Auch Katharina stieß mit an, und sie hauchte dabei: »Prost!«

Es klang wie das Piepsen eines Kanarienvogels, denn sie war, wie alle

Frauen, eine Verwandlungskünstlerin. Noch hatte sie auf das Grammophon

ihres Antlitzes die schmachtende Platte »O könnt ich noch einmal so

lieben« aufgelegt, -- aber die Radauplatte »Tararabumdieh!« lag schon

bereit.

Vater Bindegerst saß auf dem Sofa, ihm gegenüber saß Adolf auf einem

Stuhl, und auf dem Nachbarstuhl blühte das Gewächshaus Katharina.

Zunächst war noch ein halber Meter Distanz zwischen ihnen, aber der

Zwischenraum verringerte sich im Laufe des Abends, obwohl Adolf kein

Millimeterchen von seinem Platz rückte.

Zunächst schickte sie ihre linke Fußspitze als Patrouille aus. Die

Fußspitze sondierte das Gelände, fand es »vom Feinde frei«, und rückte

vorsichtig weiter vor, bis sie ihr Ziel, die Borgessche Fußspitze,

erreicht hatte.

»Entschuldige Se, Fraulein Katherina!« sagte Adolf und zog seinen Fuß

zurück.

Katharina errötete, aber innerlich hatte sie sich vorgenommen: »Wenn ich

ihm erst die kleine Zehe reiche, muß er das ganze Bein nehmen!«

»Des ganze menschliche Lewe is e Gemeinheit!« philosophierte Vater

Bindegerst, der ins Denken zu kommen schien, denn er redete viel Unsinn.

Und er fing an zu politisieren und auseinanderzusetzen, wie ungerecht es

auf der Welt im allgemeinen, und in Offenbach im besonderen zuginge. Es

war eine lange Rede, die er hielt, es ging ihm weder der Atem noch das

Lagerbier aus, und er schloß mit der überzeugenden Wendung: »Unnn woher

kimmt des alls? -- Weil des ganze Lewe e Gemeinheit is!«

»Entschuldige Se, Fräulein Katherina!« sagte Adolf und zog sein Knie

zurück, denn Katharina war mit ihrem Knie an das seine gekommen. Nachdem

die Patrouille Fußspitze zum Truppenteil zurückgekehrt war, hatte

Katharina nämlich beschlossen, eine stärkere Patrouille auszuschicken.

Auch diese Patrouille wurde zurückgezogen, und die ganze Kompagnie

begann nun zu manövrieren, indem sie mit ihrem Stuhl zu rutschen anfing.

Vater Bindegerst trug die Hauptkosten der Unterhaltung. Diese Kosten

trägt man ja gerne, denn sie sind billig. Es fiel ihm durchaus nicht

auf, daß sein Gast nur hie und da eine kurze verlegene Zwischenbemerkung

machte, denn der Drechslermeister gab sich die meisten Antworten selbst

und fand daher diese Antworten sehr treffend.

Sein Zimmerherr ward ihm von Viertelstunde zu Viertelstunde

sympathischer, er beschloß, ihn öfters einzuladen. Gibt es doch für

geschwätzige Menschen nichts Angenehmeres als ein Zwiegespräch, bei dem

nur einer redet.

Er erzählte nun von seinem Geschäft und lobte dabei, wie landesüblich,

die gute, alte Zeit.

»Ja, frieher«, sagte er, »frieher, da war des Geschäftslewe noch reell!

Hier die Waar, hier's Geld! Awwer heut! Heut sollstde Kredit gewwe, bis

De schwarz werst, heut nemme Derr die Leut de halwe Lade mit unn sage:

Schicke Se merr die Rechnung! Unn wannsde se mahnst, sin se net dahaam!

Merkwerdig: wannsde ihne die Waar' schickst, da sin se all dahaam, awwer

wannsde Dei Geld hawwe willst, dann mache se grad en Besuch odder se sin

in die Sommerfrisch odder se hawwe'n Trauerfall unn die ganz Familie

erbt ebbes, -- bloß Du kriehst nix!«

»Entschuldige Se, Fräulein Katherina!« sagte Adolf, denn sie lehnte

ihren Arm an den seinen.

