»Wodruff? Hastde Deller mitgebracht? Ich habb kaa, die sin all' kabutt.«
Adolf kratzte sich hinter'm Ohr.
»Da haww ich ganz draa vergesse,« stotterte er. »Heut Awend bring ich
welche mit!«
»Awwer vorher fegstde die Scherwe uff!« befahl Katharina.
Sie band ihm die Küchenschürze um, drückte ihm Besen und Schaufel in die
Hand.
»Marsch, erei, unn uffgekehrt!«
Und der kleine Adolf kehrte demütig die Scherben zusammen.
Bindegerst sah ihm zu und sprach: »Adolf, Du hast Dei Sach' gut gemacht,
awwer gege #höchere Mächte# kann der Mensch nix mache!«
»Sei widder gut, Kättche!« bat Adolf abends. »Ich waaß selwer net, was
ich heut morje gehabbt habb. Gebb merr en Kuß!«
Aber Käthchen drehte ihm den Rücken. »Merr sin noch lang net fertich
miteinanner, mei Liewer! Ich guck, daß Samftmut bei Dir nix nitzt, --
gut, ich kann aach annerschter sei'!«
Und sie war fortan so annerschter, daß Adolf auf die Frage des Herrn
Baldrian, wie ihm das Stück gefallen habe, antwortete: »Gespielt hawwe
se's ganz schee, -- awwer des Stick daugt nix! Ganz unwahrscheinlich,
Herr Baldrian! E echt amerikanischer Schwindel!«
Gar viele Liebespärchen, solche mit und solche ohne standesamtliche
Ambitionen, hatte der Mann im Mond beobachtet, seit er den scheppen
Adolf hatte in die Falle gehen sehen, in der ein so magerer Köder hing.
Nun hatte er ihn längst aus den Augen verloren. An einem Winterabend
aber, als die Luft klar war wie geschliffenes Glas, fielen die Blicke
des himmlischen Holzarbeiters wieder einmal in das Dachfensterchen und
blieben erstaunt an dem Bilde haften, das sich bot:
Vater Bindegerst hatte das Ohr an die Türe gelegt und lauschte grinsend
dem Lärm, der aus dem unteren Stockwerk scholl.
»Se kloppt em de Aazug, ohne daß er'n ausgezoge hat!« schmunzelte er.
»Jeder Schlag en Treffer! Ich kann de Adolf net verstehe! So e Eh' hätt
ich schonn hunnertmal gekinnigt. Awwer so is des Lewe: e Gemeinheit von
hinne bis vorne! Von owwe bis unne. -- Ui, schonn widder! Adolf, Adolf,
ich ließ merr de Buckel vernickele an Deiner Stell!...«
Er zog den Kopf schnell zurück, denn er hatte unten die Türe gehen
hören, setzte sich an den Tisch und zündete behaglich eine Pfeife an.
Schlürfende Schritte kamen die Treppe herauf. Adolf trat ein.
»Hat se widder ihrn elektrische Dag?« erkundigte sich Bindegerst und
schnitt ein teilnehmendes Gesicht.
Adolf ließ sich aufs Bett fallen.
»Ich halt's net mehr aus, Vadder!« stöhnte er. »Kaa friddlich Minut haww
ich mehr!«
»Der Sultan hält's mit vierhunnert Weiwer aus,« sprach sein
Schwiegervater großartig, »unn Du willst net emal die aa aushalte?? --
Mach Derr nix draus, Adolf, du waaßt doch, wie se is!«
Aber diesmal war Adolfs Seele zu tief verwundet, als daß sich der
Schmerz hätte durch solch schwache Narkotika besänftigen lassen.
»Ich wollt', ich wär dod!« sagte er. »Vier Schuh unner der Erd', -- ich
glaab, da is's Lewe am scheenste! Da is so still, die Werm unn die
Maulwerf sin kaa bissi nervös, unn was vier Schuh #iwwer# merr bassiert,
davoo heer unn seh ich nix mehr... Bloß die Sterncher, die leuchte dorch
die Erd' dorch, unn dorch de Sargdeckel, unn ich guck se trotz meine
geschlossene Aage, unn ihr Schei' mecht merr warm wie die best
Zentralheizung. An en Dodedanz, nachts von zwelf bis um aans, waaßtde
Vadder, dadraa glaaw ich net. Die Hopserei dhät mich aach nix nitze. Ich
kann ja gar net danze. Awwer daß alsemal so e Zwerg, so e Gnom kimmt,
glaaw ich, unn hebt de Sargdeckel uff unn guckt neugierig erei, -- awwer
ich stell mich, als ob ich nix merke dhät, dann ich habb kaa Lust zu
babbele. Ich habb im Lewe genuch dumm Zeug geheert. -- Gell, Vadder, Du
dhust merrsch verspreche, daß De merr Watt in die Ohrn stobbst, wann ich
dod bin?«
Bindegerst sah ihn erstaunt an.
Was sein Schwiegersohn für komische Gedankenspaziergänge unternahm! Er
selbst hatte ja auch manchmal Halluzinationen, nämlich wenn er seiner
Geliebten zu eifrig zugesprochen hatte, aber so verrücktes Zeug kam ihm
nicht in den Sinn. Ihm erschien höchstens ein Riese und trommelte ihm
mit einer Keule auf den Schädel, und wenn er sich dann aufrichtete, sah
er, daß er im Suff mit dem Kopf wider die Drechslerbank geschlagen war,
und so lösten seine Visionen sich stets natürlich und logisch.
Aber was sein Schwiegersohn in der letzten Zeit mitunter phantasierte,
das grenzte ja an helle Verrücktheit.
»Es schlägt sich bei em uffs Gehirn!« dachte er und beschloß, dem
Gespräch wieder eine reale Wendung zu geben. »Was war dann los? Was hat
se dann gehabbt?«
»Was se jedz #immer# hat! Se hat doch jedz die fix Idee: ich mißt mehr
verdiene! Da leiht se merr derrmit in de Ohrn, des is ihr
Leibtrompetestick, wo se merr von frieh bis in die Nacht enei vorbläst!
