Therese -- erwartete ihn noch nicht zurück. --

* * * * *

Meyer hatte, den Pelz überwerfend, den Hut in der Hand das Zimmer

verlassen, in steif aufgerichteter Haltung, mit seinem starren Blick auf

ihn zutretend und sich sonderbar tief vor ihm verneigend, der

regungslos, das schlafende Kind in den Armen, unter der Tür stehen

geblieben war.

Therese, in dem erbarmungslosen Lichtkreis der beiden Armleuchter auf

dem Kanapee sitzend, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und duckte

sich zusammen, als könnte sie so den Zustand ihrer aufgelösten Frisur,

den ganzen Zustand dieser selbstvergessenen Stunde verbergen.

Er war mit dem Röschen ins Nebenzimmer gegangen und hatte es auf sein

Bettchen gelegt, in seinem wahnsinnig triumphierenden Schmerzgefühl, daß

er recht gehabt, ja, daß er dies erwartet und gewußt habe, doch noch

eine peinigende Beschämung für sie empfindend und den Wunsch, ihr Zeit

zu lassen. Er hatte gemeint, entsetzlich ruhig zu sein. Er war zu ihr

zurückgekehrt, die nun mit angstvollen Augen zu ihm aufblickte, hatte

gesagt: »Es ist nun genug. Ihr könnt euch haben. Ich fahre morgen mit

dem Postwagen nach Berlin. Du wirst dann von mir hören.«

»Oh, Georgie, -- oh! Ich weiß nicht, was du willst! Verzeih mir doch!«

»Du hast die Ehe gebrochen vom ersten Tage an!«

»Ich weiß nicht, was du willst!«

»Ich, -- o mein Gott! Ich war ein Narr, ein blinder Narr, weil ich

vertraute.«

»Es ist Freundschaft allein!« --

Er war um den Tisch herumgekommen, hatte sein Gesicht dem ihren genähert

und, ein Lächeln zeigend, das er noch fühlte wie ein tierisches

Entblößen der Zähne, hatte er in ihre entsetzten Augen hineingefragt:

»Und -- war's also auch -- Freundschaft allein, daß du mir das Röschen

geboren hast?«

»George!« hatte sie aufgeschrien, »jetzt vergißt du dich!«

»Wer hat sich wohl vergessen, -- wer? Und geh du nur zu deinem Vater und

klage mich an! Ich werde ihm schreiben!« --

* * * * *

Ich werde ihm schreiben, dachte er, während er Stunden um Stunden in der

Ecke des Postwagens hockte, die Füße auf dem treuen Mantelsack, in

Decken und Pelze gehüllt, ein einsamer unseliger Reisender durch den

ringsum starrenden Winter. Ich werde ihm aufzählen, was ich erduldet

habe, dachte er, heimgesucht und übermocht von all den Stunden

furchtbarer Ahnungen und Einsichten aus den letzten zwei Jahren, deren

Leiden er schweigend in sich abgetan und die er so gern verleugnet

hätte. Ach, immer noch. Denn da war diese irrsinnige Sehnsucht, jetzt,

gerade jetzt, Therese in seinen Armen zu halten und im Gefühl ihrer Nähe

zu erblinden im Überschwang der Zärtlichkeit, da war eine Bereitschaft,

zu verzeihen und zu vergessen, ja, die Schuld auf sich zu nehmen, gegen

die sein wunder Stolz vergeblich stritt, -- wenn nur ihre kleinen Hände

sich um seinen Nacken klammern wollten, und er sie hilflos werden wußte

vor ihm. Da war die weinende Erkenntnis, vorwärts zu müssen, immer noch,

die Gänge wurden enger und gewundener, ihre Wände dünner und die Stimme

des Minotauros wirbelte schwirrend und dröhnend, betäubend und

unwiderstehlich, griff sausend nach seinem Herzen, lockte, sog,

ungeheure Leere war in seinem Gehirn. »Ich bin ein nackter Mensch, -- o

nur ein nackter Mensch,« dachte er, dachte es ohne Grauen, voll der

Wollust des Versinkens. »Und Ariadne?« lächelte er stier, -- »sie kam,

aber ihre Hand glitt aus meiner. Ich finde hinein, -- sie findet hinaus,

-- sie findet hinaus ...«

Die Räder der Diligence nahmen das Lied auf.

* * * * *

Zwei Monate später fand er sich auf derselben Wegstrecke, Göttingen

wieder zugewandt. Gewaltsam hatte er seine Gedanken in diesen letzten

Stunden vor der Ankunft mit den Ergebnissen des Berliner Aufenthaltes

beschäftigt, hatte Unterhaltungen von Wert und Inhalt, wie sie sein

Gedächtnis aufbewahrt hatte, memoriert und Betrachtungen daran geknüpft,

hatte sich mit Biester und Nikolai in dem Handel gegen Starcke einig

gewußt und in der Erinnerung an seine Besprechungen mit Spener alle

guten Kräfte in sich lebendig werden gefühlt. Fuhr er nicht selbst nach

den Philippinen, o, so würde er sich ungleich müheloser in diese Breiten

versetzen, indem er für Spener die Geschichte vom Schiffbruch einiger

Engländer auf den Pelews-Inseln, erzählt von Mr. Keates, ins Deutsche

übertrug. Aber nicht etwa, daß er ausschließlich zu übersetzen gedachte!

Da waren botanische Kuriosa, die auf seine Feder warteten, um liebevoll

und sauber beschrieben zu werden; da war, in undeutlichen Umrissen zwar

noch, aber doch schon monumental am Horizont sich aufbauend, das Werk

über die Geographie der Südsee, über alles Denkwürdige, was zwischen

China und Peru zu finden war, das er der Welt schuldete. Dies alles

hatte er vor und noch viel mehr. Ein freier Mann nunmehr, da die

Kaiserin in großmütiger Weise trotz ihres Verzichtes auf seine Dienste

ihn aus seinen polnischen Verpflichtungen gelöst und ihn für seine

Wartezeit entschädigt hatte, -- eine Anstellung in St. Petersburg, die

ihm angeboten worden war, hatte er abgelehnt --, ein Mann, dem keine

Kette mehr am Fuß klirrte, hatte er seine Zukunft in der Hand und nie

wieder würde er sich an die Galeere schmieden lassen. Die Stelle des

Universitätsbibliothekars in Mainz war durch Müllers Aufstieg in das

Ministerium des Kurfürsten soeben frei geworden, Sömmerring hatte ihn

sogleich davon benachrichtigt, Müller begünstigte ihn. Er gedachte sich

zu bewerben, gedachte im nächsten Monat nach Mainz zu reisen, um sich

dem Kurfürsten vorzustellen, gedachte ...

Ich will es ihr leicht machen, durchbrachen seine Gefühle hier endlich

die mühsam aufgeworfenen Dämme der nüchternen Überlegung, will sie in

meine Arme nehmen, will zu ihr sagen: Es ist alles gut, mein Liebling,

weine nicht, nichts soll uns wieder trennen.

Allein im Wagen, wie er auch diesmal wieder war, drückte er den Kopf in

die Fensterecke und überließ sich seinen Gefühlen.

Dies also war das Ergebnis eines mit tödlich bittrem Pathos geführten

Briefwechsels zwischen ihm und dem Schwiegervater und schließlich auch

zwischen ihm und Therese. Nicht nur, daß er zurückkehrte zur Versöhnung

bereit, bereit, selbst Meyern zu vergeben, wenn dieser nur zunächst

seinen Weg nicht kreuzen wollte, -- hier saß er wiederum wie auf der

Hinreise, gebrochen, nach Versöhnung seufzend, lechzend nach der Wonne,

vergeben zu dürfen. Hier saß er, tränenüberströmt, sein Herz taute wie

draußen die Erde, hier saß er, dem Augenblick entgegenbebend, da er sie

wieder sehen, hören und fühlen würde ...

In den Göttinger Gärten blühten die Veilchen. Er ahnte es, er atmete den

Duft, er ging an der Mauer entlang, über die das Gartenhäuschen sein

spitzes, mit dem Pinienapfel gekröntes Dach hob, ging und dachte,

dachte: Ach, noch ein paar Schritte ...

Sie sollten sich im Hause der Eltern wiedersehen. Nun kam die

Gartenpforte, der Pfad zwischen den Buchseinfassungen der Beete, die

Glasveranda, -- ach, der Klingelzug ...

»Meine geliebten Kinder!« sagte der alte Heyne und erhob segnende Hände,

»meine geliebten Kinder!« O, würde er denn nicht hinausgehen? Er ging

hinaus, im langen grünen Hausrock, ein wenig schwankend vor innerer

Bewegung, und nun, -- wo war Therese? Er hatte sie wohl beim Eintritt

gesehen, ihre schlanke kleine Silhouette mit dem ein wenig zu großen

Kopf gegen das helle Fenster gelehnt, jetzt erst kam sie auf ihn zu, und

er erkannte, sie trug das Kleid aus tabakfarbenem Kaschmir, mit den

weißen Säumchen, das er nicht sehr liebte, eine gestickte Schürze und

ein Falbelhäubchen auf den ^à la hérisson^ frisierten Haaren.

Dies alles nahm er seltsam deutlich wahr und bemerkte selbst, daß die

Ärmel dieses, -- von ihm also nicht sehr geliebten, -- Kleides nach der

neusten Mode enger gemacht und verlängert worden waren, sah, daß ihre

Gesichtsfarbe auffallend frisch, ihre Lippen sehr glänzend rot waren,

daß da, indem sie mit einem unbegreiflichen schwebenden Tänzeln auf ihn

zukam, ein Zug von süßlichem Leiden, von irgend einem unaufrichtigen

Märtyrertum in ihrem Gesicht war, so stark, daß der Blick ihrer Augen

ein wenig verschoß, wie das dem Blick ihres Vaters angeboren war, -- sah

dies alles mit einem Zurückbeben des Herzens, ahnte über sich schwebend

den kommenden Schlag, machte eine Bewegung, ihrer Umarmung auszuweichen,

ihr zuvorzukommen, erkannte, es sei zu spät, ergab sich und empfing die

Worte: »Ich habe dir verziehen, George!« schweigend, auf ihre Hände

gebeugt, einer Versuchung, auf seine Knie zu fallen, mühsam

widerstehend. -- -- --

* * * * *

Er hatte sich, so meinte er, bei der Einrichtung dieser seiner beiden

Arbeitsräume in der neuen Wohnung zu _Mainz_ -- einem weitläufigen Hause

in der Klarengasse, nahe der Großen Bleiche und dem provisorischen

Bibliotheksgebäude, der alten Bursche, -- recht eigentlich von dem

Grundsatz bestimmen lassen, daß der äußere Mensch ein Symbolum, ein

Ausdruck und ein Abbild des inneren sein sollte oder doch wenigstens von

dem Idealzustand dieses Unsichtbaren. Kleidete er sich in diesem Sinne

mit peinlicher Gewissenhaftigkeit tadellos bis ins kleinste und

unterschied zwischen Haus- und Arbeitsrock, zwischen Besuchs- und

Straßenanzug, als sei er durch irgendwelche ihm allein bekannte

Dienstordnung an ein strenges Reglement in diesen Dingen gebunden, so

wollte er auch hier unter den zur Arbeit nötigen Gegenständen die

Ausstrahlungen eines Geistes wirksam sehen, der so klar und exakt tätig

war wie ein segensreiches Gestirn. Er lächelte. Er ging mit gleitenden

Schritten zwischen den beiden Stuben hin und her und sah sich

um. Die tahitianischen Rindenmatten an den Wänden in allen

Abstufungen von Weißgelb bis zu Braunschwarz mit ihrer seltsam

geometrisch-phantastischen Ornamentik taten ihm wohl. Die Kästen mit den

Mineralien, den Konchylien, den Insekten standen rechtwinklig

aufeinander getürmt mit Inhaltsvermerken versehen da. Übersichtlich

geordnet lagen in ihren neuen Gestellen, die der Meister Hefele so

überaus sauber angefertigt hatte, die Mappen mit den Herbarien, den

Kartenwerken. Und während George vor seinem besten Schatz, dem großen

Kartenwerk von Dalrymple, ein wenig verweilte, erkannte er plötzlich und

wandte sich wiederum lächelnd aus der Tiefe des Raumes den Fenstern zu:

O, nun wußte er, warum hier alles stand, wie es stand, warum dort der

lange Tisch vor die drei Fenster gerückt diese Einteilung trug, die

eines Schreibplatzes in der Mitte, eines Ortes für die Zeichengeräte,

für Winkel und Zirkel, für Stifte und Farbnäpfchen zur Rechten, für das

Mikroskop zur Linken ... O, er wußte ganz gut, wen er selbst sich hier

vorspielte, er lächelte darüber, er, der einzige Mitwisser dieses nicht

ungeschickten Darstellers der Rolle eines großen Menschen und

ausgezeichneten Gelehrten ...

Gleich darauf wandte er sich ärgerlich von seinen eigenen Gedanken ab

und ging zu dem hölzernen Barometer an der Wand, befragte die

Quecksilbersäule durch Beklopfen und stellte an ihrem ruckweisen Sinken

eine Übereinstimmung mit der Bedeutung der ziehenden Schmerzen in seinem

Fuß fest.

Es wurde Herbst. Es wurde Herbst und noch war es nicht erprobt, wie

seine Gesundheit dem Klima des Rheinlandes standhalten würde. Das

Geräusch der Haustür, die Schritte eines Ankömmlings auf den

Steinfliesen des Flurs, enthoben ihn diesen sorgenvollen Betrachtungen

seines müden Kopfes. Auf einmal stand er nebenan am Pult, über einen

angefangenen Brief an Jakobi gebeugt. Müller, falls denn er es sein

sollte, der ihn aufsuchte, nun endlich aufsuchte, durfte ihn nicht müßig

antreffen. Indes, auch als Eindruck für den jungen Huber, den die Magd

nun zu seiner leisen Enttäuschung anmeldete, war es günstiger, als

werktätiger Forster hier zu stehen, denn als träumender.

»Ich bin enchantiert, mein lieber Freund,« sagte George, dem Gast

entgegengehend und die tintennasse Feder von der Rechten in die Linke

wechseln lassend, um Hände schütteln zu können, »Sie stören mich ganz

und gar nicht, -- Sie erlauben nur, daß ich eine Schlußzeile ...«

»Diese Bücher werden noch anders geordnet,« redete er, eilig schreibend,

Sand streuend, salzend, siegelnd, »ich habe bestimmte Prinzipien der

Anordnung, die ich nun auch amtlich wirksam zur Geltung bringen kann.«

Er trat neben den Besucher, zog ein Buch aus der Reihe und reichte es

ihm. Der junge Huber, schlank, von wenig guter Haltung, schwarz

gekleidet wie ein Abbé, blätterte die Titelseite auf und richtete dann

sein blasses Gesicht mit dem Ausdruck liebenswürdiger Ratlosigkeit auf

Forster.

»Übrigens sind mir einstweilen die Hände völlig gebunden,« fuhr dieser

fort. »So lange die Entscheidung über ein neues Bibliotheksgebäude

höchsten Ortes nicht getroffen ist, lohnt es sich nicht, anzufangen.

Mein Gott, es verkommt alles in Staub, es ist nichts zu übersehen, es

existiert kein Katalog. Müller muß sich wahrhaftig kaum ... Aber lassen

wir das. Er hatte Besseres zu tun. In der Tat, wer hätte das nicht? Was

ich Ihnen da in die Hand gab, mein Teurer,« sagte er und nahm Huber das

Buch nachsichtig wieder ab, »ist eine interessante Reisebeschreibung des

Engländers George Keate, die ich zu übersetzen gedenke. Ich weiß, ich

weiß, Ihre Neigungen gehören der schönen Literatur und mehr den

Franzosen als den Briten.«

»Soll, sprach er, soll mein Albion vergehen ...« murmelte Huber und

strich sich mit der Hand verlegen über die Stirne.

»Sie meinen? Oh, Sie zitieren einmal wieder und vermutlich Ihren Abgott,

diesen Herrn Schiller, von dem ich noch so wenig weiß. Nun, dem werden

Sie abhelfen. Aber, was ich sagen wollte, -- die schöne Literatur samt

einer Tasse Tee finden wir drüben bei meiner Frau. Und außerdem

vermutlich Demoiselle Dieze und den jungen Herrn von Humboldt aus

Berlin, hier durchreisend nach Paris.«

»Ich bin so dankbar,« sagte Huber mit seiner bedeckten Stimme, »so

namenlos dankbar für dies Geschenk der Götter, das Ihr Wohlwollen mir

bedeutet! Mainz war öde für mich, ich fand keinen Anschluß, weder bei

Hofe noch in den gelehrten Kreisen. Ich bin ein Schwärmer ...« Er

lächelte inbrünstig vor sich hin und hob dann die schweren Lider zu

einem schnellen scheuen Blick in Forsters Gesicht. »Gewürdigt des

Umgangs mit einem Körner, einem Schiller, kann ich den seichten

Frivolitäten eines Heinse keinen Geschmack abgewinnen.«

»Und doch liebte ihn Fritz Jakobi!«

»Es wäre unbegreiflich, fänden sich nicht im »Woldemar« Fingerzeige für

gewisse Stationen des Geistes, die Jakobi durchlaufen hat. Er war nicht

immer, der er ist.«

»Nicht immer der tiefgrabende philosophische Kopf, als den ich ihn jetzt

kenne, -- oh, da haben Sie recht. Aber wollen wir nicht hinübergehen?«

»Ach, ein Gespräch zu zweien ist so unendlich viel fruchtbarer!«

»Sie sind wirklich ein Schwärmer! Und garnicht neugierig auf die Dame

des Hauses?«

»Ich werde mich glücklich preisen!« sagte Huber und legte die Rechte

aufs Herz, indem er seine große Gestalt sonderbar in den Schultern

fallen ließ und Forster folgte, wie ein Verurteilter.

* * * * *

Nachdem der neue Gast der Hausfrau und der Demoiselle Dieze vorgestellt

worden war, verneigten sich der Legationssekretär der sächsischen

Botschaft, Herr Huber, und der Doktor beider Rechte und der

Kameralwissenschaften, Herr von Humboldt aus Berlin, auf das artigste

vor einander und gerieten alsbald in ein höfliches Gespräch über den

Wert des Reisens, sonderlich einer Reise nach Frankreich, dem Fiekchen

Dieze mit schief geneigtem Kopf und leicht geöffnetem Munde andächtig

lauschte, während Therese sich an dem sausenden Samowar zu schaffen

machte, um frischen Tee zu bereiten, und George unruhig im Zimmer auf

und nieder wandelte. Da lehnten die Bildnisse der Großeltern Theresens

und sein eigenes, von Tischbein gemaltes, immer noch in einer Ecke an

der Wand. Die Gardinen waren glücklich aufgesteckt, Hammer, Nägel und

Schnüre jedoch lagen noch auf Stühlen und am Fußboden herum. Die

Bücherkiste mit der schönen Literatur stand noch unausgepackt am

Fenster, aber es war darin gekramt worden und die letzten Göttinger

Almanache waren aufgeschlagen auf dem Tisch zwischen den Tassen. Das war

nun einmal Therese, -- er dachte es ergeben und wußte es nicht, daß

seine Blicke zwischen ihr und den jungen Männern, denen sie jetzt mit

ihren hastigen Bewegungen den Tee reichte, hin- und hergingen. Das war

nun einmal Therese und so würde es auch noch morgen, auch noch in acht

Tagen hier aussehen. Denn, nicht wahr, Umzug war Umzug und gab ein Recht

auf Unordnung. Allerdings würden wie von Anfang an in allen Ecken Gläser

und Vasen mit buntem Laub, Herbstastern und Veilchen stehen, »^The

Resolution^«, aufgeklappt und mit beschriebenen Bogen bedeckt, würde von

Tätigkeit und Mitteilungsbedürfnis zeugen, wie die umhergestreuten

Bücher und Journale von Lesehunger, die angefangene Näharbeit dort von

häuslichem Fleiß. Und ganz allmählich und schonend würde die

Umzugsunordnung eben von der gewohnten, alltäglichen überwuchert und

abgelöst werden, in der Therese sich nun einmal ^à son aise^ fühlte, --

nun, er hatte ja seine eigenen Räume. Der junge Humboldt sah übrigens

vorzüglich aus, auffallend viel besser als Huber, auf dessen weichem

Enthusiastengesicht irgend ein Zug von Unfertigkeit oder Kindlichkeit

lag. Dennoch, er fühlte sich zu Huber hingezogen, mehr als zu dem breit

und fest gebauten Jüngling mit dem unerschütterlichen Blick der blauen

Augen und diesem starken runden Kinn. O, er hatte dieser Art von

Physiognomien mißtrauen gelernt, Erinnerung dunstete durch seine

Gedanken wie Krankheit. Er rückte seinen Stuhl nahe an Hubers heran und

legte ihm die Hand auf den Arm. »Ein wahrer ^petit maître^, ein ganzer

Mann von Welt, dieser Herr aus Preußen, nicht wahr?« flüsterte er ihm

kopfnickend, mit leicht verzerrtem Munde zu und besann sich sogleich

unter dem gutwilligen, aber leicht befremdeten Lächeln, dem er

begegnete. Wohin geriet er immer? Er war wahrhaftig krank in seiner

Seele, und nicht mehr imstande, einen Menschen rein zu genießen. Therese

unterhielt sich, Therese unterhielt sich gut, und sollte er nicht froh

sein, sie nach Monaten wieder einmal unbefangen lachen zu hören? Was saß

er denn hier und grübelte darüber nach, daß ihr Lachen nicht mehr so war

wie früher, -- daß da ein neuer Klang, ein pathetischer Ton in ihre Art

zu sprechen gekommen war?

