Er nickte Gute Nacht und ging hinaus. -- -- --

Der rasende Ablauf der Tage vor einem großen Aufbruch ist bekannt. Es

sind Geschäfte zu erledigen, unabsehbare Geschäfte, deren Wichtigkeit

uns fast erdrückt und von denen wir nie zugeben würden, wir wüßten, daß

wir sie überschätzten. Sich mit ihnen abzugeben, scheint Aufschub zu

bedeuten, nicht wahr? Einer, der bisher gelebt hat wie der Mönch in

seiner Zelle, auf seine Pergamente gebückt, die Füße dem Löwen des

Geschicks fest auf den Nacken gestellt und nicht duldend, daß er sich

erhebe, -- er rast auf einmal, da die Uhr ihm zu Häupten zum Schlage

schon ausholt, hinaus vor die Welt, reißt sich das Gewand vor der Brust

auseinander und schreit: Hier bin ich, nehmt mich hin! während das

befreite Ungeheuer hinter ihm sich erhebt und ihm die Pranken auf die

Schultern legt. --

Beiseite also mit dem stillen Handwerkszeug der Wissenschaft! Und Waffen

zur Hand, bisher noch nicht geübt, deren Schärfe unerprobt, deren

Tragkraft unberechnet war. Erfahrungen, die bis dahin ungenutzt geruht,

hervorgeholt und formuliert, bis sie zum Wurfgeschoß brauchbar schienen;

eine Zeitung gegründet, Artikel ohne Zahl geschrieben, Reden

ausgearbeitet und frei vom Blatt vorgetragen! Der Freiheit, der

Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Menschlichkeit Hymnen gesungen, der

Tyrannei das Urteil gesprochen, alle noch in der Nacht der Despotie

schmachtenden Völker weidlich bedauert und einmal offen deklariert, daß

der Rheinstrom die gegebene Grenze zwischen Frankreich und Deutschland

sei! Sich dem erhabenen Beruf des Menschenlehrers inbrünstig hingegeben

und die unglücklichen verblendeten Bürger und Bauern nach Kräften über

ihren Zustand der Ausgesogenheit und Zertretenheit aufgeklärt, da sie

denn dermaßen durch jahrhundertelangen Mißbrauch abgestumpft waren, daß

sie nur blöde in die Sonne der Freiheit starrten und gar die alte Nacht

zurückverlangten. Die Emissarien des Kurfürsten schlichen im Dunkeln

umher und köderten das törichte Volk mit unverantwortlichen

Versprechungen, da war kein Zweifel. Aber die Wahrheit war auf dem

Marsche und man sollte nur erst die Wahlen kommen, sollte den freien

Mann sich frei zu seiner Gesinnung bekennen sehen!

George, in den Wirbel einer fremden Tätigkeit hineingerissen, vor die

Aufgabe gestellt, sich in Gebiete einzuleben, die er bisher kaum vom

Hörensagen kannte, in Fragen der städtischen und ländlichen Verwaltung,

von früh bis spät von Klubgenossen, Offizieren, Bürgern und

Landbewohnern überlaufen, durch seine Anstellung in der am 19. November

errichteten Administration zum Leitstern für alle verzagten Seelen

seines Kreises geworden, -- George verlor völlig die Besinnung auf sein

eigenes Leben und wußte es nicht mehr, daß er hier auf der Bühne des

Weltgeschehens agierte, die Faust zum Himmel schüttelte, Arme

ausbreitete und zum Besten des Mainzer Volkes weinte, lachte und

deklamierte, daß er dies alles tat, um sich des Menschen nicht bewußt zu

werden, jenes Menschen, der mit seinem Schicksal bekleidet wie mit

seiner Haut jetzt schreiend und keuchend durch die innersten kreiselnden

Gänge des Labyrinthes jagte ...

Von Huber kamen aufgeregte Briefe. Nun, Huber durfte nicht nach Mainz

kommen und nächstens würde er nach Dresden zurückmüssen. Warum sollte

Huber nicht ein letztes Wiedersehen gewährt bekommen, warum ihm den

Wunsch nach einer Zusammenkunft in Höchst abschlagen, nach der er, --

und auch Therese, und auch Brand, und schließlich auch er selbst, ja,

auch George! -- verlangten?