Des geht wie e Uhrwerk --
»Unn wannsde widdersprichst, dann fängt die Uhr aa zu #schlage#!«
ergänzte Bindegerst.
Adolf wischte sich mit der Hand über die Augen. »Wann ich nor wisse
dhät, ob se mich iwwerhaapts noch lieb hat? Guckstde, Vadder, des frißt
an merr unn läßt merr kaa Ruh! Ich dhät merr ja gern alles gefalle
lasse, -- was zwische meine vier Wänd vorgeht, des guckt ja Niemand --.
Maantswege kratzt se merr die Aage aus, awwer #aus Lieb# muß se kratze!
Ach Vadder, manchmal, da is merrsch grad, als ob se mich #hasse# dhät,
als ob se mich net ausstehn könnt, als ob ich'r zuwidder wär wie
Rizinusöl, unn des mecht mich noch ganz krank!«
Er schwieg verzweifelt. Der Alte legte die Pfeife weg, nahm die Flasche
unter dem Tisch hervor und stärkte sich durch einen langen Schluck zu
der Beruhigungsrede, die er jetzt angemessen hielt.
»Du nemmst's zu schwer!« tröstete er. »Iwwer die Weiwer soll merr
iwwerhaapts net so viel nachdenke! Wie se sin, so sin se, -- ich habb se
net geschaffe, ich wasch mei Pote in Unschuld. Unn's Kättche, no, wo se
doch jedz in dem Zustand is ...«
»Was for e Zustand?« frug Adolf Borges mißtrauisch.
Bindegerst feixte verschmitzt. »Awwer verstell Dich doch net, Adolf! Des
mußtde doch längst gemerkt hawwe!«
»Ich habb nix gemerkt.«
»#Des# hastde net gemerkt? Ei, in #annerne# Zuständ is se doch ...«
Adolf war erregt aufgesprungen und ergriff seines Schwiegervaters Hand.
»Was hastde da gesacht?!«
»No, bring mich nor net um!! Ich kann doch nix dafor! An mir braachstde
doch Dein Ärjer net auszulasse!«
»Ärjer?? Ärjer, Du Rindvieh?« jubelte Adolf und lachte vor Glück. »Is es
sicher? Hastde Dich aach net verguckt? Vadder, wann's nor wahr is!!«
»No, heer emal, ich bin doch net farweblind! Se geht doch schonn uff wie
Hefeteig! -- Unn des merkt der Schlemihl gar net!«
»In annerne Zuständ!« jauchzte Adolf und fing an, in der Stube
herumzutanzen.
Er war, nach seinem eigenen Geständnis, in der Kunst Terpsichores ein
vollkommener Nichtskönner und doch: selbst die Schwestern Wiesenthal und
die Clotilde Derp haben niemals die Freude so überwältigend getanzt wie
in diesem Augenblick das scheppe Adolfchen.
»In annerne Zuständ!! Was e Glick, was e Glick! In annerne Zuständ!
Vadder, ich wer' meschugge! Ich muß Derr en Kuß gewwe! Odder naa, -- ich
muß doch erscht emal nachgucke, ob's aach werklich so is! In annerne
Zuständ!!«
Und er tanzte zur Türe hinaus.
Kopfschüttelnd sah Bindegerst ihm nach. »Jetz wer' ich bald e Gummizell
reserwiern lasse misse!« dachte er. »Hastde schonn so ebbes erlebt! Ich
glaab, der schreit noch Hurrah, wann's #Drilling# wern!«
Adolf Borges sprang die Treppe hinunter, mit jedem Sprung drei Stufen,
mit den Händen gestikulierend und immer wieder jauchzend: »In annerne
Zuständ! In annerne Zuständ!«
Als er aber vor der Schlafzimmertüre stand und gerade die Klinke
herunterdrücken wollte, da fiel ihm ein, daß sein Käthchen jetzt nicht
in der Laune war, Begeisterungsausbrüche in Empfang zu nehmen, er wandte
sich zum Kleiderständer, nahm Hut und Mantel und lief davon.
Der Mann im Mond konnte ihn nun nicht mehr beobachten, denn die Erde
hatte den dichten Schleier eines Schneegestöbers vor ihr Antlitz
gezogen. Die dicken Flocken flatterten Adolf ins Gesicht, schmolzen auf
Nase und Wangen, besäten seinen Mantel mit Sternchen, als wollte der
Himmel den kleinen Mann mit unzähligen weißen Orden auszeichnen für das
Verdienst der Vaterschaft.
Wie alle Leute, die nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen, hatte
Adolf es sehr eilig. Er stürmte durch die Straßen, als gelte es, eine
Wette zu gewinnen, bis er sich auf der Landstraße nach Frankfurt fand.
Da mäßigte er das Tempo und ergab sich, langsameren Schrittes, seinen
stillen Betrachtungen.
»Wie schee is doch die Nadur eigericht': merr denkt an nix beeses, unn
uff aamal is e Kind da! Grad als ob's von selwer komme dhät, so wie die
Blumme unn die Bäum! Es gibbt Leut, die lasse sich die deuerste Beete in
ihr Gärte eneiplanze unn lasse de Gärtner dadraa erumkorkse, Gott waaß
wie lang! Awwer se könne sich uff de Kopp stelle: so e schee
Zusammestellung, wie se drauße uff de Wiese ganz von selwer werd, bringe
se net eraus. Unn wie mit de Blumme, werd's aach mit de Kinner sei'. Die
so unverhofft komme, ohne daß merr sich vorher die Bää drum ausreißt,
des wern die beste! -- Naa, ich mach merr gar kaa Gedanke drum, ob's
blond odder schwarz werd, ob's helle oder dunkle Aage hat, ob's e Bub is
odder e Mädche. Der Storch is doch kaa Gemiesfraa, daß merr mit'm
#hannelt#! Awwer blond wär merr schonn am liebste, unn wisse dhät ich
halt gern, ob's helle Aage hat, -- ach so, ich wollt merr ja kaa Gedanke
driwwer mache!«
Er lächelte in sich hinein und blieb unwillkürlich stehen. Er hörte das
feine, silberige Geräusch der fallenden Flocken und dachte: »Der liewe
Gott streichelt die Erd'. Unn er hat waaße Glacehandschuh derrzu
aagezoge. Unn er fährt mit der Hand iwwer die Schneedeck, wie e Mudder
iwwer des Wiegedeckche von ihrem Kindche, unn summt »Schlaf, Erdche,
schlaf! ...«
Wieder lächelte er.
