* * * * *
Der Tag war frostig, nebelgrau und feucht. George hatte das Klärchen auf
dem Arm und das Röschen an der Hand. Sie standen auf den Stufen des
Hauses und sahen zu, wie der große, eilig vollgepackte Koffer hinten auf
die Berline aufgeschnallt wurde.
Brand hatte sich schon verabschiedet und war gegangen. Er fuhr mit der
Postchaise nach Straßburg, es vertrug sich nicht mit seinen
Anstandsbegriffen, im gleichen Wagen mit der Frau seines deutschen
Freundes abzureisen. Oh, Mr. Forster hatte keinen Grund, ihm zu danken.
Er erfüllte nur seine Pflicht als ^gentleman^. Da denn Mr. Forster seine
Frau nicht selbst zu begleiten wünschte ...
Dies war Old England, das ihn da mit den Augen einer kühlen
Selbstgerechtigkeit noch einmal musterte, wußte George. Er wußte es mit
Gelassenheit, wenn er es überhaupt empfand. Er fühlte die warmen kleinen
Hände seiner Kinder und sonst nichts. Im Hintergrunde hörte er Theresens
Stimme, die der Magd Marianne Anweisungen gab, -- Lise fuhr mit nach
Straßburg. Oh, beschwörende Anweisungen ohne Zahl. Und daß Marianne am
Abend nur nie die warmen Umschläge für den Herrn vergessen möge, die
warmen Mehlsäckchen für sein Knie! Die warmen Mehlsäckchen, -- jawohl,
dachte George. Er hörte ihre Schritte hinter sich. Er ging die Stufen
hinunter und gab das Klärchen der Magd zu halten.
»Warum weint Sie denn, Lise, warum denn?« murmelte er und beugte sich zu
Röschen hinunter.
»Warum kommen Sie denn nicht mit, guter Papa?« Das Kind umklammerte
seine Hand. In das ängstliche kleine Gesicht hinein sagte George
lächelnd, daß er noch ein wenig hier bleiben wolle, bei den guten
Soldaten, und daß er sich dann auch in eine Kutsche setzen und dem
Röschen nachfahren würde, zum Christfest, freilich doch, zum Christfest
schon! Einen Augenblick versucht, selbst zu glauben, was seine
überredende Stimme da sagte, so jammerte doch gleichzeitig sein Herz zu
Gott, daß er ihm doch auch einen Trost geben möge, ein Versprechen, --
ach, und wenn schon ein unmögliches Versprechen! Aber da stand Therese
nun am Wagenschlag, in dem braunen Reisemantel mit den großen
perlmutternen Knöpfen, -- dies war der Mantel der Abreise am
Hochzeitsabend in Göttingen gewesen! Torheit der Erinnerung! -- den
blauen Schleier fest um den hohen englischen Hut, um das weiße Gesicht
geschlungen. Wie in einer wunderlichen Abwesenheit des Geistes tasteten
ihre Hände am Gepäck, befahl ihre Stimme Lise, mit den Kindern
einzusteigen, fragte nun tonlos: »George, -- du fährst doch noch mit uns
bis zum Tor?« Und da er zauderte: »Nein, nein, -- du darfst auch nicht
den Anschein erwecken, -- ich weiß!« Der Kutscher möge langsam durch die
Stadt fahren und am neuen Tor auf sie warten, rief sie, »Dein Hut!« rief
sie, »dein Stock!« eilte die Stufen hinauf, der verstörten Marianne
beides abzunehmen, kehrte noch einmal um, lief ins Haus und kam mit dem
wollenen Halstuch zurück. Er hörte indessen den Wagen anrücken, sah die
kleinen Gesichter der Kinder, ratlos, wie ihn dünkte, auf sich, auf das
Haus ihrer Heimat gerichtet, bis sie entschwanden, fühlte Theresens
Hände, die ihm den Schal umknüpften, bebende, kleine Hände, gewiß, er
kannte dies Beben, jawohl, und nun ging er, ging mit Therese am Arm die
Tiermarktstraße hinauf. Der Hofrat Forster, der Vizepräsident der
Administration, hier ging er durch Mainz, seine Gattin am Arm. Kein
Grund sich aufzuregen für das Publikum, nicht wahr?
