Georg Müller Verlag München

Ich will es lieber gleich sagen, da es sich ja doch im Laufe der

Geschichte herausstellt: Frau Borges war ein Drache. Keiner von den

Drachen, die einen Goldschatz oder eine Jungfrau bewachen und die

dadurch immerhin noch etwas Sympathisches haben, -- nein, sie war ein

Drache ohne jede höhere Mission, ein Drache, dessen einziger Lebenszweck

darin bestand, ihrem Gatten das Dasein zu versauern.

Ihr habt gewiß schon den Drachen Fafner auf der Bühne gesehen? O was ist

das für ein gemütlicher Drache! Er bewegt sich ein bissel auf der

Drehscheibe, schlägt ein bißchen mit dem Schwanz um sich und speit ein

bißchen Feuer. Er kann an Frau Borges nicht tippen. Die fährt herum wie

auf hundert Drehscheiben, schlägt um sich wie mit hundert Schwänzen, und

mit ihrer Zunge versengt sie mehr gute Rufe als der Dilettant Fafner

Gräser und Kräuter.

Obendrein wird der Fafner, gottlob, von Siegfried #erschlagen#. Er

stirbt bekanntlich an den Stabreimen, mit denen Siegfried ihn

mißhandelt, und von denen der berühmteste lautet: »Eine zierliche Fresse

zeigst Du mir da!«

Das hätte einmal Herr Borges zu #seinem# Drachen sagen sollen! So viel

Drachenschwänze gibt es gar nicht! Und Herr Borges war überdies alles

andere eher als ein Siegfried. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, im

Walde wilde Bären zu fangen (was ihm im Offenbacher Stadtwald auch

schwerlich gelungen wäre), er schlug keine Ambosse entzwei, schmiedete

kein Notung, und das Fürchten brauchte ihm nicht erst von einer

Brünhilde gelehrt zu werden. Das Einzige, was Adolf aus dem Geschlechte

Borges mit Siegfried aus dem Geschlechte Wälsungen gemein hatte, waren

die treuherzigen blauen Augen.

Er sah mit diesen Augen so kindlich unschuldig in die Welt, daß sich

jede Mücke sagte: »Der kann Dir nichts zu leid tun!«, und sich auf seine

Nase setzte.

Er war einer von den Gerechten, die viel zu leiden haben, denn ein gutes

Herz ist wie ein rosiger Apfel, der in stiller Pracht am Baume hängt, --

und nach dem deshalb alle bösen Buben mit Steinen werfen.

Die Statistik, die der Erzengel Gabriel im Auftrag des lieben Gottes

führt, hat nachgewiesen, daß es auf Erden bedeutend mehr #böse# Buben

gibt als gute. Und ich kann deshalb meinen Mitmenschen nur den

wohlgemeinten Rat geben: »Wenn Du ein gutes Herz hast, so halte es

geheim wie einen Leberfleck, denn sonst prasselt es von allen Seiten

Steine auf Dich!«

Auf das Heiligsein steht noch immer die Todesstrafe, und die Gutherzigen

werden noch immer mit Pfeilen beschossen wie Sebastian, gesteinigt wie

Stephanus oder geröstet wie Laurentius.

Das hatte auch Adolf Borges in den fünfzig Jahren seines Lebens

reichlich erfahren müssen. Fast dreißig Jahre war er Ausgeher in dem

großen Konfektionsgeschäft von Feldmann und Schröder in der

Schloßstraße. Er hatte das Wachsen des Hauses miterlebt, -- die Firma

war emporgeblüht, und er selbst war dabei verwelkt.

Nur seine treuherzigen blauen Augen blühten noch immer aus seinem welken

Gesichtchen hervor wie zwei große Glockenblumen, beschattet von dem

Gesträuch der Kommis und den mächtigen beiden Stämmen der

Geschäftsinhaber.

Adolf erinnerte sich noch genau, wie das alte Haus umgebaut worden war,

um Raum zu schaffen für die zwei großen Schaufenster. Damals waren die

alten Holzpuppen, die bisher als Modellständer gedient hatten, durch

pausbäckige Wachsfiguren ersetzt worden. Die Holzpuppen hatte er auf den

Speicher tragen müssen, und er fühlte dabei eine wehmütige

Verwandtschaft mit diesen leblosen Dingern.