»Ich möcht nor wisse, was ich heut habb, daß ich heut immer an #Kinner#
denk! -- Ach so, ich soll ja selwer aans kriehe! Ich krieh ja Kinner!«
Und er rief gegen den Sachsenhäuser Berg: »Heerstde's, ahler Berg, ich
krieh Kinner! Ei, Du Spinat unn gehle Riewe unn Quetschebäum unn was
sonst da drowwe wachse dhut: Kinner kriehe merr! So dhut doch lache, Ihr
verrickte Planze, schlagt doch Borzelbäum: Kinner gibbt's!«
Und er fing laut an zu lachen und schnappte im Übermut mit dem Mund nach
den Schneeflocken wie ein Fisch nach einem Brotbrocken.
Und die Telegraphendrähte summten: »Annerne Zuständ«, »Annerne Zuständ«,
als würde dieses Ereignis in der ganzen Welt herumdepeschiert.
Eine Kirchturmuhr im nahen Oberrad schlug die zehnte Stunde. Der dumpfe
Klang weckte Adolf Borges aus seinen fröhlichen Träumereien.
»Wann ich so weider laaf, bin ich morje frieh in Afrika!« sagte er sich
und machte kehrt.
Mit dem Erwachen aus seiner Seligkeit kam ihm auch die nächtliche Kälte
zum Bewußtsein. Er fühlte, daß er nasse Füße hatte, und er rieb sich die
roten Ohren. Eine Weile trabte er nun still und gesittet auf der
Landstraße dahin, gewissermaßen schon umstrahlt von Vaterwürde.
Dann kam die Freude wieder zum Ausbruch. Er bückte sich, knetete
Schneeballen und eröffnete ein Bombardement auf Telegraphenpfosten und
Bäume.
»Wann ich treff,« sagte er sich beim ersten Schneeballwurf, »dann werd's
e Bub! Geht's danewe, werd's e Mädche!«
Und beim zweiten Wurf probte er aus, ob die Haare blond oder schwarz,
beim dritten, ob die Äuglein hell oder dunkel werden würden.
Einen blonden Buben mit blauen Augen verhieß ihm dieses Orakel, und er
war damit sehr zufrieden.
Schneebedeckt und durchnäßt kam er nach Hause. Er schüttelte Mantel und
Hut vor der Haustüre aus und trampelte sich den Schnee von den Stiefeln,
um nicht Käthchens Zorn zu erregen.
Recht zärtlich wollte er seine Frau begrüßen und sie gleich befragen, ob
Vater Bindegersts Behauptung denn auch wirklich wahr sei?
Aber dazu kam er gar nicht, denn sobald er das Schlafzimmer betreten
hatte, schrie ihn Katharina erbost an, wo er jetzt herkäme, und was das
für eine neue Mode sei, mitten in der Nacht heimlich aus dem Haus zu
laufen?
Einen ganz fürchterlichen Krach machte sie, wahrend dessen sich Adolf
bekümmert auszog und niedergeschmettert ins Bett kroch. Katharina drehte
ihm den Rücken zu, blies das Licht aus und schlief ein, ohne seinen
zaghaften Gute-Nacht-Wunsch zu erwidern.
Ein gehöriger Schnupfen war das erste väterliche Opfer Adolfs.
Am nächsten Morgen beim Kaffee hielt er's nicht mehr aus, er mußte
Gewißheit haben. Er hatte seine Frau genau beim Ankleiden beobachtet,
aber er, der Unerfahrene, hatte sich kein Urteil bilden können. So
blickte er denn, als sie am Frühstückstisch saßen, sein Weibchen recht
innig an, beugte sich zu ihr hinüber und wisperte lächelnd: »Is es so
weit, lieb Kättche?«
»Mit was?« schrillte es grob zurück. »Kannstde Dich net so ausdricke,
daß Dich e vernimftiger Mensch versteht?!«
»Ich maan, lieb Kättche, ... es kimmt merr so vor, als ob ... als wie
wann ebbes Klaanes unnerwegs wär!«
»Unn was weider?«
»Also is es so?« strahlte Adolf. »Is es so?«
Da stand Katharina ärgerlich auf. »Ich habb Derrsch doch schonn gesacht!
Frag net so dumm! Was is'n weider dabei!«
Und sie ging in die Küche und schien sehr zornig zu sein.
Im ersten Augenblick war Adolf verblüfft. Dann sagte er sich: »Es kimmt
von ihr'm Zustand. Ich wär wahrscheinlich aach net annerschter, wann ich
so weit wär!«
Und dies mußte er sich fortan oft sagen. Denn Katharina ward immer
unleidlicher und reizbarer. Kein Tag verging ohne Lärmszene. Aber Adolf
beklagte sich nicht mehr bei seinem Schwiegervater, er ertrug die
geistigen und körperlichen Mißhandlungen mit noch geduldigerer Sanftmut
als je. Jede Launenhaftigkeit Katharinas war ihm nur ein neuer Beweis
des Glückes, das er zu erwarten hatte. Denn jetzt wußte er den Zustand
seiner Frau und dessen Begleiterscheinungen sachverständiger zu
beurteilen: hatte ihm doch Bindegerst aus seiner dreibändigen Bücherei
»Das Geschlechtsleben des Menschen« zu lesen gegeben.
