Sie waren beide in derben Kleidern, hatten vollständig durchnäßtes
Schuhwerk und sahen auch sonst mitgenommen aus wie Männer, die vor Tau
und Tag zu irgendeiner harten Arbeit aufgebrochen waren. Sie hatten eine
Morgenwanderung hinter sich, eine Forschungsfahrt, eine kleine
wissenschaftliche Expedition, die von Erfolg begleitet gewesen war.
Im ^Opus mago-cabbalisticum^ steht geschrieben: »Wenn der
nitrosulphurische Zunder, woraus Blitz und Donner entstehen, in unserem
Luftkreis keine wässerigen Dämpfe oder Wolken antrifft, die ihn
zusammentreiben und einschließen können, so bleibt dieser auf die
sublimste Art gleichsam in einer geistlichen Gestalt in unserer
Luftregion hin und wieder zerteilet, dessen grobe Teile aber werden
durch ein schleimiges merkurialiches Wasser globulieret, und des Tages
über durch die Sonnenstrahlen entzündet, daß dieselben des Nachts bei
hell gestirntem Himmel den Fixsternen gleich scheinen, bis ihr Schwefel
verzehrt ist, da sie dann wieder auf die Erde fallen; und ein solches
Meteorum heißt der Pöbel Sternschnuppe.«
Dieser Sternschnuppensubstanz, diesem geheimnisvollen Stoff voll
unabsehbarer Verwandlungskräfte waren sie auf der Spur gewesen, hatten
sie gesucht wie es angegeben war, an einem Frühlingsmorgen nach einem
nächtlichen warmen Gewitterregen, eh noch die Sonne ihre Strahlen darauf
geworfen hatte. Wie die Kraniche waren sie im hohen Gras einer sumpfigen
Wiese vor dem Dörfchen Weckerhagen umhergestelzt in stoischer
Gleichgültigkeit gegen einen bäuerlichen Volksauflauf, der sich jenseits
des Rains auf der Landstraße ansammelte. Und es war geglückt!
Wasserblau, gallertartig und zähe, kugelig und wie von Fett strotzend
hatte es in Vertiefungen des Erdbodens gelegen, sie hatten sich
klopfenden Herzens darüber hergemacht und die Gefäße gefüllt. Sagte ein
Bauernjunge, der, seine Neugierde nicht länger beherrschen könnend,
herangekommen war, grinsend: »Das mache die Frösch' ...«? Das Volk war
roh! Und das war recht gut. Nur dem Eingeweihten, dem Magier lächelte
die Natur ohne Schleier ins wissende Auge.
»Konnte jener Flegel dich in deinem Glauben wankend machen?« fragte
George heftig, »bist du der Gnade so wenig wert?«
Sömmerring wandte ihm die kleinen, ein wenig schräg gestellten Augen
bekümmert zu. »Der Kerl sprach etwas aus, was ich längst vermutete,«
sagte er in klagendem Westpreußisch, »diese Materie ist als die
Ablagerung gewisser Kröten, Frösche oder Schnecken zu betrachten, mit
ihrem Fortpflanzungsgeschäft zusammenhängend, wenn nicht alles täuscht.
Es entspricht dies Beobachtungen, die ich als Knabe auf den Wiesen an
der Weichsel gemacht habe. Man betrügt uns. Als ich uns dort im Grase
hocken sah und deines Weltruhmes gedachte, überkam mich Scham, -- ich
hätte weinen können!«
»Schweig!« herrschte George ihn an. »Du hast keine Demut! Uns ziemt zu
glauben und zu gehorchen!«
Er schritt stürmisch vorwärts, die Lippen zusammengepreßt; Sömmerring
folgte verkniffenen Gesichtes. Lerchen träufelten ihren Gesang über die
jungen Saaten, am Wege lockten Ammern in den Apfelbäumen. Ländliche
Fuhren überholten sie, von Bauern in blauen Kitteln geführt, Mädchen,
die kurzen, gefältelten Röcke wippend, Lasten auf den Köpfen tragend,
schritten schwatzend vorbei, in den Straßen der Stadt empfing sie das
Gewimmel eines Markttages. Die Professoren Sömmerring und Forster
rannten finster hindurch. Die ersten Worte, die einer von ihnen nach
jenem Gespräch auf der Landstraße hören ließ, sagte George, sagte sie
ein wenig atemlos zu dem Hofrat Prizier, der ihnen schwarzbekittelt in
seinem Arbeitsgewölbe in den Kellern der Residenz entgegentrat. »Wir
haben sie!« sagte er in herausforderndem Ton und reckte die Hand mit dem
irdenen Töpfchen aus. Nun, war er etwa nicht von Glück überströmt? Was
galt's nun noch, als aus jenem astralischen Subjekte die kostbare,
die unschätzbare ^tinctura universalissima^, den Stein der
Weisen auszuscheiden, sie von ihrem Fluch zu reinigen und zur
Übervollkommenheit zu bringen?
George, erregt in dem weiten Gewölbe auf und nieder schreitend, und
blitzenden Auges über Sömmerring hinwegsehend, wiederholte sich
krampfhaft die Verheißungen des Annulus Platonis. Reichtum, -- Weisheit,
-- ein Leben über Jahrhunderte hinaus ... war's nicht so? Prizier
hantierte mit Tiegeln und Retorten, auf dem Herd in der Ecke blakte ein
Feuer auf. Sömmerring hatte einen schwarzen Kittel über seine Kleider
gezogen und arbeitete auf einmal schweigsam und angespannt. Der Blasbalg
fauchte zwischen seinen Händen. »Ich sollte mehr von der Chemie
verstehen,« dachte George träumerisch, seiner Ermüdung nachgebend, an
einem der schießschartenähnlichen Fenster lehnend und den ganzen Aufwand
des Adepten betrachtend, Hunderte von Büchsen und Fläschchen, von ihrem
Inhalt rubinen, smaragden, schwefelgelb glühend. »Ich sollte die
einfachsten Grundlagen meiner Wissenschaft besser beherrschen,« redete
jene unbeaufsichtigte Stimme noch einen Augenblick lautlos weiter, --
»was bin ich mehr, als der vom König Minos dressierte Pudelhund?« »Den
Seinen gibt's der Herr schlafend!« fiel sich George hier selbst heftig
ins Wort und dachte zugleich: »ist's meine furchtbare Müdigkeit, die
mich immer wieder nach diesem Wort greifen läßt, -- gerade nach diesem?«
Er näherte sich Prizier, der mit fanatischem Gesicht und feierlichen
Gebärden an einem Tisch hantierte, Essenzen auf die grauweiße
Sternschnuppensubstanz tropfte und ihre Wirkung mit fiebernden Augen
beobachtete. Seiner Verpflichtung endlich eingedenk, fuhr George nun
auch in ein Arbeitskleid und tat Handreichung, murmelte gewisse Sprüche
und suchte mit Gewalt das zu übertönen, was seit Sömmerrings Worten auf
der Landstraße unaufhaltsam in ihm reden wollte. Mein Gott, dieser
Sömmerring, der jetzt so hingegeben auf Priziers Finger sah, als hinge
seine Seligkeit von dem Erfolg seiner Bemühungen ab! Was hatte er ihn
angerührt, ihn, den so gern und glücklich Schlafwandelnden? George,
vergessend den Geist zur Sache zu zwingen, ließ die Augen wiederum
wandern. Und da plötzlich, -- war's ein Wort, das gefallen war, ein
Geräusch, der flüchtige Duft irgendeines Arkanums, eine kaum gespürte
Blutwallung in seinem Gehirn? -- plötzlich überkam ihn das rätselhafte
Behagen, das er einst in frühen Morgenstunden in des Vaters Kabinett
hatte empfinden können, ehe die Tagesarbeit begonnen hatte und wenn alle
Gegenstände, Bücher, Papiere, Schreibgerät, so sachgemäß und rüstig
dagestanden hatten, als würden sie sich sogleich selbständig in
Tätigkeit setzen, -- das ihn einst wie ein Rausch überkommen hatte bei
dem Aufenthalt in Dalrymples Arbeitsraum und aus dem er auf der Reise
Kraft gesogen beim Anblick von Cooks rechteckig aufgestelltem und
blinkendem Gerät. Nun, -- Prizier war kein Cook, er war kein Dalrymple.
Er war dem Vater in keiner Weise vergleichbar. Jedoch, er stand hier als
der Meister und Sömmerring und er selbst als gläubige Schüler.
Handreichung tun und gehorchen, sich von der Stimmung dieses Raums,
diesem magisch-wissenschaftlichen Aufbau, dem ausgestopftem Krokodil an
der Decke, dem grinsenden Totenkopf dort auf der schweinsledernen Bibel
unter dem Kruzifix in das selig verantwortungslose Gefühl des
Zauberlehrlings hineinsteigern zu lassen, -- dies war das verlockende
Spiel einer Phantasie, die sich selber ernst zu nehmen liebte. George
war für Minuten völlig glücklich. Verzückte Sammlung aller Strahlen des
Gefühls auf den einen Brennpunkt gelang ihm: so wie göttliche
Schöpfungs- und Verwandlungskräfte sich niedergeschlagen hatten in
dieser köstlichen Masse, diesem wahren ^sperma astrale^, dem
Weltensamen, so meinte er einen übermenschlichen Grad aller Spannkräfte
des Gemüts erreicht zu haben, -- als eine schroffe Bewegung Priziers,
der das Prüfgläschen gegens Licht erhoben hatte, ein unwilliger Laut,
ihn herausriß. »Nichts!« stieß Prizier hervor und warf das Glas klirrend
auf den Tisch. Und »Nichts!« wiederholte eine andere Stimme und eine
Gestalt trat mit lautlosem Schritt neben George, ihm die Schulter
berührend, daß er mit einem unwillkürlichen Schrei zurückfuhr. Woher war
sie gekommen, aus welchem Schatten des Gewölbes? »Du hier, Bruder
Manegogus?« murmelte George erschüttert und blickte auf Sömmerring,
dessen Hände schlotterten.
»Ich hier, -- jawohl, Bruder Amadeus! -- wann wäre ich nicht um euch?«
Eine entsetzliche Kälte, ein Unlustgefühl sondergleichen überkroch
George, als er den Ankömmling anblickte, der nun an Priziers Stelle an
der Breitseite des Tisches lehnte, sich aufstützend und seine lange
flache, bis zum Halse schwarz eingeknöpfte Gestalt vornüberschwanken
ließ. Das im Gegensatz zu der niederen Stirn und der geringen Nase
schwere eckige Kinn schob sich höhnisch vor, die rechte Hand hob sich,
um geballt auf die Tischplatte zu fallen, daß die Gläser erklirrten.
»Und ich sage euch, es fehlet am Glauben!« sagte die verschleimte
Stimme, »am Glauben fehlt es, -- ich weiß nur noch nicht, bei welchem
von euch!« Die breiten Kiefern mahlten, die Äuglein gingen lauernd
zwischen Sömmerring und George hin und her. »Wo das Gebet lau ist,
schläft der Glaube ein. Wachet und betet. Die Oberen sind unzufrieden
mit euch. Strafe droht. Hat einer von euch -- Geheimnisse verraten?«
Und während Sömmerring den Kopf hängen ließ, wie ein gescholtener Knabe,
war in George auf einmal der Ekel stark genug, daß er den Mann dort
hinterm Tisch nicht anders sah, als er war, die Enttäuschung über das
mißglückte Experiment hatte ihn ernüchtert wie ein Sturz kalten Wassers.
»Was will mir der Schleicher, der verfluchte Pfaffe?« dachte er in
kalter Empörung, indem er zurücktrat und sich des Arbeitskittels
entledigte, als sei er allein ...
