»^Live the rakes of Mallow!^«
Larry an seiner Seite tat ihm gut. Er würde ihn nicht anrufen, oh nein.
Hinter seiner Stirn war das süße Gesumm vollständiger Gedankenauflösung,
aber dies wußte er, daß es umsonst war, mit Boten von Larrys Art
anzubinden. Er wußte wohl, daß Larry als ein Bote kam. Es war gut, ihn
gesehen zu haben, -- aber er vergaß ihn auch wieder und vermißte ihn
nicht, als er wieder verschwand. Er hatte Larry in den letzten Monaten
manchmal gesehen, -- oder war es nur, daß er seiner gedacht hatte?
George blickte über die gelbe Flut der Seine hinüber zur Notre Dame, die
dort drüben in einer Gloriole trüben Abendgoldes, entheiligt, finster
und trauervoll ragte, und ging weiter, den Stock hart auf das Pflaster
setzend und in der dumpfen Erinnerung, daß er jetzt wohl etwas essen
müsse, denn Therese hatte ja geschrieben, er solle sich gut pflegen, --
er ging, vor sich hinsehend mit dem Blick jenes Kummers, der von sich
selbst nichts mehr weiß, von Menschen gestoßen, ohne daß er es bemerkte,
-- ein Herr im tabakfarbenen Rock, der die linke Hand gegen die Brust
preßte und dem der Hut sehr traurig über den Augen saß. Die Laternen
wurden herabgelassen, angezündet und schaukelten nun droben im Nebel,
trübe herabglühend, wie blutige Augen eines Himmels, der keine Sterne
mehr hat. Willenlos emporblickend sah George jetzt einen Reigen um die
schwankenden Feuertulpen, lautlos geschwenkt, wie einen Tanz
riesenhafter Motten um das Licht: Leiber, so lang gerenkt, Wangen,
bläulich gedunsen, Augen, vortretend, furchtbar, ins Nichts gerichtet.
Dem einen quoll die Zunge dick aus dem Munde, dem andern klaffte die
Stirn, -- alle aber waren hinschwindend, aus Dunst geboren, schattenhaft
und von dem armen Licht vollgeflossen, durchsichtige Gebilde, die in der
Finsternis zergehen würden. Georges Nacken sank mit einem Ruck vornüber,
wie unter einer plötzlich aufgelegten Last, und doch wußte er: das da
hatte über ihm gehangen Abend für Abend, wenn er hier gegangen war,
dieser stumme, zuckende Tanz der Toten an den Laternen, -- er hatte ihn
geahnt, gefühlt, und daß er ihn bis heute noch nicht mit Augen gesehen
hatte, was machte das für einen Unterschied? Vielleicht sollte er sie
heute alle sehen in dieser ersten Nacht der heiligen Zwölf, sie, von
denen er wußte, daß sie in diesen Straßen umgingen, die Füße rot vom
eigenen Blut, mit der gräßlichen Wunde im Nacken? Er hob den Kopf nicht
wieder und dennoch, er _sah_ sie, schleppenden Schrittes,
aneinandergelehnt oder einsam, Männer und Frauen, wie er ihren Gang zum
Schaffot mitangesehen hatte, getrieben von einer unentrinnbaren
peinlichen Begierde zu erleben, wie denn das sei, wenn Menschen von
Menschenhand stürben ... Er hatte an Agamemnon denken müssen, wie er im
Blute sich badete, -- sein Weib übrigens war es, das ihn verriet, mit
ihrem Liebhaber, das Weib! -- an Polyphem, dem der glühende Pfahl im
Auge zischte, an die Schlachtung der Freier, -- Antinous, dem der Pfeil
in die gespannte Gurgel fuhr und der den trompetenden Todesschrei einer
Schlachtgans hören ließ, -- er erinnerte sich, er erinnerte sich, er
kannte sie, diese wahnsinnige, prickelnde, kitzelnde, jagende Angst, in
die zu versinken uneingestandene Wollust war. Er kannte sie aus den
Phantasien seiner frühesten Kindertage und war jetzt leibhaftig von ihr
gepackt worden beim Anblick der Königin im zerfetzten weißen Mantel,
angesichts des Leichenzugs von Marat, dessen bläulich fahle Brust mit
der schwarzroten Wunde entblößt war, beim Vorüberfahren der Charlotte
Corday und der unzähligen andern, die in seinem Gedächtnis namenlos
geworden waren und nichts als Masken des Todes. Er sah sie alle, ob er
aufblickte oder nicht, und erst als er nun schwindelnd nach der Mauer
eines Hauses tastete und mit verödetem Blick in die Wirklichkeit
zurückfindend, auf die vorüberdrängende Menge starrte, kam er wieder zu
sich; mein Gott, waren sie das, die er als eine geifernde, heulende
Meute gesehen hatte, diese hier, lachend, singend, schwatzend und
pfeifend, -- gezähmt, gutartig, satt vom Blute für heute und begierig
nach den unschuldigen Freuden des Daseins? Und gehörte er selbst zu
ihnen, konnte auch er morden und weiterleben im Dampf des Blutes wie im
Atem junger Frühlingswiesen?
