Irrsal. Verlassenheit. Beschwörung. --

Und dann weinte sie stiller.

George gewann Zeit, sich zu sammeln, aber er ließ seine Augen wandern

und fühlte, daß er nicht wußte, was er hiervon halten sollte, daß er

müde war, ja, und daß ihn fror. Da stand sein Bett, schneeweiß,

einladend aufgedeckt, -- wie, wenn er sich geschwind auszöge und die

Erklärung von Theresens Kummer unter der Federdecke liegend empfinge?

Unsicher indes, wie Therese dies aufnehmen würde, drängte er solchen

Wunsch zurück und begann ganz leise den Rücken der Halbliegenden zu

streicheln, indem er in die Kerzenflamme starrte und mit dem Gähnen

kämpfte. Und fast erschrak er, als das Weinen plötzlich aussetzte und

Therese sich so schnell aufrichtete, daß seine Hand von ihr abglitt, wie

abgeschüttelt.

»George!« sagte Therese und ihre kleinen festen Fäuste mißhandelten

leidenschaftlich ein feuchtes winziges Taschentuch. »George!«

wiederholte sie tief atemholend und noch einmal aufschluchzend, er

suchte mit einem scheuen Blick ihr gerötetes entstelltes Gesicht und sah

schnell wieder weg. »George!« rief sie zum dritten Mal und der Batist

zerriß: »Ich -- halte dies -- nicht mehr aus!«

»Aber was denn, Therese, -- komm doch nur!« bat er verzweifelt und

suchte sie an sich zu ziehen. Aber sie stand auf, machte sich an der

Wiege des Kindes zu schaffen, stand dann am Nachtschränkchen, putzte mit

bebenden Fingern das Licht und wiederholte: »Ich halte es nicht mehr

aus! Und was doch nur? Was doch nur? Dieses Land, -- diese Stadt, --

diese Menschen! Und dies, daß du dich hier behagst! Du! George Forster!«

»Ich?« fragte George und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, --

»Ich -- oh -- ich ...«

»Oh, Georgie!« rief Therese leidenschaftlich und auf einmal war sie zu

seinen Füßen und umschlang seine Knie. »Es geht nicht länger! Oh

Georgie! Laß uns ...«

Das Röschen rührte sich in seiner Wiege und stieß einen kleinen Laut

aus. »Still! das Kind!« machte George.

»Das Kind!« sagte Therese böse, stand mit einer sonderbar verächtlichen

Bewegung auf und trug geschäftsmäßig das Licht in eine andere Ecke des

Zimmers. Dann trat sie an das Fußende des Bettes, auf dem er saß, sodaß

er sich zu ihr umwenden mußte, und die Arme aufstützend und ihn fest und

beobachtend anblickend sagte sie nun in leichtem und nüchternem Ton: »Es

geht nicht länger, George. Wir müssen von hier fort. Du bist es dir

selber schuldig.«

»Therese,« sagte George müde, »du vergißt, daß ich für sieben Jahre

verpflichtet bin. Therese, und -- wir sind doch jetzt ganz froh.«

»Froh!« stieß sie hervor, »froh! Wenn ich mein besseres Selbst vergesse,

bin ich froh.« Und da er schwieg und mit einer haltlosen Geste die Hände

öffnete und schloß, den Blick von ihr abgewandt, fuhr sie fort: »Wenn

ich vergesse, daß ich einmal in einem Zirkel von Menschen gelebt habe,

in dem das Gespräch nicht einzig auf Dienstboten und Essen roulierte. In

dem die großen Geister unserer und anderer Nationen wie Hermen in einem

Tempel standen und täglich frisch bekränzt wurden. Wo Seele die Seele

erkannte und verstand im Augenblick des Sichfindens ...«

»Jawohl, -- Assad!« flüsterte ein böser Geist George ins Ohr. Und als

ahnte sie seine Gedanken, schloß Therese ein wenig allzu emphatisch:

»Karoline! Philippine! Fiekchen! Schlözer und seine herrliche Tochter!

Wen soll ich noch nennen? Oh, George, du hast mit uns in Göttingen

gelebt, du kennst die Wonnen eines Umgangs mit Lichtenberg, mit -- mit

Assad ...«

»Und,« fuhr sie nach einer kleinen atemlosen Pause hastig fort, als

wollte sie ihn hindern, zu antworten, »du behagst dich hier mit einem

Langmayer, einem Régnier beim L'hombre und bist es zufrieden, diese

polnischen Gänse in der Botanik zu unterrichten.«

Dies letzte bezog sich auf einen Zyklus populär-wissenschaftlicher

Vorträge, den George in diesem Winter vor einem Kreise von Damen aus der

Gesellschaft hielt. Er errötete und sagte unwillig: »Du vergißt, daß es

nicht mein eigener Wunsch war. Und ich habe Gründe, derartiges nicht von

der Hand zu weisen.« Er stockte. Therese, ging es ihm durch den Sinn,

sollte leben wie die Blumen auf dem Felde ... Er hob den Kopf und sah

sie mit einem bittenden Lächeln an.

»Therese,« sagte er, »hab' ein wenig Geduld! Die Jahre gehen schnell

herum, glaube mir!«

»Und deine Freunde vergessen dich!« rief sie heftig. »Die Welt stand dir

offen, vor zwei Jahren noch! Wer schreibt heute noch an dich?

Sömmerring, -- Sömmerring, -- wer sonst? Spener höchstens und die

Herausgeber der Journale, für die du Fronarbeit tust ...«

»Sömmerring freilich ist eine treue Seele«, murmelte George bitter. Oh,

hatte Therese nicht recht?

»Georgie, Georgie,« flüsterte Therese und war wieder zu seinen Füßen,

die Arme auf seinen Knien, das Gesicht zu ihm erhoben, »laß uns

fortgehen von Wilna, Georgie!«

»Deine Locken ...« er spielte mit ihrem Haar, er lächelte, süß gelöst

von ihrer warmen Nähe. »Oh, Therese! Weine nie wieder so!«

»Laß uns fortgehen von Wilna!« wiederholte sie eindringlich, die Augen

mit tödlich-ernstem Flehen in seine vertiefend, die ihnen auswichen.

»Ich komme um in Wilna. Ich -- komme um in mir selbst.«

»Oh, Therese, -- und du warst doch immer so fröhlich, seit das Röschen

...«

Therese sah ihn eine Weile an, prüfend, stumm. Dann sagte sie:

»Fröhlich, Georgie? Du sagst es, kein Zweifel, daß du es auch glaubst.«

Und gesenkten Hauptes, nach kurzem Schweigen, leise: »Die Mutter sagte

manchmal zu mir:

>Wenn dein Herz von Wunden blutet,

Lügt oft deine Stirne Ruh' --<«

»Therese!« rief George kummervoll.

»Georgie?« Sie hob den Kopf. Ihre Augen blickten bewegungslos, klar,

rätselhaft, Spiegel tiefer Brunnen. Ein nie bemerkter Zug von Qual

spannte die Brauen.

»Therese,« dachte George erschüttert, »war doch gestern noch ein Kind.

Bin ich denn blind gewesen?«

Er zog sie empor, nahm sie in die Arme, bettete ihr Haupt an seine

Schulter. »Geliebte,« flüsterte er angstvoll, »Einzige, sage doch, --

ist es dies allein, was dich unglücklich macht, -- dies allein?«

Therese hielt die Augen geschlossen.

»Ja, Georgie. Dies -- allein ...«

»Wir wollen fort von Wilna, Therese,« redete er leidenschaftlich, und

sein Atem bewegte ihr Haar, »du hast recht, ich verkomme hier, du hast

recht, es ist ein übles Zeichen, wenn man anfängt, sich hier zu

goutieren. Du hast recht, du hast hundertmal recht, -- und ich dachte

nur, -- ich kalkulierte, -- aber gleichviel ...«

Er starrte über sie hinweg, seine Augen brannten, sein Herz hämmerte.

Ein Frösteln schüttelte seinen Körper.

»Du bist müde, Guter,« murmelte Therese auf einmal schläfrig und

lächelte. Er küßte zerstreut die kleinen Finger, die ihm das Jabot

lösten. Er war nachdenklich, entledigte sich der Kleider ohne es zu

wissen.

»Therese,« begann er wieder, als er neben ihr lag, und im Dunkeln zog er

sie an sich, -- »es ist gut, daß dies kam, oh, du hast mich geweckt. Es

war etwas eingeschlafen in mir, Therese, hörst du, und vielleicht war es

das, -- das, was mich deiner Liebe erst würdig machte, -- machen konnte,

Geliebte, -- dies, daß ich wagen und opfern konnte für dich. Ist es so,

-- Therese ...« bettelte er in der Dunkelheit und fühlte es wieder, dies

müde, beschwichtigende Streicheln kleiner Hände, das alles andre tat,

als ihn beruhigen. Er stemmte sich auf den Ellenbogen und neigte sein

Gesicht auf ihres.

»Vor zwei Jahren, kleines Mädchen,« prahlte er mit leisem Lachen und

spielte zärtlich mit ihrem Stirnhaar, »als ich so verzweifelt war, weil

ich nicht wußte, woher das Geld nehmen, um dich aus Göttingen zu holen,

nicht wußte, ob mir die Erziehungskommission den Vorschuß bewilligen

würde, -- da war ich noch ein Kerl, da hatt' ich noch Projekte! Ja, was

meinst du, wenn der Forster nicht gekommen wäre, dich zu holen, wenn er

verschwunden wäre wie die Maus im Heuhaufen ...«

»Ich wollte alles verkaufen,« fuhr er träumerisch fort und warf sich

zurück, »Bücher, Mineralien, Herbarien, und dann, unter dem Vorwand,

nach Deutschland zu gehen, wäre ich geradenwegs nach Konstantinopel

gefahren und hätte dort mein Glück versucht, als ein Kerl, der meist

alle europäischen Sprachen spricht und just nicht auf den Kopf gefallen

ist.«

Er verstummte einen Augenblick und -- »ein Leuchtöl, destilliert aus

Hammelfett« ging es ihm unerklärlicherweise durch den Sinn, und »man muß

es dem Großtürken anbieten ...« jawohl, dies war der Studiosus Bezzel in

Petersburg gewesen!

»Von Konstantinopel aus,« sprach er langsamer, gleichsam behutsam, um

nicht auf Erinnerungen zu treten, »wär' ich weitergegangen, nach

Persien, -- nach Indien, -- wär' unter einem warmen Himmel wieder

aufgetaut, lebendiger, geistiger, -- jünger geworden, und wäre, entweder

ein Wiedergeborener mit frischem Ruhm bekränzt oder gar nicht

zurückgekehrt -- zu dir ...«

»Georgie!« -- Therese hatte sich nun ihrerseits halb aufgerichtet und

tastete nach seinem Gesicht. »Georgie!« sagte sie schmeichelnd, »ach,

kenn ich dich wieder, mein Georgie?« Und, ihre Arme um seinen Hals

werfend, leidenschaftlich: »Du solltest nicht immer -- nur übersetzen,

Freund!«

»Nicht immer -- nur übersetzen, Therese?« fragte George sanft, »oh --

kleine Therese!«

»Nicht tagelöhnern -- schaffen solltest du, George, die Welt erobern,

große Projekte ausführen ...«

»Große Projekte, Therese?« Er hielt sie gegen seine Brust gepreßt, er

fühlte ihr schnelles hüpfendes Herz wie einen gefangenen Vogel gegen

seines stoßen. Er lächelte schmerzlich, sie sah es ja nicht.

»Ich werde,« sagte er hastig atmend, »mich bemühen, gib acht, -- ich --

habe Pläne, habe Aussichten. Du sollst sehen, man hat den Forster nicht

so schnell vergessen, als du denkst. Therese, -- bist du mir auch gut?«

Sie hatte sich zurückgleiten lassen, ach, und wieder waren da ihre

sanften kleinen Hände.