»Was bistde #mehr# wie so e Holzbubb?« sagte er zu sich. »Genau so, wie

ich jedz Euch enufftrag uff de Speicher, so wern se aach #mich# eines

Dags enaustrage uff de große Menschespeicher, unn es werd kaa Hahn nach

merr krähe unn kaa Hund nach merr belle! Unn an mei Schdell werd aach so

ebbes Neues, Pausbäckiges komme, unn die Welt dreht sich weider unn werd

regiert von der ahle Drehkrankheit, unn wann emal erjend e ahler

Geschäftsfreund frägt: >Herr Feldmann, hawwe Se net emal so en klaane

Ausläufer gehabbt, de Adolf?<, werd der Herr Feldmann antworte: >De

Adolf Borges? Der is schonn längst dod! No, es is net besonnersch viel

an em verlore!<«

Und er erinnerte sich daran, wie die Petroleumlampen waren durch

Gaslüster ersetzt worden, und später die Gaslüster durch große

Bogenlampen.

Immer heller war es um ihn geworden, immer herrlicher und größer, und er

selber kam sich immer kleiner vor.

Er erinnerte sich auch der vielen Angestellten, die im Laufe der Jahre

in das Geschäft eingetreten und wieder ausgetreten waren, teils

freiwillig, teils unfreiwillig.

Da war der Herr Bernheim gewesen, der ihm immer nachmittags eines von

seinen Butterbrötern zur Vesper geschenkt hatte: »Adolf, hastde Hunger?

Komm her unn freß!« Und er hatte ihm eines Tags zur großen Heiterkeit

des ganzen Personals erwidert: »Herr Bernheim, ich dank Ihne aach schee!

Basse Se uff: wann Se emal in de Himmel komme, dann steht der Petrus

drowwe unn hat de Mond als Pannekuche in der rechte Hand unn säggt:

>Bernheim, du warst e guder Mensch, -- komm her unn freß!«

Und er hatte nicht verstanden, was es da zu lachen gab.

Da war ferner der Herr Meier gewesen, dem er jeden Abend beim

Geschäftsschluß den Rock hatte ausbürsten und die Stiefel blankreiben

müssen; denn der Herr Meier hielt sich für sehr schön und lächelte auf

der Straße den Mädchen zu, und wenn ihn ein Kollege fragte: »Herr Meier,

wo waren Sie gestern abend?«, dann grinste er, daß die abstehenden Ohren

wackelten, und flüsterte: »Geschäftsgeheimnis! Aber schön war's!«

Des Herrn Meier Spezialität war das Bedienen der jungen Mütter gewesen,

die ihren Buben Schulanzüge kauften; auf die stürzte er zu und

schwänzelte um sie herum und gebrauchte fünfzehnmal in einem Satz die

Anrede »Gnädige Frau« und schwatzte ihnen die ältesten Anzüge auf. Und

wenn sie wieder aus dem Geschäft draußen waren, sagte er stolz: »Adolf,

haben Sie den Blick gesehen? Den Blick? Adolf, ich sag' Ihnen, wenn ich

#wollt#', -- aber ich will net!«

Und der alte Adolf Borges dachte sich, indem er den verkauften

Ladenhüter einwickelte: »Merr sollt em aach als emal de #Schnawwel# mit

erer Berscht abreiwe! Awwer mit erer #Drahtberscht#!«

Man sieht aus diesen Randglossen, daß Adolf Borges keineswegs ein

Dummkopf war. O nein, er war ein kluges Männlein, aber seine Klugheit

war schüchtern wie ein Tanzstundenjüngling; sie getraute sich nicht, die

schöne Dame Lebensfreude zu engagieren, aus lauter Angst, ihr auf den

Fuß zu treten, und so kam es, daß die schöne Dame Lebensfreude auch ihn

nie engagierte, wenn die guten Feen gerade Damenwahl hatten.

Adolf Borges brachte es zu nichts auf der Welt und blieb Ausläufer bei

Feldmann & Schröder in der Schloßstraße zu Offenbach am Main. Er

schnürte Pakete und besorgte Gänge, er staubte die Pulte ab und reinigte

die Tintenfässer. Und jedesmal, wenn er dem ekligen Kassierer das

Tintenfaß auffüllte, machte er drei Kreuze darüber und bei jedem Kreuz

murmelte er: »Hunnert Rechefehler solle drin sei, in dere schwarz

Brieh!«

Denn ein ganz kleines bißchen boshaft konnte er auch sein, -- trotz

seiner Glockenblumenaugen.

