Katharina stutzte. Dann sagte sie: »Schert Euch zum Deiwel!«

Sie hatte offenbar ihren Plan, das Kind dem Vater zu entfremden, als

aussichtslos aufgegeben und begnügte sich damit, Vater und Kind mit

erprobter Technik #einzeln# zu quälen.

Fortan trippelte Gustavchen Sonntag mittags, rechts und links von

schwieligen Männerhänden geführt, durch die Stadt und ins Freie. Sein

Vater erklärte ihm alle die tausend Wunder und Neuigkeiten, die sich den

Kinderaugen bieten, die Denkmäler, Kirchtürme, Bäume, Blumen, Wiesen,

Quellen, den Main mit seinen Schiffen, den Himmel mit der Sonne, den

Wolken, dem Mond und den Sternen, die elektrische Straßenbahn, die

Eisenbahnen, die Hunde, Katzen, Vögelchen.

Oh, wie viel gab es zu sehen in der Welt! Welche Schätze offenbarte

allein das Schaufenster des Herrn Hippenstiel! Die zahlreichen

Fläschchen, Kämme, Bürsten, die Bartbindenplakate mit den unmenschlich

schneidigen Männerbildnissen, die Zahnwasserplakate mit den süßen

Grisettenköpfchen, und -- o Wunder! -- da hingen auch Zöpfe, an denen

gar kein Mensch wuchs!

Adolf, der zu Hause so schweigsam war, redete auf diesen Spaziergängen

zu Bindegersts Erstaunen wie ein Buch. Und gab es nichts mehr zu

erklären, dann erzählte er dem Gustavchen Geschichten, gelesene und

improvisierte, was ihm gerade in den Kopf kam. Was in diesen Geschichten

alles zusammengehext und zusammengezaubert wurde, das war selbst für

eine Märchenwelt zu bunt.

Wurde Gustav müde, so trug sein Vater ihn auf den Armen, oder die kleine

Karawane setzte sich zum Ausruhen auf eine Bank.

Während einer solchen Ruhepause sagte Bindegerst einmal plötzlich, indem

er Adolfs Hand ergriff: »Adolf, -- mich drickt ebbes! Des war damals

net schee von merr mit dene vierdausend Mark ... Ich hätt's net dhun

gesollt .... awwer 's Wasser is merr an der Gorjel gestanne ...«

Ergriffen, gerührt von dieser Selbstanklage schüttelte der überraschte

Adolf wehmütig den Kopf und lächelte versöhnlich: »Laß gut sei',

Großvadder! 's is net mehr zu ännern!«

»Awwer leid dhut merrsch! No, vielleicht kimmt doch emal e Gelegeheit,

wo ich mich erkenntlich zeige kann! Vielleicht!«

»Redde merr net driwwer, Großvadder! Ich war Derr nie bees deswege!

Werklich net!« schnitt Adolf das Gespräch ab.

Aber es war ihm so vorgekommen, als verschwiege ihm sein Schwiegervater

irgend etwas, als sei die Selbstanklage eigentlich die Einleitung zu

einer Selbstentschuldigung wegen irgend eines ganz anderen, ihm noch

unbekannten Unrechts gewesen.

Und er war auf dem Heimweg sehr nachdenklich und köpfte zerstreut Blumen

und Pilze, so daß ihn Gustav wiederholt fragen mußte: »Babba, -- was

machß'n Du da??«

* * * * *

Die nächsten Jahre in Adolfs Leben leierten sich ab wie ein

Drehorgellied.

Die Jahreszeiten führten die ewigen Kämpfe miteinander auf, alljährlich

feierte der Frühling seine Auferstehung, um von neuem gekreuzigt zu

werden.

Die alte Tante Klio, die ja auch mit der Zeit moderner geworden ist,

tippte gleichmütig auf ihrer Schreibmaschine Weltgeschichte. Und wie

alle Schreibmaschinendamen tippte auch sie gelegentlich daneben, und

daraus entstand mancherlei Unangenehmes für die Menschheit. So hatte sie

bei der Eintragung von Adolfs Eheschließung den Namen Katharina mit

lauter großen Buchstaben, den Namen Adolf aber mit kleinem

Anfangsbuchstaben getippt, und daher stammte das ganze Unglück der

Borgesschen Ehe.

Gustav war sechs Jahre alt, in einigen Wochen sollte er in die

Volksschule kommen.

»Gott sei Dank, daß es endlich e Ruh gibbt im Haus!« sagte Katharina.

»Es is schonn net mehr auszuhalte mit dem miserawele Bub!«

Da erschien an einem Dienstag vormittag Herr Bindegerst aufgeregt im

Hause Feldmann & Schröder und verlangte nach seinem Schwiegersohn.

»Adolf, komm gleich, der Bub is krank!«

Adolf Borges ließ das Paket, an dem er herumschnürte, fallen und rannte

zu Herrn Schröder.

»Ich muß haam, Herr Schröder ... mei Bub, der Gustav ... er is krank,

Herr Schröder.«

Und dabei liefen ihm schon die Tränen über die Wangen.

»No, 's werd net gleich so schlimm sei', Adolf!« tröstete der dicke

Chef. »Gehe Se nor! -- Ja, Kinner mache Sorje, ich kann aach e Lied

dervoo singe, ich habb aach so e Kollektion von Stickerer sechse. Mit

Schmerze wern se geborn, mit Schmerze wern se großgezoge, unn mit

Schmerze nemmt merr später de Dank dafor in Empfang! Gehe Se haam! Unn

ich empfehl Ihne de Dokter Grienebaum, des is e dichtiger Arzt unn net

so deuer!«

Unterwegs erstattete Bindegerst bruchstückweise Bericht. Das Kind hatte

schon in der Nacht gefiebert, und morgens hatte es keinen Kaffee trinken

wollen. »Ich habb Derrsch net gesacht, daß De Dich net uffregst!« Und

dann hatte es gehustet, über Halsweh geklagt, und nun lag es im Fieber

und ächzte und erkannte Niemanden. Und wimmerte beständig in seiner

Bewußtlosigkeit: »Babba, was machß'n Du da??«

»Laaf doch net so, Adolf! Ich komm ja net mit!« pustete der alte

Bindegerst.