Sie saß jetzt ganz dicht neben ihm, und ihm war, als säße er mitten in

einem Gewächshaus. Es war recht schwül in dem Gewächshaus, die Luft fing

an, ihn leise zu benebeln.

Er zog seinen Arm nicht zurück; es tat ihm wohl, sich von den Zweigen

dieses Gewächshauses fast unmerklich streicheln zu lassen.

Das war so sanft und weich, daß er gar nicht merkte, daß hier Disteln

statt Rosen wuchsen.

Er hob jetzt seine Augen und besah sich die Botanik näher, und das

Pflanzenreich gefiel ihm nicht so übel. Machte doch die falsche

Katharina ihre schönsten Vergißmeinnichtaugen und zog ihr süßestes

Lilienmäulchen, so daß man wirklich nicht mehr sehen konnte, #was# für

eine Pflanze sie in Wirklichkeit war. Er fühlte sich im Palmengarten und

merkte nicht, daß er im Zoologischen war.

»Kättche, hol de Quetschekuche von heut Middag!« befahl der Vater. »Der

Herr Borges werd Abbeditt hawwe!«

Ach nein, der Herr Borges hatte jetzt gar keinen Appetit. Der Magen

erschien ihm jetzt als der prosaischste Körperteil, den Gott geschaffen

hat. Er hatte ein ganz unbestimmbares Gefühl, so ein Mittelding zwischen

Lachen und Weinen, Wonne und Schmerz, und wenn ihn jetzt ein Kassenarzt

gefragt hätte: »Herr Borges, wo tut's Ihnen weh?« -- er hätte es beim

besten Willen nicht sagen können.

Er empfand nur, als Katharina hinausgegangen war, um den

Zwetschenkuchenrest zu holen, plötzlich eine tiefe Leere neben sich, und

es kam ihm so vor, als sei die Temperatur im Zimmer plötzlich um zehn

Grad gesunken.

So ungefähr war ihm zu Mute wie damals, als er den Kopf in den

Ameisenhaufen gelegt hatte. Die Ameisen kribbelten und bissen, aber als

Katharina wieder ins Zimmer trat, da verwandelten sich die Ameisen in

lauter kleine, goldige Leuchtkäferchen und huschten im Zimmer umher und

schwirrten ihm um die Nase, und es ward so hell, daß er fast ausgerufen

hätte: »Gott, was e Pracht! Die Sonn is uffgange!«

»E guter Quetschekuche is des, Herr Borges!« versicherte der Gastgeber.

»Da könne Se weit laafe, bis Se so aan finne! Des Rezept schdammt noch

von maaner selig Fraa! Unn von der hat's Kättche die Kochkunst geerbt.

Koche kann des Mädche wie e junger Gott! Die macht Ihne aus Dreck de

scheenste Pudding! No, fresse Se, -- unn Se wern merr Recht gewwe!«

Ein gewöhnlicher Sterblicher hätte bei diesen Worten beide Ohren

gespitzt. Denn die Liebe des Mannes geht durch den Magen, und ich bin

überzeugt, Zeus wäre der solideste Ehemann gewesen, hätte ihm Hera nicht

immer Nektar und Ambrosia vorgesetzt.

Aber Adolf Borges war kein gewöhnlicher Sterblicher. Dieser kleine

Konfektionsgeschäftsauslaufer war ein Gefühlsmensch, und diese

Menschengattung ist unter den Sterblichen in der verschwindenden

Minderheit. Wenn sie einen hohlen Zahn haben, ja, dann sind sie alle

Gefühlsmenschen, aber viel weiter reicht ihr Gefühl nicht.

Der Kauf des Parfüms lohnte sich für Katharina. Der Schwerenöter

Hippenstiel hatte sie nicht betrogen. Adolf atmete den süßen Duft mit

unbewußtem Wohlbehagen und hätte es unter keinen Umständen geglaubt, daß

er selbst für zwei Mark fünfzig hätte ganz genau so gut riechen können.

Ach, die Liebe verleiht dem Menschen Schwingen, die ihn emportragen über

alles Alltagsungemach, die Erde entschwindet dem Blick, der König

vergißt seinen Palast, der Bettler seine Hütte, der Feinschmecker seinen

Quetschekuche; im reinen Äther schwimmt er und atmet die wonnigen Düfte,

die es bei keinem Hippenstiel zu kaufen gibt.