Es war gar nicht nötig, daß Brand ihm dermaßen zuredete und seine

Berline zum Zweck dieser kleinen Reise zur Verfügung stellte. Er würde

gewiß selbst auf den Gedanken dieses Ausfluges gekommen sein, hätte er

nur mehr Zeit gehabt. Als Vizepräsident der Administration hatte er

selbstverständlich einen ^Passepartout^ durch alle Vorposten hindurch

und nun war es nach all den Tagen der Unrast und der ununterbrochenen

Arbeit fast eine Erholung, auf der kriegerisch belebten Landstraße

mainaufwärts zu rollen, die stille Heiterkeit einer milden Sonne nach

dem frostigen Nebel der Frühe zu spüren, nicht reden, nicht denken zu

müssen. Da war Therese an seiner Seite und Brands festes rosiges

Knabengesicht ihm gegenüber, das mit einem seltsamen Gemisch von

Verachtung und Neugier auf die marschierenden Nationalgarden sah, die

die Straße immer wieder sperrten, Lieder sangen und ihre gutlaunigen

Scherzworte zu den Reisenden hinüberriefen. »Sie halten uns für Mainzer,

die >kränkelnder Umstände halber< für eine Weile verreisen«, wiederholte

Therese erheitert die Wendung aus der Privilegierten Zeitung, mit der

jetzt dort täglich Personen ihrer bevorstehenden Abreise den Anschein

einer Flucht zu nehmen suchten. Dies waren, setzte sie ihre

Betrachtungen fort, zumeist Frauen mit ihren Kindern, die von ihren

Ehemännern aus der gefährdeten Stadt geschickt wurden. Billigte übrigens

George ein solches Vorgehen von Ehemännern? Ein nervöses kleines

Gelächter folgte dieser Frage. Da George schwieg oder über dem Geräusch

der Räder gar nicht verstanden hatte, fühlte sich der höfliche Brand

bewogen, zu bemerken, es sei die Pflicht jedes Gentlemans, seiner Lady

den Anblick der Szenen des Krieges zu ersparen, geschweige denn, sie vor

Schlimmerem zu beschützen! George, wie aus einem Schlaf erwachend,

fragte: »Ja, befürchten Sie denn noch Kriegsszenen in unserm guten

Mainz?« Und als der Engländer stumm mit den Augen auf einen Trupp

Soldaten wies, der in dem Dorf, das soeben passiert wurde, am Brunnen

mit einer alten Bäuerin um ein paar Gänse handelte, und zwar in einer

Weise, die auch dem flüchtigen Beobachter keinen Zweifel über Form und

Ausgang dieses Handels ließ, zuckte er die Achseln und rief: »Das Volk

hat es selbst in der Hand, ob diese Soldaten mit der Pike oder mit dem

Palmenzweige in den Händen zu ihm kommen. Es gibt eben Religionen, die

müssen mit Feuer und Schwert gesät werden!« Indem rasselte der Wagen

schon durch die Gassen von Höchst und unter der Tür des >Roten Ochsen<

auf dem Marktplatz stand Huber und trat nun, einen Ausdruck leidender

Spannung auf dem blassen Gesicht, heran, um die Freunde zu begrüßen. Das

gemeinsame Mahl verlief ziemlich schweigsam. Therese erzählte von

Haushalt und Kindern; hatte Huber noch die neuen roten Winterkleidchen

an den Mädchen gesehen? Sie sahen so allerliebst darin aus, besonders

das Clairchen. Und Röschen sei in die Mansardenstube gegangen, habe sich

dort auf einen Schemel gesetzt und gesagt: »Ich will an den Onkel Ferdi

denken.« Im Wagen übrigens sei ein Paket mit Hemden und Strümpfen von

ihm, die noch aus der Wäsche gekommen seien, sie seien auch schon

geflickt, -- »ja, lieber Brand, das müssen Sie nun schon in Kauf nehmen,

daß eine deutsche Hausfrau selbst bei Tisch von Hemden und Strümpfen

spricht!« -- und da sei außerdem ein Pack aus Jena mit Druckschriften,

zum Rezensieren wahrscheinlich. Die Einquartierung im Hause würde immer

lästiger. Sie hätten nun bald eine halbe Kompagnie Soldaten in den

Räumen im Erdgeschoß, die allerlei Unfug trieben und neulich versucht

hätten, ihre Suppe auf dem Kaminfeuer zu kochen, ein Balken hinter dem

Kamin sei in Brand geraten, man hätte Maurer ins Haus holen und mit Müh

und Not löschen müssen. Die Offiziere seien chevalereske Leute, aber

recht anspruchsvoll, -- ja, die wohnten nun in der Mansardenstube ...