Ein fremder junger Herr, mit einem koketten Schnurrbärtchen und einem

goldgerahmten Zwicker, stand an Gustavs Bett und fühlte den Puls. Er

öffnete mit sanfter Gewalt den Mund des fiebernden Kindes, sah in den

Hals, zog ihm das Hemd herab, beklopfte Brust und Rücken.

Katharina saß am Fußende des Bettes und harrte des Ergebnisses der

Untersuchung. Ihr war keine Erregung anzusehen, sachlich wie eine

bezahlte Krankenpflegerin verfolgte sie die Maßnahmen des Arztes.

Adolf hingegen konnte seine Aufregung nicht zügeln, er trat von einem

Bein aufs andere, seine Augen hingen mit unendlich rührendem,

verzweifeltem Hilfeflehen am Munde des Arztes, die Untersuchung schien

eine Ewigkeit zu dauern.

Der Doktor deckte den Kranken wieder zu.

»Es ist ernst,« sagte er. »Zumal das Kind unterernährt ist. Wie alt ist

der Junge?«

Adolf konnte nicht antworten. Er mußte sich an einen Stuhl klammern, um

Haltung zu bewahren.

»Sechs Jahr', Herr Dokter!« sagte Katharina mit sicherer Härte.

»War er schon öfters krank?«

»Nein, Herr Dokter.«

»Das Herz ist schwach.«

Der Blick des Arztes fiel zufällig in den Spiegel über dem Sofa, er

drehte selbstgefällig die Spitzen seines Schnurrbärtchens, rückte den

Kneifer zurecht. Ein lautes Schluchzen veranlaßte ihn, den Kopf zu

wenden. »Na, Herr Borges, man braucht die Hoffnung noch nicht

aufzugeben. Kinder sind manchmal überraschend widerstandsfähig.

Allerdings --«

Er trat wieder zum Bett, warf noch einen kurzen Blick auf das Kind.

»Sie scheinen sehr an dem Jungen zu hängen, Herr Borges?«

Adolf nickte.

»Es ist wohl Ihr Einziger?«

Adolf sank an dem Bett auf die Knie, ergriff das herabhängende,

fiebernde Händchen und bedeckte es mit Küssen.

»Tja,« sagte der Arzt, »tja ...!«

Er wartete einen Augenblick, sah ungeduldig auf die Taschenuhr. »Ich

würde Ihnen empfehlen, den Kleinen ins Spital bringen zu lassen. Er hat

dort doch eine bessere Pflege. Es ist auch nicht sonderlich gut geheizt

bei Ihnen. -- Ich werde nachher an die Sanitätskolonne telephonieren.

Einstweilen können Sie ihm ja diese Tropfen geben.«

Er schrieb ein Rezept und gab es Adolf, der es hastig zusammenknitterte,

aufsprang und in die Apotheke lief.

Dreiviertel Stunden mußte er warten, bis das Rezept ausgeführt war.

Er saß auf einer Bank an der Wand und sah die Käufer kommen und gehen;

Leute, die harmlose Dinge kauften wie Hustenbonbons, Watte, Lysoform;

vergrämte Mütterchen, die gleich ihm auf Arzneien warten mußten; kokette

Dienstmädchen, die mit dem Provisor poussierten; und alle Menschen kamen

ihm so beneidenswert, so glücklich vor.

Als er wieder zu Hause eintraf, war das Gustavchen schon abgeholt.

Er wollte wieder davonlaufen, nach dem Krankenhaus, aber Katharina hielt

ihn gebieterisch zurück.

»Merr derf'n jedz net besuche! Morje Middag von drei bis vier, -- ich

habb mich erkunnigt.«

Und der alte Bindegerst sagte: »Des war e netter Mensch, der Dokter. So

mitfiehlend.«

Die ganze Nacht hindurch studierte Adolf in dem Buch aus Bindegersts

Bibliothek. Es war freilich ausgeschlossen, daß in dem »Geschlechtsleben

des Menschen« irgend ein Aufschluß über Gustavs Krankheit zu finden war,

aber Adolf dachte in seiner Verzweiflung, vielleicht stünde doch irgend

ein Hinweis in dem Buch, der ihn belehre, der ihm Hoffnung geben könne.

Vielleicht konnte er den Ärzten doch irgend etwas sagen, an das sie

gerade nicht dachten.

Drei Tage später war Gustavchen tot. Der Scharlach hatte ihn

dahingerafft.

Wie ein Kriegsverwundeter in den meisten Fällen anfangs nur das Gefühl

eines dumpfen Schlages hat, ohne wirklichen Schmerz zu verspüren, bis

dann beim Verbinden, beim Heilungsprozeß die unerträglichen Qualen

einsetzen, so empfand Adolf zunächst nur eine dumpfe Betäubung. Das

Unglück war zu groß, um in seiner ganzen Schwere erfaßt werden zu

können. Er hörte die Worte der Krankenschwester: »Ihr Sohn ist leider

gestern Abend sanft entschlummert«, aber er konnte sich nichts dabei

denken.

Bis plötzlich der Gedanke: »Du wirst Dein Kind nie, nie wieder sehen!«

die Wunde mit glühendem Eisen ausbrannte.

