George weinte heftig, lautlos und gebrochen mit Therese. -- -- --

* * * * *

Der Geheime Staatsrat von Müller war während aller dieser Vorgänge

abwesend von Mainz und auf einer Reise nach Wien gewesen. Anfang

November kam er zurück, aber obgleich Custine sich angelegentlichst um

ihn bemühte, gelang es ihm nicht, diesen wertvollen Mann seinerseits vom

Wert der neuen Ära zu überzeugen, und nachdem Müller einige harmlose

eigene Geschäfte in aller Öffentlichkeit und einige im Sinne der

Franzosen vielleicht weniger harmlose in aller Stille erledigt hatte,

reiste er wieder ab, nicht ohne dem Mainzer Publikum Mäßigung und eine

kluge Fügung in die Absichten der Eroberer nahegelegt zu haben. Es war

George nicht gelungen, ihn zu sprechen. Allein die Meinung Müllers, daß

die Mainzer gut täten, nicht wider diesen Stachel zu löcken, und seine

behutsamen Ratschläge an einige einflußreiche Bürger, dem Klub

beizutreten, sich in die provisorische Administration wählen zu lassen,

um dort den Leuten zu steuern, die beabsichtigten, im Trüben zu fischen

und für den Schutz des privaten und öffentlichen Eigentums zu sorgen, --

diese diplomatischen Äußerungen zur Sachlage kamen George zu Ohren und

erschienen ihm bald wie eine Rechtfertigung seiner langsam gereiften

Absichten. Dennoch erschien es ihm nicht anders wie eine Überrumpelung

seines Geschmacks und seiner Willensfreiheit, als Blau ihm am Abend des

10. November nach einer Klubsitzung im Akademiesaal des Schlosses, der

er beigewohnt hatte, das in Blech gestanzte Abzeichen der »Freunde der

Freiheit und Gleichheit« auf die Brust heftete, wozu der behäbige Riese

einigermaßen schmunzelte.

»Als wir den Freiheitsbaum setzten,« erzählte er und hielt George am

Rockaufschlag fest, »hab ich gehört, wie zwei Juden sich unterhielten.

>Gott der Gerechte!< sagte der eine, -- es war der Bär Ingelheim aus der

Judengasse, der andere war der Isaak Bär aus Weisenau, -- >Was heißt F.

G.?<«

Blau stieß vergnügt mit dem Zeigefinger auf diese geschmackvolle

Blechmarke mit den Initialen von Freiheit und Gleichheit. George,

betroffen von der plötzlichen Erkenntnis, daß dies schicksalsvolle

Abzeichen eine Umstellung seiner eigenen Anfangsbuchstaben enthielt,

wandte sich unlustig zum Gehen, aber der andere nahm seinen Arm und kam

mit.

»Sagt der Isaak Bär, dieser Patriot, hoho! Gott der Gerechte, du fragst?

Heißt sich Frau Grausin ...«

»Maria und Josef! Und Sie verstehen den Witz am Ende gar nicht, Herr

Hofrat!« fuhr er fort, nachdem er sich von einem ausgiebigen

Heiterkeitsausbruch erholt hatte, -- »haben nie für ein Hundel eine

Marke bei der Grausin, der Wasenmeisterin, um zehn Kreuzer geholt?«

»Und auch sonst nie Beziehungen zu ihr unterhalten?« sagte Dorsch an

Georges anderer Seite und hüstelte.

Blau amüsierte sich unverhältnismäßig. »Der Jude ist eine witzige

Kreatur!« Die Geschichte ging noch viel weiter. Am Schluß hatte Isaak

Bär sich den Freiheitsbaum, der an Stelle des uralten Mainzer

Wahrzeichens, des eisernen Steins, auf dem Markt gesetzt worden war,

schief angesehen und seinen Eindruck von diesem mit der roten

Jakobinermütze gekrönten, bekränzten und bewimpelten Mastbaum dahin

zusammengefaßt, daß er sich hinter dem Ohr kratzte und sagte: »Ei weih!