Wieder völlig bei sich, hatte er also Larry gänzlich vergessen und Larry
war denn auch verschwunden. George stieg die Stufen des Speisehauses
hinauf, wo er zu essen pflegte, ging zwischen den unsauber gedeckten
runden Tischen hindurch bis in die hinterste Ecke des schlecht
beleuchteten Raumes, legte Hut und Stock ab, betastete mit unruhigen
Fingern sein zerknittertes Jabot und ließ einen gehetzten Blick über die
anwesenden Gäste gleiten, ein oder zweimal mit einem mühsamen Lächeln
den Kopf zum Gruß senkend. Obenhin wurde ihm gedankt, nur ein hageres
Männchen, ein verwilderter kleiner Abbé von lumpiger Eleganz mit einer
Frisur ^à la^ Titus, die ihm den Stempel eines welken Knaben gab, hob
sein Glas und trank George mit übertriebener Höflichkeit zu: »Ah, ^M. le
député de Mayence^!« Sein Gefährte, ein dicker kurzhalsiger Mann in
Carmagnole und gestreiften Pantalons, ließ nur einen verächtlichen Blick
hinüberwandern, ohne seine gedämpfte Rede zu unterbrechen. »^Monsieur le
Député de Mayence^«, das war keine Empfehlung für den Herrn im
tabakfarbenen Rock, welcher Rock, wie sein Besitzer es wohl wußte, nicht
eben neu aussah, fadenscheinig und blank gescheuert, und der unter der
Achsel eine Wunde hatte, eine geplatzte Naht, die nicht mehr zu heilen
war, denn der Stoff war mürbe und faserte aus. »^Monsieur le Député de
Mayence^« war in der ersten Auflage bereits zur Guillotine
emporgeklettert, und hatte seine unzeitgemäße Begeisterung für Charlotte
Corday mit dem Tode gebüßt; wer aber im Volk war sich wohl klar darüber
geworden, für welches Vergehen jener arme Lux seinen runden Schädel
hatte lassen müssen, für was er so »mit Freuden« starb? Er war ein
»^Député de Mayence^« gewesen, einer Stadt, die Frankreich wieder
entrissen worden war, und wer konnte es wissen, vielleicht durch Verrat,
wie Francfort. Mancher Pariser Mutter Sohn lag auf den Wällen von Mainz
verscharrt, -- ^eh bien^, war das nicht Grund genug, einen »^Député de
Mayence^« feindlich zu mustern? George argwöhnte diese Feindseligkeit
auf Schritt und Tritt, indessen focht sie ihn kaum noch an, er war
ihrer, -- oder seiner Einbildung davon, -- so müde wie aller andern
Umstände des äußern Lebens. Er bestellte ein wenig zu essen, er
bestellte heißes Wasser und Rum und während Bürger Max, der Aufwärter,
ein fetter Gascogner, die Speisen majestätisch vor ihn hinstellte,
starrte er sonderbar betroffen auf eine Gruppe neuer Gäste, die mit
einigem Nachdruck eingetreten war, die beflissen gegrüßt, der neugierig
und flüsternd nachgeschaut wurde. Nun, daß der Bürger Robespierre hier
zuweilen soupierte, war auch George nichts Neues mehr, er sah auch nicht
auf den langen Mann, dessen kleines Haupt auf der hohen Halsbinde ruhte,
wie der Kopf eines Reptils, sah nicht auf seine Umgebung von bekannten
Journalisten und Montagnards, -- er sah auf die Dame im trikoloren
Taftkleid, die an seinem Arm ging, sah in dies Gesicht mit dem krankhaft