Er fand nicht die Kraft, alle jene Gänge und Meldungen zu erledigen, die

in unserem geordneten Staatswesen der Tod eines Familienmitgliedes den

Hinterbliebenen auferlegt. Die, ach so praktische Katharina besorgte

alle diese Dinge mit der Selbstverständlichkeit und nüchternen Klarheit,

die sie in jeder Lebenslage bewies. Sie besorgte den Totenschein,

bestellte den Pfarrer, kaufte den Sarg, die Blumen, nähte an Adolfs

Kleiderärmel den Trauerflor, telephonierte ins Geschäft, ihr Mann könne

die nächsten drei Tage nicht kommen, garnierte einen schwarzen Schleier

auf ihren Hut, schneiderte sich ein Kleid für die Beerdigung.

Nichts vergaß sie; man hätte meinen können, sie hätte seit Jahren

Bestattungen arrangiert.

Dann kam der Tag der Beisetzung.

Die Firma Feldmann & Schröder hatte einen Kranz geschickt, von den

Angestellten waren nur Herr Heinrich Baldrian und eine der Putzfrauen

erschienen, denn der Herbstausverkauf war in vollem Gang. Einige

Nachbarn hatten sich eingefunden, darunter der blondlockige Herr

Hippenstiel in einem frischgebügelten, seidengefütterten Überzieher,

tadellos gebürstetem Zylinder und erstklassigen schwarzen

Glacéhandschuhen.

Adolf sah nichts, er weinte ununterbrochen, sodaß ihm Katharina während

der Ansprache des Pfarrers einen Stoß mit dem Ellbogen gab: »Was solle

dann die Leut denke!«

Zuletzt schritten die Menschen an ihm vorbei, drückten ihm die Hand,

murmelten irgend etwas, was er nicht verstand und nicht verstehen

wollte, und dann war er plötzlich wieder zu Hause, im Dachzimmerchen,

und nach einer Weile hörte er Katharina schreien: »Komm erunner, der

Kaffee is aagericht!«

Sie hatte für ihn kein Wort des Trostes. Sie hatte ihm bei Lebzeiten des

Kindes nie erzählt, was der Junge getrieben hatte, sie sprach auch nach

Gustavs Tode nie mit dem Vater von ihm. Und als Adolf anregte, eine

Photographie Gustavchens vergrößern und einrahmen zu lassen, sagte sie

nur: »Des kann merr ja!«

Sie sprach kein Wort, als Adolf das Kinderbettchen aus dem Schlafzimmer

hinauftrug in seine Dachbehausung und es neben seinem Bett aufstellte.

Sie ließ ihn ruhig den Matrosenanzug, den Gustav Sonntags getragen

hatte, hinaufnehmen und in dem Schrank mit dem kaputenen Schlüssel

verwahren.

Und als dann das vergrößerte Bild vom Photographen kam, hatte sie nichts

dagegen einzuwenden, daß Adolf es oben in seinem Zimmerchen aufhängte.

Aber die Rechnung fand sie zu teuer.

Bindegerst, dem der Verlust Gustavchens sehr nahe ging, ersäufte seinen

Kummer in Schnaps. Er war mitunter sinnlos betrunken und gröhlte dann

allerhand unanständige Lieder, von denen man nicht recht wußte, wo er

sie eigentlich her hatte. In seinen nüchternen Stunden arbeitete er an

einem Grabkreuz für sein Enkelkind.

Und wie ehemals der Entstehung des Kinderbettes sah Adolf nun dem Werden

des Totenzeichens zu. Aber sie scherzten nicht mehr bei der Arbeit, er

machte keine Verschönerungsvorschläge, er redete auch den alten

Bindegerst nicht mehr mit »Großvadder« an, sondern degradierte ihn zum

»Vadder«.

Und acht Tage nach der Einschaufelung Gustavchens gingen die beiden

hinaus auf den Kirchhof und richteten das Holzkreuz auf.

Adolf war seltsam ruhig während dieser traurigen Verrichtung, diesmal

war es der alte Bindegerst, der seine Tränen nicht meistern konnte. Er

jammerte ein über das andere Mal: »Wie merr der Bub fehlt... wie merr

der Bub fehlt!«

Adolf konnnte das Jammern nicht mehr ertragen, er schlich während der

letzten Spatenstiche davon, ging hinaus in den Stadtwald, in dem der

fröstelnde Herbsttag sein Totenamt hielt.

Man hat auf Gemälden oft die Pest als einen Dämon dargestellt, vor

dessen Hauch alles Leben dahinsinkt. Solch ein Pestdämon ist auch der

Herbst. In seinen gelben Mantel gehüllt, schreitet er über die Erde, und

unter seinem Geschwür-zerfressenen Fuß sterben die Blumen und Gräser. Er

haucht die Bäume an, und die Zweige verdorren, die Blätter werden

vergiftet und fallen ab. Verwesung folgt seiner Spur.

Adolf warf sich auf den kalten Boden und stierte in den Himmel.

Vor langer Zeit, als ihn noch fröhliche Träume umgaukelten, hatte er

inmitten blühenden Sommers hier einmal versehentlich seinen Kopf auf

einen Ameisenhaufen gebettet und hatte, erschrocken auffahrend, an

dieses Mißgeschick mit resigniertem Humor lächelnde Betrachtungen

geknüpft. Diese Episode fiel ihm jetzt, durch eine eigenartige

Gedankenverbindung, ein. Ach, wie hätte es jetzt seinen Gram gekühlt,

den Kopf in einen Ameisenhaufen stecken zu können und den Seelenschmerz

durch körperlichen Schmerz zu betäuben!