»Finden Sie Theresen verändert?« fragte er Fiekchen halblaut. Hatte sie,

die als Kind, ehe ihr Vater nach Mainz berufen worden war, Theresens

Gespielin, die später als junges Mädchen häufig mit ihr zusammen gewesen

war, dies auch bemerkt, dies, daß da eben nicht Therese saß, nicht

Therese, die heitere, junge, lachende, glückliche, sondern ihr Haupt,

ihr Haar, ihr Antlitz, ihr Körper, ihre Kleider, hinter denen ein

fremder Wille, eine fremde Stimme, ein fremdes Gelächter gespenstisch

agierten? Oh mein Gott, was sollte denn dieser betrübte, ratlos

zustimmende Blick des guten Sophiechens, dies: »Ich kann mir nicht

helfen, -- ja, -- ich finde es auch!« Und George sagte laut, irgendeinem

Schicksal, wie ihn dünkte, frech unter die Augen lachend: »Schöner

geworden, nicht wahr, -- schöner geworden, Mamsell Fiekchen!? Ja, ja,

die Ehe tut Wunder! Die Ehe tut Wunder, guter Freund, und Sie sollten

sich auch bald entschließen zu heiraten,« wandte er sich an Huber, »ich

höre, daß Sie mit der Demoiselle Stock verlobt sind. Ich lernte sie in

Dresden kennen, -- welch ein Mädchen, welche Qualitäten an Kopf und

Herz! Sie sind sehr zu beglückwünschen, wissen Sie das auch?«

Huber, dunkel errötet, ließ einen hilflosen Blick zu Fiekchen und dann

zu Therese gleiten. Diese, obschon in einem Wortgefecht mit Humboldt,

schien gehört zu haben, um was es sich handelte, und rief mit einem

sonderbar verächtlichen Ausdruck über den Tisch hinüber: »Du mußt einen

artigen Sklaven nicht an seine Ketten gemahnen, George!«

»Oh, oh,« stammelte Huber, verzückt lächelnd, »es ist nicht das, nicht

das!«

»Rosenketten also?«

»Ja ja! >Da band ich sie, da band sie mich mit Rosenketten< ...«

»Daß der Alte je so amoureuse war!«

»Klopstock, -- Klopstock, nicht wahr?« Fiekchen sah mit großen Augen

zwingend in Hubers hinein, dieser aber, seine Augen mit einer Art

stiller Standhaftigkeit auf Therese richtend, sagte langsam, von einem

Lächeln durchleuchtet:

»Weisheit mit dem Sonnenblick,

Große Göttin, tritt zurück,

Weiche vor der Liebe!

Nie Erobrern, Fürsten nie,

Beugtest du ein Sklavenknie,

Beug es jetzt der Liebe!«

»Ach, das ist Ihr Schiller!«

Therese griff ungeduldig nach einem der Almanache auf dem Tisch und

blätterte darin. »Ich kann den Enthusiasmus für ihn nicht teilen ...«

»Und doch ist er dem Geheimnis der Glückseligkeit so nahe,« sagte George

vor sich hin. »Er läßt seine Liebe aufgehen in dem großen Brand seines

Herzens für die Menschheit. Er vermag es.«

»Mein Freund?«

»Oh -- du meintest?«

»Ich meinte, ob du zu Ende wärest mit dieser Meditation und ob ich um

Gehör für meinen wackren Bürger bitten darf?«

Sie las. Sie las die Elegie. »Als Molly ihn verlassen hatte«, erntete

ergriffenes Schweigen, einen lyrischen Seufzer Hubers, fühlte sich

offensichtlich gelöst, blätterte, begehrte ein Licht, las weiter. George

sah auf sie hin, fühlte seine Brust unter ihrer Stimme erzittern wie den

Resonanzboden einer Geige, die Schärfe in ihm zerging, er atmete leicht

und glücklich, er staunte, daß sie schön wirkte, einzig durch den jetzt

seelisch entzündeten Glanz ihrer Augen. Er sah es wohl, daß sie sich

wieder und allen seinen Bitten entgegen geschminkt hatte, daß ihr Anzug,

dies grüne, weißgestreifte Hauskleid, im Widerspruch zu jenem Aufwand

der Eitelkeit stand, -- er war nicht blind dafür. Dennoch, -- hier war

Therese, -- und hatte sie sich verändert, jetzt zeigte sie es nur im

Ausdruck einer Tiefe der Empfindung, deren sie erst fähig hatte werden

müssen. Und George in einem törichten Frohlocken dachte in diesen

Minuten nichts, als: Sie ist mein, ich modelte ihr Herz, -- und die

Blicke der beiden jungen Männer, die, betroffen oder hingerissen,

verrieten, daß nicht nur er allein dem rätselhaften Zauber dieser nicht

schönen Frau erlag, gaben ihm ein Triumphgefühl des Besitzes. Einer

jener verhängnisvollen Täuschungen nachgebend, die ihn in diesem

Abschnitt des Lebens zuweilen überstürzten wie Lichtströme das Land an

einem wolkentreibenden Apriltag, meinte er sich eins mit ihr zu fühlen,

eins in einer reinen geistigen Luftschicht, in die sie durch den Dunst

niederer Ebenen hindurch gemeinsam sich empor gekämpft hätten. Hier, nun

wohl, standen sie Hand in Hand auf der Schwelle eines neuen Lebens;

dieser Abend, der erste in Mainz, der ihnen Gäste zugeführt hatte, war

von der Musik unsichtbarer Genien umspielt, Musen und Grazien hatten ihr

Haus in ihre Hut genommen. In den Stand der Gebenden, Austeilenden,

Überströmenden eintreten dürfen, ja, er war gewürdigt worden, es war nun

an der Zeit! Mochten Menschen wie Müller hochmütig oder abgewendet

fernbleiben! Hatte er auf ihren Umgang gehofft, er war der Enttäuschung

wohl gewachsen. Wenn nur jene kamen, die noch nicht des eignen Geistes

satt waren, wenn sie nur kamen, bereit, ihm seine Fülle abzunehmen, er

wollte sie wohl nähren und Theresens anmutiger und schöner Geist sollte

sie laben, wie der Flor eines Gartens. Huber sollte den Freund an ihm

finden, den er suchte, gerührt blickte er auf ihn, der dort mit einem

gläubigen Ausdruck knabenhafter Begeisterung an der Vorlesenden hing.

Ihm war, als sähe er sich selbst, zehn Jahre zurück, und fast wollte es

ihn mit wehmütigem Neid überkommen: hatte denn je über ihm so das

Göttergeschenk der Freundschaft eines Älteren, Gereiften geschwebt,

hatte er sich nicht von je einsam seinen Weg suchen müssen, führerlos

und Gott allein verantwortlich? --

Da Therese nun zu lesen aufhörte, stand er auf und eilte in sein Zimmer,

von dem Bedürfnis überkommen, auch etwas zu geben, und sich erinnernd,

daß Humboldt ihn nach seinen eigenen Arbeiten gefragt hatte. Er hatte

vorher in dem botanischen Kollegium geblättert, das er den Wilnaer Damen

gelesen hatte. Es waren doch recht artige Perioden darin, besonders in

den Vorlesungen, die von der Generationstheorie handelten, er traktierte

das Ding so aus dem Handgelenk, leicht, fast amüsant, ohne doch im

geringsten aufzuhören, der Forster zu sein. Er kehrte zurück, das

Manuskript in der Hand, fand das Röschen, das inzwischen hereingebracht

worden war, auf Humboldts Knien sitzend und diesen bemüht, den

ernsthaften kleinen Mund des Kindes zum Aussprechen seines Namens zu

bewegen: »Wilhelm!« sagte er ihm lächelnd vor, »Wilhelm!«

»Wilhelm ...« wiederholte Therese sich vorneigend, und, im Schatten der

Zimmertiefe verweilend, erkannte George im Innersten betroffen den

spähenden ruhelosen Blick ihrer Augen, den bebenden Ton ihrer Stimme,

und wußte plötzlich, was da vorhin ihrem Lesen Klang und Zauber gegeben

hatte, es war ihr verborgenes Herz gewesen, das unablässig jenen Namen

anrief, unablässig, -- ihn, den er selbst so gewaltsam hinter sich in

die Vergessenheit getreten hatte. -- --

Er hatte nicht mehr vorgelesen. Er ging in seinem Zimmer auf und nieder,

im Schein der Kerzenflamme glitt sein Schatten an der Wand entlang, der

Schatten eines alten Mannes, von dem sein Auge müde abschweifte. Sein

Kopf schmerzte, seine Glieder waren schwer. Die anderen waren noch

hinaus in die klare Herbstnacht gegangen, um die Sterne sich im Rhein

spiegeln zu sehen. Er scheute die feuchte Luft, er war zurückgeblieben,

er ging hier zwischen seinen Büchern auf und ab in der Gesellschaft

eines müden, gebückten Schattens. »O, -- du hast wieder Schmerzen,

lieber Freund?« hatte Therese gleichmütig gesagt. Ja, -- glaubte sie ihm

nicht einmal die Schmerzen mehr?

* * * * *

»Ich habe vielleicht allzuoft in meinem Leben unter derartiger

Gesellschaft sein dürfen, um dies als ein besonderes Glück zu schätzen,«

erwiderte George lächelnd auf die Frage Theresens, wie er es denn

ertragen könne, hier oben auf der Galerie unter den Geduldeten zu

sitzen. Er hatte den Arm auf die Brüstung gestützt und blickte von der

Seite in ihr Gesicht, das angeregt und unzufrieden zugleich auf die

glänzende Versammlung unten im Akademiesaal des Schlosses hinabspähte.

Das Scherzo einer Haydnschen Symphonie hub soeben mit den rasch sich

folgenden Einsätzen der Streichinstrumente und Flöten an, als begänne

ein lustiger Wettlauf leichter Kinderfüße über eine Frühlingswiese.

