Aber nun erhob sich Brand. Seine große, etwas ungeschlachte Gestalt
verdunkelte das eine Fenster völlig, niemand konnte mehr die Gesichter
der andern erkennen. Brand redete mit vielen Handbewegungen, redete in
seinem ungeschickten Deutsch voll gutmütiger Heftigkeit. Er wollte Mr.
Forster in seine Berline packen und nach Italien entführen, kurz und
gut. Er habe es auch satt, in Mainz der ^gentilhomme anglois^ zu sein,
der Spionage verdächtig und unter steter geheimer Überwachung. Er würde
aber nicht nach Göttingen gehen wie sein Oheim es wünschte, sondern auf
eigene Faust nach Italien, über Mailand und Florenz nach Rom, wenn nur
Mr. Forster Vernunft annehmen und mit ihm gehen und die Franzosen ^to
their own damned affairs^ überlassen wollte! Ehe noch George ein Wort
sagen konnte, rief Huber emphatisch: »Dies ist ein Wink der Götter!«
»Und Therese -- und meine Kinder?« murmelte George, die Hand an der
Stirn.
»Oh, lassen Sie Ihre Freunde sorgen! Vertrauen Sie ihnen doch! Bis Sie
ungefährdet zurückkehren können, tragen andre Ihre Pflichten!«
»Nur die Pflichten?« sagte George tonlos und niemand vernahm ihn.
»Und außerdem ist dir der Vorschuß von Voß doch sicher«, hörte er
Therese seltsam gelassen sagen. »Als Brands Bedienter kämest du ohne
Gefahr aus Mainz heraus bis Basel.«
»Als Brands Bedienter, sagst du.«
Es war dunkel geworden. Huber ging an die Tür und rief nach Licht.
Niemand sprach ein Wort. Als der Aufwärter mit der dürftig scheinenden
Unschlittkerze eintrat, hob George ihm das Gesicht entgegen, ein
graubleiches verfallenes Gesicht, und befahl, er möge anspannen lassen.
Dann, sich Haltung gebend, in gefaßtem Plauderton, mit einem Lächeln zu
Therese hinüber und dann, als er Theresens Augen ratlos ins Leere
gerichtet fand, Huber fest und freundlich ansehend, sagte er:
»Vielleicht werden die nächsten Tage unsere Entschlüsse reifen. Glauben
Sie nicht, lieber Freund, daß ich von irgend jemand auf der Welt das
Opfer fordern werde, mit mir zu leben -- und zu sterben.«
Therese schluchzte auf.
»Oh, George! Welche großen Worte wieder!«
»Mein gutes Kind! Ich glaube, -- jetzt hab ich ein Recht auf sie.« -- --
--
* * * * *
Der Pfeil war auf die Sehne gelegt. Der Schütze in den Sternen zielte.
Der Adventsreiter von Frankfurt war unterwegs. Sein grüner Dolman fegte
hinter ihm drein, unter den Hufen seines Rappen stob der neue Schnee.
Kam er durch die Dörfer, so ritt er langsamer und stieß in die Trompete:
»^Trahisson! Massacre! Vengeance!^ Die Preußen haben Frankfurt genommen!
Ver--rat!«
In den sonnigen Nachmittagsstunden des 2. Dezember, eines Montags, stand
George mit Therese und Brand auf den Schanzen von Kastel. Diese kleine
Promenade hatte ihm gut tun, hatte die entsetzliche Unrast in ihm ein
wenig dämpfen sollen. Der bei ihnen einquartierte Artillerieoffizier an
seiner Seite machte aufs artigste den Führer durch die Verschanzungen
und erklärte die Arbeiten, mit denen Bauern aus der Umgegend und
Soldaten Schulter an Schulter beschäftigt waren. Hier herrschte
brüderliche Tätigkeit, ach, es war ein Bild, dessen sich das bebende
Herz getrösten konnte. George hörte Therese plaudern, hörte sie
ernsthafte kleine Fragen tun; er fühlte ihre Hand seinen Arm umspannen,
wie sie es zu tun pflegte, wenn sie in Eifer geriet, -- da lächelte er
und drückte diese kleine Hand an seine Brust. Brand kletterte mit
Röschen auf den überfrorenen Lehmhaufen herum, das Kind jauchzte und
rief den grabenden Soldaten sein winziges: »^Bon jour, citoyen!^« immer
wieder zu, vergnügt über die Heiterkeit, die ihm antwortete.