roten Mund, mit den Augen, deren Farbe wie ausgelaugt schien, -- und
wußte. Es bedurfte nicht der getuschelten Erklärung des Bürgers Max,
der, mit hochgezogenen Brauen den namenlos betroffenen Blicken des
Gastes folgend, ihm zuflüsterte, dies sei die Prophetin, Madame Théos,
die geistige Mutter des großen Robespierre. Eine Ahnung hatte ihm gleich
gesagt, dies könne niemand anders sein, als die Seherin, von der es
hieß, daß ihre Inspirationen es seien, die über Tod oder Leben
entschieden, -- ein müßiges Gerücht übrigens, dem Glauben schenken
mochte, wer da Lust hatte! Jedoch George hatte diese trikolore Kassandra
schon einmal gesehen und während er nun aufstand, um sich mit
sonderbarer Feierlichkeit sehr tief zu verneigen, ging es ihm durch den
Sinn, was jener mohnrote Mund damals in Cassel zu ihm gesagt hatte:
»^Ah, mon pauvre ami,^
^Au revoir à Paris ...^«
Er erinnerte sich, damals gelacht zu haben, und er lächelte jetzt. Das
Schicksal war eigentümlich scherzhaft, wenn es einmal eine Erfüllung für
ihn hatte. Das Schicksal war scherzhaft, darum mußte man heiter sein,
besonders da der große Robespierre so süßlich verwundert auf ihn
herabsah, Madame Théos völlig an ihm vorüberblickte und nur ein
krummbeiniges Individuum aus dem Gefolge, das sich einer roten Mütze und
einer schwarzsamtnen Carmagnole rühmen konnte, vor ihm stehen blieb und
seine Courteoisie erwiderte, einmal, zweimal, dreimal, die Hand auf dem
Herzen, als sei es verantwortlich für die Unhöflichkeit der Dame, die am
Arme ihres Begleiters bereits in einem der Nebenräume verschwunden war.
»Damals«, dachte George sich einigermaßen erschöpft niederlassend,
»spekulierte dieser auf die Gunst deutscher Fürsten und trug Tressenrock
und Staatsperrücke. Wir sind mit der Zeit mitgegangen, Confrater!« Er
blickte dem Geschöpf nach und fuhr sich hohnvoll über sein geschorenes
Haar, befühlte den bereits recht stattlichen ^moustache^. Von den
Leuten, die mit der Gesellschaft Robespierres hereingekommen waren,
blieben nun zwei an seinem Tische stehen, Kerner, der Berichterstatter
einer Hamburger Zeitung, und Couvé, der Redakteur des ^Moniteur^. Der
junge Kerner, von diesen beiden George am nächsten verbunden durch die
Reinheit seiner Gesinnung, und seinem Beruf nach eigentlich Arzt,
blickte George prüfend an und erklärte dann, an seinem Tisch essen zu
wollen, falls er nichts einzuwenden habe, welchem Vorhaben
Monsieur Couvé nach einem gelangweilten Blick über die andern
Anschlußmöglichkeiten des Lokals auch seinerseits zustimmte.
»Unser Freund«, erklärte Kerner liebenswürdig, als sie saßen, »scheint
mir heute Abend ein wenig der ärztlichen Gesellschaft bedürftig! Mein
guter Forschter,« fuhr er fort, aus dem Französischen in sein
heimatliches Schwäbisch verfallend und mit den Fingern nach Georges Puls
tastend, -- »Sie habe hohes Fieber und gehöre heim ins Bett, samt Ihre
garschtige Huste!«
George sah ihn freundlich an, aber wie aus einer fernen Fremdnis.