Ihr Geplauder versiegte allmählich unter dem drückenden Schweigen der

Männer. Das Essen war abgetragen. In dem engen, schlecht gereinigten

Zimmer, das der Wirt ihnen auf ihren Wunsch, allein sein zu können,

eingeräumt hatte, dunstete das Kohlenbecken, ohne Wärme zu verbreiten;

von dem hochaufgetürmten Bett und den bekritzelten Wänden ging die

Vorstellung schlafloser Nächte aus, der unbehaglichen Nächte

Durchreisender und Heimatloser. Auf einmal preßte Huber die Stirn in

beide Hände, stöhnte unwillig, sah dann auf und sagte entschlossen: »Ich

war in so entsetzlicher Sorge um Euch, mein bester Freund, und dies

ist's, warum ich Euch hergerufen habe ...«

George machte »Ach!« und: »Hätten Sie sich doch in Ihren Briefen

deutlicher ausgesprochen! Ich wäre geflogen, Sie aus Ihrer Unruhe zu

reißen!«

Indessen wußte er wohl, Worte bedeuteten jetzt keinen Aufschub mehr. Da

Huber verstummte und grübelnd vor sich hinstarrte, nahm er den

unsichtbaren Ball auf und warf ihn zurück: »Ihre Sorge um uns kann kaum

größer gewesen sein, als die unsere um Sie. Oder sprechen wir von Mann

zu Mann und aufrichtig: es schmerzt mich, daß Sie nicht imstande sind,

mit den politischen Überzeugungen Ihres Kopfes und Herzens Ernst zu

machen. Wenn wir unsern Freund in einer unklaren Stellung sehen, wenn

er, -- vergeben Sie mir das Wort, -- Ideale äußeren Verhältnissen

opfert, so weinen wir mit seinem Genius um ihn.« Er stemmte die Knöchel

der rechten Hand auf den Tisch und blickte Huber sanft strafend an. Der

wandte sich gequält ab. Therese, die ihren Hut gar nicht abgebunden

hatte, zog nun auch den weiten Mantel wieder fröstelnd um ihre Schultern

zusammen und sah tief erblaßt von einem zum anderen.

»Es handelt sich hier augenblicklich nicht um Politik«, sagte Huber

endlich leise und nach Worten suchend. »Ich bin als Jüngling in eine

politische Laufbahn eingetreten, ohne zu wissen, was ich tat. Dieser

äußere Beruf wird in kurzer Zeit von mir abfallen wie die Hülle, wenn

die reifende Frucht sie sprengt. Da ich kein ^enragé^ bin ...«

»Welcher Vernünftige wäre es?«

»Da ich kein ^enragé^ bin, so mache ich aus der Tatsache meiner inneren

Entwicklung nicht den Auftakt zu einer Tragödie ...«

»Wer -- tut -- denn das?«

Huber starrte düster vor sich hin. Dann raffte er sich auf:

»Als ich Ihnen neulich zuredete, sich frei zu Ihrer Überzeugung zu

bekennen ...«

»Oh, es bedurfte keines Zuredens! Wahrlich!«

»Um so besser! Oder um so schlimmer! Kurzum: nie war es meine Meinung,

Sie sollten sich in eine Rolle begeben, wie Ihre heutige in Mainz es

ist, sich dermaßen bloßstellen, sich vor ganz Deutschland

kompromittieren. Wozu denn diese Reden auch noch drucken lassen? Wozu

denn nach Frankfurt hinüberdrohen? Wissen Sie, wie man in Frankfurt über

Sie spricht? Und daß wir die Preußen vor unsern Toren haben?«

»Welche Sprache! Aber ich halte es Ihrer Erregung zugute!«

»Oh, ich bin außer mir! Ich sehe mein Teuerstes in Gefahr ...« Er besann

sich, atmete tief und verbesserte:

»Meine teuersten Freunde am Rande eines Abgrundes. Oh Gott, mein Freund!

Noch können Sie zurück!«

Er streckte beschwörend beide Hände aus und blickte George flehend an.

