Genußreiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben in Zür

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BIOGRAPHIEN

DEUTSCHER CLASSIKER.

SUPPLEMENT

zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe

"DEUTSCHER CLASSIKER."

Drittes Bändchen.

CHR. M. WIELAND.

Jena,

Verlag von Carl Doebereiner.

1853.

CHR. M. WIELAND'S

Biographie

von

=Dr.= H. DOERING.

Complet in Einem Bändchen.

Jena,

Verlag von Carl Doebereiner.

1853.

WIELAND'S LEBEN.

_Christoph Martin Wieland_ erblickte in dem unfern der ehemaligen freien

Reichsstadt Biberach gelegenen Dorfe Ober-Holzheim am 5. September 1733

das Licht der Welt. Sein Vater, _Matthias_, der dort eine Pfarrstelle

bekleidete, doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche zu

Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der er sich anfangs gewidmet,

später in Halle mit dem Studium der Theologie vertauscht. Er war ein

eifriger Anhänger Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus

geworden. Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer eine gewisse

Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er von der priesterlichen Würde

für unzertrennlich hielt. Seine Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in

seinen beschränkten Verhältnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe

seiner Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebüßt. Mit

gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin, eine geborne _Kieke_,

die mannigfachen Entbehrungen, die ihres Mannes Lage zu fordern schien.

Sie war eine stille, anspruchslose Hausfrau, die jede überflüssige Ausgabe

zu vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem Sohne, und diese

Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch ein Bruder geboren ward, der

schon früh an Engbrüstigkeit litt, und bereits im Jünglingsalter starb.

Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in spätern Jahren erzählte, seine

große Liebe zur Reinlichkeit. Als ihm einst der Dreier, wofür er sich beim

Gange in die Schule sein Frühstück kaufen sollte, zufällig aus der Hand

fiel, konnte er sich nicht entschließen, die sehr beschmutzte Kupfermünze

wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu betreten. Ein

gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen Spielen nie ganz

verließ, blieb ihm in seinen Knabenjahren eigen. Von Natur war er

schwächlich. Aber bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten

Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen in

reger Wißbegier, schneller Auffassungsgabe und einem trefflichen

Gedächtniß. Er war noch sehr jung, als er, außer einer gründlichen

Kenntniß des Lateinischen und Griechischen, auch in der Mathematik, Logik

und Geschichte bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen

Phantasie verband er Wärme und Innigkeit des Gefühls. Durch seine

Gemüthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel seines Vaters neigte er

sich früh zur religiösen Schwärmerei. Verändert ward diese Geistesrichtung

durch das mit großem Eifer von ihm betriebene Studium der römischen und

griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden im Cornelius

Nepos begeisterten ihn.

Lebhaft regte sich seit seinem zwölften Jahre Wielands Gefühl für Poesie,

noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen hatte, die späterhin seine treuen

Begleiter auf einsamen Spaziergängen wurden. Seine ersten poetischen

Versuche waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild bei einem

Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung von beinahe 600 Versen gab.

Nicht viel kürzer war ein anderes Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die

bekannte Fabel von den Pygmäen den Stoff bot. Dies Gedicht war eigentlich

eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors an der Schule zu

Biberach. In deutschen Versen wählte sich Wieland den durch sein

"Irdisches Vergnügen in Gott" gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von

Gottsched, dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte ihn

sein sehr feines Gefühl für das wahre Schöne.

Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb Brockes Wielands Vorbild

in mehreren Cantaten und andern religiösen Dichtungen, die er zwischen

seinem zwölften und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und

Ballette fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung für die Poesie hatte

jedoch mit manchen Hindernissen zu kämpfen. Das vaterliche Verbot, mit

irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen Gegenständen sich zu

beschäftigen, nöthigte ihn, früh aufzustehen, und die Morgenstunden zu

seinen poetischen Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen

Versuche, ein Epos, "die Zerstörung Jerusalems" betitelt, nicht

ausgenommen, genügte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte Wieland die

meisten seiner poetischen Versuche, und auch die wenigen, die seine Mutter

gerettet hatte, traf späterhin ein gleiches Schicksal.

Wielands Gefühl für die Schönheiten der Natur ward früh geweckt durch die

anmuthigen Umgebungen der Stadt Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb

ein vorherrschender Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos

einen großen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht in dem an

der väterlichen Wohnung gelegenen Garten zu. In froher Erinnerung an seine

Jugendzeit dichtete er später (1780) in seinem "Oberon" die Verse: "Du

kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste

Lust empfand" u.s.w. In einem spätern Briefe an einen Freund gestand

Wieland, daß sein Jugendleben in einer anmuthigen Gegend großen Einfluß

auf seine Bildung gehabt habe.

Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn sein Vater nach der

bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt Klosterbergen sandte. Unter dem Abt

Steinmetz, dem damaligen Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen

Hinneigung zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiöser Schwärmer

zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in Klosterbergen neue Nahrung.

Heilsam war ihm daher das mit besonderem Eifer betriebene Studium der

neuern Sprachen. Im Französischen machte Wieland, ungeachtet eines sehr

mittelmäßigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war er im Stande, ohne

Hülfe eines Wörterbuchs, mehrere französische Schriftsteller zu lesen.