»Heim,« sagte er, -- »ich gehöre also heim? Jawohl. Ich will es Ihnen
erklären ...«
Er wandte sich auf seinem Stuhl und saß nun halb dem Raume zugekehrt,
die linke Hand auf dem Tisch ruhend, die Rechte schwer und umständlich
bewegend, während er weiter sprach. Um ihn her wurde es plötzlich still;
er achtete nicht darauf. Er schien keinen der Menschen zu sehen, die
sich mit lachenden, höhnischen und verächtlichen Gesichtern ihm
zuneigten, verstummten, andern Schweigen zuwinkten, aus entfernten Ecken
vorsichtig näher schlichen in der Erwartung eines ausgesucht komischen
Theaters. Dieser Deutsche da, -- oder war es ein verfluchter Engländer,
verstehen konnte man dies barbarische Idiom ja nicht! -- er hatte sich
übernommen und klagte nun Gott und die Welt an, wie es die Art dieser
traurigen Teufel war, die Öl anstatt Blut in den Adern hatten, das sich
nicht mit dem Wein zu einem neuen beseligenden Element vermischen
mochte! Denn daß er klagte, -- nun das war klar, man brauchte nur dem
Tonfall seiner Worte zu lauschen, die in sich zusammengesunkene Gestalt
zu sehen, eines alten Mannes ausgehöhlte Gestalt, auf deren hagerem Hals
der Kopf mit den blatternarbigen Zügen vornüber hing wie eine unzeitig
verwelkte Frucht. Ja, er klagte, -- klagte, weil er betrunken war, das
war der Grund, nicht wahr, und darum konnte man darüber lachen, sich
anstoßen und diese Szene eines Lustspiels genießen wie etwa eine aus dem
göttlichen »Eingebildeten Kranken!« Jedoch war es denn wirklich amüsant?
Die Heiterkeit erstarrte, das Lachen erschrak vor sich selbst, das
Lächeln gefror auf unbehaglichen Mienen. Denn irgend etwas, -- irgend
ein tödlicher Hauch ging von der Stimme dieses Mannes aus, die eintönig
auf- und abschwoll wie Herbstwind. Ja, er klagte, -- und er klagte
nicht, weil er betrunken war, alle fühlten es. Versuchten sie noch,
Blicke auszutauschen und sich im Spott zu bestärken? Sie versuchten es,
aber da war eine Fremdheit zwischen ihnen ausgebrochen, als sei jeder
überronnen von durchsichtigem Eis, sie konnten nicht mehr zueinander,
verlegen und ratlos wichen ihre Augen sich aus und sahen wieder auf den
redenden Mann. Was erzählte er nur, was meinten diese schweren,
unverständlichen Worte, an niemand gerichtet, als vielleicht an den
gerechten Gott allein, diesen Betrüger, mit dem sie abzurechnen
schienen, -- leidenschaftslos, nur klagend, klagend!? Er hat Hunger
gelitten, wußte auf einmal der Gast, der ihm zunächst in der Ecke saß
und sich mit schweigsamer Gier seinen Bohnen gewidmet hatte, bis Georges
Stimme ihn aufstörte und er erst ingrimmig wie ein beim Fraß geneckter
Hund, allmählich dann dumpf betroffen hinüberstarrte. Seine Kinder haben
ihn mit Füßen getreten, -- oh, er weiß, wie es ist, -- fühlte ein alter
Mann. Man hat ihn auf die Straße gesetzt, weil er kein Geld für die
Miete hatte. Er ist todkrank und sein Weib hat ihn verlassen. Er hatte
Haus und Hof, und man hat ihn ausgesogen, Beere für Beere, nun ist
nichts von ihm übrig als der kahle Stengel, von der Rebe losgerissen ...
