Zwischenspiel

[Illustration]

Ein Weg von vier Jahren und kein Weg durch die Rosenfelder der Jugend,

wie endlich anzunehmen wohl Berechtigung vorhanden gewesen wäre, -- ein

Weg, wenn nicht mehr unterm Joche des väterlichen Willens, so doch unter

dem Zwange des eigenen unentrinnbaren Gewissens vor den Karren des

Familienunglücks geschirrt, -- genug, ein Kalvarienweg mit unzähligen

Leidensstationen, das war der Weg _vom Themsekai nach Cassel_ gewesen.

George Forster, in einiger Hast durch den dünnen Neuschnee auf dem

holprigen Pflaster der engen Gassen dem Hause des Ministers General von

Schlieffen am Königsplatz zustrebend, noch ganz erfüllt von all der

aufgewühlten Bitterkeit der letzten vierzehn Tage, von dem Wiedersehen

mit den Seinen in Halle, wo der Vater nun endlich als Professor der

Naturgeschichte installiert war, wie er selbst schon seit einem Jahre

hier am Carolinum zu Cassel, -- George, so ganz gegen seine Gewohnheit

dahinstürmend, die eine Hand an dem niedrigen englischen Hut, die andere

zwischen die Knöpfe des Redingotes geschoben, er dachte voll

Schicksalstrotzes, jetzt, jetzt erst nach diesem ersten Jahre der

Niederlassung in Deutschland sei er endgültig angelangt in Cassel, als

in einem Ruheport und Friedenshafen. Jetzt erst, so dachte er voll

erzwungenen Freiheitsgefühls, das weiche Gesicht gegen den peitschenden

Schnee erhebend und angestrengt nach dem Turm der Martinskirche spähend,

von dem herab es eben fünf Uhr über die Dächer sang, jetzt erst hatte es

sich vollendet, was damals in der eiskrachenden Christnacht am Pol in

seinem Herzen aufgesprungen war, um gegen den Stachel zu löcken. Oh, in

der Tat, jetzt war er los und ledig und es galt, dies Sömmerring zu

erzählen, es galt sich auszusprechen, das übervolle Herz in den Busen

des Freundes hinein zu entlasten, zu manifestieren die Einsetzung des

eigenen freien Willens als Daseinsfaktor. Indessen, es würde kaum Zeit

sein, Sömmerring noch vor der Sitzung allein zu sprechen, dachte George;

er hatte sich wieder einmal verspätet, hatte sich in Jakobis »Woldemar«

verlesen, sich dann über der Toilette versäumt. Mit langen Schritten

nahm er die letzte Gasse. Jene Leidensstationen, jawohl, sie lagen nun

abgegrenzt in einem Bezirk der Erinnerung, das nicht in die Gegenwart

hineinreichte; dies schrieb er streng sich vor. Dahinten lagen die

demütigenden Verhandlungen mit dem Londoner Admiralitätskollegium über

die Veröffentlichung der Reisebeschreibung Forsters, des Älteren. Oh,

diese Verhandlungen, über denen die ausgelaugte Maske Lord Sandwich'es

hing wie der kalte Mond einer Scheingerechtigkeit, in deren verwirrendem

Licht alle Begriffe zu schwanken begannen! Hier wurde blank

ausgefochten, was auf dem Schiff dumpf in Haß gebrütet hatte, -- und,

nun ja, -- wer fragte jetzt nach Lady George? Die Klingen kreuzten sich

über das weiche Herz hinweg, und die stählerne siegte über die gläserne!

Forster, der Ältere, oder der Ruhm von England, Kapitän Cook? War das

eine Frage? George wünschte sich nicht zu erinnern. Vorüber, dachte er

mit fieberndem Hirn, vorüber, vorüber. Vorüber das Hungerleben in

London, das Schachern mit Naturalien und Kuriositäten, an denen das Herz

doch irgendwie hing, -- George entsann sich im Fluge der geschnitzten

Frauenhand von der Osterinsel, -- hatte er sie nicht geliebt? Sie hatte

drei Guineen eingebracht, gewiß! Vorüber der Ansturm von Gläubigern mit

Bulldoggengesichtern, von Gerichtsverhandlungen vor ungeheuern Perücken,

vorüber das Gespenst des Schuldturms zu Kingsbench, dessen Quadern das

Herz der Mutter zermalmten, oh, unerträgliche Qual! Hier saß Reinhold

Forster zwei Jahre lang und, Gott verzeihe mir, dachte George, aber ich

will das alles noch einmal erleiden, wenn ihm nicht wohl war im Gefühl

des übergroßen Unrechtes, das ihm geschah. Ja, wahrhaftig, Gott verzeihe

mir, dachte George verzweifelnd, wie immer, wenn die Säure unterdrückter

Aufsässigkeit durch seine Gedanken fraß. Und er brauchte nicht mehr

betteln zu gehen, -- vorüber die Bittstellergänge an die Logen in Paris,

in Holland, -- an die deutschen Fürstenhöfe, wo er antichambriert hatte,

den Hut in der Hand, seine Reisebeschreibung gegens Herz gedrückt, ein

berühmter Weltumschiffer, blutjung und bettelarm!

Vorüber, triumphierte er in gewolltem, inneren Jubel und flog über den

breiten, geschweiften Absatz der schön sich windenden hölzernen Treppe

des Schlieffenschen Palais hinauf, drei, vier der niederen Stufen auf

einmal nehmend. Aus der Reihe von Überkleidern, die im Vorzimmer hingen,

entnahm er mit einigem Schrecken den Grad seiner Verspätung, erfuhr von

dem diensttuenden Lakaien, daß Ihre Gnaden, die Frau Marquise von

Mombert noch nicht anwesend seien, atmete ein wenig auf und tupfte vor

dem Spiegel das schneefeuchte Gesicht mit dem Tuche ab. Er sah wohl aus,

stellte er in Eile befriedigt fest, die Wangen gerötet, die Augen klar,

nichts von seiner gewöhnlichen Stubenblässe.

»Der Professor Müller gekommen?« hörte er sich fragen, wie ihn dünkte,

ganz ohne seinen Willen, und ehe er die Antwort hörte, trat er schon an

dem Respektvollen vorüber in die warme Kerzenhelle des Salons und

schritt in eiliger Verlegenheit auf den General zu, der dort vor dem

Marmorkamin in gedämpfter, phlegmatischer Unterhaltung mit einem großen

Herrn in Hofuniform stand, einem Herrn, der sein gepudertes Haupt und

den Oberkörper zurückwarf, als er Georges Namen hörte, und ihm beide

Hände entgegenstreckte. Der Freiherr von Knigge? Nun ja, dies war ein

Herr mit blauen Emailleaugen. George, die Hand am Degengriff, machte die

Runde durch den Halbkreis der Gäste, flüsterte ein-, zweimal seinen

Namen vor unbekannten Erscheinungen, erfuhr, daß es sich um die Herren

Richers und Greve handele, beide von den Hannoveranern in Hanau,

Leutnant Greve und Hauptmann Richers, zu dienen, -- schüttelte Hände,

sah liebenswürdig entzückt in andre liebenswürdig entzückte Augen und

erholte sich endlich, neben Sömmerring verharrend, mit einem kleinen

Hüsteln von dieser Übung gesellschaftlicher Befähigung, die ihn stets

ein wenig Kraft kostete. Jetzt erst stellte er mit einem scheinbar

ziellos umherwandernden Blick fest: ja, Müller war anwesend. Er hatte

ihn begrüßt, ohne ihn zu erkennen. Jene kleine Unruhe am Herzen, die

eben nachließ und ausschwang, war die vielleicht entstanden, als er

Müllers Hand berührt hatte? Er lächelte ein wenig bestürzt und wandte

sich Sömmerring zu, -- was ging denn jener kühle, glatte Mensch mit den

rätselhaft unzufriedenen Augen ihn an? Ach, sein Sömmerring, der bebte

vor Wonne, ihn wiederzusehen nach der halbmonatlichen Trennung, klares

Wasser stand in seinen Augen, die sich voll Bewegung auf George

richteten. Nein, schön war Sömmerring nicht, aber er wurde schön in

seinem Gefühl, und war nicht dies die Seele, die ihm den kalten, fremden

Ort zur Heimat gemacht hatte?

»Unendliches habe ich zu erzählen, Freund!« flüsterte George, die Hand

auf des anderen Arm, wandte sich aber im selben Augenblick der Flügeltür

zu, wie alle Anwesenden. Die acht Männer verneigten sich, als bräche

eine sonderbare Gewalt ihre Nacken. Und die Frau, die in dem apfelgrünen

Seidenkleide dort vor dem weißgoldenen Hintergrund der Türe stand,

starrend in der Hoftracht einer schon halbverschollenen Mode von Paris,

mit den unbeweglich über dem Schoß zusammengelegten Händen die goldene

Dose, das Geschenk des Landgrafen haltend, dem sie, wie es hieß, eine

rührende Zusammenkunft mit dem Geist seiner verklärten Ahnfrau, der

heiligen Elisabeth, verschafft hatte, -- diese Frau rührte kaum die

halbgesenkten Lider, als sie nun dem schwerfällig auf sie zueilenden

General die Fingerspitzen reichte und mit schmerzlicher Hast halblaut

sagte: »Beginnen wir, schnell! Sie haben alles vorbereitet?«

George verspürte ein Rieseln zwischen den Schulterblättern -- wie gut

kannte er das, diese Schauer des Labyrinthes! -- als er jetzt das

überpuderte Antlitz mit den zarten, emporgezogenen Brauen, den leicht

verzerrten Lippen und bebenden Nasenflügeln der sonderbar berühmten

Marquise von Mombert an sich vorübergleiten sah. Der General geleitete

die Dame mit befangenem Tänzelschritt, als ginge es zum Menuett, durch

den Saal zur Türe des Kabinetts. Ein buckliges Geschöpf in

goldgesticktem Schoßrock mit einer übergroßen Lockenperücke trippelte

hinter den beiden drein und brachte durch devoteste Bücklinge und

schadenfrohe Blicke jetzt erst seine Anwesenheit zum allgemeinen

Bewußtsein. Aha, dachte George, dies war der Reisemarschall der

Marquise, war der Monsieur Touchet, der die empfindsamen Dramen schrieb

und überdies die Gabe besaß, durch Handauflegen zu heilen, wie er von

sich zu verbreiten verstanden hatte. Sollte etwas Wahres daran sein? Was

würde man heute erleben? Und nun wurde es ihm plötzlich wieder ganz

bewußt: heute galt es mehr als einen geselligen Zeitvertreib, heute galt

es eine Probe anstellen auf Tod und Leben, einen Beweis erlangen, --

endlich vielleicht. Die Spannung, die den Tag über in seinen Gliedern

gelegen hatte wie unterdrückte Krankheit, schoß auf einmal zusammen und

straffte Geist und Körper zu unerhörter Aufmerksamkeit. Auf der Schwelle

ewiger Geheimnisse stehen, welcher Augenblick! fuhr es ihm durch den

Sinn. Freilich, ein Skeptiker, ein Müller ... dachte er sogleich

geärgert weiter, wahrnehmend, wie dieser, einer Bitte des Generals

folgend, mit undurchdringlichem Lächeln die Kerzen in den Armleuchtern

löschte.

»Die Marquise wünscht es so«, hörte er den General im Ton gedämpfter

Erregung halblaut sagen. »Indessen ist sie für heute nicht disponiert,

uns, wie wir wünschten, einen Blick in die Geisterwelt tun zu lassen.

Sie wird uns jedoch«, übertönte er die flüsternde Enttäuschung der

Gäste, »Zukunft und Vergangenheit auslegen, durch Betrachtung der Linien

unserer Hände und durch Anwendung ihres übernatürlichen

Ahnungsvermögens. Ich, meine Herren,« fügte er hinzu und bewegte

abwehrend die Hand, indem er sich mit halb verhaltenem Ächzen in einen

breiten, tiefen Armsessel niederließ, »ich lege keinen Wert darauf, die

Grenzen meiner etwaigen Zukunft zu erfahren oder gar die Stunde meines

Todes. Dies Amüsement scheint mir völlig eine Affaire junger Leute.« Und

mit dem seltsam mißtrauischen, rührenden Forschen alter Menschen nach

den Mienen seiner Gäste spähend, -- aus der offenstehenden Tür des

Kabinetts fiel eine breite Straße Lichtes in den Saal und verbreitete

eine schwache Helle, -- fragte er: »Nun, wer ist encouragiert genug, den

Anfang zu machen?« Und gleich darauf in gerafftem Ton: »Meine Herren,

lassen wir die Dame doch nicht warten!«

»Stellen wir es doch auf die Probe, dies ausgezeichnete

Ahnungsvermögen!« ließ sich aus einer beschatteten Ecke Müllers Stimme

vernehmen und George ballte heimlich die Hand. »Weiß die Dame, wer hier

anwesend ist? Nicht? Kennt sie einen von uns schon von Angesicht? Nein?

Unmöglich, da sie erst seit drei Tagen hier ist? Nun, -- so wollen wir

an ihr vorbeidefilieren und sie soll zunächst einmal den -- nun,

vielleicht den am weitesten Gereisten -- und den zugleich Berühmtesten

unter uns feststellen!« Hatte ein heimliches Lachen in dieser ruhigen

Stimme gelegen? George war weit entfernt davon, in das Urteil »Eine

süperbe Idee!« einzustimmen, das Schlieffen ausstieß; dieser Mensch

legte es darauf an, ihn zu demütigen, -- nun gleichviel. Welche Komödie!

Da ging man im Gänsemarsch hinüber, Müller an der Spitze. »Wohl dem, der

nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch sitzet da, wo die Spötter

sitzen ...« ging es George bitter durch den Sinn. Aber, was lag daran?

Spielte dieser Mensch etwa auf Eitelkeiten an, die er bei ihm, George,

vermutete? Konnte er so mißkannt werden? Oder kannte er sich selbst so

schlecht? Wie, ward er etwa unruhig bei dem Gedanken, die Marquise

könnte, -- könnte vielleicht den Schotten Richers bezeichnen, der in

Amerika gegen die Franzosen gekämpft hatte, -- er entsann sich

plötzlich, von diesem Fremden gehört zu haben. Aber würde er nicht

trotzdem Forster bleiben, Forster, der Jüngere, mit einem Wort, der

junge Forster? Ah, welche Gedanken auf einem Weg von einer halben

Minute! Keine Gedanken, würdig der Ewigkeit, die sich hier offenbaren

sollte! Galt es nicht, die Verbindung mit dem Herrn zu suchen in dieser

Stunde? Jetzt schritt Knigge, jetzt wandelte Prizier an der Seherin

vorüber, sie rührte sich nicht, ihre Hände lagen regungslos auf dem

Buchsbaumtischchen, hinter dem sie saß; sie schien mit zurückgelehntem

Haupte und halbgeschlossenen Augen den Duft der Räucherkerzchen

einzuatmen, die Touchet dort über der züngelnden Flamme des Leuchters

verbrannte. Jetzt Greve, -- jetzt -- Richers, -- zuckte etwas in den

Zügen der Frau? Vorüber! Und George, ein paar Schritte hinter dem

Hauptmann, fühlte sich törichterweise erleichtert, zauderte, ging, von

Sömmerring leise geschoben, vorwärts und ... Es war die Stimme Touchets,

die da plötzlich sagte: »^Restez ici, Monsieur, Madame a fait son

choix!^«

Madame hatte gewählt, in der Tat. Es war geschehen durch eine kaum

merkliche Bewegung des Hauptes, der linken Hand. George fühlte sich auf

einmal allein, hörte ein Gemurmel hinter sich ersterben, atmete den

süßlichen Kirchengeruch der Luft und sah verwirrt in diese blicklosen

Augen, Augen, die wie beschlagene Spiegel wirkten: die Iris war nach

oben gedreht, die Pupille nur halb sichtbar und das Überwiegen des trüb

geäderten Augapfels gab dem farblosen Antlitz mit den scharfumrissenen,

hellroten Lippen einen blinden, einen übermäßig leidenden Ausdruck.