Eigentlich war es wunderlich, daß er, der Gatte Katharinas, nicht #mehr#

Bosheit besaß. Ein besseres Vorbild konnte es doch unmöglich geben. Oh,

wie ungerecht ist das Schicksal! Katharina, -- das wäre so die richtige

Gattin für einen Franz Moor gewesen! Auch Richard der Dritte hätte sie

getrost freien können, stammte sie doch aus dem uralten Adelsgeschlecht

der Xantippen. Und nun mußte gerade der arme, kleine Adolf an sie

geraten!

Wahrlich, das Schicksal ist der gemeingefährlichste Geisteskranke, der

unentmündigt herumläuft, und schon längst gehörte es unter Kuratel

gestellt. Wäre das Schicksal nicht rettungslos blind, niemals hätte es

die Glockenblumen in Adolfs Augen und die Disteln in Katharinas Augen

kreuzen können.

Katharina, -- ich habe sie bereits mit Fafner verglichen. Aber wirft

Fafner mit Suppentellern? Steht er mit dem Kehrbesen oder dem Schürhaken

hinter der Türe, wenn Alberich abends nach Hause kommt? Schreit Fafner

den Siegfried an: »Du hast iwwerhaapt nix zu sage!!« Öffnete Fafner

Briefe, die ihn nichts angingen? Sang er ewig die Litanei: »O Gott, o

Gott, wie konnt ich nor so dumm sei', Dich zu heierate!! Prinze unn

Korferschte hätt' ich hawwe könne!! Unn so en Schlappschwanz muß ich

nemme! O Gott, ich unglicklich Fraa!«

Man sehe in der Partitur nach, Siegfried, 2. Akt, ob Fafner so etwas

singt. Nein, er tut es nicht. In der Urzeit waren die Drachen offenbar

noch harmloseren Gemüts, und wenn der Drache, den der heilige Georg

erlegte, nicht #mehr# Ähnlichkeit mit Katharina hatte als Fafner, dann

sollte man wirklich nicht so viel Aufhebens von der ganzen Affäre

machen.

Der alte Plato weiß in seinem »Gastmahl« zu berichten, daß Mann und Weib

ursprünglich ein einziges zusammengewachsenes Wesen gewesen seien, das

durch irgendeine Macht halbiert wurde, und daß sich die beiden Hälften

nun ewig in Sehnsucht wieder zu vereinigen suchen. Beruht diese Fabel

auf Wahrheit, dann wollen wir Gott danken, daß die andere Hälfte

Katharinas offenbar verloren gegangen ist!

Nun, da sie mit Adolf Borges zusammengewachsen war, glich diese Ehe

einem jener lustigen Tierbilder, auf denen übermütige Zeichner einen

Elefanten mit Entenfüßen ausstatten oder einem Storch einen Nashornkopf

aufsetzen.

Es gibt Ehen, die gleichen einem geruhigen Biedermeierpostwagen; hübsch

langsam gleiten sie dahin, lassen sich Zeit, alle Schönheiten ringsum zu

bewundern, auf dem Bock sitzt der Ehemann neben der Gattin und bläst

Trara, und die ganze Postkutsche ist voll Kinderchen.

Er bläst nicht immer ganz harmonisch, der Herr Ehemann, manchmal giekst

das Posthorn schauerlich, -- macht nichts, die verzückte Gattin

behauptet dennoch: »Männe, so wie Du bläst keiner!«

Andere, »modernere« Ehen gleichen einem _D_-Zug; der Ehemann steht als

abgehetzter, unermüdlicher Führer auf der Lokomotive, hat keine Muse,

sich die Schönheit ringsum zu betrachten, denn die Räder rattern

unaufhörlich den einförmigen Rhythmus »Pflicht -- Pflicht -- Pflicht!«

In einem Abteil erster Klasse sitzt derweil die Gattin, raucht eine

Zigarette nach der andern, betrachtet sich zwischendurch in einem

Handspiegelchen und seufzt: »Gott, ist die Fahrt langweilig!« Und der

abgehetzte Lokomotivführer kann mitunter von Glück sagen, wenn er den

ehelichen _D_-Zug glücklich an die irdische Endstation gebracht hat,

ohne daß unterwegs irgendein eleganter Herr in das Abteil erster Klasse

eingestiegen ist, um die Fahrt unterhaltsamer zu machen.

