Sie fanden alle, daß es so hätte weiter gehen können, -- wer das nicht

fand, war Herr Forster. »Aber, meine Teure,« sagte er, »hattest du

wirklich angenommen? Du bist überrascht? Nun, in der Tat ...« Er blickte

wieder in den Brief, den ihm die Post gebracht hatte, lächelte abwesend

und streichelte sein Kinn. Endlich nun, nach zwei Jahren, hielt

Dalrymple Wort, er machte ihm den Vorschlag, ihn nach Ostindien zu

begleiten, -- »Ostindien, George!« -- auf eine Insel, ein Inselchen im

heißen blauen Meer, Balangbangan hieß es, wo die Ostindische Companie,

dies unvergleichliche Institut, unter seiner, Dalrymples Leitung eine

Niederlassung gründen wollte. Ohne erst Zeit mit dem Einziehen von

Erkundigungen zu verlieren, brach Herr Forster seine Zelte ab, das

heißt, er selbst eilte seiner Familie voran nach London und überließ es

seiner Frau, den Umzug zu leiten, eine unendlich mühselige Unternehmung.

George war von neuem von dem seltsamen Fieber ergriffen, das ihn damals

in des Vaters erster Projektenzeit beherrscht hatte, zerrissen zwischen

der Teilnahme für die Mutter und einer prickelnden Neugier auf das

Kommende, der Spannung, Dalrymple wiederzusehen, und dem erlösenden

Gefühl, daß eine Veränderung der Arbeits- und Lebensweise bevorstehe,

wie er sie, halb unbewußt, ersehnt hatte. Als es sich nun herausstellte,

daß dieses hastige Abbrechen gesicherter Beziehungen und der

Familienaufbruch nach London ergebnislos gewesen waren wie ein Schlag

ins Wasser, als es klar zu Tage trat, daß Herr Forster wieder einmal

Anfragen für Versprechungen genommen hatte, daß er gewissen Ansprüchen

nicht zu genügen schien, -- hier war Intrigue am Werk gewesen, man hatte

ihn verleumdet, ihm einen windigen Charlatan vorgezogen! -- als die

Familie gerade in der Stunde mit der hochbepackten Mail-coach durch das

New Gate einfuhr, als Mr. Dalrymple in See stach und Herr Forster

sozusagen ohnmächtig auf dem Themsekai tobte, -- da machte sich die

Wucht wiederholter Erfahrung doch im Gemüte des Knaben geltend. Dunkel

empfand er Glücksjägertum und den Mangel an Würde, den es voraussetzte;

eine dumpfe Beschämung belastete ihn im Hinblick auf Dalrymple, von dem

er sich ganz persönlich verachtet und verworfen vorkam. Der Vater

mietete nun eine kleine Mansardenwohnung in Warwick Lane und eine Zeit

verzweifelter Bemühung um das tägliche Leben begann, um so bitterer

empfunden, als da hinten in der lichten Frühsommerlandschaft Warrington

mit seinem Häuschen und dem geliebten kleinen Stachelbeergarten lag, wie

ein Paradies, dessen Pforten man mit frevelhaftem Leichtsinn hinter sich

zugeschlagen hatte. Daß die Mutter und die älteren Schwestern für Geld

Stickereien anfertigten, war quälend genug mitanzusehen, nun aber geriet

der Vater auf den Gedanken, daß er, George, für seine Jahre mehr leisten

könne, als er es am Schreibtisch zu tun vermöchte, daß, -- er sagte es

sonderbar unumwunden, -- seine Kraft besser ausgemünzt werden müsse, er

kam auf den furchtbaren Gedanken und führte ihn ohne Zögern aus, George

bei einem Kaufmann in die Lehre zu geben, einem Mann, namens Hitch, der

mit Tuchen handelte und sein äußerst respektables Geschäft in der

innersten City nicht weit vom Temple hatte. Daß dies hieß, einem

Zahnlosen Nüsse zu knacken zu geben, oder von einem Fisch zu verlangen,

auf dem Trockenen zu leben, kam Herrn Forster nicht in den Sinn, als er

eines Morgens den blassen Jungen mit der ihm eigenen Wichtigkeit seinem

Chef vorstellte. Er hatte sich nicht darin verrechnet, daß George sein

Bestes tun würde, -- oh, gewiß, er tat seine Pflicht, und, das grüne

Tuch über dem Arm, lief er stundenlang kreuz und quer durch die tosende

Stadt, eine arme kleine Ameise unter Millionen anderen, immer in der

Gefahr, zerdrückt oder zertreten zu werden, sich in dem ungeheuren

Gewirr der sich teuflisch gleichenden Gäßchen verirrend, sich

abängstigend und der blutlosen Strenge seines graugekleideten Herrn

gewärtig, wenn er zu spät kam, -- einen beständigen Jammer dabei in der

Brust, eine Sehnsucht nach einem stillen Eckchen, nach seinem Tischchen

in Warrington mit den Büchern und dem allerliebst geordneten

Schreibgerät, -- Erinnerungen nachhängend, soweit sein erschöpftes

Gehirn sie hervorbringen wollte, von der Wolga träumend und eingedenk

des Janusch, -- später über Rechnungsabschlüssen, die er ausführen

sollte, völlig versagend und mit puritanischer Ironie von Mr. Hitch

Esqu. vernichtet, -- so brachte George die Tage dieses unglücklichen

halben Jahres hin, während der Bruder Karl daheim an seiner Stelle

Wörterbücher wälzte und den Vater unterstützte, wobei es allerdings

weniger still und feierlich zuging, als früher, denn Karl quittierte

recht hörbar mit Brummen und Schreien über Tadel und Züchtigung, und

zudem war in der Bücherei und unter den Manuskripten bald eine Unordnung

eingerissen, die George ins Herz schnitt, wenn er abends müde und stumpf

nach Hause kam. Um Weihnachten herum, nachdem er sich in dem

fürchterlichen gelben Nebel draußen, den man fast kauen konnte und der

seinen Lungen widerstand, als sollten sie Wasser einatmen, nachdem er

sich also einen Husten geholt hatte, in Wahrheit einen ^bad cough^, den

Mr. Hitch schon allein des unmusikalischen Geräusches wegen mißbilligte,

nahm ihn der Vater mit einem stoßweisen Entschluß aus dem Geschäft

heraus, aus Gesundheitsrücksichten angeblich, im Grunde jedoch, weil er

die Plage mit Karl satt hatte, der nun seinerseits in ein Kontor

wanderte, wo er sich trotz seiner Jugend als bedeutend brauchbarer

erwies als am Schreibtisch und als viel anstelliger als George. Dieser,

an sein Tischchen zurückgekehrt, erschien dem König Minos zunächst als

gänzlich verwahrlost, als völlig verblödet, so viel schien er verlernt

zu haben; er wurde angeschrien und das Pfeifenrohr fuchtelte ihm um den

Kopf, ohne daß es mehr bewirkte, als daß er sich duckte und auch dies

für Gewinn hielt. Endlich ward unter Gemurr die Erlaubnis erteilt, daß

Frau Justine ihn für einige Tage pflegte, sie bettete ihn in ein Bett

allein, -- sonst teilte er das Lager mit Karl, -- und erreichte es, daß

er nach einer Woche Essens und Schlafens wieder lächelte und sprach,

denn dies beides schien ihm verlorengegangen zu sein, und eine

Gewohnheit tief und stöhnend aufzuseufzen, blieb ihm aus dieser Zeit

körperlicher Frone zurück. Endlich wieder imstande, der alten

Beschäftigung nachzugehen, erfüllte er seine Aufgabe zwar artig, sanft,

liebenswürdig und außerordentlich akkurat und korrekt bis ins kleinste,

aber doch etwa so, wie ein blindes Göpelpferd im Kreise geht. Zuweilen

dachte er an seine erste Kindheit und verglich: es war alles wie einst,

nur daß sie enger und ärmlicher wohnten, daß draußen die gewaltige Stadt

toste und daß er die Mutter nun fast überragte, wenn er neben ihr stand.

Als der ^bad cough^ und die Heiserkeit im Frühjahr endlich überstanden

waren, hatte er eine tiefe Stimme bekommen, er war nun in der Tat kein

Kind mehr und hätte nicht mehr spielen mögen, selbst wenn er die Zeit

dazu gehabt hätte; auch an jene Gebetsekstasen dachte er unbehaglich

zurück, wie an etwas Unwürdiges. Er studierte, er las, -- er schrieb

nach Diktat, er machte Auszüge, er übersetzte, sein Blick bekam etwas

Gedecktes, als sehe er beständig gegen eine Wand, -- die Zeit ging hin,

er war siebzehn Jahre alt, und: »Georgie,« sagte die Mutter eines

Abends, als er sie am Arme durch Pall Mall führte und sie lächelnd von

den Eigenschaften der Schlupfwespe unterhielt, ohne dem

vorübergaukelnden bunten und eleganten Leben, ohne schönen Pferden oder

strahlenden Frauen einen Blick zu schenken, -- »mein Georgie, -- _wann_

wirst du jung werden?«

* * * * *

»Man lobt dich in der Stille, du mächtiger Herr Zebaoth«, brummte Herr

Forster mit pfiffigem Gesicht vor sich hin, indem er die Treppe

emporstieg, sich haltlos einer Erinnerung an seinen Predigerberuf

überlassend und durchaus nichts weiter ausdrücken wollend, als dies, daß

es gut sei, Projekte für sich zu behalten, bis sie reif wären,

unterirdisch zu wühlen, wie der Maulwurf. Er übersah dabei, daß der

Maulwurf, ohne es zu beabsichtigen, seine heimliche Tätigkeit doch nicht

verbergen kann und daß eine Schwangerschaft, ob sie schon wesentlich im

Dunklen sich vollzieht, sich dem Auge aufdrängt. Somit war es für George

und seine Mutter längst nur noch die Frage, _was_ sich wohl vorbereite,

wes Geschlechtes und Aussehens das Kind sein würde, dessen Geburt um so

zweifelloser bevorstand, als Herr Forster immer schwangerer wurde, was

sich in einer peinlichen Zerstreutheit und Unruhe, erhöhter Reizbarkeit

und täglichen Ausgängen zeigte, von denen er äußerst nachdenklich

zurückzukehren pflegte.

»Na, da staunt ihr?« sagte er herablassend, sah aber zugleich etwas

verstimmt von einem zum anderen: denn die Familie zeigte sich viel

weniger aus den Wolken gefallen als er es zur Belohnung für seine lange

Enthaltsamkeit erwartet hatte. Frau Justine nickte ergeben, als habe sie

derartiges befürchtet, -- aber, mein Gott, nun gleich die Südsee, -- wo

lag sie doch nur? Und ihr Blick schweifte hilflos zu dem Globus hinüber,

der auf dem Bücherbord stand. Herr Forster hielt seine Augen mit einem

sonderbar strahlenden Ausdruck auf George gerichtet, der ihn freundlich

und aufmerksam anblickte und sich nun auch erhob, um den Tisch herumkam,

dem Vater die Hand küßte und herzlich sagte: »Welche Freude, teurer

Papa!« aber mehr so, als freue er sich des Glückes eines anderen und

nicht seines eigenen, -- dieses unglaublichen, dieses einzigartigen

Glückes, daß er, in seinem siebzehnten Jahr und ohne weiteres Verdienst

als jenes, das der Besitz eines außergewöhnlichen Vaters verlieh, mit

eben diesem Vater den großen Kapitän Cook auf seiner zweiten Weltreise

begleiten sollte. Dies, kein Projekt mehr, sondern handgreifliche

Gewißheit, ein Ding, das sich von heut auf morgen aus der Puppe bloßer

Pläne und Verträge in glanzvolle Wirklichkeit entfalten sollte, war's,

was Herrn Forster berauschte und auf Flügeln trug, so daß er um zehn

Jahre verjüngt einherschritt und sich den Geschäften der Vorbereitung

aufs liebenswürdigste widmete, indem er anordnete, widerrief, Bücher,

Instrumente, Arzneimittel und die überraschendsten Gegenstände, die er

zur Reise für nötig hielt, aufhäufte, so daß es kaum noch

menschenmöglich war, ein System der Ordnung hineinzubringen, -- George

aber machte es möglich, -- und indem er vor allen Dingen in Begleitung

von Karl in die Bazare ging und von dem Geld, das ihm bereits zur

Verfügung gestellt war, in unbedenklicher Großartigkeit Einkäufe machte

an Wäsche, warmen Kleidern, -- dabei hatte man noch das russische

Pelzwerk, fast neu und von Frau Justine sorgfältig vor Motten geschützt;

sie seufzte ein über das andere Mal --, an Glashäfen und Herbarien und

an Tabak, besonders an Tabak! Daß man sich in der Umgebung des Südpols

aufhalten würde, wo es, -- erstaunlich, aber nicht zu bezweifeln, --

ebenso kalt war wie am Nordpol, wenn nicht gar kälter, -- daß man in der

Südsee, -- diese aber war heiß, fast kochend! -- von Insel zu Insel

schlendern würde, der Menschenfresser gewärtig und ähnlicher Zufälle, --

dies bildete den Gesprächsstoff der nächsten Mahlzeiten, wozu Frau

Justine ratlos und bange aussah, während George ihr aufmunternd

zulächelte. Zudem ward immer wieder betont, daß es sich um jahrelange

Abwesenheit handeln würde, -- jahrelang! -- und mit den Schicksalen

aller möglichen Seefahrer der letzten Jahrzehnte ward die

Wahrscheinlichkeit, daß man überhaupt nicht wiederkehren würde,

ausführlich in Betracht gezogen, ja Herr Forster schwelgte förmlich in

der Ausmalung aller Möglichkeiten eines martervollen Todes, etwa durch

Verdursten in einem kleinen Boot inmitten einer unabsehbaren

Wasserfläche, -- besonders qualvoll das, meine Liebe, man fühlt sich an

Tantalus erinnert! Selbst ziemlich unberührt durch all diese Erwägungen,

die er mit großen Augen und gerunzelter Stirn von sich gab, da sie ihm

nicht mehr als eine gesunde Emotion der Phantasie bedeuteten, gelang es

ihm doch, ohne es zu beabsichtigen, in George und seiner Mutter eine

Stimmung von Abschied fürs Leben zu erzeugen, der sie sich am letzten

Abend mit vielen Tränen überließen. Die Vorstellung, in diesem fremden

Lande mit Karl als einziger männlicher Stütze zurückbleiben zu sollen,

löste ähnliche Gefühle in Frau Justine aus wie die eines an morschem

Seil über einem Abgrund Schwebenden, obgleich, -- papperlapapp! -- für

sie und die Kinder gesorgt war, vollauf gesorgt durch einen Teil der

Reiseentschädigung, die die Regierung ihr in Gestalt einer Pension

auszuzahlen angewiesen war, -- also nochmals papperlapapp! Daß er nun

einen Wechsel auf die Zukunft in der Tasche hatte, denn, -- gesetzt den

Fall, man kehrte glücklich heim! -- er würde durch die Beschreibung der

Reise, die ihm übertragen, die seine ganz besondere Aufgabe war, Ruhmes,

Reichtums und der Anwartschaft auf die größten europäischen Lehrstühle

gewiß sein, -- das natürlich wurde wieder einmal nicht ins Auge gefaßt.