Ain Baum ohne Worzel, -- eine Kappe ohne Kopp!«

»Volksstimme!« sagte Dorsch jetzt scharf. »Ich bin auch überzeugt, meine

Herren, daß die Sache hier keinen Boden fassen wird. Böhmer zieht uns

den Abschaum der Stadt auf den Hals und macht uns mit seinen Listen und

Deklamationen vor ganz Deutschland lächerlich.«

Böhmer begann den Schreckensmann ^en miniature^ zu spielen. Er hatte

neuerdings im Klub das »rote Buch der Freiheit« und »das schwarze Buch

der Sklaverei« ausgelegt und forderte die Bürgerschaft täglich unter

geheimnisvollen Androhungen oder ekstatischen Hinweisen auf »unsern

Heiland, den Bürger Custine« auf, ihren Standpunkt durch Eintragung in

eins der Bücher darzutun. Er sprach die Absicht aus, »die

Despotenknechte wie Staub vor sich herzujagen« und alsdann die Bürger

mit Gewalt zur Annahme der fränkischen Wohltaten zu zwingen. George, von

Widerwillen geschüttelt, sagte zu Dorsch: »Freund, -- jede große Sache

hat ihre Affen und Narren. Sie lebt aber durch ihre Priester. Es steht

jedem frei, seinen Standpunkt zu wählen.«

Er grüßte hochmütig und bog in die Tiermarktstraße ein. Seine Finger

nestelten an dem gelben Medaillon und lösten es ab. Er gehörte nun zu

ihnen, jawohl. Aber sie sollten ihn nicht hinunterziehen! Er, dem die

Freiheit ins Herz geboren war, bedurfte keinerlei Ausweise für seine

Gesinnung, weder der Kokarde noch dieser verfluchten Hundemarke. Er

betrat sein Haus leise, er suchte sein Kabinett auf, er mußte allein

sein, sich sammeln, seinen Weg in die Zukunft zu erkennen suchen. Und in

der reinen Atmosphäre seiner Arbeitswelt, hier unter seinen Büchern, vor

seinen Manuskripten, unter all den Zeugen seines dem Geist geweihten

mühevollen und gebeugten Lebens, überkam ihn das Bedürfnis, sich vor

einem Gleichgestellten, einem Weggenossen zum ewigen Ziel, zu

rechtfertigen, sich zu reinigen in der Berührung mit einer brüderlichen

Seele, so heftig, daß er den Armleuchter zum Stehpult trug und mit

fliegender Feder an Müller zu schreiben begann:

»Da die Umstände mich nötigen, an der provisorischen Organisation des

Mainzischen Landes, soweit es gegenwärtig in den Händen der

französischen Republik ist, tätigen Anteil zu nehmen, so halte ich es

für unumgänglich nötig, Ihnen, mein vortrefflicher Freund, die Gründe,

die mich bewogen haben, und die Grundsätze, nach denen ich mein

Verhalten einzurichten willens bin, vorzulegen.

Sie wissen, daß in meinen Augen die Freiheit immer das größte,

schätzbarste von allen Gütern gewesen ist und es immer sein wird. Ohne

sie gibt es nach meiner Meinung kein wahres Glück, kein öffentliches

Wohl.

Aber der Philosoph kennt eine moralische und innere Freiheit, die von

der politischen äußeren sehr verschieden ist, die Freiheit, welche

Epiktet auch noch in Fesseln hatte, die Freiheit, welche man selbst

unter der Regierung von Tyrannen behält, wenn man nur Kraft hat, es zu

wollen. Nun, _diese_ Freiheit muß der wahre Gegenstand unserer Verehrung

sein! Denn sie bleibt uns übrig, wenn Klugheit uns zeigt, wie ohnmächtig

die in unserer Gewalt stehenden Mittel sind, um uns den Besitz der

politischen und bürgerlichen Freiheit zu verschaffen.