Andere Ehen wiederum ließen sich mit einer elektrischen Straßenbahn

vergleichen, in der man vor lauter Klingeln und Hasten sein eigenes Wort

nicht versteht, und wo Wagenführer und Schaffnerin nach schwerer

Tagesarbeit nur den einen Wunsch haben: sich einigermaßen gut satt zu

essen und gesund auszuschlafen.

So lassen sich die verschieden gearteten Ehen mit den verschieden

gearteten Fahrzeugen vergleichen, und wer Lust hat, mag die Bilderreihe

zu Tode hetzen.

Adolfs Ehe glich einem Schubkarren. Im Schweiße seines Angesichtes

drückte er ihn seine steinige, staubige Lebensstraße, und oben auf dem

Schubkarren saß Frau Katharina, eine derbe Peitsche in der Hand, und

wenn der arme Adolf einmal eine Schnaufpause machen wollte, pfiff ihm

die Geißel um die Ohren, und er hörte eine kreischende Stimme: »Prinze

unn Korferschte hätt' ich heierate könne! O Gott, ich unglicklich

Fraa!!«

Das war eine der zahlreichen Übertreibungen, derer sich Katharina in den

durchaus einseitigen Aussprachen mit ihrem Ehemann zu bedienen pflegte.

Selbst dem entthrontesten Prinzen wäre es niemals eingefallen, um die

Hand der Drechslermeisterstochter Katharina Bindegerst anzuhalten.

Aber wir wollen gerecht sein und ihr diese Übertreibung nicht zu dick

ankreiden. Übertreiben ist seit der Urzeit ein Reservatrecht der Frauen,

der holden wie der unholden. Als Eva gerade eine Minute lang erschaffen

war, und Adam aus seinem verhängnisvollen Schlafe erwachte, war Evas

erstes irdisches Wort: »Nun warte ich schon eine #Ewigkeit#!«

Und als sich Adam nun erhob, um das Naturwunder näher zu begucken, und

als er es vorsichtig betastete, da fuhr Eva auf: »Habe ich Dir nicht

#schon hundertmal# gesagt, Du sollst mich nicht anrühren?!«

Damals bekam Adam einen Heidenschreck.

Und dieser Schreck hat sich vererbt von Generation zu Generation. Jeder

junge Ehemann kriegt ihn von Neuem, an jenem Tage, an dem seine Gattin

zum ersten Male mit ihm zankt, ohne daß er weiß, warum.

Und jeder Ehemann benimmt sich alsdann genau so paradiesisch töricht und

nachgiebig wie unser Urahn Adam und heftet somit selbst den letzten

Stich an dem Riesenpantoffel, von dem in der Schöpfungsgeschichte nichts

steht, und der sich gleichfalls von Generation zu Generation vererbt, --

und zwar in der #weiblichen# Linie.

Adolf Borges machte es um kein Haar besser. Er war ja schon von Natur

stets gar schüchtern gegen das weibliche Geschlecht gewesen.

»E Fraa is sicher was Scheenes,« sagte er sich als junger Mann, »awwer

ich will's gar net so schee hawwe! Die Fraue sin wie Heckeröscher,

wunnerliebliche Blümercher, die sich um de Mann ranke unn en schmicke

unn verscheenern, -- awwer ich habb kaa Talent zum Blummestänner! Wann

sich so e Heckerösche um mich rankt, dann komme doch bloß die Wespe unn

die Biene unn die Hummele unn steche mich, -- naa, ich bleib liewer

leddig!«

Man hat das weibliche Geschlecht nicht mit Unrecht die Sonne dieses

Daseins genannt. Aber Adolf Borges hatte von jung auf eine

unüberwindliche Angst vor dem Sonnenstich. Wenn er nur von ferne so eine

liebliche Sonne aufgehen sah, spannte er sogleich abwehrend seinen aus

Sophismen gewobenen Sonnenschirm auf.