Wie riesige Galgen kamen ihm die entlaubten Bäume vor, die ihre leeren

Äste gleich Querbalken streckten, und er dachte: »Merr sollt sich

uffhenke! Da drowwe sollt merr sich uffhenke, unn der Wind dhät ein

schaukele, ganz samft unn schmerzlos, unn lang sollt's dauern, bis se

ein finne! Unn e Eichhörnche käm' gehippt unn dhät mich aaglotze unn

dhät denke: >So'n große Tannezappe haww ich meiner Lebdag noch kaan

geguckt!< Unn e Vögelche käm', unn dhät sich uff mei Schulter hocke, unn

ließ' sich mitschaukele! Unn wann se mich dann haamgebracht hätte, dann

hätt' der ahl Bindegerst widder e neu Kreuz zu schnitzele, unn des

praktisch Kättche dhät sage: >Jedz kann ich mei Trauerkleider gleich

noch emal benitze unn braach merr kaa neue aazuschaffe<!«

Seine Gedanken verwirrten sich, und plötzlich tauchte aus der Wirrnis

eine andere Episode seines Lebens auf, und er sah sich im Odenwald

stehen, auf dem Gipfel des Melibokus, wie er dem Käthchen die Welt

zeigte: »Guck, lieb Kättche, die Nadur, die is e groß Sparkass, viel

größer als wie die Offebächer Städtisch Sparkass, unn wann merr emal in

Seelennot komme, dann hewe merr aafach in dere Sparkass en Poste

Erquickung unn Trost ab, -- unn wann merr aach noch so viel abhewe,

#des# Guthawe nemmt kaa End'!«

Und nun war die Seelennot da, aber die Natur spendete keinen Trost, das

Guthaben war erschöpft, und er fühlte, nie wieder würde ihm diese

Sparkasse Erquickung auszahlen.

Ja, Bindegerst hatte recht: das Leben ist eine Gemeinheit. Eine so

unbarmherzige Gemeinheit, daß die guten Kerle, wie Adolf Borges, niemals

mit ihm zurecht kommen können.

»Wann des so weider geht,« sagte Herr Feldmann, »dann misse merr'n halt

entlasse. Der packt uns ja die ganz Waar dorchenanner, babbt die

verkehrte Adresse uff die verkehrte Paketcher, -- es geht net mehr!«

Der dicke Herr Schröder ließ seinen Teilhaber ausschimpfen, dann

bemerkte er: »Entlasse? 'N Mann, wo so lang im Geschäft is?«

»Wann'r awwer doch Alles verkehrt mecht?«

»Wo so lang im Geschäft is?«

»Wann awwer doch alles Ermahne unn Zuredde nix hilft?«

»Wo so lang im Geschäft is?«

»Solle merr'n vielleicht for's Nixdhun unn Verkehrtmache füttern?«

schrie nun Herr Feldmann wütend.

»Ja, des solle merr!« sprach der dicke Schröder mit Überzeugung. »Weil e

Mensch kaa gespalte Fedder is, die merr wegwerft, wann merr se kabutt

geschriwwe hat. Ich gebb's zu, der Adolf is net mehr, was er war. Seit

sei Bub dod is, scheint 'm Alles worscht zu sei', unn ich habb mich

schonn grie unn blau geärjert iwwer die ewig Leichebittermien'. Dann ich

will #vergniegte# Mensche um mich gucke, mei Lewe is merr selwer mies

genuch! -- Awwer entlasse? Naa, Hermann, des mache merr net. Wer emal

bald dreißig Jahr im Geschäft is, der is bei merr pensionsberechtigt.

Net bei 'ner Pensionsanstalt mit hunnert Paragraphe unn sechshunnert

Klausle, sonnern bei der Pensionsanstalt da drin!«

Und damit schlug er sich auf den dicken Bauch, ungefähr in die Gegend,

wo sein Herz saß, das zwar ein Fettherz war, aber ein sehr gutes

Fettherz.

»Mach, was De willst!« brummte Herr Feldmann.

»Des is e ahl Gewohnheit von merr, daß ich mach, was ich will. Unn se is

merr bis jedz gut bekomme. Also merr wern de Adolf #net# entlasse. Awwer

en zweite Auslaafer wern merr dazu angaschiern, en junge, der em so nach

unn nach die Arweit aus de Finger nemmt. Des werd's Geschäft aach noch

trage könne, ohne daß es pleite werd!«

So tauchte ein zweiter Ausläufer in der Firma Feldmann & Schröder auf,

und Adolf, der sich zu Hause so überflüssig vorkam, kam sich bald auch

im Geschäft überflüssig vor.

»Se sollte mich dodschlage unn ausstoppe unn als Modellfigur ins

Schaufenster stelle,« dachte er. »Dann dhät ich all die neue Kleider

trage, viel scheenere Kleider, als wie ich in meim ganze Lewe getrage

habb. Unn ich dhät e recht liewenswerdig Gesicht mache unn dhät als e

bissi mit de Aage zwinkere, daß recht viel Kundschaft ereikäm unn kaafe

dhät, dann der Herr Schröder is immer aastännig zu merr gewese. Nor wann

der eklig Kassierer vorbeikäm, dhät ich die Zung erausstrecke. Unn

vielleicht käm aach als des Kättche voriwwer unn dhät dem Prinz odder

Korferscht, wo se dann geheierat hätt, des Schaufenster zeige: »Guck,

des is mei erschter Mann!« Unn vielleicht dhät se'm aach sage: »Ich

unglicklich Fraa! Auslaafer hätt ich hawwe könne, unn en Korferscht muß

ich kriehe!«

Er lächelte vor sich hin. Ein Lächeln, in dem viel Mitleid mit sich

selbst lag.