Fontenelle, d'Argens und Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der

Letztere durch seinen Spott über religiöse Gegenstände Wielands Gefühl

empörte. Er war durch diese Lectüre allmälig ein Skeptiker geworden. In

einem philosophischen Aufsatze suchte er zu beweisen, daß das Universum,

ohne einen Gott, aus ewigen Elementen sich habe bilden können. Die harten

Vorwürfe, die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen,

konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben einigermaßen

mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an wegen seiner Zweifel an der

Existenz Gottes. In schlaflosen Nächten rang er sich die Hände fast wund,

und vergoß bittere Thränen der Reue. Er war an seinem Glauben irre

geworden, und fürchtete die Ewigkeit der Höllenstrafen.

Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich wieder den

classischen Studien zuwandte. Während seines zweijährigen Aufenthalts

hatte er den Livius, Terenz, Horaz, Virgil und andere römische Autoren für

sich gelesen. Auch einige griechische Schriftsteller wählte er zu seiner

Lectüre. Den größten Einfluß auf seine Denk- und Sinnesart gewann

Xenophon. In spätern Jahren erzählte Wieland, wie er sich damals an der

Cyropädie nicht habe satt lesen können. Besonders gefiel ihm die Episode

von "Araspes und Panthea," die er späterhin zum Stoff einer Dichtung

wählte. Die "Denkwürdigkeiten des Sokrates" galten ihm, nach seinem eignen

Ausdruck, für "das Evangelium der Welterlösung." Eine ähnliche Richtung,

wie sie Xenophon verfolgte, fand Wieland in dem =Spectator=, =Tatler=,

=Guardian= und andern englischen Journalen, die ihm damals zufällig in die

Hände geriethen.

Philosophische Studien, die er schon früh lieb gewonnen hatte, behielten

noch immer einen lebhaften Reiz für ihn. Unter den Alten war Cicero sein

Liebling. Das ernste Studium von Wolfs Schriften und von Bayle's

historisch-kritischem Wörterbuche vollendete Wielands philosophische

Bildung. In spätern Jahren gestand er, daß er "durch eine poetische

Manier, in den metaphysischen =terris incognitis= herum zu vagiren,"

damals von einem System zum andern übergesprungen sei. Von diesem

Schwanken befreite ihn einer seiner Lehrer, Räther mit Namen, der sich

seiner wahrhaft väterlich annahm. Auch der Conventual Gräter machte sich

vielfach um seine Geistesbildung verdient.

Wielands Fleiß während seines zweijährigen Aufenthalts in Klosterbergen

war musterhaft. Neben seinen philologischen und philosophischen Studien

betrieb er mit Eifer sein künftiges Berufsfach, die Theologie. Er fand

noch Muße, sich im deutschen Styl zu üben, für den in den damaligen

Lehranstalten wenig gesorgt war. Belehrend waren für ihn die zahlreichen

Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in Breitinger's kritischer

Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher kritischer Blätter suchte er sich

zu bilden. Er fand darin reichen Stoff zum Vergleichen und Prüfen, nachdem

er seine eignen poetischen Kräfte mehrfach versucht hatte.

Obgleich weniger productiv, als früher, hatte Wielands Neigung zur

Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend waren für ihn, außer Gellert

und Hagedorn, besonders Hallers Gedichte durch ihren philosophischen

Inhalt und durch die Würde der Sprache. Verdrängt aber wurden jene

Dichter, als Klopstock mit seinem "Messias" hervortrat. Unbeschreiblich

war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten Gesänge jener Dichtung in den

"Neuen Beiträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes" gelesen hatte.

Er fand in jenen Gesängen volle Befriedigung für Geist und Herz, für seine

Religiösität und für sein poetisches Gefühl.

Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf den Wunsch seines

Vaters hatte er sich 1749 in die genannte Stadt begeben. Er war damals

sechszehn Jahre alt. Den größten Theil der poetischen Versuche, die in

jener Zeit entstanden, verwarf Wieland wieder, oder ließ sie wenigstens

unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern bot ihm die

griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen Beschäftigungen führte er

auch in Erfurt ein einsames Leben. Der Mangel eines Jugendfreundes

nöthigte ihn, sich an ältere Personen anzuschließen, zu denen ihn der

Ernst seines Wesens ohnedieß hinzog.

Einen väterlichen Freund fand er in Erfurt an dem mit seiner Familie

verwandten =Dr.= Baumer, der später eine Professur der Medicin und Chemie

in Gießen erhielt, und dort als Hessen-Darmstädtischer Bergrath starb.

Seine Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern, war

die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte. Baumer's logische

Vorlesungen und ein Privatissimum über die Wolfische Philosophie gaben

seinem Geiste reiche Nahrung. Mit Vergnügen erinnerte sich Wieland in

spätern Jahren, an den Genuß, den ihm Baumer verschafft, als er ihm zur

Lectüre des Don Quixote verholfen. Aus jenem Roman habe er "die große

allgemeine Naturgeschichte der menschlichen Thorheit und Narrheit" kennen

gelernt.

Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland 1750 nach Biberach

zurück. Der Sommer, den er im elterlichen Hause zubrachte, war eine der

merkwürdigsten Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste

Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter eines Arztes,

der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen Verhältnissen stand. Nicht

durch blühende Schönheit, durch jugendliche Reize fühlte sich Wieland zu

Sophien hingezogen. An seinem rein platonischen Liebesverhältniß hatte die

Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was ihn an Sophien

fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung, die sie schon früh durch

das Lesen der besten deutschen Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses

Streben nach Erweiterung ihrer Kenntnisse, und ihr glühender Enthusiasmus

für alles Gute, Wahre und Schöne. Obgleich nur zwei Jahre älter, als

Wieland, übte Sophie doch durch die Festigkeit ihres Charakters und innere

Haltung eine seltene Herrschaft über den jungen Schwärmer aus. An

Kenntnissen ihr überlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung

Sophiens rege Wißbegierde zu befriedigen.