»Gehstde mit danze, Adolf?« frugen ihn Sonntags seine Bekannten und

Kollegen.

»Ich hipp net, ich bin kaa Laubfrosch!« erwiderte Adolf, denn jeder

Tanzboden dünkte ihn mehr oder weniger ein Blocksberg.

Seine Freunde fuhren gröberes Geschütz auf.

»Adolf, die dick' Anna, die Köchin von Schmidts in der Krummgaß, hat

sich nach Derr erkunnigt! Ob De net nächste Sonndag nach der Goedheeruh

kämst? Se hätt Derr was zu sage! -- No??«

»En scheene Gruß an die dick Anna, unn ich wär net neugierig! Unn se

soll merr mit ihrer Goedheeruh mei Borgesruh lasse!« sagte er und blieb

des Sonntags zu Hause.

Oder er bummelte allein im Stadtwald und am Mainufer umher, sah die

schweren Mainkähne und Flöße ziehen, sah die leichten Amseln schwirren

und die drolligen Eidechsen huschen. Und empfing dabei mancherlei

Schönes, was der liebe Gott nur an einsame Spaziergänger zu verschenken

pflegt.

Einmal fand er ein Vogelnest mit vier Eierchen.

Nachdenklich stand er davor, wiegte den Kopf und sann: »Vier Kinner uff

aamol, -- naa, ich bleib leddig!«

Ein andermal setzte er sich im Walde ermüdet nieder, legte den Kopf auf

einen kleinen Hügel, der sich alsbald als Ameisenhaufen entpuppte.

»So is des ganze Lewe!« sprach er und erhob sich betrübt. »E

Ameisehaufe! Unn da soll merr seine Eltern noch dankbar sei', daß se ein

in so was eneisetze!«

Und er griff sich melancholisch in den Kragen, um die hurtigen Tierchen,

die seinen Hals als Tanzplatz benutzten, zu entfernen.

Selten leistete er sich den Genuß, des Abends in einer Kneipe zu einem

Glas Bier oder einem Schoppen Äpfelwein einzukehren. Friedlich

schichtete er daheim in der Waschtischschublade die kleinen Ersparnisse

aus seinem bescheidenen Lohn und aus den Trinkgeldern, die er hie und da

bei Besorgungen erhielt, zu einem Berg. Es war kein Himalaja, es war

gleichfalls nur ein Ameisenhäufchen, aber er hoffte, ihn mit der Zeit zu

einem kleinen Hügel anschwellen zu sehen, von dem aus er in den Zeiten

des Alters und der Gebrechlichkeit die Welt mit genügsamem Lächeln zu

betrachten gedachte.

Und das wäre ihm vielleicht auch gelungen, hätte das Schicksal nicht mit

ihm einen grausamen Scherz vorgehabt und ihn als Untermieter in die

Wohnung des Drechslermeisters Bindegerst geführt.

Er war damals zweiundvierzig Jahre alt, und sein Herz zählte somit

bereits zu jenen Zielscheiben, denen gegenüber es sich der kleine Gott

Cupido erst dreimal überlegt, ehe er noch einen Pfeil daran wagt.

Entschließt er sich aber dann doch dazu, so nimmt er keinen von den

kleinen goldenen Pfeilen, die so süß schmerzen, sondern er schnitzt sich

einen großen, plumpen Kloben zurecht, mit scharfen Widerhaken, und

versieht dieses vermaledeite Geschoß, damit es auch recht zielsicher

schwirre, noch eigens mit einem Propeller aus riesigen Eselsohren.

An jenem ersten März, als Adolf Borges mit seinem Handköfferchen die

Stiege emporschlenderte, um bei dem Drechslermeister das vermietbare

Dachzimmerchen zu besichtigen, spielte gerade ein Orgelmann im Hof den

populären Rheinländer:

»Katharinchen mit dem Selleriekopp,

_Allez_ hopphopphopp! _Allez_ hopphopphopp!«

Diesen Drehorgler hatte der hohe Schutzgeist der Junggesellen eigens in

den Hof gestellt, um Adolf eine letzte Warnung zukommen zu lassen.

Da aber Adolf niemals einen Tanzboden besucht hatte und daher diesen

Rheinländer nicht kannte, und da er andrerseits nicht wissen konnte, daß

der Drechslermeister eine Tochter Katharina besaß, fruchtete die Warnung

leider nichts.