Sein Eheleben war ein unheilbar Kranker, das sah er nun selbst ein.

Weder mit Gewalt, wie es Petruchio in dem Theaterstück fertig gebracht

hatte, noch mit Güte war eine Widerspenstige wie Katharina zu zähmen.

»Merr secht, daß aus der ehelich Lieb mit de Jahrn die still

Freundschaft erausschluppt wie e Hinkelche aus'm Ei, -- awwer mei Eh' is

e Windei. Da schluppt kaa Freundschaft eraus unn kaa Kameradschaft, unn

wann ich noch hunnert Jahr druff erumbrüt'! Des Ei, des hat der Deiwel

gelegt.«

Äußerlich freilich war seine Ehe seit einiger Zeit geruhiger geworden.

Katharina machte ihm kaum mehr Szenen, sie schien es nicht mehr der Mühe

wert zu halten. Sie behandelte ihn jetzt mit einem verächtlichen

Lächeln, sie benahm sich ihm gegenüber etwa wie ein Lehrer, der einen

Schüler endgültig aufgegeben hat. »Wozu sich noch über solch einen

Menschen ärgern? Da ist ja doch Hopfen und Malz verloren.«

Adolf bekam pünktlich sein Essen, sein Zimmer wurde aufgeräumt, seine

Wäsche wurde gewaschen und geflickt, -- mehr hatte er nicht zu

beanspruchen.

Um so eifriger beschäftigte sich Katharina nun mit sich selbst. In ihr

war offenbar endlich die weibliche Putzsucht erwacht; sie, die bisher

stets im Aufzug einer Aufwaschfrau im Hause herumgetobt hatte, begann

plötzlich Wert auf proppere Kleidung und eine ordentliche Frisur zu

legen. Sie abonnierte eine billige Modenzeitung, schneiderte sich nette

Blusen, ja sie fing sogar an, ihre Fingernägel zu pflegen. Sie wurde

eine gute Kundin des blondgelockten Herrn Hippenstiel.

Das Glanzstück ihrer Ausstattung war ein greller, knalligbunter

Sonnenschirm, der jedem Negerhäuptling zur Zier gereicht hätte. In der

Wüste hätte der Sonnenschirm sicherlich sehr dekorativ gewirkt, -- in

Offenbach blieben die Leute stehen, wenn Käthchen das Monstrum

spazierentrug, und dachten: »Da muß e Farwe-Fabrik explodiert sei'!«

Katharina aber hatte sich von je wenig um die Meinung anderer

Sterblicher gekümmert; sie fand den Schirm wundervoll, und sie machte es

den Kritikern gegenüber wie der Esel in der Fabel, der behauptete, die

Nachtigall beneide ihn um seine schöne Stimme.

Adolf hatte anfangs die Änderung in Katharinas Kleidung mit freudiger

Hoffnung gesehen. »Se will mich an sich locke!« sagte er sich. »Se will

merr widder gefalle.«

Und er beschloß, ihr auf halbem Wege entgegen zu kommen, und dachte

schon daran, sein Dachstubenexil aufzugeben.

Aber der erste Annäherungsversuch wurde mit so unverkennbarem Hohn

aufgenommen, daß er keinen zweiten wagte. Obwohl ihn Bindegerst dazu

ermunterte.

»Du kannst sage, was De willst, Adolf, des war net gut, daß De da enuff

gezoge bist! E Mann geheert bei sei Fraa! Sonst kimmt se uff dumme

Gedanke! Odder hastde am End' noch die Absicht unn baust Derr e Nest uff

de Schornstei' unn haust da drowwe als Klapperstorch?«

»Ich wollt, ich #wär# e Klapperstorch!« seufzte Adolf. »Dann könnt ich

jeden Herbst nach Afrika ziehe, unn dhät merr die ahle Piramide aagucke

unn dhät mit de Kamele e bissi polidisiern. Nor Kinner bringe dhät ich

kaa. Dann ich glaab, ich könnt mich net trenne von dem Storchedeich. All

die klaane Buwe unn Mädercher, wie se da erumplätschern in dem Deich unn

uff de Blädder von dene Wasserrose Dambfschiffches fahrn, -- Vadder, muß

des schee sei'!«

Bindegerst ließ ihn stehen. Auch er hatte Adolf längst aufgegeben. Wenn

er ihn sah, summte er vor sich hin:

»O Gummizell, o Gummizell,

Wie grien sin Deine Blätter!«

Im übrigen wich er Adolf aus, wo er irgend konnte. Es war, als habe der

Alte ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen, als fürchte er, das Gespräch

könne auf ein Thema kommen, über das er nicht reden wollte oder durfte.

Der ehedem so geschwätzige Drechslermeister wurde immer stiller, die

Schnapsflasche war seine einzige Ansprache. Sie war von der heimlichen

Geliebten zur offiziellen Kaiserin gestiegen, und Bindegerst hielt es

für seine Pflicht, alle zehn Minuten eine Audienz bei ihr zu erbitten.

»Vadder, da steht Dei Schnapsflasch uff'm Disch!« mahnte Adolf einmal

erschrocken, als er zum Nachtessen herunterkam.

Aber Bindegerst erwiderte: »Des is net die mei'! Die geheert'm Kättche!«

Das hatte ihm einen tiefen Stich ins Herz gegeben. Also auch Käthchen

fing an ...

Aber er hatte nichts gesagt. Er wußte ja, sein Wort galt nichts.