Therese hielt eine Antwort auf der Zunge zurück, seufzte ungeduldig auf

und schloß die Augen, gelangweilt oder genießend. George, musikmüde, wie

stets gegen Ende eines Konzerts, sah zu Sömmerring und Wedekind hinüber,

die an ihrer anderen Seite saßen, beobachtete ein wenig die amtlich

gesammelten Mienen, mit denen die beiden Mediziner den Genuß dieser

kurfürstlichen Samstagsveranstaltung entgegennahmen, ließ seine Augen

über die andächtigen oder zerstreuten Mienen der hier oben sitzenden

bürgerlichen Gesellschaft schweifen, nickte dem kleinen eleganten

Professor Dorsch zu, der auf seinem Stuhl wippend mit seiner Dose

spielte, tauschte mit Fiekchen Dieze einen Blick lächelnden

Einverständnisses über die neben ihr sänftlich eingeschlummerte Frau

Mama, geriet selbst ein wenig ins Gähnen und starrte zum Plafond des

Saales empor, der, von den olympischen Ausgeburten Januarius Zickschen

Geistes bedeckt, ihn einlud zum Verweilen zwischen Wolkenhügeln und den

rosigen Nacktheiten unbefangener Göttinnen. Er fühlte sich irgendwie

bedrängt von dem atmenden Schweigen dieser orphisch gebannten

Menschheit, als sei er der einzige Wache unter lauter Bezauberten.

Dennoch wußte er, da saßen sie nun und enthielten sich der Worte, der

Bewegungen, schillerten in den Farben ihrer Kleider, ihrer Edelsteine,

im Glanz ihrer leuchtenden Haut, wie Frau von Coudenhoven dort unten an

der Seite des Kurfürsten und der Kreis ihrer Damen, -- hatten scheinbar

sich selbst und die Welt vergessen und verhielten sich in dem

strahlenden Licht der Kronleuchter reglos, als sei die Mainzer

Hofgesellschaft nichts als ein pflanzenhaftes Produkt der Natur von

pfauenhafter Buntheit, -- zuckten aber mit unzähligen Herzen, dachten

mit unzähligen Häuptern, konnten den Augenblick der Entzauberung nicht

erwarten, da das Orchester verstummen würde, brüteten über den Sätzen,

mit denen sie sich selbst wieder vernehmen lassen und hören würden: ganz

gut, Herr Haydn, ganz gut, aber Sie hatten allzulange das Wort!

Sieh, der Kurfürst beugte sich bereits zu seiner Freundin hinüber und

flüsterte ihr etwas zu. Die Symphonie, ohne Pause in das Rondo

hineinstürzend, verwirbelte in Kreiseltänzen wie ein lerchenhaft

enteilender Himmelsbote, von dem in Raserei verfallenden Kapellmeister

gejagt. Überall bewegten sich die Köpfe, die Schultern, kam Leben in

starre Gesichter, wurde Beifall bereit gestellt. Der Coadjutor Dalberg

tauschte Kennerblicke mit Heinse, und Müller, der bis jetzt in sich

versunken, den ^chapeau bas^ unter dem Arm, an einem Fensterpfeiler

gelehnt hatte, hob plötzlich den Kopf und sah ohne umherzusuchen zu

George auf, der ihm mit einem grüßenden Lächeln begegnete. Nun, -- dies

war wieder etwas, wie die ab und zu gewechselten französischen Billets

sachlichen Inhaltes, etwa über ein Buch aus der Bibliothek, die manchmal

so überraschend emphatisch schlossen, »^tout à vous, de coeur et

d'âme^,« oder geheimnisvoll verhalten mit dem lateinischen »^Tuus^«,

»^Totus tuus!^«, das wie eine Schwurformel der Verbundenheit klang.

George, noch immer an der einsamen Gestalt dort unten hangend, die sich

längst von ihm abgewandt hatte, gab sich mit einem unbewußten Seufzer

nach. Er verstand diesen Mann so wenig wie nur je. Er sah ihn ab und zu

im Fluge bei Frau von Coudenhoven, wenn er ins Schloß kam, um dem jungen

Coudenhoven das wöchentliche Privatissimum zu lesen. Hier fand er Müller

zuweilen, plaudernd und anscheinend ganz ^à son aise^ in dieser

Atmosphäre höfischer Geselligkeit, in der George nur beklommen atmete.

Im übrigen lebte er einsiedlerhaft, amtlichen Geschäften und

wissenschaftlichen Arbeiten hingegeben, ließ jeden Besucher abweisen und

-- nun ja, er lächelte George zu und schrieb ihm Billets, aber er entzog

sich seinem Umgang und schien es nicht wissen zu wollen, daß ungehobene

Schätze in dem Gebirge lagen, das zwischen ihnen beiden sich türmte. --

»Wir werden«, flüsterte George Therese zu, »mit Huber nach Hause gehen

müssen, er machte mir vorher ein Zeichen, er sieht auch jetzt hinauf.

Aber du sahest wohl schon?« Und mit uneingestandenem Befremden bemerkte

er ein Lächeln in ihrem Gesicht, das dem Legationssekretär galt, der, im

schwarzen Hofkleid, die Hand am Degen, hinaufgrüßte.

Therese wandte sich an Wedekind. »Wo ist Ihre Schwester, Hofrat?« fragte

sie Sömmerring ungeduldig, wenn schon mit lächelndem Kopfnicken den

Umhang abnehmend, den dieser mit umständlicher Höflichkeit bemüht war,

ihr um die Schultern zu legen. »Wo ist Meta? Ich wünschte sie mir für

den Heimweg, -- oh, wer kann immer unter Männern atmen?«

Sie lachte kurz auf, George, Sömmerring und Wedekind nacheinander mit

den Blicken streifend und nun Huber entgegensehend, der heraufgekommen

war und sich der abflutenden Menge entgegendrängend den Weg zu ihnen

suchte. In der Umrahmung des russischen Baschliks wirkte ihr Gesicht

zart, in den Augen lag noch das innerliche Lodern, das Musik hier stets

entfachte. Wedekind sagte in langsamem Hannoveranisch: »Meta fühlt sich

nicht disponiert unter Menschen zu gehen. Sie hatte Briefe, die sie

aufgeregt haben, sie bekam Kongestionen. Ihre Affäre zieht sich hin.«

»Herr Forkel ist ein Oger«, sagte Therese leichthin, »welcher redlich

Denkende besteht auf einem Besitz, der nur noch auf dem Papier Existenz

hat? Oh, ist er denn ein Sklavenhalter? Was meinen Sie, Huber?«

»Daß unsere Freundin frivoler redet als sie denkt.«

»Ah, ^mon Dieu, -- comme il est cérémonieux!^«

»Ich werde Meta heute abend noch zur Ader lassen«, sagte Wedekind steif,

indem sie die Treppe hinunterschritten, »es wird ihr den Kopf klären.

Forkel ist in seinem Recht.«

»Ich bin nicht dafür, den Weibern so viel Blut zu entziehen«, gab

Sömmerring den Auftakt zu einem medizinischen Gespräch, das auf der

Straße fortgesetzt wurde. Forster schritt stumm nebenher, von

unerklärlicher Traurigkeit befallen. Er dachte: »mitunter steigen Worte

aus Abgründen auf und verraten alle Schrecken der verborgenen Tiefe.

Sage auch ich zuweilen solche Worte?« Er wünschte, stehen zu bleiben und

sich Therese und Huber zuzugesellen, die hinter den drei Herren gingen,

aber er tat es nicht. Er schritt gesenkten Hauptes, kraftlos. Sömmerring

war bei seinem Lieblingsthema, der Schädlichkeit der Schnürbrüste für

den weiblichen Körper, angelangt. Huber dahinten sagte soeben in seiner

zögernden Sprechweise zu Therese:

»Jeder Mann, er sei denn von Natur ein Mönch, wird der geliebten Frau

eher einen Fehler des Herzens oder ein Versagen des Kopfes nachsehen,

als einen körperlichen Defekt, der sich dem Bewußtsein zu jeder Minute

aufdrängt.«

»Und wer ist jetzt eben frivol zu nennen?« hörte George zu seiner

Befriedigung Therese fragen. In der Tat, durfte der Verlobte eines

köstlichen Mädchens, wie es die ein wenig bucklige Dora Stock war, so

sprechen?

»Ich bin nicht frivol. Ich bin ein Unglücklicher.«

»Und warum erzählen Sie mir das? Oh, ich verstehe. Ich scheine Ihnen

stark genug, um andere zu tragen. Aber ich warne Sie, mein Freund. Ich

bin weder stark noch mitleidig. Vielleicht, daß ich es einmal war. Oh,

-- vielleicht ...«

»Warum sich immer eines kalten Herzens rühmen?«

»Werden einer Frau die Fehler des Herzens nicht leichter verziehen?«

George blieb jäh stehen.