Wer aber kann den Zeitpunkt bestimmen, wo es dem gerechten und denkenden

Mann zur Pflicht wird, die Erwerbung dieser politischen und

bürgerlichen Freiheit zu versuchen, ohne welche der große Haufe des

Menschengeschlechtes nie zur Vollkommenheit des intellektuellen und

moralischen Wesens, zu der _inneren Freiheit_, dem wahren Endzweck

seines Daseins, gelangen kann? Mich dünkt, man muß die Augenblicke

erwarten, wo der allgemeine Wille sich erklärt, erwarten und sogar

ergreifen, um hervorzubrechen und zu dem großen Werke des öffentlichen

Wohles mit beizutragen ...«

Dieser Zeitpunkt war nunmehr eingetreten, kein Zweifel. George hob den

Blick und sann, fühlte sich feurig durchströmt von Kräften, die einem

neuen großen Gefühl der Verantwortung entsprangen, -- einem eben so

edlen als von ihm mißverstandenen Verantwortungsgefühl, lächelte,

bestürzt vor Glück, setzte die Feder wieder an, zauderte einen

Augenblick und schrieb dann unaufhaltsam fort. Sein Gesicht brannte, als

er fertig war, wunderliche, nie gekannte Schwingen hielten ihn schwebend

über dem Alltag. Er überlas das Geschriebene.

Der Weg, den er sich vorgezeichnet hatte, lag zum erstenmal in voller

Klarheit vor ihm, die Absichten und Ziele, deren er sich während des

Schreibens erst ganz bewußt geworden zu sein glaubte, schienen ihm groß

und schön und aller Opfer wert. Er setzte seinen Namen unter den Brief

und verharrte in Versenkung, das Haupt geneigt. Diese Worte, an Müller

gerichtet, waren mehr als eine Auseinandersetzung seiner Ansichten, als

eine Rechtfertigung seines Eintrittes in den Klub. Sie entschieden über

das Leben, das ihm noch blieb. Sie trennten ihn auf ewig von Deutschland

und der Vergangenheit. Er dachte es nicht aus, was alles sich ihm in

Müller verkörperte, den scheue leidenschaftliche Freundschaft trotz

allen heimlichen Werbens nie ganz zu gewinnen vermocht hatte. Er hatte

einen Scheidebrief geschrieben, er wußte es, -- und wußte es doch nicht.

