George aber war betroffen, -- war erschüttert. -- --

Er wollte an Bord bleiben, als sie endlich wieder vor Tahiti lagen, er

schützte Arbeit vor, die während der Fahrt zu lange geruht habe, er

schützte Schmerzen in seinem immer noch geschwollenen Fuß vor, er hätte

sich am liebsten wie ein Tier verkrochen, -- indes sah Cook ihn mit

durchdringenden Augen an, die auch hier unter dem flammend blauen Himmel

nichts von ihrem Polarglanz verloren, und sagte: »Sie gehen mit mir,

George!« in einem Ton, der an Selbstverständlichkeit nichts zu wünschen

übrig ließ. Und so ging er mit an Land und duldete, was ihn elend

machte, den Anblick dieses heißen nackten Lebens, an dem er nicht

teilhaben zu dürfen glaubte, denn hier war Cook, der durch das alles mit

verächtlich geschürzten Lippen hindurchging und der ihn schweigend

verworfen haben würde, wenn er sich hätte gehen lassen, -- und dies wäre

unerträglich gewesen, denn er bewunderte, er liebte Cook. Liebte er ihn?

Oder -- haßte er zuweilen auch diesen, haßte ihn um seiner

unerschütterlichen hochmütigen Tugend willen, wegen jenes Auftrittes in

der Kajüte, als Cook den Vater züchtigte und anspie, und damit ihn

selbst? Denn tief, tief fühlte sich George doch mit dem Vater verbunden

und wußte es, ohne es sich einzugestehen, daß er geringer war als

dieser, in irgendeinem Betracht geringer, und deshalb mit Recht abhängig

von ihm, und sei er zehnmal moralisch vorzüglicher. Ja, -- _haßte_ er

manchmal auch Cook? Oh, er wußte es nicht, wußte nichts mehr, als daß er

grenzenlos unglücklich war. Er hatte keine Spielgefährten mehr, um mit

ihnen den körperlichen Überschuß auszutoben, Larry war tot und Mahaine,

-- Mahaine hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt als hinzugehen und zu

heiraten, natürlich, denn dieser Herr, weitgereist und im Besitze so

vieler roter Federn, war den stammverwandten Tahitianern unbeschreiblich

merkwürdig und begehrenswert. Gleich in einer der ersten Nächte ward er

zur Königin Porea »zur Aufwartung« befohlen, und als er sich von dieser

Strapaze erholt hatte, warf er sein Auge auf eine unschöne kleine

Insulanerin, die indessen die Tochter eines Eri war und ihm eine

erhebliche Mitgift an Land und Ansehen einbrachte, -- allein den

Tau-Tau, den Leibeigenen, der ihm von nun an folgen und ihn bedienen

mußte! Mahaine also ward mit einem Schlage ansässig und bürgerlich,

verzichtete auf alle weiteren Reisegelüste und dachte nicht mehr daran,

mit nach England zu gehen. Er legte es George nahe, -- »Teori« nannte er

ihn und »Teori« sagte lockend das braune kindliche Mädchen, das er

mitbrachte, und lachte den Fremden mit breiten weißen Zähnen an, --

seine Schwägerin Tehamai zu heiraten und sich ebenfalls auf Tahiti

niederzulassen, -- ja, im Eifer nahm er Georges Hand und führte sie über

Tehamais feste warme Glieder, sprachlos verwundert, als der Freund sich

losriß und ihn samt seiner vorzüglichen Ware ohne ein Wort stehen ließ.