Freilich, -- denn was das Motiv von Justinens traurigen Gedankengängen

bildete, was immer wiederkehrte, wenn sie stumm und ergeben zu ihm

aufsah, der so prächtig, gesund und von Leben strotzend war und den sie

doch liebte, -- wenn ihr Blick auf George ruhte, der so bleich und

kränklich schien, -- dies Motiv, -- o, wer wollte es ihr verdenken und

wer verstand es nicht, daß es hieß: ... und gesetzt den Fall, sie

kehrten nicht zurück ...?

* * * * *

Das Schiff war ein Erdteil für sich. War ein Weltkörper, im Raume

schwebend und blindlings Gesetzen folgend, die seinen Lauf von dem der

Gestirne abhängig machten. War, -- gleichzeitig, -- zusammengesetzt aus

allen Stoffen der Erde bis zu ihrem feinsten, dem Menschenhirn, -- ein

selbständiges Wesen, denkend und zielbewußt und von harter

Entschlossenheit, seinem Namen gemäß: ^The Resolution^. War, -- ein

Schiff! -- weiblich, mit ausladendem Schoß und zärtlichem Schwung der

Linien, von männlichem Geiste gelenkt und ihm dienstbar, -- Heimat

diesem Geiste, wie die Insel dem Zugvogel im grenzenlosen All des

Ozeans, wo Himmel und Wasser ineinander übergehen und oben nicht mehr

von unten zu scheiden ist. War Zuflucht, Obdach, Mutterschoß und

nährender Boden den Männern, die auf ihm zusammengedrängt ins Unbekannte

fortgerissen wurden, ausgeliefert an Wind und Wogen, freiwillig

ausgeliefert, hingegeben allen Gefahren und sie nutzend und meisternd,

bis ans Äußerste ihrer Spannkraft geladen mit der Lust des Siegers,

dauernd auf der Hut und des Todes gewärtig. Diese Männer --

hundertundzwölf an der Zahl, -- und das Schiff waren in einem Verhältnis

wie Mann und Weib von Anfang her. Es war ihnen Mutter und Geliebte, sie

beteten es an und traten es mit Füßen, seine Schönheit war ihnen

köstlich, sie schmeichelten ihm und sorgten für seinen Schmuck; aber sie

machten kein Heiligtum aus ihm, nichts weniger als das, kein segelndes

Kloster. Denn dafür haßten sie es ja, daß es ihnen diese Enthaltsamkeit

auferlegte und sie an sich band wie mit Ketten, und dafür rächten sie

sich in ihrer Art, daß bald kein Fleck auf ihm war, den der giftige

Brodem ihrer unterdrückten Triebe nicht verpestete. Indes, das Schiff

blieb, was es war, wundervoll sich wiegend und die Wellen im Spiele

nehmend, lächelnd im Glanze der geschwellten, leuchtenden Takelage, sich

unterwerfend scheinbar und dennoch herrschend, voll Unberechenbarkeit

und dauernder Aufsicht bedürftig, -- aber auch gut, warm, schützend wie

nichts auf der Welt. Es war so vorzüglich ausgerüstet wie nie zuvor ein

Schiff gewesen war, es führte Proviant für Jahre, es hatte unendliche

Fässer voll Sauerkohl, voll Maische und Orangenmarmelade, um seine

Kinder vor Skorbut zu bewahren, es hatte Steinkohlen, um der Polarkälte,

Sonnensegel, um dem stählernen Glanz des Tropenhimmels zu widerstehen,

es hatte Ballen von wärmenden Kleidern, -- und es hatte, -- wer durfte

es bezweifeln, -- die großartigste Mannschaft, die untadeligsten

Offiziere, den scharfsinnigsten Astronomen, den bewundernswertesten

Maler, den vorzüglichsten Wundarzt, -- es hatte, -- und dies war am

wenigsten zu bezweifeln, -- den besten Kapitän seiner Zeit und

schließlich: es hatte Reinhold Forster, hatte Forster und Sohn an Bord!

War es ein Wunder, daß dieses Schiff den Ozean unter sich trat wie der

heilige George jenen Lindwurm?

Es war natürlich kein Zweifel, daß jeder dieser hundertundzwölf Männer,

aufwärts vom kleinsten Schiffsjungen bis zum Haupte des Ganzen, Kapitän

Cook, -- oder war es Herr Forster? -- das Schiff als _sein_ Schiff

betrachtete, als die Planke, die ausgerechnet _ihn_ vom Tode trennte,

als den Vorrat, der _ihn_ vor dem Verhungern bewahrte, und nicht zuletzt

galt jedem einzelnen die ganze übrige Besatzung als zwar einzig um

seinetwillen vorhanden, aber auch als der unberechenbarste, am

gefährlichsten zu behandelnde Teil seiner Reiseausrüstung, dessen man

sich mit äußerster Vorsicht zu bedienen hatte. Wohl, man war aufeinander

angewiesen, der Kapitän war nichts ohne die Mannschaft und die

Mannschaft eine Enthauptete ohne ihn, der einzelne Mann brauchte die

Kameraden wie die Finger einer Hand einander brauchen, und wären die

Herren Gelehrten nicht an Bord gewesen, welchen Zweck hätte alsdann der

ganze Aufwand von harter Arbeit und den Bergen von Guineen gehabt, die

Billy, der Koch, sich und den übrigen Burschen als das Ergebnis mühsamer

Berechnungen auszumalen liebte? Jedoch war nicht zugleich einer des

andern bitterster Feind, -- oh, nicht ausgesprochen, aber lag nicht

solche Feindschaft in ihnen allen schon in der Knospe, bereit, geil

auszuschlagen, sobald die Verhältnisse ihr günstig sein würden? Konnte

man einander lieben, wenn man nicht Wochen, nicht Monate, nein, Jahre

denselben engen Raum miteinander bewohnen sollte, ohne eine Möglichkeit,

sich aus dem Wege zu gehen? So etwas in Betracht ziehen hätte geheißen

den Teufel an die Wand zu malen, und Kapitän Cook hätte die Möglichkeit

solcher Menschlichkeiten auf einem seiner Schiffe nie zugegeben, schon

weil er selbst innerlich so durchsichtig und reinlich arbeitete und so

sachlich war wie nur einer von Mr. Wales', des Astronomen,

vortrefflichen Chronometern; weil er außerdem vollständig davon

überzeugt war, -- und mit einigem Recht überzeugt, -- die wichtigste und

unantastbarste Person der Unternehmung zu sein und seine Macht mit einer

Selbstverständlichkeit handhabte, die die Atmosphäre gesund erhielt und

wohltuend wirkte, -- es sei denn auf Individuen, die die Ausdehnung

dieser Machtbefugnis anzweifelten. Das fiel nun keinem ernstlich ein,

außer Herrn Forster, dem leider eine Verwechslung Kapitän Cooks mit

jenen wackeren Männern und Seebären unterlief, mit denen er bisher seine

Erfahrungen gemacht hatte, dem Schipper Mandeweit ergötzlichen Andenkens

und dem eskimopelzigen Väterchen mit den blanken Tranaugen, das sie

sicher an Kattegatt und Skagerrak vorbei geleitet hatte. Herr Forster

hatte, -- bedauerlicherweise! -- von jeher Kapitän Cooks Erfolge, auf

die ganz England stolz war, nicht ernst genommen und war mit der

bewußten Absicht an Bord gegangen, »dem Burschen« für diesmal seine

Anmaßung zu legen und es nicht zuzulassen, daß er ehrwürdige Gelehrte

wieder um ihren verdienten Ruhm brächte. Er war also mit dem ihm nötig

erscheinenden Nachdruck aufgetreten, und noch ehe man das Kap erreichte,

hatte er es fertiggebracht, daß die Beobachtung des Verhältnisses

zwischen ihm und dem Kapitän den anderen Herren ein Anlaß heiterer

Spannung bildete, während George qualvoll darunter litt.

Bis zum Kap war die Reise einigermaßen abwechslungsreich gewesen, -- man

hatte Madeira und die Kapverdischen Inseln angelaufen und erfreute sich

überhaupt mit noch frischer Empfänglichkeit aller Eindrücke und des

köstlichen Müßiggangs dieser beiden ersten träumerischen Monate, als man

unter günstigem Wind an Afrika entlang segelte und nichts zu tun hatte,

als die Seele der Verwunderung über die Grenzenlosigkeit der Erde zu

überlassen, ähnlich wie damals, als man in der Kibitka durch das heilige

Rußland schaukelte, das auch kein Ende nehmen wollte. Im Tagebuch wurde

allerlei Ergötzliches vermerkt, Delphine und fliegende Fische, Wale, die

auf der scharfen Linie des abendlichen Horizontes ihre Fontänen gegen

den goldenen Himmel springen ließen, die großen Glocken der Quallen,

durchsichtig wallend und in den zartesten Farben wechselnd, wie sie das

Schiff tagsüber umgaben, und nachts die Wandlung des Meeres in eine

geheimnisvoll bewegte bläuliche Glut, von langen weißen Blitzen

durchwandert und funkensprühend, welches Phänomen Herr Forster aufgeregt

prüfte und über seine Ursache mit Mr. Wales in einen Streit geriet. Als

jedoch das Kap hinter ihnen lag und mit ihm für Jahre die letzte

Berührung mit Europäertum, als von all den gefühlvollen Abschiedsfeiern

und aufregenden Exkursionen ins Innere des Landes nichts geblieben war

als eine greifbare Erinnerung in Gestalt des Doktor Sparrmann, eines

dicken kleinen Schweden, der mit einer Hornbrille, einem

Schmetterlingsnetz und einer Botanisiertrommel im letzten Augenblick an

Bord gekommen war, -- »um einen kleinen Luftwechsel zu haben«, wie er

sagte, -- als es südwärts ging und immer noch südwärts, und dennoch mit

jedem Abend der Wind eisiger blies und die Wellen verlassener brüllten,

-- da begann das Gefühl des Abenteuers, des Losgelöstseins von aller

Verantwortlichkeit, -- da begann die _Gefahr_. Nicht die Gefahr allein,

die hinter den Eisbergen lauerte, die ihnen nun Tag und Nacht

begegneten, gespenstisch aus dem Dunst hervorwachsend und mit bösen

kaltem Drohen vorübergleitend, nicht die Gefahr jener wölfischen

Krankheit, gegen deren Überfall Kapitän Cook nicht genug Vorkehrungen

treffen zu können meinte, zum Verdruß Herrn Forsters, denn diese

Maßnahmen bestanden zum Teil in einem immer wiederholten Lüften der

Schiffsräume und im täglichen Säubern des Fußbodens mit Strömen von

Wasser, somit gab es fortwährend Zug und Glatteis, -- nein, nicht solche

Gefahren allein. Es gab nun auf einmal kein England mehr, keine Heimat,

keinen König, kein Gesetz. Hier regierten Winter und Meer, Gewalten,

denen nicht zu gehorchen war, sondern denen man sich mit

zusammengebissenen Zähnen entgegenwarf, sie waren unerträglich, äußerst

widermenschlich. Hier herrschte also der Kampf, der Krieg, die

beständige Schlacht: fortwährende Todesgewißheit und darum das

Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen um jeden Preis. Daneben sank jedes

Gefühl, das bisher in Fleisch und Blut übergegangen schien, in nichts

zusammen, erwies sich als gedankenhaft blaß, ja als ein schlechter

Scherz, wenn man es dem Hunger entgegenstellte. Oder war dies die große

Prüfung, in der jeder zu beweisen hatte, inwieweit er gefeit war, war

dies eine Zumutung des Schicksals, war dies etwa eine Gelegenheit, sich

zum Geist zu bekennen? -- -- --

»Petersburg!« dachte George, wenn ihm des Morgens die Kälte ins Antlitz

fletschte, und er lächelte innerlich verächtlich. Er kannte sie jetzt,

diese Anläufe des Satans, und er war ihnen gewachsen. Ob sie ihm

unangenehm war, die Kälte, ob sie ihn in Nase und Ohren biß, seinen

Hauch gefrieren machte, noch ehe er die Brust verlassen hatte, ob sie

ihm Finger und Zehen fast zerbrach? Allerdings war sie ihm unangenehm,

allerdings, allerdings! Aber wer merkte es ihm an? War denn den Matrosen

etwas anzumerken, fror ihnen nicht die Haut ihrer Hände an den eisigen

Trossen und Tauen fest und lachten sie nicht trotzdem bei ihrer Arbeit?

