welches unter dem Titel "Psyche" die reinste Blüthe der

wahren Philosophie und zugleich eine "kritische Naturgeschichte unsrer

Seele" enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten Vorwurf, in mehreren

seiner Gedichte einen zu muthwilligen, sarkastischen Ton angestimmt zu

haben, suchte sich Wieland zu rechtfertigen. "Ich gestehe", schrieb er,

"die Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges

Talent dafür zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefährliches Talent;

zum Glück aber hat mich die Natur mit einem guten und redlichen Herzen

begabt. Mein Menschenhaß ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die

Menschheit und die Menschen, und wenn ich auch über die Gebrechen der

Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte, so geschieht's in der

Regel freundlich und in der Absicht, ihnen scherzend heilsame Wahrheiten

zu sagen, die man zuweilen geradezu nicht zu sagen pflegt."

Große Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland den Platonismus in der

Liebe, dem er früher gehuldigt hatte, mit allen Waffen des Witzes

bekämpfte. Die Stimme der öffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz

seiner Schriften, weil sie ein Gift enthielten, das, je süßer, um so

gefährlicher sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mißbrauch seiner großen

und seltenen Talente, und ging selbst so weit, ihn als einen Dichter zu

bezeichnen, der die Liebe von der Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden

scheine. Wieland's "Agathon" war in Zürich verboten worden. Für den "Don

Sylvio von Rosalva" hatte er in Ulm einen Verleger suchen müssen. Am

härtesten lauteten die ziemlich übereinstimmenden Urtheile über Wielands

"Komische Erzählungen."

Fast noch schmerzlicher, als die öffentliche Mißbilligung seiner

Schriften, war für Wieland der Gedanke, in der guten Meinung seiner

Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst so warm der Tugend und Religion

das Wort geredet hatte, schien jetzt ein Epikuräer und Skeptiker. Von dem

Dichter schloß man zurück auf den Menschen. Seine wärmsten Freunde, unter

andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen Gerüchten, die sich über

Wielands sittlichen Wandel verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen.

In einem Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die ihn

getroffenen Beschuldigungen. "Ich war", schrieb er, "ehemals Enthusiast in

Ansehung der Religion, der Metaphysik und Moral, und ich war es ganz

aufrichtig. So war damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von

hunderttausend physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun aber auch

in Einem Sinne aufgehört, Enthusiast zu seyn, so bin ich doch nicht

weniger ein Freund der Wahrheit, und finde die Tugend nicht weniger

liebenswürdig, wenn ich gleich nicht mehr an die Präexistenz der Seele

glaube, und beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flügeln von Gold und

Azur nicht mehr verzückt werde. Solche erkünstelte Speculationen sind

nichts als Stelzen, auf denen die menschliche Eitelkeit gern

einherschreitet, angenehme Hirngespinste, woran wollüstige Seelen sich

ergötzen. Ich mußte entweder meinen Platonismus reformiren, oder eine

Einsiedelei in Tyrol aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir

einen Wahn nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's

Gleichgewicht. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß ich stets, selbst bei

meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet habe. Für ein

Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten. Man wird finden, daß mein Geist

zwar zuweilen thöricht, mein Herz aber immer gut war. Man hält mich für

einen Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit ist, daß

ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhältnissen mit zwei oder drei

Damen stehe, die nicht ihrer Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen,

Achtung verdienen, und daß ich einige flüchtige Neigungen für junge

Personen gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich weiß nicht warum. Alle

meine Liebschaften -- und ich habe deren seit meinem siebzehnten Jahre

wenigstens ein volles Dutzend gehabt, -- haben mir große Pein verursacht.

Sie waren alle von der Art, die man =passions= nennt; alle meine Geliebten

waren Göttinnen, die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die

platonische Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich mich nicht

mehr fähig fühle. Vergesse man doch endlich diese moralischen

Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste und strenge Personen

verwundern, mich als den Verfasser meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich

zu beklagen; sie können mich schelten, aber sie sollen nicht so weit

gehen, deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von meinem

Charakter."

Mit dem innern Bewußtsein der moralischen Reinheit seiner Gefühle mußte

sich Wieland trösten, als ihn der grundlose Verdacht traf, der Unmäßigkeit

und Wollust ergeben zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe

verdächtig geworden, so konnte er doch für keinen Epikuräer im schlimmsten

Sinne des Worts gelten. Daß er in seinen neuen poetischen Werken der

Sinnlichkeit das Wort zu reden schien, war ein bloßes Spiel seiner

Phantasie. Er dachte sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten

Schilderungen, die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschäften Trost

und Erheitrung gewährten. Keinen unwesentlichen Antheil an der

Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl seiner Lectüre.

Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders Sterne, waren seine

Lieblingsschriftsteller.

An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fühlte Wieland sich sehr

glücklich, obgleich sie, seinem eignen Geständniß nach, keine "Musarion"

war. In einem Raum von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in

der Liebe gemacht, daß er sie wohl im Stillen einer Musterung für werth

hielt. Schon in früherer Zeit hatte Wieland den Plan entworfen, eine

"philosophische Geschichte der Liebe" zu schreiben. Dieser Plan blieb

unausgeführt; aber er bot ihm den Stoff zu seinem Gedicht "Idris und

Zenide," in welchem er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe

gegen einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene

Charaktere in eigentümlichen Situationen sich entwickeln zu lassen. Im

Wesentlichen unverändert kehrte die Idee, die dem erwähnten Gedicht

Wielands zu Grunde lag, in seinem "Neuen Amadis" wieder, mit dem er sich

gleichzeitig beschäftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild. Den

Sieg der Natur über die Schwärmerei, der Wahrheit über die Heuchelei zu

verherrlichen, war nach Wielands eignen Worten die Aufgabe, die er sich

bei seinem "Neuen Amadis" stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem

Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen "Grazien." Nach

seinen eignen Aeußerungen wollte er in diesem Gedicht "den Uebergang des

Menschen aus dem Naturstande zur Stufe einer verfeinerten Bildung"

schildern.

Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum machten, erfuhr

Niemand weniger, als Wieland selbst. Aus den öffentlichen Kritiken, die

oft parteiisch und befangen waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen

lernen. Es lag aber auch in seinen Verhältnissen, daß er überhaupt mit dem

Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit brachte er in der

Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem Actentisch zu, ohne am Abend

eine andere Gesellschaft zu finden, als an einem Kartentisch oder in

häuslichen Cirkeln, wo er seine Literaturkenntniß eben nicht sonderlich

erweitern konnte. Durch Gewohnheit fühlte er sich nicht unbehaglich in

diesem einförmigen Lebenskreise, und aus seiner scheinbaren Verstimmung

blickte oft ein unverwüstlicher Humor hervor. "Wenn ich," schrieb er,

"auch zuweilen schwermüthig werde, und mit dem Strumpfband in der Hand

mich nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne ich mich

doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus wird -- ein überzeugender

Beweis, daß ich noch etwas in meinem Zustande finde, das der Versuchung,

mich aufzuhängen, wenigstens das Gleichgewicht hält."

Chr. M. Wieland's Biographie · 第 2 / 10 段