Adolf rannte die Treppe hinauf. »Kättche, der Vadder sterbt!«

Ein gellender Schrei antwortete ihm.

Dann war er allein.

Er schloß die Türe zur Treppe. Eisige Ruhe überkam ihn. Noch nie in

seinem Leben hatte er die Dinge so klar gesehen.

Was geschah hier? Sein Schwiegervater starb. Gut, alle Menschen müssen

sterben. Auch sein Gustavchen hatte sterben müssen. Und war doch so jung

gewesen.

Aber weshalb hatte Katharina so geschrieen? Das war der Schrei tiefsten

Schmerzes gewesen. Also liebte sie doch einen Menschen, ihren Vater. --

Ihren Sohn, ihren Gatten hatte sie nie geliebt. Merkwürdig.

Aber mit dem Vater hatte sie ja unter einer Decke gesteckt. Die Beiden

hatten ja gemeinsames Spiel gespielt, sie hatte ihn betrogen, und der

Alte wußte es -- seit zwei Jahren -- --

Plötzlich griff er mit den Händen an den Hinterkopf, so wie es vorhin

Bindegerst getan hatte.

»Ich will nix wisse!« stöhnte er. »Ich will nix wisse!«

Er ging wieder hinunter in die Werkstatt.

Da lag der alte Bindegerst ganz still. Und Käthchen saß auf dem Schemel,

auf dem er einst dem Alten beim Schnitzen der Wiege und dann beim

Zimmern des Grabkreuzes zugeschaut hatte, und weinte, wie er sie noch

nie hatte weinen sehen.

Es trieb ihn unwillkürlich, sie zu trösten, er hob die Hand, sie zu

streicheln, aber er zog die Hand wieder zurück, als habe er sie

glühendem Eisen genähert. Und ging hinaus.

Und wieder kam der Zug zum Friedhof, der Pfarrer redete, die Nachbarn

drückten ihm beileidsbezeigend die Hand, und Herr Hippenstiel trug

wieder seinen tadellos gebügelten Zylinder und die erstklassigen

schwarzen Glacéhandschuhe.

Adolf beobachtete ihn genau. Er lauerte, ob der Friseur und Käthchen

einen Blick wechseln würden.

Aber Katharina hielt während der ganzen Dauer des Begräbnisses das

Taschentuch vors Gesicht und schluchzte ununterbrochen.

Und Adolf dachte: »Vielleicht haww ich'n in der Uffregung falsch

verstanne. Vielleicht hat er aach in der Besoffeheit net gewißt, was er

redt. Odder vielleicht hat'r ganz was annerscht sage wolle, unn die

Wörter sin em im Sterwe dorchenanner komme? Könnte ich'n nur aus der

Erd' kratze unn en noch emal frage!«

Er nahm sich vor, Hippenstiels Laden zu besuchen. Er wollte sich

rasieren lassen und dabei genau auf das Benehmen Hippenstiels und des

Gehilfen achten: irgendwie würden sie sich schon verraten, durch ein

Lächeln, ein Zucken der Mundwinkel, eine unwillkürliche Geste. Oh, ihm

würde nichts entgehen.

Aber er führte den Plan nicht aus. Ihm fehlte die Tatkraft. Er besaß

nicht den Mut, dem Unglück entschlossen entgegenzutreten. Er wußte

nicht, daß das Unglück eines jener Raubtiere ist, die keinen Angriff

wagen, wenn man ihnen furchtlos ins Auge sieht.

Statt sich durch rasches Zugreifen Gewißheit zu verschaffen, fing er an

zu grübeln, zu kombinieren, wie es seine Art war.

Er rief sich jene Szene draußen auf der Waldbank ins Gedächtnis zurück,

als Bindegerst ihn so unvermutet wegen des Sparkassenbuchs um Verzeihung

gebeten hatte: »Vielleicht kimmt doch emal e Gelegenheit, wo ich mich

erkenntlich zeige kann! Vielleicht!«

Was hatte der Vater damit gemeint? Hatte er Adolf damals schon die Augen

öffnen wollen? War das eine Andeutung gewesen, die er nicht verstanden

hatte?

Er hatte ja auch im Sterben vom Sparkassenbuch zu lallen begonnen.

Sollte die Enthüllung der versprochene Dank sein?

Und wie ihm Bindegerst in der letzten Zeit ausgewichen war! Und sein

Vorwurf »des war net gut, daß De da enuffgezoge bist!« Hatte der Alte

deutlicher sein können? Und das Alles hatte er überhört.