»Man weiß im Geisterreich von seinen Verdiensten«, sagte jemand im

Nebenraum, Gelächter und Gemurmel quoll noch einmal auf, ein Stuhl ward

behutsam gerückt. Dann stand im Raum die atmende Stille der Erwartung.

»Was wünscht Monsieur zu wissen?« hörte George jetzt die Stimme Touchets

mit einer scharfen Süßlichkeit in Ton und Ausdruck. »Die Vergangenheit

oder die Zukunft? Ah, -- die Zukunft, -- nicht wahr!?«

»Die Vergangenheit!«

George stieß es heftig hervor. Es galt eine Probe. Es war nicht ruchlose

Neugier, daß er hier stand! Dies im Auge behalten, sich den Zweck nicht

trüben lassen!

Die Vergangenheit! Erfahren, ob es möglich war, daß Gott den Menschen

würdigte ... Und mit einer ungeduldig heischenden Bewegung stieß er der

Somnambule seine geöffnete Linke hin und fühlte sie von schlaffen,

kühlen Fingern umfaßt, -- Fingern, von denen doch eine beängstigend

saugende Kraft ausging. George dehnte den Brustkasten in einem seltsamen

Gefühl der Schwäche. Wie, -- stürzte all sein Blut in seine Hände?

Und während er in diesem fremdartigen Taumel die Augen schloß, fühlend,

daß der stumpfe Blick der Frau an ihm emportastete, -- war nicht damals

am Kap die große Fledermaus so an seiner Brust hinaufgeklettert, die

sich in seinem Jabot verkrallt hatte ... da hörte er etwas wie einen

tönenden Seufzer, -- zwei, drei Worte ...

Nun, dies war wirklich zum Lachen!

Und er raffte sich zusammen und sah mit halbem Lächeln auf die Sitzende

nieder.

»Nun, Madame, beliebt es? Die Vergangenheit, wenn ich bitten darf!«

Eine Schleuse schien geöffnet. Die Worte kamen unaufhaltsam.

»Da ist eine Reise, wenige Tage zurück, -- oh, keine große Reise für

Monsieur, -- hundert Meilen über Land zu fahren, was will das heißen für

Monsieur, der die ganze Erde kennt? Eine Reise zu Verwandten, Monsieur?

Die Verwandten sind lange in einem Land fern der Heimat gewesen. Ich

sehe -- Armut. Das ist vorbei. Monsieur hat gearbeitet für seine alten

Eltern. Sind es die Eltern, Monsieur? Gut! Aber die Eltern sind nie

zufrieden mit Monsieurs Erfolgen. Ist es ^Madame Mère^? Nein. Aber der

alte Mann ... Ich sehe einen Berg. Ich sehe eine bittere Galle. Ich

fühle -- Neid. -- Ah, ^assez!^ Monsieur wünscht das nicht zu hören. Es

hat wenig Freude gegeben beim Wiedersehn. Streit, -- Kummer. ^Assez!^

Monsieur ist jetzt sehr allein. Da ist eine Frau, -- braune Augen.

^Prenez garde, monsieur!^ Monsieur hat Freunde, ah, sehr gute Freunde,

-- da sind _hohe_ Herren. Die letzten Jahre? Viel Arbeit, viel Reisen,

-- immer für den alten Mann. Aber -- ist es nicht so? -- Monsieur haßt

den alten Mann ...«

George, der seine Hand an sich reißen wollte, fühlte eine Lähmung,

fühlte Schwindel, fühlte sich wie unlöslich an diese saugenden Finger

geschlossen.

»Oh, wie der alte Mann wächst, je weiter es zurückgeht! Er macht den

Himmel dunkel. Viel Wasser, -- viel. Oh, welche Länder ...«

Hier legte Touchet seine Hand um das Gelenk der Frau und willenlos

öffnete sich ihr Griff um Georges Linke.

»Genügt Ihnen dies, -- Monsieur?« flüsterte der Franzose von unten

herauf mit einem Entblößen seiner Zähne, einem Hochziehen der Oberlippe,

das seinem zugespitzten Gesicht einen Ausdruck von Bosheit verlieh.

George nickte stumm. Er wandte sich, schwankte in den Saal zurück und

suchte seinen Stuhl. Und nun er endlich saß und seine Stirn mit dem

Taschentuch betupfte, seine linke Hand heimlich abrieb, um die

Erinnerung an jene schlangenhafte Berührung los zu werden, kam er

allmählich wieder zu sich, empfand die beruhigende Wärme, die von seinem

Nachbar Sömmerring ausging, der fast Schulter an Schulter mit ihm saß,

seufzte auf und wußte wieder: hier, dies war der Salon im Hause des

Ministers, dort auf dem Kamin blinkte in einem Lichtstrahl die glasierte

chinesische Vase, leise und geschwätzig pendelte von der Kommode her der

Gang der Boule-Uhr durch die Stille. Dies neben ihm, atmend und Leben

verratend, war Sömmerring, ach, der _Freund_, und an seiner Rechten,

Müller, o, trotz allem, auch eine heimatliche Seele. Indessen, mein

Gott, gab es hier nicht einen kleinen Anhalt dafür, daß er -- er selbst

war, -- oh, wollte niemand ihn anreden und diesem Kreiseln seines

Gehirns Einhalt tun? Da stand von Knigge nun vor dem Tisch im Kabinett,

das starke, rosige Gesicht unter dem gepuderten Toupet vom Kerzenlicht

angestrahlt und mit selbstgefälligem Lächeln dem lauschend, was Madame

ihm zu sagen hatte. In der fahlen Maske ihres Gesichts bewegte sich der

krankhaft rote Mund unaufhaltsam und quoll über von jenem rauhen, tiefen

Geflüster mit der röchelnden Betonung gewisser Worte, diesem Geflüster,

das hier nicht zu verstehen war. Da war, durch einige Stühle von ihm

getrennt, der General, man hörte deutlich sein kurzes, mühsames Atmen

und das Klingeln seiner Berloques, mit denen er wie gewöhnlich spielte.

Da war Prizier, er wippte mit dem Stuhl und trug Langeweile zur Schau;

freilich, dies hatte mit Alchemie wenig zu tun. Und da waren, ein wenig

nach Stall und Leder riechend, die beiden Herren Greve und Richers,

jawohl, von den Hannoveranern in Hanau, er hatte von ihnen gehört, sie

waren zu Pferde herübergekommen, um die Seherin zu hören, -- Angehörige

übrigens der Loge »Friedrich von der Freundschaft«, also nicht strikter

Observanz, noch nicht, -- diese waren ganz Andacht, saßen vorgebeugt da,

hielten die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, die Hände gefaltet

zwischen den Knien, beobachteten starr den Eindruck, den die Worte der

Seherin auf den Zügen von Knigges hervorriefen, warfen sich zurück,

schüttelten ratlos die Köpfe, griffen sich grübelnd ans Kinn ... Gute,

junge Leute das, der Hauptmann und der Leutnant, dachte George, einer

unbehaglichen Rührung voll, der eigenen sechsundzwanzig Jahre nicht

eingedenk, -- und doch, -- was erinnerte ihn plötzlich daran? Jene

ersten Worte der Seherin, jener gehauchte Ausruf bei seinem Anblick, --

nein, -- lächerlich! Dennoch, was hatte sie gemeint! -- Gegenwärtiges?

Zukünftiges? Stand ihm etwas bevor, das jenen Seufzer rechtfertigte? War

es also noch nicht genug gewesen, -- das alles, was hinter ihm lag? Aber

er wollte sie nicht um die Zukunft befragen, nein, er hatte genug von

der Erfahrung, daß zwischen ihm und jener Fremden dort am Tisch kein

Schleier waltete, daß kein noch so dünnes Häutchen seine Erinnerung von

ihrer Seele schied, -- daß hier, -- ja, daß hier also in der Tat ein

seltsames Ineinanderwogen der unsichtbaren Wesenheiten verschiedener

Personen statthatte. Ein Ineinanderwogen, ein Verschmelzen nicht nur der

Seelen, -- auch die Zeitbegriffe waren aufgehoben, -- Vergangenheit,

Zukunft, das stand aufgerissen da in einer weiten, raumhaften Gegenwart,

in der alles nebeneinander ragte, was bestimmt war, ein Leben fließend

zu füllen. Welch ungeheurer Frieden, dachte George bestürzt, müßte dort

wohnen hinter der niederen Stirn von Madame! Ja, dieses Wesen in dem

mitgenommenen Kleid aus verschlissener, grüner Seide, in der Robe einer

halbverschollenen Mode von Paris, es war im Besitz der All-Einheit, es

mußte strahlen von gesammeltem Lichte, -- es war -- -- seltsam, seltsam!

-- nichts als ein greifbarer Ausdruck göttlicher Allwissenheit. Ach,

aber es wohnte da kein Frieden; da war Qual. Qual sprach aus den

gereckten Zügen dieser Frau, aus ihrem blinden Tasten nach den Händen

der Fremden, aus ihrem Zusammenzucken, wenn die Stimme Touchets in ihr

Hirn drang. Das war keine Herrscherin im Unsichtbaren, -- nur ein armes

Werkzeug, ein geknechteter Schalltrichter für übermenschliche Stimmen.

Aber ich, dachte George weiter, gepeinigt, das Erlebnis bis ins Letzte

auszuschöpfen, wenn es _mir_ gelänge, das Trennende auszulöschen,

durchzustoßen das Häutchen, zu zerreißen den Schleier, -- wenn ich mich

nur hingebe, mich strömen lasse, -- es gelingt, -- es gelingt! Und

wieder empfand er das Kreiseln des Gehirns, das Aufgehobensein des

Selbstbewußtseins, jene Ahnung des Schwebens, wie er sie erfahren hatte

in den Gebetsrasereien der vergangenen Monate. Gleich, -- gleich, --

dachte er krampfhaft, -- oh, schon hatte er aufgehört, George Forster zu

sein, was war dieser Name, wen hatte er einmal bezeichnet? Einen

gefeierten, jungen Gelehrten? Einen Professor der Naturwissenschaften am

Carolinum zu Cassel? Einen Schützling von Fürsten? Einen Freund guter

Freunde? Ein Schwall von Erinnerungen stürzte zwischen ihn und sein

Bemühen, auszulöschen. Irgendeine Stimme, empfunden wie ein bohrender

Punkt glühenden Lichts, der die Dunkelheit nicht aufkommen ließ,

wiederholte eigensinnig: »Cassel! Carolinum! Collegium! Gold, Gold und

wiederum Gold! Landgraf und Konsorten! George, George, Forster, Freund!

Bruder Amadeus!« und widerwillig gab er nach, ließ ihn wachsen, den

Punkt, anschwellen das Licht, erkannte sich, jawohl, George Forster,

Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel, der

Gelehrtenschule des Landgrafen von Hessen, George Forster, Mitglied des

geheimen Rosenkreuzerzirkels, mit dem Bundesnamen Amadeus, der hier saß,

als hätte er Zeit übrig für -- müßige Charlatanerien, -- nicht wahr, so

würde der Vater das nennen, -- als müßte er nicht über seiner Arbeit

brüten, um Geld zu verdienen, Geld! _Viel_ Geld, denn was tat man ohne

Geld, ohne Bücher, Instrumente, gute Kleider, wie sie seine

Lebensstellung nun einmal nötig machte, also Geld für sich und dann, --

aber, o mein Gott, immer noch und endlos, für den Alten, der jetzt dort

in Halle saß, und sich mit Lust der Erkenntnis hingab, daß die

Postverbindung zwischen ihm und dem Sohne nun außerordentlich viel

besser war, als zwischen London und Hessen-Cassel!

George rückte sich ein wenig zurecht und kam durchaus zu sich. Er

schauderte zusammen, es war kühl im Saal, das Feuer im Kamin war

niedergesunken. Eben kehrte Sömmerring von der Seherin zurück, das

Lächeln verlegener Ratlosigkeit um den Mund, das er für unerklärliche

Fälle vorrätig hatte. »Rätselhaft!« raunte er George zu, indem er sich

niederließ, »sie hat mir mein ganzes Leben gesagt. Dinge, die niemand

wissen konnte. Ich bat um die Vergangenheit, -- wie du!« Dieses »wie du«

stand als Motto über Samuel Sömmerrings Tagen, seit er George kannte.

Indessen ging eine Bewegung durch den Kreis und es ward festgestellt,

daß niemand mehr da war, der Madame befragen wollte.

»Nun, meine Herren, in der Tat? Sie sind befriedigt?«

Der General spähte nach den Mienen seiner Gäste und verweilte prüfend

auf den ihm zunächst Sitzenden, Richers und Greve, die immer noch in den

Anblick der Pythia versunken waren. Zuweilen murmelte Greve etwas wie:

»Unübertrefflich!« worauf Richers, der ein Schotte war, regelmäßig aus

tiefster Seele »^Rather!^« antwortete. Dann, mit leisem Ächzen seine

schwerfälligen Massen in Bewegung setzend und sich auf der Lichtstraße

nach dem Kabinett zu schiebend, nachdem er durch eine Glocke den Diener

hereingerufen hatte, gab er das Zeichen, sich zu erheben. George stand

ernüchtert im Schein der wieder aufflammenden Kerzen. Er meinte, dort im

Kabinett einen Papierumschlag auf den Tisch flattern gesehen zu haben,

die Marquise, hochmütig und erschöpft ins Leere blickend, beachtete ihn

nicht, aber Touchet griff gierig danach. Hier ward ein Handel

abgeschlossen, jene Frau dort lebte vom Verkauf ihrer Ewigkeitsnähe;

freilich, weder sie noch ihr Begleiter wirkten wie fleischgewordene

Gottesgrüße und es war ohne Zweifel eine ganz alltägliche Person, die

dort ein wenig mürrisch den Komplimenten des Generals lauschte. Würde

sie der Gesellschaft noch einmal die Gunst ihrer Offenbarungen erweisen,

ihnen das Geisterreich auftun? -- oh, sie konnte ja sehen, daß die

Herren erschüttert waren wie Moses auf dem Sinai, hier befanden sich

weder Zweifler noch Spötter! Die letzten Worte, die Schlieffen halb in

den Salon hinein gewandt sprach, lösten unterdrücktes dankbares

Gemurmel, durch das die Marquise mit abwesendem Ausdruck

hindurchschritt, während Touchet eilig und widerlich freundlich

Verbeugungen erwiderte, die ihm nicht gegolten hatten. Nun, gehörte jene

Frau etwa diesem krummen Zwerg? War sie in seine Gewalt geraten und

trieb er Raubbau mit ihren Fähigkeiten? George erlag dieser Vorstellung

einen Augenblick, indem er nach der Tür starrte, hinter der die Fremde

verschwunden war. Dann begegnete er Müllers Blicken, in jenem

unbegreiflichen Lächeln auf sich gerichtet, das dieser Mann immer für

ihn hatte. Er raffte sich zusammen. »Ein wunderliches Schicksal,« sprach

der andere ihn an, »dies ist eine Frau von Welt, ihr sogenannter

Reisemarschall aber wirkt wie ein Jude. Wie dem auch sei, -- eine

interessante Demonstration!«

»_Eine_ Empfindung ist zehntausend Demonstrationen wert!« gab George

kalt zurück. Wo war Sömmerring? Man brach auf. Und ein Blick in den Saal

zurück zeigte ihm Schlieffen, den Arm auf das Kaminsims gestützt, tief

nachdenklich vor sich niedersehend. Ein alter, schwerer und müder Mann.