»Du solltest in der kalten Nachtluft nicht sprechen, meine Liebe«, sagte

er und zog ihren Arm durch den seinen, »der Hornung ist ein tückischer

Monat für eine zarte Brust.«

Er redete hastig, sich selber unbewußt. »Huber, Sie kommen mit uns. Sie

teilen unsern Abendtisch. Ich weiß, Sie haben einen neuen Akt in der

Tasche, Sie brennen darauf, ihn uns mitzuteilen, wie wir es kaum

erwarten können, ihn zu hören. Ist's nicht so, Therese? Ich habe einen

herrlichen Brief von Jakobi, ich muß ihn Ihnen mitteilen, er rouliert

ganz auf den Begriffen des Wahren, Guten und Schönen ...«

* * * * *

Denn dieser Huber war ein Mensch, dem man es nachsehen mußte, daß er den

Inhalt seines Busens zu Tage brachte, wie das Meer Muscheln, Schätze und

Leichen an den Strand schwemmt, sei dieser Strand nun inselhaft lieblich

umgrünt wie das Herz einer Frau oder eingedämmt und stark wie die Brust

des männlichen Freundes. Therese, meinte George zu fühlen, war ganz mit

ihm einig, daß diesem Menschen geholfen werden müsse, der seine Fülle so

schlecht bändigen konnte und der weder in seiner Lebensführung noch in

seinen poetischen Versuchen irgendwelche Form besaß. Freilich, Therese

machte absonderliche Erziehungsversuche an ihm, suchte durch Herbe und

Spott zu wirken, wie ihn dünkte, belohnte zuweilen mit Lächeln und der

Süße eines Augenaufschlages, wie er beobachtet zu haben meinte, aber

hatte doch, dessen war er sich gewiß, nicht den richtigen Weg

eingeschlagen, Wirkungen zu erreichen. Güte, Vertrauen und Hingabe waren

es, die hier zu gewinnen hatten. Leise, unmerklich, mit dem magischen

Flötenspiel eines freundlichen Hirten, war dieser Verirrte

herauszulocken aus der Wildnis. Begann er nicht schon, den Geschmack an

der wüsten Gesellschaft zu verlieren, an die er verfallen gewesen war,

vermied er nicht neuerdings sein Wirtshausleben mit Schauspielern und

Dichterlingen und saß Abend für Abend an Theresens Teetisch, ein

schweigsamer Gast, solange anderer Besuch anwesend war, beredt, sobald

man, selbdritt, das Gespräch auf ihn, auf sein Leben, seine Pläne, seine

Arbeiten kommen ließ? Oh, ihn nicht verspotten, nicht an ihm zerren, ihn

nicht mit ihrem raschen Witz vergrämen sollte Therese, dachte George

brüderlich. Dieser da kam, um Wärme, und Rat, um Halt zu finden, und so

kam er zu ihm, zu George, so war er, endlich, endlich, die in

unsäglicher Einsamkeit wortlos vom Schicksal erflehte Seele, die seiner

bedurfte, seiner ganz und gar. Er gab es sich selbst nicht zu, daß die

eigentliche Befriedigung darin lag, vor Therese entfalten zu können,

wessen er fähig war, wenn denn ein Mensch kam, der seiner bedurfte. Gab

es sich nicht zu, daß er diese Rolle des Hilfreichen, Geduldigen,

Unermüdlichen so eifrig spielte, damit sie erkennen sollte, er war nicht

der, als den sie ihn mehr und mehr zu sehen beliebte, der unablässig

Fordernde, der, dessen Liebe nichts wußte, als daß der andere ihm

gehörte und ihm zu dienen hatte. Ahnte sie es, daß sein Bemühen um

Fremde ein Werben um sie selber war, -- ahnte sie es und ließ ihren

Spott deswegen spielen, wo es sich um Huber, ihre Gleichgültigkeit, wo

es sich um andere Hilfebedürftige handelte, denen er Beschäftigung

vermittelte, denen seine Person, sein sanfter, tätiger Geist mählich zur

wohltätigen Lebenssonne wurde, um die zu kreisen neugewonnene Ordnung

bedeutete? Verneinte sie diese Menschen, die ihn nicht anders wollten,

wie er war, die ihn gut hießen, weil _sie_ ihn anders wünschte und weil

sie im geheimen jede seiner Äußerungen und Taten entwertet sah in dem

Lichte des Verdachtes, daß alles geschah, nicht nur, um vor ihr zu

bestehen, nein, um auch als der Bessere, der Größere, der von ihr

Geopferte zu erscheinen? Hatte sie es erkannt, daß in diesem

Zusammenhalten aller Tugenden, in der unablässigen Ausübung von Treue,

Redlichkeit und Menschenliebe der letzte verzweifelte Widerstand seiner

Seele sich kundgab, gegen sie, von der er sich doch abhängig wußte wie

vom täglichen Brot, in der sonderbaren, scheuen und wählerischen Not

seiner Sinne vor ihr so bedürftig, wie der Verschmachtende in der Wüste

vor der einzigen Oase? Wußte sie es, wie verzweifelt er sich an die

Bestätigung seiner selbst klammerte, die ihm von anderen ward, weil er

sonst begonnen hätte, sich mit ihren, mit Theresens Augen zu sehen, als

einen Würdelosen, der bettelte oder sein Recht erzwang, wo es ihm nicht

frei und liebend gewährt wurde? Und wie übte er ihn aus, diesen Zwang,

fragte er sich mit einiger Bitterkeit und starrte böse grübelnd zu ihr

hinüber, die dort in der Schattenecke des Zimmers saß und mit diesen nie

ruhenden kleinen Händen an ihrer langen Halskette zerrte und spielte,

während Huber die großtönende Phraseologie seines Dramas mit gaumiger

Stimme vorüberwälzte. Hieß das Zwang ausüben, zärtlichen Wünschen nicht

Halt zu gebieten, wenn sie nicht auf Willkommen, nur auf -- Duldung

stießen?

Oh, über die beständigen Monologe, in denen er sich rechtfertigte, die

stummen Auseinandersetzungen, die kein Echo hatten, -- oh, über die

nicht endende Apologie, dem Forum des eigenen Gewissens

gegenübergestellt, das ihn anklagte, weil er Glück nur nahm und immer

nur nahm! Und warum, warum blickte Huber, nun, da er geendet hatte und

nach der Anstrengung des Lesens im Stuhl zusammensank, mit einem

ängstlich heischenden Blick zu Therese hinüber, deren Antlitz, jetzt

vorgebeugt ins Kerzenlicht, still war, als lauschte sie den letzten

Versen nach? George erhob sich, mit einem überstürzten: »Vortrefflich,

lieber, teurer Freund, -- indessen ...« die Aufmerksamkeit an sich

reißend, und, im Zimmer auf und nieder gehend, begann er eine Kritik des

Gehörten zu entwickeln. Diese Auftritte, meinte er, seien vorzüglich

aufgebaut, jedoch so sehr vom Gefühl überwuchert, daß der Gang der

Handlung unter Blumen, -- oh, und er möge nur verzeihen! -- auch unter

Unkraut, blühendem Unkraut verschwände, -- daß -- »ist's nicht so,

Therese? Nicht wahr, da sehen Sie, sie gibt mir recht!« -- nun, daß den

Hörenden eine leise Ermüdung überkäme, daß seine Gedanken abschweiften,

daß -- redete er, verzweifelt wahrnehmend, wie Huber Therese unablässig

anblickte, und wie sie ihre Augen in seinen spielen ließ -- daß er,

wenigstens _er_, nicht hätte folgen können.

»Doch ist's nicht schön,« sagte Therese, in diesem Augenblick ihn

ansehend mit einem Ausdruck bittender Demut, der ihn rätselhaft

erschütterte, -- »ist's denn nicht schön, mein Freund, des Herzens

Überfluß zu sehen?« Und, sich mit den Schultern windend, als spüre sie

Schmerz oder Druck, eine Bewegung, die ihr in den letzten Monaten zur

Gewohnheit geworden war, fuhr sie fort, abgerissen, verlegen sprechend:

»Das Herz, -- ach, nur das Herz einmal reden zu hören, George, -- ein

Herz zu sehen, golden, feurig -- ist das nicht besser, als Kunst?«

»Aber ich rede wie ein Kind,« sagte sie, plötzlich sehr gefaßt, stand

auf und füllte die Tassen neu, -- »hören Sie nicht auf mich, Huber,

hören Sie auf George, -- er -- weiß viel besser, was not tut.«

Sie stand neben ihm, die Hand auf seiner Schulter, er fühlte ihre Finger

heiß und bebend an seinem Halse hingleiten. Den Arm um sie gelegt, von

irgendeinem Triumphgefühl durchschüttert, das unvergleichlich viel

stärker war als die Einsicht, es handele sich hier um die wirksame

Darstellung eines lebenden Bildes oder die Vorführung einer Parabel,

lächelte George in die mit dem Ausdruck seelischer Mühsal auf ihn

gerichteten Augen Hubers hinein und dozierte weiter. --

»Du solltest,« hörte er Therese nach einer halben Stunde leise und

leidenschaftlich sagen, als er das Wohnzimmer noch einmal betrat,

nachdem er den Gast hinausgeleitet und die Haustür hinter ihm

abgeschlossen hatte, -- »du solltest diesen jungen Menschen nicht so oft

kommen lassen, mein Freund! Wenn nicht um deinetwillen, so seinetwegen.«

Sie stand in der Fensterecke, als sei sie dorthin geflüchtet, den Arm

auf »^The Resolution^« gestützt und sah ihm blaß und feindlich entgegen.

Er erkannte nur, daß ein aufgeregtes Herz ihre Augen seltsam dunkel

leuchten ließ, daß sie noch in diesem weichen Kleid aus maisgelbem

Seidenmusseline war, das sie zum Konzert getragen hatte. Er tat ein paar

Schritte auf sie zu, blieb stehen, lächelte und sagte: »Ich verstehe

dich nicht.«

»Du wirst nie zu sehen lernen!« rief sie und schlug die Hände vors

Gesicht. Dann, mit jenem unerklärlich schnellen Übergang aus der

Erregung in die Ruhe, in den sie ihm gegenüber jetzt so oft verfiel,

sagte sie wieder ganz leise und sehr gehalten: »Du solltest ihn nicht so

oft ins Haus bringen. Siehst du denn nicht den Zustand seines Herzens?

Ich habe eine unselige Anziehung, ich ...«

Sie stockte, blickte George, der sich ein wenig näherte und immer noch

lächelte, unsicher an und vollendete hastig: »Ich habe nichts dazu

getan, George, bei Gott. Aber schaffe ihn fort, -- ja? Oh,« schloß sie

ein wenig pathetisch und drängte die Hände gegen seine Schultern, denn

nun war er bei ihr, »George, George, liegt denn ein Fluch auf meinem

Leben?«

»Du siehst Gespenster, Therese. Er ist jung, seine Schwärmerei kennt

keine Grenzen. Wie dein Herz klopft!«

Und überwältigt wie von einer endlichen Erfüllung, blind, trunken, nicht

fähig, diesen Blick voll Schicksalsangst, der seinem auswich, zu deuten,

murmelte er, sie an sich ziehend: »Was willst du doch? Er ist gebunden

und du -- du bist doch mein.«

Therese, abgewendeten Antlitzes in seinen Armen hängend, die Brauen

verzerrt, flüsterte: »Ja. Ich bin dein. Und ich müßte wohl noch Kinder

haben ...«

In dem Schweigen, das folgte, war nichts, als das unstete Flackern der

beiden niedergebrannten Kerzen, das den Raum mit dem Tanz schwankender

Schatten füllte.

* * * * *

»Sey doch jeder vergnügt, wenn er sein kleines Plätzchen gefunden hat,

aus dem er in die Welt hinausgucken und über sie lachen kann«, so las

George in der zierlich behäbigen Handschrift des alten Heyne, las diesen

Satz zum zweitenmal, nachdem er den kurzen Brief des Schwiegervaters,

datiert von einem Frühlingstag des Jahres 1789, beendigt hatte, las in

der Einsamkeit seines Kabinetts, versuchte zu lächeln und fühlte sich

zugleich dermaßen geschüttelt von Abwehr, Überdruß und Herzeleid, daß er

das unschuldige Papier krampfhaft mit der Hand zerknitterte, es hinwarf,

das Gesicht in den Händen begrub, -- und dann aufsprang, um, die Hände

auf dem Rücken verschränkt, im Zimmer auf und ab zu laufen. Oh, gewiß,

-- oh, aber ohne jeden Zweifel: er hatte sein kleines Plätzchen

gefunden! Er besaß ein Weib, ein gehorsames Weib, -- in zärtlichem

Gehorsam ihm ergeben, war's nicht so? -- das nun, da die Stürme erster

Jugend besänftigt waren, sich anschickte, in allen Stücken dem Ideal

Salomonis ähnlich zu werden und das ein zweites Pfand seiner Liebe unter

dem Herzen trug. Er besaß das Röschen, das ihm an den Rockschößen hing,

wenn er sich nur zeigte, und das soeben -- horch! -- sein Stimmchen

draußen mit dem Gurren der Tauben auf dem Dachfirst mischte, draußen, wo

im Vorgärtchen Narzissen und Tazetten unter der Maiensonne blühten, --

er besaß ein Haus und nicht nur Narzissen, Tazetten, Goldlack und

dergleichen törichte Schönheit, sondern auch einen Garten vor dem Tor,

wohl fünfzig Schritt im Quadrat, wo er Salat zog und Erdbeeren, von Kohl

und Wurzeln ganz zu schweigen. Er besaß Malchus, den Knecht, und

Mareiken, die Magd, mochten sie gleich andere Namen tragen, -- besaß

Tauben, auch Hühner, der Ankauf einer Ziege war geplant, -- ei, hatte er

nicht wahrhaftig sein kleines Plätzchen, und was hinderte ihn denn, nun,

in die Welt hinauszugucken und über sie zu lachen? Klausthal, dachte er,

von irgendeiner Erinnerung gestreift, -- das hieße wohl, mein Klausthal

gefunden haben, -- indessen ...