Und wieder: Er hat Hunger gelitten! Er schläft des Nachts nicht, -- es
hat ihn einmal ein Mädchen schlecht behandelt, -- oder sein Bruder hat
ihn betrogen, -- oder sein Freund hat ihn ins Gesicht geschlagen. Er
hätte einmal König werden können, aber er war zu feige dazu oder zu
schwach. Seine Eltern haben ihn betteln geschickt, als er klein war. Er
ist einer von denen aus der Bastille, -- das ist er, -- sie haben ihn
dort begraben, als er jung war, er hat es verlernt zu leben. Und wieder:
Er hat Hunger gelitten! -- Und abermals: Hunger gelitten! Der Fremde
wußte jedermanns Leid und sagte es mit seiner eintönigen Stimme und
jedermann hörte sich selbst reden in der Sprache seines verborgenen
Herzens, die auch nie ein anderer verstanden hatte. Entsetzliche
Einsamkeit drang aus jeder Brust wie ein Schwert aus der Scheide und
bedrohte den Nächsten: Hebe dich weg, das ist _mein_ Schmerz! --
Und George redete. Er hatte Kerner vergessen, er wußte nichts von seiner
Umgebung. Ach, er redete! Alles, alles löste sich auf einmal, was hart
wie Ureis in seiner Seele vergletschert gelegen hatte. Er redete noch,
als Kerner ihn unter den Arm gefaßt, ihm den Hut auf den Kopf gesetzt,
den eigenen Überrock um die Schultern gelegt hatte und ihn nun
hinausführte, durch neugierige und mitleidige Blicke und Flüsterworte
hindurch, hinaus auf die Straße. Er verstummte unter einem schrecklichen
Hustenanfall, als die naßkalte Luft ihm in die Kehle drang, und als das
überstanden war, lehnte er sich auf den brüderlichen Freund und äußerte
nun weiter nichts mehr als »^Well, -- there he is again!^« Dies konnte
nun der Mann aus Schwaben freilich nicht verstehen. Es sollte aber
heißen, daß Larry wieder da sei, Larry, der doch den Tod im Skorbut
gefunden hatte. Da ging er vor ihnen her, ohne sich umzusehen, die Hände
in den Taschen der pludrigen Hosen, vom eigenen sanften Segelwind
getrieben, schwebend und lautlos, wie ein Schiff über Wasser gleitet. Er
glitt durch die Haustür der ^Maison des Patriots hollandais^, noch ehe
sie aufgeschlossen war, und im Schein des dürftigen Öllämpchens konnte
George ihn voran die Treppe hinauf eilen sehen, als klömme er im
Takelwerk empor. Er stand auch wartend am Bett, solange Kerner sich um
George bemühte und ihm beim Auskleiden half, er verschwand erst, als
George sich niedergelegt hatte. Kerner schien ihn gar nicht zu bemerken,
-- nun, und George war ja auch so tödlich müde, er hörte es kaum noch,
daß der Freund versprach, für Krankenwärter zu sorgen. --
Von dem äußeren Verlauf der nächsten Tage wußte er später nichts. Als er
am Abend des 27. Dezembers ohne Fieber war und man ihm auf sein Bitten
dazu verhalf, ein wenig aufrecht im Lehnstuhl zu sitzen, da er meinte
durch diese Veränderung etwas Erleichterung seiner in allen Gliedern
wühlenden Schmerzen zu gewinnen, erzählte man dem gebückt Dasitzenden,
der mit den schrecklich zitternden Händen die Knäufe der Armlehnen
umklammerte, wer alles an seinem Lager gestanden habe, -- Onfroi und der
gute schottische Freund Christie, Mr. Wollstonecraft, der auf dem Stuhl
neben dem Bett sitzend augenscheinlich gebetet habe, der große Merlin de
Thionville, dieser mürrisch und unzufrieden, daß jemand, mit dem er
hatte disputieren wollen, unzurechnungsfähig vor ihm lag und ganz
sinnlos flüsterte, -- Monsieur le Professeur Dorsch endlich, der
freilich die Kammer schnell wieder verlassen habe, -- und dann, das
Vorzimmer füllend, die Vielen, die immer kamen, die nichts brachten,
nicht nach ihm fragen wollten, sondern seinen Rat, seine Hilfe suchten,
armes Volk von Literaten, emigrierte Mainzer, die ihn für ihr Schicksal
zur Rechenschaft zogen, und dergleichen Leute.