»Ja doch, Georgie, ja!« sagte sie, als tröste sie ein Kind, »ja, ach

Georgie, -- und so müde ...«

Sie gähnte leise. Sie zog die Decke bis ans Kinn hinauf. »Gute Nacht!«

murmelte sie, oh, es war gar kein Zweifel, daß sie halb schon schlief.

* * * * *

Der harte Kern hatte endlich keimen, Wurzel schlagen wollen, -- er war

aus dem Erdreich gerissen, betastet und wie spielend fortgeworfen

worden. Kristalle wollten zusammenschießen in dampfender Mutterlauge;

eine achtlose Hand hatte die Lösung gerüttelt und aufgerührt. Und so

würde es immer gehen, dachte George, und dachte es ohne Bitterkeit. Denn

war dies nicht eigentlich erst Leben, dies, daß man nicht ausharrte in

einem dunklen Gang des Labyrinthes, sondern vorwärts stürmte, einem halb

nur geahnten Lichtschein zu, der, -- Gott mochte es wissen, -- den

Ausweg in die Freiheit verhieß? Nun, welchen Schwung verlieh nicht der

Entschluß, Wilna zu verlassen! Welche Pedanterie war es gewesen, sich an

einen Vertrag halten zu wollen, der ihn in seinen besten Jahren an eine

Galeere schmiedete! Therese war eine gute Tänzerin, sie wirbelte ihn

hinweg über alle Bedenken, und oh, welche Stunden von Moquerie und

Ausgelassenheit hatten sie nun zusammen, wie verschworen und eines

Sinnes waren sie jetzt inmitten des ^vulgi stulti^, der sie fressend und

saufend in träger Geselligkeit umgab, wie eine Herde Kühe, die

wiederkäuend mit runden Augen auf das Schauspiel zweier von Geist und

Jugend beflügelter Menschen glotzte? Hatte er in dem letzten Jahr viel

gearbeitet, so arbeitete er jetzt mehr als je, aber es ging ihm von der

Hand als stünde er an einer gut geölten Maschine, und der Cook rückte

täglich einen Bogen vor. Dies war nun noch einmal eine Übersetzung,

dachte er, wenn er nachts mit fiebernder Stirn und kalten Händen am Pult

stand, -- aber auch die letzte. Oh, Therese sollte sehen, wie es war,

wenn er die Schatzkammern seines eigenen Geistes erst einmal auftat, --

erntete in den Gärten, die nun endlich reife Früchte bieten mußten.

Nicht zum Dozenten, zum freien Schriftsteller fühlte er sich berufen.

»Scheermesser sind nicht gemacht, um damit Klötze zu schnitzen,« schrieb

er an Sömmerring, frohen Selbstgefühls voll.

Nein, er wollte nicht mehr Kraft und Zeit vergeuden. Aber freilich war

es gut, immer in Amt und Brot zu sein, gut, einem freigebigen Herrn zu

dienen ... Es galt, einen Gönner zu finden, dem es lohnend schien, ihn

hier loszukaufen, oder dessen Macht ausreichte, mit seinem Wunsch nach

Forsters Diensten allein diese verfluchte Last von nahezu 6000 Gulden

Vorschuß zu löschen, die er der Erziehungskommission nun einmal

schuldete. Therese hatte Recht: hier mußte er als Mann von Welt

politisch und mit kühler Überlegung seine Möglichkeiten und Vorteile

abschätzen und gegeneinander ausspielen. Therese setzte abends »das

Schachbrett« auf, wie sie diese Beschäftigung übermütig nannte, hohe und

höchste Gönner aufmarschieren zu lassen und zu prüfen. Da war, wenn man

die große Zahl der ihm gnädig gesinnten Fürsten wegließ, die hier nicht

in Betracht kamen, da sie höchstens Louisdors und Schnupftabaksdosen,

aber keine gut dotierten Ämter zu vergeben hatten, zunächst einmal der

Landgraf von Hessen, von Cassel her in unliebsamen Angedenken, -- indes

die Verleihung einer Professur der Naturwissenschaften an der

Universität Marburg lag in seinen Händen. Die tätige Liebe des wackeren

Sömmerring war am Werk, hier sowohl als bei seinem eigenen Herrn, dem

Mainzer Kurfürsten, für George zu arbeiten, und, -- so sagte Therese, --

beide Plätze hatten ihre Meriten, Mainz freilich ungleich größere, da es

sich unter dem Krummstab des Barons Erthal zu einem kleinen Musenhof,

vergleichbar dem von Weimar, entwickeln zu wollen schien und -- »mein

Georgie!« -- es lag linksrheinisch, es war fast schon Paris! In Berlin

war der vortreffliche Gleditsch verblichen, Friede seiner Asche! Gewiß

war es opportun, dem Minister von Herzberg die ^Opera botanica^ zu

schicken und diesem Beschützer von Kunst und Wissenschaft zu seiner

Erhebung in den Grafenstand zu gratulieren, -- oh, kein Wort von dem

erledigten Lehrstuhl, man rief sich in Erinnerung, weiter nichts. Die

größten Figuren aber, mit denen Therese agierte, saßen im Norden und im

Süden auf den Thronen des deutschen Reiches und Rußlands. Und es war

zweifellos, daß es auf St. Petersburg ankam und auf St. Petersburg

allein! Denn, so meditierte diese erstaunliche kleine Person ihm

gegenüber am Tisch ernsthaft, -- wo Frauen regieren, hat ein Mann von

Verdienst alle Chancen, und darum, von der großen Katharina ganz

abgesehen, -- kam es darauf an, die Aufmerksamkeit der Fürstin Daschkow,

des weiblichen Direktors der Akademie der Wissenschaften, auf sich zu

lenken! In Therese, dachte George voll abgründigen Staunens, als er sich

an einem dunklen Wintermorgen im Reisewagen auf der Fahrt nach Grodno

sah, wo es Gelegenheit gab, sich dem Ambassadeur der Kaiserin, Herrn von

Stakelberg, vorstellen zu lassen, -- in Therese steckt etwas von einer

Katharina, einer Daschkow und mehr von einem Diplomaten als in mir,

Sömmerring, nun, und sagen wir einmal: dem Vater zusammengenommen! Und

dann dachte er daran, wie der Vater im mausgrauen Rock nach Danzig

gefahren war, mit der Absicht, den Vorgänger des Herrn von Stakelberg,

den weiland Herrn von Rehbinder, in die Tasche zu stecken, und wie er

heimgekommen war in der Überzeugung, daß ihm dies gelungen wäre. Oh,

die, alten Zeiten und der Vater! Und jetzt kollidierte man mit ihm auf

Schritt und Tritt, denn nicht nur um Marburg bewarb sich der Alte

ebenfalls, auch in Berlin, wo, wie George jetzt durch Spener gehört

hatte, er, der Sohn, auf die Liste der für Gleditschens Stelle

Vorgeschlagenen gesetzt war, war Forster senior auf dem Plan erschienen

und hatte bei seiner Ernennung zum auswärtigen Mitglied der Akademie die

Erfahrung machen müssen, daß George diese Ehre gleichzeitig widerfuhr! O

nein, ich triumphiere nicht, dachte George, sich erschrocken von seinen

Gedanken abwendend, und fühlte doch, daß eine kalte Befriedigung sein

Herz vorübergehend hart und glänzend gemacht hatte. --

Es gibt Dinge, die einem niemals allein und losgelöst, sondern immer nur

in der Verbindung mit anderen Gegenständen einfallen, so konnte sich

George nicht an den Londoner Nebel erinnern, ohne an ein gewisses

kleines Federmesser zu denken, das ihm in jenen bösen Jahren vor der

Südseereise ein zärtlich geliebter Besitz und ein Trost gewesen und

später verlorengegangen war, -- er konnte auch den Namen Surinam nicht

hören, ohne die Erscheinung des Hofrats Kotelnikow vor sich zu sehen.

Ebenso gab es Menschen, die ihm nur paarweise oder gar in Gruppen ins

Gedächtnis traten, Larry und Porea etwa, Sömmerring mit dem Hintergrund

des ganzen Casseler Kreises, der ihm einigermaßen widerwärtige Nikolai

in Berlin mit seinem Gegenspiel, dem herzlich verachteten Schrepfer in

Leipzig, die Musiker Neumann und Naumann in Dresden und -- nun, Gott

möge ihn davor bewahren, dachte George, daß er jetzt seine ganze

wimmelnd bevölkerte Erinnerung wachrief, um sich die ihn ein wenig

quälende Tatsache zu erklären, daß er nicht an den Vater denken konnte,

ohne daß Therese dies stattliche Gestirn umkreiste, -- nicht sich in das

Wesen seines Weibes versenken, ohne daß die gleiche Konstellation sich

ungerufen einstellte. An diesem Junimorgen, da er wie gewöhnlich mit

Sonnenaufgang erwacht war und nun auf der Seite ruhend, die Hand unter

die Wange geschoben, im gedämpften Licht die neben ihm Schlummernde

betrachtete, stieg irgendeine nächtige Woge in ihm und wahrnehmend, wie

ihre Brust sich hob und senkte und die Kante ihres Hemdes am Halse von

den zuckenden Schlägen des Pulses bewegt ward, dachte er sonderbar

erregt: wie wehrlos sie ist! Und sich selbst vortäuschend, dieser

Gedanke stiege aus der Lust, sie an sich zu reißen, fühlte er gleich

darauf erschrocken, daß etwas wie gehässige Neugier in ihm sprach und

ihm zeigte, daß Therese häßlich sei, doppelt häßlich jetzt in diesem

Augenblick des Schlafes mit dem haltlosen Unterkiefer und dem Ausdruck

unbedingter trotziger Hingabe an die Dumpfheit der Betäubung. Sieh

keinen Toten und keinen Schlafenden an, sie können sich nicht

verstellen! dachte George, sich unruhig herumwälzend und die Hände

hinter dem Haupte verschränkend. Und da war's wieder. Erinnerung

arbeitete in ihm, deren er sich nicht bewußt zu werden wünschte,

unwillig gab er ihr endlich Raum und erkannte, -- jawohl, so hatte er

oft, unzählige Morgen der Vergangenheit gelegen und den schlafenden

Vater angesehen, hatte gedacht, -- oh, lächerliche Gedanken eines

Knaben! -- aber etwa so: Wenn ich nun aufstünde, leise, heimlich, -- das

kleine Federmesser vom Tisch holte, das kleine, blanke, liebe, und mit

seiner Spitze einen sauberen behutsamen Schnitt durch jenen tanzenden

Adamsapfel dort zöge ... Aber dies möchte Wahnsinn heißen, wenn es nicht

so lächerlich wäre, sagte er sich, indem er sich nun plötzlich eilig

erhob, das Gesicht zu einer unbewußten Grimasse verzerrt, -- George

Forster mit der Erinnerung an Mordgedanken, -- George Forster mit der

Lust, -- und in einem letzten Nachgeben an jene dunkle Versuchung und

mit einem scheuen Blick auf die Schlafende gab er es sich verzweifelnd

zu, -- ja, George Forster mit der Lust, sein Weib, seine Therese zu

quälen. Ach, nicht zu töten! Aber einmal mit seinen Zärtlichkeiten den

Blick ergebenen Duldens, den Blick unbeteiligter, stiller, ja vielleicht

manchmal freundlicher Verwunderung wandeln zu können in einen

gebrochenen, schwimmenden, -- die in allen Lagen beherrschte Rede dieses

Mundes auflösen in ein hilfloses Stammeln, -- einmal Therese _fühlen_ zu

machen! Er dachte: _einmal_, das ist dann, als ob eine Tür endlich

aufspringt! Einmal, -- das heißt dann, für immer im Paradiese sein! Er

zog sich hastig, geräuschlos und unglücklich an. Er verließ die Kammer

und durchschritt mit gesenktem Kopf den Vorraum. Mein Gott, er war ein

Narr, ein Undankbarer, sagte er sich, als er nun in seinem Kabinett

hastig den Teller auslöffelte, den ihm Marischa gebracht hatte. Diese

morgendlichen Verstimmungen waren ebenso eine Folge skorbutischer

Schärfe in seinem Geblüt, als die fortwährenden Anfälle ziehender

Schmerzen, als diese kleinen lästigen Ausschläge, die entzündeten Augen,

die peinigenden Koliken. Die Säfte reinigen! Das war der Schlüssel auch

zur Harmonie der Seele. Hastig schluckte er seine Erdbeeren in Milch, --

Obst auf nüchternen Magen, wie es ihm Sömmerring verordnet hatte, und

das Therese nie versäumte, ihm hinstellen zu lassen, in der Form, wie

die Jahreszeit es bot. Oh, sorgte sie nicht rührend für ihn? Ja, er

_war_ ein Narr! Wenn jetzt der Druck der Enttäuschung auf ihr lastete,

daß bisher alle Pläne, von Wilna fortzukommen, gescheitert waren, --

wenn dieser Druck sie matt und teilnahmslos machte, -- war das nicht nur

natürlich? Was verlangte er denn von ihr? Er schob den Teller zurück.