»Ich bin nunmehr doch der Überzeugung, Herr Hofrat,« sagte er zu
Prizier, der mit untergeschlagenen Armen und stieren Augen an der Wand
lehnte, den Mann, dem eine letzte Hoffnung fehlgeschlagen ist, mit der
mimischen Begabung seiner französischen Herkunft darstellend, -- sagte
es in leichtem Ton, als berühre er längst Vermutetes, »daß es sich hier
nicht um eine Verdichtung des ^spiritus mundi^ oder der ^terra virginea^
handelt, sondern -- um den Laich von ^bufo vulgaris^, der gemeinen
Erdkröte. Darf ich mich für heute empfehlen? Du kommst noch nicht,
Sömmerring? Nun, auf ein ander Mal! Gehorsamster Diener allerseits!« --
--
Der Bogen war überspannt worden.
* * * * *
»Was europäischer Ruhm und Fürstenfreundschaft, Glanz der Wendekreise um
mein armes Haupt und südliches Inselmeer zu meinen Füßen!« dachte George
Forster, und er dachte mit Pathos, der großen Stunde angemessen, --
»wäre ich ihr genaht, ein bescheidener junger Gelehrter, -- etwa ein
Sömmerring,« -- schaltete er ein, >beiseite< denkend, wie die Helden im
Schauspiel beiseite sprechen, -- »unbekannten Namens, ohne einen andern
Ruhm als den meiner Redlichkeit und eines fühlenden Herzens, -- wäre ihr
genaht an der Hand ihres wackeren Vaters etwa, die eigene Hand auf der
Brust und die Augen zu Boden geschlagen ...« George verlor sich dermaßen
in diese Vorstellung, daß er sich selbst in der sparsam amöblierten
Wohnstube des Hauses Heyne stehen sah vor Therese, die in einer
zuchtvollen Haltung nähend am Fenster saß, und den Alten
wohlwollengetränkte Worte über sich reden hörte, -- er blickte
träumerisch über den Brief hinweg, in dem er gelesen hatte, und bewegte
ekstatisch den Kopf ... »dann, -- ja dann könnte ich es glauben, dies
Glück! Oh, Götter, aber warum zweifle ich?!«
Er sprang auf und ging mit langen Schritten in dem Kabinett auf und
nieder, in dem alles zum Aufbruch gerüstet stand, die Kisten dort, mit
seinen Büchern, Instrumenten, Sammlungen, -- die ledernen Reisekoffer,
der Mantelsack, noch nicht zugeschnallt, des letzten Eigentums harrend,
-- ach, dieser gute, treue Mantelsack, in London für die Pariser Reise
gekauft und nun, mitgenommen und abgerieben wie er war, von all den
einsamen Fahrten der letzten Jahre erzählend, letztlich von den
nächtlichen Ritten nach Göttingen! George berührte ihn gedankenverloren
und zärtlich mit der Hand, -- o ja, es ging nun einmal Reiz und Zauber
ohnegleichen von den Dingen aus, die der Reise dienten!
»Merkur muß über mir stehen so gut wie Saturn,« dachte er inbrünstig und
der Rausch des Reisefiebers ließ ihn wieder lächeln, so haltlos, wie
sich ein Mensch nur in der Dunkelheit oder völligen Einsamkeit dieser
seltsamen Grimasse überläßt. Und, wohl empfindend, aus welcher Quelle
dieses unendliche Lächeln sich speiste, trat er ans Fenster, um im
letzten Schein des Aprilabends Theresens Brief von neuem durchzulesen.
Durch Jahre hindurch kannte er nun diese flüchtigen, launisch bewegten
Schriftzüge, kannte sie aus kurzen Billets, rasch hingeworfenen Grüßen,
spielerischen Fragen nach seinem Wohlergehen, Einladungen, -- kannte sie
aus langen, schwärmerischen Episteln, Antworten auf Ergüsse seines
eigenen gepreßten Herzens, aus einem Briefwechsel, bei dem es dem
Anschein nach um eine Vertiefung in Gott und Welt und um die wahre
Glückseligkeit des Herzens gegangen war, der ein behutsames Abtasten
seelischer Grenzgebiete, ein zartes Ausforschen von Wegen in die
rätselvollen Landschaften des fremden Ichs hatte bedeuten sollen und
der, -- George nahm vielleicht an, er allein sei sich dessen bewußt
gewesen, Mann, der er war, mit einer Vorstellung von der
schmetterlingshaften Ziellosigkeit weiblichen Gemütslebens, geeignet,
ihn beliebig in Rührung zu versetzen, -- der von Anfang an das gewesen
war, was Spiel und Tanz den Geschlechtern sein muß, Werbung von der
einen, Hinhalten auf der anderen Seite. Und nun, überrascht, ja,
überwältigt trotz aller Gewißheit seiner Hoffnung, in diesem Augenblick,
da er sich Gott übergeben hatte, um nach Litauen zu gehen, an die
Universität Wilna, wohin sein Gönner, der Hofrat Czempinski in Warschau,
ihn an die Universität empfohlen hatte, -- nun sah er sich am ersten
Ziele der Wünsche, auf die dieser Briefwechsel aufgebaut gewesen war: er
las, mit ungläubigen Augen und zitterndem Herzen zum drittenmal den
Satz, daß Therese Heyne »demütigen Herzens geneigt sei, die zukünftigen
Schicksale ihres liebsten Freundes zu teilen, wie immer sie auch fallen
möchten.« Er las diese fast allzu deutliche Antwort auf eine verhüllte
Anfrage seines letzten Briefes, und endlich, endlich spürte er den
Schauer des Leibes und der Seele, auf den er gewartet hatte, der doch
eintreten mußte, vergaß zu zweifeln, fühlte sein Blut heiß und
gewalttätig steigen, wußte, dies, -- ja, dies war eine Angelegenheit des
Blutes, und all die Jahre hindurch bei dem ganzen Aufwand von Geist,
Papier und Tinte hatte es sich zunächst um diesen einen Augenblick
gehandelt, -- drückte in einem kurzen Taumel oder aus Folgerichtigkeit,
oder, weil er sich diesen Augenblick der Erfüllung nun einmal von jeher
so vorgestellt, den Brief erst an die Lippen und dann ans Herz, blickte
verzückt in die Wolken und bekämpfte bei alledem in sich die bittere
Enttäuschung über den Schluß des Briefes, der als Wunsch des alten Heyne
den Satz enthielt, daß auf ein Wiedersehn, etwa jetzt auf der
Durchreise, zu verzichten sei. »Der Vater meinte, daß wir fernerhin
korrespondieren möchten und uns einstweilen im schriftlichen Austausch
unserer Seelen genügen lassen. Ich bin gewöhnt, mich seinem Willen zu
fügen, auch dort, wo es mir schwer fällt, und ich bin überzeugt, der
beste Sohn der Welt, als den ich meinen Forster kennenlernen durfte, muß
mir hier recht geben ...« so schrieb Therese und: »Oh, ja,« dachte
George bitter, »der unaufhörlich zärtlich gehorsame Sohn, wie sollte er
nicht?« Gewiß, Therese war jung, -- aber wußte Heyne denn nicht, wie er,
George, verzehrt von Glut und Einsamkeit war?
In einem Jahr, stand da noch, in einem Jahr, wenn er sich in Polen
eingelebt habe und zu Besuch nach Deutschland kommen würde ...
Nun, wußte dieser alte Mann mit seinem Schatz sicher erworbener
gleichwertiger Jahre auch, was ein Jahr mehr für den hieß, dem die Jahre
bisher Unrast, Qual und Heimatlosigkeit bedeutet hatten? Noch ein Jahr
der Verlassenheit, des Leids, des Verlangens, der Askese? Gut, gut, er
würde sich fügen; aber dies war hart!
Auf dem Flur schepperte die Glocke, die Wirtin schlurfte draußen
vorüber, um zu öffnen. Morgen bin ich fort, dachte George unbewußt. Ach,
er würde wenigstens die Alltäglichkeit dieses Ortes abstreifen! Nun kam
Sömmerring, der Teure, um den letzten Abend mit ihm zu verbringen. Und
indem er den Freund in der letzten Dämmerung umarmte, -- »Bruder!«
flüsterten beide im Einklang ihrer Bewegung, -- fühlte er die Frische
des Frühlingsabends auf seinen Wangen und ließ die Hände niedergleiten
mit der wehen Empfindung, als müsse er etwas Unwiederbringliches fahren
lassen. Was widersinnig war, -- indessen, -- wer war ihm in seinem Leben
bis jetzt das gewesen, was Samuel Sömmerring war? »Lassen wir das
Licht!« sagte Sömmerring mit belegter Stimme, »Teufel auch, liegt denn
auf jedem Stuhl etwas? So. Und dies ist nun unser letzter Abend.«
»Ich habe dir etwas zu sagen, Bester!« sagte George.
»Ich dir auch.« Sömmerrings Stimme klang erregt. »Ich habe sie nicht!«
-- »Was? Wen hast du nicht?«
»Guter Himmel! Da fragst du! Worauf warten wir denn? Die
Exemptuspatente!«
»Die Exemptuspatente! Gut, gut,« murmelte George zerstreut, »du bist
noch eine Weile hier, du wirst sie mir nachsenden.«
Es handelte sich um die Bestätigung ihres Austrittes aus jener geheimen
Gesellschaft, deren Mitglieder sie bis vor kurzem gewesen, deren Ziele
ihnen weltbewegend erschienen waren, so wie die Entdeckung, daß ihr
Aufbau Scheinarchitektur und hohle Kulisse sei, sie erschüttert hatte,
gleich dem Zusammenbruch eines Tempels. Indessen, -- dies alles sank ja
von George wie ein altes Kleid.
»Verzeih mir,« sagte er etwas lebhafter, »ich gebe dem allem keine große
Importance mehr. Die Exemptuspatente. Nun ja. Und wenn wir sie
schließlich auch nicht bekämen ...«
»So würden wir aller Orten als wortbrüchige Brüder und Verräter unseren
Steckbrief haben und der Verfolgung und Rachsucht der Oberen ausgesetzt
sein! Du fürchtest sie nicht mehr? Nun, du würdest sie wieder fürchten
lernen!« Sömmerring rang die großen Hände. »Unglückliche, Blinde, die
wir in dies Verhängnis rannten! Manegogus haßt uns. Er wird uns Stein um
Stein in den Weg rollen.«
»Er ist ein Narr,« sagte George ruhig, »bleibe ja kalt und gelassen in
allem, was ihn betrifft! Höre mich an!«
Er trat ans Fenster und legte einen Augenblick die Stirne an die kühle
Scheibe. Messerscharf stand die Firstlinie des Daches gegenüber gegen
den grünlich-klaren Himmel. Alte Dächer, dachte er, ich seh euch nicht
wieder im Sonnenlicht! Ach, die Orte, die er schon hinter sich hatte
versinken sehen!
»Du kennst meinen Charakter,« begann er, sich ins dunkle Zimmer
zurückwendend, »es waren nicht Vorspiegelungen, Bestechungen mit
angenehmen Aussichten auf Wohlleben und dergleichen, die mich verführten
...«
»Nein, bei Gott,« beruhigte er sich selber, »denn die Hoffnung auf Gold,
sie war mir aus den edelsten Gründen teuer, -- war es nicht so?«
»... sondern Wahrheitsliebe, brennender Durst nach Überzeugung von
gewissen Wahrheiten und der schwärmerische Hang, sie für wahr zu halten,
-- das war's doch einzig, was mich die vier Jahre hier laborieren ließ!
Darum habe ich an meiner vermeintlichen Geistesreinigung gearbeitet,
mich kasteit, allen unschuldigen Freuden des Lebens entsagt, habe voll
redlichem Enthusiasmus in unseren Versammlungen geredet, bin bei den
Bundesbrüdern die Runde gegangen, habe sie ermahnt und angefeuert, habe
Geld und Ruhm in die Schanze geschlagen, kurz, alle Kräfte aufgeboten,
um das Ziel zu erringen, welches man uns als erreichbar gezeigt hatte.