War den Offizieren etwas anzumerken, dem kleinen Leutnant Bligh etwa,

der seinen Dienst bei Tag und Nacht versah und nichts danach fragte, ob

Eisnadeln in der Luft waren oder ob das Schiff durch die Finsternis

sauste wie in einen gähnenden heulenden Schlund gezogen? Und endlich, --

der Kapitän! Sich vor dem Kapitän schwach zu zeigen, schien ein Ding der

Unmöglichkeit. Cook widerstand dem Winter mit seinen eigenen Waffen, der

ganze Mann schien eisig und kristallen, seine Art und Weise hatte etwas

an sich, das durch Mark und Bein drang wie der Frost und darum sehr

einprägsam, ganz unwiderstehlich war. Er war gleichmäßig, er war

unerschütterlich, er hatte den Tag in der Gewalt, und es geschah nichts,

was er nicht bis ins Kleinste vorausbestimmt hatte. Die Luftströmungen

strichen durch ihn hindurch und seine Nerven bewegten sich noch ehe sie

davon erreicht waren: er ahnte Temperaturstürze voraus, er ließ Pelzwerk

austeilen und bestellte schon am Morgen den steifen Grog, den es am

Abend zu geben hatte, so daß die Mannschaft mehr den Eindruck einer

Extraration als einer Vorbeugungsmaßregel hatte. ^Well, Jimmy was a

smart fellow^, jedoch blieb er unter allen Umständen ganz ausgesprochen

und unantastbar der Herr, eisblaue Augen unter den blonden Brauen in dem

rötlichen festen Gesicht und den Mund zu einer schönen schmalen Linie

geschlossen. Er gab sehr knappe Befehle zum Besten der Besatzung und des

Schiffes aus, indessen war das ganze Schiff so sauber und behaglich, war

die Küche so abwechslungsreich und vorzüglich, als leite eine Mutter

diese Angelegenheiten. Er selbst jedoch schlief in einer Hängematte wie

der letzte Mann, und seine Kabine ward kaum je durchwärmt, er brüllte

nicht nach Federbetten und Kohlenbecken wie gewisse andere Leute, o

nein, aber er hatte auch keine große Achtung vor jenen andern Leuten,

das war klar. Schon darum war es ausgeschlossen, zu jenen andern Leuten

zu gehören, und daß er in einem so nahen verwandtschaftlichen und

abhängigen Verhältnis zu ihnen stand, das war George oft außerordentlich

schmerzlich und beschämend. Indessen konnte er es sich erleichtert

eingestehen, daß niemand ihn für das paschahafte Auftreten seines

Erzeugers verantwortlich machte, und wenn sie ihn »Lady George« nannten,

so entbehrte das völlig eines höhnischen Beiklanges, und er wußte im

Stillen ganz gut, wußte es mit einem heimlichen verschmitzten Lächeln,

daß er sich gern so nennen hörte, um der Schonung und leisen

Zärtlichkeit willen, die in dieser Bezeichnung lagen. Die ersten

Reisemonate hatten ihm merkwürdig wohlgetan, die paradiesische Zeit der

Wolgareise schien morgenrötlich verjüngt zurückgekehrt zu sein, und nach

den staubigen Jahren der Sklaverei und des Krummsitzens dehnte und

breitete sein Körper sich nun unter dem weiten Himmel und dem

beständigen Durchströmen der reinen feuchten Luft wie eine verkümmerte

Pflanze, die endlich in bekömmliches Erdreich gesetzt ist. Die gute

Ernährung und das Aufhören jeglichen Zwanges zur Tätigkeit taten das

ihre dazu und das Wunder begab sich: George ward jung. Ja, der Äquator

lag schon hinter ihnen, es war etwa auf der Höhe von St. Helena, als

ihnen auf einmal die Augen darüber aufgingen, daß sie einen Knaben an

Bord hatten, einen schlanken, hübschen Jungen voller Diensteifer und

einer gewissen feurigen Bescheidenheit, besonders dem Kapitän gegenüber,

-- mit einem Ausdruck schalkhaften Glücks in den guten, grauen Augen,

wie ihn Gesundheit und heiter spielende Laune verleihen, und diese

Entdeckung war um so überraschender für sie, als die meisten von ihnen

sich nur an ein grises und mageres Männchen erinnerten, das in Plymouth

mit Sr. Majestät Herrn Forster an Bord gekommen war, einen

stubenfarbigen Jüngling von gedrücktem Aussehen und greisenhaftem

Benehmen, mit dem der junge Forster jetzt nur die Blatternarben

gemeinsam hatte, die ihm freilich geblieben waren. Möglich, daß der

Kapitän die Veränderung beobachtet hatte, denn er hatte George von

Anfang an bei Tisch neben sich gehabt und in einer sehr wortkargen aber

zwingenden Manier für die Auffütterung des jungen Menschen Sorge

getragen. Nun, da die anderen hinter den Erfolg dieser Bemühungen

gekommen waren, als George vergnügt, plauderhaft und ausgelassen wurde,

kurz, eine vom Himmel gefallene Unterhaltung für die ganze Messe, da

schmunzelte dieser Kapitän und bekannte sein Wohlwollen ganz unumwunden.

»^Where is my lady?^« pflegte er zu fragen, wenn er die Kajüte betrat,

wo man sich zum Essen versammelte, und dann bot er George den Arm und

führte ihn an seinen Platz, welches scherzhafte Auftreten ihm ein wenig

fremdartig zu Gesicht stand, -- ungewohnt, -- aber immerhin, es stand

ihm zu Gesicht.

Alles in allem, die Sache war die: George war auf einmal jung, weil hier

niemand ihm etwas anderes zutraute als was seine Jahre, -- sechzehn,

siebzehn Jahre, in der Tat! -- voraussetzten: holde Eselei,

Traumverlorenheit, ein Kaulquappenschwänzchen, das heiter stimmen

mochte, wenn es unversehens zum Vorschein kam, Verantwortungslosigkeit

also, Jugend, Jugend, die alle diese hart arbeitenden oder gealterten

Männer wie einen Luxusgegenstand empfanden, den sie selbst sich nicht

leisten konnten, auf den sie aber um alles in der Welt nicht verzichten

wollten, und den sie darum hier, wo er so einsam unter ihnen glänzte,

mit einer gewissen Rührseligkeit betrachteten und ihn seiner Kostbarkeit

gemäß behandelten. George war ein wenig in Verlegenheit gesetzt, fühlte

sich dieser allgemeinen Nachsicht nicht recht gewachsen: wußten sie denn

alle nicht, daß er, dem sie begegneten, als habe er bisher nur in

Rosengärten gespielt, ein armes, gedrücktes Arbeitstier war, ein Sklave,

ohne Anrecht auf Heiterkeit? Er ließ gelegentlich etwas von seinen

Kenntnissen durchblicken, -- nun, konnte man das alles wissen, ohne von

Kindheit an im Joche der Gelehrsamkeit gegangen zu sein? Und wußten sie,

was das zu bedeuten hatte? O, er wollte nicht täuschen und enttäuschen,

den ganzen dunklen, ungeheuren Ernst, der sich in den letzten Jahren von

seinem Herzen aus über sein ganzes Wesen ausgebreitet hatte, bot er auf,

um sie von seiner wahren Natur zu überzeugen, aber er erreichte nichts,

als daß sie ihn scherzend bewunderten und sein Wissen und Können nur als

eine Folie zu betrachten schienen, von der seine übrige anmutige

Unbeholfenheit sich um so reizvoller abhob, -- kurz, er konnte es sich

nicht vorenthalten, daß irgendeine Wirkung von ihm ausging, für die

bisher niemand empfänglich gewesen war, deren Ursache ihm selbst

unbekannt und die vielleicht bisher überhaupt gebunden gewesen war. So

gab er denn nach und ließ sich gehen, und siehe da, es war leicht, es

war angenehm, sich gehen zu lassen; es atmete sich freier, dünkte ihn,

und so vielem Wohlwollen gegenüber kam die Tyrannis des Vaters nicht

mehr zu ihrem alten Recht. Herr Forster war verstimmt und wußte selbst

nicht warum; es war nichts auszusetzen an dem Knaben, er war, wenn

möglich, aufmerksamer auf seine Wünsche als je. Indessen, indessen, --

nun, wer wollte sich das ganz klar machen, -- da war vielleicht auf

einmal etwas wie freier Wille in dieser dienstbereiten Hingabe zu

spüren, und damit eine Art von Überlegenheit, kaum wahrzunehmen

allerdings, und nur für die gereizten Nervenstränge Herrn Forsters

bemerkbar. Herr Forster, auf dem ungeheueren Ozean in einer Gesellschaft

von Männern, die offensichtlich sich nicht im entferntesten des Glückes

bewußt waren, ihn in ihrer Mitte zu haben, Herr Forster wurde etwas

mürrisch und gelegentlich sogar sentimental, ohne damit den gewünschten

Eindruck auf George zu erzielen. Er begab sich in Gefahr, jawohl, -- an

einem windstillen, aber deshalb nicht weniger kalten Tage, als der

Nebel, der das Schiff seit Wochen einschloß, in der Mittagsstunde zum

erstenmal zurückgetreten war und die falsch und eisgrau glitzernde See

in einem Umkreis von einer Meile etwa freigab, erzwang er es sich mit

finsterer Erhabenheit, daß ein Boot für ihn herabgelassen wurde, um Jagd

auf einige Pinguine zu machen, die auf einer unfern dahingleitenden

Eisscholle ihr Wesen trieben. Cook zuckte die Achseln und George war

tief bekümmert, Herr Forster aber, ohne einen Menschen anzusehen, den

Blick schwermütig ins Leere gerichtet, deutete mit sparsam sich

öffnenden Lippen an, Pflicht sei Pflicht, und: die Wissenschaft sei

Opfer wert! stieg mit verkniffenem Gesicht die Strickleiter herab und

wurde von zwei verdrießlich dreinschauenden Matrosen mit kräftigen

Ruderschlägen auf die unbefangen erwartungsvollen Pinguine zugerudert,

worauf eine unhörbare Stimme »Vorhang fällt!« zu diktieren schien und

der Nebel sich eilig und lautlos wieder zusammenschloß, die Pinguine und

das Boot mit dem tollkühnen Herrn Forster auslöschend. Man hörte es

gleich darauf sehr schreien, konnte aber, obgleich man noch regungslos

mit den Gesichtern in der Richtung des verschwundenen Bootes dastand,

nicht feststellen, von welcher Seite der angstvolle Laut kam,

ebensowenig wie das Flintengeböller, das sodann anhob. Kapitän Cook

murmelte etwas, aus dem man mit Leichtigkeit: »^Damned old fool!^« hätte

verstehen können, nach einem Blick in Georges erblaßtes Gesicht jedoch

beeilte er sich, Maßnahmen zu treffen, die die Fahrt des Schiffes auf

die geringste Geschwindigkeit herabsetzten, und ließ auch seinerseits

alle zwei Minuten Schüsse abfeuern, während er durch das Sprachrohr die

ungeheuerlichsten Beleidigungen in den Nebel hinausschrie, -- natürlich

an die beiden Matrosen gerichtet. Nach einer halben Stunde, die den

machtlos Wartenden qualvoll lang geworden war, -- George lehnte mit dem

Rücken am Hauptmast, keines Gedankens fähig als des einen: »Lieber Gott,

errette ihn!« zugleich aber von einem bohrenden Zwang zur Selbstprüfung

gepeinigt, -- wie, ja, _wie_ wäre ihm eigentlich, wenn er nicht

wiederkäme, der Vater?! --, nach dieser halben Stunde, endlich, endlich,

schrammte das Boot an der Schiffswand entlang und Herr Forster entstieg

dem Nebel wie ein preislicher Vollmond. O, hatte man sich exaltiert? Er

seinerseits hatte keinen Augenblick an der Einsicht des Himmels

gezweifelt und -- nun, man sah es ja, hier war er, frisch und gesund. Es

hatte niemand die Stirn, des Geschreis im Nebel zu gedenken, und man

feierte den wiedergewonnen Herrn Forster mit einem Extragrog, auf den er

ja wohl freilich Anspruch hatte, seiner gefährdeten Gesundheit wegen.