Obst am frühen Morgen, mir zuwider wie nur je, dachte er angeekelt. Ach,

mein Gott, es verlangte ihn ja nur nach ein wenig Zärtlichkeit und

Wärme, schrie es verzweifelt in ihm auf. Trugen sie denn die

Enttäuschung nicht gemeinsam? Litt er nicht wie sie unter dieser

Umgebung ohne Geist und Feuer, mußte sie nicht endlich überzeugt sein,

daß er Ruhe und Gesundheit dransetzte, um aus diesem stagnierenden

Froschteich herauszukommen, daß die satte Zufriedenheit der Kollegen,

die kleinlichen Eifersüchteleien und Kabalen ihn bis zur Verzweiflung

peinigten? Litt er denn immer noch nicht sichtbar genug, um der

Gemeinschaft _ihres_ Leidens endlich teilhaftig zu werden? Denn, --

nicht wahr, -- dies war's: er _wollte_ leiden, um ihrer würdig zu sein,

um bei ihr zu sein, wohin ihr Herz sie immer trug, -- nur _bei_ ihr und

_mit_ ihr, -- und um den Dämon Lügen zu strafen, der ihm so den Spiegel

vorhielt und hämisch raunte: brächtest du selbst denn die Größe auf,

Freund, um so zu leiden wie sie, unmittelbar aus Gottes bitterer Hand?

-- sprang er verzweifelnd auf und rannte hinaus, fort von den schon

ausgebreiteten Büchern und Papieren, der still lockenden und drohenden

Welt der Arbeit, in der Vergessen und Zufriedenheit war.

Ein botanisches Gärtchen von Qualität! ging es ihm durch den Kopf, als

er in dem Schattenwinkel hinter dem Hause war, wo er die für die

Demonstrationen in den Kollegien notwendigen selteneren Pflanzen ziehen

sollte und wo er nun zwischen den Rabatten auf und nieder ging, dumpf

eingedenk, daß die unzähligen Fenster des weitläufigen Gebäudes auf ihn

niederblickten und daß hinter einem möglicherweise die Langmayer stand

und in der lieben Wiener Mundart sagte: »Maria und Josef, -- der _arme_

Mann!« Hätte er nur gewußt, warum sie ihn immer bedauerte, ihn, der vor

der Welt so glücklich war! Dies aber, was ihn jetzt quälte und ruhelos

machte, da er nun einmal wieder den Vater und Therese in seinen Gedanken

vermengt hatte, war eine Erinnerung von der Hochzeitsreise her, die über

Halle hierher gegangen war. Selbst in dem Bewußtsein, wieder in den

Bannkreis des Vaters zu treten, hatte er dieses Mal ohne inneres

Widerstreben, ja, mit einem gewissen Frohlocken die Schwelle des

Elternhauses überschritten, er kam ja nicht allein, wer konnte ihm jetzt

noch etwas anhaben? Die Erlebnisse der ersten Tage des Zusammenlebens

waren noch unentwirrt um ihn und Therese, sie bedeuteten einstweilen

noch die holde Unordnung zerrissener Kränze, die noch nicht verwelkt

waren, es war im gesicherten Besitz noch das atemlose Zittern

ungestillter Sehnsucht in ihm und sie war von jener bräutlichen

Schmiegsamkeit gewesen, mit jenem weinenden Lächeln der Hingebung, der

Bereitschaft, das ihn rührte und toll machte zugleich. Sie waren im

Gasthof abgestiegen, Therese machte sich schön, sie hatte das Kleid aus

jenem weißen Aotobast hervorgeholt, den George ihr einst geschenkt,

hatte es angezogen, um, wie sie mit Munterkeit sagte, den alten Eroberer

von Tahiti zu ehren. George hatte ihr geholfen, hatte Hefteln und Bänder

geschlossen, die Handspiegel gehalten, damit Madame sich von allen

Seiten betrachten konnte, hatte zwischendurch vor ihr gekniet und diese

lieben, wunderlich kleinen Füße gestreichelt, -- mußten sie nicht müde

sein von der Reise? Aber ja, sie mußten doch, wenn man auch beständig

gefahren war! Wie war es denn möglich, daß ein Mensch sein Leben lang

auskam mit Füßchen, nicht größer als eine gewöhnliche Männerhand? --

kurzum, er hatte sich verliebt und ungeschickt betragen, bis Therese:

»Aber, -- mein Freund!« gesagt hatte, ja, das hatte sie schon damals

zuweilen getan. Am Ende hatte er mit ihr am Arm den Gasthof verlassen

und hatte sie ganz übermütig vor Stolz und Wichtigkeit durch die Straßen

geführt, selbst elegant genug, wie er sich dünkte, im neuen blauen

Tuchrock nach englischem Schnitt, Hut unterm Arm und Hand am Degenknauf.

Blickten die Mutter und Fieken nicht schon am Fenster nach ihnen aus? Er

gab Theresen noch einige Verhaltungsmaßregeln; sie sollte sich nur nicht

fürchten, sagte er tröstend, der alte Herr, nun ja, er habe seine

Wunderlichkeiten, aber er sei kein Menschenfresser, -- sei kein

Menschenfresser, wiederholte er sich selbst innerlich staunend, wer

hatte ihn denn je dafür gehalten, für einen Menschenfresser? -- und man

brauche ja nicht mit ihm zu leben. In wenigen Tagen würden sie wieder

allein miteinander sein, sagte er, nur, nicht wahr, ein paar Stunden

täglich während dieser kurzen Zeit müßten der Pietät zum Opfer gebracht

werden und die Mutter, ach, die Mutter würde sich so freuen! Er redete

so viele Worte der Beruhigung und der Vorbereitung, daß Therese endlich

ganz verwundert zu ihm aufsah und sagte: »Aber, George, ich fürchte mich

doch gar nicht!« und er sich besann, freilich, er hatte nicht bedacht,

daß Therese Heyne gewohnt war, mit den sonderbarsten alten Knaben zu

plaudern, daß sie, -- und war das nicht einer der Züge, die er so

leidenschaftlich an ihr bewunderte? -- eine kleine Dame von Welt war,

gewohnt, sich in alle Situationen zu schicken. Kindlich genug

betrachtete er ihre Eigenschaften als eine Verstärkung, eine Erweiterung

der eigenen Person, -- nun, der Vater würde sehen, der Vater würde

staunen, was da endgültig aus ihm, George, geworden war, er würde es

nicht mehr wagen ...

Was würde er nicht mehr wagen? George wußte es bald selbst nicht mehr,

was eigentlich er sich von diesem Besuch für eine Wirkung versprochen

hatte, -- etwa die einer Parade vor dem Feind, einer friedlichen Parade

in voller Rüstung mit Fahnen, Standarten und blitzend neuen Waffen: Hier

das Haus Forster junior auf immerdar? Da stand ein Riesenstrauß bunter

Astern mitten auf dem runden Tisch und dahinter, rötlich wie der

herbstliche Mond, leuchtete Reinhold Forsters massiges Gesicht unter dem

schimmernden Toupet und selbstverständlich! er hatte auch einen blauen

englischen Frack an und wie füllte er ihn aus mit Brust und Schultern!

Da saß er, ließ seine großen Augen rollen, blies die Backen auf wie nur

je und spielte den ^galant-homme^, sich herabneigend zu der kleinen

zierlichen Schwiegertochter und seine gewaltige Hand auf ihre schmale

legend, -- und das schon in der ersten halben Stunde der Bekanntschaft!

George, an der anderen Seite des Tisches zwischen Mutter und Riekchen

sitzend, sich der Verpflichtung innerlichst bewußt, sein neues Glück in

die erloschenen Augen der Mutter strahlen zu müssen, die an ihm hingen,

fühlte eine nie geahnte Erregung des Herzens. Plaudernd und lachend, als

hätte er Wein getrunken, rief er Therese an, sie möge seine Erzählung

von der Hochzeit ergänzen, was für eine Robe hatte ihre Mama getragen,

wie waren die allerliebsten Carmina gegangen, die ihre kleinen

Stiefgeschwister rezitiert? Dies alles interessiere brennend die Damen.

Zugleich wühlte er hastig, fieberhaft nach einer Frage, die er dem Vater

wie eine Schlinge umwerfen könne, -- ja, -- wie war das mit seiner

Promotion, was für Visiten waren zu machen, welcher Anzug war

angebracht? Sonderbar bemüht, der Mittelpunkt des Kreises zu werden,

kein Sondergespräch aufkommen zu lassen, redete er nach rechts und

links, was ihm gerade in den Sinn kam, die Augen immer wieder

beschwörend auf Therese gerichtet: einen Blick, ein kleines

Freimaurerzeichen des Verständnisses, der Zusammengehörigkeit wollte er

haben, -- oh, aber nicht dies gleichmütige, abgleitende Lächeln!

Verzweifelt machte er Anspielungen auf kleine gemeinsame Erlebnisse der

letzten Tage: »Weißt du noch, in Weimar ...?« sagte er, und »Therese,

wie war die Aussicht aus unserem Fenster in Eisleben, du erinnerst dich,

haha!« erreichte aber nichts, als daß sie ihn erstaunt fragend und

nachdenklich anblickte und daß Riekchen eifrig fragte: »Wie war das

denn, erzähle doch!« Allmählich verstummte er, zerbröckelte seinen

Kuchen mit den Fingern und starrte vor sich hin aufs Tischtuch. »Mein

Georgie,« hörte er die Mutter neben sich und fühlte ihre leise Hand auf

dem Ärmelaufschlag, »bist du nun froh?«

Er wandte ihr die Augen zu.

Der Vater neckte Therese. Der Vater nannte sie: »Frauenzimmerchen,

charmantes, durchtriebenes!« Der Vater reichte ihr mit Grandezza den

Arm, um sie in den Garten zu führen. Die andern folgten. »Zwischen

diesen ehrwürdigen Zeugen des Geistes,« sagte Reinhold Forster im

Kabinett verweilend mit einer weiten Handbewegung auf die Bücherborde

deutend, »hat Ihr George seine ersten schüchternen Schritte auf dem

Pfade der Wissenschaft getan!« Alle waren stehengeblieben. Dort standen

der Vater und Therese. Hier stand George, den Kopf ein wenig gesenkt,

den Mund mit einem schmerzlichen Versuch zu lächeln halb geöffnet, die

Augen schweifend; Mutter und Schwester hinter ihm in der demütigen

Haltung liebender Einfalt. Der Vater aber legte den Arm plötzlich mit

einer großen Gebärde um Therese, die mit einem gurrenden Lachen zu ihm

aufsah, und mit der Linken erst auf sich selbst, dann auf den Sohn

deutend, rief er mit dem alten wohlbekannten Dröhnen des Brustkastens:

»Gegängelt, gegängelt, gegängelt ist er gegangen! Frauchen, Frauchen,

nun kriegt Sie die Zügel in die Hand! -- hat Sie auch die Forsche dazu?«

Versunken niederstarrend auf ein Beet mit Heilkräutern, sah er die

beiden wieder stehen, mit den Köpfen nickend. Hatte nicht auch Riekchen,

hatte nicht selbst die Mutter lachen müssen? Ein Scherz, mein Gott, ein

Scherz im Familienkreise!