George sagte mit einem Gefühl, als rauchte der Eishauch seines jählings

erstarrten Herzens aus seinem Munde: »Wohin bin ich geraten? Dies ist

eine Verschwörung! _Was wollt ihr denn von mir?_«

Er hatte sich erhoben und einen Schritt vom Tisch zurückweichend starrte

er mit erbitterter Befremdung in diese drei ihm zugewandten Gesichter.

»George!« bat Therese schmerzlich, »du darfst ihn nicht so

mißverstehen!«

»Ihr seid alle drei im Bunde gegen mich!«

»^Nonsense, Sir! It's your own best we intend!^« murmelte Brand

unbehaglich vor sich hin. Er drehte sich samt seinem Stuhl zum Fenster

um. Der frühe Abend begann den Westen trübe blutig zu färben. Dämmerung

schlich in die Kammer.

»Wir wollten Sie, teuerster und edelster Mann, nicht bestürmen, von

Ihrer Überzeugung zu lassen«, sprach Huber nun sanft und nahezu demütig,

indem er auf George zutrat und ihn umfaßte. »Wie dürften wir das

unternehmen, die von Ihnen geleitet, den Weg dieser Überzeugung selbst

betreten haben und gewillt sind, ihn niemals wieder zu verlassen!«

»Aber Georgie! Als ob wir nicht alle eines Sinnes wären!«

»Was ich Sie nur bitten möchte, -- wozu mich mein Gewissen drängt ...

Oh, Forster, war es denn nötig, gleich diesen vorgeschobenen Posten zu

wählen ...«

»Nicht ich wählte. Die Wahl fiel auf mich.«

»Gleichviel. Oder ihn anzunehmen? Sehen Sie, auch ich, -- auch ich ...

Ich werde mein Amt niederlegen, sobald gewisse einmal angefangene

Geschäfte abgewickelt sind, sobald der schickliche Augenblick sich

findet. Ich werde dann als Privatmann leben, mich als freier ^homme de

lettres^ durchschlagen.«

»Sie haben nicht für eine Familie zu sorgen, -- in der Tat!«

»Oh, Forster! Als ob mein Wohl und Wehe noch jemals von eurem zu trennen

wäre! Wenn wir uns einen Platz in der Welt gesucht hätten, wo wir

zusammen hätten weiter leben können wie in Mainz ...«

George war ans Fenster getreten. Er stützte den Kopf in die Hand und

blickte in den traurigen Abendhimmel, als sei er allein.

»Zusammen weiter leben wie in Mainz ...« wiederholte er langsam und

nickte vor sich hin. Dann wandte er sich ins Zimmer zurück. »Und warum

sollte das jetzt unmöglich sein?«

»Weil, -- ums Himmels willen, Freund, sind Sie denn mit Blindheit

geschlagen? -- weil Frankfurt morgen oder übermorgen oder meinetwegen in

drei Tagen in preußischen Händen sein wird und dann ist Mainz doch auch

in wenigen Tagen wieder frei!«

»Frei! Hahaha! Lieber Huber, Sie haben das Wesen der Freiheit begriffen!

Sie haben es begriffen!«

»Daß Sie doch bei der Sache bleiben wollten! Man wird Ihnen mit hundert

andern den Prozeß machen, Sie einkerkern, füsilieren, was weiß ich. Sie

meinen, Sie werden dann mit der französischen Armee ins Innere von

Frankreich fliehen, -- gut ...«

»Sie gehen ja von ganz falschen Voraussetzungen aus. Welche Meinung

haben Sie denn von Custine und diesen herrlichen Truppen! Frankfurt wird

nicht preußisch werden und Mainz erst recht nicht. Wir haben Kastel

befestigt. Wir halten eine zweijährige Belagerung aus.«

Huber ging auf ihn zu, als wollte er ihn bei der Gurgel packen. Nahe vor

ihm blieb er mit geballten Fäusten stehn, blickte von unten heraus böse

in sein Gesicht, was er zuwege brachte, obgleich er größer war als

George, und schrie:

»Und dem allen wollen Sie Ihre Frau aussetzen?«

Gleich darauf faßte er sich, kehrte sich ab und fügte mit schwacher

Stimme hinzu: »Und Ihre Kinder ...«

George sagte dumpf und blickte niemand an:

»Therese kann ja fliehen.«

»Oh, was beschließt ihr über mich!«

Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert · 第 18 / 24 题