Kapitän Cook war viel zu froh, ohne Menschenverlust davongekommen zu

sein, als daß er seinem Unmut weiter Luft gemacht hätte. Er begegnete

Herrn Forster mit einem gewissen starren, grimmigen Lächeln, das dieser

für eitel Wohlwollen nahm, und unter dem Einfluß des ^Spiritus liquor^

erschloß er sein Herz, legte dem Kapitän die Hand auf den Ärmel und war

außerordentlich liebenswürdig zutraulich, so daß es schwer war, ihm zu

widerstehen, und für diesen Abend wenigstens der Anschein

eines herzlichen Einvernehmens hervorgerufen wurde. Die

fürchterlich-großartige Eintönigkeit der Polarreise war indessen nicht

geeignet, einen Zustand inneren Einklanges aufrechtzuerhalten, -- zu

gewaltig waren die Anforderungen, die diese erbarmungslos starrende

Kälte an den Körper stellte, allzu fremdartig und übermenschlich die

beständige Zumutung dieser Natur an den Geist. Es schien nicht

zuträglich für das menschliche Gemüt, tagaus, tagein nur Eis zu sehen,

Eisberge, Eisinseln, Eisfelder bis zum dunstigen Horizont, wo der Himmel

weiß war vom Widerschein der kristallenen Massen, -- Massen in den

Formen unwirklicher Traumgelände, Inseln voller Türme, zackiger Säulen

und blauschimmernder Grotten, an denen die schäumenden Wellen sich

brachen, belebt von dem sonderbaren, verzauberten Volke der Albatrosse

und Mallemucken, und von blasenden Walfischen umschifft. Es schien nicht

zuträglich, in dieser ungeheueren Welt zu hausen, ohne für sie geboren

zu sein, sich mit einem empfindlichen, aber begrenzten Naturgefühl den

Eindrücken dieser fabelhaften Sonnenuntergänge ausgesetzt zu sehen, die

Saphir und Beryll ringsum mit einemmal golden und purpurn durchglühten

und ein stummes Fest eisiger Glut begingen. Mit der Zeit schien sich nur

einer als der Sache gewachsen zu erweisen, und das war der Kapitän, der

einzig Wache unter einem Volke widerwillig Schlaftrunkener, der sich

ihrer bediente, wie sich der Geist des Körpers bedient, und diese ganze

mürrische, scheeläugige Menge mit seinem Willen im Genick hielt und bis

in die äußersten Glieder mit schütternden Kraftströmen durchbebte. Sie

hatten es alle satt und fragten sich, welcher Teufel sie geritten hatte,

auf diesem verdammten Schiff bis ans Ende der Erde mitzugehen? Es gab

keine wissenschaftliche Ausbeute, es gab keine malerischen Punkte, es

gab tagaus, tagein die gleichen langweiligen Messungen und

Aufzeichnungen mit erstarrten Fingern, und es gab für die Mannschaft

verflucht harte Arbeit, ohne daß je eine Küste aus dem ewigen Milchnebel

des Horizontes auftauchen wollte. Alle Hirne waren gelähmt von der Kälte

und die Gedanken kreisten einzig um die einfachsten Bedürfnisse: Essen,

-- Schlaf, -- Wärme! Auch George erlag, unwillig und verzweifelt, aber

er erlag seinem Körper, er nahm wahr, daß der Papa eine bemerkenswerte

Gabe, sich vor der Unbill der Witterung zu schützen, an den Tag legte,

und er ahmte ihm nach, er ging eingewickelt bis zur Nasenspitze umher,

er machte Gebrauch von den Wolljacken, Pelzwesten und Decken, die der

Alte sich listig aus den Mannschaftsräumen zu verschaffen wußte, und

baute sich, ebenfalls nach väterlichem Vorbild, in seiner Koje eine

gepolsterte Höhle aus Federkissen und Decken, in die er sich verkroch,

wenn keine Mahlzeit mit den daran anschließenden Spaziergängen auf Deck

sein Erscheinen an der Öffentlichkeit erforderte. Sinnreiche

Vorrichtungen zwangen Bücher und Schreibgeräte, auch bei bewegtem

Seegang neben diesen Höhlen auszuhalten, und ebenso war eine Flasche bei

der Hand, -- zur inneren Erwärmung, der auch das heiße Pfeifenrohr

diente, das beständig aus dem Bettengebirge des Vaters herausqualmte und

das zugleich mit den Grunz- und Räusperlauten der von Rum und Tabak

mitgenommenen Kehle, mit gesättigtem Gestöhn zur Verdauungszeit oder

ärgerlichem Gemurr bei schlecht arbeitendem Stoffwechsel und anderen

Tönen tierischer Natur, -- entspringend dem ^Corpus materiale^, dem

elementarischen Leibe des Paracelsus! -- Zeugnis ablegte von dem auch

unter unbehaglichen Umständen ungebrochenen Fortbestehen seines

kostbaren Aufbaus. Kein Zweifel, daß der Vater es verstand, sich auch

unter diesen Verhältnissen sehr wohl zu fühlen, ja, daß die

zigeunerhafte Ungebundenheit des Reisezustandes einem Zug seines Wesens

entsprach, jenem Zug eben, für den George so empfindlich geworden war,

seit er den Unterschied im Klang einer straff gespannten Saite, wie sie

Mr. Dalrymple und Kapitän Cook für ihn darstellten, mit dem einer

schlaffen vergleichen konnte und die inbrünstige Begierde kannte, selbst

seine Pfeile von schwirrender Sehne mit reinem, starkem Ton zu

versenden. Jedoch, -- wie hart, wie bitter schwer war dies, wie

unmöglich schien es durchzuführen ohne die Gunst eines gemäßigten

Himmels über sich, ohne eine Schreibtischecke mit gut geordnetem

Arbeitsgerät und dem unmerklichen wohltätigen Einfluß, den ein

regelmäßig geleiteter Haushalt, weiterhin eine rastlos arbeitende Stadt

und ein gelassen tätiges Staatswesen mit seinen großen, ruhigen

Pulsschlägen auf den geistig Strebenden ausüben? Wie tief mußte einem

das alles ins Geblüt gedrungen sein, ehe es als Halt zu entbehren war,

ehe der Rhythmus des metallenen Pendelschlages der Pflicht im Leben des

einzelnen selbsttätig und alleinherrschend geworden war, wie etwa in

Kapitän Cook! Dieser Mann war stark genug, um hier, abertausend Meilen

von Europa entfernt, inmitten einer ungeheueren Welt übermenschlicher,

meerwälzender Gesetze, zwischen denen die hirnentstammte Moral hohnvoll

zermalmt und vernichtet zu werden schien, neben denen es, -- nun ja, --

lächerlich, unnütz erschien, sich aufstraffen, als mehr bestehen zu

wollen, denn als Wassertropfen im Wüstenstaube, -- dieser Mann, Kapitän

Cook, der Erforscher von Neufundland und der Besieger der Franzosen am

Amazonenstrom, er _war_ es imstande, _hier_ England darzustellen und

aufzutrumpfen, nicht mit der Faust auf dem Tisch, nein, gelassen,

stahlnervig, mit einem verächtlichen Zug zwischen Nasenflügeln und

Mundwinkeln, der Kälte mit etwas begegnend, das mehr als Kälte war, mit

schneidender Sachlichkeit, mit einem Körper, der es längst gewohnt war,

in seinen natürlichen Äußerungen nicht bemerkt zu werden, der sich ganz

und gar auf seine Pflicht zu beschränken hatte, dem Geist ein

geschmeidiges Werkzeug zu sein, einem Geist übrigens, der sich seiner

selbst kaum bewußt und mit diesem seinem soldatisch straffen und

spannkräftigen Körper zu einer kostbaren Einheit verschmolzen war, eins

wertlos ohne das andere, wie Roß und Reiter. Wer unmittelbar unter

seiner Befehlsgewalt stand, war nur ein Glied von ihm, konnte sich

seinem Willen nicht entziehen, arbeitete, vielleicht mit meuterndem

Unterbewußtsein, aber _arbeitete_, rastlos, pünktlich, mit verbissener

Genauigkeit, ob auch die Haut der Handflächen am Tauwerk hängen blieb

oder das Gesicht nur noch eine starre, gefühllose Maske schien. Wer

nicht von ihm abhing, wie Patton, der Wundarzt, Wales, der Astronom,

oder Sparrmann, der Schwede, nun, der fühlte wenigstens etwas wie einen

unwiderstehlichen Zwang zur Selbstzucht von ihm ausgehen und wahrte den

Anschein männlichen Gleichmuts, blieb gesellig, heiter, in irgendeiner

Weise tätig, sei es auch nur beim schweigsamen Pikettspiel oder in

endlosen Diskussionen über die Artung des Sonnenballs etwa, ein Thema,

das Sparrmann durch die abenteuerlichsten Hypothesen schmackhaft für die

Streitsucht des Pedanten Wales zu erhalten wußte. Selbst Hodges, der

Maler, der den ganzen Tag zitterte wie ein geschorenes Lamm, er hielt

sich aufrecht und zeichnete mit klammen Fingern Skizzen, wobei er

Antarktis zu einem zweiten Arkadien umschuf, in dem freundlich hüpfende

Pinguine eine Schäferrolle spielten. Einzig Herr Forster, -- George

erlebte es täglich neu mit einem nagenden Gefühl der Beschämung, --

einzig der Vater entzog sich diesem Einfluß, ja, er schien ihn nicht

einmal zu empfinden, so daß von einem bewußten Entziehen nicht die Rede

sein konnte. Unbefangen sprach er die Erwartung aus, man werde ihm die

Mahlzeiten in seiner Kajüte anrichten, falls »die Witterung einmal das

Aufstehn unmöglich mache«, und da Cook hierfür nur ein eisiges »^No,

Sir!^« gehabt hatte und durchaus keine Aufmerksamkeit für Forsters

schmollende Unterlippe oder die über den Tisch erfolgende vernehmliche

Befragung Mr. Pattons nach den Anzeichen des Skorbuts, -- denn er,

Forster, war drauf und dran, den Skorbut zu bekommen bei dieser

Lebensweise, hatte ihn schon im Blut vermutlich, war doch selbst

Mediziner genug, um zu sehen ... Bedurfte also der Schonung, der

besonderen Ernährung, he, nicht wahr? »Sehen Sie nur, Doktor!« und

vorgebeugt entblößte er, bedenklich abwärts gerollten Auges, sein

tadelloses bläulich-rotes Zahnfleisch, mit dem Zeigefinger vorsichtig

einen stattlichen Eckzahn berührend, der augenscheinlich ein wenig

wackelte, -- worauf Kapitän Cook unbeweglichen Gesichtes die Tafel

aufhob, -- da also in keiner Weise Rücksicht auf seine Wünsche genommen

wurde, so erschien Forster von da an, solange das Schiff zwischen

Eisschollen abenteuerte, zwar regelmäßig, aber wie die Verkörperung

verletzter Würde bei Tisch, von höflicher Milde zwar, aber -- ein

Dulder, ein Dulder! George kam und verschwand in seinem Gefolge wie ein

trauriger Schatten, einer Hörigkeit jetzt wieder ganz und gar

schmerzlich bewußt, die es ihm verbot, blank, straff, dem Kapitän

ebenbürtig zu sein, und dabei nicht minder von der noch tiefer

beschämenden, nur halb eingestandenen Erkenntnis durchdrungen, daß

sein Körper, -- ach, es war doch immer noch ein armseliger,

widerstandsunfähiger Körper, die Frische der ersten Reisemonate war

erstaunlich schnell aufgebraucht worden, -- daß sein Körper dankbar war,

sich _nicht_ stramm halten zu müssen, und daß er es nicht unbehaglich

empfand, die Tage wie ein Höhlentier, hindämmernd, lesend oder schlafend

zu verbringen, solange der Himmel so erbarmungslos war. Zudem nagte an

ihm wirklich der Skorbut, wie an einem Teil der Mannschaft, -- seine

Beine waren angeschwollen, er war beständig von einer niederziehenden

Schläfrigkeit befangen und sah aus trüben, dunkel umrandeten Augen um

sich. »Lady George?« Nein, es wurde nicht mehr gesagt, -- es wurde nicht

mehr mit ihm gescherzt, er war jetzt einer unter ihnen wie sie alle,

kaum, daß der Kapitän je einen besonderen Gruß für ihn hatte. Nichts war

natürlicher bei der allgemeinen geistigen Erschöpfung. Ihm jedoch schien

es, als sei er wohlverdienter Nichtbeachtung anheimgefallen, -- jawohl,

sie hatten nun eingesehen, daß er nicht der heitere Sonnenknabe war, für

den sie ihn gehalten, daß er, -- nun eben, langweilig und staubig und

ein wenig nichtswürdig sei. Nichtswürdig, gewiß, -- aber auch traurig,

sehr traurig! --

Als sie sich alle mehr oder weniger mit diesem trostlosen Zustand

abgefunden hatten, als sie gerade im Begriff waren, sich einem Dasein

schneeblinder Gedankenlosigkeit anzupassen, als ihnen, wie Patton

behauptete, eine undurchlässige Fettschicht gewachsen war und sie Tran

abzusondern begannen, -- als sie gleichgültig gegen die Kälte wurden und

den Schmutz nicht mehr empfanden, -- gut, -- als sie anfingen sich wohl

zu fühlen, nichts mehr dagegen hatten, mochten sie denn am Skorbut

verrecken, warum auch nicht, -- und in der Tat, unten im

Mannschaftslogis lagen bereits zwei arme Kerle und verfaulten bei

lebendigem Leibe, -- da plötzlich, -- in diesem Augenblick dumpfer

Ergebung erlebten sie es, daß Gott gnädig war, -- ja, Gott war gnädig,

oder war es eigentlich Kapitän Cook? Er rief sie zusammen, und nach

einer stundenlangen angespannten Beratung, in der jedes Für und Wider

der Möglichkeit, Land zu entdecken, peinlich erörtert wurde, --

Erörterungen, bei denen Cook sich allerdings von einer ganz

überheblichen Versessenheit auf die Richtigkeit seiner Privatmutmaßungen

erwies, -- beschloß man mit freudiger Einhelligkeit, für dieses Mal von

der Sache abzulassen und den Kurs nordöstlich zu nehmen! Und das Meer

öffnete sich, die Eisinseln blieben dahinten und die Pinguine

verschwanden böse kroaxend im Nebel ... wozu aber von den einzelnen

Graden der Entzückung reden? Genüge es doch: man _war_ entzückt, man

lebte auf, man schmolz dahin. Am 17. März hörte George einen jungen,

irischen Matrosen bei der Arbeit singen, -- er verstand kein Wort, aber

er fühlte etwas seine Kehle beengen und ließ zwei Tränen über Bord

fallen, von denen er meinte, sie müßten heiß genug gewesen sein, um die

letzten schmutzigen Schollen zum Vergehen zu bringen. Ward auch die

Hoffnung auf eine Landung in Vandiemensland durch widrige Winde zunichte

gemacht, -- an einem Morgen brach der Horizont doch auseinander und

»Land! Land!« hieß es, -- ja, »Land! Land!« wie in alten

Seefahrergeschichten, und es fiel nicht auf, daß Herr Forster Mr. Hodges

in die Arme schloß, denn sie waren alle sehr glücklich.

* * * * *

Die Männer, die da am 26. März 1773 vor Neuseeland Anker warfen, sie

kamen aus Europa, -- dem gelehrten Europa des 18. Jahrhunderts, --

verstehen wir es ganz, -- aus einem gemäßigten Klima, nicht nur im

geographischen Sinn. Sie waren über das erste dumpfe, jubelnde Erstaunen

des entdeckenden Menschen hinaus, hatten gelernt, Eindrücke zu

beherrschen, einzuordnen, waren kaltblütig, gelassen, Diener einer

jungfräulichen Wissenschaft, die imstande schien, mit lichtem Speer alle

Nebel blöder Ignoranz und schnöden Aberglaubens zu zerteilen, einer

Göttin überdies, in deren Umgang man vor Rückfällen ins Barbarentum

gefeit war. Trockene, durchsichtige Helle, Kühle und Klarheit des

vollendeten Frühlings, ein frostiger, nordischer Maitag von kristallener

Bläue und unsagbarer, schneeiger Keuschheit des Blühens, -- dies war die

Atmosphäre ihrer Geister, der ein gewisses, ungewolltes ^Nil admirari^

entsprach. Nein, sie waren nicht gewärtig erstaunlicher Dinge, was immer

sich ihren Augen auch bieten sollte. Sie würden diese neue Welt und ihr

ganzes strotzendes, verwirrendes Leben mit ungetrübten Blicken aufnehmen

und einordnen, in Systeme einfügen oder für Unvorhergesehenes neue

Systeme schaffen. Gerüstet, alles mit dem Verstande, diesem blanken,

geschmeidigen Instrument, zu bewältigen, gab es im Grunde nichts

Unvorhergesehenes für sie. Dennoch wurden sie überwältigt, -- dennoch,

-- ja, wer hätte es vermutet?