Er ging ins Haus zurück, von neuem betäubt durch diese Erinnerung, von

der fürchterlichen Bedeutsamkeit, die sie in seinen Augen gewann, je

öfter er sie hin- und herwandte: hier hatte er gestanden, allein, und

dort -- dort war Therese gewesen, -- Therese neben dem Vater. -- -- --

* * * * *

Ein paar Stunden später am Fenster stehend, unfähig zu arbeiten unter

dem fürchterlichen Druck des seelischen Schweigens, das zwischen ihm und

Therese sich ausbreitete, einem ratlosen Zustand körperlicher Angst

hingegeben und mit einem Gefühl von Abneigung und Ekel das Treiben der

Gänse um den Tümpel auf dem weiten grasbewachsenen Platz zwischen seinem

Wohnhause, dem Universitätsgebäude und der blendenden Fassade der Kirche

gegenüber beobachtend, -- in diesem Augenblick sah er durch die weiße

Verödung der Mittagsstunde aus der Richtung der Posthalterei her einen

Mann stracks auf sein Haus zukommen, trat einen Schritt zurück, griff

sich an die Stirn, lachte glücklich auf und stammelte: »Nun, endlich!«

obgleich er sich sofort dessen ganz bewußt war, daß nicht der geringste

Anlaß vorlag, in diesem Manne den Schicksalsboten zu sehen. Als er eine

Stunde später das Wohnzimmer betrat und sich Therese gegenüber am

gedeckten Tische niederließ, war eine Frische und Straffheit in seinen

Bewegungen und lag, während sie die Suppe löffelten, ein nicht zu

bändigendes Lächeln auf seinem Antlitz, daß Therese schließlich nicht

umhin konnte, die Lider zu heben. »Was gibt's, Forster?« fragte sie ein

wenig gereizt, -- freilich, buchte er heimlich, was hatte er auch

fröhlich zu sein, wenn es ihr zu schmollen beliebte? -- und »Was ist's

mit dem russischen Kapitän? Wieder einen Gast auf den Abend? Du weißt,

ich habe nichts im Hause.«

Spielerisch, als sei er gänzlich unberührt von ihrem larmoyanten Ton,

gab George lächelnd zur Antwort: »Oh, wie du willst, meine kleine

Therese! Es ist ein Kapitän Mulowsky aus Cherson von der Marine der

Kaiserin, und gewiß ein etwas verwöhnter Herr. Ich -- werde mit der

Langmayer sprechen, meinst du nicht? und zum Soupieren mit ihm

hinübergehen. Sie wird sich's zur Ehre anrechnen, denk ich.«

Therese, die an ihm vorbeigesehen hatte, wie ein trotziges Kind, blickte

ihn plötzlich voll und mißtrauisch an: »Zur Langmayer? Aber geh du nur,

-- und verdirb dir wieder den Magen an ihrem fetten Zeug! Es ist eine

Sache des Geschmacks, ob man sich dabei behagt oder nicht.« Und da das

milde Strahlen gar nicht aus Georges Augen weichen wollte, blickte sie

ihn noch einmal prüfend und nicht begreifend an und sagte dann langsam,

mit einem Unterton ungläubiger, zögernder Ahnung: »Georgie, -- was --

wollte dieser Kapitän?«

»Oh -- nichts ...«

George zerschnitt vergnügt das Fleisch auf seinem Teller, -- »gar nichts

weiter Besonderes. Er -- hat mir im Namen der Kaiserin -- nun etwa

dreitausend Rubel Gehalt versprochen und Deckung aller meiner hiesigen

Schulden ...«

»O George -- Georgie!«

»... wenn ich mich bereit erkläre, eine Entdeckungsexpedition nach der

Südsee mitzumachen. Er brachte einen schmelzenden Empfehlungsbrief vom

Ambassadeur mit. So ist es! Ja, Therese!«

Glückselig lachend breitete er beide Arme aus. »So ist es!« rief er noch

einmal, »so ist es! Oh, Therese, -- das Leben ist mir neu geschenkt!«

Und im selben Atemzug neben ihr kniend, sie umschlingend: »Oh, vergib!

Aber verstehe, verstehe! Dies, -- dies ist noch einmal eine Tür ins

Freie. Und ich komme wieder, ich komme wieder, Kleine, Geliebte, -- und

du wirst mich lieben und wir werden selig sein!«

Therese, seltsam über diese gestammelten Worte hinweglauschend, ihm

zugewandt, die Hand auf seiner Schulter, sagte langsam: »Georgie, dies

ist mir wie ein Traum.« Und nach einem Stocken, während er lächelnd zu

ihr aufsah: »Wie sagtest du? Dreitausend Rubel Gehalt? Wie -- ist das zu

verstehn, mein Georgie?«

»Oh,« sagte er ein wenig erstaunt, »es war eine meiner Bedingungen, es

war ... Nun, ich werde jährlich zweitausend Rubel unterwegs ausgezahlt

bekommen, -- Liebe, -- es ist eine Abwesenheit von drei bis vier Jahren

vorgesehen ...« er legte mit zarter, ängstlicher Gebärde den Arm um sie.

»Zweitausend,« wiederholte sie ein wenig ungeduldig, »nun, und -- und

...?«

»Tausend,« sagte George irgendwie verwundert, »wirst du jährlich bei

einem noch näher zu bestimmenden deutschen Bankier für deinen und

unseres Kindes Unterhalt erheben. Du wirst in Deutschland leben,

selbstverständlich!«

»Ach!« Therese beugte sich vor, um ihn zu streicheln, -- oder war's, um

ein sonderbares Lächeln zu verbergen, das haltlos um ihren Mund

flackerte? »Wie gut von dir! Georgie, -- aber wirst du denn auch eine

Pension haben, wenn du zurückgekommen bist?«

»Ich werde mir die Hälfte meines Gehaltes auf Lebenszeit ausbedingen,«

erwiderte er, bemüht, ihren wandernden Blick zu fassen, »und« -- setzte

er langsam hinzu -- »komme ich nicht wieder, Therese, so sollst du diese

Pension bis an dein Lebensende haben. So werde ich mich bemühen, es

durchzusetzen.«

»Oh, Georgie, Georgie! Wer spricht davon?« rief sie nun und preßte

seinen Kopf an ihre Brust mit einem Aufschluchzen, wie ihn dünkte. »Oh,

wie kannst du an so etwas denken? Es ist nur -- der Vater, -- er ist

immer so penibel in derlei Fragen. Du weißt ja, damals, als du um mich

angehalten hattest, eh du nach Wilna gingest, er wollte nicht, daß wir

uns noch einmal sähen. Erinnerst du dich?«

»Ich erinnere mich«, sagte George, plötzlich von Bitterkeit übermocht.

»Es war,« flüsterte Therese, »daß er meinte, du würdest mich nicht

erhalten können. Er dachte, du würdest es bald selber einsehen, und dann

würde es gut sein, daß wir uns nicht wiedergesehen hätten, weißt du.

Ach, er sprach so viel von Versorgung und Pension, da ist das so in

meinen törichten Kopf gekommen. Wie, Georgie, -- du weißt doch, daß

deine Therese keine Rechnerin ist?«

Spielend, zärtlich, flocht sie ihre Finger in seine. »Drei bis vier

Jahre? Ach, George! Aber es gilt deinen Ruhm und die Wissenschaft! Du

sollst sehen, wir werden tapfere Frauen sein, das Röschen und ich!«

George hatte sich erhoben. Er sah auf sie nieder mit seinem unsichern

Blick gütevollen Staunens, er wandte sich ab, er schritt im Zimmer auf

und nieder.

»Tapfer? Tapfer?« dachte er ratlos, -- »sie -- freut sich ja! Sie freut

sich -- daß ich gehe ...«

Sie freute sich nicht, daß er ging, befahl George nach einer

Viertelstunde der Verzweiflung in seinem Kabinett seinem Herzen zu

glauben, nachdem er sich an der alten Vorspiegelung gestärkt hatte:

Therese ist ein Kind! Therese war ein Kind, und das Neue dieser

Aussichten, die unfaßbare Veränderung des Daseins, die bevorstand,

hatten sie verwirrt. Wie hatte er sich so täuschen können? »Der Mut

meiner unvergleichlichen Therese unterstützt mich in allem,« schrieb er

gleich darauf am Schluß eines in fliegender Eile an seinen

Schwiegervater hingeworfenen Briefes mit den Neuigkeiten dieses Tages

und fügte ein Erkleckliches an Beruhigungssätzen über die Sicherung von

Gegenwart und Zukunft hinzu. Oh, wie sehr recht hatte ein Vater, sich um

das Glück seiner Tochter zu sorgen! Mein Röschen! dachte er in Bewegung.

Nur ein Vater konnte ein Vaterherz verstehen! Indes, nun die Rührungen

beiseite geschoben, es galt, sogleich an Sömmerring zu schreiben, den er

dem Kapitän als begleitenden Arzt vorgeschlagen hatte, galt, Jubel

auszuströmen in die Brust des Getreuen, der wie kein anderer begreifen

würde, was dies hieß, was dies zu bedeuten hatte, als wissenschaftlicher

Leiter mit unbeschränkten Vollmachten einer Expedition vorzustehen, die

mit fünf Schiffen ausgerüstet als eine Kriegsflotte der Aufklärung gegen

die Rätsel des Erdballs ziehen würde. Rausch und Taumel überkamen ihn

bei der Versenkung in die Macht, die da auf einmal in seine Hände gelegt

war. Einen Astronomen, Unterärzte, Zeichner, Jäger, Ausstopfer,

Gärtnerburschen, ja vielleicht auch Bergleute galt es anzuwerben, -- ha,

jetzt sollte manch einer es erleben, daß er gut daran getan, dem Forster

Dienste zu erweisen, daß der Forster sich zu erinnern verstand! Er

beschloß und notierte es sich, daß er eine gehörige Summe fordern

wollte, um seinen Mitarbeiterstab durch Verleihung kleiner Geschenke und

Pensionen geschmeidig zu erhalten. Schlug er etwa den guten alten Wales

in London -- er würde doch noch leben? -- als Astronomen, -- den jungen,

ihm so treu ergebenen Dr. Mayr in Prag als Botaniker vor? Und welche

Aussicht, dem Bruder Karl eine Stelle als ^surgeon's mate^ zu

verschaffen, konnte er als Sömmerrings Gehilfe nicht Unschätzbares

profitieren!? Der Vater, dachte George, schier atemlos von dem Wirbel

seiner Gedanken, der Vater wird's nicht zugeben! Und wie ein

Wolkenschatten zog die finstere Gestalt des eifersüchtigen König Minos

über die Gefilde seines Glückes. Gleich darauf riß er Schiebladen auf

und begann, planlos Papiere herauszunehmen, durchzusehen, zu vernichten.