Und nun, da ich endlich eingesehen habe, daß mich diese Verirrung nicht
nur jene 500 Taler bar gekostet hat, sondern gewiß mehr als 1500 an
verschwendeter Zeit und unschätzbare Summen an Kenntnis, die ich mir in
den vier Jahren hätte erwerben können, und so viel an Freuden des
Lebens, die meinen Kopf hätten aufhellen, meinem Herzen hätten Schwung
geben können, -- seitdem ich mich und auch dich als so betrogen erkannt
habe, seitdem« -- und er stieß den Stuhl, dessen Lehne seine Hände
umfaßt hielten, heftig auf den Boden, -- »seitdem erlaube ich es mir,
eine schlechte Sache schlecht zu nennen und ihre Vertreter zu verachten.
Ja, Sömmerring, für mein Leben fluche ich der Schwärmerei! Freimaurerei
und Rosenkreuzerei sind abgetan für mich. Meine Natur ist dem Mystischen
entgegen. Es war nicht Frömmelei, die mich zum Betbruder machte. Es war
-- etwas anderes ...«
»Du meinst?« fragte Sömmerring zaghaft aus dem Dunkel.
»Ach, genug! Ich habe viel entbehrt, Bruder. Bitterer, als andere. Ich
weiß es jetzt.«
»Therese!« dachte er, in einem plötzlichen Aufruhr des Herzens, --
»Therese!«
Gleich darauf lächelte etwas in seiner Stimme, als er abschließend
sagte: »Die Arbeit, Freund! Die Wissenschaft! Und -- die Brüder vom
reinen Willen über alle Welt verstreut! Oh, er hatte recht, jener
Müller!«
»Ein Treuloser!« murrte Sömmerring, »wo mag er sein?«
»Gleichviel!« sprach George. »Mein teuerer, einziger Sömmerring, was ich
dir zu sagen hatte, es war dies: ich bin mit Therese einig.«
Nach diesen Worten blieb es sonderbar still. George, jetzt mit dem
Rücken am Fenster lehnend, erblickte drüben im Spiegelglas seinen
Schatten von einem trüben Abendrot umflossen und den Querbalken des
Fensterkreuzes zu seinen Häupten.
»Du bist mit Therese einig,« wiederholte Sömmerring sodann. Es gab ein
Geräusch, als bewegte er ruhelos die Hände, riebe sie aneinander, ein
trockenes aufreizendes Geräusch.
George, im tiefsten Herzen erkältet und von einer rätselhaften
ohnmächtigen Angst überfallen, raffte sich zusammen und rief in
erkünstelt zornigem Ton: »Das ist alles, was du mir zu sagen hast? Nun,
beim Himmel ...«
»Versteh mich richtig, versteh mich richtig!« sagte die Stimme aus der
Dunkelheit hastig in hilflosem Ton. »Ja, dein Glück liegt mir am Herzen,
wie mein eigenes, Bruder, -- heißer noch, angelegentlicher. Und deshalb,
gerade deshalb ...«
»Sömmerring!« sagte George beschwörend. »Oh, Forster!« seufzte der
andere, »Forster, -- ist sie denn deiner auch wert?«
»Therese?« fragte George zurück, und der Ton seiner Stimme sagte, daß er
lächelte, »Therese?«
»Ja, -- Therese!« Sömmerring kam herüber und legte mit einer
unbeholfenen Gebärde seine Hände auf Georges Schultern, -- es war ja
dunkel. »George, wir kennen sie beide, und es gab eine Zeit, da durfte
man noch in deiner Gegenwart ohne Rückhalt über sie sprechen. Aus jener
Zeit mußt du dich entsinnen, -- nun, -- sie galt für eins von den
Mädchen, deren größte Freude es ist, wenn sie Sklaven an ihrem
Triumphwagen schleppen können. Und unter diesen Sklaven einen Fürsten zu
haben, einen Forster --«
»Oh, schweige!« George wandte sich ab.
»Ich schweige nicht,« sagte Sömmerring mit verzweifelter
Rücksichtslosigkeit, ein wenig stotternd und mit dem Zeigefinger eifrig
unterstreichend. »Diese Liaisons mit dem jungen Rougemont, mit Meyer,
haben die Sperlinge auf den Dächern beredet und du allein warst taub und
blind.«
»Was will das sagen?« gab George hastig zurück, »habe nicht auch ich --?
Denke an Philippine, an Karoline Michaelis -- nun, willst du mir nicht
auch sagen, ich sei Theresens nicht würdig? Nun?«
»Oh, George!« sagte Sömmerring, vor so viel Harmlosigkeit verlegen.
»Aber das waren Spielereien, schöngeistige Korrespondenzen ...«
»Nun, und ...? Willst du etwa andeuten, daß Theresens Beziehungen zu
jenen Männern weiter gingen? Und selbst wenn sie sich ihnen näher
attachiert gehabt hätte, --« er redete lauter als nötig, wie einer, der
sich selbst übertönen will, -- »was willst du ihr vorwerfen?«
»Nichts, als daß sie gleichzeitig mit dir und jenen Hohlköpfen ihr Wesen
hatte!«
»Ach, du kennst sie nicht. Sie ist so jung. Sie ist beweglichen Geistes.
Du solltest ihre Briefe lesen, Freund, -- du würdest zufrieden sein. Was
ich dir sagen könnte, es würde mich beschämen, -- aber sei beruhigt, --
es ist kein Mann mehr für sie vorhanden außer mir. Meyer ist mir Freund
und Bruder und sie, o Sömmerring, sie wird mir einst Freundin und
Gehilfin sein, wie sie mir jetzt die einzig Begehrte und Geliebte ist.«
Er sank dem Freunde an die Brust.
»Vergib mir, vergib mir!« stammelte der ergriffen. »Ich weiß, ihre
Qualitäten sind außergewöhnliche. Du bist der Mann, sie zu lenken. Sei
glückselig! Ich bin es mit dir.« -- --
Es klopfte. Mühlhausen, der Bediente, kam herein, der Schein des
Leuchters in seiner Hand fiel auf ein verschnupftes, verweintes Gesicht.
»Ja, ja, Mühlhausen! Sein guter Herr!« Sömmerring klopfte ihn auf die
Schulter, »aber warum folgt Er ihm nicht?«
»O Herr! So in die finstere Polackei! Ja, wenn der arme Mühlhausen nicht
Weib und Kind hätte!«
»Lassen wir die Sentiments! Seien wir Männer!« Forster trat aus dem
Nebenzimmer, eine triefende Flasche in der Hand; Mühlhausen, der den
einfachen Abendimbiß auf den Tisch gesetzt hatte, entfernte sich.
»Ich habe hier eine Bouteille Johannisberger, Freund, -- nun, 's ist
immerhin ein guter Tropfen zum Abschied, und einstweilen bist du den
Hochheimer ja noch nicht gewöhnt, -- du Rheinländer!«
Sömmerring war wie George im Begriff, Cassel zu verlassen. Er folgte
einem Ruf Sr. Eminenz des Kurfürsten an die Universität Mainz. George
füllte die Gläser. Sömmerring sah ihm schmunzelnd zu.
»Ich gedenke ein guter Preuße und Lutheraner zu bleiben unter den
Verführungen Roms«, sagte er. »Der Hochheimer soll ein Reservat der
Herren Domdechants sein.«
George setzte sich. »Oh, du wirst Freunde unter ihnen gewinnen. Tritt
nicht zu schroff auf. Ein Mann von Welt betont seine Überzeugungen
nicht. Er hat sie, -- das genügt.«
»Daß wir beide unter die Pfaffen fallen müssen! Und warum nicht am
selben Ort! Oh, George, -- Wilna könnte mich nicht locken, du weißt es,
-- aber ich werde alles daran setzen, dich an den Rhein zu bekommen!«
Sie hoben die Gläser. »Tu es!« sagte George angeregt. »Auch ich werde
für dich arbeiten. In Prag, -- in Wien, -- wo du willst. Bruder,
Connexionen und Connaissancen sind alles!«
»Du hast sie durch deinen Namen,« Sömmerring sah auf seinen Teller.
»Woher sollte ein bescheidener Jünger Äskulaps sie haben, wenn nicht
durch seinen Freund und Bruder?«
»Oh, schweige!« rief George, »du bist eine Hoffnung deiner Wissenschaft,
du weißt es. Weißt du auch, wieviel Protektion wir dem Bunde verdanken?«
»Du magst recht haben,« -- Sömmerring sah sich unruhig um, -- »indessen
wünschte ich dennoch ...«
»Du nimmst es zu tragisch. Ich werde es unterwegs zunächst nie
ableugnen, einer Loge anzugehören. Kenntnis von Geheimnissen gibt ein
Air. Und in Leipzig will ich dem Schrepferschen Zirkel näher treten.
Wissenschaftshalber, verstehst du.«
»In Leipzig, --« Sömmerring lenkte ab, -- »du wirst auch nach Halle
kommen?«
»Jawohl,« erwiderte George verdüstert, -- »ich muß wohl. Die Götter
mögen über meinem Reisegeld wachen. Aber auch ohne das, ich werde fest
bleiben. Ich habe jetzt andere Rücksichten zu nehmen.«
»Du wirst den Deinen Mitteilung von deiner Liaison machen?«
»Um Gottes willen! Das geschieht erst in einem Jahr, -- wenn ich mir
Therese hole. Der Alte möchte mir Berge in den Weg legen. Freilich, für
ihn ist der Packesel dann endgültig verloren!« Er lachte kurz auf. Sie
tranken sich zu. Sömmerring legte sich über den Tisch und griff nach
Georges Hand.
»Mein George,« sagte er mühsam mit schwimmenden Augen, »du bist die
beste, uneigennützigste Seele der Welt. Du bist der wahre Amadeus.«
»Sömmerring, Sömmerring!« George bedeckte die Augen mit der Hand. »Laß
uns nicht weich werden!«
»Doch, doch!« Samuel Sömmerring schluchzte beinah. »Du bist's! Und nun
bist du den Alten glücklich los -- und da kommt diese Frau ...«
George richtete sich auf. »Sömmerring!« rief er, »deine Freundschaft
verführt dich! Laß mich annehmen, es ist der Wein! Laß mich annehmen, es
ist der Wein!«
Sömmerring verbarg das Gesicht in den Händen. In der Tat, er vertrug
nicht mehr als ein Glas.
»Schick mir einen Elenskopf aus Polen, Bruder,« bat er kläglich, »das
Gehirn in Weingeist! Auch einen Bärenkopf besäß ich gern. Mein Gott,
mein Gott, du gehst ja in die Wildnis!«
George kam um den Tisch herum. George streichelte den gefällten Riesen.
George tröstete. Aber da war nichts zu machen.
»Du -- du bist nun einmal zu gut dafür, um nichts zu sein als das weiße
Tuch für das Schattenspiel der andern!« schluchzte Sömmerring.
George sah mit sonderbar auflauschendem Ausdruck über diese Worte hin
ins Leere.
* * * * *
George durchwachte diese Nacht; er hatte es nicht anders erwartet.