Cook jedenfalls war nicht ahnungslos von dem, was der Besucher harrte,

die zum erstenmal in die Südsee einfuhren, als die Felsenufer von

Neuseeland hinter ihnen versanken und sie Anfang Juli durch einen

furchtbar festlichen Tanz turmhoher, wandernder Wasserhosen den Kurs

weiter nordöstlich nahmen. George, mit einer feinen Witterung für die

Stimmungen des Gewaltigen begabt, merkte ihm etwas an, -- es war kaum

der Rede wert, ein verschmitzter Zug um den Mund herum, das Zukneifen

eines Auges, nur so ein Zucken im unteren Lid, aber genügend, um auf

diesem gesammelten Gesicht wie ein Lächeln zu wirken, -- dies alles beim

Zusammensein während des Essens oder bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn

der eine oder der andere Äußerungen eines rätselhaften Behagens tat, das

ihn urplötzlich überkommen hatte, -- o, durchaus nicht einzig als Folge

des erholsamen Aufenthaltes auf dem Eiland der Winde und Wasserfälle, in

dessen feuchten Urwäldern voller Schlinggewächse und Farnkräuter man

sich nach Herzenslust die Beine vertreten hatte, umrauscht von dem

stehenden Gesang der Sturzbäche und unzähliger Drosseln, -- nicht allein

neu belebt durch die veränderte Nahrung aus wildem, grünem Gemüse und

frischen Fischen und Wasservögeln, von denen die Buchten gewimmelt

hatten, -- durch die Abwechslung köstlich erregender Jagdausflüge und

ergiebiger Forscherfahrten. Nein, es war noch ein anderes, etwas, das

erwachte, unter dem beständigen zärtlichen Fächeln des Südostpassats,

vielleicht auch nur eine gewisse Einschläferung unter demselben warmen,

holden Blasen, das mit süßem Harfensang im Takelwerk sauste. Hodges

redete viel vom Mittelmeer, vom Golf von Neapel, und verlor sich in

Träumereien über das ewige Rom, denen niemand recht zuhörte, denn jeder

war in seiner Art geschwätzig geworden und der Mannschaft hatte sich

eine geschäftige Aufregung bemächtigt, die sie ganz ohne Branntwein in

bester Stimmung erhielt, -- waren doch einige unter ihnen, die schon

Cooks erste Expedition mitgemacht hatten und die wußten, was sich von

O'Tahiti erwarten ließ, -- nun, und die nicht darüber geschwiegen

hatten. Der irische Leichtmatrose, -- er hieß Larry, -- sang und pfiff

den ganzen Tag und immer diese »^Rakes of Mallow^«; George, bei dem

sonst keine Melodie haften bleiben wollte, ertappte sich, wie er eines

Tages etwas Ähnliches vor sich hinbrummte und Larry, der in seiner Nähe

Loggleinen aufrollte, grinste ihn wohlwollend an, indem er seine blanken

breiten Zähne zeigte. Die Sache war die, daß zwischen George und Larry

ein unbeschworenes Bündnis bestand, eine Art Anlächelverhältnis auf

Gegenseitigkeit, ein stummes Einverständnis, begründet von Larrys Seite

auf grenzenloser Bewunderung von Georges gelehrten Beschäftigungen des

Schreibens und Lesens und seitens Georges auf der Erfahrung von Larrys

eisernen Muskeln, die er auf einem Ausflug auf Neuseeland kennengelernt

hatte, als er sich den Fuß verstaucht und der brave Bursche außer

allerhand Gerät, Proviant und der gesamten Jagdbeute ihn selbst

stundenlang nahezu geschleppt hatte. Seitdem fühlte er hier ein

körperliches Vertrauen, eine uneingestandene heiße Dankbarkeit, -- ja,

Larry hatte für ihn gesorgt, hatte Geduld mit ihm gehabt, als die

anderen alle vorausgingen und niemand sich um ihn kümmerte (»Nimm dich

ein wenig zusammen!« hatte der Vater gesagt), als es in dem fremden Wald

so entsetzlich naß, dampfig und unheimlich gewesen war. Nun und weiter,

-- Larry am Lagerfeuer, das er mit erstaunlicher Geschicklichkeit an den

feuchtesten Tagen anzufachen verstand, unermüdlich in die Glut blasend

und mit geröteten, rauchgebeizten Augen vergnügt blinzelnd, -- Larry,

eine vorzügliche Löffelgans schmunzelnd am selbstgeschnitzten Spieß

drehend, -- Larry, des Nachts unter dem notdürftig schützenden Zeltdach

geruhig schlummernd wie in der Mutter Schoß, während George, unmäßig

erregt durch diese lebendige, bewegte Finsternis, kühl durchschauert vom

Nachtwind, namenlos bedrückt durch das unaufhörliche Rauschen der

Gewässer, keinen Schlaf fand, ehe er sich nicht nah an den anderen

gedrängt und den Kopf an Larrys Schulter gebettet hatte, oder auf Larrys

Bein, gleichviel, dieser merkte ja nichts und atmete so stark und

tröstlich, war so beruhigend durchwärmt wie ein großer, zottiger Hund

...

So war Larry. Er hatte keine Auffassung für empfindsame

Sonnenuntergänge, vermutlich. Aber als an jenem Abend Hodges an der

Schulter von Mr. Forster schluchzte und stammelnd mit der Rechten nach

Westen wies, während Mr. Forster gewaltig dastand, breitbeinig und die

Arme verschränkt, die Glut des Himmels in unbeweglichen blanken

Augäpfeln spiegelnd, -- als George verwirrt lächelnd unwillkürlich die

Hand auf seine Brust legte, in der das Herz zu steigen begann wie im

Rhythmus großer Gesänge, -- mein Gott, wie ward ihm nur diesem

aufgerissenen Himmel gegenüber, aus dem Purpur und Safran quoll und in

den das Meer feierlich einströmte, das Schiff erklingend mit sich

ziehend, -- und da löste sich von der Topmastspitze ein schimmernder

Vogel und strich ihnen mit hartem Sehnsuchtsschrei vorauf, die glatte,

spiegelnde Dünung fast streifend, langschwänzig, edelsteinglühend, --

^well^, da pfiff auch Larry anerkennend durch die Zähne. --

Am nächsten Morgen lag O'Tahiti vor ihnen, ein waldiger Inselberg,

gekrönt von schaumigem Rosengewölk, einen sanften Strand voll winkender

Palmen ins Meer sendend. Das Abenteuer der Inseln nahm seinen Anfang. --

Immerhin, man lieferte sich ihm nicht aus, -- immerhin, man bewahrte

Haltung. Man blieb dessen eingedenk, blieb es ganz unwillkürlich, daß

man einen Leibrock trug, eine Schoßweste und tuchene Hosen, lange

Strümpfe und Schnallenschuhe, und zu allerunterst ein Hemde, kurzum, daß

man bekleidet war, daß man das Haar in strammer Tracht gebändigt hielt,

daß man es gewohnt war, auf Stühlen zu sitzen, sich beim Essen der

Teller und der Bestecke zu bedienen, -- daß man eine christliche Moral

und eine menschliche Gesittung hatte, die einen instand setzten, diese

Wilden zu bemitleiden und zu belächeln, -- daß -- kurzum, kurzum, -- man

sein Europäertum besaß, diesen Schatz und Schutz, und es nicht nötig

hatte, hier mehr zu sehen als etwa menschenähnliche Tiere von

bemerkenswerter Geschicklichkeit. Aber da war eine Versuchung in ihnen

allen, in der Knospe mitgebracht aus eben diesem wundervollen Europa und

unterwegs erblüht und gereift, eine Versuchung, dies alles übellaunig zu

verachten, zu verachten, weiß Gott, dies, daß man auf Stühlen saß und

mit Gabeln aß, ein Jabot trug und es vermied, laut aufzustoßen. Sie

hatten irgendwelche Bücher gelesen, -- Cook nicht, der natürlich nicht,

aber doch Hodges, der Maler, Wales, der ein Schöngeist war, soweit die

Betrachtung des Universums ihm Zeit dazu ließ, Forster,

selbstverständlich, und sogar George, -- Bücher eines Franzosen, jenes

Jean Jacques Rousseau, aus denen ein Niederschlag von Schwermut in ihren

Adern lag, der nicht wohl fortzuschwemmen war, einer Schwermut, die

ihnen den Blick geklärt hatte für die Windigkeit dieser ganzen

sogenannten Zivilisation, und aus der sie ein Recht schöpften,

sympathisch über die einfachen Zustände dieser Völker zu philosophieren,

-- ja, sie zu beneiden. Dies zugestanden: trotzdem bewahrte man

selbstverständlich Haltung und hatte vielleicht eine Hemmung mehr, sich

jener sanften Gehirne und verlockenden Körper allzu unbedenklich zu

bedienen, hatte eine gewisse wehmütige Achtung vor ihnen, empfand einen

Abstand, als von Brüdern, die am Sündenfall nicht teilgehabt hatten ...

Wie sie da an Bord gekommen waren, täppisch-zutraulich, gleich arglosen

jungen Tieren, nackt bis auf das Lendentuch, mit dem bezaubernden Spiel

der geschmeidigen Muskeln unter der mahagonibraunen mattglänzenden Haut,

Augen und Nüstern in ständiger witternder Bewegung! »Tayo!« sagten sie

lieblich und grinsten ganz unwiderstehlich, »Willkommen!« und sie

bewegten einen Pisangschoß als grünen Friedenswimpel. Es war nahezu

empörend, daß der Kapitän angesichts von so viel harmlosem Vertrauen

kalten Blutes den Befehl ausgab, Gewehre mit scharfer Ladung bereit zu

halten! Indessen erlebte es sich, daß, während Herr Forster zum Beispiel

eben mit einem treuherzigen Burschen um ein paar Kokosnüsse handelte und

ihm eine Schnur bunter Glasperlen verlockend vor der Nase tanzen ließ,

daß ein anderer, ein ebenso treuherziger Bursche, gleichzeitig daran

ging, ihm von hinten die blanken Knöpfe über den Rockschößen behutsam

abzusägen, vermittelst eines ganz kleinen, ganz scharfen Messerchens aus

Feuerstein! O gewiß, er hatte dem königlichen Fremden nicht weh tun

wollen, der königliche Fremde hatte es ja gar nicht merken sollen,

gleich ihnen selbst unbewußt gereiften köstlichen kleinen Früchten

hatten sie geerntet werden sollen, diese vortrefflichen blanken

Korallchen von dem Rücken des Fremden ... Jedoch nun gab es ein zorniges

Gebrüll und Herumfahren und etwas wie die Gebärde einer Ohrfeige ins

Leere hinein, wobei die Glasperlen herumgeschleudert wurden und

sonderbar schnell verschwanden, und der Ertrag dieses Erlebnisses

bestand für Herrn Forster in dem Entschluß, nicht mehr ohne sein

Meerrohr in der Hand mit diesem Volk zu verkehren, das, nun freilich,

ganze Bootslasten voll köstlicher Früchte an Bord gebracht hatte,

darunter eine safttriefende Apfelart von ananasähnlichem Geschmack, --

das aber der Ansicht schien, alles bewegliche Gut stünde zu

allgemeinster Besitzergreifung frei, und daß das meiste auch wert sei,

mitgenommen zu werden. Als der Kapitän nach Sonnenuntergang einige

blinde Schüsse abfeuern ließ und damit das Verdeck in kürzester Frist

von den anhänglichen Gästen gesäubert hatte, da hatten auch die

gefühlvollsten Herzen nichts mehr gegen diese Maßregel einzuwenden.

George sah ihnen nach, wie sie in den schnellen flachen Booten zwischen

den Riffen hindurchkreuzten, lärmend und glückselig ihrem Eiland

zufahrend, das geheimnisvoll dunkelnd unter dem türkisblauen, grün und

golden getönten Himmel lag. Düfte wehten von dort herüber, und eine

wunderliche Sehnsucht, an Land zu gehen, durchströmte ihn magnetisch, so

daß er die Arme auseinanderwarf und sich reckte und schüttelte, nur um

diesen bezaubernden körperlichen Drang zugleich zu genießen und sich

seiner zu entledigen. Indessen war ein gewaltiges Treiben an Bord, um

die Spuren des Besuches zu vertilgen, ganze Haufen von goldenen Äpfeln

und Bananen wurden zusammengefegt, und den bloßbeinigen Kerlen lief der

Saft vom Munde, während doch allgemeine zornige Erregung darüber

herrschte, daß die Bande kein Fleisch, kein Schweinefleisch mitgebracht

hatte. Denn nach frischem Fleisch waren sie lüstern wie die Raubtiere

geworden, ihre Zähne juckten danach, und was hatte ihnen Billy, der

Koch, so viel von den Tahitianer Schweinchen erzählen müssen, die so

zarten rosigen Speck hätten und deren Schinken auf der Zunge

zerschmölzen wie junge Grasbutter und schmeckten, -- nun, etwa nach

Haselnuß. Es erübrigt sich, der Vergleiche zu gedenken, die Billy von

hier aus zu der weiblichen Jugend von Tahiti gezogen hatte, -- kurz und

gut, Jan Maat war alles andre als beseligt von dem bloßen Anblick der

Insel, als zufrieden mit frischem Obst, von dem man Koliken bekam, --

was denn sonst? Er stierte gefährlich landeinwärts, er murrte, -- die

ganze Nacht über war das Volkslogis unruhig wie ein Bienenstock vor dem

Schwärmen und Cook, der die zweite Wache selbst übernommen hatte, kniff

die Lippen schmäler zusammen als je. Jedoch geschah es, daß George, als

er mitten in der Nacht von seiner seltsam seligen Unruhe geweckt, wach

lag, ihn flöten hörte, -- es hätte vielleicht niemand außer ihm

vermutet, daß dies Captain Cooks Odem sei, der da unter den dunstig

verschleierten Sternen der Südsee so süß und glasklar sang, wie daheim

eine Grasmücke im Gesträuch, -- aber er kannte es, er hatte es zuweilen,

-- abgerissen, -- gehört, als eine Lebensäußerung des Gestrengen, die

niemand zu beachten pflegte, -- und jetzt lag er, hingegeben an die

großen stillen Bewegungen des Schiffes, das sanft am Anker zerrte, lag

und spürte etwas Fremdes, Beglückendes in der Luft, meinte ein Rauschen

zu vernehmen, nicht von Wogen, sondern von vollen Baumwipfeln im

Morgenwind, durchrieselt von diesem in sich selbst gekehrten Getön, --

lag und lächelte ins Dunkel und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen

erlangte man auch Schweinchen, soviel das Herz nur begehren konnte,

erlangte sie von König Aheatua, der die Fremden, im Kreise seiner fetten

Vasallen sitzend, mit furchtsamen Blicken empfing. Er trug einen

blendend weißen Schurz, sonst war er nackt und rührend in irgendetwas,

durch eine sanfte Schönheit, vielleicht dadurch, daß seine Haut heller

war, als die seiner Untertanen, daß sein langes Haar nicht gekräuselt,

sondern schlicht und lichtbraun war, an den Spitzen bernsteinfarben, --

ja, er rührte ungemein, und wahrscheinlich, weil er sich so

offensichtlich fürchtete, nicht nur vor den Europäern mit ihren

schwarzen Lederfüßen und dicken Tuchröcken, mit ihren rötlichen

Gesichtern und harten hellen Augen, -- nein, er fürchtete sich

entschieden auch vor den nackten fetten braunen Männern seiner Umgebung,

die doch so demütig waren, und die Schultern in seiner Gegenwart

entblößten ... König Aheatua war sehr jung, fast ein Knabe noch. Es

gelang Cook, ihn zu veranlassen, von seinem Throne zu steigen und die

Fremden an einen Ort zu begleiten, von wo aus er die »Resolution« liegen

sehen konnte. Dies versetzte ihn augenblicks in eine ausgesprochen

sprühende Laune, die sich durch eine unnachahmliche Albernheit kundgab.