Aber dies hat Zeit! dachte er plötzlich beschämt und tat alles wieder an

seinen Ort. Besser war's, eine Liste der zur Fahrt nötigen Bücher und

Instrumente aufzustellen, oder mit allem Fleiß seine der russischen

Regierung vorzulegenden Bedingungen noch einmal durchzuarbeiten, oder

ein Verzeichnis der Gegenstände zu machen, die vor der Abreise hier zu

verkaufen waren, -- denn natürlich dachte er nicht daran, unnötigen

Ballast in die befreite Zukunft hineinzuschleppen, und was war nicht

alles Ballast in diesem Augenblick, -- die Hälfte seiner Bücher und

Sammlungen gewiß, und der größte Teil des Ameublements! Das alles würde

in den nächsten Monaten für gutes Geld loszuschlagen sein, unter der

Hand und ganz ohne Aufsehen, denn er mußte seine Vorbereitungen heimlich

betreiben, bis die russische Regierung mit der Erziehungskommission

abgerechnet und ihn losgekauft hatte, -- Himmel, Therese würde doch

nicht etwa schon mit der Langmayer geschwatzt haben! Er rannte hinüber,

auch in dem unbewußten Verlangen nach Röschens kleinem Apfelgesicht, --

wenn ich wiederkomme, dachte er mit jähem Erschrecken, ist mein Röschen

fast sechs Jahre alt! Nein, Therese hatte mit keiner Seele geschwatzt,

sie saß im Gärtchen, das Kind an der Brust, den Blick ganz still auf ein

Beet voll blühenden Lavendels gerichtet. »Ich _will_ doch nicht an den

Vater denken und an seine ridikülen Passionen!« dachte George, den es

von jeher ein wenig verstimmt hatte, daß Therese die Vorliebe für dieses

Kraut mit dem Alten teilte und daß denn dieser Duft der Duft aller guten

und bösen Tage zu sein schien.

Therese hob den Blick zu ihm und da sah er, daß ihre Augen voll Tränen

standen: »Wir kommen nach Deutschland, wir kommen heim!« flüsterte sie

gebrochen, und da war es auch um seine Fassung geschehen. Er kniete

neben ihr, er küßte ihre Hände, das Röschen jauchzte und griff in seine

Haare, sie lachten und weinten miteinander. »Alles wird gut, alles wird

wieder gut!« zog es befreiend durch sein Herz. Unendliches wollte

besprochen sein, im Umsehen war der Abend da, und mit ihm noch einmal

der Kapitän, zunächst zugeknöpft wie ein Engländer. Aber der Tee schmolz

sein russisches Herz, er begann zu fabulieren; Katharina war seine

Himmelskönigin und er wollte ihr den Erdkreis erobern. Er sei ein

natürlicher Sohn des Fürsten Czernitscheff, des Vizepräsidenten des

Admiralitätskollegiums, -- oh, der Herr Geheime Rat sollte nur fordern,

fordern, fordern, es würde alles unterschrieben werden. Drei Küsse

besiegelten den Bund, als die zukünftigen Weggesellen sich trennten.

»Dieser Mann«, sprach George noch vor dem Einschlafen in die Dunkelheit

hinein, von seinem aufgewühlten Herzen getrieben, »wird mir Freund und

Bruder werden. Ihn und unseren Sömmerring an meiner Seite wissend kannst

du getrost mich ziehen lassen, Therese. Therese, -- aber schläfst du

denn schon?«

* * * * *

Nun, da er dem Abgott seiner Jugend geopfert hatte, in dem Augenblick,

da die Übersetzung der Cookschen Reisebeschreibung als ein stattliches

Konvolut bereit lag, an Spener abgesandt zu werden einschließlich seines

Aufsatzes über jenen Tapferen, der mehr war als eine bloße Würdigung,

der eine Huldigung war und ein Dank des armen kleinen George aus den

fernen Tagen, -- einschließlich auch der allergnädigst akzeptierten

Widmung an des Kaisers Majestät zu Wien, die Therese durchgesetzt hatte,

-- ja, als ob mit diesem Zeitpunkt das Schicksal freie Hand bekommen

hätte, so hatte es ihn ergriffen und dorthin gestellt, wo sein Held

gestanden hatte, mitten in ein Leben der Tatbereitschaft und des

Wirkens. Er hatte so lange im Schweigen Gottes gelebt, daß er mit

ungläubigem Staunen wahrnahm, wie alles sich so glatt abwickelte, wie

die Kommission ihn, obschon mit unendlichen Ausdrücken des Bedauerns,

der Höflichkeit und Versicherungen seiner Unersetzlichkeit losließ und

das russische Geld einsteckte; daß er es kaum fassen konnte, als er die

Kisten mit seinem persönlichen Eigentum, -- -- oh, welche

Wäscheausstattung hatte Therese in den wenigen Wochen zustande gebracht!

-- nach Kopenhagen abfertigte, wo sie Mulowsky, mit seiner Flottille von

Petersburg kommend, gleich an Bord nehmen sollte; daß ihm die Gedanken

stockten bei der Vorstellung, daß, wenn er Therese nach Göttingen

gebracht hatte, wo sie bei den Eltern bleiben sollte, er dann im Oktober

zusammen mit Sömmerring nach London gehen und dort die letzten,

wichtigsten Vorbereitungen treffen würde. Er, nun so großer Dinge

gewürdigt, ward in diesen Wochen von einem blinden Triumphgefühl

getragen, als habe er dies alles hart erkämpft und nicht nur --

herangeduldet. Er vergaß alle seine körperlichen Leiden oder sie gingen

unter in dem Aufstrom von Kraft, der durch seine Adern brauste. Er sang

und pfiff bei der Arbeit, -- ach, ^The Rakes of Mallow^ und Larry droben

im Takelwerk! -- seine Phantasie spielte, er spürte bis ins Mark den

stählenden Atem der Wogen, roch Salzwind und Teer und Kaffeesäcke und

fremde Hölzer, Gewürze und Tiere, sah vor Augen die wilden, schönen

Menschen der Inseln, spürte ihre erregende Ausdünstung, dachte an die

Starostin, an die Tatarin, lief zu Therese, um sie an sich zu pressen

und ihr etwas ganz und gar Überflüssiges von dem häßlichen Kreischen der

Papageien in den Urwäldern Surinams zu erzählen, von Schlingpflanzen,

Affennestern, Giftschlangen und Vöglein Kolibris, die aus Becherblüten

Honig tranken, sagte träumerisch und unverständlich: »Also so, -- so war

es dem Vater zumut, damals, als ich nichts begriff ...« und ward nur in

den Nächten manchmal von Zaghaftigkeit überfallen, in den Nächten, wenn

bei der süßen, leisen Musik der Atemzüge von Weib und Kind ihn die

Vorstellung überkam, daß die großen Winde draußen über den Meeren

tanzten und kein Erbarmen hatten und nicht wußten, daß einer

zurückkommen mußte zu Therese und zu dem kleinen, kleinen Kinde.

Dann wieder überkam ihn das Glück ausschließlich in Gestalt der

Vorstellung, daß diese Hölle von Wilna nun zu seinen Füßen lag, --

»denn,« sagte er in Langmayers runde Augen hinein, »es _war_ eine Hölle

für mich, Freund, und alle meine Anpassung an meine unwürdigen

Verhältnisse nur eine Form der Verzweiflung.«

Langmayer, demütig zustimmend, wagte zu bemerken, daß jede Hölle ihm

durch seine Miezi zum Paradiese werde, ein Argument, das George

überhörte. Daß er nahe daran gewesen war, hier auch sein Paradies zu

finden, wennschon nur in seiner Phantasie, nun, wen ging das etwas an?

Er, der zurückgefunden hatte auf den harten männlichen Weg der Dalrymple

und Cook, er hatte sein Paradies im Reich der Ideen und nicht zwischen

Tisch und Bett. Er opferte sein Behagen der Wissenschaft, -- wußte Herr

Langmayer, was es damit auf sich hatte? Zugleich empfand er es Tag und

Nacht mit einem Taumel des Entzückens, daß Therese einen neuen Menschen

in ihm entdeckt zu haben schien, daß sie seine rastlose, beschwingte

Tätigkeit mit einer heimlichen Bewunderung begleitete, die sich in

kleinen Zärtlichkeiten Luft machte. Daß sie seine Pläne ausbauen half

und sich nach seinem Sinne einrichtete, -- so verzichtete sie ohne

weiteres auf ihren Wunsch, die Jahre der Trennung in Gotha bei den

Freunden Reichardt zuzubringen, da es ihm lieber war, sie in Göttingen

zu wissen, -- und er ging unter in der seligen Täuschung einer endlich

erreichten, vollkommenen Vereinigung. Die Abschiedsvisiten lagen hinter

ihnen, auch die letzte, feierlichste beim Fürsten Primas im Lustschloß

Werki, eine Stunde vor Wilna, -- sie verbrachten die letzte Nacht in den

Gastbetten der guten Langmayers, sie konnten nicht einschlafen und

zählten sich die Wonnen des Wiedersehens, die auf dem Wege bis nach

Göttingen lagen, auf. Und hingerissen und verführt von der schelmischen

Anmut, die die unbändige Freude ihr gab, in der hellen nordischen

Sommernacht auf sie niederblickend, die in seinem Arm lag, sagte George

in irgendeiner unbedachten Eingebung, so wie man ein Spielzeug vor einem

Kinde tanzen läßt: »Nun, und Assad, -- Assad! Therese?« und erschrak

gleich darauf vor dem Ernst, der auf ihre Züge fiel wie Reif.

»Assad?« fragte sie langsam, »nun, -- liebst denn du ihn nicht, George?«

»Assad ist mein Freund und Bruder, Kind!« sagte George und küßte ihre

Schulter, »ich weiß es ja, wem du gehörst ...«

»Ich weiß es ja,« wiederholte er tröstend und fragte sich zugleich, wen

eigentlich er trösten müsse? -- »wir beide lieben Assad, ja, wir beide!«

* * * * *

»Schwerlich, schwerlich!« sagte George, denn ihm dünkte, dies müsse eine

passende Antwort sein, auf das, was Lichtenberg soeben zu ihm gesagt

hatte, etwas, das zweifellos den Inhalt gehabt hatte, daß die Familie

Forster keinen Zeitpunkt hätte finden können, geeigneter zu

einer festlichen Heimkehr nach Göttingen, als diese Tage des

Universitätsjubiläums im September 1787 und des Taumels sämtlicher

Fakultäten. Denn dies war's doch, womit alle Menschen bisher ihre

Gespräche mit ihm eingeleitet hatten, und was sollte Lichtenberg denn

anders gesagt haben zu ihm, der hier an der Wand des Saales lehnte und

allem Anschein nach entzückt in das Getriebe des Tanzes sah?

Möglicherweise aber hatte Lichtenberg auch gefragt, warum er, George,

nicht teilnähme am Tanz, und mit erhobener Stimme, um sich durch das

Gefiedel der Musikanten hindurch verständlich zu machen, setzte er

hinzu, während ein Lächeln an seinem Gesicht zerrte und er mit der Hand

zur Schläfe fuhr, hinter der dieser boshafte Schmerz wieder einmal

wütete: »Ich bin durch meinen Aufenthalt unter den Wilden denn doch um

die Erwerbung einiger Vorzüge gekommen, Verehrtester, in deren Besitz

der deutsche Europäer sich glücklich fühlt. So bin ich niemals

konfirmiert worden und verstehe mich nicht auf die Kunst des Tanzens.«

»Ich stellte mir soeben vor,« fuhr er einigermaßen geschwätzig fort und

ließ seine brennenden Augen unruhig durch die Reihen der Tanzenden

schweifen, »was für einen Effekt wohl der neuseeländische Hundetanz

machen möchte, ausgeführt von den Greisen der vier Fakultäten, haha!« Er

nahm Lichtenberg am Arm und zog ihn mit sich fort. »Vergebung, Freund,

ich habe heute abend ein wenig den ^spleen^ und meine Imagination ist

schon wieder so ganz in der Südsee. Ich denke daran, daß ich bald die

halbe Wölbung des Erdballs zwischen mein Weib und mich gelegt haben

werde, und bedaure es ein wenig, nicht mit ihr tanzen zu können. Nehmen

wir zusammen ein Glas Wein!«

»Nehmen wir ein Glas Wein! Nehmen wir es auf Georgia Augusta und auf

Ihren neuesten Ehrendoktor! Den Sie sich wahrlich verdient haben,

Freund, -- oh, nicht allein durch das Faszikel dieser süperben Präparate

magellanischer Pflanzen, um das Sie Ihre Sammlungen beraubt und die

unseren bereichert haben! -- auch nicht allein durch Ihren Vortrag, der

freilich ^magnifique^ wirkte nach dem langweiligen Blumenbach! Immerhin

danke ich den Göttern, daß wir den offiziellen Teil hinter uns haben!«

--

»Ich fragte Sie, lieber Freund, soeben nach dem jungen Eluyar, mit dem

Sie, wie Therese mir erzählte, in Dresden zusammengetroffen sind, und

Sie haben mir darauf >schwerlich, schwerlich< geantwortet«, hub

Lichtenberg schmunzelnd von neuem an, als sie in einer Ecke des

Nebenraumes saßen. »Sie haben mir sodann ausführlich Ihr Bedauern

darüber geäußert, nicht tanzen zu können, und ich erwidere Ihnen

nunmehr, sachlicher als Sie, daß ich dies Bedauern nicht teilen kann,

und es nur mit Beifall begrüße, Sie gleich andern vernünftigen Männern

ihre Lust beim Weine anstatt bei jenem würdelosen Gehüpfe suchen zu

sehen. Der Tanz steht unter den Belustigungen den triebhaften

Liebesspielen der Tiere am nächsten. Ihre Wilden bringen das zweifellos

noch unbefangener zum Ausdruck als wir.«

»Sie wackeln mit dem Steiß und gehaben sich auch sonst sehr deutlich,«

sagte George und spähte düster nach der offenen Tür, an der die Paare

bunt vorüberwirbelten, »aber unser Tanz ist im geheimen tausendmal

schamloser, glauben Sie mir!«

»Und wie war's mit dem jungen Eluyar?« Lichtenberg blickte an ihm

vorüber.