Die Seelen werden ihrer Masken müde, wenn das Leben sich neigt, ging es

George schwermütig durch den Sinn.

Schweigsam schritt er hinter den anderen die Treppe hinunter, hob

aufatmend den Blick, als er ins Freie trat. »Orion!« dachte er wie ein

Gebet. Und nun, -- es schlug erst sieben vom Turm, es war noch Zeit zu

einem Spaziergang, ehe man sich zum Kammerherrn von Canitz begab, wohin

die Gesellschaft auf den Abend gebeten war, gewisser Besprechungen

halber. Er ergriff Sömmerring beim Arm.

»Ich versichere Ihnen, meine Herren, daß sie dies alles nicht wissen

konnte, sie hatte nicht den geringsten Anhalt«, hörte er hinter sich die

Stimme von Knigges, der zwischen Richers und Greve einherschritt. »Es

ist ein Phänomen, ein unerhörtes Naturspiel ...«

»Was sagst du, George?« murmelte Sömmerring. »Ich komme nicht darüber

hinweg, daß die Huren Allwissenheit haben sollen und die Augen reiner

Jungfrauen gebunden sind ...«

»Oh, mein Wertester!« sagte Müller und wandte sein rätselvolles Gesicht

über die Schulter zurück, George mit seinem traurigen Lächeln streifend,

»sind Sie noch in dem Traum von der Vestalinnen Reinheit befangen?«

Prizier lachte zischend. »Schäker!« meckerte er, »ein Schäker, das, der

Professor!«

»Ich weiß es nicht«, sagte George, aus seinen Gedanken auftauchend und

sich Sömmerring zuwendend. »Vielleicht haben wir erleben sollen, daß das

Gefäß gar nicht dürftig und demütig genug sein kann, um das heilige

Leuchtöl aufzunehmen. Diese Frau ist am Leben zerbrochen. Das Gefäß ist

nichts, der Inhalt alles. Selig, die am Geist Armen, ists nicht so? Sind

wir nicht einfach genug, Freunde?

»Wir treiben viele Künste

Und kommen weiter ab vom Ziel ...««

Er sprach es träumerisch und wie für sich allein. Müller hatte sich

Prizier zugewandt. Ihre Schritte klangen dumpf auf der schneebedeckten

Straße. Der Fluß dampfte zu ihrer Rechten, lichte Fenster säumten das

jenseitige Ufer wie Reihen riesiger Glühwürmer, im Nebel hob sich

gespenstisch geballt der Turm der Martinskirche.

»Ja, ich habe meinen Beweis!« raunte George und preßte den Arm des

Freundes an sich, »was mir noch fehlte zum vollen Glauben, es ist

gewonnen. Oh, freilich wohl: selig der Glauben, ohne gesehen zu haben.

Aber, -- selig auch, der gewürdigt wird, zu sehen!«

Sie hatten ihre Schritte verlangsamt und blieben hinter den andern

zurück.

»Es geht mir ähnlich, wie dir«, murmelte Sömmerring erschüttert.

»Es ist unmöglich, daß sie meine letzten Jahre kannte,« fuhr George

leidenschaftlich fort, »die Plackerei und Mühsal für den Vater seit der

Heimkehr aus der Südsee, -- all die Reisen für ihn, -- und nun sein

malcontentes Benehmen, seit er glücklich in Halle installiert ist. Nun,

aber du weißt, ich frage nicht nach Dank!«

Dies letzte gehörte nicht zur Sache. Er stieß es hitzig heraus und

schüttelte Sömmerrings Arm.

»Ich weiß, Teuerster, ich weiß ...«

»Oh, nichts weißt du! Sprachen wir uns denn seit meiner Rückkehr aus

Halle? Den Abgrund hat dies Wiedersehn zwischen mir und ihm aufgerissen!

Aber wer ahnte das schon? Welche Seele hätte ich auch nur ganz von ferne

einen Blick in meine tun lassen? Nun, diese Frau sagte es mir: Ihr haßt

den alten Mann ... Sömmerring, Sömmerring, wie wurde mir da!«

Er stieß einen Ton aus, lachend, keuchend. »Guter Gott!« Sömmerring

suchte vergeblich Worte. George beruhigte sich.

»Du siehst mich exaltiert«, sagte er, die Augen zum Firmament erhebend.

»Oh, Freund, ich bin so über die Maßen glücklich, wieder hier zu sein!

Ich war in der Wüste. Ich fand nicht die mindeste Rezeptivität für die

Begriffe, die unsere Glückseligkeit ausmachen. Vielleicht noch für die

physikalische Seite der Sache. Gold machen können, -- o ja! Nicht übel!

Aber -- aber -- Nun, du verstehst mich. Ich hatte dort keinen Augenblick

der Sammlung, die Zeit, die ich unserm Herrn zu weihen pflegte, mußte

ich mich in einfältiger Gesellschaft ennuyieren und über ihre Späße und

Zoten lachen. Tagsüber sortierte ich die Herbarien, wie als Junge. Der

Geist verhalf mir zu Demut, Geduld und Liebe. Meine Schwestern ...«

»Halt!« flüsterte Sömmerring in diesem Augenblick und umkrampfte seine

Hand. »Halt! Schweige!«

Sie waren stehengeblieben. Georges Herzschlag setzte einmal aus. Eine

vermummte Gestalt, übermäßig groß, wie es schien, aber geduckt und den

Kopf zwischen hochgezogenen Schultern bergend, tat schleichende Schritte

an ihnen vorüber, die vom steigenden Monde fahl beleuchtete Häuserwand

entlang, ihren grotesk verkürzten Schatten mit sich führend wie einen

widerwillig gebändigten üblen Geist. Sie überholte die Freunde, um

lautlos in die Schwärze eines Seitengäßchens zu tauchen.

»Manegogus!« flüsterte George mit versagender Stimme. Sie schritten

weiter, die Arme voneinander gelöst, die Köpfe gesenkt, wie ertappte

Sünder. Einmal blickte Sömmerring scheu zurück. »Wie lange mag er hinter

uns gegangen sein?« murmelte er, »man hört kaum einen Schritt in dem

frischen Schnee.«

»Du vergißt, daß es schwer zu verstehen ist, was vor einem Hergehende

sprechen!« redete George hastig. »Außerdem sprachen wir nicht laut. Wir

sprachen auch nicht von Ordensdingen. Oder, ich bitte dich! _sprachen_

wir von Angelegenheiten des Zirkels?«

»Nein, nein!« stieß Sömmerring beteuernd hervor und wandte wieder den

Kopf zurück.

»Du siehst es, du siehst es!« George faßte mit der Hand an den Kopf.

»Überall. Auf Schritt und Tritt! Wußte er von dieser Séance? Natürlich,

er wußte es! Mein Gott, aber dies ist mehr als natürlich.«

Er blickte hinüber nach dem Museum Fridericianum, dessen Fassade drüben

neben der schwer gegliederten Masse des Schlosses in ihren edlen

Verhältnissen unwirklich dastand wie ein vom Monde geborener Traum.

Irgendein Sehnen nach jenen Kammern und Sälen voller Realitäten, nach

reinlich geordneten Sammlungen, nach fest umrissenen Arbeitsstunden

rührte ihn in der Tiefe des Unbewußten an, -- ein junger Baum, der Zucht

des Gärtners gewohnt, was _weiß_ er viel, wenn der Stab ihm plötzlich

fehlt und er in jedem Winde schwankt? George Forster seufzte auf.

Sie stampften den Schnee von ihren Stiefeln und betraten das Haus des

Kammerherrn, dessen ächzende Torflügel ein Bursche vor ihnen aufgerissen

hielt. --

»Ah, auf ein paar Worte, meine Herren, -- mein teurer Freund ...« der

Kammerherr war eilig und ein wenig erhitzt in das Vorzimmer

herausgekommen, wo George und Sömmerring ablegten. Der Diener schien

beauftragt gewesen zu sein, ihr Eintreffen zu melden, jetzt zog er sich

zurück.

»Ich bin untröstlich!« fuhr Canitz aufgeregt und gleichwohl zerstreut

fort, indem er seine Erscheinung im Spiegel musterte und unzufrieden an

seinem Jabot nestelte, »ich muß auch Sie bitten, heute abend alle

Angelegenheiten des Bundes, speziell unsres Zirkels, falls denn die Rede

daraufkommen _sollte_, nur in ganz allgemeiner Weise zu berühren. Wir

müssen davon absehen, die Herren Richers und Greve gerade heute zu

gewinnen. Mit einem Wort, -- wir sind nicht unter uns!«

Er rannte mit kurzen Schrittchen zu einer Flügeltür, öffnete halb und

rief in das zarte Klappern und Klirren von Porzellan und Silber hinein:

»^Mon dieu^, Emil. Er hat doch das Couvert für den Herrn Grafen so

aufgelegt, daß S. Gnaden zu meiner Rechten und zur Linken des Herrn

Professors Forster zu sitzen kommen? Ah, sehr gut so!« Schloß die Tür

wieder und erklärte mit unbeteiligtem Schmunzeln:

»Jawohl, lieben Freunde, -- ein junger Graf Puschkin aus St. Petersburg,

an mich rekommandiert durch die Fürstin Gallizin, ja, durch die Charitin

Amalia! ...« Er lächelte gerührt und fügte hinzu: »Ein _junger_ Herr!

Mit seinem Gouverneur auf Reisen. Er brennt darauf, von der Südsee zu

hören, Allergelehrtester!«

Indem er nun, als vergäße er sie vollkommen, die Freunde wieder verließ

und hinter der Türe verschwand, aus der er gekommen war, tauschten

George und Sömmerring einen Blick, wobei einer von ihnen »^Damned!^«

murmelte. »George,« sagte Sömmerring in diesem Augenblick einer

plötzlichen Erinnerung nachgebend, -- »die Marquise -- was sagte sie als

erstes Wort zu dir? Du fuhrst zusammen, ich sah es.«

George lachte kurz auf. »^Nonsense!^« rief er aus, tat mit seinen

Handschuhen einen Schlag durch die Luft und ging dem andern voran in das

Empfangszimmer. --

»Er hat Weihrauch auf den Lippen und Säure im Gemüt«, dachte er kurz

darauf etwas ergrimmt, als er über die Schulter des jungen Russen

blickend und mitten in einem wohlgebauten Satz über den Hofstaat des

Königs O-Tu den Augen Müllers begegnete, der dort hinter dem Rücken des

Gastes lautlose Schritte auf und nieder machte, Wandleuchter, Bilder und

Spiegel gelangweilt musternd, die Hand in den Westenausschnitt geschoben

und mitunter einen der Anwesenden mit seinen schweifenden Augen

gleichgültig freundlich anblickend. George empfand Kritik in jedem

Auftreten dieses Mannes, jener nahm nichts ernst und hing an die

heiligsten Sentenzen sein skeptisches Fragezeichen. War es die

Beschäftigung mit der Historie, die die Unbefangenheit zersetzte? Woher

nahm er das Recht, alles anzuzweifeln? Hielt er es für ein Recht des

Philosophen? Indessen war er etwa allein Philosoph? Hier stand er,

George Forster, der die halbe Erde gesehen hatte, -- _gesehen_, meine

Herren, der nicht nur ein blasses Bücherwissen hatte wie Sie alle! --

hier stand er im blauen englischen Frack und unterrichtete einen

halbasiatischen Würdenträger über die Eigenschaften der Südseeinsulaner,

entledigte sich dieser Aufgabe in dem weltmännischen Plauderton, den ihm

die Gewohnheit des Umgangs mit hohen Herren verliehen hatte. War dies

ein Anlaß, ein Auge zuzukneifen und die Mundwinkel hängen zu lassen, oh,

nur für eine Sekunde, und dann sah man wieder aus wie ein harmloser

Zuschauer des Lebens; aber George hatte es wohl bemerkt. Er fühlte

entrüstet, daß ihm der Faden der Rede entgleiten wollte, einfach über

dem Gedanken, daß er diesen pflaumenfarbenen Rock noch nie an Müller

bemerkt habe und daß dies im Grunde eine sehr hübsche Farbe sei, nahm

erschrocken wahr, daß die lichten Brauen des Knaben vor ihm sich leise

hoben, seine blassen Augen sich etwas weiteten, daß Herr von Hippel, der

Gouverneur, wunderlich lächelte, -- wußte, daß er sich wiederholt habe,

stockte verwirrt, blickte vor sich nieder und vernahm in diesem

Augenblick dankbar die Aufforderung zu Tisch zu gehen.

»Priziers Vortrag fällt also ins Wasser?« fragte ihn Müller, zu seiner

Rechten sitzend, halblaut in das erste Aufrauschen der Unterhaltung

hinein, nachdem man sich um die runde Tafel herum niedergelassen hatte

und der Graf Puschkin für Minuten völlig von Canitz in Anspruch genommen

wurde, der selig irgendwelche Erinnerungen an allerhöchste Verwandte

Höchstdesselben auspackte.

»^Mon dieu^, was für ein verlorener Abend!«

»Ich halte es nicht für Raub an meiner Arbeit, Stunden im Umgang mit

Menschen zuzubringen«, gab George steif zurück, sich nicht bewußt, daß

seine Augen es verrieten, wie er selbst sich getroffen fühlte. Er sah

auch nicht, daß der andere lächelte, denn er vermied es, ihn

anzublicken. »Mag sein, daß ich meine Arbeit nicht so hoch einschätze«,

fügte er kampfbereit hinzu.