»Ich bin blind«, sagte sich Adolf. »Wie die Kinner, wann se Blindekuh

spiele, laaf ich mit verbunnene Aage erum, unn dapp nach rechts, unn

dapp nach links, unn erwisch nix, sonnern reiß merr nor an de Bäum unn

Hecke die Händ blutig! Ich bin dümmer wie die Bolizei erlaabt, unn grad

uff #dem# Gebiet erlaabt doch die Bolizei mehr wie uff jeddem annern.

Ich bin e Kamel, so groß, daß es in der ganze Wüst' kaan Blatz hätt'.

Wie der Verstand ausgedeilt worn is, muß ich geschlafe hawwe. Awwer ich

glaab als, der Verstand is iwwerhaapts net #ausgedeilt# worn, sonnern

der liewe Gott hat'n unner die Mensche geschmisse, wie die reiche Leut

als Klaageld unner die Buwe schmeiße, unn die Frechste hawwe am meiste

erwischt.«

Konnte sich der alte Mann nicht überhaupt getäuscht haben? Wenn seine

Anklage sich nur auf leeren Verdacht gründete? Einen Beweis hatte er ja

nicht gegeben.

Aber war Katharinas verändertes Wesen nicht Beweis genug? Für wen zierte

und schmückte sie sich? Und parfümierte sich, daß es kaum auszuhalten

war? Und behandelte ihn mit offenkundiger Verachtung? Mit der

Verachtung, die dem Manne, der sich betrügen läßt, nur allzu reichlich

gebührt?

Adolf wußte nicht, was er glauben sollte. Denn er #wollte# nicht

glauben. Ihm war zumute wie einem schuldigen Verbrecher vor der

Urteilsverkündung. Er bebte: gibt es kein Mittel, gar kein Mittel, die

Entscheidung hinauszuzögern?

Nun wich er Katharina aus, wie ehemals Bindegerst ihm. Er konnte ihr

nicht in die Augen sehen, nicht mit ihr sprechen. Gleichgültiges brachte

er nicht über die Lippen, und den Verdacht, der ihm die Seele

beschwerte, wollte er nicht preisgeben.

Er kannte aus Romanen und Zeitungsgeschichten die heroische Geste, mit

der sich betrogene Gatten zu rächen pflegen. Aber zu dieser Geste hätte

er sich nie aufraffen können. Denn er verspürte keinen Rachedurst. Nicht

einmal richtig »böse sein« konnte er dem Herrn Hippenstiel, -- nur

traurig war er, trostlos traurig.

Alle Sterne seines Himmels waren erloschen, tiefschwarze Nacht

umbrodelte ihn.

»Was haww ich eigentlich von mei'm ganze Lewe gehabbt? E Fußball bin

ich, den wo die Herrn Feldmann unn Schröder vom Geschäft uff die Post,

von der Post haam, unn von dahaam ins Geschäft gekickt hawwe! Unn wie e

Fußball bin ich von alle Mensche nor mit Fußtritte beehrt worn. -- Naa,

daß ich gerecht bleib, e paar aastännige Mensche haww ich #doch# kenne

gelernt: de Herr Bernheim, der merr immer sei Butterbrod zor Vesper

gewwe hat, »Da, Adolf, freß!« unn de Schröder, des gutmiedig

Zwaazentnerferkel, unn de Herr Baldrian, der mich zum himmlische

Delefonfräulein ausbilde wollt'. Des warn gute Mensche, unn wann die

groß Schnaps-Sintflut komme dhät, wo der ahl Bindegerst davoo geschwermt

hat, dann dhät ich de liewe Gott bitte: »Nemm die drei mit in die Arch',

se verdiene's! Die iwwerig Menschheit kannstde ruhig versaufe lasse!

Mich zu allererscht! Ich kann sowieso net schwimme! Wann ich aach e

Fußball bin.

Unn ich habb doch emal Wunner geglaabt, was ich for e Mordskerl bin.

Damals, wie merr verlobt warn, wie ich mit'm Kättche awends am Mää

spaziern gange bin. Ach, wär' ich doch damals gestolwert unn

ereigeborzelt! Da hätte wenigstens die Fisch was zu lache gehabbt! ...«

»Adolf,« sagte Katharina am dritten Tag nach Bindegersts Begräbnis, »des

Haus geheert jedz uns!«

»Ja,« sagte Adolf, »jedz geheert's uns. Merr könne's verkaafe, wannstde

maanst.«

»Schafskobb!« fuhr ihn Katharina an. »Des guckt Derr widder ganz

ähnlich! Nix werd verkaaft! Awwer unne die Werkstatt unn de Lade wer'

ich vermiete. Verstanne?«

Und sie führte diese Absicht sogleich aus. Als Adolf einige Tage später

ins Geschäft ging, arbeiteten schon drunten die Handwerker an der

Auffrischung der Räume.