Hingegeben an das Rauschen seines Blutes lag er da, und _daß_ es
rauschte, daß es endlich wieder einmal mit Hochdruck durch seine Adern
stürzte, ach, er wußte es wohl, das war nicht Theresens Brief allein,
der das machte. Dieser Brief mit seinem hinhaltenden Schluß hatte eher
etwas in ihm zurückgestaut; ja, wenn er sich denn nun nicht sogleich von
dem vollen Aufstrom seiner Seligkeit an ihre Brust tragen lassen durfte,
so sollte dieser Strom wenigstens Mühlen treiben, gut, gut, -- Forster
war nicht der Mann sich haltlos einer Enttäuschung zu überlassen. Und da
er denn nun in der fürchterlichen Dunkelheit nicht weinte vor bitterer
maßloser Enttäuschung darüber, daß er sein Mädchen morgen abend in
Göttingen nicht sehen sollte, wie er mit zweifelloser Sicherheit
angenommen hatte, -- daß er nicht, ehe er noch einmal in eine so
gramvolle Einsamkeit und Fremde ging, ein Wort, eine kleine Gebärde der
Zärtlichkeit mitnehmen würde, nicht ihr Haar, nicht diese flaumige
bräunliche Haut ihres Halses einmal berühren durfte, -- oh, seltsames
Verlangen, wunderliche Wünsche mußten nun zurück in das stumme innerste
Herz! -- da kam dieser verzweifelte Trotz, dieses hohnvolle Lebensgefühl
über ihn: _dennoch_ wollte er glücklich sein! Und nun stand ja diese
Reise bevor, dieser angenehme Umweg nach dem Ort der neuen Pflichten,
der über den Harz, über Dresden, Prag und Wien führen würde und
zwischendurch die freundliche Einschaltung eines Badeaufenthaltes in
Teplitz voraussah. Nein, sein Herz klopfte nicht allein unter dem Druck
jener bittersüßen Erfüllung, es war der wohlbekannte Frühlingssturm der
Projekte und des Reisefiebers, der das Schiff an der Ankerkette tanzen
ließ, diese verworrene gläubige Erwartung größter Dinge und Ereignisse
hinter der nächsten Wegbiegung, zum erstenmal empfunden, als der Vater
damals mit der Wolgareise schwanger ging. Er wurde nun hellwach, fühlte
die letzte Neigung einzuschlafen, entweichen, wälzte sich herum, stemmte
den Kopf in die Hand und starrte mit leise brennenden Augen in die
Dunkelheit. Wohl, Cassel war erledigt. Oh, Gott im Himmel sei Dank,
diese Leidensstation lag hinter ihm, nie wieder betreten würde er diesen
Gang des Labyrinthes. Und mit einer Art phantastischer Fröhlichkeit der
alten Vorstellung erliegend, warf er sich zurück und lachte lautlos auf.
Ja, drinnen heulte der Minotauros und hier, -- hier ging er, George
Forster, der gemeint war, nicht mehr ein kleiner demütiger Knabe, nicht
mehr ein dürftiger überarbeiteter Jüngling, -- auch nicht der dumpfe
Schwärmer der letzten vier Jahre, -- nein, hier ging ein freier
zielbewußter, und nebenbei ein berühmter und ^à la mode^ gekleideter,
kurz, ging ein Mann, ein ganzer Mann seinen Weg hinein in neue lockende
Windungen der dunklen singenden Riesenmuschel. Sich selbst hellsichtig
aus dem Nichts erschaffend, gewahrte er sich, wie er in Klausthal mit
dem Berghauptmann von Trebra in die Bergwerke einfahren würde, fühlte
seine Kenntnisse der praktischen Gesteinskunde mühelos durch Anschauung
um das vermehrt, was man von Polen aus für die Anwendung auf dortige
noch zu hebende Bodenschätze von ihm verlangt hatte, -- sah sich diese
genußreiche Art des Studiums in Freiberg bei dem berühmten Inspektor
Werner fortsetzen, zwischendurch in Leipzig und Dresden seinen Kreis
bedeutender Bekanntschaften und ergebener Freunde durch die einfache
Tatsache seines Auftretens erweitern, in Teplitz allerliebste
Beziehungen anknüpfen und sodann durch verschiedentliche Triumphbögen in
Österreich eingehen. Besonders von Wien versprach er sich viel und, --
da er ja noch nicht gebunden war, -- so würde er sich mit der Freiheit
des Weltmannes bewegen. So nahm er sich vor, fühlte aber sogleich aus
irgendeinem Winkel der Erinnerung Beschämung sich ankriechen, -- was war
das doch nur, -- war's jener Vorsatz auf die Schönen von Tahiti, den er
damals im Eise des Pols gefaßt -- und nie ausgeführt hatte? Mit Ernst
gebot er derartigen störenden Erinnerungen Einhalt, legte sich auf die
andere Seite und überzählte im Geiste die Empfehlungsbriefe und
Adressen, die er mit sich führen würde. Ein Wolkenbruch von Namen ergab
sich, das gesamte geistige Deutschland, soweit es an jenen Straßen
ansässig war, hatte er sozusagen in der Tasche und das, was jetzt nicht
an seinem Wege lag, -- er schloß erschrocken die Augen, -- oh, nur nicht
diesen Hexensabbat von Erscheinungen heraufbeschwören, die seit der
Rückkehr aus der Südsee an ihm vorübergezogen waren, -- gab es denn
_eine_ einigermaßen hervorragende Existenz, von deren Bedingungen er
nicht einen Begriff hatte, wenn er sie nicht schon persönlich kannte
oder im Briefwechsel mit ihr gestanden hatte? Jetzt bin ich wie der
Vater war, damals in Nassenhuben, als er so viel korrespondierte, dachte
er mit kindlichem Vergnügen und jener Unumwundenheit innerster
unbeobachteter Gedankengänge, -- nur, daß ich jünger bin, als er damals,
und dennoch -- mehr!
^Pater meus major est me!^ fügte er freilich sofort hinzu, sich
gleichsam bekreuzigend aus alter Gewohnheit. Und, das schwere Federbett
von der Brust wegschiebend, dachte er aufseufzend und mit einem dumpfen
Gefühl in der Brust: Er hat die Gesundheit, er steht wie ein Baum, Gott
weiß, wohin er es noch bringt, wenn er noch einmal anfängt. Ich aber ...
Aber das sollte ja in Teplitz besser werden. Sein armer Leib, immer
wieder von rheumatischen Schmerzen geplagt, von rätselhaften Schwären
verunziert, mit ständigem Kopfweh und chronischen Koliken geschlagen, er
sollte sich erneuern durch und durch. Und eingestandenermaßen, sein
Geist schien abhängig von den Gezeiten jenes Giftes, das _seit den
Skorbuttagen im Südmeer in seinem Blute auf- und niederstieg_: er
arbeitete besser, wenn es ihm nicht allzu gut ging, -- oh, er wußte es
mit heimlich asketischer Inbrunst, -- zuviel Gesundheit vertrug sich
nicht mit seiner Einsamkeit! Später vielleicht, -- in einem Jahr, wenn
er Therese besaß.
Der Schwung der Erregung hatte nachgelassen, er fühlte es. Er fror
plötzlich, er zog die Decke über sich. Er war doch müde.
Er wollte ja Therese nicht nur, um dies wahnsinnige Verlangen seiner
Sinne zu stillen, nicht nur zur Gefährtin seiner Arbeit. Er brauchte
einen Menschen neben sich, endlich, endlich, wollte diese Verstoßenheit,
diese körperliche Verlassenheit vergessen können, wie er es einst, --
ach, vor undenklichen Zeiten gekonnt hatte, wenn er des Nachts die
Atemzüge der Schwester neben sich hörte. Er wollte jemand haben, der
still und zärtlich um ihn waltete, nichts von ihm verlangte als das, was
er in Einfalt geben konnte, ohne Aufwand von Geist und Willen. Es sollte
ihm geschenkt werden, da war dieser Brief, -- er tastete in der
Dunkelheit nach ihm und drückte ihn an sein Herz, -- nur noch ein klein
wenig Geduld, nein, er wollte nicht murren! Diese Menschen, diese
schrecklich emsigen, erwartungsvollen, klugen, geistreichen Leute, die
auf ihn blickten und vor denen man sich dauernd Haltung geben mußte, --
ahnten sie, daß Forster -- der jüngere Forster, wohlgemerkt, der Ruhm
Deutschlands! -- hier in der Dunkelheit des Alkovens weinte wie ein
Kind? Oh, nichts weiter sein dürfen, als das duldende, menschenliebende
Geschöpf, als das Gott einen gewollt hatte, geliebt um seines Wesens,
nicht um seines Wissens, seines Namens willen, so sehr geliebt, daß die
Leute den Forster nur allzu gern immer um sich gehabt hätten, -- wie
selig mußte es sein! Aber wenn es nur einen, einen solchen Menschen gab,
der ganz ihn kannte! Oh, er war freilich zu weich, sein eigener Herr zu
sein! War er vielleicht nicht glücklich gewesen als Sklave seines
Vaters? Und dies, was Sömmerring da gesagt hatte, dies mit dem weißen
Tuch und dem Schattenspiel, -- traf es nicht zu?
Er fuhr empor und griff sich mit den Händen an den Kopf. Wie, sollte er
nicht lieber gleich die Pistole nehmen? Dies war Selbstmord. Es war die
Müdigkeit, nicht wahr, ach, nicht wahr, -- die Angst vor den Fährnissen
der Reise, für die er trotz aller inneren Unrast nicht geschaffen war,
Angst vor dem tagelangen Fahren auf schlechten Straßen, den
Nachtherbergen voll Schmutz und Ungeziefer, vor Nässe und Kälte. Es war,
-- ach, es war die Angst des im Labyrinthe Verirrten, des
Ausgelieferten, Verlorenen. Aber nun kam ja Ariadne, -- nun kam --
Ariadne ...
Entwirrung, -- Klärung, -- Vereinfachung! Er würde arbeiten, sich
ausströmen an die Welt. Zunächst kamen nun Briefe, Tagebücher, -- oh,
liebevoll, sorgsam, geduldig wollte er sein ...
Als Mühlhausen eine Stunde später mit dem Leuchter in der Hand und dem
Reiserock über dem Arm zum Wecken eintrat, fand er seinen Herrn fest
schlafend, die Linke über die Augen gelegt, einen lächelnden Zug um den
armen häßlichen Mund. -- -- --
Zweiter Teil.
Ariadne
[Illustration]
[Illustration]
Las dieser letzte Satz seines Briefes sich etwa so, als wollte er,
George, sich beklagen? Da sei Gott vor, -- nicht einmal vor sich selbst
tat er das, -- geschweige denn dem guten Sömmerring gegenüber! Ganz im
Gegenteil! Er überlas noch einmal die letzten Zeilen, -- malte er da
nicht ein Bild häuslichen Glücks, daß es dem armen Teufel, der immer
noch allein hauste, beim Lesen ganz verlassen zumute werden mußte? Und
diese Worte, die er eben geschrieben hatte: »Therese ist trotz ihres
Zustandes von unbegreiflicher Beweglichkeit des Körpers und des Geistes
...« die fielen doch gar nicht aus dem Rahmen heraus, klangen doch nicht
anders als die Feststellungen über seinen eigenen Gemütszustand, seinen
Tageslauf, seine Arbeiten! Es störte ihn doch auch gar nicht, störte ihn
nicht im geringsten, dachte er und horchte hinaus, daß das Haus von früh
bis spät widerhallte von Theresens Geschäftigkeit! Was tat sie jetzt
wieder? War es eigentlich möglich, daß eine Frau mit zwei Mägden bei der
Tätigkeit des Wäschenähens -- ja, es entstanden Hemden für ihn, zwölf
neue Taghemden, fühlte er mit gebührender Erschütterung, und die zwölf
alten waren ausgebessert worden! -- daß sie bei dieser sitzenden
Tätigkeit einen derartigen Aufwand von Geräuschen machte, die für den
Außenstehenden nicht unmittelbar zur Sache gehörten? Daß zunächst Lieder
gesungen worden waren, heimatliche deutsche Lieder, die Liese, die
Getreue, aus Göttingen in fühlender Erinnerung an den fernen Geliebten
anstimmte, nun, das mochte angehen. Indessen schien es ihm doch, als sei
Therese ein wenig unmusikalisch; wenn sie mit ihrer tiefen Stimme
einfiel, wurde die Melodie immer so seltsam unkenntlich. Dann gab es
einen zornigen Aufschrei und heftige Scheltworte, -- aha, Marischa, das
polnische Mensch, hatte wieder einmal etwas versehen! Wenn es, dachte er
ein wenig gepeinigt, nur nicht wieder zu Maulschellen kommt, die
hinterher gleich mit Küssen null und nichtig gemacht werden! Therese
handelte oft so -- unmittelbar. Nun fiel etwas Schweres dumpf hin, ein
Ballen Leinwand etwa, -- war das ein Grund, derartig zu kreischen? Und
warum wälzten sich jetzt mehrere erwachsene Menschen auf dem Fußboden
herum? Therese lachte und schimpfte, plattdeutsch und polnisch
durcheinander, -- nun kam auch noch Joseph, der Hausknecht, mit frischem
Holz für den Kamin die Treppe hinaufgepoltert, das würde einen neuen
Anlaß zur Heiterkeit geben. Joseph, der seine Pflichten für acht Taler
Lohn, einen Schafpelz und ein Paar Stiefel jährlich unvollkommen
erfüllte, war von polnischem Adel und darum trotz seiner Schmutzkruste
in den Augen Liesens von Glorie umgeben. In den nächsten Minuten
steigerte der Lärm sich ins Ungeheure, der Joseph schien mit Jubel
aufgenommen worden zu sein, wie Merkur unter den Grazien, das Holz
krachte, der Joseph schien unglaublich scherzhaft und Therese leutselig,
jemand begann auf einem Kamm zu blasen und -- war es möglich? -- wurde
jetzt der neulich begonnene Unterricht Liesens im Mazurkatanzen
fortgesetzt? Nun fehlte nur noch Michael, der Bediente und Gemahl der
Marischa, um den Zirkus zu vervollständigen. George wurde ein wenig
unruhig. Nun Therese -- Therese amüsierte sich, Therese war zwanzig
Jahre alt, es fehlte Therese hier an einem passenden Umgang. Er wußte,
jetzt saß sie da und hielt sich die Seiten vor Lachen. Warum auch nicht,
warum auch nicht, -- sie verlangte ja nicht, daß er, George, dabei war.