»Gu'n Nachmiddag!« empfing ihn der alte Bindegerst freundlich. »Neun

Mark dhät des Zimmerche koste! Mit Kaffee zeh' fuffzig! Es is e ruhig

Zimmerche! Nor dhun als bei Nacht die Katze so kreische! No, da misse Se

halt mit'm Bandoffel danach schmeiße! Des könne se net verdrage! -- Was

hawwe Se dann for en Beruf?«

»Ausläufer bei Feldmann & Schröder in der Schloßstraß!«

»E foi Haus!« bekräftigte Vater Bindegerst. »E erstklassig Firma! Ich

bin aach schonn emal bei're ereigefalle mit eme Aaazug! Wie lang sin Se

dann schonn bei dene Leut?«

»Zweiunzwanzig Jahr!« seufzte Adolf.

»Des is e Embfehlung!« schmunzelte Bindegerst. »Des is e Embfehlung,

wann's e Aagestellter so lang mit'm Brinzibal aushält! -- Sin Sie

eigentlich e Offebächer odder e Frankforder?«

»E Frankforder wär' ich!«

»Ich aach! Unn da sin Se nach Offebach ausgewannert?«

»Ja, ich bin ausgewannert. Amerika war merr zu weit, da bin ich nach

Offebach.«

»Ich aach. No, steihe merr emal enuff in des Zimmerche! Se misse Ihne am

Stiegegelänner festhalte, die Trepp is e bissi wackelig!«

Adolf sah sich das Zimmer an und behielt es. Er war ja so bescheiden in

seinen Ansprüchen, die Gabe des Widerspruchs war ihm versagt, und wenn

der letzte Teil der Treppe sogar #völlig# gefehlt hätte, und Herr

Bindegerst hätte gesagt: »Se misse, um in Ihr Zimmerche zu komme,

jedesmal en Rieseaufschwung mache!«, er hätte auch in diesem Falle nicht

die Energie gefunden, nein zu sagen.

Und überhaupt war es Adolf ziemlich gleichgültig, wie er wohnte. »Was

kimmt's dadruff aa?« sagte er sich. »Ich habb schonn Säu geguckt, die

hawwe in Ställ gewohnt mit Borzellankachele, -- no, am Schluß sin se

#doch# geschlacht' worn! Unn wann der Herr Feldmann unn der dick Herr

Schröder ihr Haus noch e dutzendmal umbaue lasse unn dhun so viel

Bogelampe enei wie in de Frankforder Haaptbahnhof, deshalb bleiwe se

#doch# zwaa Rindviecher!«

Und er fühlte sich zunächst ganz wohl im neuen Heim. Wenn auch das

Zimmerchen nichts enthielt als ein einigermaßen erträgliches Bett, einen

morschen Spiegelschrank, in dem ein falscher Schlüssel steckte, eine arg

baufällige Waschkommode -- (»Se kriehe evenduell emal e annerne«, hatte

Herr Bindegerst gegen seine eigene Überzeugung behauptet) -- einen

durchgesessenen Stuhl und einen Tisch, der, sobald man sich auf ihn

stützte, von selbst Rheinländer zu tanzen anfing, es war doch so

lauschig still des Abends da droben, und wenn man den Kopf zum

Dachfenster hinausstreckte, sah man unten die Menschen wie kleine Käfer

umherkrabbeln.

Und das erschien Adolf sehr possierlich.

»Wie klaa misse se erscht dem liewe Gott vom Himmel aus vorkomme!«

meinte er. »Da kann er freilich kaan Brinzibal vom Ausläufer

unnerscheide, unn kaan Rothschild von eme Schnorrer! Ich glaab werklich,

es is gar net so schwer, die Mensche gerecht zu beorteile, -- merr muß

nor weit genuch eweck sei!«

Und des Nachts schien der Mond in das Zimmerchen, der so viel

demokratischer ist als die Sonne. Denn, wenn dich die Sonne ansieht, so

mußt du ehrfurchtsvoll, geblendet die Augen schließen; den Mond aber

kannst du ohne Zwinkern fröhlich und freundlich begrüßen wie

deinesgleichen.