George lächelte. Nein, er hatte von diesen allen nichts bemerkt. Er
hatte andere Besucher gehabt, er meinte, in den letzten Tagen an die
tausend Gesichter gesehen zu haben, sie hatten ihn angelächelt und
angefratzt, sie waren aus Nassenhuben in Polnisch-Preußen, aus
Petersburg, von der Wolga, aus England, aus Afrika und aus der Südsee,
schließlich aus allen Städten eines geistigen Europa gekommen, ein
summender Schwarm. Er hatte sie verzweifelt gebeten, nacheinander zu
kommen, sich in Gruppen zu teilen nach Jahren und Arten, -- umsonst, --
was je auf den Spiegel des Gedächtnisses gefallen war, jedes Bild quoll
hemmungslos hervor und der Wahnsinnsreigen der Erinnerung hatte um sein
armes Haupt getobt. Nach zwei Gestalten hatte er zuweilen mit den Händen
geschlagen, er wußte es; es waren Therese und der Vater gewesen. Sie
sollten sich trennen, nicht fortwährend miteinander flüstern, auf ihn
deuten, über ihn lachen ...
Es war also viel Besuch dagewesen, oh, ja! Er blickte auf kleine
Geschenke, die Kerner ihm zeigte, Wein und Pastetchen, ein allerliebster
runder Schinken und eine gestickte Weste, die Christie als ein Geschenk
seiner Schwester auf das Tischchen am Bett gelegt hatte. Er sagte
unbeteiligt: »Womit habe ich alles das verdient?« Und dann fragte er
nach Briefen. Es waren aber keine gekommen. --
In den nächsten Tagen besserten sich die unerträglichen Schmerzen der
Gelenke und des Rückens ein wenig, dafür aber stellte sich die
peinlichste Form seines Leidens in Gestalt des skorbutischen
Speichelflusses mit seinen widerlichen Begleiterscheinungen ein, wie er
sie aus früheren Jahren kannte, und er war betrübt. Er sagte zu Herrn
Haupt, einem geflohenen Mainzer, dem er aus Mitleid mit seinem Alter und
seiner Ratlosigkeit den Schrecken von Paris gegenüber, durch Übertragung
von Schreibarbeiten über schlimme Monate hinweggeholfen hatte und der
sich nun mit Kerner und einem jungen Polen in den Krankendienst bei ihm
teilte, -- zu Haupt also sagte er: »Mußte auch dies noch kommen? Oh, --
es ist nicht meinetwegen ... Ich wollte ja gern ... Oder jedenfalls: ich
kenne Schlimmeres. Aber es ist wegen meiner Umgebung. Meine arme Frau
litt hierunter mehr als ich selbst.« Er hielt das Tuch vor den Mund und
stützte seinen wankenden Kopf. Haupt erwiderte aufmunternd, er möge die
Sache doch nicht schwer nehmen, man sei ja hier unter Männern und die
Frau Hofrätin nicht anwesend. George starrte trübe nach der Tür und
murmelte geistesabwesend: »Nun immerhin, -- es könnte doch sein ...«
Er ließ sich Papier und Tinte geben und mit Mirabeau's »^Correspondance
secrète^« als Unterlage auf den Knien schrieb er in häufigen Absätzen
einen mühsamen Brief. Sie mußte doch wissen, wie es ihm ging, dachte er,
und fügte der enthaltsamen Schilderung seiner Leiden ängstlich die Worte
hinzu, daß dies alles auf Tatsachen und nicht auf Einbildung beruhe.
Denn er wußte wohl, -- sie nannten ihn einen Hypochonder.
Übrigens kamen schon am nächsten Tag mehrere Briefe von Therese auf
einmal, sie hatten sich durch irgend eine Poststörung verzögert und
enthielten, wie immer, heitere und gefaßte Berichte über ihr Leben und
das Treiben der Kinder. Therese hatte begonnen, einen Roman zu schreiben
und Huber, der herzlich grüßen ließ, versprach sich allerlei Erfolg von
dieser neuen Beschäftigung. Nach dem Lesen dieser Briefe legte George
eine gewisse törichte Hoffnung beiseite, -- dorthin, wo schon viel
anderes Unbrauchbares lag, -- und erkannte auch sie als einen der
letzten Krämpfe jener teuren Gewohnheit des Herzens, von der er doch
eigentlich schon losgekommen war. Er hatte nämlich, da die Briefe
ausgeblieben waren, im stillen angenommen, Therese sei mit den Kindern
unterwegs nach Paris.