Daraus erfuhr Adolf mancherlei, was ihm bisher unbekannt gewesen. Die
wichtigsten Stellen fielen ihm leicht ins Auge, denn die hatte
Bindegerst mit Bleistift angestrichen. Und auch einige Randbemerkungen
von Bindegersts Hand fanden sich in dem Buch, die bewiesen, daß der Alte
in Bezug auf das Geschlechtsleben des Menschen höchst menschlich dachte.
Bindegerst ließ für einige Zeit das Schnitzen von Affenköpfen sein, er
zimmerte ein Kinderbettchen. Den Ausmaßen nach schien es für ein
Riesenkind bestimmt zu sein.
Es wurde Adolfs Lieblingsbeschäftigung, dem Schwiegervater beim Bau
dieser kleinen Arche Noah zuzuschauen, und schon sah er im Geiste seinen
Stammhalter in dem Bretterkasten zappeln. Er gewöhnte sich an, schon
jetzt den alten Bindegerst mit »Großvadder« anzureden, und dieser zeigte
sich seinerseits durch die Anrede »Herr Babba« erkenntlich.
»Großvadder, maanstde net, merr könnt bei dem Bettche noch so vier
Engelsköppcher an die Ecke mache?«
»Unn vielleicht aach noch e Oferohr in die Mitt, Herr Babba?« spöttelte
der Meister. Ihn belustigten Adolfs ewige Anregungen zu Verschönerungen
des Bettes, und er gefiel sich deshalb darin, ihm die unmöglichsten
Verzierungen vorzuschlagen.
»Ich maan als, Herr Babba, merr sollt an dem Bettche en Kleiderhake mit
eme Zylinnerhut aabringe! Daß der Bub aach grieße kann, wann der Dokter
zum Impfe kimmt!«
»Maanstde net, Herr Babba, merr sollt en Aschebecher draamache? Odder
werd's e Nichtraacher?«
Katharina rümpfte verächtlich die Nase, wenn sie Brocken solcher
Gespräche aufschnappte. Sie schien sich nicht im mindesten auf das Kind
zu freuen, sie nahm ihre Schwangerschaft wie eine etwas lästige
Selbstverständlichkeit hin, über die Worte zu verlieren nicht lohnt.
Manchmal mußte sie sich, wenn sie das Essen auftrug, plötzlich mit
leisem Stöhnen setzen. Neigte sich dann Adolf besorgt über sie, so
knurrte sie böse: »Laß mich! Ich kann des dumm Gedhu net verdrage!«
»Kättche, merr wolle in der Kich' esse, dann braachstde des Esse net
ereizudrage!«
»Unsinn! Ich bin net krank!«
»Kättche, willstde dich net e bissi umlege?«
»Mei Ruh will ich hawwe! Ich bin net so zimberlich unn faul wie gewisse
annern Leut!«
Fühlte sie Adolfs zärtliche Blicke auf sich ruhen, so drehte sie ihm in
spöttischer Verachtung den Rücken. Und einmal sagte sie wütend: »Jedz
haww ich genuch von dem alwerne Erum-Gescherwenzel! Des is des erste unn
letzte Kind, was ich krieh! Dadafor wer' ich schonn sorje!«
Adolf hatte eine Heidenangst vor der Entbindung. Immer wieder las er
»Das Geschlechtsleben des Menschen«, er erkundigte sich eingehend bei
Bindegerst, wie es denn seinerzeit zugegangen sei, als Katharina auf die
Welt kam.
Aber der konnte ihm nur die Auskunft geben: »Ich waaß es net, ich bin
solang spaziere gange!«
Am fünften Mai wurde Adolf vormittags gegen zehn Uhr in das Privatkontor
seiner Chefs gerufen.
»Adolf,« sagte der dicke Herr Schröder, »es hat nach Ihne delefoniert,
Se solle aageblicklich haamkomme!«
Da wußte Adolf gleich, was los war.
»Herr Schröder,« stammelte er erregt, »Herr Schröder, merr kriehe
Kinner!«
»#Merr#??« meinte Herr Schröder. »Merr? -- Net, daß ich wißt'!«
Adolf Borges stürmte davon. Er rannte unterwegs eine alte Dame um, aber
er hatte keine Zeit, sie um Entschuldigung zu bitten, sondern er fauchte
nur im Weitersausen: »Ahl Schachtel, kannstde net Blatz mache!«
Als er zu Hause ankam, war schon alles vorbei. Katharina lag erschöpft
und bleich im Bett, mit zusammengekniffenen Lippen. Er stürzte auf sie
zu, sie zu umarmen und zu küssen, aber sie runzelte die Stirn und zog
den Kopf zurück.
Großvater Bindegerst saß am Bett und sagte: »Ich gradulier! Gut is
gange! Awwer 's nächste Mal geh' ich widder spaziere!«
Adolf suchte das Kind. In dem kunstvoll gezimmerten Bettchen lag ein
kleines Etwas, das einem gelblichen Affen nicht unähnlich sah. Er wollte
es an sich reißen, da sagte eine fremde, dicke Frau: »Nix da! Se hawwe
jedz hier gar nix zu suche! Se könne sich den Bub später noch genuch
betrachte!«
»Den Bub?« jubelte Adolf. »E Bub is es! Kättche, was e Glick!«
Er wollte wieder zu Katharinas Bett eilen, niederknien, sie küssen; er
stieß dabei eine kleine Badewanne um, die am Boden stand, und
verursachte eine Überschwemmung.
»Rindviech!« hauchte Katharina.
Die fremde Frau, die sich offenbar hier als Herrscherin fühlte, packte
ihn am Ärmel und befahl: »Jedz mache Se awwer, daß Se 'nauskomme! Merr
braache jedz Ruh!«
Da stieg er hinauf in das Dachzimmerchen, über die Stufen stolpernd, vor
deren Unzuverlässigkeit ihn Bindegerst schon beim Mieten des Zimmers
gewarnt harte. Er hatte sich die Nase gehörig aufgeschlagen, aber er
spürte keinen Schmerz.
Er streckte den Kopf zum Dachfensterchen hinaus und brüllte: »Ich habb
'n Sohn! 'n Sohn haww ich!«
Aber die Stadt Offenbach nahm keine Notiz von diesem großen Ereignis.