Und es störte ihn nicht, o, es störte ihn nicht im geringsten, er
arbeitete doch eben nicht, er erledigte Korrespondenzen, -- nur, es war
ihm im Augenblick nicht möglich, seine Gedanken zu sammeln. Also:
Therese ist trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen
Beweglichkeit ... Freilich, wohl war sie das. Wenn sie nur um Himmels
willen nicht wieder selbst tanzen wollte, wie neulich, als sie den bösen
Fall tat! Ob er doch einmal hinüberging? Nun kam der Michael wahrhaftig
... Er brachte jemanden mit, er geleitete einen Besuch ... Aber das ging
doch nicht! George sprang erregt auf, drüben verstummte jäh der Lärm,
und gleich darauf ließ sich eine lachende Stimme in Wiener Mundart
vernehmen. Ach, die Langmayer! Da ging Therese plaudernd mit ihr über
den Flur ins Wohnzimmer, die Männer liefen die Treppe hinunter, Liese
fing wieder an, zu singen, schmachtend, langgedehnt: »Wenn ich ein
Vöglein wär ...« Ja, nun war Ruhe, und nun konnte er weiter schreiben.
George starrte nach dem Fenster, vor dem in der grauenden Dämmerung die
Flocken tanzten. Gedämpft durch die Schneeluft klang das Angelusläuten
von der Universitätskirche herüber. Sie schneiten ein. Meilen über
Meilen, grenzenlose Flächen weit breitete es sich um Wilna wie
Leichentücher, und Deutschland lag auf einem anderen Stern. George
machte Licht. Es war gefährlich, in der polnischen Winterdämmerung nach
Deutschland hinzudenken. Im Reich des Geistes gab es keine Trennung. Er
wollte korrespondieren, wollte weiter Sömmerrings brüderliche Seele
beschwören, sich an ihr erwärmen!
»Therese ist von unbegreiflicher Beweglichkeit ...«
* * * * *
Ob sie nun Hemden zuschnitt oder winzige Wäschestücke für das erwartete
Kind, -- den Jungen, natürlich, den Jungen! -- nähte ... Ob sie in der
Küche Fleischklümpe drehte und zugleich der Marischa aufklärende
Vorträge über den Wert der Sauberkeit beim Zubereiten der Speisen hielt,
-- oho, Georgie, hätte die Miß Therese nichts gelernt, so äße die Panji
Forstrova und ihr ganzes Haus jetzt mit den Schweinen! Pfui Teufel,
selbst die Steckrüben fraßen diese Barbaren ungeschält! -- Ob sie mit
ihren knospenden Hyazinthen am Fenster plauderte und ^Le Coeur aimable^
ermunterte, baldigst aufs ^aimableste^ zu duften und ^La Beauté blanche^
ein wenig anbetete, -- es waren auch Küchenkräuter, Kerbel, Kresse und
Petersilie mit in die Töpfe gesät, die Schönheit allein macht nicht
satt, Georgie! -- Ob sie mit des Bischofs Gärtner, Feureißen, einem
wackern Landsmann und gutem Hannoveraner, Pläne machte für die
Bestellung der Beete im Frühjahr und Betrachtungen über die moralische
Minderwertigkeit des Katholizismus einfließen ließ, -- Feureißen würde
doch sein Kind, das Kind, das seine Frau, eine katholische Ermländerin,
erwartete, nicht etwa den Pfaffen in die Hände fallen lassen (»o,
Feureißen!«) -- und sich alsbald von der Weitherzigkeit Feureißens
überwältigt zeigte, der ihr treuherzig versicherte (»o, liebe Madam!«),
es käme ihm zunächst darauf an, sein Kind zu einem Ehrenmann zu erziehen
(auch er erwartete einen Jungen, natürlich!), alsdann würde es jeder
Sekte Ehre machen ... Ob sie, mit riesigen Überschuhen bewehrt, durch
den kniehohen Schnee watete, um irgendwo irgendein vorteilhaftes
Geschäft abzuschließen, das dem Haushalt zugute kam, in Holz, in Ölfarbe
für die Wände, in Fleisch, -- es mochte ein Edelmann seinen Wald
abgeholzt, mochte eine Jagd veranstaltet haben, woher aber wußte Therese
dergleichen immer früher als andere Leute? George staunte. Ob sie ihre
Möbel, ihre allerliebsten, nagelneuen Möbel abrieb und blitzblank
putzte, ob sie eine Liste der Leute aufsetzte, die nun demnächst endlich
einmal eingeladen werden mußten (schon wieder? dachte George), denn
freilich, die Menschen hier waren horribel, ohne Erziehung, ohne
Geschmack, indessen, was blieb einem übrig ... Ob sie Journale las oder
einen neuen Roman, in die Ecke des grünen Kanapees gekuschelt, die Füße
unter den Rock gezogen, die Hände ins Haar gewühlt, lachend und weinend,
Gott und Georgie anrufend, oder ob sie, an dem kleinen Mahagonibureau
sitzend, Korrespondenzen erledigte, ihre unübersehbaren Korrespondenzen
... Therese war trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen
Beweglichkeit des Körpers und des Geistes!
Denn George begriff nicht. Er begriff nicht ganz. Er war so glücklich,
wenn es still um ihn her war, um ihn und um Therese. Er war im Geheimen
und unerachtet häufiger nachdrücklicher Seufzer über die geistige
Einöde, in die er verbannt sei, einverstanden mit Wilna, einverstanden
mit der Entfernung von den deutschen Freunden, sonderlich freilich von
den Göttinger Freunden Theresens, er nahm im innersten Herzen den
lächerlichen Zustand dieser Pseudo-Universität leicht und leicht den
unvermeidlichen Umgang mit den Paters, den Exjesuiten, seinen Herren
Kollegen. Er war gerührt und begeistert von seiner Wohnung, er liebte
den großen winkligen Gebäudekasten des ehemaligen Klosters, in dem sie
sich befand wie der Kern in der Nuß, er wollte von der Welt nichts
weiter, als eben dieses Asyl seiner Zärtlichkeit. Er hatte seinen
Briefwechsel einschlafen lassen, er hatte seit der Hochzeit im August
bis in den Winter hinein nur das Notwendigste an Arbeit erledigt,
ruhend, wie Langmayer fröhlich behauptete, auf Amors Wolken und den
Lorbeeren des Erfolges, den sein Memoire an die Regierung zugunsten der
naturwissenschaftlichen Institute der Universität gehabt hatte.
Diese Denkschrift hatte ihn im vorigen Winter beschäftigt. Er hatte
seine ganze Enttäuschung über die vorgefundene Lotterwirtschaft und den
verrotteten Pfaffenbetrieb, über den Mangel an Anschauungsmaterial und
den Zustand der geringen Sammlungen darin niedergelegt, hatte sich
stringenter Beweise bedient, war scharf, war deutlich gewesen wie einer,
der den Fuß schon über die Schwelle gesetzt hat, um wieder davonzugehen.
Was hätte auch daran gelegen, wenn sie auf ihn verzichtet hätten,
anstatt seine Ansprüche zu erfüllen, hatte er nicht noch jenes
Kaiserwort im Ohr, mit dem damals in Wien Joseph die Audienz
abgeschlossen hatte: »Sie werden in Polen nicht bleiben ...« O, Wien!
Oder auch Prag, -- selbst Budapest! Nun, das waren wieder Projekte
gewesen. Hingegeben an die negative Arbeit der Verurteilung der gesamten
Wilnaer Einrichtungen, eine Arbeit, die zugleich zur Begründung eines
etwaigen Rücktritts hätte dienen können, hatte er dem alten Laster des
Plänemachens gefrönt wie nur je und sich hinweggeholfen über die tote
Zeit der Sehnsucht und Erwartung. Den überraschenden Erfolg seiner
Vorstellungen, die Bewilligung aller seiner Forderungen durch die
Regierung, hatte er auf der Hochzeitsreise in Warschau einheimsen
können. Und, nun wohl, -- jetzt gab es keine Pläne mehr. Jetzt war nur
noch Therese und Therese bedeutete in den ersten Monaten des Besitzes
eine seltsame Auflösung aller Lebenskräfte, bedeutete, so hatte er
schwindelnd gedacht, die Mündung des Stromes in den Ozean und den
Untergang der Flamme in der Glut. Über sein Pult gebeugt, fühlte er
Theresens Atmen in dem toten Holz unter seinem Arme, fühlte die eigenen
Glieder wie den Körper seines Weibes. Manchmal sann er, irgendwo
hingelehnt, ein Buch in der Hand, die schwimmenden Augen ins Leere
gerichtet, seinem ganzen Leben nach. Dies war der Sinn, fühlte er
erschüttert, der Sinn der Sinnlosigkeit. Alles hatte sein müssen, damit
dies eine sein konnte. Dies war das Ziel, die Erlösung aus allem Irrsal,
diese lebende, zur stummen Raserei gesteigerte Hingabe an ein anderes
Leben und das Hinnehmen dieses Lebens so natürlich wohlig, wie das Kind
die Muttermilch sog. Ach, Therese! daß er sie hatte finden dürfen, sie,
die einzig seinen Sinnen Antwort zu geben vermochte, sie, deren Blut ihm
die Essenz aller Süßigkeit der Erde bedeutete. War er so weit, dann
merkte er, daß er sein Kabinett verließ, und lächelte. Wo war Therese?
Er ging durch das ganze Haus, er suchte sie in der Küche, im Garten, bei
der Langmayer und wo er sie auch fand, sie verstand sein wortloses
Drängen, verstand es hinter seinen belanglosen Vorwänden. Sie lächelte.