Schneegewölk quoll rings um den Horizont auf und erstickte die ohnehin
schon tief stehende Sonne. Ihre letzten Strahlen lagen mit seltsam
aufregendem Licht auf den hohen Türmen der Stadt dort drüben, während
hier der kalte graue Schatten schon stand und der Strom matt und bleiern
durch wallenden Nebel glänzte.
In schwermütigem Gedankenspiel sagte sich George, daß sein Haus jenseits
des Stromes im Land der untergehenden Sonne läge, und daß er nicht über
die Brücke zurück, sondern ostwärts gehen sollte, dem Lichte entgegen.
Er sagte sich dies, und in einem mechanischen Zwang die Allegorie weiter
führend, redete er sich ein, daß der sinkenden Sonne folgen auch heißen
könne, _wieder_ mit ihr aufzugehen, -- als er mit einem Male durch das
grelle Schmettern einer Trompete und eine durch die Kolonnen der
Arbeitenden zur Straße hinwogende Bewegung zum jähen Aufblicken
vermocht, den grünen Reiter, den Adventsreiter von Frankfurt erblickte,
wie er soeben nach kurzem Anhalten inmitten einer Gruppe von Offizieren
und Mannschaften weiterjagte, der Rheinbrücke zu, deren Bohlen alsbald
unter den Hufen dröhnten, während die Worte: »^Francfort! Trahisson! Les
Prussiens! Massacre!^« durch die Reihen liefen wie fressendes Feuer,
Flüche laut wurden, Fäuste sich ballten und Bruchstücke einer blutigen
Geschichte, Raben eines fürchterlichen Gerüchtes durch die Luft
flatterten, schreiend und Rache heischend. Und plötzlich fand sich
George allein unter den fremden, wild redenden und gestikulierenden
Soldaten, sah Therese hinüberlaufen zu Brand, der ihr entgegeneilte, sah
sie die Hände auf seinen Arm legen und hörte sie rufen: »Oh, Brand, da
sehen Sie, -- da sehen Sie! Er hatte recht! Er hatte wirklich recht!« --
-- --
* * * * *
In der folgenden Nacht, -- einer furchtbaren, endlosen Nacht, -- machte
George es sich klar, daß es nun nur noch ein Vorwärts für ihn gäbe, und
daß er, traumwandelnd wie er zu seinem öffentlichen Bekenntnis zur Sache
der Freiheit gekommen war, nunmehr erwacht für sie einstehen müsse. Und
da die Freiheit keines Volkes Sache zu sein schien, als die Sache
Frankreichs, so mußte er eben für Frankreich eintreten, war sein Blut
und seinen Geist keiner irdischen Macht mehr schuldig, außer der
Souveränität des freien Frankenvolkes und seinen Mitbürgern, insoweit
sie Frankreichs Sache zu der ihren gemacht hatten. Den letzten Funken
und den letzten Tropfen für Mainz, wenn es feurig und heldenhaft für die
Menschenrechte zu streiten und zu sterben begehrte! Den Staub dieser
Stadt von seinen Schuhen, wenn sie, gleichen Geistes wie Frankfurt, in
dem friedlichen Eroberer nichts sehen wollte als den alten Erbfeind im
Schafskleid, und die erste Gelegenheit wahrnahm, um die arglosen
Freiheitssöhne zu überrumpeln, dem deutschen Heer die Tore zu öffnen und
sich mit Freudengewinsel unter den Fuß der heimkehrenden Despotie zu
ducken! Und darum wohl von vornherein: den Staub von seinen Füßen! Denn
daß dieser Geist in Mainz umging, wer wollte daran zweifeln? Darüber
würde auch der tobende Klub nicht hinwegtäuschen, der in seiner
Zusammensetzung immer mehr an ein Narrenhaus erinnerte und eine
Zufluchtsstätte für alle geworden war, die bis dahin im Leben zu kurz
gekommen waren und ihre unausgelebten Begierden nun zum Himmel schrien,
von wenigen Ausnahmen abgesehen. Nein, nein, der deutsche Bürger war