Schon fühlte Adolf die Flügel auf seinem Rücken knospen. Er spürte das

Bedürfnis, sich den Buckel zu kratzen, aber »des schickt sich doch net!«

»Fresse Se, Herr Borges!« ermunterte Meister Bindegerst.

Und auch Katharina lud ein: »Fresse Se, Herr Borges, -- odder derf ich

#Herr Adolf# zu Ihne sage?«

Und um jede Antwort abzuschneiden, schob sie ihm ein großes Stück Kuchen

in den Mund. Und hätten statt der süßen blauen Zwetschen dicke

Rhizinuspillen auf dem Hefenteig gelegen, Adolf hätte dennoch die Gabe

mit allen Zeichen des Entzückens geschluckt.

In dieser Nacht schlief der arme Adolf sehr unruhig.

Er träumte von einem Gewächshaus, darin dufteten die herrlichsten Blüten

und zwitscherten die wunderlichsten Vögel. Adler sangen wie

Nachtigallen, und auf einem Rosenzweig schaukelte sich eine Gans und

flötete kwiwitt, kwiwitt. Und mitten in dem Gewächshaus wuchs ein großer

Baum, das war der Quetschekuchebaum, und wie im Aschenbrödel ließ dieser

Baum mit sich reden, und Herr Bindegerst stand davor und sang:

»Bäumche, rüttel Dich unn schüttel Dich,

Werf Quetschekuche iwwer mich!«

Und es erschien ihm der Trompeter aus Stolzenfels am Rhein, mit einer

Pfauenfeder am Hut und frischgeputzten Stulpenstiefeln, und blies auf

seinem Horn ein herzerweichendes Solo, bis sich das Burgfenster öffnete

und Katharina heraussah und mit einem Putzlumpen winkte und fragte:

»Herr Trompeter, derf ich zu Ihne #Herr Adolf# sage?«

Da blies der Trompeter ein so begeistertes Fortissimo, daß Adolf

erschrocken aus dem Bett hochfuhr. Er hörte noch im Wachwerden das

schmelzende Lied, -- nur war es kein Trompetensolo, sondern es waren die

verfluchten »Katzeviecher«, die gerade wieder einmal Sinfoniekonzert

hatten.

Der Mann im Mond aber schüttelte den Kopf und meinte: »Schon wieder

einer! Immer das Gleiche! Hoffentlich kommt mir keine Mondfinsternis

dazwischen, damit ich sehn kann, wie die Geschichte ausgeht!«

Und nun begann für Adolf jener Lebensabschnitt, den Schiller als der

ersten Liebe goldene Zeit bezeichnet, wobei er freilich schwerlich an

einen Zweiundvierzigjährigen Offenbacher Ausläufer gedacht haben wird.

Adolfs welkes Herz erblühte, und er geriet somit in jenen seltsamen

Zustand, dem gegenüber selbst die erfahrensten Ärzte ratlos sind, und

den nur die großen #Menschheitsärzte# beschreiben können: nämlich die

Dichter.

Die Liebe ist jener märchenhafte Fortunatussäckel, aus dem man unendlich

schöpfen kann, ohne ihn je zu leeren. In einer Märchenwelt taumelt der

Verliebte, und in dieser Märchenwelt war Adolf Borges der verwunschene

Prinz, den eine böse Hexe dazu verdammt hatte, unter Mißachtung seiner

hohen Abkunft bei Feldmann & Schröder Pulte abzustauben und Pakete zu

schnüren.

Woher sollten es die Herren Feldmann und Schröder wissen, daß sie einen

leibhaftigen Prinzen beschäftigten?

»Adolf, Se sin e Kamel!« sagte Herr Feldmann. Und Adolf dachte sich:

»Wann des Kamel nor #glicklich# is!«

»Adolf, Se sin e Rindviech!« versicherte der dicke Herr Schröder. Und

Adolf lächelte: »O selig, o selig, ein Rindviech zu sein!«

Wie alle Verliebten fing auch er an, kindisch zu werden und selige

Närrischkeiten zu treiben, und so erwischten ihn die Putzfrauen der

Firma eines Morgens dabei, wie er vor einer Modellfigur auf den Knieen

lag und indem er sie mit dem Federbesen abstaubte, verzückt flüsterte:

»Bistde kitzlich, mei Zuckerschnutche? Ach, Kättche, was bistde for e

sieß Oos!«

Und weil die Putzfrauen ebensowenig wie die Chefs wußten, daß sie es mit

einem verzauberten Prinzen zu tun hatten, hielten sie sich die Bäuche

vor Lachen, und -- klatsch -- hatte Adolf einen nassen Putzlumpen auf

dem Buckel.