Vielleicht hatte Käthchen ganz recht, und es war tatsächlich das beste,

das Leben, dieses zweifelhafte Geschenk, von dem man nicht wußte, ob es

vom lieben Gott oder vom Teufel stammt, im Halbschlaf, in der Narkose

des Alkohols zu verbringen? Vielleicht haben die Eltern Unrecht, die

ihre Kinder zu eiserner Pflichterfüllung erziehen, und jene

Leichtlebigen sind die besseren Eltern, die die Genußsucht ihrer

Sprößlinge fröhlich und ungehemmt emporschießen lassen? Vielleicht ist

der Fleiß nur eine törichte Angewohnheit, und die Ehrlichkeit nur eine

Feigheit?

»Ich wer's #aach# emal mit'm Schnaps browiern!« nahm sich Adolf vor.

Aber er brachte es nicht übers Herz. Ihn ekelte davor. »In meim Alter

lernt merr nix mehr dazu«, sagte er sich resigniert. »Net emal mehr e

Laster! Dreißig Jahr frieher hätt ich 's Saufe aafange solle, dann wär

vielleicht e glicklicher Mensch aus merr worn!«

Und er sann: »Weshalb dhut's Kättche drinke? Hat se'n Schmerz zu

bedäuwe? Is se unglicklich? Unn #wann# se unglicklich is, wer

annerschter kann draa schuld sei' wie #ich#? -- Awwer ich dhu err doch

nix zu leid? Ich redd err doch in nix erei, ich gebb err doch Alles, was

ich verdien, unn habb noch nie e Abrechnung verlangt? Awwer vielleicht

is des grad der #Fehler#? Vielleicht faßt se des als Gleichgiltigkeit

uff?«

Er spann diesen Gedankenfaden weiter, und die Frage überfiel ihn: »Lieb

ich se eigentlich noch?«

Ach, das war eine schmerzliche Frage, -- viel, viel peinigender als die

Frage, die er sich ehemals vorgelegt hatte: »Hat se #mich# eigentlich

noch e bissi lieb?«

Liebte er Katharina noch? Wenn er sie nicht mehr liebte, dann lastete ja

alle Schuld des Unglücks auf #ihm#, dann war #er# es ja, der die Ehe

entweiht hatte, dann hatte er sie durch ein Gelübde an sich gelockt, das

zu halten er nicht imstande war.

Und der arme Adolf Borges, dessen ganzes Wesen lichte Güte war,

zermürbte sich in Selbstquälerei: kannst Du überhaupt lieben? So lieben,

daß es nicht nur Dich, sondern auch den Gegenstand Deiner Liebe

beseligt?

Oder war seine Liebe nur ein süßer Eigennutz? Zuckerzeug der Seele, das

man behaglich lutscht, sich einen Genuß zu verschaffen?

»Hätt' ich's iwwer 's Herz gebracht, in die Dachstubb zu ziehe, wann ich

se werklich noch lieb hätt'? Hätt' ich des in de erschte Jahrn von

unserer Eh' gekönnt? Da haww ich doch net eischlafe könne, wenn ich se

net newe merr gefiehlt habb!«

Aber ihm kamen selbst Zweifel, ob dies ein Prüfstein der Zuneigung sei.

»Merr werd doch älder, unn immer fordissimo singe, des kann kaa Mensch.

Außer'm ahle Bindegerst. Is die Lieb werklich wie e geheizt Zimmer, wo

merr von Zeit zu Zeit nachschürn muß, daß merr net erfriert? Kann merr

die Lieb iwwerhaapts mit'm Thermometer nachmesse?«

Nein, so konnte er sich nicht über den Zustand seines Herzens klar

werden. Er begann sich auszumalen, wie sein Leben wohl #ohne# Katharina

aussehen würde?

Und da mußte er sich gestehen: nein, ohne Katharina konnte er sich sein

Dasein nicht mehr vorstellen. Der Gedanke, daß sie vor ihm sterben

könne, daß er sie überleben könne, war unmöglich. Katharinas Tod würde

auch der seine sein.

Und er jubelte auf: »Ich lieb se noch! Gott sei Dank, ich lieb se! Net

mit erer Lieb, die sich alle fimf Minute abknutsche muß, awwer mit 'rer

Lieb, die wo aach des schlimmst häuslich Gewidder net entworzele kann!

Ich lieb se noch! Unn wer net uffheern, se zu liewe! Grad wie de klaa

Gustav!«

Er hatte sich von Herrn Schröder eine der ausrangierten Modellpuppen,

die oben auf dem Speicher moderten, schenken lassen, eine jener

Holzpuppen, die ehemals zum Ausstellen von Schulanzügen für Knaben

gedient hatten, bis vornehmere Wachsfiguren ihnen dieses Amt abnahmen.

Diese Holzpuppe hatte er mit heimgenommen, hatte ihr Gustavchens

Matrosenanzug angezogen.

Nun stand sie neben seinem Bett, und manchen Abend saß er davor, zupfte

die Joppe zurecht, band ihr den Schlips und führte mit ihr die

seltsamsten Gespräche.

Oder er rückte seinen Stuhl ganz dicht heran, schnitzelte aus

Zeitungspapier Schiffchen und Helme, und ihm war, als höre er wieder das

süße Stimmchen lispeln: »Was machß'n Du da??«

Und der Mann im Mond schüttelte den Kopf und murmelte: »Thät' er lieber

Schnaps saufen! Das war' immer noch besser!«

Im Geschäft machten sie jetzt kaum mehr Witze über ihn, -- denn Witze

macht man nur über Menschen und Dinge, die man innerlich ernst nimmt.

Den kleinen Adolf aber betrachteten die übrigen Angestellten lediglich

noch als Gnadenbrotempfänger. Der neue Ausläufer, ein fixer,

mundgewandter Kerl, hatte fast alle Packarbeit an sich gerissen, und an

Adolf Borges erinnerte man sich eigentlich nur noch am Tage der

Gehaltszahlung.