Schließlich, schließlich ging ja alles vorüber, vorüber gingen auch die

Tage auf den Sozietätsinseln, wo das Schiffsvolk sich noch einmal in

allen Freuden der Südsee wälzte, vorüber gingen wie Fieberträume die

Erlebnisse der Tänze und Vorstellungen, die den Taumel immer noch

steigerten, vorüber die Wochen, in denen jenes Mädchen aus Eimeo an Bord

war, dem sie Offizierskleider angezogen hatten und das auf Huahaine von

den Eingeborenen in einer wüsten Pantomime verspottet wurde, -- alles

ging vorüber und ließ sich ertragen, wenn anders man es nur sachlich

betrachtete und sich Anmerkungen darüber machte. Gesegnet die

Schreibtafel, die einen begleitete wie einen Talisman, gesegnet jedes

Blatt Papier, das sich zwischen ihn und die aufdringliche Wirklichkeit

der Dinge schieben ließ! So überwand er die Südsee, nahm Abschied von

den lachenden Inseln, ohne die Spur eines Brennens im Herzen, fuhr

vorüber an den Pfingstinseln, an den Hebriden und an Neu-Caledonien, so

wie er einst in St. Petersburg durch die Museen gestolpert war,

grenzenlos ermüdet und abgewandten Herzens, nur maschinenmäßig Eindrücke

aufnehmend und verarbeitend, -- so betrat er noch einmal Neuseeland,

fühlte eine schwache Wehmut, Larrys eingedenk, und versuchte es, Toghiri

aufzufinden, um sich seiner Botschaft zu entledigen, -- gab es indessen

auf, da Toghiri von ihrer alten Wohnstätte verschwunden war und sich

auch sonst nicht blicken ließ, -- armer Larry in der eisigen See, so

schnell vergessen! -- und schlenderte tagelang einsam am Strande umher,

nach Osten spähend und im Winde etwas wie ein gemäßigtes Klima ahnend.

Ach, Europa! nun gab es nichts anderes mehr als _dieses_ Ziel der

Gedanken! Als ein Knabe war er hinausgefahren, hundertfach abhängig,

erwartungsvoll auf die Menschen blickend, und, wie oft auch schon

getäuscht, doch ungebrochen im Vertrauen. Jetzt lag ein Zug

entsagungsvoller Erkenntnis in seinen Augen und um seinen Mund, der

seine zwanzig Jahre Lügen strafte, und hinter seinem unverändert

liebenswürdigen Auftreten, hinter der jungen Lady George, wohnte einer,

den sie alle nicht kannten, ein Einsamer, von zartem, schmerzlichen

Stolz, von einer entschlossenen Selbstgenügsamkeit -- einstweilen! Denn

irgendwie hatten jene Eismeerwochen der Einsicht und Erkenntnis doch

Früchte gezeitigt, irgendwoher keimte eine trotzige Gleichgültigkeit in

ihm, irgendwann war es ihm aufgegangen, daß er ja nicht für alle

Zukunft, nicht sein Leben lang mit dem Vater zu rechnen habe ... Er und

das Schiff! das Schiff, das _seinem_ Willen zur Heimkehr diente! -- und

alles andere war gleichgültig, war Beiwerk, war Nebensache, Geschwätz im

Tauwerk und belangloses Geflügel. Er stand am Bug und starrte voraus auf

die unabsehbare graue, unheimlich von innen sich wölbende und atmende,

tobende und drohende graue Halbkreisfläche, -- ach, Tag für Tag, Woche

um Woche derselbe leere gähnende Osten! -- er packte, er ordnete wieder

und wieder, als müsse er bereit sein, morgen von Bord zu gehen, -- Kap

Horn lag noch vor ihnen, -- er war zur Stelle, wenn der Vater, wenn Cook

ihn wünschten, -- alles in einer ungegenwärtigen Art und Weise und

innerlich mit nichts beschäftigt, als sich sprungbereit für die nächsten

Möglichkeiten in London zu halten und, -- wie sollte er anders, --

Projekte zu entwerfen, Projekte, in denen der Vater ganz und gar keine

Rolle mehr spielte. Er überwand, -- körperlich überwand er die Erde,

trat Feuerland hinter sich, entsetzliche Weihnachtstage auf Feuerland in

Schnee und Regen, unter tierähnlichen Geschöpfen, die »Pesseräh!« sagten

und weiter nichts, in allen Tonarten »Pesseräh«, und hier verlor man

Zeit, so viel Zeit! Er jauchzte innerlich, als nach Staten-Island und

Georgia nun bis zum Kap keine verfluchte Insel mehr zu erwarten war, --

er schluchzte auf, -- übrigens nicht als der einzige an Bord, -- als das

erste europäische Schiff, ein holländischer Segler, ihnen in einer

kalten Mondnacht in Rufweite gegenüberlag und ihnen wie aus Geistermund

die Botschaft wurde, daß ganz Europa Frieden habe!