Sie folgte ihm. Und da war dies grüne Kanapee, und da war Therese an
seiner Seite, seinem Herzen nahe, sein Gesicht lag an ihrer Brust, er
atmete ihren Duft, -- da waren ihre Hände, ihre Arme ... Sie wehrte ihm
nicht. Er hörte sie manchmal »Georgie!« flüstern, er fühlte ihre kleine
unruhige Hand über sein Haar gleiten. Er suchte ihre Augen und fand sie
voller Tränen, abgewandt, aus Fernen heimkehrend zu ihm. »Du weinst?«
stammelte er befremdet. »Mein Freund!« sagte sie sanft, und während er
nun aufschluchzte und meinte, es sei aus Seligkeit, weil er jenes Gefühl
grenzenloser unerklärlicher Angst und Fremdheit nicht wahr haben wollte,
das ihn überschauert hatte, trocknete sie ihre Tränen, und ihn
aufmerksam betrachtend, fragte sie spielerisch-ernsthaft, mit der Hand
ihm die Brauen glättend: »Ist's auch mein Tod, an den du denken mußt,
mein Freund, der Tod deiner Therese, du Armer?«
Auch dies begriff er nicht. Therese dachte immer an ihren Tod. Therese
war des Morgens vor Tage auf, trillerte wie eine Lerche, -- und dachte
an den Tod. Therese hielt in aller Frühe eine Heerschau über ihr Gesinde
ab, gab die Losung für den Tag aus, verteilte die Arbeit, nicht ohne die
Marischa in scherzhaften Wendungen, die durchs ganze Haus schallten, von
ihrer Meinung über ihren mangelnden Reinlichkeitssinn unterrichtet und
den Joseph ob seiner Trägheit bedroht zu haben, -- und dachte an den
Tod. Therese saß mit ihm am Frühstückstisch, ihre Hände bewegten eine
Strickarbeit, ihre Augen hingen gebannt an den Seiten eines
französischen Buches, beim Umblättern fand sie Zeit einen Bissen, einen
Schluck zu nehmen, ihm einen Blick, ein Wort zu schenken, sei es
»Forster, mein Engel!« oder »Iß, mein Georgie!« -- und dachte an den
Tod. Therese tanzte treppauf, treppab durchs Haus, kramte in Schränken,
klimperte auf dem Klavizymbel, sortierte Sämereien, betrachtete ihre
Souvenirs und Silhouetten, ordnete ihre Schmucksachen, lief mit der
Langmayer in die Kirche, einem Hochamt beizuwohnen, brach in sein
Kabinett ein, um sich sowohl über die Langmayer -- »sie verpolackisiert,
Georgie, es ist eine Schande!« -- als über den Katholizismus auszuhalten
-- »Pfaffenglanz, Affentanz!« -- Therese rief: »Ich störe dein Werk,
vergib mir!«, eilte lachend hinaus -- und dachte an den Tod. Es mochte
ein Fest geben, eine der Assembleen, die ihn so schrecklich langweilten,
etwa fetierte ein Würdenträger seinen Namenstag mit einer Schmauserei
und Musik. Therese machte aufs sorgfältigste Toilette, Therese putzte
ihn, -- George, -- aufs gewissenhafteste, daß er auch nicht im Kleinsten
gegen die Mode verstieß, Therese strahlte an seinem Arm durch die
Gemächer, war huldvoll, war graziös, funkelte vor Belustigung über die
schwarzen Dohlen, die Herren Paters, die nun wahrhaftig in ihren langen
Weiberröcken zur Polonaise antraten, neben sich die schillernd sich
brüstenden polnischen Damen. Therese kokettierte nichtsdestoweniger
wahllos, sowohl mit den Schwarzröcken als mit den polnischen Granden,
wanderte von einem Arm an den andern und bezauberte selbst Monseigneur,
den Bischof bis zu folgender Unterhaltung, an die sie sich in den
nächsten vier Wochen unter großem Gelächter alle paar Tage erinnern
mußte, die, dies war nicht zu bezweifeln, in jeden ihrer zahlreichen
Briefe eingeflochten wurde:
»^Mais en conscience, Madame^,« hatte Se. Eminenz hinter der scherzhaft
vorgehaltenen Hand gefragt, »^Quel âge avez-vous donc?^«
»^En dix ans, mon Prince^ (nein, Georgie, dieser alte violette
Suitier!), ^je ne vous dirai plus la vérité. Aujord'hui j'ose la dire,
-- j'ai vingt et un ans passé.^«
»^Comment! Mais vous avez l'air d'un enfant de treize ans!^«
»Ha ha ha, Georgie, und das mir, einer Frau, die nächstens Mutter sein
wird. »^Grâce à ma conduite folle, grâce à ma conduite folle,
Monseigneur!^« hab ich gesagt, ha ha!!«
Solche und ähnliche Erlebnisse hatte Therese in Hülle und Fülle, --
indes, sie dachte an ihren Tod. Sie litt zeitweise unter den
Widerständen, die ihr Körper der Entwicklung seines neuen Zustandes
entgegensetzte, unter den Anfällen von Übelkeit, unter einer krankhaften
Abneigung gegen gewisse Speisen, sie beobachtete peinlich berührt, daß
Hals und Arme an Fülle einbüßten, je schwerer die Last ihres Leibes
ward. Sie ließ sich die Ader schlagen -- »Unnützerweise, Freund, -- doch
es beruhigt sie und wird nicht schaden«, sagte der wackre Langmayer zu
George, -- sie litt an Blutandrang zum Kopf, an Schwindel, an einem
Zittern der Knie. Sie litt nicht im Verborgenen, o nein, das Haus erfuhr
es, daß sie litt, doch schien dies Leiden mehr oder weniger ebenso gut
ein Anlaß zum Bewußtwerden der Daseinswonnen und eine Art von Genuß zu
sein, als ihr niemals gebrochener Tätigkeitsdrang. Es war dies nicht der
Grund, daß Therese an den Tod dachte, fühlte George, und daß sie ihre
Briefe zu Abhandlungen über die letzten Dinge werden ließ, --
Abhandlungen, die sie ihm gelegentlich vorlesen mußte, wenn sie
besonders wohlgelungen schienen. Da saß sie vor dem geliebten kleinen
Mahagonibureau, das er ihr zur Hochzeit geschenkt hatte, samt all den
Erinnerungen bitterer und süßer Arbeitsstunden unter allen
Himmelsstrichen, die es barg, -- sie hatte es ^The Resolution^ getauft,
um die Meere des Gefühls darauf zu befahren, -- da saß sie, die Füße auf
dem Kohlenbecken, vorgebeugt auf die Schreibplatte, den Blick schwimmend
zum Fenster erhoben, die Feder an den Lippen. Er ging behutsam durchs
Zimmer, oh, er hatte ja nicht herantreten wollen, es hätte nicht dieser
Bewegung bedurft, als wollte sie das Geschriebene vor seinen Blicken
schützen! Sie schrieb, sie korrespondierte, auch er tat das, gewiß, wenn
schon nicht so -- pflichtgetreu wie sie. Da waren die Eltern, -- eine
Frau, eben noch selbst Kind in der Hut zärtlicher Eltern und nun in der
sarmatischen Wildnis, in dieser Lage, sie bedarf ihrer Mutter! -- da
waren die Freundinnen, Musen und Grazien auf dem Parnaß, der Göttingen
hieß, und unter denen sie nicht die Letzte gewesen war, -- da war --
jener, der Assad genannt wurde. Jener, der in einer Mondnacht zwischen
Cassel und Göttingen einst das seltsame Wort von dem Pol der Geburt und
dem des Todes gefunden hatte, der sein schönes Gesicht so fern, so
beruhigend fern von Wilna durch die Welt trug und seine Bonmots immerhin
verschwenden mochte, wo es ihm beliebte, da er dann nicht darauf
versessen schien, sie Briefen anzuvertrauen, ^grâce à Dieu^! Warum aber
bedurfte jener, der Assad genannt wurde, -- und warum wurde er so
genannt? »O, Lieber, -- weil er so um sich werben ließ, wie Lessings
Tempelritter, ehe er Zutrauen faßte«. -- »Und das sagst du mir?« --
»Aber -- Georgie ...?« Warum bedurfte jener so häufiger, so
ausführlicher Berichte über das Leben, die Gefühle, die Todesnähe
Theresens, Berichte, unter deren Abfassung ^The Resolution^ schwankte
wie nur je im Südwestpassat? Warum mußte von ihm gesprochen werden,
abends, wenn George bei Therese auf dem grünen Kanapee saß und
Archenholtzs »England und Italien«, aus dem er vorgelesen hatte, sinken
ließ, weil er schon seit einer Weile fühlte, daß Theresens arbeitende
Hände ruhten und sie ins Kerzenlicht sah? Er hatte vielleicht gedacht,
Therese sähe so still ins Kerzenlicht, weil sie müde sei und wünschte,
auch er, George, möchte bald ein wenig müde werden. Wollte er nicht
gerne müde sein, müde mit Therese? Aber da wandte sie ihm die Augen zu
und ihr Mund hatte jenes unbestimmte fortgleitende Lächeln, als sie
sagte: »Georgie, -- ist das nicht zum Lachen? Assad spricht in seinem
Brief, -- dem Brief, weißt du, vor vier Wochen, -- von meinen
zukünftigen Kindern, und in demselben Brief nennt er mich eine
Vestalin!«
Was, so fragte sich George, nachdem er etwas von ^contradictio in
adjecto^ gemurmelt hatte, was gingen Assad, -- und zum Teufel, er hieß
einfach Herr Meyer! -- was also gingen Herrn Meyer Theresens zukünftige
Kinder an, -- und meinte er etwa, sie kämen durch Überschattung des
heiligen Geistes zustande? Ich kenne die Frauen nicht, erklärte George
sich selbst, jetzt erst erfahre ich, mit welcher Zärtlichkeit sie der
Freundschaft die Treue halten. Mochte denn das Wohnzimmer ein Tempel des
Gedenkens sein, er trug die Silhouetten seiner Eltern, seiner Freunde
herbei, um sie neben denen von Theresens Teueren aufzuhängen. Er war der
Letzte, das Glück des Erinnerns, des Sichversenkens in die Seelen der
fernen Geliebten zu verdammen, und gab es ein edleres Vergnügen als mit
Therese in Wonne und Wehmut zu vergehen vor dem Bilde eines Jakobi, vor
den Zügen seines Sömmerring, Tränen zu vergießen in den Gefühlen, wie
sie der Anblick des Pastells heraufbeschwor, das ein Abglanz war der vom
Tode berührten Schönheit jener unglücklichen Auguste, die an Theresens
Herzen gestorben war? O, er wollte nicht ausgeschlossen sein von
Theresens Freundschaftstempel, wollte mit ihr anbeten, schwärmen, sich
entzücken, Balsam finden für die Wunden der Vereinsamung unter diesen
bunten polnischen Tieren, wollte mit ihr vereinigt sich hinschwingen in
den Kreis der ihm verwandten Seelen. Hatte er nicht mehr als guten
Willen, sie zu begreifen, hatte er nicht dieselben Bedürfnisse des
Herzens, wie sie? Sie waren doch eins, -- eins auch in diesen Dingen?
Indessen, -- warum mußte Meyers Schattenriß dort allein in der
Fensternische hängen, wo Therese ihn vor Augen hatte, wenn sie an ihrem
Tischchen saß und ^The Resolution^ sie nach Deutschland trug? Warum
stand ein Topf mit Immergrün auf einem Brettchen darunter, warum
hauchten Hyazinthen, Goldlack und Tazetten den langen Winter und den
grauen zögernden Frühling hindurch ihren Duft zu Assads schönem,
hochmütigen Profil empor, wie Opferrauch? Wenn er mein Freund wäre,
dachte George einmal, als er vor Tisch in das Zimmer gekommen war, und
es noch leer gefunden hatte, und betrachtete das Bild mit sehnsüchtiger
Erbitterung, -- aber er ist nicht mein Freund! Er wußte es trotz aller
Grüße und Komplimente, die ihm mit jenem unbegreiflichen Lächeln
ausgerichtet wurden, -- Meyer war nicht sein Freund. Nie war ein Mensch
von dieser gleitend geistreichen Art und dieser Selbstverständlichkeit
des eleganten Auftretens, nie war so ein beneideter sorgloser Plauderer
sein Freund gewesen. Sie schienen Geheimnisse zu wissen, diese Menschen,
deren Erwerbung ihn seine zwangvolle Jugend hatte versäumen lassen. Mit
Aufbietung aller Kräfte konnte er ein paar Stunden, einen Abend lang
Schritt mit ihnen halten, -- immer aber fühlte er, daß er Blöcke wälzte,
wo sie mit Bällen spielten, -- ja, ihre Zustimmung, ihre Bewunderung,
empfand er sie nicht meist wie Heuchelei, wie Hohn? Waren sie nicht
Feinde, glatte, glänzende Feinde, die hinter der Maske des Gönners ihren
Neid auf den bitter erworbenen Ruhm verbargen? Nein, Meyer war nicht
sein Freund. Aber ich will ihn lieben, dachte George, mit einer
fanatischen Umschaltung des Willens, ich will ihn lieben, denn ich
gehöre Theresen. Ich gehöre Theresen, dachte er verzweifelt, und was
wäre ich, wenn ich mein Herz nicht in ihres fügte, wohin es immer gehen
möge?