Sie wurde durch das Geschenk einer kleinen Axt ins Groteske gesteigert

und Seine Majestät gaben sich nun mit dem Ausdruck eines zufriedenen

Kaninchens der Beschäftigung hin, Gestrüpp in kleine Stücke zu

zerhacken, wobei ihm seine Umgebung ernsthaft, neugierig und ersichtlich

nicht ganz neidlos zur Seite stand. Dann begann ein schottischer Matrose

auf Cooks Befehl den Dudelsack zu spielen; König Aheatua horchte

entzückt auf, sicherte die Axt, indem er sich darauf setzte, sehr zum

Mißvergnügen seines ersten Ministers Tuahau, der vergeblich versuchte,

den begehrten Gegenstand unter der königlichen Basis hervorzuzupfen (--

er wurde angefaucht und bekam einen Tatzenhieb über die Finger --), und

lauschte hingerissen, die Augen schließend und den Oberkörper hin- und

herwiegend. Der Dr. Sparrmann fühlte sich bewogen, einen nachdenklichen

Vergleich zwischen diesem Monarchen und dem unter so düsteren Umständen

verstorbenen Gemahl der großen Katharina, dem Großfürsten Peter, zu

ziehen, -- hatte jener nicht ähnliche Liebhabereien gehabt und einem

Knaben mehr geglichen als einem Mann? Dies gab den Anlaß zu einem

äußerst angeregten Disput darüber, was einem Barbarenfürsten _noch_

erlaubt sei und einem europäischen Herrscher _nicht mehr_, -- und somit

war die ganze Gesellschaft von dem Ergebnis dieses Audienzmorgens sehr

befriedigt, Cook von seinem diplomatischen Erfolg, denn er hatte nun für

sich und die Besatzung die Erlaubnis freier Bewegung auf der ganzen

Insel, -- die Herren Gelehrten von ihren höchst geistreich zugespitzten

Beobachtungen und die Matrosen, -- nun, ohne Zweifel von der Aussicht

auf Schweinebraten. Zudem war man hinter das Geheimnis gekommen, weshalb

ihnen gestern die Schweine verweigert worden waren und wer jener

rätselhafte Peppe sei, von dem die Eingeborenen gefabelt hatten: ja,

_Peppe_ hatte es dem Könige verboten, Schweine zu verschenken, und Peppe

war sehr mächtig, hatte ein ebenso großes, ein ebenso wildes Schiff wie

Captain Cook, -- nur, er hatte es eben einmal fortgeschickt, dies

Schiff, und ... Nun, es stellte sich heute heraus: Peppe war ein

zottiges, tierisches Geschöpf, das demütig herbeikroch, als es die

Fremden so wohl empfangen sah, Peppe war im Kerne seines Schmutzes ein

ehemaliger spanischer Matrose, von irgendeiner Expedition auf der Insel

zurückgelassen, vielleicht von der Mannschaft des Gros Ventre, der vor

Jahresfrist in diesen Gewässern sein Wesen gehabt hatte. Er selbst

schien nicht imstande, Auskunft über sich zu erteilen, war aber

außerordentlich bereit, den Fremdenführer für die Matrosen zu machen,

und etliche vertrauten sich ihm an, seine Erfahrung witternd. Georges

Blick folgte ihnen nachdenklich: da ging auch Larry hin, nachdem er eine

Weile gezaudert hatte, -- hin ging er mit zur Schau getragener

Gleichgültigkeit im Schlenderschritt, die Hände in den Gurt geschoben,

auf den Lippen die ewigen »^Rakes of Mallow^«, und sandte noch einen

schiefen Blick zurück zu George, indem er das rechte Auge zukniff.

Hierauf warf er plötzlich den Kopf auf, legte die Ellbogen an und setzte

sich in einen wilden Trab, um die Kameraden einzuholen, seine starken

nackten Beine flogen auf und nieder, und jetzt machte er einen

Luftsprung und schlug den langen Ben auf die Schulter. Da ging er also

hin, -- und George brauchte sich keinen Grübeleien darüber hinzugeben,

wohin, er war ganz unterrichtet, denn diese Dinge waren oft genug

berührt worden: sie gingen zu Mädchen, Tänzerinnen etwa, um sich zu

belustigen. Dies, -- so hatte George aus den Gesprächen der Herren

entnommen, -- war nicht mehr als ihr gutes Recht und also gar nicht

verwunderlich. Die Frage war nur, ob es auch ihn, George, belustigen

könnte, Larry zu begleiten, und in der Unlösbarkeit dieser Frage lag

eine leise Beunruhigung, etwas wie ein Grund zur Traurigkeit.

Schließlich, -- er gehörte nicht zu Larry, sondern zum Vater und den

übrigen Herren, -- und diese, -- dachten sie auch wohl im entferntesten

daran, zu gehen, um sich zu belustigen? Besprachen sie nicht

wissenschaftliche Fragen, waren so angeregt wie nur je, übertrumpften

sich mit Schlagworten, waren witzig, lärmend, ausgelassen, strotzend von

Geist? Und George ging langsam hinterher, den Blick von Wundern

überfüllt, geblendet von Blatt- und Blumenformen, wie sie

leidenschaftlich üppig ausgeprägt, aufgetan und von Frucht und Samen

überquellend waren, von den Farben der Blüten, des Himmels, des Meeres

und der Wälder, dem innersten Blute der Erde unter dünner bebender Decke

scheinend. Er ging dahin, diese ganze Welt stand um ihn in der nackten

ruhigen Majestät ihrer unablässigen Fruchtbarkeit und zog ihr heißes

Licht zusammen in der Gestalt eines jungen Weibes, das im Schatten eines

ungeheueren Brotfruchtbaumes vor ihrer Hütte saß und an einer Matte

flocht, die schlanken Beine gekreuzt, die feuchten Tieraugen zwischen

den feuerroten Blumen an ihren Schläfen lächelnd zu den Fremden

aufgeschlagen, -- er ging hindurch, mit bebenden Knieen, beklommen

glücklich, aber verwirrt und in sich selbst vergeblich nach einem

Maßstab suchend, nach einer Möglichkeit, sich diesem allen anzupassen

... Anders Herr Forster. Er war lärmend glücklich. Alle paar Schritte

blieb er stehen, breitete die Arme aus und sang die Landschaft an in

haltlosen Deklamationen, die sein Busen nicht länger bemeistern konnte.

Dies hier, dies war die Luft, in der es sich atmen ließ! Hier Mensch zu

sein, wie unbeschreiblich selig! Und er machte ergriffen halt vor einer

Gruppe, die ebenfalls vor einer stattlichen Hütte am Boden saß, und als

Mittelpunkt einen großen Mann hatte, der wie eine sanfte Hügellandschaft

gediegener Fleischmassen voller Fetthöcker, Wülste und Grübchen auf

einer Matte lagerte, das schwerwuchtende Haupt sinnreich gestützt und

schläfrig in das Blätterdach der Pisangs blinzelnd, während eine

größtenteils weibliche Dienerschaft emsig damit beschäftigt war, ihm mit

Palmwedeln die tanzenden Insekten abzuwehren und ihm Kühlung

zuzufächeln, ihm die Fußsohlen zu kratzen und ihm Nahrung in sein

breites Maul zu schieben, an der er lange und träge kaute, bisweilen

auch in dieser Beschäftigung minutenlang innehaltend. Die Fremden

beachtete er mit keinem Blick, jedoch wurden ihm auf einen Wink seines

Zeigefingers alsbald einige frische Blumen in sein filziges Haar

geschoben und er bettete seine schwammigen Hände, an denen ungemein

lange gebogene Nägel glänzten, wie ein Adelsschild recht sichtbar auf

seinen Magen. Lange Nägel, bemerkte Cook im Weitergehen, gälten hier als

ein Ausweis der Vornehmheit und des Reichtums, die Hand, die sich mit

langen Nägeln schmückt, besitzt Hände, die für sie arbeiten ... Ein

neuer Anlaß, die bedeutendsten Vergleiche zwischen heimischen und

hiesigen Verhältnissen zu ziehen, ein Gespräch, an dem Herr Forster sich

lebhaftest beteiligte, das Meerrohr auf dem Rücken haltend und Europens

Vergeistigung preisend. Indessen, plötzlich brach es aus ihm hervor, er

legte die Hand auf seine Mitte, sah begeistert um sich und rief nicht

ohne Treuherzigkeit aus: »Meine Freunde, -- etwas, -- etwas hat es doch

für sich!« Setzte aber gleich darauf abschwächend mit leichter

Beschämung hinzu: »Gewinnt der Geist nicht, wenn einem die Nahrung so

gleichsam ins Maul wächst?« Eine Frage, die nur der sanftmütige Hodges

mit schwimmenden Augen rückhaltlos bejahte. --

»Sieh, mein Sohn, dies ist's, was mir lebenslänglich gefehlt hat!«

bekannte Herr Forster George einen Abend später, als sie in der

Matavi-Bucht Groß-Tahiti gegenüber vor Anker lagen, von einem

unüberwindlichen Drang nach Mitteilung übermocht. Die Nacht war unfaßbar

schön, bläulich vom Mondlicht, in dem der starke Silberschein der Sterne

matt ward. Eine Perlenschnur kleiner roter Feuer glimmte im Halbkreis am

Strande um die Bucht herum und von dort her kam Freudengetön,

fremdartig, schrill und eintönig, und wiederum heimatlich vertraut, vom

Dudelsack begleitet. Sogar ein deutsches Lied kam herüber, -- George

lauschte bestürzt und Mareiken, die Magd, stand plötzlich vor seiner

Seele, am Herde sitzend und das Spinnrad tretend, dazu -- langgezogen,

klagend -- »Anke von Tharau ist's, dir mir gefällt ...«

Freilich, dies war der Matrose Friesleben, ein Deutscher. Also nichts

Wunderbares, -- nur, daß er für gewöhnlich nicht sang ...

»Was mir lebenslänglich gefehlt hat,« fuhr der Vater fort, und es war

ein Schwanken in seiner Stimme, daß George aufhorchte und versuchte, in

dem ungewissen Licht den Ausdruck seines Gesichtes zu erkennen, -- er

nahm aber nicht mehr wahr, als eine empfindsame Seitenneigung des

umfangreichen Hauptes, denn Herrn Forsters Antlitz war beschattet, --

»dies, teurer George, war der natürliche Überfluß der Erde. Denn siehst

du, ich bin eine armselige Kreatur, laß es mich nur aussprechen, denn

ich bin mir dessen wohl bewußt, -- eine armselige, eine Kreatur, die

viel für ihres Leibes Notdurft braucht.« Herr Forster schnaufte ein

wenig und griff nach einer Banane, -- eine Riesentraube lag neben ihnen

auf Deck wie ein mattgolden leuchtendes Schuppentier.

»Es ist mir,« fuhr er bekümmert fort, während er der Frucht behend ihren

weichen duftenden Pelz abstreifte, »es ist mir immer unmöglich gewesen,

geistig zu arbeiten, wenn ich nicht sehr satt war. Daß ich mich aber

immer so plagen mußte, um satt zu werden, siehst du, George, -- das hat

mir so viel Zeit genommen und hat mich aufgerieben, George, --

aufgerieben, aufgerieben, -- wenn man es mir auch nicht anmerkt. Und nun

hier, mein Sohn, -- ach ja!« Er legte eine schwere heiße Hand auf

Georges Schulter und nickte nachdrücklich. »Hier sollten deine Mutter

und deine Geschwister bei uns sein, wir sollten eine geräumige Hütte

bewohnen, uns von Früchten, Fischfang und Jagd ernähren und ihr solltet

sehen, was ihr für einen Vater hättet, wenn selbiger sich nicht mehr um

das tägliche Brot die Hände schwielig zu schaffen brauchte! Jawohl, --

schwielig!« fügte er befriedigt hinzu, hierauf in Schweigen versinkend

und auch George seinen Betrachtungen überlassend, Betrachtungen, die

darin mündeten, daß er sich nach Europa, nach einer volkreichen,

wimmelnden, arbeitenden, winterkalten Stadt sehnte, -- nach Büchern,

Gemälden, ja, selbst nach Kuriositätensammlungen und Kaufläden, fast

sogar nach dem finstern Kontor des Mr. Hitch mit seinem muffig-süßlichen

Geruch der Tuchballen, -- dies alles trotz oder gerade wegen der

Aussicht auf einen sorglosen Cherub von Vater, der ihm auf einmal

weniger unter dem Bilde eines Menschenfressers und Königs Minos

erschien, -- welche Vorstellung sich ohnehin längst abgenützt hatte, --

als unter dem jenes überfütterten Insulaners im Bananenschatten.

Obgleich er auch heute wie einst eine derartige Gedankenvorspiegelung

als schief erkannte, sie bekämpfte und verwarf, -- denn, wer konnte und

wollte es leugnen: arbeitete der Vater nicht als ein trefflicher,

scharfblickender Gelehrter, liebte er ihn im Grunde nicht mit

bewundernder Hingabe und war es nicht ein seltsam schmerzliches Glück,

ihm zu dienen?

Und am Ende, -- aber dies fragte sich der kleine George nicht

buchstäblich und in Worten, obschon er sich jetzt zuweilen

philosophischen Meditationen hingab, -- dies fühlte er nur dunkel, wie

man ein Gesetz seines Lebens ahnt: wie war es anders möglich zu leben,

als im Dienen? -- -- --

Die Europasehnsucht, dies während einer verzauberten Südseenacht

befremdende Heimweh nach einem mißvergnügten Himmel, war am andern

Morgen verschwunden, und die nächsten Wochen, ja Monate ließen es nicht

wieder aufkommen. Denn da man nicht zum Genuß, sondern zur Arbeit

hierher geschickt war, dieses Zweckes nunmehr mit Ernst eingedenk, --

Stirnrunzeln und Zeigefingerheben in goldener Morgenfrühe, -- so ging

man jetzt geradeaus auf sein Ziel los. Forster und Sohn arbeiteten. Die

Schiffsgesellschaft erlaubte sich zunächst anzügliche Gesichter und

Bemerkungen, höhnisch verzogene Lippen, zum Himmel gerollte Augen,

mißvergnügt wackelnde Häupter, bezeichnend gezuckte Achseln, -- war

nicht bisher alles mit Muße vor sich gegangen? -- jedoch umsonst.