»Du hast so eisige Hände, Georgie, -- ich vergaß deine Handschuhe, --
ach verzeih!«
»Aber ich bitte dich, Liebe, -- das schadet doch nichts. Hast du auch
deinen Muff im Wagen, -- die Kaninchenkatze, Therese?«
»Oh, Georgie, -- oh! Ich habe alles, auch Fußsäcke und den großen Pelz
für die Kinder.«
»Das Klärchen hat den Schnupfen ...«
»Du hast so schrecklich gehustet vergangene Nacht, Georgie. Vergiß nie
den Eibischtee abends. Marianne stellt ihn dir hin, aber du mußt ihn
auch trinken. Heiß, Georgie, -- ganz heiß!«
»Liebe, du mußt dich nun gar nicht mehr sorgen um mich. Du wirst genug
mit euch selbst ... Wirst du mit dem Gelde auch reichen?«
»Ach, George!«
»Warum weinst du denn, Liebling? Sei mein tapferes Herz. Alles wird gut.
Wenn du dich je in bedrängter Lage siehst, wende dich an Schweighäuser,
nicht an Zaukell. Zaukell ist ein guter Geschäftsmann, aber ein zu guter
Geschäftsmann.«
»Ach George, -- warum an Fremde? Du bist so nah. Denk doch, zwei
Tagreisen ...«
»Freilich doch, Therese. Ich bin ganz nah.«
»Und du schreibst mir täglich?«
»Ich schreibe dir täglich.«
Sie bogen in die stille Weißliliengasse ein und gingen unter der
Zitadelle hin. Sie gingen ganz langsam. Die Domglocken läuteten und den
Nebel schwellend zu ungeheurer Klage fielen allmählich alle Kirchen ein.
Trommeln rasselten aus den Schanzen.
Sie blieben stehen.
»Oh, Georgie, -- du lächelst?«
»Warum soll ich -- nicht lächeln, Therese?«
»Oh, George, -- du hast das heiligste Herz auf der Welt.«
Er drückte sie still an die Brust. Nach einer Weile zog er sein Tuch und
trocknete ihr sanft das Gesicht. »Komm nun, Therese. Die Pferde ...«
Sie schritten weiter. Therese sagte stockend:
»George, ach, sei nicht so allein, jetzt, bis du nachkommst.«
»Ach, Therese, -- bei so viel Geschäften -- und so viel guten Bekannten
...«
»Ich denke nur, -- Sömmerring ist fort ...«
»Ja, Sömmerring ist fort.«
»Und Müller ...«
»Ach, -- Müller -- Aber freilich, ihn hier zu wissen, wäre ganz gut.«
»Aber der gute Lux, George. Wedekind kann dir nichts sein, aber Lux ist
so lauter gesinnt. Und George, Karoline, -- du sollst Karoline oft
sehen.«
»Soll ich das, kleine Therese?«
»Ach, George, -- ist sie dir denn gar nichts?«
Er blickte in ihr Gesicht, in dem eine fordernde Frage stand. Brauchte
sie auch diesen Trost? Er sagte mitleidig: »Karoline ist mir wohl sehr
viel, du Kind.«
Da stand der Wagen unförmig im Nebel. George sagte:
»Therese ...«
»George?«
»Ich -- möchte dich noch einmal küssen, -- hier -- allein ...«
Ihr weißes kühles Gesicht. Ihre geschlossenen Augen. Ihr süßer, süßer,
duldender Mund.
»Hab ich dich oft -- ach oft -- gequält, mein Herz?«
»Oh, George ...«
Der Kutscher über seinen sieben Kragen fluchte schon. Der englische
Bereiter sprang vom Bock und riß den Schlag auf. Im Wagen war ein warmes
zwitscherndes Nest voller Kissen, Decken und Pelze, die Kinder
schmausten mitgenommenen Kuchen, die biedere Lise strickte. Da stieg
Therese nun hinein. George wagte es nicht mehr, nach den Kindern zu
greifen. Er stand. Er lächelte.
Therese drängte den Schlag, der zufallen wollte, noch einmal zurück,
Therese sprang heraus, sie warf sich an Georges Brust.
»Vergib mir, -- o vergib!«
Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an. Mr. Brands Berline setzte
sich schwankend in Bewegung und schaukelte zum Neuen Tor hinaus, auf der
Straße nach Speyer, die George vor zwei Jahren heimkehrend von Paris
gekommen war. -- -- --
* * * * *
Wirbelnd hatte die Spindel getanzt; rasend rollte der Schicksalsfaden
ab.
Der Deputierte des Mainzer Konvents im Nationalkonvent zu Paris, George
Forster, wohnhaft in der ^Rue des Moulins, Maison des Patriots
hollandais^, war ein Freund der einsamen Spaziergänge. Dieser gewesene
Deputierte eines gewesenen Konvents, nach Paris gesandt vom Vertrauen
seiner Mitbürger, die ihren aufgezwungenen Freiheitstaumel seit dem Juli
in den Trümmern ihrer von den Preußen zusammengeschossenen Stadt büßten,
George Forster, durchwanderte unablässig die Straßen von Paris und
machte es mit sich aus, was es heißen wolle, ein Sansculotte des Herzens
zu sein.
Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Haus und Herd. Er hat sein
Zelt, sein Arbeitsgerät, seine Waffe. Sein Lager und seine Feuerstelle
sind da, wo der Abend den Wandernden findet. Er ist nicht Patriot,
sondern Kosmopolit; er ist Weltbürger. Weiter:
Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Freund und Gevatter, er
vergißt, daß er Eltern und Geschwister besaß. Darum gleichviel, wer
hinter ihm drein flucht, gleichviel, ob es Lippen sind, die seinen Namen
einst in der Ergriffenheit von Zärtlichkeit und Zuneigung nannten! Er
gehört zum heimlichen Orden der Brüder vom reinen Willen. Letztlich:
Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Weib und Kind. Er fragt nur
nach der Idee und dankt dem göttlichen Wesen, wenn es von irdischen
Banden ihn löste. --
Er hatte sich mit zwei Gefährten, Lux und Patocki, Ende März nach Paris
schicken lassen, um in Mainz nicht am Ekel vor dieser Pseudorevolution
zu ersticken, sich nicht den Tod zu holen bei dieser Orgie
geilgewordener Spießbürgertriebe. Er hatte sein entseeltes Haus
verlassen, den Schauplatz der fürchterlichen Monate des Einsamseins, und
Aug in Auge mit einer Wirklichkeit, der nun nicht mehr auszuweichen
gewesen war, die nun endlich genommen werden wollte als das, was sie
war.
Ach, es war durchaus keine Überraschung für ihn gewesen, dies, daß
Therese, kaum eine Woche in Straßburg, in ihren Briefen von Feuillants
und Rolandisten zu schwärmen begann, charmanten Leuten, deren
Überzeugungen ihr wohl taten und ihrem weiblichen Herzen entsprachen;
keine Überraschung, daß sie nach weiteren vier Wochen den Ratschlägen
dieser neuen einsichtigen Freunde nachgebend, wie sie versicherte, --
den brieflichen Lamentationen des alten Heyne, den Beschwörungen des
Freundes in Dresden folgend, wie George ohne alles Fragen wußte, -- mit
den Kindern Straßburg verlassen und sich nach Neufchâtel, in die
neutrale Schweiz begeben hatte, in ihrer weiblichen Verwirrung scheinbar
ganz außer acht lassend, daß sie nun unerreichbar für einen
französischen Staatsbeamten und Bürger geworden, dem das Überschreiten
republikanischer Grenzen bei Todesstrafe verboten war! Es war keine
Überraschung endlich, auch dies nicht, daß sie, -- nicht unerreichbar
für einen deutschen Untertan und sächsischen ^chargé d'affaires^ außer
Diensten, -- seit dem Mai unter Hubers Schutz in Neufchâtel lebte, --
oh, in allen Ehren und nicht unter einem Dach, aber immerhin, Huber war
bei Therese in Neufchâtel, Huber sah sie täglich, Huber unterrichtete
das Röschen, Huber sorgte für Theresens Unterhalt, denn wie hätte George
bei seinen achtzehn Livres Diäten, die er einstweilen noch bezog, das
jetzt vermocht?
Endlich, noch nicht genug, -- und seltsam, wie gewappnet sein Herz diese
letzten Schläge erwartet hatte, -- keine Überraschung war es, daß sie
ihn baten, nur noch Theresens Freund zu sein, -- und Hubers Bruder, ja,
freilich! -- auch vor der Welt. Keine Überraschung die grausamen
Enthüllungen über die letzten Jahre, die man nun aus der Ferne ihm zu
machen den Mut endlich fand! Diese Kinder -- oh, sie waren ja tot! Auch
der kleine Junge -- war tot. Konnten Tote denn zweimal sterben?
Keine Überraschung, nicht wahr, im letzten Grunde keine Überraschung,
kein Schreck, keine Erschütterung! Er hatte dies alles gewußt. Er hatte
wissend daran vorübergelebt, wehrlos, in inbrünstiger Hoffnung
vertrauend, denn er war nicht geboren als ein Sansculotte des Herzens.