Er blieb am Fenster stehen und starrte schwermütig hinaus auf den

überschwenglich blühenden Kastanienbaum und den festlich schönen Bau des

Bassenheimer Hofes gegenüber. Der Geist, der solche Formen schaffen

konnte, der die Quadern dem Gesetz der Schwere selig entfremdete und es

ihnen verlieh, daß sie Rhythmik, heitere Ordnung, schwingende

Gelassenheit ausströmten, dieser Geist, -- oh, dieser Geist! Er dachte

nicht ganz zu Ende. Er dachte nur mit einem verzweifelten Aufwand von

Pathos: Verflucht das kleine Plätzchen und die Zumutung über eine Welt

zu lachen, die ich aus den Fugen reißen möchte, um sie neu aufzubauen,

reinlicher, gerechter, weiser und -- beseelt von dem Glauben an mich, an

meines Herzens Kraft und Würdigkeit! --

Nun, da der Andrang des Blutes zum Kopfe nachließ, sammelte er sich,

wandte sich ins Zimmer zurück und versuchte, sich selbst die Gründe der

Erregung klar zu machen, die ihn dermaßen überwältigt hatte. Heyne war

ein alter Mann, sagte er sich begütigend, der sein Leben lang in den

geschützten Niederungen der Philologie gehaust und keine anderen Stürme

kennen gelernt hatte, als leidige Universitätsintrigen und

kleinstädtische Familienkabalen. Er war, nun auf der Höhe seiner sechzig

Jahre, geläutert genug, sich über diese Anfechtungen erhaben zu fühlen,

erfreute sich seines abgeklärten Zustandes, für den er Gleichnisse fand,

angemessen dem Verhältnis des Gegensatzes, den er für ihn bedeutete, --

ein kleines Plätzchen also, aus dem man herausguckte und lachte, -- und

wünschte, denen, die er liebte, die Annehmlichkeiten einer solchen

Gemütsverfassung nahe zu bringen. Aller Welt gut werden, schrieb er auch

wohl einmal, das sei die Basis des inneren Friedens, und dann tat er mit

ein paar lächelnden Greisenworten »die Chimäre« ab, es müßte jeder ins

Große wirken. Oh, vor ein paar Jahren noch, in Wilna, da wäre sein Wort

Musik für mich gewesen, dachte George, damals, als wenigstens ein

Mensch, als Therese noch, das Große von mir erwartete und mich ermüdete

mit ihrer Ungeduld und ihrem ungestümen Fordern. Damals, als er,

sonderbar übersättigt von frühem Ruhm, bereit war auf Lorbeeren

auszuruhen, die nicht erstritten, sondern, wie es ihn jetzt dünkte,

tändelnd am Wege gepflückt waren. Heute aber, -- man hat sich mit mir

abgefunden, das ist entsetzlich! Das ist entsetzlich! hallte es in ihm

wider, während er von dem selbsttätig in ihm arbeitenden

Pflichtbewußtsein getrieben die zur Übersetzungsarbeit nötigen Bücher

und Bogen auf dem Tisch anordnete und auf den letzten Satz im Manuskript

starrte. War es ihm nicht immer als das einzig mögliche Ziel erschienen,

ins Große zu wirken, -- so oder so? Er hatte nie darüber nachgedacht,

freilich; sein eigener Wille, so glaubte er zu erkennen, war immer

abgelöst worden, in der Jugend durch den leidenschaftlichen

Tätigkeitstrieb des Vaters, in dem sein eigener aufging, wie die Kohle

in der Flamme, und dann durch dies zweischneidige Geschenk der Götter,

durch den Ruhm in frühen Mannesjahren. Es war süß, unter den

freundlichen Augen der Menschen zu leben, süß nach so bitteren Jahren,

-- diese wehmütige Bestätigung der Erinnerung flüsterte er sich zu,

dieser Satz hob und senkte seine Flügel über der Arbeit der nächsten

halben Stunde, in der er geschäftsmäßig englischen Text in deutsche

Sätze umbaute, bis er die Feder hinwarf und, verzweifelt den Kopf

hebend, der Frage ins Auge blickte, deren Gegenwart er in den letzten

Wochen unablässig gefühlt hatte, wie die einer unsichtbaren

erbarmungslosen Gottheit. Nicht länger ließ sie sich in Nebel bannen.

»Was tat ich?« schrie er auf, -- vernahm die eigene Stimme unselig

fremd, sah um sich und flüsterte erschrocken, -- »ja, was tat ich denn,

diesen Ruhm zu rechtfertigen, -- ja, was baute ich denn auf diesem

kolossalischen Fundament des Glücks? Mein Gott, mein Gott, -- ich

_sollte_ doch ins Große wirken, -- war das denn nicht dein Ruf?«

Oh, alter Mann auf deinem Bänkchen in der Gartenlaube! -- bist du je so

gerufen worden? War dir die Kindheit der Vorhof der Zucht und der

Entsagung, so daß du, ein Knabe noch, geschulten Geistes und männlicher

Arbeit gewöhnt dort schon standest, wo für andere die Jugend gipfelt?

Wurden dir da die Tore der Welt auseinandergerissen und taumeltest du

hinein in die Fülle der Erde, in das Sprachengewirr der Völker,

umwirbelt vom Schall ihrer tausendfältigen Musikinstrumente, vom Staub

ihrer Herden, -- von ihren Gerüchen umdampft, ihrer Buntheit geblendet,

von ihren Weibern verlockt, von ihren Göttern bedroht? Rollten Steppe

und Strom sich auf als Teppich deiner Füße, waren die großen Städte

deine Herbergen, beugte das Meer gebändigt seinen Nacken, dich

sanftmütig zu tragen und dir seine Inseln zu schenken? Gingen dir Helden

voran und zur Seite, dir zu zeigen, wie sie gemeistert wird, die

erschreckliche, wonnevolle, bestürzende Fülle, -- und mehr noch: ward es

dir gegeben, _die Helden zu erkennen und zu wissen, daß ihnen gefolgt

werden muß_? -- Oh, alter Mann, -- dein Ziel war stets der nächste

Meilenstein! Wie solltest du die wahnsinnige Raserei der Reue kennen und

verstehen, die in der Brust eines Mannes tobt, wenn er sich an den

Grenzmarken der Jugend sieht und endlich wahrnimmt, daß er aus allem

Reichtum, der ihm zu Füßen lag, nichts errafft hat, als die Phantome der

Erinnerung? -- Dies war der Zustand des Herzens, in dem George Forster

sich seit einigen Monaten befand. Wie bin ich hierhergekommen, fragte er

sich verzweifelt, wenn er sich Tag für Tag vor dem Chaos der Bibliothek

sah, das er ordnen sollte, für dessen Unterbringung er Räume,

Repositorien, ja, womöglich ein ganzes Gebäude schaffen sollte, für das

er rennen und laufen, mit den Universitätsprofessoren konferieren,

Sitzungen anberaumen, beim Kurfürsten antichambrieren mußte. In seiner

Vorstellung war ein Berg, der aus Büchern bestand und unaufhörlich von

innen heraus bücherquellend wuchs. Die Bücher rollten, rutschten,

wollten ihn erdrücken, er mußte sich mit beiden Armen gegen sie stemmen,

sie polterten um ihn herum nieder, wölkten den Staub von Jahrhunderten,

drohten ihn mit ihrer Ausdünstung zu ersticken. Er griff hinein,

blätterte Titelseiten auf, schaffte irgendwo einen kleinen freien Raum,

stapelte die hier, jene dort auf, kam auf den Gedanken, daß es sich

lohnen würde, doppelte Exemplare auszuscheiden, um die Menge zu

verringern, suchte diese Absicht durchzuführen und geriet in einen

peinlichen, nagenden Kampf mit seinen Hilfskräften, mit diesem Heer der

Unverantwortlichen, der tückischen, trägen Zwerge, die ihn zwingen

wollten, nichts anderes in ihnen zu sehen, als die Teile einer Maschine,

die, hämisch, wie es seiner trostlosen Überreizung dünkte, die Hände

ruhen ließen, wenn sein Antrieb einmal aussetzte, die schlampig

arbeiteten, wieder zerstörten, wo er meinte, Grund gelegt zu haben,

Verzeichnisse anfertigten, die nichts taugten, nach Hause gingen, wenn

die Glocke schlug, und sich nicht weiter kümmerten ...