»Der junge Eluyar ist ein edler Mensch und mein Freund! Oh, Sie erinnern

mich an göttliche Stunden«, George wandte sich dem andern nun voll zu.

»Er war bei unserer Rückkehr aus dem Exil der erste Gruß eines geistigen

Europa an mein verschmachtetes Herz! Gebildet im schönsten Sinne, feurig

und dennoch gelassen. Ich hatte nicht erwartet, bei einem Spaniolen

diese Gründlichkeit der Kenntnisse anzutreffen, diese Beschlagenheit auf

allen Gebieten. Er war zudem in einer ähnlichen Lebenslage, wie ich --

es kürzlich war,« sagte George nun zögernder und starrte wieder nach der

Tür, »soeben verheiratet und in den ersten Erfahrungen der Seligkeit mit

einer geliebten Frau. Wir tauschten unsere Herzen aus ...«

»Ihre Fähigkeit zum Enthusiasmus hat in Polen nicht gelitten.«

»Oh, er ist dort geschont worden und hatte keine Gelegenheit, sich

abzunutzen, dieser Enthusiasmus. Freund, wie glauben Sie, daß mir zumute

ist, wieder redliche Seelen um mich zu wissen und nicht mehr Jesuiten?«

»Ich würde an Ihrer Stelle mich dieser Gewißheit nicht allzu

optimistisch überlassen,« Lichtenberg kniff, seinen Wein kostend,

vergnügt die Augen halb zu, »der Jesuitismus ist trotz Herrn Nicolai

und der streitbaren Kurländerin weniger eine ausrottbare

Ordensangelegenheit, als eine allgemeine Eigenschaft der menschlichen

Natur. Der Jesuitismus ist«, sagte dieser Filou und bewegte schalkhaft

den Zeigefinger, »sonderlich ein Grundbestandteil der weiblichen Natur

und ein verheirateter Mann ist dem nun einmal ausgeliefert. Der Weise

rechnet damit.«

»O, ich verkaufe meinen Glauben an das Herz nicht um Ihre

Menschenkenntnis!« rief George voll Bitterkeit und fuhr im selben

Augenblick leicht zusammen. Wie von einer Woge der Musik hereingespült

war aus dem Saal ein Paar in dies Kabinett geeilt und beim Anblick der

beiden einsamen Zecher in plötzlichem Zaudern stehengeblieben, als hätte

es den Ort verlassen geglaubt.

»Oh, Therese!« sagte George sonderbar langsam und erhob sich

schwerfällig, »du suchtest mich? Mein lieber Meyer, -- nehmt doch Platz.

Ihr -- seid erhitzt, -- Ihr wünscht etwas zu trinken?«

Und stehend neben seinem Stuhl verharrend, blickte er in unschlüssiger

Hilflosigkeit auf Therese nieder, die da schon gegenüber von Lichtenberg

saß, mit unruhigen Händen ihre Frisur ordnete und den leichten

silbergestickten Schal um die zarten Schultern zog.

»Wir stören das erste Sichwiederfinden zweier schöner Geister, ich

wette!« rief sie aus und ließ ihre Augen zwischen Lichtenberg und George

wandern.

»Warum stehst du so gebrochen da, mein Freund?« Und bemüht, dieses

sonderbare Gespräch stummer Blicke zwischen George und Wilhelm Meyer zu

beenden, Meyern, der ebenfalls noch stand und sehr aufrecht mit einem

rätselhaften Erzengellächeln seiner blauen Augen auf den in sich

gebückten George sah, drängte sie: »So setzt euch doch! Wie ist dein

Kopfweh, George? Ach, Assad, wenn du das Fenster schließen wolltest,

dieser kühle Luftzug tut unserm Freunde unmöglich gut! Oh, unser

deutscher Walzer, George, -- was sind alle Mazurken dagegen! Du erlaubst

doch, Lieber?«

Sie führte sein Glas an die Lippen, sie lächelte ihn an, ihre Hand

suchte seine. Eine Woge von Entzücken sprengte den Reifen, der um seine

Brust gelegen hatte; er lachte, er stürzte den Rest des Weines hinunter

und setzte das Glas mit solchem Schwung und Nachdruck nieder, daß es

zersprang. Er saß neben ihr, er hielt ihre Hand fest, er redete, eifrig,

demütig: »Ich bin glücklich, dich hier zu wissen, Assad. Wenn der Ozean

um mich brandet, wird der Gedanke mich stärken: Therese ruht im sicheren

Hafen, treue Freunde schützen mein Weib und mein Kind.«

»Komm doch häufig zu uns, Teurer,« sagte er in das seltsam ratlose

Schweigen der anderen hinein, »sieh, wie wir leben, nimm dir ein

Beispiel an unserm Glück! Ich werde dir dankbar sein, wenn du

Therese auf ihren Spaziergängen begleitest, ich bin von meinen

Reisevorbereitungen übermäßig in Anspruch genommen, -- lies ihr vor, ich

werde dabei sein, wenn ich kann. Höre, Assad, -- aber du willst gehen,

-- warum geht er denn, Therese?«

Mit einer kurzen Entschuldigung war Meyer aufgesprungen und

hinausgeeilt, in dem Augenblick, als die Musik aufhörte und die Menge

der Tanzenden plaudernd und lachend hereinströmte. »Er scheint da doch

irgendwo interessiert zu sein,« sagte George, ihm nachblickend, »was

meinst du, Therese, ist es eine von den Gatterers oder am Ende gar die

gelehrte Dorothea?« Aber da nun der alte Heyne, am Arm die Professorin

Wrisbach, an den Tisch trat, den Schwiegersohn auf die Schulter schlug

mit dem Aufruf: »Hier verbirgt sich das Turteltaubenpaar, ei, ei, da

kann man freilich lange suchen!« und: »So lob' ich mir's, Töchterchen,

hast dem ^petit maître^ den Laufpaß gegeben und deinen Forster gesucht!«

so ward Therese der Antwort völlig überhoben.

* * * * *

Er wollte nicht zu Professor Büttner gehen, wie er daheim zu Therese

gesagt hatte, er fühlte sich heute weder den Anforderungen einer

gelehrten Konversation, noch der Hundeatmosphäre im Studio des Alten

gewachsen. Er ging auch nicht zu Heyne. Ihm war nicht nach

tabaksqualmumwölkten philologischen Erörterungen zumute und er hatte

keine Lust, sich von jedem Besucher, -- und immer waren dort Besucher!

-- auf die Schulter klopfen und beglückwünschen zu lassen, zu seiner

Heimkehr aus Sarmatien, zu seinen Aussichten, zu -- seinem Weibe. Warum

überhaupt, meditierte er irgendwie erregt und weit ausschreitend, warum

fühlte sich jetzt jedermann nicht nur gedrungen, sondern auch

berechtigt, ihn auf die Schulter zu klopfen, sei's im Ton der Rede oder

mit der Gebärde? War er etwa jünger geworden, hatte er eingebüßt an

Verdienst, an Haltung, an Würde? Warum hatte Karoline Michaelis, die nun

des wackeren Böhmer Gattin und aus ihrem Klausthal am Harz nur

vorübergehend nach Göttingen gekommen war, ihn gestern beim Wiedersehen

im Hause Gatterer so besorgt betrachtet, so aufmunternd zu ihm

gesprochen, als sei er mütterlicher Betreuung bedürftig? Und: »Guter

Forster!« hieß es allenthalben, »der gute Forster« an allen Ecken und

Enden, und: »Forster, mein Guter!« rief ihn Therese über den Tisch

hinüber an, oh, hatte er sich denn je im Leben dieser Bezeichnung

weniger wert gefühlt, als gerade eben? »Karoline freilich«, schaltete er

mit einem Aufatmen in seine Gedanken ein, »wird wohl jeden streicheln

und betreuen wollen, dem sie ein wenig gut ist, -- und ich glaube, sie

war mir ein wenig gut, einst, ehe ich ...«

Seine Gedanken wurden zu Vorstellungen. Er sah einen Frühlingsgarten,

sah Therese, sah Karoline vor sich stehen. Zog er Vergleiche?

Lächerlich! Sie war die Doktorin Böhmer, er war Theresens Gatte. -- »Was

bin ich noch?« dachte er angestrengt, während seine Füße im Herbstlaub

rauschten und sein Blick unruhig den Himmel suchte zwischen den

entblätterten Wipfeln der Kastanien, und wußte im Hintergrunde seines

Bewußtseins ganz wohl, welche Antwort er von seinen Gedanken erwartete,

welches Spiegelbild er zu sehen wünschte. »Den jungen Forster« etwa, wie

einst, als diese Formel eine Vorstellung von Tapferkeit, Geist und Gunst

der Götter ausdrückte, »den Pionier der Kultur«, gewiß! und den

»Bannerträger der Aufklärung in die Nacht der Barbarei«. Indessen kam

nur eine Antwort mit der Aufdringlichkeit eines repetierenden Uhrwerkes

und seine eigene Einsicht ließ nicht ab, ihm zu versichern, er sei

Theresens Gatte und Herrn Meyers Freund und Bruder.