Und plötzlich kniete er vor dem Schrank mit dem kaputenen Schlüssel
nieder, betete ein Gebet, über dessen Verwirrtheit alle Engel im Himmel
hellauf lachten, schüttete die ganze Frömmigkeit, die in seinem
harmlosen Herzen schlummerte, aus.
»Ich dank Derr schee, liewer Gott, daß es so gut
voriwwergange is! Ich wer' mich schonn revanschiern! Ich will so e guder
Mensch sei', wie's iwwerhaapt noch kaan gewwe hat! Du werst's schonn
gucke! Unn laß merr nor des Kättche unn de Bub gesund bleiwe, laß liewer
#mich# die Cholera kriehe! Was e scheener Bub, liewer Gott! Unn #ich#
bin der Vadder! Gell, da guckstde? Laß en nor was Gescheides wern,
liewer Gott, es braacht ja net gleich Brofesser zu sei', awwer so recht
e aastänniger Mensch! Unn Geld soll er aach verdiene, denn ohne Moses
unn die Prophete, da schweige alle Fleete! Unn sei net bees, liewer
Gott, daß ich so 'n Stuß zusammebet', awwer ich bin ja ganz meschugge
vor Freud! Amen.«
Im Geschäft wurde die Nachricht vom Familienzuwachs des scheppen
Adolfchens mit großer Heiterkeit aufgenommen. Und wieder machten die
männlichen Angestellten solche Witze, daß die Damen rot wurden. Aber das
wurden sie gern.
Und der eklige Kassierer sagte: »Bloß #aans#? No, gewwe Se de Mut net
uff, des nächste Mal wern's schonn Zwilling wern! Ibung mecht de
Meister.«
Und der gute Herr Heinrich Baldrian drückte ihm die Hand und sprach in
seiner besonnenen Art: »Ich gratuliere Ihnen. Aber es ist eine große
Verantwortung, so ein Menschenkind in diese miserable Welt zu setzen.
Ich sag's Ihnen offen: #ich# hätte nicht das Gewissen dazu.«
Und der Herr Schröder sagte: »E Bub? Mei' Hochachtung! Dichtige Leut
hawwe merr im Geschäft! No, Se wern jetz allerlei Ausgawe hawwe, -- vom
nächste Erschte ab kriehe Se fuffzeh Mark mehr!«
Und bald ging Alles wieder seinen gewohnten Gang.
Katharina war schon nach wenigen Tagen wieder aufgestanden. Ihr Wesen
blieb zänkisch und bösartig, ihre Streitsucht nahm eher zu als ab. Sie
bewies dem Kinde keine Zärtlichkeit, sie betrachtete seine Anwesenheit
einfach als eine Vermehrung ihres Arbeitspensums, das sie mit mürrischer
Selbstverständlichkeit erledigte. Sie vernachlässigte das kleine
Gustavchen ebensowenig wie sie je ihren Haushalt vernachlässigt hatte,
sie erfüllte ihre Pflicht, -- aber wer auf dieser Welt nur seine
#Pflicht# tut, tut zu wenig.
Pflicht ist ein häßliches Wort, ein Wort des Zwanges, und erst wenn
dieser Begriff aus dem Denkvermögen der Menschen geschwunden sein wird
und #dennoch# jedermann »seine Pflicht tut«, werden wir uns rühmen
dürfen, Kultur zu besitzen.
Adolf empfand tiefschmerzlich die Lieblosigkeit der Mutter. Für alle
seine glücklich-neckenden Fragen, ob der Kleine ihm oder ihr ähnlicher
sähe, ob er diesen und jenen Zug von den Borges oder von den Bindegersts
geerbt habe, hatte sie nur ein frostiges Achselzucken. Er aber war
hemmungslos vernarrt in den Säugling, der nur das Mäulchen zu einem
Lachen zu verziehen brauchte, um seinen Vater in einen Taumel des
Entzückens zu versetzen.
Täglich entdeckte er neue Eigenschaften an ihm, ausnahmslos Tugenden und
Anzeichen ungewöhnlicher Gescheitheit, über die er zu seinem Kummer nur
mit dem #Großvater# plaudern konnte, denn Katharina hatte sich ein für
allemal dieses »dumme Geschwätz« verbeten.
Den Großvater aber konnte der kleine Gustav nicht leiden. Näherte er
sich nur dem Bettchen, so fing er an zu schreien, als stünde die
schlimmste Mißhandlung bevor. Weder Adolf noch Bindegerst konnten sich
dieses seltsame Verhalten erklären, und doch war die Lösung des Rätsels
so naheliegend: das Büblein konnte einfach den Schnapsgeruch des Alten
nicht ertragen.
Schrie der Kleine des Nachts, so geriet Adolf in die höchste Aufregung.
Er verstand nicht, daß Katharina das Plärren Gustavchens kaum beachtete,
und er zweifelte in solchen Augenblicken ernstlich daran, daß Katharina
überhaupt Gefühl besäße.
»Heerstde's net?« bat er eines Nachts. »Mach doch 's Licht aa unn gebb
'm die Brust!«
»Gebb Du se'm!« brummte Käthchen.
Die Strenge der Mutter trug übrigens gute Früchte, der kleine Schreihals
gewöhnte sich bald das nächtliche Konzertieren ab.
Auch im Geschäft erzählte Adolf von seinem Wunderkind. Er sah nicht die
ironischen Blicke, die die Angestellten bei seinen begeisterten
Schilderungen austauschten, er hörte aus den scheinbar teilnehmenden
Fragen nach Einzelheiten nicht den losen Spott heraus. Er hielt es für
aufrichtiges Interesse, wenn sie ihn ausforschten, wieviel das
Gustavchen an Gewicht zugenommen habe, wieviel es getrunken habe, und
wie es mit seinem Stuhlgang stünde.