Während er bis in seine Träume hinein Bücher schmeckte, sah und fühlte,

Handschriften und Erstdrucke und Widmungsstücke an tote Kurfürsten und

Folianten und Elzevirs, -- und da wälzte sich ein neuer Haufe heran,

lebendig kriechend wie ein Heerwurm, die Bücher aus der Karthause, die

der Kurfürst angekauft hatte, und die nun auch noch untergebracht werden

mußten. Und niemand war bereit, ihm Platz einzuräumen, das Kuratorium

der Professoren schien sich gegen ihn verschworen zu haben, -- gegen den

Ausländer und Protestanten, natürlich! Sein Vorschlag, die ehemalige

Jesuitenkirche für diesen Zweck auszubauen, ward verworfen wie ein

Angriff auf das Heiligtum, der Kurfürst bekannte seine Ohnmacht, Müller,

wenn er sich denn einmal sprechen ließ, zuckte die Achseln, sagte: »Ja,

mein teurer, lieber Freund ...« und redete vom Stein des Sisyphus. Und

dieser Stein, er sank zurück auf seine Brust und war der Alp seiner

Nächte. Ich kenne ihn aber, dachte er ächzend, ich kenne ihn doch seit

ich lebe, diesen Alp der Bücher, oh, ich kenne ihn, seit ich so klein

war und plötzlich lesen konnte und das Spielen aufhörte! Dennoch, -- war

es denn möglich, daß dies das Ziel und Ende gewesen war, sollte er sich

darein ergeben, von diesem Gebirge täglich eine Handvoll abzutragen,

sollte er zufrieden sein mit der satten Selbsttröstung, sein Bestes

getan zu haben? Wer hatte denn sein Bestes getan, der nicht die Pfänder

einlöste, die in der Jugend von Gott empfangen waren! Diese Pfänder, die

er besaß in den unmittelbaren Erlebnissen der bunten glühenden Welt und

des frühen Ruhms, sie quälten ihn auf einmal, wie Verpflichtungen, für

die noch aufzukommen war. Ein berühmter Jüngling, und nur ein berühmter

_Jüngling_, das ist wie eine schöne Tänzerin, dachte er angeekelt. Aber

das leere Altern des Jünglings ist unverzeihlicher. Taube Blüten,

Erlebnisse, die nicht Frucht und Leistung gezeugt hatten, -- mit

fünfunddreißig Jahren von den Zinsen einstmals mühelos oder zufällig

erworbener Güter leben und sich nur noch mit kleinen Handfertigkeiten

beschäftigen, mit Übersetzungen -- (-- o Therese! O jene Nacht in Wilna

und das Wort, damals belächelt: »Nicht immer nur übersetzen, George

...!«) -- und mit dem Registrieren von Büchern, -- diese Erkenntnisse,

plötzlich hereingebrochen, vielleicht, weil die Öde seines Herzens nun

dunkel genug war, nachdem die Hoffnung auf jenes unerhörte Einssein mit

Therese, die fast zehn Jahre alles andere überschienen hatte,

niedergebrannt und, wie er meinte, der dämmerhaften Dauerglut der

Gemeinsamkeit gewichen war, -- vielleicht auch nur, weil ihre Zeit

gekommen war, weil eben entblätterte Bäume das Licht durchlassen, --

diese Erkenntnisse schufen ihm eine Qual der Unrast, die ihn auf sich

selbst zurückwarf, nun, nachdem er Jahre und Jahre die Magnetnadel

seines Herzens hatte abweichen und auf andere Menschen weisen sehen, so

daß er den Kurs auf das Zentrum der eigenen Bestimmung hatte verlieren

müssen, -- wenn er ihn denn je schon besessen hatte. Was Wunder denn

aber, was Wunder! Oh, fürchterlichster Gang des Labyrinths, nun

durchwandert, der nach zehn Jahren offenbarte, daß er nicht vorwärts,

nicht etwa ins Freie, nein, daß er den unseligen Wanderer nur im Bogen

zurückgeführt hatte, an jenen Ort zurück, wo die Wege der hundert

Möglichkeiten abzweigten und wo der Nebel der Unschlüssigkeit hing! --

* * * * *

Der Kreis der Freunde an Theresens Teetisch fand den Hausherrn am Abend

dieses Tages ungewöhnlich gesprächig. Huber, der den dritten Akt seines

»Heimlichen Gerichts« vorgelesen hatte und nun, geduckt dasitzend, in

seiner Tasse rührte, bekam alles andere zu hören, als die Kritik, die er

erwartete. »Gott ist ein schlechter Schauspieldirektor!« rief George

aus, sah Fiekchen Dieze erschrocken zusammenzucken, lächelte ihr

begütigend zu, fügte ein: »Symbolisch gemeint! liebe Freundin«, und fuhr

fort: »Wann gibt er denn je eine Rolle dem Richtigen? Mir zum Exempel

gab er das Kostüm und die Rolle des Pioniers der Aufklärung und ich

fühle nun einmal den Auftrag, sie unter allen Umständen zu Ende zu

spielen. Ich spiele augenblicklich miserabel, ich weiß es, ich fühle

mich der Aufgabe keineswegs gewachsen, -- indessen ich habe nun einmal

vor den Augen der Welt die Gestalt des Mannes zu agieren, in der die

Südsee für Deutschland ein Stück Wirklichkeit geworden ist.«

»Sollten Sie da nicht ein wenig die Importance jener antipodischen

Hemisphäre für Deutschland überschätzen?« murmelte der Professor Dorsch,

der im übrigen völlig durch die Betrachtung seines allerdings sehr

kleinen und sehr eleganten Schnallenschuhs in Anspruch genommen zu sein

schien.

»Lieber Freund, agieren Sie doch getrost den guten Forster und weiter

nichts!« warf die kleine Forkel ein und suchte vergebens einen Blick

spitzbübischen Einverständnisses mit Therese auszutauschen.

»Es handelt sich hier um den Ausdruck des geistigen Wertes der

Weltbefahrenheit!« Dorsch wurde zornig angesehen und die Forkelin bekam

einen mitleidigen Blick. »Ich habe also unbegrenzte Horizonte,

Weltweite, Gelassenheit und was weiß ich zu verkörpern. Ich soll aus

diesem Seeleninhalt heraus entsprechend handeln, wirken, schreiben.

Nicht wahr?« fragte er fast flehentlich und sah Therese langsam und

nachdenklich nicken. Hastig trank er ein paar Schlucke aus seinem

Teeglas, in das er nach polnischer Art einen Löffel Eingemachtes anstatt

des Zuckers getan hatte. Dann fuhr er nachdenklich fort: »So hat der

Meister es sich gedacht. Aber nicht nur, daß er den guten Forster, wie

eine Stimme aus dem Publikum soeben richtig anmerkte, auf den heroischen

Kothurn gestellt hat, anstatt ihn etwa für das sentimentalische Fach

auszustatten, -- Gott ist auch ein schlechter Theaterdichter!

Aber bitte, meine Teure, so zucken Sie doch nicht immerfort! Dies sind

doch nicht Blasphemien, sondern die Resultate einer Auseinandersetzung

mit dem Schicksal!«

»Und was ist Schicksal?« sagte Huber leise und eindringlich, »wieviel

Quellen springen auf, um im Sande zu versickern! Dürfen wir überall

Anläufe zu einem Ziel, Absichten einer höheren Macht vermuten? Hieße das

nicht Anmaßung? Ach, und wenn wir einmal meinen, einer eigenen großen

und furchtbaren Bestimmung gewürdigt zu sein, wie bald müssen wir

erkennen, daß wir -- nur in die Räder eines fremden Schicksals geraten

sind!« Er blickte düster vor sich nieder.

»Wir monologisieren da recht artig nebeneinander her«, bemerkte George

trocken und fuhr fort:

»Dieser schlechte Dichter also, -- ich meine den oben erwähnten Meister,

-- erwartet immer, daß wir selbst die Rolle zu Ende führen. Er schreibt

den ersten Akt, vielleicht auch noch den zweiten, ganz selten führt er

uns auf die Höhe des dritten, wie es doch unserm Freund hier mit seinen

Geschöpfen nunmehr gelungen ist. Uns überlassen auf alle Fälle bleibt

der Komödie Schluß, und wird das Stück dann ausgepfiffen, so macht er

die Akteurs verantwortlich ...«

»Warum sagst du Komödie?« fragte Therese mit unbehaglichem Zögern.

»Du meinst, daß aus diesen Anfängen sich nur Tragödie entwickeln kann?«

fragte er auflachend zurück.

»Ich meine,« sagte sie mit einer aufreizenden, unpersönlichen und

undurchdringlichen Gelassenheit, die er nicht zu deuten wußte, »daß die

tragische Muse höhere und würdigere Anforderungen stellt. Soll ich

wählen zwischen Minna und Emilia, so will ich lieber mit Emilia in der

Blüte meiner Jahre den Tod willkommen heißen als gleich Minna mich mit

einem mittleren Glück begnügen.«

»Du vergißt, warum Emilia so sterben darf. Du mißverstehst dich selbst

-- und die dir zugeteilte Rolle!«

George, gleich nach diesen Worten fühlend, daß er sich von der

Bitterkeit der Erinnerung hatte hinreißen lassen, wandte tödlich

betroffen von der Kälte, mit der sie ihn anblickte, die Augen ab und

ließ sie zur Seite gleiten mit dem Ausdruck eines, der den Boden unter

sich wanken fühlt. Da war Sömmerrings breite Hand, beruhigend warm wie

nur je, die ihn auf die Schulter klopfte, und des Freundes Stimme, die

die Gesellschaft aufforderte, zuzugeben, daß die Forkelin wahrhaftig

Recht habe und daß der Forster nichts zu tun brauche, als sein Herz zu

leben, um des allgemeinsten, des innigsten Beifalls gewiß zu sein, --

nun, er lächelte auch, er blickte unbefangen im Kreise herum, sah

Therese ebenso unbefangen den Pflichten der Wirtin genügen, zog Huber in

ein Gespräch über den Fortschritt des Dramas und die Aussichten einer

Aufführung unter Iffland in Mannheim, gab Theatererinnerungen aus

Berlin, Paris und Wien zum Besten, und spürte dabei unaufhörlich wie

eine von neuem blutende verjährte Narbe dies entsetzte Erstaunen, weil

da ein Schleier gelüftet worden war, ein Gorgonenhaupt ihn angestarrt,

ein Dolch ihn bedroht hatte. -- --

* * * * *

Da einmal erkannt worden war, worauf es ankam, war Aufschub nicht mehr

Zeitverlust. Denn, nicht wahr, -- das ganze Leben bis jetzt war

Vorbereitung gewesen. Da George Forster denn fünfunddreißig Jahre

gebraucht hatte, um einzusehen, daß er letzten Endes von niemand auf der

Welt etwas zu erwarten habe, als von sich selber, daß kein Vater, kein

Freund, keine Geliebte Dank wußten für Demut, Treue, rückhaltlose

Hingabe, da er jetzt nach fünfunddreißig Jahren die Kraft in sich fühlte

oder den Gleichmut, auf jene Bestätigung des eigenen Gemütes verzichten

zu können, wie er sie bisher unablässig bebenden Herzens von der

unbegrenzten Zuneigung des menschlichen Wesens gefordert hatte, das ihm

jeweilig das nächste gewesen war, -- da konnte er in diesem Zustand der

Erkenntnis wohl ein wenig verweilen und sich sammeln, indem er sich

vorsagte, das furchtbar glühende Gestirn, dessen Strahlen die Wüste erst

zur Wüste machten, habe den Zenith nun überschritten und würde, mählich

abwärts sinkend, bald sich mildern.