»Zu viel der Ehren«, höhnte er sich selber und riß den Mantel am Halse

auf, denn er fühlte seine Stirne feucht werden in der dampfenden Schwüle

des warmen Oktobernachmittages. Er nahm den Hut vom Kopf und gesenkten

Hauptes schritt er weiter. Es war die quälende Spannung, in der ihn die

Erwartung einer Nachricht aus St. Petersburg hielt, einer Nachricht über

die endlich erfolgte Ausreise des Kapitäns Mulowsky, die zugleich das

Signal für seine und Sömmerrings Abreise nach London sein sollte, --

diese quälende Spannung war es, an der sich seine Gedanken stauten. Nun

war Therese mit dem Kinde untergebracht in der hübschen kleinen Wohnung

bei Pastor Wagemann am Wall, seine Angelegenheiten waren geordnet, seine

Koffer standen gepackt, er konnte jeden Tag aufbrechen. Aber anstatt der

ersehnten Post kam böse Zeitung über böse Zeitung, die Welt summte von

Kriegsgerüchten, England hatte den Krieg an Frankreich deklariert und

hier, in dem sturmgeschützten Göttingen, saß er nun, bebend vor

Ungeduld, und fühlte ohnmächtig die Verwicklungen europäischer

Interessen, die alle Fürstenpläne wissenschaftlicher Art im Keime

erdrosseln mußten. Wie, wenn Frankreich Anschluß an Rußland suchte, --

wenn Katharina diesen Augenblick zur Überrumpelung der Pforte geeignet

finden sollte? Nein, er selbst war wohl nicht mehr als ein gelegentlich

nicht ohne Glück radotierender Kannegießer, aber hatte nicht ein Mann

von politischem Weltblick wie Schlözer gestern bedenklich geäußert, es

sei augenblicklich die unglaublichste Konjunktur ^in politicis^, die je

gewesen, Frankreich sei ganz von beiden Kaiserhöfen gewonnen, England

aber habe vernehmlich ausgerufen, es würde nie zugeben, daß die Türken

aus Europa vertrieben würden? Was würde dies alles ihn kümmern, wenn er

nicht gewußt hätte, daß Katharina in Pallas mehr die Kriegsgöttin als

die Beschirmerin der Wissenschaft ehrte, daß -- nun kurz und übel, --

sie einen wissenschaftlichen Plan mit Achselzucken aufgeben würde, wenn

die Mittel dafür einem militärischen zugute kommen konnten! Hier saß er

also, mußte sich einen guten Forster heißen lassen und hätte am liebsten

jedem den Rücken gekehrt, der ihn fragte: »Nun und wann brechen Sie auf,

wann reisen Sie, mein Bester?« Der Betrachtungen anstellte über sein,

des guten Forster, und über Theresens Los ... Da hatte er nun um die

Vermittlung Zimmermanns in Hannover nachgesucht, des Leibmedikus und

ständigen Korrespondenten Katharinas, aber dieser Don Pomposo, wie ihn

Lichtenberg nannte, regte sich nicht und rührte keine Feder. Ob er

einmal nach Hannover fuhr? Wenn ihn doch niemand mehr fragen wollte, --

wenn doch diese aufgeregten Briefe von Sömmerring ausbleiben möchten!

Eine Arbeit, jawohl, das wäre Rettung! Kollegien belegen, Anatomie und

Chemie treiben, jeder Minute abgewinnen, was sie nur bieten konnte! Doch

hier lief er auf den Wällen von Göttingen spazieren, hier lief er, weil

er es zu Hause nicht aushielt, weil da etwas Unsichtbares in der Luft

lag, eine beständige Frage, eine Enttäuschung, ein Warten, -- das

Warten, daß er doch gehen möge, wenn nicht in die Südsee, so doch

wenigstens auf die Wälle! War es nicht so? Oh, Therese sprach es nicht

aus, sie sprach es natürlich nicht aus, im Gegenteil ... Aber war die

einsame Wandrerin, die ihm dort entgegenkam, nicht die Doktorin Böhmer?

Und während er vor der im raschen Gange Stockenden stehenblieb und sich

verneigte, nicht wissend, daß die bitteren Gedanken der letzten halben

Stunde sein Gesicht noch verzogen, erinnerte er sich, gestern empfunden

zu haben, Karoline habe die sanften warmen Hände einer Schwester oder

einer Mutter, erinnerte sich eines irrenden Wunsches, diese Hände auf

seiner Stirn zu fühlen. Karoline lächelte an ihm vorbei: »So einsam,

Freund, -- und ohne ein Ziel? Oh, ich sah Sie von weitem kommen und Sie

gingen nicht wie einer, der ein Ziel, kaum wie einer, der einen

Ausgangspunkt hat.«

»Ich verstehe nicht ganz ...«

»Oh, grübeln Sie nicht, es ist Spielerei mit Worten. Sehen Sie, ich habe

einen Ausgangspunkt und ich habe ein Ziel, und mein Weg beschreibt den

Kreis der Schlange, die sich in den Schwanz beißt: ich komme aus

Klausthal und ich gehe wieder nach Klausthal. Sie aber, -- Sie kommen

aus der weiten Welt und gehen wieder -- hinaus ...«

»Habe ich nicht auch mein Klausthal?« fragte er, sonderbare Unruhe im

Herzen. Er hatte gewendet und schritt an ihrer Seite, langsamer nun, den

Weg zurück, den er gekommen war. Sie ließ den Blick seitwärts gleiten.

»Oh, nennen wir es Klausthal, gut! Klausthal,« sagte sie mit

unerklärlichem Lächeln, »Klausthal ist ein Ort von großen Meriten, denn

er betrachtet mich als sein Zentrum, sein schlagendes Herz. Klausthal,

verstehen Sie, -- mein Klausthal, -- kann nicht leben ohne mich, und das

ist's, was mich an -- Klausthal fesselt. Etwas, wie die

Verantwortlichkeit eines Fürsten für ein ihm ergebenes Land. Nein,

lieber Freund, -- ich glaube, -- ein Klausthal haben Sie nicht.«

George hörte und dachte: »Sanfte Stimme« und »Oh, wie die gelben Blätter

auf dem schwarzen Wasser schwimmen!« Aber er antwortete nichts.

»Der Ort, der Ihnen Klausthal sein könnte oder den Sie dafür halten ...

Verzeihen Sie mir, ich liebe es, ein wenig zu phantasieren und bin kein

gelehrtes Frauenzimmer wie Dortchen Schlözer«, unterbrach sie sich

heiter und sah mit lachenden Augen auf in seine kummervoll forschenden.

»Nun, ich habe etwas von den Ideen des Herrn Kant über die Entstehung

des Kosmos gehört und es hat mich amüsiert. Also Ihr Klausthal ist kein

Granitfelsenort wie meins, sondern ein feuriger Stern, feurig und

flüssig, noch nicht recht bewohnbar, ist's nicht so? Ein Ort voller

Eruptionen und Lavaströmen, -- für einen Naturforscher recht

interessant.«

»Oh, Karoline, dies war malitiös!«

»Lieber, Verehrter! Ich bin erschrocken. Es war nicht böse gemeint.

Forster! Eines Tages taucht ein Eiland aus den dampfenden Wassern, --

sanfte Matten ...«

»Pisangwälder, ich weiß ...«

»Apfelbäume, Blumen, heimische Wälder, oh, nichts Exotisches, Freund!«

plauderte sie eifrig, als erzählte sie einem Kinde von Weihnachten.

»Ein Haus?« fragte er bittend.

»Ein Haus zwischen Hecken, es gehört dem Forster allein!« tröstete sie

strahlend.

»Ein Klausthal!« murmelte er.

»Klausthal!« bestätigte sie zögernd und ihre Augen gingen blicklos in

die Ferne. Und plötzlich fragte er wie erwachend:

»Karoline, -- sind Sie glücklich in -- Klausthal?«

»Wie anders?« sagte sie ruhig und unter der Tür ihres elterlichen Hauses

reichte sie ihm lächelnd die Hand, »Forster, gibt es nicht für uns eine

Verpflichtung zum Glück?« -- -- --

Wohl, sie hatte ihm noch Abschiedsworte gesagt und dies, daß sie

einander wiedersehen würden, in Jahren, alte und weise Leute geworden,

wie es sich von selbst verstand. Was ihn aber bewegte, ihm, -- oh,

endlich, endlich einmal wieder! -- den federnden Schwung der Gedanken

gab, es war dies Wort von der Verpflichtung zum Glück. Er, ein Mensch

ohne die Fähigkeit, eine Melodie annähernd richtig wiederzugeben,

verdankte dennoch der Musik gelegentlich ähnliche Wirkungen, wie sie ihm

jetzt durch dieses Wort geschehen waren: nach der Versenkung, ja nach

dem schwelgenden Untertauchen in die Wehmut der Erinnerung an erlittene

Unbill, das Aufströmen schmerzlichen Trostes, des Lebenwollens,

_trotzalledem_. Oh, und welche Aufforderung zur ritterlichen Askese,

welch herausfordernder Widerspruch zwischen Zustand und Gebärde lag in

diesem Ausdruck, den die Freundin ihm spielend hingerollt hatte, wie

einen Ball! Nun, -- und sie selbst? Wie kam sie, die ewig Heitere, zu

solchen Erkenntnissen? Aber danach fragte er jetzt nicht viel in seinem

soldatischen Rausch der Leidens- und Sterbensbereitschaft unter blanker

Montur und bei erklingendem Marsch. Ach, George, der kleine Knabe von

dazumal, der das Spiel nie gekannt hatte und einen so sonderbaren

Aufwand mit den Werkzeugen seiner Fronarbeit am Schreibtisch trieb, aus

dem verzweifelten Hunger seiner Phantasie nach buntem Symbol heraus, --

George, der Mann, er brauchte das tönende Wort. George stürmte vorwärts

durch die engen dämmrigen Gassen, in denen Kinder lärmten und Frauen

schwatzend vor den Haustüren standen, George fühlte dies, daß das

Bewußtsein des eigenen Wertes allein zum Glück, zur Verachtung der

äußeren Umstände, zur Haltung verpflichte, und in diesem Gefühl schon

meinte er zu besitzen, was er wünschte.

Warum aber erlahmte sein Schritt, je näher er seiner Wohnung kam, warum

stieg er die Treppe so zögernd, warum verharrte er auf dem letzten

Absatz, den goldlackierten Knauf des Geländers mit der Hand umklammernd,

und sagte sich: »das Röschen freut sich, wenn ich komme, -- das Röschen

wird sich freuen ...« --

* * * * *

Sollte sie bis zu seiner Abreise warten, um sich in der Göttinger

Gesellschaft einzuleben? Nun, war es nicht etwa freundlicher, er

begleitete sie in die Häuser der Freunde und pflanzte sich Keime der

Erinnerung an den verschiedenen Teetischen, damit sie erblühen und

duften konnten, wenn er erst fort war? Sollten die Fakultäten und ihre

Damen annehmen, er sei ein Tyrann und verlangte, sie sollte in der

Heimat freiwillig das geistige Hungerleben von Wilna fortsetzen? Gewiß,

das war seine Absicht doch nicht! Liebte er seine Therese? Hier wurde:

Georgie! geflüstert mit einem gewissen Lächeln, das lockte und verhieß,

und das ihn wehrlos machte, er wußte es wohl. Er glaubte diesem Lächeln.

Er hatte Grund, ihm zu glauben, -- aber warum war er denn nicht selig

unter diesem lauen Sturmwind des Gefühls, der so jäh und stoßweise aus

Therese aufgebrochen war und sein Blut fächelte? War es der nahende

Abschied, der ihr Herz endlich in Wallungen brachte? Oh, aber dieser

Abschied zog sich hin, kein Mensch konnte auch jetzt, zu Ende November,

sagen, ob bis Weihnachten, bis zum Frühling oder bis übers Jahr.