Forster und Sohn arbeiteten. Die Ausflüge an Land nahmen den Charakter

von bis ins kleinste vorbereiteten Unternehmungen an, von wahren

Feldzügen gegen die selige Unbewußtheit der Inseln, mit so viel Werkzeug

und Genauigkeit wurde ihren Geheimnissen zu Leibe gegangen, mit

Untersuchungen, Messungen, Zählungen, ihre Berge wurden erklettert, auf

ihren schroffen steilen Graten zwischen den fast senkrecht abfallenden

vulkanischen Klüften krochen Forster und Sohn umher, ebenso wißbegierig

wie in ihren feuchten, von Wachstum strotzenden Schluchten, keine

Erdfalte blieb undurchspäht, kein Kräutlein, das sich fernerhin heiter

der Einordnung in das System des großen Linné entzogen, keine Fliege,

die in Zukunft unbenannt im Sonnenschein getanzt, kein Vogel, der sich

weiter leichtsinnig eines steckbrieflosen Daseins gefreut hätte, -- sie

alle waren nun gebucht, fanden sich eingehend und genau beschrieben, in

Listen niedergelegt, bestimmt, aus ihrem selbstgenügsamen Unerkanntsein

in das schattenlose Licht europäischer Magistergehirne hinüberzugehen

und dort fortan über ihrem harmlosen Dasein im Inselmeer noch ein

zweites, ein zweifellos höheres im Reich des Geistes, das Dasein einer

verwickelten Vorstellung, dargestellt durch einen, wenn irgend möglich

doppelten, lateinischen Namen, zu führen. Indessen blühte, duftete,

tanzte, blitzte und summte, tirilierte und brütete das Leben unter

tahitianischer Sonne fort, unbekümmert wie seit seinem Schöpfungstag,

unmerklich und lächelnd entwand sich hier wie überall die Natur den

Händen ihrer neugierigen Liebhaber, ihr letztes Geheimnis wahrend und

nach wie vor, allem zerlegenden Verstande zum Trotz, blieb sie eins,

blieb gelassen wunderbar, spielend und spottend.

Herr Forster hatte Augenblicke, in denen er das fühlte. »Die Namen,

George,« sagte er einmal schwerfällig, den Blick in eine frisch

gepflückte Blume versenkt, »die Namen betrügen uns um die Dinge. Ist es

nicht eine ungeheure Anmaßung, Namen zu verleihen, anstatt jedes

Geschöpf demütig um seinen Namen zu befragen?« Und da George ihn nicht

ganz verstehend ansah, sagte er ungeduldig: »Nun ja, nun ja ... Ich zum

Beispiel wollte manchmal, ich hätte keinen Namen. Ich bin nun einmal der

Herr Forster, und muß der Herr Forster sein, wie ihn die Leute sich

denken. Hat man mich je gefragt, wer ich eigentlich bin? Im Grunde heiße

ich vielleicht ganz anders, -- nur, daß ich selbst es auch vergessen

habe ...«

Das letzte wurde ganz undeutlich gemurmelt und in der Folge sah der

Vater mürrisch aus, da er es selbst nicht liebte, sich mit solchen

Erwägungen zu beunruhigen, deren er sich doch zuweilen sonderbarerweise

nicht erwehren konnte. George aber war etwas unglücklich, da er nicht

begriff, und, leidenschaftlicher Liebhaber des Begreifens, der zu sein

er bestimmt war, an diesem Brocken ungeläuterter Erkenntnis stundenlang

mühsam herumarbeiten mußte, bis er schließlich hoffnungslos davon

abließ. Wo blieb das königliche Vorrecht des Menschen vor aller andern

Kreatur, wenn es nicht dieses war, sie zu benennen? --

Er hatte durch die Arbeit sein Gleichgewicht völlig wiedergewonnen, er

fühlte sich gesund und heiter und die verwirrenden Eindrücke der ersten

Tage glätteten und verteilten sich. Die Neigung, alles wissenschaftlich

zu betrachten, gewann die Oberhand und sein Tagebuch füllte sich mit

exakten Schilderungen von Erlebnissen, sei es nun von Wanderungen,

malerischen Punkten, -- auf deren Romantik der wackere Hodges nimmermüde

hinwies, -- oder Volksfesten, gleich dem, als Tedua-Taurai, die

Schwester König O-Tu's von Groß-Tahiti, aus Anlaß des Besuches der hohen

Fremden zur Nasenflöte tanzte. Diese Tedua-Taurai war ein überaus

ansehnliches Stück Weiblichkeit von hoher Gestalt und muskulöser

Schlankheit, während die meisten Frauenzimmer klein und fett waren.

Ebenso hob sich ihr einsamer Tanz vorteilhaft von den Massenvorführungen

ab, die man bisher genossen hatte, er war feierlich wie eine

gottesdienstliche Handlung, wenn es auch durchaus deutlich blieb, daß es

der Gott der Fruchtbarkeit war, dem er huldigte. Jedoch wirkte

Tedua-Taurai in ihrem Gewand aus gebleichten Aoto-Bast, das knapp unter

der Brust ansetzte, mit den weißen Lilienblüten des Huddu-Baumes in den

Ohrläppchen und dem starren Brennen ihres unbewegten Blicks, -- die Arme

hielt sie während des Tanzes regungslos hinter ihrem Haupte verschränkt

und die tätowierten Linien um Brüste und Schultern bewegten sich

schlängelnd im unmerklichen Spiel der Muskeln, -- sonderbar aufregend

auf die Männer aus Europa. Auch George war außerordentlich beklommen. Er

war nach dem Tanz einmal nahe an Tedua-Taurai vorbeigestreift und hatte

etwas wie einen wilden Raubtierdunst geatmet. Er notierte sich, daß die

Prinzessin wahrhaft königliche Würde besitze, fühlte aber selbst, daß

dies nicht der Ausdruck seines Eindrucks sei. In der Nacht darauf

träumte er von der Starostschenka Hermanowska, an die er seit seiner

Kinderzeit nicht wieder gedacht hatte, so daß er sich beim Erwachen

besinnen mußte, wem eigentlich diese Traumgestalt im geblümten

Seidenkleid mit dem bloßen Busen geglichen habe. Es blieb ihm aber in

der Tat nicht viel Zeit zum Aufstellen von Betrachtungen und zur Hingabe

an jene sanft drängende Schwermut, die ihn immer wieder befallen wollte.

Da war das Ordnen der Sammlungen, der Herbarien und Spirituspräparate,

da war die Arbeit mit dem buckligen Ausstopfer Jacopo, einem Italiener,

mit dem Hodges gelegentlich schwärmte und der jetzt ganz prall und glau

vor Behagen wurde, nachdem er im Eismeer fast gestorben war, und während

George so an Bord beschäftigt war, nicht unzufrieden und harmlos wie ein

junger Sperling, nahm Herr Forster genug Anlaß, sich an Land rudern zu

lassen und dort stundenlang zu verweilen, -- ebenso wie die anderen

Herren übrigens, Cook ausgenommen, der viel in seiner Kajüte arbeitete.

So geschah es vor Tahiti, so geschah es vor Ea-Uhwe, Tonga und Tabu und

vor den Gesellschaftsinseln war es nicht anders gegangen. George

schöpfte keinen Argwohn, der Vater trieb Handel, der Vater vertiefte

sich in das Volksleben, der Vater war recht in seinem Elemente; kam er

nicht immer wie ein Sendling der Götter heim, mit Ausbeute beladen,

beseligt von Einblicken, die er getan, meist sehr gesättigt und fast ein

wenig betrunken vor Wohlwollen und Menschenliebe? Es war nicht recht zu

verstehen, warum der Kapitän dem Vater gegenüber immer noch sein steifes

Wesen beibehielt, diesem Vater, der nicht nur groß und schön und stark

und prächtig war, sondern jetzt auch so arbeitswütig wie ein Bauer in

der Erntezeit, so fruchtbar wie der schaffende Sommer selber und

außerdem tagaus tagein in der entzückendsten guten Laune, die

Gesellschaft mit Späßen, Schnurren und der ganzen ungewollten Entfaltung

seines ihm selbst wohlgefälligen Wesens unterhaltend. George war ein

wenig bekümmert über diesen ständigen Gegensatz, wie konnte man dem

Vater widerstehen, wenn er so war wie jetzt? Er selbst hing bei Tisch

mit strahlenden Augen an ihm und ließ den Blick beseligt zu Cook

hinüberwandern: Bitte, so ist mein Vater, ja, _dies_ ist er eigentlich!

Indessen blieb Cook schweigsam, scharfkantig und abweisend, und es war

unzweifelhaft, daß der gutgelaunte und arbeitsame Herr Forster ihn

ebenso, wenn nicht mehr reizte, als der faule und weinerliche. Bei Tisch

behielt er zwar George an seiner Seite, hatte ein halbes Lächeln, einen

trockenen Scherz für ihn; er besuchte ihn wohl auch einmal bei seiner

Arbeit, wenn sie allein an Bord waren, blieb neben ihm stehen, rauchte

schweigsam seine kurze Tonpfeife und sah ihm auf die Finger, -- ja, er

rief ihn gelegentlich in seine Kajüte und ließ sich von ihm bei seinen

Berechnungen helfen. Je länger die Reise aber dauerte, desto betonter

ward seine Zurückhaltung, nicht nur Herrn Forster, sondern der gesamten

Gelehrtenschaft gegenüber, er schob seine Offiziere und Patton, den

Wundarzt, zwischen sie und sich. Schließlich hatte er es nicht nötig,

sich mit jedem Satz belehren zu lassen, auch wenn er sich nicht auf

hohen Schulen die Augen blind studiert hatte, und man würde es ja sehen,

wessen Beobachtungsergebnisse die wertvollsten sein würden ...

Jeder Tag war _ein_ Lächeln von Morgen bis Sonnenuntergang. War er nicht

Arbeit, -- eine Arbeit, so aus der Fülle von Kraft und Anschauungsvorrat

heraus wie nie zuvor und darum unendlich beglückend, kaum ermüdend, --

so war er Schlendern in Palmenhainen, Plätschern in lasurblauer Bucht,

Schwelgen im Duft unerhörter Blumen, üppig in Form und Farbe und

unablässig sich erneuernd, während unter ihnen safttriefende Früchte aus

dem dunklen Laub quollen, -- Anbetung waren diese Tage in jedem Atemzug

und wiederum Angebetetwerden, ein Leben im Weihrauch der Bewunderung

schöner menschlicher Wesen, die so viel unschuldiger, reiner und

kindlicher schienen als man selbst sich in seinen Kleidern aus

englischem Tuch vorkam, -- ob sie schon stahlen wie die Raben,

eingestandenermaßen, und ihre eigenen seltsamen Gebräuche hatten,

allerdings! Aber dann ließ sich doch immer darüber philosophieren, ob da

Sünde war, wo es kein Gesetz gab, und Herr Forster rief gar den Apostel

Paulus in die Südsee, um für die Sündlosigkeit der Heiden einzutreten,

-- was kann ein toter Apostel dagegen machen? -- verzieh man doch auch

den Tieren ihre Streiche, und hier auf Huahaine, säugten die Weiber,

weiß Gott, Hündchen und Ferkelchen, wenn es ihrer eigenen Brut nicht

gelang, sie vom Andrang des süßen Überflusses zu befreien. So freute man

sich seines Ansehens als guter, mächtiger Götter und Besitzer

fabelhafter Reichtümer in Gestalt unzähliger Glasperlen, Nägel, kleiner

Äxte und Messer, um derentwillen einem demütig gehuldigt und geopfert

wurde. England dahinten jenseits des Erdbauches erschien einem zuweilen

selbst verlockend und fabelhaft, wenn die braunen Freunde herzbeweglich

bettelten, mit in das Wunderland genommen zu werden. Nun, ab und zu ließ

man sich scheinbar erweichen und solange man zwischen den Inseln

kreuzte, nahm man den einen oder den andern mit, etwa den Knaben Porea

aus Eimeo, der darob ganz überheblich wurde und bei der Landung auf

Huahaine bereits wünschte von den Eingeborenen für einen Engländer

gehalten zu werden, was indessen zu seiner Enttäuschung nicht eintrat.

Zäher als alle anderen erwies sich O-Heddi, genannt Mahaine, der sich

ihnen auf Bora-Bora anschloß, und es durch sein schlechthin

bestrickendes Wesen und außerordentlich gutes Benehmen wahrhaftig

erreichte, daß er an Bord bleiben durfte, selbst als die »Resolution« am

7. Oktober den Kurs südöstlich auf Neuseeland zu nahm. Der Sommer brach

an. Ja, erstaunlich, diese lachenden Tage voller Blüte und Frucht waren

Winter gewesen, jetzt erst kam der Sommer der südlichen Halbkugel, jetzt

lockerte sich wieder das Eis um den Pol und es galt, die günstige Zeit

zu neuen Forschungen dort unten auszunutzen. Abschied zu nehmen galt es,

Abschied von dieser großen Seligkeit, vielleicht auf Nimmerwiedersehen,

denn wer konnte wissen, was dem wackern Schiff drohte, das wiederum so

kühn und verächtlich dem Grauen entgegenstürmte? George hätte sich wohl

ganz einer wehmütigen Verdrießlichkeit überlassen, wie sein Papa es

hemmungslos tat, wenn nicht dies lebendige Stück Inselglück dagewesen

wäre, das ihm von Cook ganz besonders ans Herz gelegt worden war, --

Mahaine also. Mahaine war außerordentlich schön, lichtbraun, mäßig und

sinnreich tätowiert, so daß die eingebrannten Linien nur das Ebenmaß

seiner Glieder hervorhoben, er trug einen Ausdruck kindlicher Würde, er

war ohne Schüchternheit zurückhaltend, er war ernsthaft, sanft und

höflich. Er wurde nicht müde, das Schiff von oben bis unten zu

durchforschen, auf seinen nackten Sohlen tauchte er überall auf und man

vergaß es, bei seinem lautlosen Erscheinen zu erschrecken, man gewöhnte

sich an ihn, wie an ein zahmes Tier und selbst Wales, der Astronom,

ereiferte sich nicht mehr, wenn Mahaine hinter seinem Rücken stehend

verharrte und ihm großäugig auf die schreibende Hand sah. Mr. Wales

hatte nämlich ganz im Anfang einmal ein Erlebnis mit Mahaine gehabt, das

ihn sehr peinlich berührt hatte, er war in seiner Hängematte von lindem

Schlummer erwacht und hatte Mahaine über sich gebeugt gefunden, wie

dieser ihn mit wildem Forscherblick betrachtete und den ausgestreckten

Zeigefinger zurückzog, mit dem er ihn soeben offenbar im Gesicht hatte

antippen wollen. Es war Mahaine dann bedeutet worden, daß der Schlaf der

weißen Männer ungeheuer heilig sei. -- Er stand stundenlang neben dem

Steuerruder und blickte abwechselnd auf die Hände des Mannes, wie sie

mit nie fehlender Sicherheit ins Rad griffen, blickte auf in das

unbeweglich in die Ferne gerichtete Antlitz und dann geradeaus auf die

rastlos wandernde, schäumende Fläche. Er hielt Andacht vor dem

Kompaßhäuschen, dessen zuckende Nadel er für einen mächtigen Gott der

weißen Männer ansah, -- und hatte er nicht Recht? -- er erstarrte in

Ehrfurcht, wenn Cook in der Mittagsstunde mit dem Sextanten auf Deck

erschien und die Sonnenhöhe aufnahm, -- eine feierliche Handlung, mit

Zauberei verbunden, von der der Ausfall der Mahlzeiten abhängen mochte!