nicht reif für die Freiheit der Selbstbestimmung! Fünfzig, ja hundert
Jahre der Entwicklung fehlten ihm noch! Welche Gnadenfrist für
Deutschlands Fürsten, dachte George von längst begrabenen Wünschen noch
einmal spukhaft berührt. Einem jener Fürsten, denen Ludwigs Schicksal
jetzt wie der böse Traum einer bangen Nacht scheinen mochte, der Joseph
sein dürfen, der diesen Traum ausdeutete, der seine Warnungen in klaren
Lettern an die Wand schrieb ... Da denn sein Leben doch unaufhaltsam der
öffentlichen, der politischen Rolle zugetrieben war, dem heißen Drang
nach weiter Wirksamkeit folgend, diesem uneingestandenen Drang nach
sichtbarer, nach hörbarer, nach _ruhmvoller_ Wirkung, -- oh, warum dann
nicht jenen Weg, der doch vielleicht auch offen gestanden hätte, den Weg
der aufgehenden Sonne entgegen? Indessen, sagte er sich in seinen heißen
Kissen verzweifelnd und immer wieder auf das Marschieren draußen
lauschend, denn die von Frankfurt zurückgenommenen Truppen durchzogen
nächtlich die Stadt, alle diese Betrachtungen waren Versuchungen des
Dämons der Wankelmütigkeit und es galt nichts mehr als das »^Allons,
enfants de la patrie^« und den Rhythmus des ^Ça ira^ in seiner
wahnsinnigen Unbekümmertheit. In einer bangen Rührung hatte er längst
wahrgenommen, daß auch Therese nicht schlief. Ihr Herz hält sie wach,
dachte er, nun ganz an sich selber hingegeben und fühlend, daß all das
unermüdliche Raisonnement seines Verstandes nichts war, als eine Übung,
um dieser innersten schrecklichsten Sorge zu entgehen. Ihr Herz hält sie
wach, sagte er sich, ihr verzagtes Herz, das Herz eines Weibes und das
einer Mutter! Schreckensvoll abgewandt von der fratzenhaften Einbildung,
die ihm anderes einflüstern wollte, die da wußte, Therese will gehen und
-- Therese hat nun einen Anlaß gefunden, -- die Hand über die Augen
legend, als könnte er sich so dem Aufflammen entsetzlicher Einsicht
verschließen, sprach er sich die Grundsätze vor, denen jetzt zu folgen
war, nämlich, daß er handeln müsse als sei er der einzige unbedingt
verläßliche Mensch auf der Welt, der Opfernde, der für sich kein Opfer
forderte. Und da kam der Schlummer über ihn, der Schlummer mit der
kühlen Schale des Vergessens.
* * * * *
Er hatte sie gefragt, -- und er hatte ein Lächeln dabei gehabt und eine
Liebkosung, --: »Wie ist es denn nun, liebes Kind, wärest du bereit,
abzureisen, wenn nun die Preußen ...« Er vollendete den Satz nicht, er
lächelte wieder. Nach den neuesten Berichten schien es so
ausgeschlossen, daß die Preußen kämen. Custine hatte Frankfurt aus den
Händen gelassen, das war Strategie. Er hatte die Truppen auf Mainz
zurückgezogen, Kastel war befestigt, die Stadt nach Eikmeyers Ansicht
auf eine zweijährige Belagerung vorbereitet. Jedoch, so hatte wiederum
Eikmeyer, das militärische Orakel des Klubs, geäußert, woher wollte der
General Kalkreuth jetzt die Armee aufbringen, die Festung
einzuschließen? Es lag mithin kein Grund vor, Mainz als gefährdeten
Boden zu verlassen, und wenn der Vizepräsident der Administration seine
Familie wegschickte, gab er damit nicht zu, daß er, ein Vertreter der
Stadtverteidigung, anderer Ansicht war? Würde das nicht heißen, die
Bürgerschaft beunruhigen, den Vorsätzen also, mit denen er sein neues
Amt übernommen, untreu werden?