Man hat nur noch kein genügend großes Fernrohr gebaut, sonst könnte man

deutlich sehen, wie der Mann im Mond jeden Gruß erwidert; jedesmal

unterbricht er die Arbeit des Holzhackens und zieht seine Mütze, denn er

hackt ja das Holz nicht für eigene Rechnung, und deshalb eilt es ihm

nicht so.

Freilich, wie die Sonne ihren Sonnenstich austeilt, so gibt es auch den

Mondstich. Aber den kriegen nur die lyrischen Dichter. Und dann hält

sich der Mann im Mond mit beiden Händen die Ohren zu.

In solchen mondhellen Nächten erhuben auch die von Vater Bindegerst

bereits angekündigten Katzen ihre Stimmen. Ganze Sinfonie-Konzerte

führten sie auf. Adolf hätte ein ganzes Schuhwarenlager nach ihnen

werfen können, es hätte sie nicht gestört. Im Gegenteil: kam ein

Pantoffel geflogen, so faßten sie das als Beifallsbezeugung, als eine

Art ledernen Lorbeerkranz auf und gaben noch ein mindestens fünfteiliges

Tongemälde zu.

»Herr Bindegerst, des soll der Deiwel aushalte, des Katzekonzert!«

beklagte sich Adolf einmal, als er die ganze Nacht kein Auge hatte

schließen können. »Was hawwe die Viecher dann bloß?«

»Die Lieb'!« erklärte der Drechslermeister als weltweiser Mann. »Glaawe

Se, die Mensche gewwe #scheenere# Tön' von sich, wann se verlibbt sin?

Die Lieb is halt so musikalisch!«

Adolf, der ja die Liebe nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt

hatte, gab sich mit dieser Erklärung zufrieden.

Aber schon wurden die Saiten gestimmt, um auch ihn musikalisch zu

machen. Und das Instrument, nach dem er tanzen lernen sollte, hieß

Katharina.

Allmorgendlich um halb sieben Uhr brachte sie ihm den Kaffee hinauf. Sie

stand zu diesem Zweck schon um sechs Uhr auf, wusch sich, indem sie mit

dem feuchten Waschlappen ein paarmal das spitze Vorgebirge ihrer Nase

umsegelte, kämmte ihr Haar, wobei man nicht an die Loreley zu denken

braucht, und legte es sich in Strähnen um den Hinterkopf.

Dann schlüpften ihre dürren Glieder in einen oft geflickten Unterrock,

ihre behenden knochigen Arme fuhren heftig in eine Flanellbluse wie der

Teufel in die Sauherde, der Oberrock wurde über das Haupt gestülpt, und

dann begann der Bauchtanz, den die Frauen aufführen müssen, bis endlich

sämtliche Rückenknöpfe geschlossen sind. Zuletzt schlupfte sie in die

Strümpfe und in die Schlappen.

Begehrenswert war Katharina nicht; das fanden alle, die sie kannten, mit

einer einzigen Ausnahme. Und die hieß Katharina Bindegerst. Lichtenberg

hat unrecht, wenn er behauptet: wenn ein Affe in den Spiegel sieht, kann

kein Apostel herausschauen. Man frage nur den Affen!

»Gu'n Morsche, Herr Borges!« lächelte Katharina so zauberhaft, als es

ihr möglich war.

»Gu'n Gugurruru-Morsche, Fräulein Binde-schtscht-ssgstgerst!« entgegnete

Adolf, der gerade beim Gurgeln und Zähneputzen war.

»Ach Gott, Ihne fehlt ja hinne 'n Knopp!« schrie Katharina auf.

Das hatte Adolf noch nicht bemerkt. Und er hatte es nicht bemerken

#können#, da in Wirklichkeit an seiner Hose nicht der geringste Knopf

fehlte. Aber darauf kam es der Offenbächer Circe auch gar nicht an;

schon hatte sie Nadel und Faden gezückt und markierte auf Adolfs

Kehrseite das Annähen eines Knopfes.

Und obwohl er in dieser Situation unmöglich ihr Gesicht sehen konnte,

lächelte sie dabei unausgesetzt verführerisch.

Ob sie ihn liebte? -- Nein. Sie war überhaupt keiner Liebe fähig.