Und am nächsten Mittag turnte vor dem Schaufenster ein Mann auf einem

Gestell herum und pinselte in großen Buchstaben den Namen einer Firma

auf die Glasscheibe.

»Gottlieb« stand da. Der Nachnamen war noch nicht geboren.

Drüben an der Ladentüre stand Herr Hippenstiel und schaute dem

Malkünstler zu.

»Gu'n Dach, Herr Borges!« rief er hinüber.

Aber Adolf gab keine Antwort.

»Wann ich mich nur e bissi verstelle könnt!« murmelte er. »Wann ich nor

so e bissi Katzefreundlichkeit heuchele könnt! Awwer ich bring's net

fertich. So was dummes wie ich werd net zum zweite Mal geborn!«

Er ging geradewegs ins Geschäft, denn auch das Abholen der

Geschäftsschlüssel in Herrn Feldmanns Wohnung besorgte längst der neue,

junge Ausläufer.

»Ich glaab, se dhäte's iwwerhaapts net merke, wann ich dahaam bleiwe

dhät! An mich denkt kaa Mensch!«

Mit dieser Behauptung tat Adolf Borges der Menschheit wieder einmal

Unrecht. Denn gerade an diesem Nachmittag sagte der dicke Herr Schröder

zu seinem Teilhaber:

»Hermann, nächste Woch' werd's dreißig Jahr, daß der Adolf bei uns is.

Maanstde net, merr sollt da erjend ebbes mache?«

»Schreib emal an die Kasern, vielleicht halte se e Parad for en ab!«

»Da werd'r kaan Wert druff lege. Awwer e Geschenk könnt mer'm doch

gewwe. Es braacht ja net gleich e Milljon koste. Unn aach'm Personal

sollt merrsch sage, daß se so e klaa Feier veraastalte. Der Herr

Baldrian könnt die Festredd halte, ich glaab, dem leiht so was! -- Unn

's war doch aach e Reklam' fors Geschäft, wann's in die Zeidung käm.«

»Mach, was De willst! Mir is worscht, ich bin kaa' Danzlehrer!«

Als Adolf Abends nach Hause kam, war der Mann mit dem Malgestell

verschwunden.

Und Adolf las auf der Glasscheibe:

Gottlieb Hippenstiel

Coiffeur und Friseur

Ausführung aller Haararbeiten zu billigsten Preisen.

* * * * *

Eine unbändige Wut überkam ihn.

Also an #ihn# hatte Katharina den Laden vermietet. So weit trieb sie den

Zynismus.

Er stürmte hinauf, bereit, Katharina zu prügeln, zu mißhandeln.

Aber schon auf der Treppe wurde er in seinem Entschluß schwankend. Was

nützte es, eine Szene zu machen? Gar keinen Wert hatte es. Es war ja

doch Alles aus.

Und als er vor der Wohnungstüre stand, hörte er drinnen zwei lachende

Stimmen.

Da stieg er langsam zur Dachstube. Er schloß das Fenster, denn draußen

regnete es.

Er nahm das Bild Gustavchens von der Wand, betrachtete es lange, lange.

Dann drehte er es um, schnitt es aus dem Rahmen, zerriß es in kleine

Fetzen, stopfte sie in den Ofen und verbrannte sie.

Ganz ruhig und bedächtig tat er das.

Wie ein sorglicher Familienvater, der seine Angelegenheiten ordnet.

Dann zog er der Holzfigur den Matrosenanzug aus. Er rollte ihn zusammen,

schnürte ihn mit dem Schlips fest.

Nahm das Bündel unter den Arm und stieg langsam, auf den Zehenspitzen,

die Treppe hinab.

An der Wohnungstüre blieb er einen Augenblick stehen.

Und nun schlich er durch die naßtrüben Straßen, dem Main zu.

Das Bündelchen mit Gustavs Matrosenanzug hielt er dicht an sich gepreßt.

»Babba, was machß'n Du da??« frug plötzlich ein Stimmchen.

»Ich geh ins Wasser, Gustavche! Versaufe dhu ich mich!«

»Warum dann, Babba?«

»Da bistde noch zu jung dazu, des verstehstde noch net, mei Liebling.«

»Awwer 's Wasser is doch so kalt, Babba?«

»Des spier' ich net mehr, mei Kind. Ich habb kaa Gefiehl mehr. Laß' mich

nor mache!«

Das Zwiegespräch verstummte.

Der Widerspenstigen Zähmung · 第 13 / 15 题