Assad also, morgens, mittags und abends. Assad um Mitternacht, in
Augenblicken, da die Welt völlig versunken zu sein schien vor dem Glück
der gegenseitigen Nähe. Ja, Assad selbst in solchen Augenblicken! »Der
arme Assad, Georgie, er ist immer so allein!«
Therese, hatte George bei Gelegenheit dieses Ausspruches sich selber
innerlich zugerufen, -- er mußte etwas in sich überschreien; es war da
nichts zu jammern, für sein Herz, o nein! -- Therese ist ein Kind,
wahrhaftig, sie ist ein Kind! Und sich herumwälzend, daß er nahe neben
ihr lag, den Kopf in die Hand gestützt und ihr eindringlich in die Augen
blickend, sagte er: »Therese, Assad ist gar nicht allein. Du bist seine
Freundin, ja, wir lieben ihn, aber wir sind nicht die einzigen, die das
tun. Du weißt es doch. Assad hat viele Freunde.«
»Assad hat viele Freundinnen«, fuhr er fort, mit uneingestandener
Genugtuung bemerkend, daß Theresens Augen sich weiteten und sie seinen
Worten entgegensah mit einem hilflosen Beben ihres Mundes, das ihm ein
sonderbares Gefühl der Macht über ihr Herz gab, ein sehr seltenes,
berückendes Gefühl, -- »du weißt es doch, wie wir alle in Göttingen es
wußten: Assad fliegt von Blume zu Blume, er ist ein schöner
Schmetterling.«
»Meinst du?« fragte Therese tonlos und ihre Augen wanderten, -- »ja, du
magst recht haben ...«
Sie duldete seine Liebkosungen. Er fühlte müde kleine Hände seinen
Nacken streicheln und überließ sich besinnungslos der Zärtlichkeit, die
aus seinem Herzen brach. Er lag, veratmend, neben ihr, die Stirn an
ihrer Schulter, fühlte sein Blut so sanft, wußte: nun kommt Schlaf, --
da hörte er ihre Stimme:
»George«, flüsterte sie, »du und Langmayer, ihr glaubt es nicht, -- aber
wenn ich dennoch stürbe ...«
»Therese!«
»Ich weiß, Freund, ich weiß, -- du ertrügest es nicht. Und ich muß
leben, deinetwegen. Aber dennoch, -- was ist unser Wille? Und _wenn_ ich
stürbe und du gehst allein nach Deutschland zurück, -- geh zu Assad,
George, er wird dir wohltun, er wird um mich weinen, -- er kannte mich
gut, -- obschon ich weiß, er hat viele Freundinnen ...«
Therese dachte an ihren Tod. Therese dachte an Assad. Aber nun atmete
sie im Schlummer wie ein Kind, und George wachte und starrte ratlos in
die Nacht.
* * * * *
Des Morgens frühe mit der Sonne auf, einen Gang durch das Gärtchen
getan, Zwiesprach gehalten mit den guten Geistern der Erde, den Teller
voll Obst mit Milch, seien's Himbeeren, seien's Erdbeeren geschluckt,
wie es der wackere Sömmerring verordnet hatte zur Reinigung des
Geblütes; ausgeruhten Kopfes alsdann am Schreibpult gestanden und bis
zum Frühstück die Übersetzung der Reisebeschreibung Cooks um ein paar
saubere Seiten gefördert, das war der Auftakt zu jedem fruchtbaren
Arbeitstag, -- oh, nun seit Monaten schon! Das kurze Beisammensein mit
Therese am Tisch, von gutem Gespräch belebt, etwa über die Frage, ob
Therese, die Tochter, -- da war sie, da schrie sie, da näßte sie Windeln
nun fast schon ein Jahr lang und war kein Junge und doch so
unbegreiflich lieb, -- ob dieses annoch lallende Würmchen würde Polnisch
lernen müssen oder nicht. Und da Polnisch so viel hieß wie Katholisch,
bewahre sie also der Himmel! Ja, die Pfaffen strichen ums Haus wie die
Aasgeier, fand Therese mit großen Augen streitbar, da war besonders so
ein langer, dürrer mit spitzen Ohren und knolliger Nase, der versuchte
seit gestern die Liese in Gespräche zu verwickeln, wenn sie das Kind
spazieren trug, -- näherte sich ihr mit Blumen in der Hand ...
»Es war der Pater Liborius, er brachte mir ein paar Zypressenzweige für
die Raupen von ^Deilephila euphoribae^ und konnte unsere Wohnung nicht
finden,« sagte George begütigend.
»Gleichviel. Es sind alles Vorwände! Wölfe in Schafskleidern!« grollte
Therese. Nun, von solchen Gesprächen, die auch um die Politik der
Kaiserin gegen die Türken, oder um die Heiratsprojekte des guten
zögernden Sömmerring oder um die Anmaßung des Herrn Kant in Königsberg,
über die Verschiedenheit der Menschenrassen mitreden zu wollen, oder um
die Schlamperei der Langmayer, ein ergiebiges Thema! -- gehen mochten,
-- von solchen Gesprächen also erfrischt und gestärkt nach je einem
Kusse auf die Stirnen von Weib und Kind wieder das Kabinett aufgesucht,
Folianten gewälzt, Papier gefalzt, mit der Feder geraschelt, kurzum
betriebsam gewesen, Material zusammengetragen für die Elementarlehre des
Naturreichs für Schulen, zu der der große Camper in Harlem ihn angeregt
hatte, an den Ausarbeitungen der Vorlesungen über Mineralogie im
kommenden Semester geschrieben ... Zwischendurch auf und niederwandelnd
mit sich selbst über Mendelssohns »Morgenstunden« deraisonniert, sich im
Geiste mit Lessing und Jakobi darüber auseinandergesetzt und sich in der
Stille der eigenen Klarheit gefreut, -- auch sich Notizen gemacht für
einen Brief darüber an Sömmerring; -- Lavatern abgetan, der ein
Schwärmer war und blieb, zu Cagliostro gehörte, zu Schrepfer, Gaßner und
ähnlichen; endlich noch vor Tische den Bisonskopf, den der junge
Studiosus von Howen am Morgen gebracht hatte, zum Versand an Sömmerring
präpariert und mit Langmayer ein weniges über die Struktur des
Wiederkäuerschädels geschwatzt, -- ha, war das nicht exemplarisch der
Vormittag eines Mannes im Zenith seiner Kraft, auf der Höhe des
geistigen Schaffens? Im Sommer schien auch in Polen die Sonne und reifte
die Saat; ein Mann, mochte er in der Welt stehen, wo ihn das launische
Schicksal hinwarf, er fand seinen Wirkungskreis, und Befriedigung quoll
einzig aus dem stolzen Gefühl des eigenen Busens. Die Welt, die ihn eine
Weile vergessen zu haben schien, hatte sich seiner mit Heftigkeit wieder
erinnert, wie ihn dünkte, und wenn die Nachmittagsstunden nach kurzer
Ruhe der Abfassung populärer gelehrter Aufsätze für die deutschen
Journale, sei's für die Göttinger Anzeigen, für Bertuchs »Journal für
Luxus und Mode« oder für Lichtenbergs Kalender, und der Erledigung der
Korrespondenzen gewidmet waren, so war's eine knappe Zeit zu nennen,
gemessen an der Überfülle dieser Arbeiten. Immerhin, er beherrschte
jetzt die Materie, es war Methode in seiner Art, den Stoff zu
überschauen und zu gliedern, sein Stil war geschmeidig und ein
brauchbares Werkzeug, um die spröde Masse der Wissenschaft in Anschauung
umzusetzen. ^Industria lapis philosophorum!^ dachte er, mit einem
verlorenen Lächeln auf seine Niederschrift gebeugt, -- freilich, jetzt
wandelte er Blei in Gold! Therese, -- das Kind, -- sie wollten leben und
sollten es gut und sorglos. Therese brauchte nicht zu wissen, wie sehr
ihn die Ansprüche des täglichen Verbrauches auf einmal überstürzten.
Therese sollte leben wie die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter
dem Himmel! Eine Hütte, ein Gärtchen mit Bohnen, Erbsen, Kohl und
Spinat, eine Rosenlaube und Astern, ein Stückchen Feld, eine Ziege im
Stall, grobe Schuhe und ein kamelottenes Kittelchen, -- freilich, so
schwärmte sie, dachte er gerührt, nicht besser wollte sie es haben,
arbeiten wollte sie Tag und Nacht für ihn und das Kind! Wer aber kannte
das Idyll von der Hütte und dem Stückchen Land und der Ziege im Stall
besser als er? Oh nein, er war nicht Reinhold Forster, der sein Weib
arbeiten ließ wie eine Magd, oh nein, Wilna sollte kein zweites
Nassenhuben sein! Und dann, -- er lächelte ein wenig, -- »eine Hütte«,
sprach sie, und: »Georgie, der Michal frisiert wie ein Stallknecht, ich
kann seine Hände nicht an mir ertragen, und die Marischa ist so
schrecklich katholisch und schmutzig, -- ob wir uns nicht doch den
Mühlhausen aus Cassel verschreiben?« Und: »Georgie, ich wollte es nur
gesagt haben, es steht eine Chaise zum Verkauf beim Starosten Rubinski,
-- sie, die Rubinska, ließ es mir sagen, -- nun, ich will dir nicht
zureden, aber die große Kutsche hängt so schlecht in den Federn, das
Röschen weint bei den Stößen, wenn wir spazieren fahren ...« Und:
»Georgie, der Schwarz fährt zur Messe nach Leipzig, ich gebe ihm Auftrag
für ein Stück Bielefelder Leinen, du brauchst Nachtcamisöle, Georgie.
Und, -- nun ja, meinst du nicht auch, man könnte eine neue
Kaninchenkatze für mich brauchen?«
Die Kaninchenkatze war Theresens Muff, sie hatte sich im vorigen Winter
immer die räudige Katze schelten lassen müssen, weil sie irgendwo einen
kleinen abgeschabten Fleck hatte. Die Langmayer besaß einen Zobelmuff.
»Man könnte mit der räudigen Katze einen herrlichen Fußsack füttern,«
sagte Therese nachdenklich, »man kann nicht genug Fußsäcke haben!« Und
plötzlich umschlang sie ihn von rückwärts, legte ihre Wange an seine,
lachte ein wenig und: »Georgie,« flüsterte sie, »darf die neue
Kaninchenkatze aus Zobel sein?« --
George ließ die Feder rascheln, rascheln, rascheln. George lächelte über
seiner Arbeit, hustete, hielt inne, hob den Kopf und lauschte auf die
Geräusche im Hause. Röschen weinte, aber nur einen Augenblick. Dann ging
die Wiege, dann lachte Therese, dann jauchzte das Kind. George lächelte
wieder, er lächelte bewußt und ächzte gleich darauf ein wenig, ohne es
zu wissen, während er fortfuhr, zu schreiben. Der Affenbrotbaum, oh, ein
ergiebiges Thema! War es nicht verdienstlich, die deutsche Leserwelt
über den Affenbrotbaum und seine Eigentümlichkeiten zu unterrichten, und
trug dann für ihn dieser Wunderbaum nicht seltsame Früchte,
Nachtcamisöle und eine Kaninchenkatze aus Zobel?
>Ich werde Spener um einen Vorschuß bitten müssen, wohl oder übel,<
dachte George, während er aus der ihm mühelos gehorchenden Anschauung
heraus die Sätze halb mechanisch entstehen ließ; >er bot es mir ja
selber an.<
Spener war der Buchhändler in Berlin, in dessen Hand die Fäden von
Georges wissenschaftlichen Arbeiten zusammenliefen; ein Mann, der wohl
wußte, was er an seinem Forster hatte.