Diesem Verhältniß dankte Wielands erstes gedrucktes Gedicht seinen

Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange nach dem St. Martinskirchhofe

traf Sophie einst ihren Freund, und ihre Gefühle begegneten sich dort zum

ersten Mal in der Begeisterung für die Schönheiten der Natur. Ein solches

Stillleben, meinte Wieland, sei allen geräuschvollen Freuden der Welt

vorzuziehen. Durch den Umgang mit Sophien, äußerte er in einem spätern

Briefe, mit Hindeutung auf seinen frühern Skeptizismus, sei er ein ganz

anderer Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden. Unvergeßlich

blieb ihm noch in spätern Jahren ein schöner Sommertag, an welchem er mit

der Geliebten in den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt,

und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen und von der

Würde der menschlichen Seele unterhalten hatte. Durch eine Predigt seines

Vaters über den Text: Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema geführt

worden. Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprächs, das seine Begleiterin

bis zu Thränen rührte, war Wielands Lehrgedicht: "Die Natur der Dinge oder

die vollkommenste Welt." Es ward im Februar 1751 begonnen, im April des

genannten Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal

gedruckt.

Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten, die im Herbst 1750

nach Augsburg zurückkehrte, wo ihr Vater, früher in Kaufbeuern ansässig,

sich niedergelassen hatte. Noch oft trat in Tübingen, wo Wieland um diese

Zeit seine akademische Laufbahn eröffnete, Sophiens Bild vor seine Seele.

Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht, war so tief, daß die in einem

Briefe seines Vaters ausgesprochenen Zweifel an der Beständigkeit seiner

Liebe ihn sehr schmerzten.

In seiner schwärmerischen Stimmung kannte er kein höheres Glück, als

Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Erfüllung

seines Lieblingswunsches entgegen treten konnten, setzte er sich leicht

hinweg. Im Geist sah er schon seine bürgerliche Existenz begründet,

während er noch nicht mit sich einig war über das Berufsfach, dem er sich

widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch ihre Trockenheit. Um

Theolog zu werden, hätte er eine stärkere Brust haben müssen. Das Studium

der Medicin ward ihm verleidet durch seine unüberwindliche Scheu vor

todten Körpern, Krankenstuben und Spitälern. Er besuchte in Tübingen fast

gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit fesselte ihn an sein Zimmer.

Ohne Freunde, ja fast ohne allen Umgang, brütete sein Geist über der Idee,

die schönsten poetischen Blüthen, die ihm sein Dichtertalent bieten

möchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen Kranz zu flechten. So

entstand sein früher erwähntes Gedicht: "Die Natur der Dinge oder die

vollkommenste Welt."

Begeistert von diesem Product, das er später einer sehr strengen

Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht dem Professor Meier in

Halle, der damals als philosophischer Kopf und als Kritiker viel galt.

Weder seinen Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwähnte er in seinem

Briefe. Meier hielt einen Adlichen für den Verfasser des ihm gesandten

Gedichts, das er sofort drucken ließ, und es mit einer Vorrede begleitete.

Noch ehe er das Schicksal seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen

poetischen Plan entworfen. Die fünf ersten Gesänge eines epischen

Gedichts, "Hermann" betitelt, sandte er an Bodmer in Zürich, der damals in

dem lebhaftesten literarischen Kampfe mit Gottsched und seinen Anhängern

verwickelt war. Bodmer nahm die ihm gesandte Probe günstig auf, vielleicht

schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung seine Parthei

ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor in einen fortgesetzten

Briefwechsel.

In einer anmuthigen Sommerwohnung, späterhin das Wielandshäuschen genannt,

auf einem Weinberge unweit Tübingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte

Wieland damals dem Genuß der Natur, einsamen Studien und mancherlei

poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in fast gänzlicher

Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und Empfindungsweise schilderte er

in einem damaligen Briefe mit den Worten: "Ich habe von der Dichtkunst

keinen kleinern Begriff, als daß sie die Sängerin Gottes, seiner Werke und

der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir doch auch die Aeußerungen

jugendlicher Freude, wenn sie unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben

mich oft ergötzt." In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch auch den

unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, daß er die genannten Dichter eines

sträflichen Leichtsinns beschuldigte. Der Ernst seiner Natur zog ihn zu

den englischen Poeten, zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. "Den

Franzosen," schrieb Wieland, "bin ich, ihres flüchtigen und affenmäßigen

Charakters wegen, recht gram, und noch mehr den Deutschen, die ihren Geist

lieber nach diesen lächerlichen Geschöpfen bilden wollen, als nach den

denkenden, männlich schönen und zuweilen himmlischen Britten."

Aus einer schwärmerischen Ueberspannung seines Geistes ging Wielands

Streben hervor, die Irreligiosität und den Leichtsinn zu bekämpfen. Er

wollte der Welt zeigen, daß das Schöne im ächt platonischen Sinne mit dem

Guten einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands

Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von der enthusiastischen

Verehrung jenes Sängers zeugten mehrere damalige Briefe Wielands. Ein

Nachahmer Klopstocks ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag,

leicht etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die seinem

Geschmack besonders zusagten. Wielands "Lobgesang auf die Liebe", und ein

Gedicht, "der Frühling" überschrieben, zeigten unverkennbar den Einfluß,

den Kleist auf sein poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen

Versuch, den Sänger der Messiade auf dem kühnen Fluge seiner Phantasie zu

begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn beseelte ein

gewisser moralischer Stolz, der noch genährt ward durch die Vergleichung

des gewöhnlichen Lebens und Treibens der Menschen mit den erhabenen

Mustern von Tugend und Seelengröße, die ihm ältere und neuere

Schriftsteller vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe,

wie früher erwähnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch höher begeisterte

ihn als Jüngling die Schilderung jeder edlen That, während er sich von

schlechten Handlungen mit Abscheu hinweg wandte.

Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges Gefühl für das

Reinsittliche. Den philosophischen und moralischen Gedichten gab er vor

allen andern den Vorzug. Er schrieb darüber unter andern: "Ich schätze die

heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich überlasse es größern Geistern,

darin groß zu seyn oder sich darin zu versuchen. Ich begnüge mich, die

wenigen Nebenstunden, die mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu

benutzen, in philosophischen und moralischen Gedichten, und also in

Absicht der Dichtkunst in einer kleinen Sphäre, die liebenswürdige Tugend

zu preisen."

Unter den Gedichten Wielands, die während seines Aufenthalts in Tübingen

entstanden, war der "Anti-Ovid", im Sommer 1752 verfaßt, nicht blos gegen

den Leichtsinn der Römer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe

begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu wählen, dem er,

wie er in spätern Jahren gestand, damals kaum gewachsen war, da es ihm in

seiner Einsamkeit, umgeben von seinen Büchern, an der nöthigen

Menschenkenntniß fehlte, die er nur aus der Beobachtung der

Lebensverhältnisse schöpfen konnte.

Einige Monate früher, als der "Anti-Ovid", im Mai 1752, entstanden

Wielands "moralische Erzählungen." Bereits am Schluß des Jahres 1751 hatte

er seine "moralischen Briefe" herausgegeben. Von seinen bisherigen

Gedichten unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren

Gehalt, als durch die Form. Für die "moralischen Briefe" hatte Wieland

Alexandriner, für die "moralischen Erzählungen" reimlose Jamben gewählt,

und für den "Anti-Ovid" ein freies Versmaß in wiederkehrenden Reimen.

Unter solchen Beschäftigungen lebte Wieland weniger in der wirklichen

Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm seine Phantasie vorzauberte.

Seine Zukunft schien ihn wenig zu kümmern. In einer Art von

Selbstcharakteristik, die er noch während seines Aufenthalts in Tübingen

in einem Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz seiner

mannigfachen Fehler, sich "ein gutes Herz und einigen Geist" zu, dabei

glaubte er mit Wahrheit versichern zu können, daß es "sein Geist gewesen,

der sein Herz zu einem so guten gemacht habe."

Im Juni 1752 war Wieland aus Tübingen wieder in das elterliche Haus nach

Biberach zurückgekehrt. Lebhaft misbilligte sein Vater die Art und Weise,

wie er bisher seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte

er seinen künftigen Beruf fast gänzlich aus den Augen verloren. Einer

sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen, war ihm gar nicht in den Sinn

gekommen. Sehr abgeneigt war er daher dem väterlichen Plan, sich in

Göttingen der Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland

meinte, daß er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht passe. Er hoffte

wohl noch einen Wirkungskreis zu finden, der mit seinen Fähigkeiten und

Neigungen mehr harmonirte. Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er

gewachsen zu seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem

Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er dadurch mit Gärtner,

Ebert, Zachariä u.a. talentvollen Männern, die in dem genannten Institut

Lehrstellen bekleideten, in nähere Berührung zu kommen hoffte. Zur

Erfüllung seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine Aussicht.

Von dem peinlichen Gefühl, seinen Eltern durch weitere Unterstützung

beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit durch eine Einladung

Bodmer's, zu ihm nach Zürich zu kommen. Er hatte den jungen Autor, nach

den poetischen Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen.

Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten werden

sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden. Er glaubte vielmehr, daß

eine solche Entfernung seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn

möchte, besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von der er

sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland aber wollte Biberach

nicht verlassen, ohne seine geliebte Sophie noch einmal gesehen zu haben.

Manche Umstände traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern

verzögerten. Er versank darüber, wie er sich in einem seiner Briefe

äußerte, "in einen Zustand von Unthätigkeit und Verdrießlichkeit, der ihm

oft zur Last ward." Eine Beurtheilung von Bodmer's "Noachide" half ihm die

langweilige Zeit einigermaßen verkürzen.

Genußreiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben in Zürich. Da er

seine dortigen Freunde nicht so bald wieder verlassen wollte, so wünschte

er in der Schweiz durch eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner

Subsistenz zu sichern. Noch eh' er nach Zürich abgereist war, wandte er

sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn Schinz, und

bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's anmuthig gelegener Wohnung, wo er am

13. October 1752 eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht,

Liebe und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch

Mittheilung seiner literarischen Schätze und durch seine belehrenden

Gespräche sehr günstig auf Wieland einwirkte. Mit seiner Denk- und

Empfindungsweise harmonirte Bodmer's einfaches Leben, seine

Zurückgezogenheit von der Welt und die Neigung zu literarischen

Beschäftigungen. Auch nachdem sie längere Zeit zusammen gelebt, trat in

ihrem freundschaftlichen Verhältniß keine wesentliche Störung ein. Noch in

spätern Jahren nannte Wieland jene Periode die glücklichste seines Lebens.