Abends, nach acht Uhr, aber, wenn er von der Post zurückgekommen war und

die Rolläden herabgelassen hatte, wich der schlimme Zauber von ihm, er

war nicht mehr das »scheppe Adolfche«, wie ihn der eklige Kassierer

nannte, sondern Prinz Adolf der Liebeglühende von Träumershausen, und

Seine Durchlaucht geruhten nach dero Märchenschloß zu wandeln,

welchselbiges dicht unter dem Dach lag.

Der alte wackelige Stuhl war der Thronsessel, der Schrank mit dem

kaputenen Schlüssel, die Schatzkammer, in der als funkelndes Geschmeide

seine Sonntagshose hing. Und vom Dachfenster aus hatte der Prinz die

herrlichste Aussicht auf sein Reich; da wimmelten seine Untertanen, und

jeden, den er mit einem Liebchen am Arme spazieren sah, ernannte er zu

seinem Pagen.

Hörte er aber jemanden das schöne Lied »Du bist verrückt, mein Kind«

singen, so sagte er mit gutmütiger Selbstironie: »Des is mei

Nationalhymne!«

Oh, S. Durchlaucht Prinz Adolf hatten einen großen Hofstaat! Der

Kassierer, der ihm allmonatlich seinen Gehalt auszahlte, war sein

Finanzminister, der Herr Schröder war sein Zeremonienmeister, der

Schutzmann unten an der Ecke seine Leibgarde, der Lehrling sein Hofnarr

und die Aufwaschweiber seine Hofdamen.

Ein Stockwerk unter ihm aber, da war das Allerköstlichste: da residierte

Prinzessin Katharina, die Märchenfee, die er zu erlösen hatte. Es ist im

Märchenreich üblich, daß ein Prinz, ehe er die Hand der Holdseligsten

erringt, erst einige Drachen ins bessere Jenseits befördert, -- in

#diesem# Märchen begab es sich leider, daß der kurzsichtige Held nicht

die Prinzessin, sondern den Drachen selbst freite.

Oft des Abends sahen nun die Mainnixen den kleinen Adolf mit Katharina

am Ufer auf und ab wandeln, sie kicherten zwischen den großen Kähnen

hervor und zählten die Küsse nach. Es gingen dort viele verliebte

Pärchen spazieren, aber auf unser Duo hatten es die Nixenfrechdächse

ganz besonders abgesehen. Denn in der Maingegend haben auch die

Elementargeister Sinn für Humor. Und wie oft wisperten sich im

Offenbacher Stadtwald die Sträucher und Büsche verschmitzte

Randbemerkungen zu, bis eine uralte Tanne sie zurechtwies: »Still, klaa

Gezäppel! Is ja doch bloß der griene Neid von Euch!« Denn in der

Offenbacher Gegend sprechen auch die Vegetabilien Dialekt.

Katharina war bei diesen Abendwanderungen viel zu folgsam, schweigsam

und nachgiebig, als daß diese Tugenden hätten echt sein können. Wenn der

kleine Adolf zu schwärmen anfing: »Kättche, lieb Kättche, guck nor de

Mond! Is es net, als ob er extra als Latern hiegehenkt war, damit ich

Dei sieß Schnutt besser find?« dann entgegnete sie zärtlich: »Ach ja,

Adolfche, der Mond!!« Und dachte sich heimlich: »Also mondsüchtig is er

#aach#! No wart nor, ich wer' Derr die Posse schonn ausdreiwe!«

Und wenn er im dunklen Stadtwald fantasierte: »Kättche, wann jedz e

Räuwer kam, verteidige dhät ich Dich bis zum letzte Blutsdroppe!«, dann

schmiegte sie sich dicht an ihn und hauchte: »Ich waaß es, Adolf!«

Der Widerspenstigen Zähmung · 第 4 / 15 题