»Nun, -- _diese_ Bürgerschaft ...« Therese wand ihre Schultern.
»Sie ist keine Opfer wert in ihrer Lauigkeit, -- freilich, da hast du
recht. Aber vielleicht verlangt meine Ehre es doch, daß ich öffentlich
erkläre, daß ich ...«
»Daß du was erklärst, Georgie?«
»Nun, daß ich mich von ihnen lossage, _weil_ sie nicht _für_ die
Freiheit sind und also wider sie, daß ich mich nur noch als fränkischer
Beamter fühle und mithin handele, wie es mich gut dünkt, -- und nicht,
wie die Rücksicht auf ein verstocktes Publikum es erfordert.«
Therese blickte nachdenklich von ihm zu Karoline.
»Und wenn dies, -- wenn diese Lossagung gerade den Erfolg hat, daß die
Bürgerschaft sich besinnt, -- um dich nicht zu verlieren? Nun, -- nimm
an, -- es wäre alles möglich« ...
George zögerte. Dann lächelte er und sagte auch seinerseits dem Anschein
nach zu Karoline:
»Dann freilich wärest du wohl meiner Ehre das Opfer schuldig, noch ein
wenig zu verweilen. Vielleicht würdest du dann auch erleben, daß die
Preußen gar nicht ...«
Therese sagte hastig: »Sie kommen. Wir gehen greuelvollen Szenen
entgegen. Was willst du? Brand ist bereit, mich nach Straßburg zu
bringen. Er hat die Unbeirrtheit des Unbeteiligten, er sieht klarer als
wir alle. Er dringt auf die Abreise!«
»Brand ist ein Knabe und glaubt alles, was Huber ihm vorspricht.«
Karoline, die Schweigsame, war auf einmal so heftig. »Mainz jetzt zu
verlassen, -- oh, meine Liebe, es fehlt mir an Ausdrücken ... Ich habe
auch ein Kind ...«
Therese sah sie blaß und hochmütig an: »Und spielst ^va banque^ mit
seinem Leben!«
Die beiden Frauen blickten sich in die Augen:
»Und du, -- womit spielst du, Therese?« -- --
* * * * *
Am Montag hatte er die Rede im Klub halten wollen, in der er dem
Publikum seinen Standpunkt deklarierte. Es war am Samstag abend, daß
Therese, als die Kinder schliefen, zu ihm kam und bebend sagte: »Laß
mich doch morgen mit den Kindern fahren, George. Weil doch auch Brand
nicht länger warten kann ...«
Allerdings hatte Brand fast täglich Mahnungen von dem aufgeregten Lord
Dacre, die unterminierte Stadt schleunigst zu verlassen. George
argwöhnte nicht ohne Grund, daß es nicht nur das vulkanische Mainz,
sondern ebenso das verfehmte Haus des Jakobiners Forster war, das Sr.
Lordschaft nicht mehr als Aufenthalt für den Neffen behagte. Er sagte
langsam: »Weil Brand nicht länger warten kann, gewiß.«
»George, -- ach, warum lächelst du jetzt nur?«
»Weil ich dich so gut verstehe, Therese. Nun, -- sieh mich nicht so an,
mein Liebling. Ist es nicht seltsam, Kind, daß unsere eigensten
Verhältnisse so mit den großen Angelegenheiten der Zeit und der
Menschheit zusammenfallen?«
»George, -- ich verstehe dich nicht. Du schickst uns mit Brand nach
Straßburg ...«
George blickte still in sein Licht.
»Ich schicke euch nach Straßburg, -- nun gut, Therese, -- und ...«
»Oh, George, warum sprichst du jetzt so?«