In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu Biberach angefangene

"Abhandlung von den Schönheiten des epischen Gedichts Noah", das sein

väterlicher Freund Bodmer verfaßt hatte. Bodmer ließ jene Abhandlung 1753

zu Zürich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfaßtes

"Schreiben über die Würde und Bestimmung eines schönen Geistes." Auch zur

Poesie kehrte Wieland in Zürich wieder zurück. Auf Bodmers Vorschlag

schrieb er ein kleines Epos, "die Prüfung Abrahams" betitelt. Zu seinen

damals gedichteten "Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden Freunde"

hatte er sich durch das von der englischen Dichterin Elisabeth Rowe

herausgegebene Werk: ="Friendship in death"= veranlaßt gefunden.

Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken, seine geliebte Sophie einst

ganz die Seinige nennen zu können. Daß die Schwierigkeiten, zu ihrem

Besitz zu gelangen, sich noch gehäuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in

seine poetischen Träume, fühlte er sich tief erschüttert durch einen

Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhältniß zu ihm für aufgelöst

erklärte. Dies Schreiben, das er zu Anfang des December 1753 erhielt,

meldete ihm zugleich Sophiens Vermählung mit dem Churmainzischen Hofrath

de la Roche. Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte sie

aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht, und die Stimme ihres

Herzens, die noch immer für Wieland sprach, wenig beachtet.

Die innige Theilnahme seiner Freunde mußte ihm dies harte Schicksal

ertragen helfen. Mit größerer Selbstüberwindung, als sich von seiner

reizbaren Gemüthsart erwarten ließ, billigte er in einem Briefe an

die Geliebte ihren Entschluß, und wünschte ihr aufrichtig Glück zu

ihrer Verbindung. Oft aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust

seiner Sophie wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl

mitgerechnet haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung einer

Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte, einer "Akademie

zur Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute." Durch das peinliche

Gefühl, als Bodmer's Haus- und Tischgenosse seinem Gönner noch länger zur

Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem Herrn v. Grebel in

Zürich eine Hauslehrerstelle anzunehmen. Weder die ausgezeichnete Achtung,

die er in seinem neuen Verhältniß genoß, noch die große Rücksicht, die man

auf seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz um den

Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in seinen schönsten

Hoffnungen getäuscht, und versank in einen Trübsinn, den nichts zu

erheitern vermochte. In dieser Stimmung nahm er seine Zuflucht zu

philosophischen Studien. Mit großer Anstrengung las er fast Tag und Nacht

in Plato's Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die

Lebensbeschreibungen von Heiligen gehörten zu Wielands damaliger Lectüre.

Dadurch neigte er sich zu einer immer strengern Ascetik hin. In solcher

Stimmung schrieb er einem Freunde: "So einsiedlerisch ich hier Vielen

scheine, bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn möchte.

Melden Sie mir doch, ob es keine Wüste in Ihrer Gegend giebt. Ich habe

schon seit manchen Jahren große Lust, ein Eremit zu werden; denn ich

versichre Sie im Ernst, daß ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen

herzlich müde bin."

Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiöser Schwärmer zu werden. Die

Lectüre von Youngs Nachtgedanken und von Klopstocks Mesias war geeignet,

jene Stimmung zu unterhalten, und ihn über die Grenzen eines ruhigen

Forschens weit hinaus zu führen. Sein Eifer für Glauben und Frömmigkeit

kannte kein Maaß und Ziel, und Toleranz war ihm ein völlig fremder

Begriff. Ueber Ovid, Anakreon, Tibull und mehrere französische und

englische Dichter, besonders aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in

seinen 1754 herausgegebenen "Sympathien" öffentlich ein Verdammungsurtheil

aus. Auf ähnliche Weise eiferte Wieland in den 1755 geschriebenen

"Empfindungen eines Christen" gegen die "schwärmerischen Anbeter des

Bacchus und der Venus." Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er

dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, "das Aergerniß zu

rügen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet."

Ein milderer Ton, doch eine eigentümliche mystische Richtung war

vorherrschend in mehrern "Hymnen" Wielands, von denen er später nur den

"Hymnus auf Gott" in seine Werke aufnahm. Mit seinen "Erinnerungen an eine

Freundin" dem Inhalt nach verwandt war Wielands "Timoklea", eine Frucht

seiner philosophischen Studien, besonders der Lectüre des Plato und

Shaftsbury. Wieland's "Platonische Betrachtungen über den Menschen"

dankten ebenfalls jenen Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften

sowohl, als in zwei Aufsätzen, die er selbst als "Visionen" bezeichnete,

in dem "Gesicht des Mirza" und in dem "Gesicht von einer Welt unschuldiger

Menschen" sprach Wieland mit ergreifender Wärme von der Tugend, Schönheit

und Liebe im edelsten Sinne des Worts.

In seiner "Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen" unternahm er

einen kritischen Feldzug gegen Gottsched, den damaligen Tonangeber des

ästhetischen Geschmacks und gegen seine Anhänger. Aus der

leidenschaftlichen Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art

von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen Grad erreichte.

"Ich verschlummere", schrieb er 1756 einem Freunde, "wider meinen Willen

einen großen Theil meiner Existenz. Ich fühle, daß mein Leib immer

schwächer wird, und daß sowohl meine sehr blöden Augen, als mein Gehirn

dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wünsche ich, daß ich ein halbes

Dutzend munterer Seelen hätte, die der meinigen subordinirt wären, und die

alles das nach meinem Sinne ausführten, was ich nicht kann. Dergleichen

Wünsche sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen

Lebhaftigkeit übrig geblieben ist."