»Wann werden Sie einmal einen Abend bei mir zubringen, Forster?« fragte

Müller herzlich, den Ton der Antwort völlig überhörend. »Ich denke doch,

wir würden manches auszutauschen haben. Ich würde sagen, bringen Sie

Sömmerring mit, indessen es plaudert sich nun einmal zu zweien ungleich

leichter als zu dreien.«

»Haben Sie Neuigkeiten von Jakobi?« fragte er nach einer Weile, als

George nichts erwiderte und ihn nur mit einem unsichern Blick gestreift

hatte.

»Ich danke Ihnen, ja,« sagte der Gefragte nun hastig. »Er ist mit den

Seinen wohlauf. Ach, Pempelfort, -- ein Paradies der Freundschaft!«

Er bediente sich mit Fisch, griff nach seinem Glase und lächelte Müller

nun freimütig an. »Der Freundschaft Angedenken!« sagte er und hob den

grünlichen Römer mit einer schwärmerischen Gebärde, zugleich Sömmerrings

Blick suchend, auf den er alsbald traf, denn Sömmerring, dort drüben

zwischen Richers und Greve, schien mit diesem Blick längst in

Bereitschaft gelegen zu haben. Müller, der bedächtig getrunken hatte und

sich nun seinem Fisch in ausgesucht zierlicher und besonnener Weise

widmete, sagte langsam: »Ich schätze den Menschen Jakobi ungemein. In

bezug auf seine Schriften aber bin ich ein wenig Goethes Meinung.«

George fuhr auf.

»Goethe«, sagte er schnell, »ist ein großes Genie und ein kaltes Herz,

ohne Hingabe und ohne Treue, unfähig, eine Seele wie Fritz Jakobi zu

umfassen. Goethes Geist gleicht der Pracht antarktischer Breiten, mein

Herr, und der »Woldemar« entsprang einem wärmeren Himmelsstrich.«

Er sah Müller hochmütig an, seine Lippen bebten. Müller war ein wenig

erschrocken. Er machte »Oh!« und wandte sich Herrn von Hippel zu, gerade

als der Graf, von dem der Kammerherr endlich erschöpft abließ, um mit

dem Ausdruck eines rosigen apoplektischen Mopses vor sich hinzustarren,

seine Hand behutsam auf Georges Ärmelaufschlag legte.

»Bitte, Herr Professor,« sagte er leise und zutraulich, wie ein

schmeichelndes Kind, »unterrichten Sie mich ein wenig über das Wesen der

Maçonnerie und ...« er ließ einen geschwinden Blick zu seinem Gouverneur

wandern und senkte die Stimme noch mehr, -- »und -- verwandte Dinge. Sie

sind Maurer, -- welcher Mann von Welt wäre es nicht?«

»Sie befehlen, Graf« -- George gedachte der Warnung des Kammerherrn und

war einen Augenblick verwirrt. Dann faßte er sich. In der Tat, --

Maurer, -- wer war es heutzutage nicht?

»Allerdings gehöre ich einer Loge an,« antwortete er zurückhaltend

soweit es die Artigkeit zuließ, »diese Dinge aber sind so allgemein, daß

ich Sie nicht damit ennuyieren darf. Denn ohne Zweifel gehören Sie

selber der Verbindung aller Guten zum Guten an?«

Der junge Mann, knabenhaft noch, blaß über seinem dunkelgrünen

goldbordierten Leibrock und unter dem Puder der Haartracht, senkte die

gewölbten Lider und schob die volle Unterlippe unzufrieden vor.

Irgendeine Erinnerung sang in George auf, -- ach, -- wo doch nur?

Richtig, -- jener vornehme Knabe in der Petersburger Eremitage, -- ihm

sah der Graf ähnlich. Mein Gott, -- dies lag bald zwanzig Jahre zurück.

Er machte eine fast zärtliche Bewegung gegen seinen jungen Nachbarn:

»Belieben Sie nur zu fragen, Graf,« sagte er, »meine Erfahrung steht

völlig zu Ihren Diensten!«

Der Graf, ohne aufzusehen, die Hände ungeduldig bewegend, sprach nun

schnell und leise: »Ich bin Mitglied der Loge zu den drei Weltkugeln in

Berlin. Ich bin aber nur ein einziges Mal mit Hippel dort gewesen, eben,

als man mich aufnahm. Immerhin, ich bin im Bilde, was die Maurerei

angeht. Jedoch, mein Herr Professor,« -- jetzt blickte er George fest an

und sprach lauter, als er wahrscheinlich beabsichtigte, -- »was ist es

mit der strikten Observanz? Was ist es mit der Rosenkreuzerei? Wozu

dient die Alchemie? -- Dies alles wünsche ich zu erfahren,« endete er in

scharfem Flüsterton und behielt dabei Hippel im Auge, der jetzt von

Knigge verfallen war und seinem Zögling keinerlei Aufsicht schenken

konnte. Müller, von seinen beiden Nachbaren im Stich gelassen, saß mit

seinem gewöhnlichen Lächeln unbeteiligt da, George versuchte, mit seiner

Person die Worte des Grafen aufzufangen, war aber überzeugt, daß Müller

zuhörte und alles verstand. »Sie setzen mich in Verlegenheit,« brachte

er hervor, »ich wüßte nicht, von welchem Belang diese Dinge für Sie sein

könnten.« Er überlegte, durchaus im unklaren darüber, welche Art von

Aufklärung hier erlaubt und zulässig sein möchte.

»Da unser Freund in Verlegenheit zu sein scheint,« hörte er da zu seinem

Schrecken Müllers Stimme reden, machte eine Gebärde, als wollte er

Schweigen gebieten, ließ mit einem hilflos empörten Blick zu Canitz

hinüber aber die erhobene Hand wieder sinken, -- »so gestatten Sie mir,

Graf, Sie ein wenig zu unterrichten.«

Müller lächelte fast schalkhaft, er saß zurückgelehnt, nur den Kopf ein

wenig vorgebeugt und seitlich gewandt, seine schönen Hände, die mit den

Flächen nach oben auf dem Tischtuch lagen, bewegten sich zuweilen

leicht.

»Die Alchemie, Graf, nach der Sie fragten, wenn mein Ohr mich nicht

täuschte, ist eine Wissenschaft, deren Beherrschung jeder von uns sich

angelegen sein lassen müßte, denn sie geht darauf aus, uns armen

Sterblichen alles zu verschaffen, wonach unsere innersten Wünsche

stehen, Gold nämlich im Überfluß und langes Leben durch die Erfindung

des ^Aurum potabile^, das einstweilen nachweislich nur Moses, Elias und

Esra besessen haben. Ist's nicht so, meine Herren?«

Er sah sich unbefangen-behaglich im Kreise um und schien sich dessen gar

nicht bewußt zu werden, daß ein verdrießliches Schweigen seinen Worten

folgte, während nun die Diener Teller wechselten und den neuen Gang

herumboten. Erst als sich die Türen hinter den Aufwartenden geschlossen

hatten, denn es gehörte zu den Gesetzen des engeren Zirkels im Hause des

Kammerherrn, daß die Speisenden während der Tafel sich selbst bedienten,

brach Canitz in die Worte aus:

»Ich bin auf das peinlichste überrascht, Sie, mein Wertester, dem ich

mit Fug eine gerechte Mäßigung in allen Fragen der Wissenschaft meinte

zutrauen zu dürfen, von einer so wichtigen Materie leichthin und nahezu

mit Frivolität handeln zu hören!«

»Mit Spötterei!« fiel der ehrliche Sömmerring über den Tisch hinüber

ein.

»Tja, tja ...« keuchte der Kammerherr unter ruckweisem Vorstoßen des

Kopfes und blickte Müller mit vorwurfsvoller Erwartung an.

»Oh!« machte Müller liebenswürdig erstaunt, richtete sich gerade auf und

wandte sich dem alten Herrn mit vollendeter Verbindlichkeit zu.

»Verehrtester, ich bitte aufrichtig um Vergebung. Indessen, da weder

Moses, noch Elias, noch auch jener Esra, dessen Verdienste mir eben

nicht gegenwärtig sind, noch nachweislich unter uns weilen, glaubte ich

mich berechtigt, ihren Besitz der Tinktur anzuzweifeln und mithin

überhaupt das Vorhandensein jenes Lebenselixiers.«

»Niemand«, fügte er unschuldig lächelnd hinzu, »möchte das Geschenk

einer solchen Wunderessenz lebhafter begrüßen als ich. Denn, -- meine

Freunde, -- ich liebe das Leben!« Er hob sein Glas und trank dem

Freiherrn von Knigge zu, der ihm mit einem kaum merklichen Lächeln

Bescheid tat, einem Lächeln, das er nun mit der breiten weißen Hand

gleichsam von seinen Zügen wegwischte, als er das Glas absetzte und mit

seiner etwas fetten Stimme bedächtig sprach:

»Moses, Elias und Esra mögen zuversichtlich in der richtigen geistigen

Verfassung gewesen sein, die den wahren Adepten ausmacht, indessen waren

sie allem Anschein nach nicht darauf bedacht, den flüchtigen Geist zu

materialisieren, und auch nicht im Besitz der Chimie, als eines Mittels,

^Lapis philosophorum^ zu kristallisieren und somit seine Bedingungen auf

den Körper anwendbar zu machen. Denn, meine Herren,« und er wälzte

bedeutungsvolle Blicke von dem Hauptmann Richers zu dem Leutnant Greve,

zwischen denen er seinen Platz hatte und die mit dem sprungbereiten

Ausdruck begieriger Lehrlinge dasaßen, »'s ist der Geist, -- der

flüchtige Geist, der in der wahren Chimie eingefangen wird. Der Geist

ist's, der lebendig macht ...« er aß nachdenklich und hingebungsvoll

einen Bissen, -- »ja, ja, und das Fleisch ist schwach.«

»^Rather!^« bemerkte Richers zustimmend. Der kleine Graf richtete seine

schräg geschnittenen, etwas schwimmenden Augen wieder auf George, zu dem

er das meiste Vertrauen zu haben schien. »Die Herren,« sagte er in

seinem harten rollenden Französisch, »scheinen der Ansicht zu sein, daß

die Alchemie eine schwierige Wissenschaft sei, bitte, ^Monsieur le

Professeur^. Ist es Ihnen bereits gelungen, Gold herzustellen?«

George hantierte hastig mit seinem Besteck. »Graf,« sagte er mit

unverhältnismäßiger Inbrunst, »die Goldmacherei ist eine Nebenfrage für

den wahrhaft Strebenden.«

»Oh! und ich denke es mir so hübsch. Haben Sie von dem Grafen Cagliostro

gehört? Er soll in St. Petersburg gewesen sein ...«

»Der sogenannte Graf Cagliostro ist ein Nekromant und huldigt der

schwarzen Magie, -- ohne Zweifel ...« rief Sömmerring mit etwas

atemloser Stimme über den Tisch hinüber, sah errötend um sich und blieb

mit einem hilfesuchenden Blick an George hängen. »Ich meine nämlich ...«

George aber, in Erregung, dem Grafen zugewandt, aber Müller ins Auge

fassend, sprach hastig wie von einer sonderbaren Eingebung überfließend:

»Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, -- so wird euch solches

alles zufallen. Den _Seinen_ gibt es der Herr schlafend. Alles ist euer,

-- ihr aber seid Christi!«

Auf diese Worte, die eine ungeduldige junge Prophetenstimme in den Kreis

geschleudert zu haben schien und die für eine Minute körperlos strahlend

von der Gewalt ihres Geistes im Raum hingen, war es still geworden, bis

Herr von Hippel von seinem Teller aufsah und mit einem gutmütigen

Lächeln sagte: »Der Herr Professor ist bibelfester als man das

heutzutage bei den Herren von der reinen Wissenschaft anzutreffen

pflegt.« Und, über den Tisch gelegt, begann er, Sömmerring, der ihm,

seiner westpreußischen Mundart wegen, als ein halber Landsmann

erscheinen mochte, eine breite Geschichte von einem kurländischen

Pastoren und einem littauischen Bauern zu erzählen, die auf einen derben

Scherz hinauslief.

»Rosenkreuzerei,« sagte er sodann zu von Knigge, indes die Bedienten

wieder um den Tisch gingen, -- »wart', wart', Freund, -- was hab' ich

doch davon gehört? Nichts Gutes, wie mir scheint!«

»Sie sind ohne Zweifel unterrichtet«, gab Knigge gleichmütig

liebenswürdig zurück.

»Bitte, mein Herr«, sagte der kleine Graf, durch das Klappern der Teller

gedeckt, jetzt leise zu Müller, ihn aufmerksam mit glänzenden Augen

ansehend: »Ich habe gehört, daß es in den Kreisen der Rosenkreuzer

Zauberei und Teufelsanbetung gebe ...«

»Ach, mein Graf, --« Müller schlug einen Ton herzlicher Ergebenheit an,

-- »was hört man nicht alles in dieser bösen Welt! Zauberei und

Teufelsanbetung! Ich wollte, ich hätte einen Rosenkreuzer bei der Hand,

um Ihnen ganz seine Ungefährlichkeit darzutun! Schauen Sie sich unsern

Forster an, werfen Sie einen Blick auf unsern liebenswürdigen Wirt! So

und nicht anders würde ein Rosenkreuzer auch aussehen, -- oder etwa wie

der wackere Doktor Sömmerring dort drüben, wenn schon im ^Opus

mago-cabbalisticum^ zu lesen steht, daß der »^doctor-Titul^ gleichfalls

ein Mahl-Zeichen des Tieres oder des Weibes Jesabel sei«.«

»Ich verstehe nicht ganz«, warf der Graf mit verklärtem Lächeln ein.

»Ist auch nicht nötig, ist ganz und gar nicht nötig, Verehrter, denn das

^Mago-cabbalisticum^ kann kein Sterblicher verstehen, so wenig wie die

^Aurea catena Homeri^. Dies interessiert Sie aber gar nicht, Graf, Sie

wünschen über die Rosenkreuzer ^in praxis^ zu hören, und da sage ich

Ihnen, wenn sich schon die heutigen Rosenkreuzer für die Brüder der

alten Pythagoräer und Gnostiker zu halten belieben, so tun sie das ohne

Recht, denn es fehlt ihnen der Mut, Mysterien zu feiern, und wenn die

Templer Schafskleider umnahmen, wenn sie in die Welt gingen, so sind die

Rosenkreuzer von heute höchstens Schafe in Wolfskleidern, -- sie beißen

nicht, Graf! Und da Ihnen dies alles wahrscheinlich orphische Worte

sind, so will ich mich zum Schluß ganz kurz und klar fassen: es ist zu

viel Wasser in diesen Wein geschüttet, die Rosenkreuzerei von heute ist

ein öffentliches Geheimnis und eine Angelegenheit braver Bürger.«

»Ich weiß nicht, warum Sie einen Gegensatz zwischen der Rosenkreuzerei

und den Qualitäten des Bürgertums zu wünschen scheinen, mein Werter«,

sagte Prizier verschnupft, als fühlte er sich persönlich getroffen.