Und auch da schien man ihn einmal zu vergessen. Denn der eklige

Kassierer, der jedem Angestellten am Monatsschluß das Gehalt in

verschlossenem Briefumschlag aushändigte, überging ihn. Verdutzt wartete

Adolf, bis es Zeit für ihn war, die Pakete zur Post zu bringen, dann

klopfte er an die angelehnte Türe des Privatkontors.

»No, Adolf, was is dann?« frug väterlich der dicke Herr Schröder.

»Ich habb kaan Lohn krieht, Herr Schröder. Ich bin vergesse worn.«

Herr Schröder sah ihn erstaunt an. »Awwer Adolf,« sagte er vorwurfsvoll,

»Se hawwe'n doch schonn längst! Ihne Ihr Fraa hat'n doch vor acht Dag

perseenlich abgeholt. Unn hat sich aach noch Vorschuß gewwe lasse uff's

nächste Mal! Wisse Se dann des net?«

»Doch!« stotterte Adolf. »Nadierlich!... Entschuldige Se bloß... mei

Kobb... mei Gedächtnis läßt mich als im Stich...«

Er lief schnell hinaus. Er fürchtete, man könne ihm seine Bestürzung,

sein Entsetzen ansehen. Die Kunst der Verstellung hatte er nie

beherrscht.

Als Adolf an diesem Abend das Postgebäude verließ, trat Herr Heinrich

Baldrian, der offenbar auf ihn gewartet hatte, auf ihn zu.

»Gu'n Abend, Adolf«, redete er ihn an. »Wollen wir nicht 'n Stückchen

zusammengehen?«

»Wann Se sich net scheniern, mit so'me schäwige arme Deiwel zu laafe«,

erwiderte Adolf bitter.

»Reden Se kein' Unsinn!« sprach Herr Baldrian. »Wir können aber auch 'n

Glas Bier zusammen trinken, wenn Ihnen das lieber ist?«

»Naa, Herr Baldrian, des geht net! Ich habb kaa Zeit, ich muß haam bei's

Gustavche!«

Heinrich Baldrian sah ihn von der Seite an. Was sagte Adolf da?

Einige Minuten schritten sie schweigend nebeneinander.

Dann hub Herr Baldrian an: »Adolf, ich hab' heut Abend die kleine Szene

zwischen Herrn Schröder und Ihnen beobachtet, -- hm, wenn Sie vielleicht

etwas Geld brauchen?«

Unwillkürlich blieb Adolf stehen. Er war leichenblaß geworden.

»Nun ja,« sagte Herr Baldrian, »ich geb's Ihnen gern. Wirklich. Und kein

Mensch wird's erfahrn. Mein Ehrenwort.«

Er hatte noch mehr sagen wollen, aber erschrocken hielt er inne.

Denn Adolf lehnte an einem Laternenpfahl, das Gesicht in den Händen

bergend, und haltloses Weinen schüttelte seinen Körper.

»Aber Herr Borges, was ist Ihnen denn? Wenn ich das gewußt hätte... Ich

wollt' Ihnen ja nicht weh tun...«

Da raffte sich Adolf wieder auf, richtete seine nassen, blauen

Kinderaugen stumm auf den Begleiter. Und es war Herrn Baldrian, als

hätte er noch nie in so dankbare, treue Augen geblickt.

Ganz beschämt fühlte er sich, und wie abwehrend meinte er, in

grenzenloser Verlegenheit: »Aber Adolf, Sie überschätzen das... Das ist

gar kein so großes Opfer für mich!«

Adolf drückte seine Hand und flüsterte: »Ich waaß, Herr Baldrian, ich

waaß!... Sage Se nix mehr, sage Se nix mehr... Ich waaß schonn!...«

Und nach einer Weile: »Sin Se froh, Herr Baldrian, daß merr uff der

Gass' sin, unn daß die Laderne so hell brenne, -- sonst dhät ich jedz

vor Ihne nidderkniee... Herr Baldrian, Se wisse ja net, wie dankbar so e

eisamer Mensch sei' kann!«

Oh doch, das wußte Heinrich Baldrian nur zu gut. Und deshalb sprach er

im Weitergehen: »Adolf, ich bin vielleicht noch viel einsamer gewesen

als Sie! Aber man muß das Leben nicht so wichtig nehmen. Schattenbilder,

sonst nichts. Zur Freude am Leben gelangt man erst, wenn einem das Leben

gleichgültig geworden ist. Der liebe Gott hat den Menschen aus Erde

gemacht, heißt es -- aber an dem Tag muß es beständig geregnet haben,

und so ist der Mensch aus lauter Schmutz entstanden. Schmutz, wohin man

sieht -- vergoldeter Schmutz, versilberter Schmutz oder unbeschönigter,

purer Schmutz. Aber das macht nichts. Das ist sogar ganz lustig, wenn

man erst einmal dahinter gekommen ist. Solang man sein Glück von den

Menschen erhofft, ist man zur Einsamkeit verdammt. Man muß sich jenseits

des Lebens umsehen und seine arme Seele mit den überirdischen Stationen

telephonisch verbinden lassen, mit der Religion, oder der Dichtkunst,

oder der Musik, oder der Philosophie. Und das schönste ist: wenn man so

mitten im besten Telephongespräch ist, dann merkt man auf einmal, daß

das Fräulein in der himmlischen Telephonzentrale wieder einmal

geschlafen hat, und daß man #mit sich selbst# verbunden ist.«

So redete Herr Heinrich Baldrian wohl eine halbe Stunde lang.