Seinem Trübsinn ward Wieland entrissen, als er seinen bisher auf Bodmer

und dessen Freunde beschränkten Umgang allmälig erweiterte. Geneigter als

bisher ward er wieder den Freuden des geselligen Lebens. Außer dem

bekannten Fabeldichter Meyer von Knonau, gehörten Geßner, der Verfasser

der Idyllen, späterhin auch Zimmermann, der Autor des berühmten Buches

über die Einsamkeit, zu Wielands vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern

verkehrte er wenig; er war sogar ihrem Umgange völlig abgeneigt. Seine

geliebte Sophie hatte ihn verwöhnt, an das weibliche Geschlecht Ansprüche

zu machen, die nicht jedes Mädchen erfüllen konnte.

In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland, sein Herz, trotz

allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste an ihm. An Zimmermann

schrieb er darüber: "Sie dürfen viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne

sich zu betrügen. Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern und

eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen, Imagination,

Activität, Kühnheit, Neigung zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u.

dergl. Verdient das, daß ich mich hochachte, oder daß ich mir selbst etwas

darauf einbilde? Gewiß nicht! Aber dafür danke ich Gott, daß ich von

Jugend an die Wahrheit geliebt, und für das, was gut, recht und moralisch

schön ist, sehr empfindsam gewesen. Dieses ist für mich sehr glücklich,

aber da ich es mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts

Vorzügliches. Daß ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach bin ich in

der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr die Aussichten in ein

anderes, als in dieses Leben. Hier bin ich nur =par devoir=, nicht =par

inclination=."

Diese trübe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder. Erst gereiftere

Jahre, größere Erfahrung und eine gründlichere Welt- und Menschenkenntniß

bewirkten eine merkwürdige Veränderung in Wielands Wesen. Er schien

heiterer gestimmt. Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem

Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt als früher.

Auch sein hartes und unbilliges Urtheil über mehrere alte und neuere

Dichter nahm er zurück. Auf seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte

jene Sinnesänderung den wohlthätigsten Einfluß. Er beurtheilte seine

Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman "Araspes und Panthea",

zu welchem ihm eine Erzählung Xenophon's den Stoff dargeboten hatte,

nannte er in einem seiner damaligen Briefe "eine unreife und unvollendete

Geburt." Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen Bühne. Fleißig

wohnte er den theatralischen Vorstellungen der Ackermannschen

Schauspielertruppe bei, die damals (1757) durch die Drangsale des

siebenjährigen Krieges aus Deutschland vertrieben, längere Zeit in der

Schweiz und namentlich in Zürich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel

"Johanna Gray" machte Wieland den ersten dramatischen Versuch. Statt der

Alexandriner, des bisher allgemein üblichen Versmaßes, wählte er die

fünffüßigen Jamben für seine Tragödie. Sie ward am 20. Juli 1758 zum

erstenmal in Winterthur, und später auch an andern Orten nicht ohne

Beifall aufgeführt.

Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich Wieland damals. Viel

versprach er sich besonders von einem epischen Gedicht, zu welchem ihm

einer seiner Lieblingsschriftsteller, Zachariä in Braunschweig, den Stoff

dargeboten hatte, während ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht

Friedrich II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa durch

Größe des Geistes und die glänzendsten Eigenschaften selbst seinen Feinden

Bewundrung abnöthigte. Sein "Cyrus", wie das von Wieland beabsichtigte

Gedicht hieß, sollte auf achtzehn Gesänge ausgedehnt werden. Auch seinen

vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan verschwiegen. Als er

jedoch zu Anfange des Jahrs 1758 die Ausführung seiner poetischen Idee

begann, stieß er auf mancherlei Schwierigkeiten, und fürchtete sich an ein

Unternehmen gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war. In einem seiner

damaligen Briefe meinte Wieland, "er stehe zu tief unter einem Helden, um

ihn würdig darstellen zu können." Selbst der Styl und die Versification

kosteten ihm, nach seinem eignen Geständniß, unsägliche Mühe. Er fühlte,

daß er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der wirklichen Welt

gelebt. Ein gründliches Studium der Geschichte und Politik hielt er für

unerläßlich, um seinem Werke den höchsten Grad von Vollendung zu geben.

Fleißig studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch die

Lectüre von Plato's Republik beschäftigte ihn.

Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische Schrift:

"Gedanken über den patriotischen Traum, die Eidgenossenschaft zu

verjüngen." Diese Schrift erschien, während Wieland sich noch fleißig mit

seinem "Cyrus" beschäftigte. Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu

unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf Wieland den Plan

zu einem satyrischen Roman. Unter dem Titel: "Lucian's des Jüngern

wahrhafte Geschichten", wollte er in diesem, auf drei Bände berechneten

Werke zwei Republiken, einen Staat verständiger Bienen, die seltsame

Regierung, Sitten und Gebräuche eines Volks, Pagoden genannt, und ähnliche

wunderbare Dinge schildern. Die Ausführung dieser Idee unterblieb. Von

seinem "Cyrus" hatte er indessen die ersten fünf Gesänge beinahe

vollendet, und bei größerer Gemüthsruhe würde dies Werk noch rascher

fortgeschritten seyn.