Herr von Hippel trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch und bemerkte

von oben herab: »Sie haben da recht beruhigende Observationen gemacht,

mein Herr. Mir sind böse Dinge zu Ohren gekommen, die in den

Rosenkreuzerlogen ihr Wesen haben sollen.« Er hob die Hand vor den Mund

und raunte dem Freiherrn von Knigge über den Tisch hinüber ein Wort zu,

das mit Achselzucken aufgenommen ward. Müller wandte sich kalt ab.

»Magie im höhern Sinne, Chimie und ein verborgener Staat, der die

Begebenheiten der Welt sehr dirigieret, sind mit der Hauptzweck dieser

segensreichen Verbindung, Graf. Lassen Sie sich nicht irre machen!« Der

Kammerherr sprach böse und kurzatmig und sah mit geröteten Augen scheel

nach Müller hin, um dann unruhige Blicke über seine Gäste wandern zu

lassen.

»Ich weiß nicht, warum wir uns alle so exaltieren,« sagte jetzt Müller,

irgendwie gelöst durch die Wellen ausgesprochenen und verschwiegenen

Widerspruchs, die ihn trafen. Er gab seine lässige Haltung auf und faßte

Sömmerring lächelnd ins Auge, der ihn finster betrachtete, soweit seine

Gesichtsbildung diesen Ausdruck zuließ. »Wir sind auf dem Wege, über

einer harmlosen Frage unseres wißbegierigen Gastes einen Wortkrieg zu

entfesseln, als seien wir verschiedener Meinung über das Wesen einer

Gesellschaft, während wir es tatsächlich doch nur über ihre

Erscheinungsformen sind.«

»Belieben Sie sich ein wenig deutlicher auszudrücken, Herr Professor,«

sagte Herr von Hippel einigermaßen mürrisch. »Die Institution der

Maçonnerie ist eine ehrwürdige, sanktioniert durch den Beitritt

allerhöchster Herren und Souveräne. Was darüber ist, das -- soll vom

Übel sein ...«

»Die Institution der Maçonnerie,« sagte Müller und blickte angestrengt

auf die Kerzen des Armleuchters vor sich, kleine goldene Funken standen

in seinen braunen Augen, »die Institution der katholischen Kirche, die

Institution des Luthertums, -- und -- wie mich deucht, -- auch die der

Rosenkreuzerei sind Ordensbildungen, sind Kristallisationen innerhalb

des wogenden Ozeans von Geist, der sich nach Christi Tod aus seinen

Schranken befreit in die Welt ergossen hat. Der erste Orden, meine

Freunde, --« er sah sich mit einem seltsamen, nahezu schüchternen

Lächeln im Kreise um und sprach sehr sanft, -- »der erste Orden war der

Orden der Brüder vom reinen Willen. Er war -- und er _ist_. Er hat keine

Gebräuche und Statuten, es gibt keine Grade in ihm, weder blaue noch

rote. Dies ist die unsichtbare Bruderschaft. Wir werden in sie

hineingeboren, oder wir finden sie nie. Wer ihr angehört, erkennt den

Bruder am Klang der Stimme oder am Lächeln des Herzens, -- ich weiß

nicht, -- aber verbunden über alle Grenzen und Weiten sind die Brüder

vom reinen Willen ...«

»Schwärmerei eines Freigeistes!« murrte Prizier.

»Sie unterschätzen geflissentlich den Wert der festen Konventikel, mein

poetischer Freund!« warf von Knigge mit einem rätselhaft hohnvollen

Ausdruck über den Tisch, »moralische Übungen sind für die Seele erfunden

wie der preußische Drill für den Körper. Gesetzt den Fall, -- nun, aber

ich will ganz allgemein bleiben. Sagen Sie uns: ist jener -- reine Wille

ein Präservativ gegen die Versuchungen des Fleisches?«

»Wollen Sie mit jenen wie Nicolai und Lessing keine Christen mehr haben,

sondern nur Menschen, -- Menschen ohne Vorurteile, weder in Moral,

Religion noch Politik? Meinen Sie nicht, daß Sie sich damit auf der

Suche nach der Wahrheit die Mittel abschneiden, sie zu finden?«

Sömmerring fragte es leidenschaftlich, seine Neigung zum Stottern

vergessend und überwindend. Und indem nicht Müller, sondern der

Kammerherr die Frage auffing und nachdrücklich über den Wert der Demut,

der Notwendigkeit der Verachtung alles dessen, was die schnöde Welt

hochachtet, zu dozieren begann, wandte sich Müller an George, der ihn

stumm anblickte, und sagte mit unterdrückter Stimme:

»Die unsichtbare Bruderschaft,

Zu der ich auch gehöre,

Hebt Nacht für Nacht zu neuer Kraft

Mein Herz durch ihre Chöre ...

Ist dieser Vers Ihnen irgendwo auf Ihren Fahrten begegnet, mein weit

gereister Freund. Weiß Gott, woher er stammt ...«

»Beachten Sie dies, Graf, -- und --« zu Richers und Greve gewendet, --

»auch Sie, meine Herren, wenn anders Sie ein Interesse an diesen Fragen

haben, -- bei der Rosenkreuzerei kommt es meines Wissens -- nun, meines

Wissens! ich habe --« Canitz ließ seine Augen wandern, »nehmen Sie an,

ich hätte einmal jemand gekannt, der mich ein wenig eingeweiht hätte, --

also, es kommt darauf an, Gott nahe zu kommen und in ihm konzentriert

alles zu übersehen, was in anscheinend unbegreiflicher Unordnung da vor

uns liegt.«

Redend erhob er sich, die Linke auf den Tisch gestützt und sich gegen

seine Gäste verneigend. Man folgte seinem Beispiel.

»Innige Vereinigung im Geiste mit diesem höheren Wesen,« sprach der

Kammerherr weiter, die eine Hand auf der Schulter des jungen Russen, mit

der andern das eigene Kinn umspannend und angestrengt vor sich

hinblickend, »das ist's, was der Jünger anzustreben hätte. Und der Weg

dazu? Eine grenzenlose, eine seraphische Liebe zu Ihm, wie auch zu den

Brüdern, beständige asketische Gemeinschaft im Geist und in der Wahrheit

und -- hm, hm, --« er starrte nachdenklich ins Leere, -- »endlich

kontemplative sowohl als auch praktisch experimentierende Erforschung

der Natur!« schloß er triumphierend und sah sich nach Forster um, --

»Nun, ist's nicht so, mein Freund?«

In der Tat, George erkannte mit einigem Staunen eigene Wortreihen

wieder, einem Vortrag entstammend, den er vor nicht allzulanger Zeit im

vertrauten Kreise gehalten hatte.

»Die Herren scheinen mir sonderbar unterrichtet,« sagte Herr von Hippel,

der ein wenig hastig neben seinen Zögling getreten war. Der Kammerherr

meckerte vergnügt.

»Eine kleine Tabagie, meine Herren,« rief er aus, »wie wär's mit einer

kleinen Tabagie und einem Spielchen? Und begeben wir uns der großen

Fragen!«

Bierkrüge und Tonpfeifen, ein Kartentisch warteten im Nebenzimmer, einem

kahlen Raum. Von Hippel blieb seinem Grafen zur Seite, zog Richers und

Greve heran und brachte das Gespräch auf Pferde. Canitz saß mit Knigge

und Prizier beim L'Hombre und fluchte gelegentlich unwirsch. George und

Sömmerring bildeten stumme Zuschauer. Müller lehnte an der Wand unter

einem Bilde des preußischen Königs und sah melancholisch und angewidert

aus. Wieder mußte George an den Petersburger Knaben denken, -- warum

nur? War's die Vorstellung des Königs, von dem jener Knabe damals zu ihm

gesprochen hatte, -- ja, und dies, daß er damals so sehr gewünscht

hatte, der Knabe möchte zu ihm sprechen? Währenddessen war von Hippel,

wohl in der Überzeugung, seinen Zögling endgültig und wirksam in die

zulässigen Bahnen zurückgeleitet zu haben, an den Kartentisch

herangetreten, hatte sich einen Stuhl neben den des Kammerherrn gezogen,

rittlings darauf Platz genommen und begleitete das Spiel mit seinen

Bemerkungen. Wohl, dachte George, es mag nicht immer selig sein, einen

Erben zu hüten. Und, indem er sich selbst, von Sömmerring gefolgt, der

Ecke näherte, in der die jungen Leute saßen, war er bemüht, sich in der

Überzeugung zu bestärken, daß er seinen Platz aus Interesse für den

Russen wechselte, -- und nicht etwa, weil Müller jetzt dort an dem

holländischen Kachelofen lehnte, einer Erzählung Greves zuhörend. Und,

-- oh, es war durchaus nicht immer noch die Beschreibung der Reitschule

in Hannover, der der Knabe mit glühenden Ohren lauschte! Nein, hier in

dieser Ecke unter dem tröpfelnden Wandleuchter, wo es nach Tabak, Leder

und ein ganz klein wenig nach Stall roch, -- denn wie schon erwähnt, der

Hauptmann und der Leutnant, sie waren zu Pferde von Hanau

herübergekommen und saßen nun einmal da, wie sie gekommen waren, in

Reithosen und hohen Stiefeln, -- hier war im gedämpften Ton der

Begeisterung die Rede von der Marquise, hier klang der Name Cagliostros

auf, hier ward die wunderbare Geschichte von dem Polen Sendivogius

erzählt, der, ein Rosenkreuzer ohne Furcht und Tadel, im Besitz des

Steins der Weisen gewesen war.

Graf Puschkin, wieder mit Augen von dem Glanz derer eines Kindes, das

nie für wahrscheinlich gehaltene Märchen von Blutzeugen erhärtet hört,

wandte sich an Müller: »Und Sie, ^monsieur^,« sagte er dringlich, --

»ein Mann der Wissenschaft, -- Sie halten es auch für möglich, Gold zu

machen?«

»Mein Gebiet, Graf, ist das der Weltgeschichte. Ich habe zu hören und --

aufzuzeichnen. Indessen, -- hier stehen zwei Männer vom Fach, -- zwei

Naturforscher. Nehmen wir ihr Urteil an!«

Ja, Müller lächelte. Und gequält wiederholte George oft gesprochene

Worte, deren Inhalt auf einmal einen seltsam schmalen Geschmack hatte

--: »Die Wissenschaft in der Hand jenes Glaubens, der Berge versetzen

kann, -- was vermöchte sie nicht, meine Herren?«

* * * * *

Eine halbe Stunde später unter den kalt funkelnden Januarsternen

zwischen Sömmerring und Müller eilig durch die Gassen schreitend, sagte

George mit einem etwas gewaltsamem Atemholen: »Die Brüder vom reinen

Willen, -- ich habe nicht ganz verstanden, -- ist es eine Institution?«

»^Mon dieu^, -- nein, Freund, -- Sie haben nicht verstanden.« Müller

lachte kurz auf.

»Also, --« George tastete, -- »eine Idee, -- ein Einfall -- ein Wunsch?«

»Es gibt Ideen mit dem Charakter von Tatsachen,« sagte Müller, wieder

mit jenem ungeduldigen Auflachen, indem er den Kragen seines Mantels

hochschlug. »Aber wenn Sie es denn gesagt haben wollen: die Brüder vom

reinen Willen sind die Menschen, denen das Gesetz ihres Lebens in

Harmonie mit dem Gesetz des Universums eingeboren ist, -- und wenn es

Grade unter ihnen gibt, so mögen die unter ihnen die größten sein, die

dieses Gesetz in sich am reinsten vernehmen. Aber ich weiß nicht, ob wir

uns verstehen ...«

George und Sömmerring schwiegen. Müller mochte Mißtrauen fühlen und

seufzte ungeduldig auf. Diese drei Männer, alle noch diesseits der

Grenze der Dreißiger, schritten miteinander durch die Nacht, von den

durch sie kreisenden Strömen verwandter Ideen und Leidenschaften mit

aller Heftigkeit der Jugend angezogen und abgestoßen.

»Sie wissen nichts vom Bunde und ahnen nicht, wie sehr Sie im Herzen der

Unsre sind!« Georges Stimme schwankte ein wenig und klang werbender, als

er selbst es vielleicht wünschte.

Müller zögerte.

»Ich empfinde die Schönheit des Bundes,« sagte er vorsichtig, »und

glaube, daß ihm anzugehören die moralische Glückseligkeit stärkt. Lassen

wir die Chimie beiseite, -- auf sie kommt es nicht an ...«

»Oh, ein wahres Wort!« rief Sömmerring begeistert.

»Freund!« George legte eine bebende Hand auf Müllers Arm. »Sie werden

der Unsre! Ich ahnte es! Jetzt! In dieser Stunde! Kommen Sie mit uns!«

Er nahm Schweigen für Zustimmung. Er ging weiter im seltsamen Taumel,

die andern durch seinen Schritt zur Eile mitreißend. Sie erreichten das

Haus, in dem er wohnte. Er schloß auf und ohne weitere Verabredung

folgten ihm die beiden andern die dunkle steile Treppe hinauf, an der

Wand entlang tastend. In Georges Zimmer angelangt, wo die aufflammende

Kerze ihm die blasse gespannte Miene Sömmerrings, die verschlossene

Müllers zeigte, entledigten sie sich ihrer Mäntel. George räumte mit

fliegenden Händen einen Tisch ab, holte zwei Bronzeleuchter und

entzündete feierlich die Wachskerzen, legte eine Bibel zwischen sie und

entnahm dem Schrank endlich einen eingewickelten Gegenstand, ein

Kruzifix aus Elfenbein, das er enthüllte und aufstellte. Mit fremder

Stimme sprach er: »Meine Freunde! Christus sagt: wo zwei oder drei

beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen ...« Und

zwischen den beiden andern niederkniend, die gefalteten Hände auf die

Kante des Tisches gestützt, begann er zu beten.

Vom Flüstern anschwellend zum gedämpften Schrei riß seine Stimme sein

Herz auf. Entsetzen quoll hervor, Angst, Not, Einsamkeit. Er beichtete.

Er enthielt sich keines Geständnisses. Und sei es aus Scham, sei es aus

Hingerissenheit, -- flüsternd fiel Sömmerring, stammelnd fiel Müller

ein, die drei Stimmen, verborgenste Gedanken in Worte sammelnd und

ausstoßend, stiegen nebeneinander auf und vereinigten sich in eine

steile Rauchsäule des Opfers. Diese Drei, die Häupter zurückgeworfen,

die Augen verzückt aufgeschlagen, die Lippen verkrampft, wie sie dort

knieten, sich haltlos in den Hüften wiegend im Sturm der Anbetung -- sie

wurden eins im Rausch. Ihre gefalteten Hände lösten sich, tasteten

nacheinander. Sie umschlangen einer des andern Schultern,

aneinandergelehnt, Schläfe an Schläfe fühlten sie eine unfaßbare

Vermischung ihrer Wesenheit. Und wie der Sturz der Worte nachließ, wie

er mählich in Seufzern verebbte, verharrten sie dennoch kniend, blieben

sie umschlungen, bis ihre Arme in Ermattung niedersanken und Forster

sich als erster wieder erhob, bebend und in den Knien wankend, die Augen

getrübt.