Mitten in seiner Arbeit überfielen ihn Zärtlichkeitsanfälle, heftigere
noch als damals in seiner Bräutigamszeit. Hatten ihn damals die
Putzfrauen dabei erwischt, wie er vor einer Modellfigur niederkniete, so
erwischte ihn jetzt der eklige Kassierer dabei, wie er ein
frischgeschnürtes Paket gleich einem Wickelkinde in den Armen wiegte und
so tat, als kitzle er's unter dem Kinn: »Du-du-du, -- wie lacht das
tleine Dustavchen?«
Das war dem Gestrengen doch zu bunt, er ging zu Herrn Schröder, sich zu
beschweren. »Herr Schröder, des geht net mehr so weider mit'm Adolf! Der
werd ja ganz verrickt!«
Aber der dicke Herr Schröder gab Denunziationen grundsätzlich kein
Gehör. »Werd er for #Ihr# Geld meschugge, odder for #meins#? -- No
also!« fertigte er den Angeber ab.
Da Adolf sich in seinen Gedanken unausgesetzt mit seinem Kinde
beschäftigte und im Geiste mit ihm die lieblichsten Gespräche führte,
passierte es ihm, daß er, als ihn Herr Feldmann rief, antwortete:
»Tleich tomm ich, Herr Feldmann! Tleich!«
Da wollte der Chef ernstlich böse werden, aber sein dicker Teilhaber
besänftigte ihn: »Lass'n, Hermann! Merr muß Geduld mit'm hawwe: er hat
noch e bissi 's Wochebettfiewer!«
Adolf erhoffte von dem Kinde eine glücklichere Gestaltung seines
Ehelebens, er glaubte fest, dieses Kinderherz müsse der paradiesische
Boden sein, auf dem sich die Eltern nach so langem Mißverstehen finden
müßten.
Ach, und gerade durch das Kind erhielt ihr Zusammenleben den tiefsten,
unheilbaren Riß.
Ungefähr ein halbes Jahr war Gustavchen alt, als Katharina Sonntags,
nach dem Mittagessen, anordnete: »Vadder, geh enuff, Dei
Middagsschläfche mache, ich habb mit'm Adolf zu redde!«
Es wurde Adolf unbehaglich bei dieser Ankündigung. Was konnte ihm seine
Frau in Abwesenheit des Großvaters zu sagen haben?
»Heer' emal,« sagte Katharina, als sie allein waren, »'s werd Zeit, daß
merr uns emal iwwer's Gustavche klar wern!«
Gott sei Dank: um das Gustavchen handelte es sich also! Nun, er würde
sich gewiß gegen nichts sträuben, was dem Kinde von Nutzen sein konnte.
Katharina trat dicht vor ihn und frug betont: »Du hast doch vierdausend
Mark uff der Sparkass?«
»Ja, Kättche!« antwortete Adolf unsicher und verlegen. »Was is damit?«
»Ich habb mich bisher nie drum gekimmert, awwer des Geld muß uff'm
Gustav sein Name geschriwwe wern! Merr sin all nor Mensche unn merr kann
net wisse, was bassiert. -- Bistde eiverstanne?«
Adolf wußte nicht mehr, was er antworten sollte. Das Geld, ach, das
hatte er ja gar nicht mehr. Damit hatte ja Bindegerst seinen
Holzlieferanten bezahlt.
Aber nun mußte das Geld unter allen Umständen wieder herbeigeschafft
werden. Es #mußte#. Noch heute würde er mit Bindegerst reden ...
»Ich habb gefragt, obsde eiverstanne bist?«
»Nadierlich bin ich's, Kättche.«
Sein Blick irrte ratlos im Zimmer umher, er konnte Katharina nicht in
die Augen sehen. Ein schrecklicher Gedanke durchrieselte ihn: wenn
Bindegerst das Geld nicht mehr beschaffen konnte? Der Großvater hatte
zwar versprochen gehabt, ihm Haus und Geschäft zu verschreiben, aber
Adolf war viel zu anständig gewesen, ihn jemals an diese Verschreibung
zu mahnen.
»Also dann gebb merr des Buch!«
Adolf Borges wurde kreidebleich. Nun half nichts mehr, jetzt galt es
Rede stehen.
»Kättche, des is ... des is so e Sach!« stammelte er und zitterte am
ganzen Körper. »Des Buch ... des haww ich nämlich ... des haww ich
nämlich net mehr.«
»Wa--as?!«
»Des Buch, des haww ich nämlich ... 'm Großvadder gewwe ... weil er doch
Schulde gehabbt hat ... unn da ...«
Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er starrte mit großen,
ängstlichen Augen sein Weib an.
Katharina stand einen Augenblick mit offenem Mund da. Dann brach sie
los:
»Du Lump! Du Schuft! Dadafor haww ich mich abgerackert wie e Dier!
Dadafor haww ich jeden Fennich zusammegekratzt unn merr nix, nix, nix
gegönnt! Du Schwein, Du! Kinner in die Welt setze unn net sorje dafor!
Des baßt Derr! Aas!«
»Awwer Kättche ... 's is doch Dei Vadder ... ich konnt doch den ahle
Mann unmeeglich sitze lasse ...«
»Den Säufer? Des Schwein, des verdammte? Des sich bei uns dorchfrißt unn
kaan Fennich dafor bezählt?« Sie lachte schrill auf. »Zu #mir# hätt' er
komme solle! Ich hätt'm was annerscht gebumbt! Unn Du Rindviech gibbst
unser schee Geld her! Unn frägst mich net! Saukerl! ...«
Sie schlug die Hände vors Gesicht und heulte. In langgezogenen,
kreischenden Tönen.
Schuldbewußt stand Adolf neben ihr.
Ja, sie hatte recht, er hatte seinen Sohn um das Geld gebracht. Aber
damals, als er sich von Bindegerst beschwatzen ließ, #hatte# er ja noch
gar keinen Sohn! Freilich, er hätte dennoch an die Möglichkeit denken
sollen ...