Aber Adolf Borges schüttelte verneinend den Kopf. »Se maane's gut, ich

spier's, unn es dhut merr wohl, so wohl -- awwer des is All zu hoch for

mich! Ich geheer' scheints zu dem #unbeschönigte# Schmutz. Ich versteh

nix von der Philosophie unn all dem Zeug, unn #wann# ich ebbes dervoo

verstehn dhät, dhät merrsch aach nix nitze! Des verseehnt merr mei

Kättche net, unnn gebbt merr aach mei Gustavche net widder. -- Gu'n

Nacht, Herr Baldrian! Schlafe Se wohl! Grieße Se merr des himmlisch

Delefon, -- awwer ich bin e armer Schlucker unn kann merr kaan

Delefonanschluß leiste!«

Dies war der letzte Abend in Adolfs Leben, an dem die Nächstenliebe

seinen Weg kreuzte. Und bald dämmerte der Abend, der sein letztes

bißchen Glückshoffnung in Scherben schlug.

Er saß Katharina gegenüber am Abendtisch und würgte schweigend das

bescheidene Essen herunter. Das war nicht das beseligende Schweigen, das

zwischen zwei Freunden webt, die des groben Werkzeugs der Sprache zur

Sicherung gegenseitiger Hingabe nicht bedürfen, ein verbittertes

Schweigen war es, hinter dem das Mißtrauen lauerte, ein Schweigen, das

die Angst vor bösen Worten diktierte.

Katharina hatte sich nach ihrer neuen Gewohnheit so durchdringend

parfümiert, daß der süßliche Geruch sogar den scharfen Duft der

marinierten Heringe übertäubte. »Wo nor der Vadder bleibt?« sagte Adolf

schließlich. »Die Quellkartoffle wern ganz kalt.«

»Dann soll er se #kalt# fresse!« knurrte Katharina. »Ich habb'm schonn

zwaamal gerufe, die Gorjel kann ich merr net aus'm Hals kreische!«

Adolf aß weiter. Aber als nach einer Viertelstunde Bindegerst noch immer

nicht erschien, stand er auf. »Ich wer' en hole!«

Er tastete die Treppe hinunter, auf der aus Sparsamkeit kein Licht

brannte.

Das Geräusch des Holzsägens drang an sein Ohr.

Er schmunzelte. Was mochte der Alte zu so später Stunde noch für ein

Kunstwerk zusammenzimmern? Welche Arbeit nahm ihn so gefangen, daß er

sogar das wiederholte Zeichen zum Essen überhört hätte?

Aber plötzlich lief es Adolf eiskalt über den Rücken. Das war kein

Holzsägen ... das war ein langgezogenes Röcheln...

Er sprang atemlos die Stiege hinab, riß die Türe zur Werkstatt auf.

Da lag der alte Bindegerst mit geschlossenen Augen neben der

Drechslerbank am Boden. Die Hände griffen mit gekrümmten Fingern nach

dem Hinterkopf, aus dem das Blut sickerte, und mit dem Schnaps der

zerbrochenen Flasche eine schmierige Lache bildete.

»Vadder, was is Derr?«

Adolf kniete neben ihm nieder, versuchte den Ächzenden aufzurichten.

»Vadder«, wimmerte er. »Vadder, so redd doch 'n Ton!«

Aber der Alte gab keine Antwort. Nur sein Röcheln klang noch schärfer,

und sein Gesicht verzerrte sich in doppeltem Schmerz.

Adolf stand auf. Instinktiv erkannnte er, was geschehen war. Der Alte

hatte, wie so oft, im Schnapsrausch das Gleichgewicht verloren, war

gegen die Drechslerbank getaumelt und mit dem Hinterkopf in eines der

geschärften, spitzigen Werkzeuge gefallen.

Wieder kniete er nieder.

»Vadder, kennstde mich dann net? Ich bin doch der Adolf!«

Er rüttelte den Bewußtlosen.

Da schlug Bindegerst die Augen auf. Seine Hände tasteten an Adolfs

Ärmel. Er richtete den Kopf ein wenig empor, sank aber gleich wieder

zurück.

»Willstde Wasser, Vadder? So sag doch ebbes ... ich fercht mich ja so!«

Die Lippen des Sterbenden bewegten sich, aber er brachte kein Wort

hervor.

»Willstde merr was sage, Vadder?«

Ein kaum sichtbares Kopfnicken.

Adolf riß ihm die Joppe auf, nestelte mit zitternden Händen den Kragen

ab. Das schien dem Verblutenden wohl zu tun.

»Adolf ... Adolf ... ich habb Derrsch versproche ... weilsde merr mit

dem Sparkassebuch ...«

»Awwer Vadder, des is doch jedz ganz egal, des dhut doch nix ...«

»Adolf ...!«

»Ja, Vadder?«

Er beugte sein Ohr dicht zu Bindegersts Mund. Aber die Worte ertranken

in rasselndem Stöhnen.

Adolf umarmte den zuckenden Leib, küßte die Stirn verzweifelt.

Noch einmal kehrte das Bewußtsein auf kurze Augenblicke zurück.

»Adolf ... Du bist ... zu gut for se ...«

»Nein, Vadder! Nein!« jammerte Adolf. »Sag des net!«

»... Adolf ... des Kättche unn der Hippestiel ... der Friseer ... schon

iwwer zwaa Jahr ... Adolf!!«

Er versuchte sich aufzurichten, seine angstvoll geweiteten Augen

starrten in unbekannte Ferne. »...ich wollt Derrsch schon immer ... die

zwaa ... des Kättche unn der Hippestiel... die zwaa...«

Er ballte die Faust, sein Leib wälzte sich in der Lache, seine Linke

griff in die Scherben der Flasche, zerkrallte sie. Aber er fühlte nichts

mehr.

Der Widerspenstigen Zähmung · 第 12 / 15 题