Und da, in diesem Augenblick, als er die beiden andern unsicher ansah,

war es ihm klar, daß dies nicht der Weg gewesen war, Müller zu gewinnen,

Müller, der dort abgewandt stand und die Schnallen seiner Beinkleider

anzog, die sich beim Knien gelockert hatten. Verzweifelte Ernüchterung

überkam ihn. Er verbarg sie hinter einem gleichmütig gesellschaftlichen

Auftreten, das seltsam von dem eben erlebten Taumel abstach.

Sie sprachen nicht mehr viel. Fröstelnd, die Kerze in der Hand,

begleitete George die beiden die Treppe hinunter. Die Wände glitzerten

von Eiskristallen, der Atem rauchte.

»Noch eines war's, was ich fragen wollte, Freund,« sagte Müller auf den

letzten Stufen stehen bleibend und zu George aufblickend. »Die Seherin,

-- sie hatte ganz im Anfang ein Wort für Sie, das Sie zusammenfahren

ließ, -- was war es, -- darf ich es wissen?«

»Ach, Teuerster!« George schritt an ihm vorbei und vollends hinunter,

vor sich hinlächelnd, während er an dem Schlosse der Haustür hantierte.

»Was sie da sagte, war nicht gerade vom Geist eingegeben und im Grunde

ridikül.«

»Und was war es, -- wenn ich doch fragen darf?«

George hielt die Tür auf und erschauerte in dem eisigen Luftzug, sein

schmales Gesicht leuchtete geisterhaft blaß.

»Sie sagte, -- nun, damit Sie etwas zum Lachen haben, -- sah mich an und

sagte -- zu mir: ^Mon pauvre ami, -- Au revoir à Paris!^«

* * * * *

Wann war er nur je erwacht, _ohne_ diesen Druck zu spüren, diesen

dumpfen, fürchterlichen Druck auf seinem Herzen? Mochte es in seiner

frühesten Kindheit gewesen sein, vielleicht auch auf der Wolga, --

vielleicht in den ersten Wochen der Südseereise, -- jene Morgen

jedenfalls, die er sorgenlos begrüßt, jung, froh und erwartungsvoll, ihr

Licht ward aufgetrunken von der grauen Winterschwermut, die nun einmal

das Übliche zu sein schien.

Was für Gestirne, dachte George an diesem Märzmorgen verzweifelnd,

während er sich überstürzt ankleidete, was für Gestirne mag ich über mir

haben? Lag denn sein Leben ganz im bleiernen Schatten des Saturn? Was

aber das Schlimmste war, er empfand es heute wieder mit fürchterlicher

Klarheit, das war dieses: sein Unglück kam nicht mehr von außen her!

Früher war es, -- nun ja, er stöhnte auf und riß an seinen

Schnallenschuhen, -- früher war es eben der Vater gewesen, der diesen

Druck ausübte, der Vater und seine Unrast, der Vater und seine

Arbeitswut, die wie mit der Hetzpeitsche hinter ihm gestanden hatte.

Schließlich, in diesen letzten Jahren, der Vater -- und seine Schulden;

vielleicht auch -- der Vater und seine unverhüllte Eifersucht auf die

Erfolge des Sohnes, obgleich es ein seltsamer geheimer Triumph war,

diesem nackten Neid immer wieder zu begegnen, -- eben noch, bei seiner

Anwesenheit in Halle, wie hatte der Alte es ihn immer wieder merken

lassen, daß er, George, mit seiner Bearbeitung und Veröffentlichung der

Südseereise im Grunde schmarotzt habe -- schmarotzt! »Ich habe die

Südseereise beschrieben,« murmelte George vor sich hin, knöpfte an

seiner Weste und lief erregt in dem engen Alkoven auf und nieder, --

wohl, er wußte ganz gut, daß er sich scheute, sein Arbeitskabinett zu

betreten, weil eine Unordnung darin starrte, deren er kaum noch Herr zu

werden vermochte, »ich habe sie beschrieben auf seinen eigenen,

hundertmal als Befehl ausgesprochenen Wunsch, weil die verfluchten

Engländer, -- Cook nehme ich aus, -- Herrgott, verzeihe mir den Fluch

...!« (Er zog ein Notiztäfelchen und bemerkte sich unter vielen

Aufzeichnungen ähnlicher Art: den 28. März frühe, geflucht.) »Weil also

die Engländer ihm seine eigene Arbeit zu veröffentlichen verboten. Ich

habe sie geschrieben, um ihn aus dem Schuldturm zu retten und uns alle

vor dem Verhungern. Ich habe ihm durch meinen Fleiß und meine

Konnexionen Unabhängigkeit und die gesicherte Position in Halle

verschafft. Macht alles nichts: ich habe schmarotzt, schmarotzt,

schmarotzt! So! Und wer hat denn auf der Reise das Material sammeln

dürfen, wer hat Tagebuch geführt?« Er lächelte böse und sah sich in dem

Spiegel.

»Sie werden weiterhin für Ihren Herrn Papa arbeiten dürfen, Mr.

Forster,« sagte er schneidend zu der graugekleideten, schlanken und

ebenmäßigen Figur da im Glase, die ihn so tödlich ernst aus kummervollen

grauen Augen anstarrte. Gestern war ein Brief aus Halle gekommen: der

Vater bat, o nein, der Vater _ersuchte_ um 150 Gulden. Es war nicht der

erste Brief dieser Art. Woher das Geld nehmen, schrie es in George,

woher?

Und nach einem Augenblick des Händeballens, nach einem krampfhaften

Schütteln, das seinen ganzen Körper durchlief, zog er wiederum das

Notiztäfelchen und machte unter demselben Datum eine weitere Eintragung:

Gehaßt!

Indessen, -- was ging der Vater ihn noch an? Hatte er kein Geld, so

würde er eben keins hinschicken. Empfand er solche Briefe denn im Grunde

tiefer als Mückenstiche? Nein, nein, -- das Schlimmere war es eben, daß

sein Leid nicht mehr durch äußere Verhältnisse kam, daß er stumpf

geworden war gegen das beständige Rütteln des Schicksals, -- das

Schlimmere war, -- daß er sich selbst zum Leid geworden war und -- das.

Er überschritt entschlossen die Schwelle zum Nebenzimmer und sah mit

trostlosem Blick auf das Durcheinander von Büchern, Schriften und

wissenschaftlichen Geräten, das Tische, Stühle, ja, den Fußboden

bedeckten. Keine innere Sammlung, kein Entschluß, keine zusammengeraffte

Arbeit war noch möglich in dieser Umgebung, und diese Umgebung war ein

Abbild seines Kopfes. So dünkte es ihn. Er blieb an der Tür stehen,

lehnte die Stirn an den Rahmen und überließ sich der Ratlosigkeit.

Die Sache war diese: George Forster, -- Forster der jüngere, der

Forster, den älteren, an europäischer Berühmtheit zweifellos überragte,

-- dieser Verfasser einer Reisebeschreibung, die ebensowohl in den

Büchereien ernsthafter Gelehrter, als in den Händen von Fürsten,

Weltleuten und Damen zu finden war, -- dieser liebenswürdige Mann,

dessen Jugend den Reiz seiner interessanten Persönlichkeit noch erhöhte,

den man allenthalben, -- ach, in Paris, in Antwerpen, in Berlin, an

diesen und jenen kleinen Höfen, -- verwöhnt und umworben hatte, diese

Freundesseele, die man mit Betrübnis scheiden sah, wo immer sie je ihr

sanftes Licht gespendet hatte, -- George, kurzum, dem Joche entronnen

und freier Herr seines Lebens, George sah sich nach drei, vier Jahren

dieser Freiheit auf einmal einer sonderbaren, einer erschreckenden

Erkenntnis gegenüber. Wo war der Mann, für den er sich gehalten hatte?

Wo war der Dalrymple Ebenbürtige, der geistige Sohn Cooks, straff, klar,

von jener biegsamen und stählernen Schaffenskraft, von jener

durchsichtig arbeitenden Gehirntätigkeit, -- dieser, der in einer

Atmosphäre strahlender Geistigkeit seine Bestimmung erfüllte, jede

Viertelstunde ausnutzend für den großen Zweck der eigenen

segenverbreitenden Vervollkommnung? Mein Gott, dieses dumpfe Geschöpf

hier unter dem Türrahmen, das bleich aussah und trübe, umschattete Augen

mit geröteten Lidern hatte, wie der Spiegel es ihm soeben höhnisch

gezeigt, sich in diesem Augenblick kaum anderer Zustände bewußt, als

einer bedrückten, von ziehenden Schmerzen gepeinigten Körperlichkeit und

einer quälenden Schuldenlast, die ihm der Anblick der halb ausgepackten

Bücherkiste dort am Boden eindringlich ins Gedächtnis rief, -- dies

also, -- dies war der George Forster, von dem er sich einst unbedenklich

das Höchste versprochen hatte! Er war pünktlich auf die Minute, er war

reinlich, sparsam, akkurat bis zum Peniblen gewesen, solange er unter

dem Vater arbeitete, der das Gegenteil von alle diesem gewesen war. Und

nun? Er begann herumzuhinken und mit verzweifeltem Herzen Ordnung zu

machen; nun, hier sah es aus, wie bei einem Säufer, schlimmer als in der

Petersburger Wohnung des Vaters, wo er auch nie Herr über die

Gegenstände geworden war und den Vater dafür so verachtet hatte, -- aber

trank er denn, -- spielte er, -- hatte er irgend ein Laster? Hier lagen

unbezahlte Rechnungen, -- Rechnungen über Landkarten, kolorierte Stiche,

Bücher, über den blauen englischen Frack, der so hübsch war, über einen

Degen zum Galakleid, -- zwischen den Manuskriptseiten angefangener

Arbeiten. Hier lag ein Spitzenjabot, -- er hatte es längst vermißt! --

in einen Folianten eingeklemmt und auf der Schreibkommode stand ein

einzelner Schuh. Stöhnend sortierte er, schuf reinliche Anhäufungen

gleichartiger Papiere, stellte Bücher auf und stäubte sie ab; vergrub

zwischendurch den Kopf in den Händen und tat das, was er »sich

Rechenschaft ablegen« nannte. Er hatte keine Laster, bei Gott! Er hatte

zu keiner Zeit seines Lebens so bewußt gegen schlimme Anlagen gekämpft,

so meinte er, sich der selbstzerfleischenden Beichten im Kreise der

Logenbrüder erinnernd und der unbarmherzigen Kritik, die sie aneinander

übten. Durfte er sich's nicht eingestehen, daß Menschen ihn liebten, war

die Freundschaft, deren er genoß, ihm nicht Bürgschaft für seine

moralischen Qualitäten? Was war's denn mit dieser Unordnung, die er in

seine Lebensführung einreißen sah, mit dieser Dämmerung, die nun schon

seit Monaten unbeweglich über seiner Seele lagerte? Und standhaft sich

abwendend von der Einsicht in die eigentlichen Gründe seines Zustandes

(gekleidet in ein von grausam unbefangenem Gelächter begleitetes Wort

des Vaters aus den letzten Weihnachtstagen in Halle: »Die Rosenkreuzerei

mitsamt der Alchemie ist eine Sünde wider den heiligen Geist, mein

Sohn!«) jene Klarheit von vorhin erfolgreich verdunkelnd, machte er eine

saubere Aufstellung. Schuld an seinem Unglück war einfach der

Geldmangel, die schlecht dotierte Stelle, die er innehatte, er, der

seinem Ruf und Rang doch ein einigermaßen elegantes Auftreten schuldete

und der kostbare Arbeitsmittel nötig hatte. Ganz zu schweigen von den

Ansprüchen, die der Vater immer noch an ihn stellte, und die er, er

wußte es gut genug, trotz aller harten Vorsätze immer wieder

berücksichtigen würde, denn -- konnte er die _Mutter_ leiden lassen? Er

brauchte also Geld, mehr, als er je durch seine Arbeit verdienen konnte,

nun -- und Gott hatte ihm ja den Weg gezeigt, dachte er eigensinnig und

blätterte, ohne es zu wissen in der ^Aurea catena Homeri^, die vor ihm

auf dem Tisch lag. Gott, der die Seinen erhörte über Bitten und

Verstehen und vor dem die wissenschaftliche Erfahrung nichts galt,

sondern das Wunder.

Hier rührte ihn irgendeine Erinnerung an, kaum spürbar, wie der Schatten

eines vorüberhuschenden Vogels. Er wurde unruhig, faßte sich an die

Stirne, blickte um sich. Was war es nur? Wo hatte er doch etwas erlebt,

das sich zu seinem jetzigen Erleben verhielt wie der Keim zur Frucht,

ach, etwas Ungreifbares, -- da -- wo war es doch? Und plötzlich fiel

Licht auf einen Heckenweg der Vergangenheit wie aufflammender Blitz, und

da sah er sich stehen, einen blühenden Kirschbaum umschlingend,

geschüttelt von einem Ausbruch des Gebetes, _eines Gebetes um Gold_, --

und _da war ihm Gold aus dem Schmutz der Straße geworden_!

Die Wirkung dieser Erinnerung war überwältigend. Er griff mit beiden

Händen an die Schläfen, öffnete den Mund zu lautlosem Gelächter,

stammelte, schluchzte auf wie erlöst. Ein Zeichen, ein Gleichnis, eine

Verheißung; ein Pfand für Gottes Güte hatte er besessen, ach, aus so

frühen Tagen schon. Der Herr, der mich aus Ägypten geführt hat, dachte

er erschöpft und beseligt. Ja, er war auf dem rechten Wege. Er senkte

das Haupt, er faltete die Hände. Er dankte stumm.

Oh, aber daß dieser Teufel nicht von ihm weichen wollte, auch jetzt

nicht, da er leichten Herzens an die Tagesarbeit gehen wollte. Daß es

wiederum begann ihn anzugrinsen und ihn höhnte mit der fahrigen Hast der

eigenen Bewegungen, mit der unbestimmbaren Angst, die ihm am Herzen

hämmerte und ihn hetzte in der Erkenntnis, daß er ausgeliefert sei an

eine dunkle Macht, ein Verirrter, ein Narr, ein -- woher kam ihm nur

dies Wort? -- ein herrenloser Hund! -- -- --

* * * * *

»Der Professor zu Hause? Ist nicht zu Hause? Ist verreist? Schon wieder

verreist? Ist in Göttingen? Potztausend, -- in Göttingen! -- So, so, --

in Göttingen!«

Diese Feststellungen, keinesweges in Wirklichkeit ausgesprochen und

belauscht, sondern lediglich hervorgebracht von der etwas überreizten

Gehirntätigkeit Georges, der, soeben der Postkutsche entstiegen, über

das holprige Pflaster des Göttinger Marktplatzes eilte und in eine der

winkligen Straßen einbog, die zur Universität führten, bewirkten, daß er

sich in bescheidener Weise erheitert fühlte. Wer mochte jetzt in Cassel

dem wackeren Mühlhausen, seinem Bedienten, solche Fragen vorlegen und

sich in Betrachtung versunken wieder von seiner Türe entfernen?