Warum also nicht auf vierzehn Tage zu Jakobi nach Düsseldorf fahren und

des Freundes wie des rheinischen Frühlings genießen? Warum nicht gegen

Ende Juni für zwei Monate seinen Wohnsitz ins Rheingau verlegen, nach

dem heitern Eltville, wo der von Bücherdünsten, Stubenluft und

Krummsitzen erschöpfte Körper sich in gelinder durchsonnter Luft und bei

regelmäßigen Bädern erholte, wirksam unterstützt durch Morikis

privilegierte Blutreinigungspillen, auf deren Verabreichung Therese

leidenschaftlich bestand? Warum nicht Zeit verschwenden an lange

philosophische Briefe, an Gespräche, warum nicht die glücklichen Stunden

wahrnehmen, die sich aus dem Aufenthalt durchreisender Freunde ergaben?

Ja, wahrlich, nicht umsonst lag Mainz an der Straße nach Paris, nicht

umsonst als Station der ^great tour^ an dem Wasserwege von England und

den Niederlanden nach Süden, -- und der Besuch von Männern wie Baggesen

und dem Grafen Moltke, von Wilhelm Humboldt und Campe, von Jäger aus

Mitau, konnte der nicht dafür entschädigen, daß Hof und Adel von Mainz

immer noch keine Anstalten machten, in ihm den zu ehren, der er für die

gebildete Welt doch war? Warum nicht genießen, -- warum nicht lächeln?

Mochte der Kurfürst ihm gegenüber denn immer den gnädigen Herrn

herauskehren oder gelegentlich den Herrn ^de mauvaise grace^, wie

neulich, als er ihn von Düsseldorf zurückbefahl wegen einer Sitzung über

die leidige Bibliotheksunterbringung, die dann gar nicht stattfand. Er

fühlte sich imstande, mit den Achseln zu zucken, -- was unterschied denn

die Großen der Erde in seinen Augen noch von andern Lebensfaktoren? Es

galt sie zu behandeln wie blinde Naturmächte, sie zu nutzen, sie

einzudämmen, wenn es nottat. Oh, Frankreich hatte das als Volk jetzt

eingesehen, was ihm als einzelnem auch viel zu spät ein ganzes Leben

voll Enttäuschungen klargemacht hatte! »Freund, sie sind verändert, --

mir ist, -- vergeben Sie! -- als seien Sie gealtert!« hatte Müller bei

einem zufälligen Zusammentreffen neulich gesagt, den förmlichen Ton

seiner Rede jäh unterbrechend und ihn einen Augenblick mit dem

schwermütigen Lächeln von einst prüfend betrachtend. Auch hier gab er

nur stummes Achselzucken zur Antwort. Müller, bei dessen gefährlicher

Erkrankung im Frühjahr er noch einmal die volle Macht der alten

Zuneigung in der ratlosen Erschütterung der Angst um sein Leben gefühlt

hatte, auch Müller war dorthin entrückt, wo sie alle nun für ihn

standen, jene Gleichgültigen, von deren Affektion er seine Ruhe, sein

Glück, seinen Frieden abhängig gemacht hatte. Nun, er guckte zwar

nirgendwo heraus auf die Welt und lachte über sie. Aber, er rechnete mit

ihr, so wie sie war. Und indem er sich stillschweigend schonungslos mit

den Menschen auseinandersetzte, reinliche Scheidungen vornahm, die

Nützlichkeit jeder einzelnen Beziehung abwog und das, was dann an reiner

Freundschaft und geistigem Gewinn dazukam, hinnahm wie ein unerwartetes

Geschenk, das keine Dauer versprach, umging er in seinem Innern doch die

eine Frage, als sei sie nicht vorhanden, ja, er hütete sich so sehr den

Bestand seines häuslichen Glückes anzuzweifeln, daß er sich über Tisch

lieber die eingelaufenen Journale und Gazetten reichen ließ und während

des Essens las, wenn er nur von ferne annehmen konnte, es lagerte irgend

ein Schatten auf Theresens Stimmung. Den Zustand der Gewohnheit

gegenseitiger Freundlichkeit, der Selbstverständlichkeit ihrer Fürsorge

und dessen, was sie sich an Hingabe abgewinnen konnte, -- oh, diesen

Zustand nur um jeden Preis erhalten!

_Damit_ er denn die Ruhe behielt, so zu arbeiten, wie es fürs erste noch

nötig war, -- ehe der Augenblick erschien, geeignet, um endlich mit

diesem neuen gehärteten Herzen hervorzutreten und den großen Wurf zu

tun. _Damit_ er denn in täglichen kleinen Erregungen nicht die Kraft

einbüßte, so gebeugten Rückens dazusitzen, wie es einstweilen sein

mußte, und die Feder rascheln zu lassen, rascheln, rascheln, rascheln,

auf daß nicht der spärliche Zufluß der kleinen Einnahmen versiegte, mit

denen der unzureichende Strom des Gehalts ständig gespeist werden mußte,

um nicht vor Quartalsschluß kläglich erschöpft zu sein! Auch war der

alte Satz noch in Kraft, obschon seine Begründung geändert war, --

Therese, hieß er, Therese sollte leben wie die Blumen auf dem Felde ...

Weil sie jung, süß und heiter war, hatte George früher inbrünstig

hinzugedacht, -- weil es unbequem ist, ihr über die Anwendung jedes

einzelnen Guldens Rechenschaft abzulegen, dachte er jetzt im geheimen

und vor sich selbst kaum eingestanden. Therese bestellte das Hauswesen

mit nahezu derselben Heiterkeit wie einst in Wilna, bestellte es mit

Hilfe dreier Dienstboten und war ununterbrochen in Tätigkeit, kein

Zweifel. Therese bat um Geld und eilte mit Luise auf den Fruchtmarkt,

ein bauchiger Marktkorb begleitete sie und ward heimgebracht beladen wie

ein Kauffahrteischiff von fernen Küsten. Therese, noch in Umhang und

Hut, ein wenig ermattet aussehend durch die neue Schwangerschaft, kam zu

ihm herein, seufzte: »O diese Hitze, mein Freund!« bat dann aber

inständig um noch ein wenig Geld, denn da waren Rosen auf dem Markt

gewesen, frühe Rosen, sie hatte nicht widerstehen können, und nun hätten

sie kein Brot mehr mitbringen können und die Milch sei noch zu bezahlen

und -- so ein paar kleine Schulden beim Kaufmann Winterstein in der

Welschnonnengasse. »Ich brauche ja die fünf Gulden natürlich nicht dafür

ausschließlich, Georgie,« sagte Therese, und ließ sich am Fenster

nieder, »aber es kommen doch immer wieder Kleinigkeiten ...«

»Spezereiwaren,« ging es George durch den Sinn, nach dem Text der

Anzeigen in der Privilegierten Mainzer Zeitung, »Puder, gedörrte

Schinken, echtes Mannheimer Wasser in Krügen, veritable englische

Schuhwichse in Schopfenbouteillen, vielleicht auch Genueser Sardellen

oder Feigen, Krachmandeln und Traubenrosinen, alles zu haben beim

Handelsmann Schreck oder bei Sebastian Martin in seinem Gewölbe am Dom

...« Oh, eine Stadt wie Mainz bot Gelegenheit Geld auszugeben!

Jedenfalls sagte er höflich etwas, wie »Selbstverständlich, meine

Teure«, gab das Gewünschte mit der Gebärde, als griffe er in Fortunats

Säckel und schrieb sich selbst stillschweigend auch ein paar Gulden

zugute für irgendein Buch, ja, in letzter Zeit häufig auch für dies oder

jenes hübsche Möbel oder einen Gegenstand des Zimmerschmucks. Er hatte

sich eine Liebhaberei für englisches Mahagoni und Höchster Porzellan

anerzogen und gab sich selbst kaum zu, daß seine Aufmerksamkeit auf die

Kunstwerke Meister Melchiors erst durch ein Gespräch mit Müller geweckt

worden war, eins jener flüchtigen Gespräche anläßlich eines

Zusammentreffens bei dem jungen Coudenhoven, die ihre Stoffe in Hast aus

der Anschauung der nächsten Umgebung nahmen. Immerhin gab er für Bücher

und Karten aus eigenen Mitteln weniger aus als je, da sein Amt ihm

Gelegenheit gab, Werke von Wert und Neuerscheinungen aller Art aus dem

dafür bestimmten Fonds für die Bibliothek anzuschaffen, -- und war es

nicht verzeihlich, daß er von dieser Freiheit ausgiebigen Gebrauch

machte, mit dem Verdienst, alte Bestände aufzuforsten, zuweilen die

heimliche Befriedigung langgehegter Wünsche verbindend? »Im übrigen,

lieber Freund,« hatte Therese neulich über den Teetisch hinübergesagt,

-- sie hatten nun endgültig diese sonderbare ^façon de parler^

angenommen, sich lieber Freund und teure Freundin zu nennen, -- also:

»lieber Freund, der Kurfürst von Mainz hat die Laune, sich einen

Bibliothekar von mehr als europäischer Berühmtheit zu halten. Stattet er

ihn nicht genügend aus, so wird er voraussetzen, daß der Bibliothekar

nicht ausschließlich in seinen Geschäften aufgeht, sondern Zeit auf den

eigenen Acker verwendet.« Dies als Antwort auf laut geäußerte

Selbstvorwürfe seinerseits, daß er, anstatt seinen letzten

Schweißtropfen für die Bücherei zu vergießen, halbe Tage lang eigenen

Arbeiten nachhing. Und sie hatte Recht, wie meist. Nur daß sie nie mehr

ein Wort fand, ihn wirklich zu _eigenen_ Arbeiten zu ermuntern, daß sie

es unbewegt mit ansah, wie er übersetzte, und nur übersetzte, -- oder

vielleicht bisweilen ein Artikelchen schrieb, Aufsätzchen für Kalender,

für Almanache, verruchtes kleines Zeug, zu dem er das Saatgut

ungeschriebener großer Werke vermahlte.

Jedoch konnte er sich mit Genugtuung sagen, daß er nunmehr endlich die

einzig richtige Methode gefunden habe, die Aufgaben zu meistern, die ihm

von Herausgebern und Verlegern unerschöpflich gestellt wurden. Er hatte

sich einen ganzen Stab von Hilfsarbeitern gebildet, er leitete die

Ausführung großer Übersetzungen wie der Meister in der Werkstatt, Huber,

als sein erster Adjutant, hatte einen Teil der Briefe Dupatys über

Italien unter der Feder, die kleine Forkel saß mit glühendem Eifer über

den Abenteuern des Mr. Keates auf den Pelews-Inseln, drei oder vier

emsige Burschen, Studenten der Universität, machten Auszüge für ihn,

trugen ihm Material zu.

»Da du das Honorar mit ihnen teilen mußt, eine etwas sonderbare

Ökonomie«, bemerkte Therese, als das neue System ihr durch das

beständige Kommen und Gehen dieser Gehilfen klar geworden war.

Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert · 第 11 / 24 题