Das war im Februar 1775. Acht Tage später ankerten sie in der Tafelbai,

inmitten einer Flotte holländischer Ostindienfahrer und französischer,

deutscher und dänischer Handelsschiffe, portugiesischer Kriegsschiffe

und spanischer Fregatten, ganz Europas Flaggen grüßten sie und sie

gingen an Land wie die Träumenden, europäische Herren, den Dreispitz

unterm Arm, das Meerrohr in der Hand, anderen europäischen Herren

ebenfalls mit dem Dreispitz unterm Arm begegnend, europäischen Herren,

die gar nicht verwundert schienen, daß sie einherspazierten und sogar

Damen mit sich führten, Damen in Kleidern aus Paris, zweifellos, -- mein

Gott, das gab es noch, Europa stand noch, war es denn so möglich?!

Überdies gab es Speisen in unsagbar köstlicher, ganz vergessener

Zubereitung, an denen man sich notwendig überessen mußte, -- Herr

Forster tat es, -- es gab Zeitungen, gab -- nach beinah drei Jahren, --

wieder Briefe von zu Hause! Ach, nicht nur hatte ganz Europa Frieden,

auch die Mutter, auch die Geschwister, sie lebten, sie tauchten wieder

auf aus dem Nebel der Unerreichbarkeit ... George lächelte, seit jener

Nacht im Polareis, als die Mutter ihr blutendes Herz an ihm

vorübergetragen hatte, hatte er sie tot geglaubt. Nun sah er so deutlich

ihr blasses Leidensgesicht, die durchsichtige, ein wenig vorspringende

Stirn über den müden breiten Lidern vor sich, -- sah ihren Blick,

unendlicher Liebe und Müdigkeit voll. George preßte die Hand aufs Herz:

nun kam er wieder, ein Mann, nun hatte ihr Leiden ein Ende. Er schwur es

sich, unbewußt des bitteren Reuegiftes, das solche Schwüre in sich

tragen.

Sie kosteten hier schon einen Vorschmack des Ruhmes, der ihrer in der

Heimat wartete, kosteten ihn auf den Festmahlen, die fremde Kapitäne und

Offiziere ihnen gaben, waren aber nur halb bei der Sache, ungeduldig auf

die Weiterreise bedacht. Der kleine Dr. Sparrmann drückte sie

umschichtig an sein abschiedstrauriges Herz und stand mit dem

Schmetterlingsnetz winkend am Hafen, als das Boot sie überholte. Und nun

kam noch einmal das Schiff, Wochen um Wochen: das Schiff! Das Schiff,

ein Erdteil für sich, im Raume, in der Wasserwüste jagend, stampfend,

schlingernd, -- drohend, jetzt noch, ja jetzt noch, und mit Willen nicht

früher, mit ihnen allen in die Tiefe zu fahren, ihnen seine Macht

weisend in bösen Äquinoktialstürmen, -- das unbändige, das mütterliche,

das verhaßte und geliebte Schiff, das am 29. Juli mitternachts den

Leuchtturm von Eddystone tanzend grüßte und Tags darauf im Hafen von

Spithead schaukelte, vornehm und rätselhaft, sie alle entlassend, die

selig auseinanderstrebten, ganz ohne geheuchelte Schmerzlichkeit, denn

jetzt konnten sie einander entbehren, o ja, jetzt konnten sie wohl. --

-- --

[Illustration]

Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert · 第 6 / 24 题