Katharina hatte den Türken den Krieg erklärt, dies war im Grunde so gut,

wie die Gewißheit, daß dem wackern Mulowsky samt seinen fünf Schiffen

eine andere Verwendung blühen würde, als jene Entdeckungsfahrt. Indessen

blieben bestimmende Nachrichten aus St. Petersburg immer noch aus, und

obwohl George in seiner verzweifelten Ungeduld bereits begonnen hatte,

mit dem jungen Eluyar Verhandlungen über ein neues Projekt anzuknüpfen

und sein Geist genußreich mit der Ausarbeitung der Forderungen

beschäftigt war, die er im Falle des Gelingens der spanischen Regierung

zu unterbreiten gedachte, so hing sein Herz doch immer noch mit

schmerzlicher Hoffnung an dem Auftrag der Kaiserin, dessen Erfüllung ihm

seines Rufes würdiger schien, als die Annahme einer höheren

Beamtenstelle unter spanischem Regiment. Denn darum handelte es sich. Er

sollte mit Weib und Kind als sachverständiger Erforscher der

Bodenschätze nach den Philippinen gehen. Da er aber nun zu wissen

glaubte, was er wert war und welcher Summen eine Regierung fähig war,

die ihren Kopf auf einen bestimmten Mann gesetzt hatte, -- oh, ihn

konnte niemand mehr übervorteilen! -- so forderte er so raffiniert und

phantastisch, daß der junge Eluyar erschrocken zurückwich und dieser

schöne Plan sich sogleich als totgeboren erwies. Abschied und Trennung

also lagen im Nebel vor ihm, in ungewisser Entfernung, ja,

möglicherweise barg dieser Nebel nichts, als ein Zusammenleben unter

veränderten Umständen. Warum aber dann dieser Aufwand des Gefühls bei

Therese? dachte George, ungläubig und mißtrauisch, reizbar geworden in

der kaum noch erträglichen Erwartung einer Entscheidung. Warum dieser

Singsang vom Morgen bis zum Abend wie in der ersten Wilnaer Zeit, diese

heitere Geschäftigkeit um ihn her, da er nicht mehr gewöhnt war, daß

nach seinen besonderen Wünschen gefragt wurde, -- warum dieser

angelegentliche Drang, sich mit ihm in Gesellschaft zu zeigen und,

womöglich an seiner Seite sitzend, seine Hand festhaltend -- mit --

Meyer zu konversieren, der sich zu ihnen gesellte, ruhig, wie durch ein

Naturgesetz bestimmt? Er fühlte das wohlbekannte erregte Beben dieser

manchmal so hilflosen kleinen Hand, fühlte, wie die Pulse in ihr zuckten

und tanzten, blickte ratlos auf, sah Meyers undurchdringliche Augen auf

sich gerichtet, -- auf sich und nicht etwa auf Therese, -- und senkte

den Kopf in ratloser Bestürzung, in quälender Beschämung für sie, die da

zwischen ihnen plauderte und lachte und nun nach Meyers herabhängender

Linken griff als würde ihre Hand magnetisch hingerissen. »Die Kette ist

gebildet«, dachte George dumpf. Spürte sie denn nichts von den Strömen,

die nun durch ihre Hände aufstiegen, hielt ihr Herz es aus, daß in ihm

Haß gegen Haß zuckte? -- Oh, aber da war kein Haß, wußte George, wieder

zu Meyer aufblickend und erkennend: da war Mitleid, und ein sehr kühles

Mitleid, und nur in ihm selber war dieses böse drohende Gefühl, das ihn

jetzt hastig aufstehen ließ und Therese veranlassen, ihm zu folgen.

So war es an dem Abend bei Professor Michaelis gewesen, in dem Hause,

das ihm lieb war durch irgendeine unbewußte Erinnerung an die ferne

Karoline. »Du bist böse, Georgie?« hatte Therese in der Dunkelheit des

Heimwegs zaghaft gefragt, -- woher kam ihr dies auf einmal, diese

Zaghaftigkeit, ihr, die nie gezögert hatte ihn zu verletzen, weil eben

sie es bisher noch nie für möglich gehalten hatte, daß ein Wort von ihr

ihn verletzen _könnte_, so sicher war sie immer ihres guten Willens

gewesen? »Therese,« sagte George gequält, »es ist dies, daß du dich

auffallend viel mit Meyer abgibst. Kennst du denn nicht die Göttinger

Klatschmäuler? Es ist nicht meinetwegen, bei Gott, -- ich weiß ja, ich

bin ja sicher ...« log er und dachte dabei: »Therese ist ein Kind,

Therese wußte nicht, aber jetzt ahnt sie, wie es um sie steht, und wenn

sie völlig zu sich kommt, was soll dann aus uns werden?«

Und wie um es zu verhindern, daß sie sich rechtfertigte, in tödlicher

Angst vor Auseinandersetzungen, sagte er heftig:

»Ich bin um deinen Ruf besorgt, meine Teure, du verspielst mit ihm auch

den meinen. Und es ist meine Pflicht, dich zu warnen.«

Die Stimme aus dem Dunkel neben ihm kam warm und süß, -- so wie

Theresens Gesicht und ihr Körper in diesen letzten Monaten erblüht waren

wie Rosenduft im Juni, warm und süß: »Du selbst hast ihm und mir das Du

vorgeschlagen und den geschwisterlichen Kuß erlaubt, Georgie, damals, an

unserem Hochzeitsabend, erinnere dich. Und, oh, Georgie, -- er ist mir

wie ein Bruder und nennt mich seine Schwester, -- und du ludest ihn ein,

zu kommen, so oft er wollte, zum Essen täglich, und mir vorzulesen. Wo

ist denn da das Böse, Georgie, -- wo?«

Er schwieg, denn er erstickte den Schrei, der in ihm aufstieg. Therese,

wußte er zerbrochen, hat noch nie geliebt bis jetzt. Und Therese ist

dennoch mein Weib geworden, -- und ich liebe sie. -- --

* * * * *

Mulowsky schrieb so voll höflichen Bedauerns, Biedermann, der er war,

und beteuerte am Schluß seines Briefes den Gewinn, den er trotz des

Fehlschlagens dieser schönen Pläne durch die Bekanntschaft mit dem

Begleiter und Freunde Cooks gehabt habe. George würde einen ähnlichen

Brief in gefaßtem Tone zurückschreiben, er entwarf ihn in Gedanken, als

er in der Dunkelheit des Dezemberabends den Weg nach Hause suchte, von

Heyne kommend, dem er das endgültige Scheitern seiner großen Aussichten

nun doch hatte mitteilen müssen, ehe dieser böse Tag ganz zu Ende ging.

Er entwarf den Brief, fieberhaft bemüht, seinen Geist zu beschäftigen

und nicht in der fürchterlichen Leere der Zukunft zerflattern zu lassen

und einer Versuchung zur Empörung zu erliegen, auf die, er wußte es

wohl, er kein Recht hatte, denn: wem wollte er denn diese Vorwürfe

machen, die aus ihm quollen wie schwarze Galle, wem die wahnsinnige

Verzweiflung seines Herzens vor die Füße werfen, daß dies nun wieder

nichts sei, daß man ihn wieder genarrt habe, -- der Kaiserin Katharina

etwa? Er war doch kein Kind, das den Stuhl schlug, an dem es sich

gestoßen hatte, -- aber, oh, mein Gott, wer, wer hatte denn Schuld, daß

er immer und immer auf Sandbänke fuhr, wenn er die Segel spannte? Denn

dies war nicht mehr begreiflich ohne Schuld, dies war Verhängnis,

Strafe, Gericht! Gott versagte sich ihm, Gott schwieg und setzte allen

seinen Hoffnungen, -- unschuldigen Hoffnungen gewiß, aus dem Willen zur

Arbeit, zum Wirken, zur großen Tat geboren, -- ein stummes hartes Nein

entgegen, wie eine Mauer, an der er hin und her irrte, schreiend ein Tor

in die Gnade begehrend. Ich habe, dachte er mit bitterer

Unbarmherzigkeit gegen sich selbst, die Stimme überschrien, als sie

leise zu mir zu sprechen begann, damals in Wilna, als ich in demütiger

Handlangerarbeit anfing, mich glücklich zu fühlen. Denn dies ist's, was

er mir zugewiesen hat, Knechtschaft, und nicht Freiheit, leiden und

nicht herrschen. Und wer mich anders sieht, der ist mein Feind! rief er

halblaut, die geballte Faust gegen die Stirne pressend. Es gab keinen

Menschen, der ihn so geliebt hatte, wie er wirklich war, -- außer

vielleicht der Mutter. Ach, die Mutter! Er ging nun ganz langsam, ganz

gelöst, hingegeben an die Erinnerung der einzigen, still atmenden Liebe,

die um ihn gewesen war, wie Frühlingssonne um den Baum. »Du wolltest

nichts von mir,« murmelte er, »_du wolltest nichts, als geben dürfen_

...« Und wäre dies nicht Glück? fragte er plötzlich, das Antlitz

lauschend erhebend, als habe er von irgendwoher Anruf und Botschaft

empfangen, -- wäre -- dies -- vielleicht -- _das_ Glück? -- --

Ob er das Röschen nicht mit hinauf nehmen wollte, hörte er die Stimme

der Pastorin Wagemann in die sonderbare Stille seines Herzens hinein

fragen, kam zu sich und erkannte, daß er schon im Treppenflur des Hauses

stand, auf dem Absatz vor der geöffneten Türe der Wagemannschen Küche,

aus der heraus es festlich und schmalzkuchenhaft duftete. Die ganze

Familie, um den riesigen Backsteinherd versammelt, schien sich dem

Opferdienst der Zubereitung eines Silvestergebäcks zu weihen, selbst der

Pastor stand da in Schlafrock und Pantoffeln und auf jedem Arm ein Kind,

von denen eins das Röschen war und schlief, den kleinen Kopf vertrauend

auf die Schulter des freundlichen Würdenträgers gelegt. Oh, die

Demoiselle Tochter sei von der Liese heruntergebracht worden, die noch

einen Gang machen zu müssen vorgegeben hatte, und die Frau Geheimrätin

habe ja Besuch, kam die Erklärung der Pastorin, in der George irgend

etwas störte. Er machte sich klar, daß es dies unnötig eingeschobene

»ja« sei, -- die Frau Geheimrätin habe ja Besuch ... Aber was lag denn

nur in diesem unschuldigen Wörtchen, fragte er sich in der Erschöpfung

seines Gehirns vergeblich, indem er, Dankesworte murmelnd, dem Pastor

das Röschen abnahm und sich auf einem hölzernen Stuhl niederließ. »Oh,

hier ist es warm,« sagte er und blickte um sich, »und so wie zuhause,

wissen Sie, als ich ein Knabe war.«

»Ich denke an Nassenhuben, wo mein Vater Pfarrer war«, erklärte er,

bemüht, unausgesprochene Fragen zu beantworten, -- wenn man ihn doch nur

ein wenig verweilen lassen wollte, ein wenig Zeit gewinnen! Jener Besuch

dort oben mußte doch gewiß jetzt gehen und dann brauchte man ihm nicht

zu begegnen! -- »Dort war die Küche auch so groß und niedrig und um den

Rauchfang herum hingen die kupfernen Pfannen. Auch so ein Dreifuß stand

manchmal über den Kohlen und der Schmalztiegel drauf«, sagte er zu dem

ältesten Knaben, der an ihn herangetreten war und ihm ernsthaft zuhörte.

»Nun, du bist schon groß und verständig, du mußt dem Herrn Papa wohl

schon gehörig assistieren? Exzerptieren, katalogisieren, Manuskriptlein

kopieren, -- haha, jaja, ich kenne es, mein Sohn, wir kennen es!«

Seine Hand, die er hob, um den blonden Kopf zu streicheln, griff ins

Leere. Der Knabe war einen Schritt zurückgewichen.

»Ich spiele lieber,« erklärte er, mit großen Augen auf den Fremden

blickend. »Der Vater hat mir einen hölzernen Degen gemacht und lehrt

mich exerzieren.«

»Der Vater gedenkt selbsten gern der entschwundenen Kindheit,« redete

der Prediger verlegen und rieb die Hände ineinander, »wer ein Paradies

besessen hat, wünscht es seinen Kindern auch zu schaffen, wie der Herr

Geheimerat es unschwer verstehen werden.«

»Freilich, -- freilich wohl,« murmelte George und sah in Röschens

schlummerndes Gesicht.

»Der Herr Geheimerat sollte in dein Kabinett eintreten, Friedrich, du

solltest mit ihm hineingehen. Er sitzt hier so hart und die Kohlen

rauchen und die Lampe riecht so schlecht. Und ich und mein Schmalztopf,

-- lieber Himmel, der Herr Geheimerat ist bessere Gesellschaft gewöhnt.

Es könnte eins von den Kindern hinaufgehen, es melden, wegen dem Röschen

und daß es ins Bett muß. Die Frau Geheimerätin hat ja Besuch ...«

»Ich muß hinauf!« George erhob sich hastig. Was hatte er hier unter

Fremden Zuflucht gesucht? Und warum Zuflucht? Und warum ging er jetzt

die Treppe so zaudernd, und doch so leise, als beschleiche er ein Wild?

Und warum wankten seine Knie? Hatte Therese ihn nicht geküßt, als er

ging? Und was -- was hatte sie doch gesagt:

»Du bleibst zum Abendbrot bei den Eltern, George?«

Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert · 第 10 / 24 题