>Oh, mein Teurer,< dachte George weiter, >aber glauben Sie nicht, daß
ich mich als Ihr Sklave in den Bergwerken der Wissenschaft zugrunde
arbeiten werde!<
Seitlich blickend hing er eine Minute der Erinnerung seiner Einfahrten
in die Harzer Bergwerke mit Trebra nach, damals auf der wunderschönen
Reise nach Wien -- seltsames Labyrinth im Bauch der Erde, oh, aber
still, -- so still! Erzadern blinkten, irgendwo tropfte Schlaf ...
Therese wußte nicht, was Arbeit war, Therese hatte hundert
Handfertigkeiten, die sie übte wie Wandeln und Atemholen, Therese
pflegte ihr Kind unter Tanz und Gelächter, Therese hatte geistreiche
Einfälle und ließ sie spielen wie Schmetterlinge, Therese schwärmte und
weinte süße Tränen und schrieb Briefe, -- Briefe -- Briefe ...
Nein, Speners Sklave war er nicht --, Speners Sklave nicht.
Aber was wurde eigentlich aus ihm, fragte er sich manchmal dumpf
staunend, aus ihm, der aus dem Reich der großen Geister, das Deutschland
bedeutete, verschwunden war in die polnische Nacht, unter ein Volk von
weniger als neuseeländischer Kultur, dessen geistige Gestirne bisher
Pfaffen, französische Vagabunden und italienische Taugenichtse gewesen
waren? Dessen Adel die unbedenklichste Roheit mit französischer
Superfeinheit verbrämt zur Lebensart erhoben hatte, in seinen
prunkstarrenden Assembleen das Pharao als einzige Motion der Köpfe
betrieb, von Konversation nichts ahnte, Kunst und Wissenschaft
verachtete, -- was wurde aus ihm in dieser Atmosphäre, ohne geistig
ebenbürtige Freunde, ohne Austausch, -- was konnte aus ihm werden als
der Sklave einer Arbeit, die, er wußte es wohl, nur zweiten Ranges war?
* * * * *
Ein Abendessen im kleinen Kreise guter Freunde, ein Zusammensein in
Heiterkeit und Herzlichkeit bei vorzüglichem Essen und gutem Gespräch,
-- bis Mitternacht bei dampfendem Punsch um den summenden Samowar
gesessen, gelacht, gesungen, ein Spielchen getan, -- dies, sinnierte
George, als er an einem Januarabend Anfang 1787 bei Kerzenlicht noch
einmal an seinem Pult stand und Ordnung unter den Papieren machte, wozu
er vorhin in der Eile nicht mehr gekommen war --, dies ist's, was nach
einem angestrengten Tage wahrhaft Erholung und Harmonie des Gemütes
verschafft! Er pfiff mit vergnügtem Gesicht ein wenig vor sich hin, er
hatte den Spleen gehabt und seine Satire gegen Polen spielen lassen,
trotz der Gegenwart von Régnier und Strzecky, Langmayer hatte ihn grob
und ehrlich unterstützt und wahrhaftig, Régnier hatte den früheren
Kammerdiener nicht verleugnet und war geschmeidig auf den Ton des
Gastgebers eingegangen, bis ihn ein Wort von Langmayer auf die Nase
traf, wie die Eichel den Bauern, der unter der Eiche schlief: Oh ja,
Land, miserabeles, wo es genügt, hohe Herren gut rasiert zu haben, um
Professor der Chirurgie zu werden! Régnier, der ehemalige ^valet de
chambre^ des Fürstbischofs und nun sein, eines Forster, Kollege an der
^Alma mater^, haha, er hatte zum ersten Mal seiner gascognischen
Schlagfertigkeit entraten und es hatte der ganzen Gewandtheit Theresens,
der ganzen erschrockenen Milde des Präsidenten bedurft, um die
Konversation wieder in harmlose Bahnen zu leiten, etwa, -- Himmel, wie
weit holte der gute alte Mann aus! -- zu den Sternen der südlichen
Hemisphäre und der ^Aurea australis^. Da war George nun freilich ins
Schwärmen geraten und dann hatte er wieder einmal des eigenen Wesens
Schatz verspürt, aus dem heraus er unerschöpflich geben konnte, hatte
wieder die Augen des ganzen Kreises gläubig und hingerissen auf sich
gerichtet gesehen, besonders die der Langmayer und der Régnier, die,
aufgeplustert nebeneinander auf dem grünen Kanapee sitzend, bisher
unermüdlich miteinander geklatscht und gekakelt hatten und den
Zwischenfall überhaupt nicht bemerkt ... Lieber Gott, das waren doch
gute Kinder, die Langmayer in ihrer allerliebsten Rundlichkeit, die
immer so viel Heimweh nach Kipfeln und Backhähndeln hatte und ihn mit
ihrer Mundart und Molligkeit immer an die kleine Mimi Born denken ließ
--, die Langmayer eben, mit der alle Unterhaltungen unfehlbar auf den
einen elegischen Schluß hinausliefen: »Es gibt halt nur ein Wien, --
geltens, Herr Professor?« Und die Régnier, deren erstes Kind so alt war
wie das Röschen, schien schon wieder in der Erwartung, das rührte ihn
heute so. Régnier war ^au fond^ doch ein braver Kerl, wenn schon mehr
ein Feldscher als ein Mann der Wissenschaft, und er gönnte ihm sein
häusliches Glück. Häusliches Glück überhaupt, das war's, was einzig die
Erde zur Heimat machen konnte, möge diese Zufluchtsstätte liegen, wo
immer sie wolle, meinetwegen auf Feuerland --, oh, nein, unterbrach er
sich selbst erschrocken, aber jedenfalls, auch in Polen ließ es sich
leben und sterben, wenn einer in des andern Liebe den Schlüssel zum
Paradiese besaß. Seit Therese das Kind hatte, seit sie in der
körperlichen Prüfung des Wochenbettes durchaus nicht gestorben, sondern
mit verdreifachten Lebenskräften daraus hervorgegangen war, war sie da
nicht durchströmt von Zufriedenheit, schien sie nicht völlig aufzugehen
in dieser Verzückung für das kleine Wesen, schwiegen nicht seit langer
Zeit alle Wünsche nach Deutschland zwischen ihnen? Das Kind, dachte er,
in Zärtlichkeit verloren, o ja, das Röschen! Freilich, es sollte nach
Deutschland, wohin es gehörte, sobald seine Seele erwacht war, sollte
nicht hier verkümmern zwischen Sarmaten und Römlingen! Einstweilen war
ihm wohl, wo nur die Sonne schien, und -- auch in Polen schien die Sonne
und der Garten der Kindheit blieb hold und heimatlich im Schoße der
Erinnerung. War nicht ihm selbst sein dürftiges Nassenhuben eine Insel
des Friedens und der Reinheit, trotz allem?
Der späten Stunde vergessend, begann er, mit den Händen auf dem Rücken
auf und nieder zu schreiten. Wärme überkam ihn, Gefühl des Besitzes, der
Wurzelhaftigkeit. Er musterte die Bücherreihen, streichelte die Geräte,
die Möbel, die so schweigsam und bescheiden ihm dienten, mit den Augen.
Er liebte sie, er pflegte sie durch Ordnung, auch das kleinste Ding
hatte seinen festen Platz. Er hatte es erreicht, daß sein Tag sich mit
federndem Rhythmus abspielte. Weit hinter ihm lag das Nebelmeer der
Schwärmerei mit seinen Untiefen, er war ein Mann geworden, er stand
fest, er breitete sich aus. In dieser sonderbaren Stunde fühlte er sich
jeder Arbeitslast gewachsen. Er wollte nun Ernst machen mit der Ausübung
der medizinischen Praxis, womit er in innerer Unsicherheit immer noch
gezaudert hatte, obgleich er sich schon vor zwei Jahren auf der
Hochzeitsreise in Halle den dazu nötigen Doktortitel geholt hatte.
Langmayer hatte ihm heute wieder zugeredet, es zu tun, vielleicht nur,
um Régnier zu sekkieren, der der Vorstellung eines neuen Konkurrenten
mit säuerlichem Schweigen begegnet war. Nun, ich werde ja nicht
begehren, zu operieren, mein Herr Professor und Bartscher, dachte George
vergnügt, wohl wissend, welche Art der Praxis ihm in der Gesellschaft
von Stadt und Umgegend blühen würde, -- Damenpraxis, leichte, aber
einträgliche Fälle! Zweihundert bis dreihundert Dukaten für eine
glückliche Kur waren durchaus nichts Ungewöhnliches, er wußte es von
Langmayer; zwanzig bis fünfzig Dukaten waren gemeine Einnahmen. Oh, Gott
möge ihm verzeihen, wenn er's nicht rein aus Liebe tat, -- aber Polen
einst schuldenfrei verlassen zu können, war das nicht auch ein
gottgefälliges Ziel?
Ich muß es Therese erzählen, daß ich mich entschlossen habe, vielleicht,
daß es sie freut, dachte er, die Kerzen löschend und in der Dunkelheit
den vertrauten Weg ins Schlafzimmer suchend. Ob sie noch wachte? Wie
charmant sie heute Abend wieder die Wirtin gemacht hatte, war nicht
Strzecky, dieser alte Abbé, völlig verliebt in sie gewesen und hatten
nicht die Régnier und die Langmayer neben ihr gesessen wie schwerfällige
Lummen neben einem blitzenden wippenden Strandläufer? Am Ende hatte sie
am Klavizymbel gesessen und übermütig trommelnd ihn und die ganze
Gesellschaft zu unauslöschlichem Gelächter hingerissen, während die
Régnier den Präsidenten in seinem langen Priesterrock nach dem Marsch
aus den Deux Avares durch's Zimmer führte, verschämt-feurig mit den
großen Kirschenaugen rollend, während der Alte so zierlich trat wie eine
Dohle im Schnee und zu seiner eigenen Entschuldigung etwas vom Wandel
der Sphären dozierte und den König David namhaft machte. »Habens eine
Ahnung von ein Jesuitel!« hatte die Langmayer atemlos gekreischt, -- ja,
Therese, sie war ein Genie der Geselligkeit, es machte ihr Plaisir, die
Leute durcheinander zu bringen, und daß sie glücklich war, lag auf der
Hand. >Ich bin's, der sie glücklich macht,< dachte er noch gerade voll
Zufriedenheit, die Klinke schon niederdrückend, nachdem ein feiner
goldener Streifen am oberen Türrand ihn belehrt hatte, daß drinnen noch
Licht brannte. Und, so dachte es in irgendeiner Unterströmung seines
Wünschens, -- die Régnier ist schon wieder in anderen Umständen ...
»Therese!« rief er halblaut und erschrocken aus und war mit zwei
Schritten neben ihr, »was ist dir, Kind?«
Sie saß auf dem Bettrand, die Ellenbogen auf den Knien, das Gesicht in
die Hände vergraben. Jetzt, da er, ratlos, den Arm zart um ihre zuckende
Schulter legte, wandte sie sich hastig ab, warf sich in die Kissen und
schluchzte weiter, schluchzte wie von Eruptionen einer körperlichen
Verzweiflung geschüttelt, schluchzte wie ein Mensch, der sich nun einmal
auf Gnade und Ungnade einer dunkelen Gewalt überlassen hat, die er sonst
zu bändigen pflegt, ja, hingegeben schluchzte Therese, hingegeben an
diesen Ausbruch einer wilden Traurigkeit, darin rasend, taumelnd,
schreiend in einer Art bacchantischer Gelöstheit, mit den Händen
schlagend, den Kopf drehend und zurückwerfend, Laute ausstoßend, hohl,
drohend, anklagend, als stände sie nackt vor Gott und wiese ihm
ungeheures Elend, -- so schluchzte Therese, -- Therese, die ein Kind
war, lachend sonst, schwärmend, spielend, Therese, die glücklich war,
die er glücklich machte, Therese ...
George, in namenlosem Entsetzen, zurückgebogen nach dem Fußende des
Bettes, die Arme steif von sich gereckt, die Hände ineinander gerungen,
erstarrt in der eisigen Strömung dieser fürchterlichen Offenbarung,
George stammelte hilflos, mit kleiner Stimme, jammernd: »Therese! Aber
Therese ...«
»Oh!« rief Therese. »Oh! Oh!«