Vielleicht Runde, der Jurist? Die Herren von der Anatomie, Stein und

Bollinger? Nun, die würden versuchen, Sömmerring auszufragen. »So, so,

-- in Göttingen! Schon wieder in Göttingen.« Ja, doch, -- da war man

wieder einmal in Göttingen, hatte hinter sich den kleinen gestohlenen

Reiserausch einer Nachtfahrt und jetzt das Gefühl, weit weg von Cassel

in einer erstaunlich anderen Luft zu sein ... Zudem hatte man die Nacht

sehr seltsam verbracht, hatte einen Reisegefährten gehabt, dessen

Bekanntschaft eine Acquisition von unschätzbarem Wert ergab, einen

jungen Mann, den George zunächst für einen Herrn von Adel gehalten, der

sich alsdann freilich unter dem Namen Meyer vorgestellt hatte, jedoch,

was für ein artiger, interessanter Herr Meyer! George blickte sich

einmal vorsichtig um, auch Herrn Meyers Reiseziel war Göttingen gewesen.

Indes Herr Meyer war verschwunden. Ja, also, da war man wieder einmal in

Göttingen und George fragte sich, ob diese kleinen Reisen, mit denen er

alle paar Wochen einmal aus Cassel ausbrach, etwas wie Fluchtcharakter

trügen? Atmete es sich nicht freier, sobald der Burgfriede jener Stadt

hinter einem lag, klärte sich einem nicht der Kopf, vergaß man nicht

dies und jenes, Zustände, Gedankengänge, die aus der Ferne auf einmal

unwesentlich, ja lächerlich scheinen wollten, so bedrohlich sie einen

bis gestern umdrängt hatten? Oh, es gab Gründe genug nach Göttingen zu

fahren, übergenug! Hatte Cassel eine wissenschaftliche Bibliothek von

einigem Belang aufzuweisen? Reichten seine Sammlungen, seine Institute

auch nur entfernt an die der Universität heran? Hatte Cassel Männer wie

einen Heyne, einen Lichtenberg? Oh, also Gründe genug, und kein Vorwand

nötig, um diese häufigen Fahrten zu entschuldigen! Wenn nur nicht in

einem selber tief innerlich das lächelnde Bewußtsein gelebt hätte, daß

alle diese triftigen Gründe eben eigentlich doch nur Vorwände waren!

Denn letzten Endes gab es allein zwei Erklärungen für die magnetische

Kraft von Göttingen, und die eine davon war, daß diese Stadt außerhalb

jedes magischen Zirkels zu liegen schien, daß die Luft hier dem

unerbittlichen Gedanken, der demütigen Arbeit, der exakten Forschung

dienlicher war. Daß, -- George verhehlte es sich keineswegs -- die

Männer, die er hier verehrte, gewissen geheimnisvollen Bemühungen, denen

man in Cassel mit leidenschaftlich verbohrtem Ernst oblag, gleichmütig

gegenüberstanden, ohne Zustimmung, aber auch ohne Spott, ja, wie einer

ganz und gar belanglosen Angelegenheit. George war aber in dieser Stunde

der Ankunft, während er seinen Mantelsack im »König von England« abgab

und bald darauf an einem Pult im Gewölbe der Bibliothek lehnend sich

Notizen machte, in seinem Geiste weit weniger mit diesen Begründungen

beschäftigt, als mit der Erinnerung an jene ungewöhnlichen

Nachtgespräche. Vor allem ward er nicht müde einen Satz hin und

herwendend auszuspinnen, den der elegante Fremde mit lässiger Schwermut

in die Mondesdämmerung hineingesprochen hatte, die Hände zwischen den

Knien verschlungen, vorgebeugt und das schöne Gesicht zu den Gestirnen

erhoben: »Jedes Leben, mein Herr Professor, hat zwei Pole, die Geburt

und den Tod. Es entfernt sich von dem einen, um sich dem andern zu

nähern. Von einem bestimmten, immer individuellen Zeitpunkte an hört die

anstoßende Wirkung der Geburt auf -- und beginnt die Anziehung des Todes

...« Und ich, -- dachte George aufgewühlt, -- und ich? In seiner

Einbildungskraft, die ihn mit ihrer sonderbaren Symbolik so gewalttätig

meisterte wie je zuvor, nahm die Vorstellung des abstoßenden Pols die

Gestalt nicht der ihn Gebärenden, sondern die seines Erzeugers an: ha,

es war der alte König Minos, pausbackig und puderperückig, der ihn da

hinausschleuderte in die Bahn, ihm nachblickend, wie er dahinfuhr,

mürrischen Angesichts, unzufrieden, ihn aus der Hand gelassen zu haben.

George, zerstreut kritzelnd, und die Blätter der Bücher, die er für

seine Arbeit nötig hatte, lässig wendend, lächelte vor sich hin bei

seinen Gedanken, und blickte nun, seitlich geneigten Hauptes, hinaus in

die grüne Dämmerung der Kastanienbäume. Ja, ich bin dir entronnen,

dachte er, heute frei von Bitterkeit und sommersüßen Blutes froh, dein

Anstoß war nicht schlecht, aber du hast keine Gewalt über mich. Ich

fahre nun dahin ... Er schrieb weiter. Siebenundzwanzig Jahre, dachte es

dabei in ihm fort, und er dehnte sich in den Schultern, -- ich bin noch

jung. Und während er, zum Abschluß gekommen seine Papiere ordnete und

die Bände auf ihre Plätze zurückstellte, ging es ihm durch den Sinn:

wann wird mein Tod beginnen, mich zu locken -- und in welcher Gestalt

...?

Aber sein Herz, das heute so voll Lächelns war, ließ auch diese Frage im

Licht untergehen. Er entzog sich diesen Gedanken, er hörte statt aller

Antwort den Namen: Therese, in sich aufklingen, -- Therese, -- und immer

wieder Therese ...

Es war Juni. In den Gärtchen an der Leine blühten die Zentifolien.

George Forster ging, Therese Heyne aufzusuchen. -- -- --

Er, der die malaiischen Urwälder kannte bis in die verborgenste Blüte

ihrer dampfenden Erdspalten, -- der sich den lauen Wassern der Südsee

hingegeben hatte und vergeblich geworben um das starrende Geheimnis der

Antarktis, -- George Forster kannte nicht die Frau. Er hatte unter

Männern gelebt, so lange er denken konnte. Was hatte die Mutter, was

hatten die Schwestern bedeuten können in dem Ozean von Männlichkeit, den

Reinhold Forster darstellte? Verschlingt nicht das Meer das süße Wasser

der Ströme? Ja, im salzigen Wind männlicher Art hatte George gelebt,

Männer hatten ihn erzogen, geknechtet und neben ihm gearbeitet, Männer

hatte er bewundert und zu Freunden begehrt, -- männlich, geistig, hart

und herbe war sein Frühling gewesen. Es gab gewisse einsame Erlebnisse

seines Körpers, die er vergaß, sobald der Aufruhr der Nerven sich gelegt

hatte. Die fürchterliche sinnliche Erregung der zweiten Polarfahrt war

eins dieser Erlebnisse gewesen, dies war der erste, und, wie ihm

geschienen hatte, der letzte Ausbruch von in ihm wallenden Gluten

gewesen. Der Herd war erschöpft, jahrelang hatte er es nicht anders

annehmen können. Er war der Zärtlichkeit fähig und bedürftig, er trieb

die Freundschaft bis zur Schwärmerei. Frauen? O ja, mehr als eine hatte

sich ihm genähert, seit Europa ihn wieder hatte, mehr als eine,

angezogen von dem exotischen Duft seines jungen Ruhmes, von der Milde

seines Geistes, seiner brüderlichen Freundlichkeit, -- diese und jene

vielleicht auch von dem Gerücht, daß er gelegentlich tahitianische

Kuriositäten als Souvenir verschenkte. Dies, er wußte es selbst genau,

waren angenehme Erfahrungen gewesen, aber ganz und gar ohne die tiefe

Magie seelischer Berührung, wie sie seine Begegnungen mit Männern wie

Jakobi oder Sömmerring, -- ohne den geheimen stachelnden Reiz einer aus

rätselhaften Gründen bekämpften gegenseitigen Anziehung, wie ihn sein

Verhältnis zu Müller hatte; frei endlich von dem Glück, -- ja, er

gestand es sich ein in Stunden zermalmter Demut, -- von dem Glück

sklavischer Abhängigkeit, daß er trotz allem unter dem Joch des Vaters

empfunden. Diese Begegnungen waren, -- verwundert sann er manchmal

darüber nach, -- ihm niemals mehr geworden wie die Erinnerung an Bäume,

Blumen und Schmetterlinge. Und war es einmal mehr gewesen, so war es

begleitet gewesen von körperlicher Angst, die Flucht befahl, -- Angst,

die aus irgendwelchen Abgründen das Bild der Starostschenka

heraufbeschwor und das der Tatarenfrau in Kasan, zugleich mit einem Duft

nach Patschouli, nach asiatischem Lack, Holzkohlenrauch und

irgendwelcher erstickenden menschlichen Ausdünstung. Hierher gehörten

auch die Träume von neuseeländischen Weibern, die ihn von Zeit zu Zeit

überfielen wie ein Alb. Kurz und gut, er haßte diese Offenbarungen der

Natur. Völlig ohne Erfahrung, wie er war, ahnte er doch, daß sie

Anforderungen an seinen zarten Körper stellten, denen er sich keineswegs

gewachsen fühlte.

Dennoch hatte er eines Tages die Grenze überschritten und jenes Land

betreten, unerforscht, und rätselvoller als alle Urwälder der Welt. Oh,

nicht von heut auf morgen, aber er entsann sich nicht der Stadien dieser

jahrelangen Reise, auf der er, sich selbst dessen kaum bewußt, ein

junger Mann von einigen Ansprüchen in bezug auf Kleidung, Bedienung und

Auftreten geworden war. Er wußte deutlich nur um die letzte Erfahrung

auf diesem Wege: denn Karoline Michaelis, so meinte er, sei die Frau

gewesen, bei der er zum erstenmal eine Ahnung des Aufschwungs des Leibes

und der Seele gespürt habe, dessen er fähig war. Es mag dahingestellt

bleiben, inwieweit er sich irrte, wie wenig er imstande war, die Grade

zu ermessen, die sein Gefühl durchlaufen hatte, um zu reifen. Diese

Karoline jedenfalls, die ihn ein seltsam reizendes neues Gefühl

geistreichen Schmachtens gelehrt hatte, ein Glück, das einen leichten

Anhauch von Entsagung hatte: also _dies_ war es, -- nun ja, es _war_ ein

Glück, immerhin ... Diese Karoline war drauf und dran gewesen, ihn an

den Rosenketten ihrer achtzehn Jahre sanft triumphierend mit sich fort

zu führen, als, -- ebenfalls achtzehnjährig, mit ein paar kurzen

herrischen Schritten und böse funkelnden Augen, -- Therese dazwischen

getreten war, ihre Herzensfreundin Therese, und jene Rosenketten ganz

ohne alle Rücksichtnahme mit festen kleinen Händen zerrissen hatte.

Göttingen, -- das war die einzige Stadt unter dem Himmel Europas, die

diesen bezaubernden Schimmer hatte, die diesen Rauschduft atmete, die

Erregungen ausstrahlte, jenes Fluidum, das einen geliebten Körper

umgibt. Eine kleine staubige Stadt an einem träge schleichenden Flüßchen

voll satter professoraler Bürgerlichkeit, das mochte Gott wissen!

Dennoch, -- die Stadt der Gärten voll Geißblattlauben und Rosen. Die

Stadt geheimer Dichtertrunkenheit und öffentlicher Tollheit, die Stadt

der Jünglinge, der Schwärmer, der Poeten. Genug! Göttingen, -- das war

die Stadt der Frau. -- -- --

George, an diesem Juninachmittag den Platz vor der Bibliothek eilig

überquerend, empfand einen sommerlichen Taumel, der ihm alle Gedanken

raubte. Jenes Gartenhäuschen dort, das sein geschwungenes Dach mit der

Bekrönung des spitzen Pinienapfels über die Mauer des Heyneschen Gartens

reckte, von blühenden Rosen umrankt, jene Taxushecken, auf deren starrem

dunkelgrünen Polster sich wuchernder Jasmin in der Überfülle seiner

weißgoldenen Blumen wälzte, -- die Linden, weingelb überblüht, -- diese

Luft, süß, schwer und warm, -- hatte er das alles irgendwo auf Erden

erlebt? Er fühlte ein Stechen am Herzen, seufzte auf und ging langsamer.

Wohl, dachte er, und blickte sich um wie ein Träumender, dies alles ist

-- wie Karoline. Therese aber, -- wieder ging er schneller, der

Schmerzen in der Brust uneingedenk, -- Therese war inmitten seiner voll

aufgeblühten Empfindung wie eine zärtliche Knospe, die sich nicht

erschließen wollte, war stachelnd wie die tahitianische Ananas, war --

wie dieser kurze warnende Schmerz in ihm, auf den er doch mit einer

seltsamen Neugier wartete. Er seufzte wieder, schloß die Augen einen

Atemzug lang und lächelte mit verzogenem Gesicht. Stellte er sich

Therese nicht immer vor, wenn er Schmerzen hatte? Therese _war_ ein

Schmerz. Doch dieser Schmerz tat wohl.

Er war der Mann, der Deutschland mit der andern Hälfte der Erdkugel

verband, -- einer von den paar Männern, die sich an den Fingern

herzählen ließen. Wer immer es erreichte, ihm die Hand zu drücken, tat

es wohl zuweilen in dem Gefühl, einen Urwaldbaum anrühren zu dürfen;

seine Augen, die so viele Wunder gesehen hatten, strahlten den Zauber

einer andern Sonne, heftigerer Sterne aus. Abenteuer umflackerte ihn in

der Vorstellung der Gesellschaft, der stete Glanz unerhörter Leistung

umgab ihn wie eine Gloriole. Zudem: er plauderte allerliebst, er hatte

eine beziehungsvolle Art in Frauenaugen zu blicken, er stand in

anmutiger Haltung an Türpfeiler gelehnt und über Stuhllehnen geneigt,

und diente jedem Salon zur begehrten Zierde. Er war, mit einem Wort:

ach, -- der junge Forster! Ja, selbst in seinem eigenen Bewußtsein

schaltete sich das Ich bisweilen völlig aus und seine Stelle nahm der

junge Forster ein, eine interessante Persönlichkeit von hohem Reiz, ein

Mann von großen Meriten, dessen Gesamteindruck es sicherlich vergessen

ließ, daß er pockennarbigen Antlitzes war und seine Zahnreihen vom

Skorbut böse mitgenommen. Der sonderbaren rauschartigen Glückseligkeit,

mit der ihn diese innere Verwechselung mit dem eigenen Spiegelbilde

erfüllte, zum Trotz, kannte er einen Zustand entsetzlicher Müdigkeit, in

dem die Frage, ob denn kein Mensch um seine wahre Gestalt wisse, wie ein

Schrei war. Ein Mensch, -- oh ja, es gab einen solchen Menschen! Aber

mit Blindheit geschlagen, gleich allen, deren Gestirne ihnen Irregang

vorschreiben, -- geschlagen mit dieser erstaunlichen Unempfänglichkeit

für das eigene Glück, legte George seine Hand in die von Karoline

Michaelis wie in die einer Schwester und ergriff die kleine bräunliche

von Therese Heyne mit einem Zucken seines Herzens, das sich in einem

kurzen Laut, halb Stöhnen, halb Gelächter, befreien mußte. Ah, nun war

er da, -- nun, Gott sei Dank!