Was ihn sehr bekümmerte, war die Sorge um seine fernere Subsistenz in

Zürich. Seine bisherigen Zöglinge hatten anderweitige Bestimmungen

erhalten, und Wieland mußte daher an seine eigene Zukunft denken. Eine

Zeit lang beschäftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift,

von deren Ertrag er in Zürich leben zu können hoffte. In einem seiner

damaligen Briefe äußerte Wieland: er wolle alle seine Kräfte

zusammennehmen, um jener periodischen Schrift die höchste Vollkommenheit

zu geben. Aber seine schönsten Stunden, meinte er, gehörten doch dem

"Cyrus". Um sich in ungestörter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschäftigen

zu können, kam er auf den Gedanken, sich wieder in seine Heimath zu

begeben. Einen bestimmten Lebensplan schien er an die Rückkehr in das

elterliche Haus nicht geknüpft zu haben.

Der Wunsch, einige Jahre in völliger Muße und Unabhängigkeit zu leben,

machte ihn gleichgültig gegen mehrere zum Theil vortheilhafte Anträge zu

auswärtigen Lehrstellen. Längere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach

Marseille begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie Semandi

Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit ward vermehrt durch

einen Antrag Zimmermanns, der ihn dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum

Erzieher seines einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern,

wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, übertraf in jeder Hinsicht seine

Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das neue Verhältniß, in das er

getreten war, nicht lange. Er liebte zu sehr die Einsamkeit, um für sie

Ersatz zu finden in den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen

Willen hineingezogen ward. Unmuthig äußerte er sich darüber in mehreren

Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht. Zum Unterricht,

besonders in den ersten Elementen, schien ein Geist nicht geschaffen, der,

wie Wieland selbst äußerte, "den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot

und Rousseau wetteifern wollte." Bereits nach einem Vierteljahre, im

September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle wieder auf.

Eine Art von Erwerbsquelle eröffnete sich Wieland durch philosophische

Vorlesungen, die er "gegen ein jährliches Honorar von 200 Kronen" einigen

Jünglingen aus angesehenen Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an

Zeit viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm täglich nur zwei Stunden

raubten. Demungeachtet rückte sein mehrfach erwähntes Epos, der "Cyrus"

nur langsam fort. Entmuthigt durch den geringen Beifall, den die von ihm

mitgetheilten Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen

Gedicht über den Landbau. Die Ausführung unterblieb jedoch. Das einzige

Product, das er während seines Aufenthalts in Bern vollendete, war sein

mit großem Beifall aufgeführtes Trauerspiel "Clementine von Porretta."

Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland den Stoff

zu dieser Tragödie geschöpft. Ein Held, wie Grandison, mußte ihn vor

vielen andern interessiren zu einer Zeit, wo ihn das Gefühl einer Liebe

ergriffen hatte, die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder

schwärmerisch war.

Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war längst schon die Königin seines

Herzens, als Julie Bondeli, die Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den

Sieg streitig machte. Julie war, glaubwürdigen Zeugnissen und ihrem noch

erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge, eine der

häßlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr indeß an Reizen versagt,

hatte sie ihr durch Geistesgaben reichlich vergütet. Die gelehrtesten

Männer ihrer Zeit erkannten dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das

Gerücht sagte von ihr, daß sie mehr gelesen und studirt, als irgend ein

Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen in den

verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fächern ein sehr richtiges Urtheil

verbinde. Darin fühlte sich Wieland nicht getäuscht, als ihn die Neugier

trieb, sie kennen zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf

ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. "Nie hab' ich,"

schrieb er unter andern, "ein Frauenzimmer gesehen, das bei einer

außerordentlichen Gleichheit der Gemüthsart, bei dem heitersten Humor und

der größten moralischen Simplicität, die nur in ihrem Alter möglich

scheint, mehr Lebhaftigkeit und unerschöpfliche Resourcen im Umgange

gehabt hätte, als sie. In diesen Stücken ist Sophie noch weiter hinter

ihr, als Julie in Absicht der Schönheit hinter Sophie'n ist. Der

aufgeklärteste Geist, den ich je an einem Frauenzimmer gesehen habe, und

ein Herz, das der edelsten Freundschaft würdig ist."

In einem spätern Briefe gestand Wieland, daß Julie weder eine Idee, noch

Empfindung von der Liebe zu haben scheine, die in Romanen und Tragödien

herrsche. Sie wolle Freunde haben, sie halte die Freundschaft für eine

vernünftige und beständige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt seyn

wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer überspannten, fanatischen

Leidenschaft trage. "Ich selbst," schrieb Wieland, "bin, wie ich glaube,

in Absicht der Liebe der Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu

glauben, daß meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so nahe

kommt, als es unter dem Monde möglich ist. Ich liebe alle wahrhaft

tugendhaften Frauen eben so sehr, wie ich die Tugend lieben würde, wenn

sie sichtbar wäre. Das sind keine Großsprechereien. Wenn die Weisheit, die

Tugend, die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so muß

freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschöpfen zieht, sich

unter die reine geistige Liebe mischen, die unserem Geiste für das wahre

Schöne, Gute und Erhabene natürlich ist. Aber darin besteht mein

Privilegium, daß, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine

Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel sich natürlicher

und ungezwungener Weise zu der thierischen verhält, wie eine Weltkugel zu

einem Sonnenstaube." Diesem Briefe fügte Wieland noch die

charakteristische Aeußerung bei: "Wir sind übereingekommen, daß jedes das

Andere nach seiner eigenen, ihm natürlichen Weise, ohne den mindesten

Zwang lieben solle -- ich mit Enthusiasmus, weil meine Natur es so mit

sich bringt, sie ohne Enthusiasmus, aus gleichem Grunde. Ich weissagte

ihr, sie würde noch so gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und

sagte, sie wünsche es, um mich glücklich machen zu können."