Katharinas hysterisches Weinen ließ ihm das Herzblut gerinnen. Wie
gerne, ach wie gerne hätte er sie durch Liebkosungen beruhigt, hätte er
ihr Haar gestreichelt! Aber er traute sich nicht, sie zu berühren. Er
wollte ja seinen Leichtsinn wieder gut machen, er wollte den Verlust
nach und nach wieder ersetzen: keinen Tropfen Bier würde er sich mehr
gönnen, keinen Pfennig Trinkgeld mehr für sich behalten. Und nichts,
nichts mehr tun, ohne seine Frau zu befragen.
»Flenn doch net, Kättche! Des dhut merr ja so weh! ... Guck, lieb
Kättche, der Großvadder hat merr ja des Haus dafor verschriwwe, unn's
Geschäft ...«
Da schüttelte sie die Wut von neuem. »Des Haus? Des Geschäft? Wo kaan
rote Batze wert sin? Wo kaa Backstei' mehr davoo ihm geheert? Du
dreckiger Hund, Du Vieh ...!«
Sie wußte nicht mehr, was sie schrie. Sie riß das Kind aus dem Bettchen,
hob es hoch, rüttelte es wild in der Luft: »Da, guck Derr Dein Vadder
aa! Guck Derr'n aa! Dei Geld hat'r zum Fenster nausgeschmisse, der Lump!
Hätt er Dich doch gleich hinnerher geschmisse! Des wär des Gescheitste!«
Das Kind brüllte unter den krallenden Griffen Katharinas jämmerlich. Mit
einer instinktiven Angstgebärde entriß Adolf es ihr, wollte es zurück
legen ins Bettchen, aber Katharina stürzte auf ihn zu, schlug sinnlos
auf ihn ein, -- und er ließ den Hagel von Faustschlägen stumpf über sich
ergehen, das kreischende Kind dicht an sich pressend, um es vor den
wahllos niederprasselnden Hieben zu schützen.
Schließlich hörte er die Türe knallend zuschlagen, er hob verstört den
Kopf, -- er war allein.
Da küßte er das Gustavchen, legte es ins Bettchen, blieb bei ihm sitzen.
»Sei still, Gustavche,« flüsterte er, »danz brav sei', Dustavche! Danz
brav is'm Babba sei Liebling!«
Und mitten in diesen zärtlichen Einlullungsversuchen legte er plötzlich
sein Haupt auf den Rand des Kinderbettes und weinte lange.
Als das Kind endlich schlief, stieg Adolf hinauf in das Dachzimmer, das
seine Zufluchtsstätte in allen Leiden geworden zu sein schien, und
sprach zu seinem Schwiegervater: »Nemm Dei Sach, Großvadder, unn zieh
erunner! Von heut ab wohn #ich# widder hier owwe!«
Und da Bindegerst ihn fragend ansah, fügte er hinzu: »Ich will nix
weider driwwer redde, awwer 's is besser so!«
Und Bindegerst fügte sich. Aber er dachte in seinem Innern: »Des is der
Aafang vom End'!«
Von dem Sparkassenbuch wurde nicht mehr gesprochen. Katharina fand sich
mit dem Verlust als einer gegebenen Tatsache kurz und energisch ab.
Aber sie wußte sich zu rächen. Sie legte sich eine neue, kränkende
Redensart bei, sie gewöhnte sich neben der Behauptung, sie habe »Prinze
unn Korferschte heierate« können, den höhnischen Ausruf an: »Merr
könne's uns ja leiste! Merr hawwe ja's Geld zum Nauswerfe!«
Hatte sie früher jede Münze dreimal in der Hand gedreht, ehe sie sich
zum Ausgeben entschloß, so schien sie jetzt das Sparen für die größte
Torheit zu halten. Sie kaufte sich allerhand nichtigen Tand, holte sich
bei dem blondgelockten Herrn Hippenstiel Parfüms und Haarpfeiler, fuhr
bei ihren Wirtschaftsbesorgungen die kleinsten Strecken mit der
Elektrischen und rieb alle diese kleinen Verschwendereien Adolf mit dem
Hinweis unter die Nase: »Merr hawwe's ja! Leut wie mir!«
Jeden Sonntag, nach dem Mittagessen, begann sie zu sticheln: »Fahr doch
e bissi in die Umgegend, Adolf! Ich bin froh, wann ich Dich net guck.
Unn die Koste spiele doch kaa Roll bei uns! Merr hawwe's doch! Leut,
die's Geld gleich dausendmarkweis verschenke!«
Adolf ertrug alle diese Niederträchtigkeiten widerspruchslos. Nur
manchmal seufzte er tief, strich sich mit der Hand durch die Haare und
starrte vor sich hin, aber keine Klage kam über seine Lippen.
Noch immer gab er den Versuch nicht auf, seine Frau durch
unerschütterliche Geduld zu zähmen. Nicht aus Trotz war er in das
Dachzimmerchen gezogen, sondern weil er zu der schmerzlichen Einsicht
gelangt war, daß sein Anblick auf Katharina aufreizend wirkte.
»Wann se mich weniger guckt,« sagte er sich, »wern sich ihr Nerve
beruhige! Es leiht ja bloß an de Nerve, -- 's Herz is net schlecht.
#Sie# kann ja doch schließlich nix dafor, daß ich zu arm bin, um se in e
Nervebad zu schicke, wie's die reiche Leut mit ihre beese Weiwer mache.
Unn älder werd se ja aach mit der Zeit, unn des Alter, des is die best
Massag' for nerwöse Leut. Mit'm erschte Schnorrbarthäärche werd der
Jingling meschugge, unn mit'm erschte #graue# Häärche wern die Weiwer
vernimftig. Wann merr älder werd, da kimmt aam so vieles ganz wurscht
vor, wo merr sich frieher driwwer uffgeregt hat, merr werd viel stiller
unn verdräglicher, es is, als ob uff'm Weg zum Dod unnerwegs uff beide
Seite Ruhebänkcher uffgestellt wär'n: »Da, ruh Dich e bissi ab unn
geweehn' Dich langsam an de ewige Dauerschlaf!«
Tückischer als die neue Redensart war das zweite Mittel Katharinas, ihre
Rache zu kühlen: sie hielt geflissentlich das Kind von seinem Vater
fern. Sie tat so, als habe er überhaupt keinen Anspruch auf das Kind,
sie erstattete ihm nie Bericht, was das Kind während seiner Abwesenheit
getan hatte, sie lobte es nicht und tadelte es nicht.