Der alte Haupt erklärte ihm, diese Krankheit beruhe hauptsächlich auf
^Arthritis vaga^, der fliegenden Gicht, und predigte mit Behagen über
die viererlei Mittel, die dagegen anzuwenden seien, nämlich Kampfer,
Salmiak, Opium und Balsam von Mekka. Der alte Haupt war ein
unerträglicher Firlefanz. War er einmal ausgegangen, so war es
wundervoll still in der Kammer. George lag auf dem Rücken, gerade
ausgestreckt, die Hände auf dem Deckbett, gleichmütig hingegeben an die
Schmerzen, dankbar empfindend, daß sein Kopf wenigstens frei war.
Indessen dachte er nicht viel. Er baute nicht mehr Projekte aus. Es war
ihm gleichgültig, ob er in Zukunft weiter in Paris leben würde, oder in
England oder in Zürich oder am Ende doch in Altona, -- ob der Plan, nach
Indien zu gehen, zur Ausführung gelangen würde. Er grämte sich nicht
mehr um seine Bücher und Sammlungen in Mainz, von denen ihm bisher kein
Mensch hatte sagen können, was nach der Beschießung aus ihnen geworden
sei. Er dachte sonderbarerweise manchmal an das kleine Mahagonibureau,
das Therese »The Resolution« getauft hatte, weil es mit in der Südsee
gewesen war. Ja, »The Resolution« hätte hier in der Kammer bei ihm
stehen sollen! »The Resolution« wäre wohl voll Trost gewesen. Er
versuchte auch zuweilen an seine Arbeiten zu denken, -- nicht an
zukünftige, nur an vergangene. Aber dann wollte ihm immer nichts
einfallen, als dies, daß er die »Sakuntala« übersetzt und den Deutschen
den Weg nach Indien gezeigt habe. Und wenn er so dachte, dann lächelte
er.
Er dachte an die Mutter, die nun alt war. Er dachte an seine Kinder. Er
wußte, daß er nicht an Therese und an den Vater zu denken brauchte, weil
Larry das nicht duldete. Larry war stets im Zimmer. Manchmal in der
Dämmerung ließ er sich sehen, er arbeitete in unsichtbarem Takelwerk und
Wind war in seinen Haaren:
^Living short but merry lives;^
^Going, where the wind them drives;^
^Having sweethearts but no wives;^
^Live the rakes of Mallow ...^
Das Leben ebbte Tag für Tag mehr von ihm zurück. Es kam nichts mehr
darauf an, was Paris da draußen tat, ob die Gegenrevolution Fortschritte
machte, was mit den Rebellen in der Vendée geschah und ob Camille
Desmoulins oder sonst jemand neue Journale gründete. Es kam nichts
darauf an, daß die Besucher ausblieben, je länger sein Krankenlager
dauerte, daß er in den ersten zehn Tagen des Jahres 1794 niemand mehr um
sich sah, als Kerner, Haupt und den braven kleinen Nagorsky. Alles war
von ihm abgefallen, alles war sehr vereinfacht. Er war beim Minotauros
in der Kammer; er war nackt und ganz allein.
George Forster lächelte. Er wußte nun:
Durch die äußeren Gänge des Labyrinthes begleiten uns Jugend und
Hoffnung. Wir füllen unser Herz mit Welt und wenn wir leiden müssen,
geschieht es ungläubig, als hielten wir es für einen Irrtum der
Vorsehung.
Vor den inneren Windungen des Labyrinthes erwartet uns der Schmerz. Er
nimmt uns in Empfang und bleibt bei uns, er heilt uns von der
Anschauung, daß er ein Irrtum der Vorsehung sei und wir etwa gar nicht
gemeint. Er entkleidet uns aller unsrer Hoffnungen und jagt uns nackt
durch die entsetzlichen Irrgänge dem furchtbaren Rätsel zu, das da im
Herzen der Finsternis die großen Baalsgesänge heult und dem er uns
vorwerfen wird, -- wenn wir es nicht vorziehen, selbst bis in die letzte
Kammer zu gehen, freiwillig, und ohne nach des Opfers Zweck zu fragen.
_Wenn wir Geopferten werden zu Opfernden, so haben wir heimgefunden ins
Herz der Dinge und Gottes._