Indessen, er hatte gelernt. Und was sich da jetzt noch an Widerstand in
ihm regte, was sich das lange Jahr über, -- denn wieder war es Dezember,
-- an unüberwindlicher Sehnsucht, an unerfüllbarer Hoffnung aufgebäumt
und sich Luft gemacht hatte in endlosen Briefen voller Fürsorge und
Zärtlichkeit, voller Projekte und Vorschläge für ein gemeinsames Leben,
ein Leben zu dreien, -- schließlich voller Demut, voller Werbung, die an
Bettelei grenzte, -- dies alles, er täuschte sich nicht, sein eigener
Zuschauer, der er geworden war, dies alles waren die Todeszuckungen
einer sehr teuren Gewohnheit. Er wußte: dies alles würde noch eine
kleine Weile so fortgehen. Es würde noch eine kleine Weile dauern und
dann würde das Unverletzliche in ihm triumphieren. Und dann würde nichts
sein als der reine Kristall, der voll entfaltete Lotos: die Seele nicht
des kämpfenden, aber des im Martyrium lächelnden Helden --
Die Todeszuckungen jedoch einer geliebten Selbsttäuschung sind
gefährlich für den Organismus, in dem sie wüten. Sie hatten einen
Sanften und Liebenswürdigen zeitweilig reizbar, ausfallend und bösartig
gemacht. Sie hatten für Monate vielleicht einen politischen ^enragé^
gezeitigt, wo ein Friedensapostel gewesen war. George vermied es, sich
seiner politischen Tätigkeit bei den Wahlen in Mainz zu erinnern, die in
den Januar und Februar gefallen war. Dies war vorüber. Seine Züge waren
nicht mehr verzerrt. Dieses letzte halbe Jahr über starrend in das
enthüllte Antlitz des unbedingt Bösen, schwer atmend im Blutdunst der
Guillotine, mühte sich George verzweifelt um sein Menschheitsideal, um
die hundertmal verstoßene und hundertmal weinend wieder aufgesuchte
Göttin.
Er war fortwährend krank gewesen; niemand pflegte ihn, und er schonte
sich nicht. Im Zustande einer sonderbaren Gleichgültigkeit gegen seinen
leidenden Körper, seine verschleimten, pfeifenden Lungen, sein
versagendes Herz, seine geschwollenen, schmerzenden Glieder, seinen
gebeugten Rücken, als gegen ein Kleidungsstück, das man bald abzulegen
gedenkt, und so lohnt es sich nicht mehr, daran herumzuflicken, -- in
dieser Gleichgültigkeit ging er auch heute am Abend vor Weihnachten
durch die Stadt, nach einem Besuch bei dem Buchhändler Onfroi den
Heimweg durch die nebeligen Straßen suchend, ohne Überrock und in jener
leisen süßen Trunkenheit des Fiebers, die ihn nun seit einigen Wochen
Abend für Abend befiel. Übrigens war ihm dabei durchaus nicht heiter
zumute. Wenn er in diesen Stunden in seinem einsamen Zimmer war, pflegte
er, von Hemmungen befreit, zu weinen. Wenn er in einer unerklärlichen
Angst vor solchen Ausbrüchen einer sonst gebändigten Traurigkeit entfloh
und durch die Gassen streifte, standen zuweilen Gestalten an seinem Wege
und schlossen sich ihm an, die er kaum zu betrachten wagte, aus Furcht,
sie möchten allzu schnell wieder in Nebel zerrinnen.
Es war zwischen vier und fünf Uhr nachmittags. Als George den Pont Neuf
überschritt, stutzte er einen Augenblick, sah zur Seite, nickte vor sich
hin, murmelte ein Wort und ging weiter. Der Fremdling aber, den er dort
am Brückengeländer hatte lehnen sehen, ging mit und blieb ihm zur Seite.
Er trug weite pludrige Hosen aus englisch Leder, die unter den Knien
zusammengebunden waren, seine bloßen Füße steckten in derben
Schnallenschuhen. Der Wind griff ihm in den Nacken, blähte den weiten,
rotgestreiften Kittel und machte, daß der Mann beständig nach seiner
Mütze griff, einer runden, abgeschabten Pelzmütze, die er tief in die
Stirn drückte. Übrigens war an diesem Abend kein Wind, der Nebel stand
unbewegt. George aber war nicht imstande, sich darüber zu wundern, daß
er seinen Begleiter ständig wie vom Wind getrieben sah. Dies war Larry.
Kein Zweifel! Oh, er war es! Ein rosiges, gebräuntes Knabengesicht,
wassergraue Augen, die seltsam blicklos schienen, als sei alles
durchsichtig und dahinter unabsehbare Ferne, die kurze Tonpfeife im Mund
und die Hände in den Hosentaschen, -- es war Larry, wie er gewesen war,
ehe George ihn zum letztenmal sah, in der Hängematte liegend, gelb und
ausgemergelt, zahnlos, mit verschwollenem Munde und mit vorquellenden,
angstvollen Augen.
Larry, der den Tod im Skorbut gefunden hatte, Larry nun hier an seiner
Seite im Nebel von Paris, getrieben oder getragen von seinem eigenen
sanften Segelwind, Larry begleitet von dem alten kecken Rhythmus:
»^Beaning, belling, dancing, drinking,^
^Creaking windows, damning, sinking,^
^Ever raking, never thinking ...^«