Lebhaft beschäftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken an eine eheliche

Verbindung. Er gestand, alles in der Welt, was nicht mit den Grundsätzen

der Rechtlichkeit streite, unbedenklich thun zu wollen, wenn er dadurch zu

Juliens Besitz gelangen könnte. "Sie würde," schrieb er, "mich

unaussprechlich glücklich machen. Aber ich sehe keine Möglichkeit. Ich

müßte auf eine sehr anständige und vorteilhafte Art etablirt seyn, wenn

ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prätension zu machen, und bisher

ist kein Anschein zu einem solchen Etablissement." Worauf sich Wielands

Wünsche beschränkten, schilderte er in einem seiner damaligen Briefe mit

den Worten: "Ich bin nicht für das gemacht, was man Welt nennt. Alle ihre

Ergötzlichkeiten sind innere Plagen für mich, obgleich ich aus Gewohnheit

daran Antheil nehme und vergnügt dabei scheine. Freiheit, Muße,

Einsamkeit, ein Freund und eine Freundin bei mir -- das ist die Situation,

nach der mich dürstet, und zu der ich nie gelangen werde."

Das Städtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen, hielten Wielands Freunde

für den passendsten Ort, um, wie er damals willens war, eine mit einer

Buchdruckerei verbundene Buchhandlung zu errichten. Während er sich auf

diese Weise einen anständigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte er

zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen kräftig einwirken durch

interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzüglich Uebersetzungen der

Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon, Theokrit u.a. seiner

Liebligsschriftsteller rechnete. Auch durch einzelne Stücke aus der

Philosophie und schönen Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu

fesseln. Die bessern Köpfe Deutschlands für eine periodische Schrift zu

gewinnen, war ein Gedanke, der, schon früher entstanden, wieder in ihm

auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal unter andern ein Gemälde des

Menschen entwerfen, nach den verschiedenen Nüancen, die er durch das

Klima, die Religion, Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen,

daß der Mensch gebildet werden müsse, und daß die meisten Gesetzgeber und

Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht gar zu wohl verstanden

hätten. Auch Biographieen und Charakteristiken ausgezeichneter Männer des

Alterthums sollten in seinem Journal einen Platz finden.

Mehrere Aufsätze, die er für seine Zeitschrift bestimmt, hatte Wieland

theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu entworfen, als ein Brief seiner

Mutter ihn mit der Nachricht einer bestimmten Anstellung zu Biberach

überraschte. Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen, in

dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als möglich zu nützen, war der

feste Entschluß, mit welchem Wieland am 20. März 1760 die Schweiz und

seine dortigen Freunde verließ, in dankbarer Rückerinnerung an die frohen

Jahre, die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm vor allen

der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung ihres Besitzes konnte ihn

trösten.

Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor seiner Abreise aus der

Schweiz, einigen seiner Freunde die Verhältnisse geschildert, die ihn in

seiner Vaterstadt erwarteten. Zum ersten Male mußte er, so fremd dies auch

seiner Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen

Intriguen, welche die Wahl eines Bürgermeisters in Biberach herbeiführte.

Wieland hatte dort die ziemlich einträgliche Stelle eines Kanzleidirectors

erhalten. Abgesehen davon, daß dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht

entsprach, fürchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle wieder zu

verlieren durch einen langwierigen Prozeß zwischen den evangelischen und

katholischen Rathsmitgliedern seiner Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner

Freunde und Gönner machte Wieland die trübsten Erfahrungen. Mehrere seiner

damaligen Briefe enthielten rührende Geständnisse seiner unsichern Lage

und seiner durch heftige Gemütsbewegungen sehr erschütterten Gesundheit.

Mit Schmerz ergriff ihn der oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer

andern Stellung, in Verhältnissen, die den Musen günstiger wären, hätte

leisten können. In einem Briefe vom 16. März 1763 äußerte Wieland: "Ich

möchte zuweilen eine Satyre wider die beste Welt schreiben, wenn ich mir

vorstelle, daß kein anderer Platz in der Welt für mich seyn soll, als eine

Stadtschreiber-, Consulenten- und Rathsherrnstelle in diesem kleinen

schwäbischen Reichsstädtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche

von diesen drei Personen, die sich ungefähr gleich gut für mich schicken,

ich noch werde vorstellen müssen."

In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit und an

seinen Aufenthalt in der Schweiz vor Wielands Seele. Rastlos sann er auf

Mittel, sich aus Verhältnissen zu befreien, die seinen Neigungen so wenig

entsprachen, und ihm unsäglichen Verdruß bereiteten. Mitunter kam ihm die

Idee, um eine Professur an einem Gymnasium in Berlin, Breslau, Gotha oder

andern bedeutenden Orten sich zu bewerben. Die Einkünfte einer solchen

Stelle, meinte Wieland, wären zwar gering, aber dafür sei ihm desto mehr

Muße gegönnt, und er könne arbeiten, was er wollte. Selbst die spärliche

Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschäfte gönnten, konnte er nicht so

nützlich, als er wohl gewünscht hatte, für sich verwenden. Ueberall stieß

er auf Hindernisse, die sich seiner höhern Ausbildung entgegenstellten. Am

schmerzlichsten fühlte er in seiner Vaterstadt den Mangel einer

bedeutenden Bibliothek.

Chr. M. Wieland's Biographie · 第 1 / 10 段