Und ganz zuletzt kamen die Herren Lehrlinge und behaupteten, ihre Uhren
gingen nach.
Und Adolf Borges spielte das einförmige Rondo seiner Tagesarbeit, ein
gar langweiliges Rondo, in dem die beiden Themen »Pakete schnüren« und
»Gänge besorgen« ewig wiederkehrten; nur die Begleitstimmen zu diesen
beiden Melodien boten ein wenig Abwechslung, denn wenn er beim
Paketschnüren war, schrie der nervöse Herr Feldmann: »E halb Jahrhunnert
sin Se jetz bei merr unn hawwe's immer noch net gelernt!«, und wenn er
von einem Besorgungsgang zurückkam, spöttelte der gemütlicher
veranlagte, dicke Herr Schröder: »Es is nor liewenswerdig von Ihne, daß
Se iwwerhaapts noch zurickkomme! An Ihrer Stell wär' ich iwwer Nacht
gebliwwe!«
Und Adolf dachte sich: »Grad wie nachts die Katze kreische se! Schad,
daß merr kaan Bandoffel nach 'ne werfe derf!«
-- Ich muß noch einmal auf den Drachen Fafner zu sprechen kommen. Der
Leser wird bereits bemerkt haben, daß ich eine Schwäche für dieses Vieh
besitze. In der Tat, ich habe ihn in mein Herz geschlossen und ich
bedaure nur, daß man ihn nicht herausklatschen darf wie eine
italienische Opernprimadonna, auf daß er _da capo_ singe. Er ist der
bestdisziplinierte Drache, den ich kenne. Geduldig liegt er in seiner
Höhle und wartet auf sein Opfer. Wer ihn nicht aufsucht, den frißt er
nicht.
Ganz anders Katharina. Sie hatte sich ihr Opfer ausgesucht, aus der
reichhaltigen männlichen Speisekarte hatte sie gerade das Gericht Adolf
Borges gewählt, sie hatte ihn sich bei dem Oberkellner Zukunft bestellt,
und sie bestand mit aller Hartnäckigkeit darauf, ihn vorgesetzt zu
bekommen.
Eines Abends klopfte es plötzlich an die Türe des Dachzimmerchens.
»Erei'!« rief Adolf verwundert.
Und herein trat Katharina und sprach mit einem Lächeln, das sie für sehr
liebreich hielt: »Der Vadder läßt Ihne sage, ob Se net uff e Gläsi Bier
bei en erunnerkomme dhäte?«
Sie hatte eine frischgewaschene weiße Bluse angezogen, die sie mit
Parfüm von dem Friseur gegenüber besprengt hatte. Es war das erste mal
in ihrem Leben, daß sie Parfüm gekauft hatte, und der Figaro von
nebenan, der blondgelockte Herr Hippenstiel, der wie alle seine
Fachgenossen ein Schlaukopf war, hatte gleich etwas geahnt und diskret
gefragt: »Derf merr graduliere?«
Worauf Katharina feuerrot wurde und hauchte: »Sie könne aan werklich in
Verlegeheit bringe, Herr Hippestiel!«
Zwei Tropfen solle sie nehmen, das genüge vollauf, hatte Herr
Hippenstiel sie belehrt. Aber Katharina machte es wie die Patientinnen,
denen der Arzt fünf Tropfen einer Medizin verordnet hat, und die sich
sagen: »Wenn schon fünf Tropfen gut tun, wie müssen da erst zehn Tropfen
helfen!«
Sie hatte sich gleich das halbe Fläschchen der öligen Flüssigkeit auf
die Bluse geschüttet und sie fand, daß sie nun sehr gut roch.
Auch Adolf fand das, denn er sagte: »Fräulein Bindegerst, Se rieche wie
e Gewächshaus!«
Eigentlich hatte er wenig Lust, der Biereinladung Folge zu leisten.
Allein seine Schüchternheit sagte ihm, es sei doch zu unhöflich,
abzulehnen, und so meinte er: »Ich mach merr zwar Awends nix aus Bier,
aber no, ich wer' net gleich draa sterwe!«
Und Katharina flüsterte holdselig: »Sie sin iwwerhaapts so solid, Herr
Borges! So'n solide Mann haww ich noch kaan kenne gelernt! Ach, Herr
Borges!«
Und dabei seufzte sie so tief, daß das ganze Gewächshaus sich zu heben
und senken anfing.
-- »Des is recht, Herr Borges, daß Se uff'n Schluck Lagerbier komme!«
begrüßte Vater Bindegerst ihn und lud ihn zum Sitzen ein. »Ich habb
merrsch schonn oft gedenkt: was dhut der Mensch eigentlich so allaans da
drowwe in sei'm Leuchttorm? Es is net gut, daß der Mensch allaans sei,
haaßt's in der Biwel. Ich habb lang net mehr drin gelese, ich les liewer
Detektivgeschichte, awwer es is e wahr Wort. Wisse Se, wenn ich kaa
Gesellschaft habb, dann komm ich ins Denke, unn wannn ich erscht emal
ins Denke komm, dann kimmt nix Gescheides dabei eraus! No, Prost, Herr
Borges!«
Adolf hob seinen Krug und stieß mit dem Drechslermeister an. Katharina
hatte ihm das Bier eingeschenkt, in den schönsten Krug des kleinen
Haushalts. Es war ein recht schmucker Krug, die selige Frau Bindegerst
hatte ihn vor vielen Jahren ihrem Eheherrn geschenkt, erstens weil er
Geburtstag gehabt hatte, und zweitens weil gerade in dem
Porzellangeschäft Ausverkauf gewesen war. Eine alte Ritterburg war auf
den Krug gemalt, an deren Portal ein Ritter Trompete blies. Man hätte
ihn unbedingt für den Trompeter von Säckingen halten müssen, hätte nicht
in goldenen Buchstaben darunter gestanden: Stolzenfels am Rhein.