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* * * * *

Frauen brauchten immer längere Zeit, um sich mit dem Neuen abzufinden,

er meinte sich dieser zögernden Haltung einer fertigen Entscheidung

gegenüber von seiten Theresens als etwas ganz Gewohntem zu erinnern,

selbst wenn sie vorher zu dieser Entscheidung gedrängt hatte. War es

nicht immer so gewesen, daß sie ein gedehntes »Ach!« sagte und dann

lange Zeit gar nichts und dann Einwände hören ließ und Zweifel

vorbrachte. Oh, er suchte ängstlich in seinem Gedächtnis nach ähnlichen

Fällen und versicherte sich dann, ja, es sei immer so gewesen! Jedoch es

war diesmal nicht recht von ihr, seine Verantwortung mit ihrem halb

erschrockenen, halb nachdenklichen Hinnehmen seiner Entschlüsse dermaßen

zu belasten, und die betretene Stimmung, die auch Karoline und der gute

Brand, der ja nun freilich ganz und gar nicht maßgeblich war, an diesem

Abend zur Schau trugen, veranlaßten ihn zu einer zornigen

Gesprächigkeit. Was der Vater in Göttingen sagen würde? Wie, war dies

auf einmal ihre erste Sorge? Nun, der gute Alte habe ihm neulich, wie

sie sich wohl erinnern werde, geschrieben, daß man diesseits und

jenseits der Leine in Frieden lebte, äße, tränke und schliefe, -- daran

würde auch der Übertritt seines Schwiegersohnes auf ein ihm fremdes

Gebiet nichts ändern, obschon es gewiß einige Lamentationen kosten

würde. Sie möge nur entschuldigen, sie kenne seine Verehrung, seine

Liebe für den alten Herrn, -- seit wann aber fordere sie, daß er ihm

zuliebe seine Lebenswege in der hannöverschen Tiefebene halte? Viel

peinlicher sei es ihm zumute in Erwartung eines Ausbruchs des

väterlichen Vulkans in Halle, und -- nun ja, er sei eben nicht in der

Lage, das Praktische ganz über dem Ideal hintenan zu setzen, da er sie

und die Kinder nicht hungern lassen dürfe: würde der wackere Voß in

Berlin sich jetzt noch zur Gewährleistung jenes Darlehns der 1500

Dukaten, deren er zur Deckung von allerlei Schulden -- »du entsinnst

dich wohl, meine Teure!« -- so dringend bedurfte, verstehen können? --

Karoline wagte es, mit sanfter Stimme einzuflechten, daß es derlei

Bedenken ja auch sein möchten, die den Hofrat Heyne möglicherweise zu

Lamentationen veranlassen würden und mit einigem Recht. Sie wurde jedoch

gar nicht beachtet, denn mit einer Bewegung, als striche sie etwas

Unsichtbares von der blanken Tischplatte hob Therese kummervolle Augen

zu George empor und sagte mit schwerer Betonung: »Und dies hast du nicht

bedacht, mein Freund, daß du nicht nur die Ehre deines Weibes, sondern

auch ihr und deiner Kinder Leben durch deinen Schritt gefährdest? Oh,

wir werden alle vogelfrei sein, eines Tages ...« Sie nickte

aufschluchzend vor sich hin. George blickte starr auf sie nieder.

»Willst du mir nicht bitte sagen, woher dir dieser Pessimismus kommt?

Vor drei Tagen redetest du anders.«

»Oh, warum gehst du nicht mit Brand nach Italien?«

»Willst du mir bitte nicht erklären ...«

George hielt inne. Er blickte zu Karoline hinüber, die seinen Augen

auswich und sagte, von einer Erkenntnis überkommen, fast ohne es zu

wissen:

»Huber ist hier gewesen!«

Nach einer Weile, als niemand widersprach, wiederholte er diese

Mitteilung, die ihm seine eigene Stimme da eben gemacht hatte, und

setzte hinzu:

»Und -- ich sollte es nicht wissen.«

»Ich weiß nicht, warum ich es dir nicht erzählt habe.« Therese sprach

abgebrochen, in hastigen, kleinen Sätzen. »Er war vorgestern ein paar

Stunden hier. Du hattest die Sitzung wegen der kurfürstlichen

Privatbibliothek ...«

»Was du drei Tage wenigstens vorher gewußt hast ...«

»Bitte, -- mein Freund?«

»Oh, -- nichts!« --

»Er sprach so überzeugt davon, daß die Preußen Mainz wieder nehmen

würden. Er ist doch immer aus erster Hand instruiert. Er hat mich ganz

kleinmütig gemacht. Er meinte, du dürftest dich nicht kompromittieren.«

»Ich sollte meine Überzeugung opfern?!«

»Lache nicht so schrecklich! Er sagte, du könntest auch in Deutschland

als Republikaner leben, in Altona oder Hamburg zum Exempel ...«

Sie sah ihm scheu nach, der nun nach alter Gewohnheit im Zimmer auf und

abzugehen begann. Sie verfolgte sein mühseliges Wandern mit den Blicken

einer befremdlichen, fast haßvollen Gespanntheit. Karoline beugte den

Kopf über ihre Stickerei. Der harmlose Brand gähnte über dem

»Bürgerfreund«, der neuen Zeitung des revolutionären Mainz. Therese

wartete. Aber George sagte nur:

»Ich habe noch Schreibarbeit. Ich bitte mich zu entschuldigen. Willst du

dafür sorgen, daß ich warme Mehlsäckchen zum Umschlag vorfinde, -- mein

Knie ist wieder sehr schlecht.«

Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert · 第 17 / 24 题