Die beiden Mädchen waren ihm Arm in Arm durch die Rabatten

entgegengekommen. Er wandelte neben ihnen zurück, dem kleinen Lusthause

an der Gartenmauer zu. Er begrüßte die Professorin, Theresens heitere

junge Stiefmutter, er begrüßte den Professor, lächelte, tat Ausrufe, gab

das Rätsel auf: mit wem er wohl heute nacht gefahren sei? -- denn Meyer

hatte ihm Grüße an das Haus Heyne aufgetragen, -- empfand dunkel eine

unerklärliche Beunruhigung, als er die Wirkung des Namens seines

Reisegefährten auf den Gesichtern der Mädchen sah, eine aufflammende

Überraschung, die sogleich wieder von einer nicht ganz echten

Gleichgültigkeit niedergehalten wurde, -- vergaß das augenblicklich,

indem er eine Tasse Kaffee aus Theresens Händen entgegennahm, und fand

ungesucht die zierliche Wendung, auf die er sich vorher mühsam besonnen

hatte, bittend, sie möge als Gegengabe für diese Schale morgenländischen

Rauschtranks dies Gewand der Insel aus dem Meere des Mittags

allergnädigst aus seinen Händen anzunehmen geruhen. Das Stück

schimmernden Aotobastes, das er bei diesen Worten aus dem mitgebrachten

Päckchen befreite und über den Schoß des Mädchens breitete, ward mit

einem kleinen Jauchzen begrüßt, und George hörte nichts als Freude aus

Theresens wortreichem Dank, den er mit einem Handkuß abzuwehren

trachtete, taub dafür, daß hier und in der erregten Heiterkeit, die sich

ihrer in der Folge bemächtigte, ein Triumph mitschwang, denn, -- hatte

er es ganz vergessen, daß er vor einem Jahr Karoline ein ähnliches

Geschenk gemacht hatte? Karoline war nun nicht mehr die einzige

Besitzerin eines Ballkleides aus der Südsee, -- oh, Therese war an

diesem Nachmittag ausgesucht zärtlich zu der etwas schweigsamen

Freundin, und die Professorin war ein wenig kühl zu George und sehr

holdselig zu den beiden Mädchen, -- aber wer sollte das wohl beobachten?

Heyne nicht, der nahm seinen jungen Freund alsbald mit stiller

Gründlichkeit für die Frage in Anspruch, inwieweit die Homer-Übersetzung

des wackeren Voß die bis dato vorliegenden Versuche von Bodmer und

Stolberg überrage ... George selbst, -- oh, auf keinerlei Weise, -- so

innig zerstreut er durch das Gespinst der Philologensätze hindurch auf

das Geplauder der Damen lauschen mochte ... Gewiß, jawohl, der gute Voß

war nicht gerade mit peinlichster Genauigkeit vorgegangen, hatte sich

gar getraut, in den Homer hineinzudichten ... Therese, dachte George

erschüttert, ist gar nicht schön, -- ihr Kopf scheint zu schwer für die

Zierlichkeit ihrer Gestalt. Was ist das, dachte er, Therese hat eine

bräunliche Hautfarbe, ihre Nase ist zu kurz, ihr Mund nicht klein. Wenn

Therese nicht jung wäre und ohne das Feuer ihres beweglichen Geistes in

den großen etwas vortretenden Augen, -- Therese wäre häßlich! Dennoch:

Therese! Oder gerade darum: Therese! Soeben kam sie mit ihren kleinen

festen Schritten den Gartenweg hinunter, sie hatte im Hause etwas zu

besorgen gehabt, und wie sie nun stehen blieb, die Gesellschaft

anblitzend und ihn vor allen andern, ausrufend, man werde jetzt zur

Weender Mühle aufbrechen und dort zur Nacht speisen, -- war da einer im

Zweifel, daß es so geschehen müsse, obgleich zuvor kein Mensch daran

gedacht hatte, dies zu unternehmen? Seufzte nicht die Professorin

ergeben, -- nun ja, sie würde bei den Kindern bleiben, -- eilte nicht

Heyne, sich mit Hut und Stock zu versehen? Daß George die heilige Stätte

noch nicht kannte, an der vor zehn Jahren der »Hain« sich begründet

hatte, -- nein, das war unverzeihlich. Und so wurde hinausspaziert, das

Glück wollte es, daß der Professor Lichtenberg auf seinem Abendgang

begriffen sich ihnen anschloß und Heyne mit Beschlag belegte. Die beiden

Männer gingen voran, George, am rechten und linken Arm die jungen

Mädchen, hinterdrein. Die sanfte Landschaft, von dem stillen Gewässer

durchzogen, tat sich ihnen auf, der Himmel war weit, von silberrandigen

Wolken erfüllt, -- sie schwiegen, und dann seufzte eines von ihnen den

Namen Klopstock. Die Herzen wurden ihnen groß, sie blickten sich in die

Augen, gewiß, daß kein Fühlender diesen Boden betreten konnte, ohne der

Jünglinge zu gedenken, die vor kaum einem Jahrzehnt im Angesicht dieser

Eichen für Gott, Vaterland und Tugend erglüht waren, -- so sprach

Therese es schwärmerisch aus und drückte des Freundes Arm gegen ihre

Brust, während Karoline sich von ihnen löste und Blumen und grüne Zweige

brach, um sich und die Gefährten zu bekränzen. Oh, er war George nicht

fremd, dieser Ton, er fand einen Widerhall in seinem Herzen dort, wo im

Elysium seines Innern der Tempel für Jakobi errichtet war; er kannte

diese sanfte Wollust des Gedankens, die gern in Tränen schmolz, und gab

sich ihr unbedenklich hin. Als der Höhepunkt des Gefühls erreicht war,

als sie wirklich im Schatten der Bäume dort im Weender Talgrund standen,

die dem Schwur der Bundesbrüder zugerauscht hatten, da wurden sie

freilich ein wenig ernüchtert. Denn hier lagerte bereits eine kleine

Gesellschaft und bei näherem Zusehen blieb kein Zweifel, daß es der

unglückselige Monsieur Bürger war, der hier inmitten seiner beiden

Frauen des schönen Abends genoß. »Dieser Anblick«, äußerte Therese im

Weitergehen voller Wehmut, »bringt einem die Hinfälligkeit aller edlen

Vorsätze und Schwüre recht ins Bewußtsein.« Denn Bürger, wenn schon kein

Mitglied des ursprünglichen Bundes, galt er nicht in Göttingen als der

letzte dort wohnende Vertreter jener Dichtergeneration? Und nun

entweihte er mit seinem Treiben selbst jenen Boden göttlichster

Erinnerung! Übrigens war Bürger so übel nicht, darüber waren Karoline

und Therese sich ganz einig. Die Frauen waren es, die ihn herabzogen,

diese schlechterzogenen Schwestern, selbstverständlich. Der Arme!

»Ei was! Der Arme!« der Professor Lichtenberg hatte die letzten von

Therese in getragenem Ton ausgesprochenen Worte gehört, denn jetzt ließ

man sich im Grasgarten der Mühle um einen der langen rohen Brettertische

nieder. Lichtenberg zog sein seidenes Schnupftuch und begann eifrig

wedelnd die Mücken von seinem geröteten Antlitz abzuwehren. »Ein Mann,

der auf den Hund oder auf das Frauenzimmer kommt, hat das immer sich

selbst zuzuschreiben, Demoiselle Thereschen, merk Sie sich das! Ist's

nicht an dem, mein weitgereister Freund? Die Bestie unter der dem Fuß

halten, -- wie? Den Hund, den Hund, meine Lieben, -- oh kein

Echauffement! Exküsieren Sie, Karolinchen!« Er schlug derb auf

Karolinens vollen Arm.

»Ein Mückchen sog sich satt

An Linchens süßem Blut

Es stirbt in Trunkenheit

Wie sanft solch Tod wohl tut!«

»Freund! Freund!« Heyne schwenkte entsetzt die Hand an sein Ohr.

»Nun, das ist Bürgers Dunstkreis,« redete Lichtenberg unbekümmert, »da

dichten auch die Steine. He, Mamsellchen, --« dies galt dem aufwartenden

Mädchen. »Mir eine Milch -- und wenn Ihr ein wenig Beerenobst habt ...«

»Wir, die wir unsere Kräfte in Geist umsetzen, und Ihr, Wesen gleich

Sylphen und Schmetterlingen,« fuhr er fort, als die andern ähnliche

Wünsche geäußert hatten, »müssen unseren Körper aus leichten Speisen,

flüchtigen Essenzen aufbauen. Im Ernst, teure Freunde,« -- er legte den

Goldknauf seines Stockes an die Nase und blickte Heyne und George

eindringlich beschwörend an, -- »es helfen uns einige weiche Eier, eine

Tasse starken Kaffees, ein wenig Gallerte von Kalbfleisch meist eher zu

einem Gefühl der Sättigung und der Rekonvaleszenz als eine derbe

Mahlzeit. Oh, ich bin kein Kostverächter. Aber ich habe meine

Erfahrungen gemacht ...«

In diesem Augenblick gab es einen kleinen Aufstand unter den jungen

Leuten, Therese rief halblaut: »Karoline!« und es war ersichtlich, daß

sie unter dem Tisch der Freundin einen Stoß mit dem Fuß gab. George aber

hatte sich erhoben und blickte freudigst einem Herrn entgegen, der sich

dem Tische näherte, den Hut in der Hand und augenscheinlich überrascht,

aufs angenehmste überrascht, hier Bekannte anzutreffen.

»Wer von uns beiden, mein Wertester,« sagte er lächelnd zu George,

nachdem er die beiden älteren Herren begrüßt und den Damen seine

Reverenz bezeugt hatte, -- »wer von uns beiden hätte es vor zwölf

Stunden geahnt, daß uns so bald ein freundlicher Gott die Gelegenheit

geben würde, unsere zufällige Bekanntschaft fortzusetzen?« George, der

einigermaßen bezaubert auf seinen eleganten Reisegefährten von heute

Nacht blickte, konnte nicht umhin, dessen Worten zuzustimmen. Wurde

Heyne schweigsam, seit Meyer neben ihm saß? Blickte Karoline mit kühlem

Mißtrauen auf die Freundin, als die Bemerkung vom Gott dieser

Gelegenheit fiel? Oh, George nahm dies durchaus nicht wahr. Angeregt

gleichermaßen durch das Gegenüber Theresens wie durch die Gegenwart des

neuen Bekannten, geriet er in einen leichten Rederausch, um, endlich zu

sich kommend, zu bemerken, daß niemand außer Heyne und Karoline

Anteilnahme für seine Pariser Erlebnisse aus dem Jahre 78 zu haben

schien, -- und hatte er nicht eben ganz charmant von dem alten Franklin

erzählt? War denn Therese je in einer Gesellschaft in Paris gewesen,

zusammen mit dem großen Franklin, hatte sie schon gewußt, was für ein

umgänglicher alter Scherzbold das war, der sich »Papa« nennen ließ und

von oben bis unten grau in grau gekleidet ging? Nein, gewiß nicht!

Dennoch, sie mußte während solcher interessanter Erzählungen, -- ja --

und wäre es nicht eben George gewesen, der erzählte! -- sie mußte sich

in ein Geflüster mit Herrn Meyer vertiefen und Lichtenberg schien das

letzte Tageslicht zu benützen, um auf seiner Schreibtafel etwas

auszurechnen. George sah sich unsicher um und verstummte; Unbehagen

überkam ihn, was half es, daß Heyne ihn auf den Rücken klopfte und

»trefflich, trefflich!« ausrief? daß Therese ihm jetzt plötzlich einen

tiefen Blick und ein Lächeln schenkte? daß Meyer ihm aufs

Liebenswürdigste sein schönes festes rosig-blondes Gesicht mit den

kühlen, spiegelnd blauen Augen zuwandte und etwas Scherzhaftes von

seinem Neid auf Georges Erinnerungen verlauten ließ? Als aufgebrochen

wurde, reichte er ausdrücklich Karoline den Arm und schritt mit ihr

hinter den andern her, sah die Nebel über den Wiesen wogen und den Mond

groß und rot aufsteigen. Das Mädchen an seiner Seite plauderte, -- der

junge Erzbischof von Osnabrück war kürzlich in Göttingen gewesen, hatte

man in Cassel von ihm gehört und wußte man, was für ein hinreißender

Kavalier dieser junge Kirchenfürst war? Er hatte draußen in Weende einen

veritabeln ^bal champêtre^ gegeben und sich dabei belustigt wie ein

Knabe; ja, Karoline bereute es jetzt bitter, sich durch eine tugendhafte

Erwägung um den Besitz einer solchen Erinnerung gebracht zu haben; denn

sie war nicht zu diesem Fest gegangen, obgleich sie unter den geladenen

Damen gewesen war. »Wie kommt es nur, mein Freund,« sagte sie mit

allerliebstem, sinnendem Ernst, »daß es meist unsere Tugenden sind, die

uns hinterher Reue kosten?«

George lächelte ein wenig bitter.

»Es nützt nichts, sich dergleichen vorzuhalten, teure Freundin,« sagte

er, den Blick auf das vor ihnen herschreitende Paar, Meyer und Therese,

geheftet. »Nehmen wir uns vor, bei zukünftigen Gelegenheiten weniger

gewissenhaft zu sein!«

Karoline seufzte. George bemerkte es nicht. Vom Fluß herüber kam das

Quarren der Frösche und nun, -- zagend, wie stammelnde Sehnsucht, -- der

Ton einer kunstlosen Flöte. Die Ebene klagte.

George schlug einen schnelleren Schritt an, um gleich wieder

einzuhalten. »Seltsam!« sagte er schwer aufatmend und drückte die Hand

auf seine Brust. »Seltsam, daß ich zu manchen Zeiten das Gefühl habe,

als hinge mein vergangenes Leben mit der Schwere eines Jahrhunderts an

mir. Als müßte ich eilen, irgend etwas einzuholen ... Oh, Karoline, --

sollte dieser Abend Symbol meiner Zukunft sein?«

»Welch trübe Ahnungen, bester Freund!«

Und nach einer Weile setzte das Mädchen wie gegen ihren Willen hinzu:

»Meyer ist gewiß ein unendlich liebenswürdiger Mensch von Geist und

Kenntnissen. Aber, glauben Sie mir, -- Therese weiß zu unterscheiden ...

Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert · 第 7 / 24 题