Daß ein altes Holz Blüten treibt, das kommt nur im »Tannhäuser« vor, und

auch da ganz am Schluß des letzten Aktes, so daß man nicht nachprüfen

kann, wie lange die Blüte vorhält.

Wohl hatte auch Katharina, wie alle Mädchen, eine Zeit gehabt, in der

sie von jener naturwidrigen Art Ehe träumte, die zu neunzig Prozent aus

Liebkosungen besteht, und in der man von Küssen und Anschmachten satt

wird. Aber längst hatte die Flut der Jahre dieses glückhafte Schifflein

verschlungen.

Nun war sie praktisch geworden, praktisch wie ein Sklavenhändler, und

sah im Manne nur eine Versorgungsanstalt. Eine Rentenversicherung, der

keine Kontrolle erlaubt ist und die obendrein bei der Auszahlung jedes

Betrages einen Kniefall zu machen hat.

Ein pensionsberechtigter Zwerg Nase wäre ihr als Gatte sympathischer

gewesen als der Apoll von Belvedere, von dem es ungewiß ist, ob er eine

Frau ernähren konnte.

Ach, die so nüchternen, trockenen Eheparagraphen des Bürgerlichen

Gesetzbuches erscheinen wie ein Hohelied auf die Liebe, verglichen mit

den Eheanschauungen eines Mädchens, das erst einmal angefangen hat,

»praktisch« zu denken!

»Danke schee!« sagte Adolf Borges, als Katharina mit dem Festnähen des

ohnehin bereits festgenähten Knopfes fertig war.

»Haww ich Ihne aach net gestoche?« flötete Katharina und warf ihm einen

Blick zu, bei dessen Empfang der früher erwähnte Herr Meier stolz

gefragt hätte: »Adolf, haben Sie den Blick gesehen? Den Blick? Ich sag

Ihnen, Adolf, wenn ich #wollt#' -- aber ich will net!«

Adolf war kein Meier. Er bemerkte den Blick überhaupt nicht.

Noch stimmten die Saiten, nach deren Klang er das Tanzen lernen sollte,

nicht genau, aber nur noch um kleine Schwankungen waren die Quinten

unrein, und schon probierte Katharina leise, pizzikato, ob sie das Spiel

wohl beginnen könne.

Sie hatte das Tablett mit dem Kaffee auf den Tisch gestellt, doch nun

fand sie, daß es nicht gut stünde. Während ihr Dachzimmerherr den

Schlips umband und die Jacke anzog, rückte sie an dem Tablett herum und

stellte die inzwischen kalt gewordene Tasse Kaffee und das

Butterbrötchen recht handlich hin.

Dabei schwänzelte sie geziert um den Tisch und ließ durch ein paar

kokette Drehungen ihren gewitterfarbenen Rock ein wenig blähen, so daß

der Regenbogen ihres oftgeflickten Unterrocks sichtbar ward.

Aber auch an dieser Naturerscheinung ging Adolf achtlos vorüber.

Da ließ sie ihn denn allein, stieg die Treppe hinunter und seufzte:

»Merr hat's net leicht!«

Adolf schlürfte den kalten Kaffee, griff, noch mit beiden Backen kauend,

nach seiner Mütze, machte sich auf den Weg zu Herrn Feldmann, um die

Geschäftsschlüssel zu holen, begab sich in die Schloßstraße, öffnete,

zog die Rolläden hoch und begann die eintönige Arbeit des Aufwischens

und Abstaubens.

Und seufzte: »Der liewe Gott hätt' aach gescheider die Welt in #aam# Dag

erschaffe unn dann #sechs# Däg geruht, schdatt umgekehrt! Dann hätte

merr sechs Sonndäg in der Woch!«

Er war noch mitten in den Aufräumungsarbeiten, da kamen schon die

ersten, pünktlichsten Angestellten, und der Briefträger kam und gab die

Post ab, und die Kommis suchten schnell die Privatbriefe und jene Briefe

heraus, die wegen falscher Adresse zurückgekommen waren, und zuletzt kam

der Herr Feldmann, und kaum war er da, da fing er auch schon an zu

schimpfen und einem Kommis zu versichern: »Zum Schlafe haww ich Se net

angaschiert! Schlafe kann ich selwer for mei Geld!«

Der Widerspenstigen Zähmung · 第 2 / 15 题