Selbst die Ankunft des ersten Zähnchens, die doch in allen Familien als
festliches Ereignis betrachtet wird, überging sie mit Stillschweigen.
Hatte Adolf den Jungen auf dem Schoß, sich an ihm zu erfreuen, so fand
sie nach wenigen Minuten einen Vorwand, ihm das Kind wegzunehmen.
Aber ihre Taktik, das Kind systematisch dem Vater zu entfremden, blieb
erfolglos. Kinder sind Menschenkenner. Das kleine Gustavchen zeigte eine
unverkennbare, unbeirrbare Vorliebe für seinen Papa. Sobald er das
Zimmer betrat, fing es an zu lachen, streckte die Ärmchen nach ihm aus,
wollte getätschelt sein. Ja, der kleine Wurm wußte ganz genau die Zeit,
wann Adolf mittags und abends aus dem Geschäft kam, und fing schon eine
Weile zuvor an, unruhig zu werden und mit Gesten nach seinem Vater zu
verlangen.
Dann warf Katharina dem Kind einen bitterbösen Blick zu.
Adolf kam nur noch zu den Mahlzeiten herunter ins gemeinsame Wohnzimmer.
Den größten Teil seiner freien Zeit verbrachte er in dem Dachstübchen,
und es war, als sei er wieder wie ehemals der »möblierte Herr« und nicht
der Gatte, der Ernährer der Familie.
Nun saß er wieder manche Stunde am Dachfensterchen und erneuerte die
Beziehungen zum Mann im Mond. Er sah wieder von seiner hohen Warte herab
die Menschlein wie kleine Käfer in den Straßen krabbeln, aber er
ernannte sie nicht mehr zu Pagen seines Märchenhofstaates. Manchmal
überwältigte ihn schmerzende Bitterkeit, und er dachte: »Ich wollt, ich
hätt e groß Insektepulverspritz, so groß wie e Kanon, damit ich euch
Käwwer da drunne beweise könnt, was ich for e Menschefreund bin!«
Das Schneeball-Orakel hatte richtig prophezeit: Gustav wuchs heran zu
einem blonden Büblein, seine blauen Augen wurden denen des Vaters immer
ähnlicher. Er lernte laufen und drollig plappern. Einer der ersten Sätze
seines Sprachschatzes war die selbstgebildete Beschwerde: »Mama bees!«
Nur allzu deutlich zeigte es sich, daß das Kind seine Mutter fürchtete;
es beobachtete beim Spielen jede Bewegung Katharinas, als erwarte es
jeden Augenblick Schelte oder Schläge.
Für Adolf Borges wurde das Kind eine Art Fetisch. Er trieb eine
abgöttische Verehrung mit ihm, einen Gottesdienst, dessen Zeremoniell in
der Hauptsache darin bestand, auf allen Vieren vor ihm herumzurutschen
und dabei zu krähen, zu bellen, zu miauen.
»Mach nor Dei Hose kabutt!« geiferte Katharina. »Mach se nor hie! Merr
könne's uns ja leiste! Merr hawwe's ja!«
Bei seinen Geschäftsgängen machte Adolf, wenn es irgend möglich war,
einen kleinen Umweg, um schnell einen Augenblick in die Wohnung
hinaufspringen und sein Kind sehen zu können. Das trug ihm dann zwei
Rüffel ein, einen von Katharina und einen von Herrn Feldmann, -- aber
was lag daran?
Er gewöhnte sich allerlei Fertigkeiten an, dem Kleinen damit eine Freude
zu bereiten: er lernte aus Zeitungspapier Schiffe und Helme bauen, aus
Lappen, die er sich im Geschäft von den Flickmamsells schenken ließ, mit
der Schere Tiere und Menschen schnitzeln, aus Holzstückchen Bausteine
zimmern.
Mit gespannten Augen und glühenden Bäckchen sah Gustav ihm zu,
neugierig, was es werde, und lispelte, mit der Zunge leise anstoßend:
»Was machß'n Du da?«
Und dieses »Was machß'n Du da??« beseligte Adolf stets von neuem. Dieses
freudige, dankbare, wißbegierige »Was machß'n Du da??« lag ihm Tag und
Nacht wie eine süße Melodie in den Ohren, ward ihm zum geflügelten Wort.
»Was machß'n Du da??« lispelte er Bindegerst zu, wenn dieser seine
Schnapsflasche an den Mund setzte. Und dann lachten sie Beide Tränen.
»Was machß'n Du da??« sagte er, wenn der Gasmann kam und den Gasometer
ablas.
Und wenn des Nachts die Katzen ihre Gesangsproben abhielten, steckte er
den Kopf zum Fenster hinaus und schmunzelte: »Was machß'n Du da, ahl
Katzeviech? Willstde still sei'! Wo dhät'n des hieführn, wann #mir
Mensche# bei der Lieb so e Geschrei mache wollte?!«
In den ersten Monaten der Ehe hatten Katharina und er an den
Sonntagnachmittagen zuweilen kleine Spaziergänge in den Stadtwald oder
in eine der benachbarten Ortschaften unternommen. Bald aber hatte sie
keinen Gefallen mehr an diesen Ausflügen gefunden. In der Regel saß sie
Sonntag mittags zu Hause und bastelte an irgendeiner Handarbeit, während
Adolf allein in der Stadt und der Umgegend herumbummelte.
Das Heranwachsen des kleinen Zappelphilipps, der nicht den ganzen Tag
stillsitzen mochte, machte eine Änderung des Sonntagprogramms notwendig.
Bindegerst nahm die Angelegenheit in die Hand, indem er einfach bei
einer günstigen Gelegenheit erklärte: »Adolf, mach's Gustavche fertich!
Die Sonn' scheint, merr wolle e bissi Luft schnappe!«