Mahaine liebte es nicht, alles zu essen, was die weißen Männer aßen. Er

verzehrte seinen Anteil einsam, am Boden hockend, und allen den Rücken

drehend, er war sauber wie eine Katze und hinterließ keinerlei Spuren

oder Überreste, nichts, womit ein böser Mensch ihn hätte verzaubern

können. Ja, Mahaine war einsam, schutzlos in einer fremden Welt, allen

möglichen unbekannten Teufeleien preisgegeben, aber er begegnete den

Gefahren mit gelassener Standhaftigkeit, -- wichtig, wichtig über alle

Maßen war es, daß er, O-Heddi, genannt Mahaine, Einblick gewann in die

unerhörten Wunder der weißen Männer, daß er endlich einmal die fremden

Inseln sah, die er zuweilen am Horizont hatte dämmern sehen, wenn eine

kühne Fahrt sein Kanoe aus den heimatlichen Fischgründen geführt hatte.

Und lohnte es sich nicht? Hatte er nicht schon das Eiland der roten

Papageienfedern entdeckt, die auf seiner Insel und auch auf Tahiti,

Huahaine und den benachbarten so unerhört selten und kostbar waren!? Auf

Tonga-Tabu war es ihm gelungen unermeßliche Reichtümer in Gestalt von

Kopfputz und Schürzen aus diesen wundervollen heißbegehrten Federn

einzuhandeln, indem er hingab, was er an Tauschwert besaß, alle Perlen,

Korallchen und Nägel und schließlich sogar ein kleines Messer, bisher

sein größter Schatz, für das er sich eben erst sein schönstes Gewand vom

Leibe gezogen hatte. Alles gab er hin, schweigsam, glühend und zitternd,

dies könnte wieder rückgängig gemacht werden, könnte sich auflösen,

verschwinden, die Federn samt den Korallchen, -- und was dann, Mahaine,

nackt und bloß? O, er spielte ein hohes Spiel, ein banges Spiel, aber

dann, als das Schiff vor Tonga-Tabu den Anker gelichtet hatte, da

grinste er auch tagelang ganz unmäßig vor sich hin und wurde vor lauter

Seligkeit nicht wieder seekrank wie bisher. Er hockte in einem Winkel

auf Deck und befreite seine Edelsteine aus ihrer Fassung, das heißt er

löste jene Schürzen- und Kopfzierate in ihre Bestandteile auf und

ordnete die Federn nach ihrer Größe in anmutige Sträußchen, die er mit

Kokosfaser zusammenband, -- was verstanden diese im Überfluß wühlenden

Tonga-Tabuaner von wahrer Schönheit? -- und wenn jemand zu ihm trat, hob

er den Kopf und zeigte in überströmender Wonne alle zweiunddreißig

Zähne. Durch seinen leidenschaftlichen Eifer aufmerksam gemacht, hatte

übrigens auch der Kapitän große Vorräte dieser roten Federn einhandeln

lassen und erlebte gleich auf Neuseeland den Erfolg seiner klugen

Handlung, der Tauschverkehr war außerordentlich belebt,

Muschelhörner, hölzerne Trompeten, Rohrflöten, Schmuck aus Jadestein,

Boghi-Boghi-Mäntel, -- alles ward auf den Markt geworfen, nur um dieser

Federchen habhaft zu werden, dieser vertrackten, entzückenden. Daneben

galten Matten und Gewänder, Waffen und Geräte aus der Südsee auf diesem

rauhen und rohen Eiland als begehrteste Tauschstücke, hatten weit

höheren Wert als Europens Blendwerk aus farbigem Glas und Messing, und

wenn die Engländer hier bestaunt und gefürchtet wurden wie fremde

Geschöpfe, eine unerklärliche Zwischenstufe zwischen Göttern und Tieren,

so begegneten die Neuseeländer Mahaine wie einem reisenden Fürsten mit

gehaltener Ehrfurcht. Kurz, es war aus allem ersichtlich, daß in der

Südsee ihr Land der höheren Kultur lag, wie ihre armen Schilf- und

Schorfköpfe sie zu fassen und zu ersehnen vermochten.

So war man denn wieder auf Neuseeland, diesem letzten Ruhehafen vor den

uferlosen Schrecken des Polarmeers, und es muß gesagt werden, sie

zögerten, das wilde, nasse Wald- und Felseneiland zu verlassen, sie

umschwärmten es von allen Seiten, sahen an den nackten Felsen die Hütten

der Eingeborenen wie Adlernester kleben und landeten immer wieder, zur

Jagd, zum Fischfang in den Buchten, zum Handel, -- um das Schiff

auszubessern, um die Bodenbeschaffenheit zu erkunden, -- weiß Gott, es

gab der Vorwände genug. In einer Art von blindwütiger Verzweiflung

glaubten die Matrosen sich im voraus für die kommenden Entbehrungen

schadlos halten zu müssen und ihre Zusammenkünfte mit den eingeborenen

Weibern entbehrten durchaus jeder Verborgenheit, -- Cook schien nichts

zu sehen und zu hören. George war aufs tiefste angeekelt, weniger von

dem, was sich vor seinen Augen abspielte, als davon, daß diese Weiber so

zottig, schmutzbedeckt und übelriechend waren. Ebensowenig liebte er die

derben Scherze seines Vaters und der übrigen Herren, die jetzt in Blüte

standen, er gewöhnte sich daran, seine Ausflüge in Begleitung von Larry

und Mahaine zu unternehmen, und gefiel sich in dem Gefühl genußreichen

Trotzes gegen die ganze Gesellschaft. Sie benahmen sich ein wenig wie

die jungen Jagdhunde, trieben allerlei zwecklose Körperübungen,

verschwendeten überschüssige Kraft in gewagten Unternehmungen und

kletterten zum Beispiel an den Steilufern umher, um die in ihren

unterirdischen Nestern kakelnden und quakenden Sturmvögel zu entdecken.

Auch gaben sie Mahaine ein Gewehr in die Hand und hießen ihn, auf einen

Strandläufer anlegen. Mahaine packte die Waffe wild, mit Inbrunst,

fletschte die Zähne, zielte, drückte ab, -- der Vogel hob die Flügel,

tat einen possierlichen Satz und fiel, ganz in sich zusammenklappend.

Mahaine jedoch, im Augenblick, da der Schuß dröhnte, warf das Gewehr von

sich, hielt die Hände an die Ohren und rannte von dannen, den Mund

kreisrund geöffnet, aber ohne einen Laut auszustoßen. Von dem Vogel

wandte er sich ab, als sie ihn ihm später brachten. Wer konnte wissen,

ob er nicht den Göttern dieser Insel heilig gewesen war? Mahaine

fürchtete diese Götter, und seine neuseeländischen Brüder, die unter

einem so unfreundlichen Himmel ihr karges Dasein fristeten, dauerten

ihn. Als man ihm entdeckte, daß diese Brüder einander gelegentlich

auffräßen, verfiel er in eine ernsthafte Schwermut, die erst von ihm

wich, als Neuseeland im Nebel hinter der »Resolution« versank.

Übrigens hatte dies Abenteurerleben zu dreien insofern bald ein Ende

genommen, als Larry anfing, sich von ihnen abzusondern und eigene Wege

zu gehen, kurz, als Larry, dieser Schwerenöter, Toghiri gefunden hatte

und nicht mehr Meister seiner Sinne war. Larry nämlich, obgleich er sich

seinen Kameraden bei ihren Belustigungen immer angeschlossen hatte, war

merkwürdigerweise bisher derselbe Endymion geblieben, als der er auf die

Reise gegangen war, freilich nicht aus eben den gleichen Gründen, die

George so bewahrt hatten, nicht aus Unerfahrenheit und Ekel, sondern

infolge einer außerordentlichen Schüchternheit dem andern Geschlecht

gegenüber, die er hinter einem lärmenden Auftreten immer so lange zu

verbergen wußte, bis es Zeit war, sich vor den letzten Folgerungen einer

gemeinsamen Unternehmung geräuschlos zurückzuziehen. Nun aber hatte er

Toghiri gesehen, hatte sie ganz allein für sich entdeckt, als sie am

Strande Möweneier suchte, war ihr gefolgt und in ihre Hütte

eingedrungen, wo Toghiris Vater ihm alsbald alles abgelockt hatte, was

er an Angelhaken, Knöpfen und ähnlichen Wertgegenständen bei sich trug,

worauf er ihm zum Zeichen der Freundschaft die Stirn mit einem

übelriechenden Öl salbte. Solchergestalt in einen Familienkreis

aufgenommen, fühlte Larry den Feuerstrom seines Gefühls in geordnete

Bahnen gelenkt, und es dauerte nicht lange, so war ihm Toghiri als

Eheweib überlassen, er bezog mit ihr eine Hütte neben der ihrer würdigen

Eltern und verbrachte alle freie Zeit im Schoß seiner neuen Familie.

Allen Hänseleien der Kameraden setzte er ungerührten Gleichmut entgegen.

»^She is my wife, hold your tongue!^« sagte er und versorgte sich

ausgiebig mit verdorbenem Schiffszwieback, von dem ihm Billy ein ganzes

Faß zur Verfügung gestellt hatte, und den seine Schwiegereltern gerne

aßen. Für Toghiri indessen, -- nun, es fand sich schon dieser oder jener

Bissen, um so ein Vögelchen zu füttern! -- Aber sie an Bord zu bringen,

wie Mr. Forster ihn einmal dringlich aufforderte, -- nein, das ging doch

nicht! »Sir, sie ist ein wenig verlaust!« bekannte er, übrigens ohne zu

erröten, nur mit einem verschämten Grinsen, daß keinen Zweifel daran

aufkommen ließ, daß wenigstens er nicht Anstoß nahm ...

Alles Hinzögern, Aufschieben, Verweilen aber mußte einmal ein Ende

nehmen. Bösesten Wetterzeichen zum Trotz ließ Cook am 24. November die

Anker lichten. Der Schiffszimmermann brachte mit der Feuerzange einen

scheußlich haarigen Skorpion auf Deck, den er im Volkslogis gefunden

hatte, und warf ihn dem Kapitän vor die Füße, Jacopo folgte ihm und rang

die langen dünnen Finger, -- konnte es gewagt werden, unter einem so

schlimmen Omen auszufahren!? Cook schleuderte das Tier mit einem

Fußtritt durch ein Speigatt. Am Abend waren sie rings von

graphitschwarzer rollender See umgeben, und mit der Finsternis brach der

Sturm los, die Matrosen fluchten und brüllten und nur Cook bewahrte

angesichts des drohenden Untergangs eine kalte steinerne Ruhe. George

dachte nicht gern an diese Sturmnacht zurück, ein verschwommenes

Erinnerungsbild, -- verschwommen, weil er von Anfang an angstvoll

bedacht gewesen war, es nicht festzuhalten, -- wollte ihm dann immer den

Vater zeigen, wie er den schwächlichen Mr. Hodges beiseite stieß, um

selbst in die Nähe des Rettungsbootes zu gelangen (mit dem Ausruf: »Ach

was, jeder ist sich selbst der Nächste!«). Am anderen Morgen jedoch war

nichts als ein melancholisches Sausen zurückgeblieben und auf langen

glatten Wogen schaukelte ein schlafender Albatros ihnen entgegen und an

ihnen vorüber. Dies war Erschöpfung, -- Ergebung. Schweigsam wurde an

der Wiederherstellung des Schiffes gearbeitet, -- schweigsam und

verdrossen hingenommen, was da kommen mußte, der erste Schnee, die

ersten wandernden Eisschollen. Der einzige, der noch eines Menschen

Antlitz trug, einen Ausdruck freundlichen Staunens, war Mahaine, der

Wilde, der nach wie vor lautlos umherging, obgleich er seine Beine jetzt

mit Lappen umwickelte und sich in einen neuseeländischen

Boghi-Boghi-Mantel hüllte. Er führte ein sonderbares Tagebuch aus

Stäbchen, die er in seiner Ecke auf Deck zu immer neuen Figuren auf dem

Boden anordnete. »Whemuatua-tua«, das weiße Land! so stand das erste

Treibeis darin verzeichnet; Schnee aber hieß »der weiße Regen«, und in

einem Schneegestöber konnte man Mahaine sitzen sehen, mit den braunen

Händen nach den Flocken haschen, ihr Zergehen auf seiner Haut oder ihre

sternige Gestalt auf dem rauhen Gewebe seines Mantels ratlos beobachten.

George holte ihn hinunter in die große Kajüte, die von Pfeifenqualm und

Dunst erfüllt war. Mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl in einem

Winkel der Kajüte sitzend, der Gesellschaft den Rücken drehend, Mahaine

vor sich, der am Boden hockte und mit klugen zutraulichen Augen zu ihm

aufsah, erhielt er seine tägliche Unterweisung im Tahitianischen, sog er

mitten im Eis der Polnähe, während draußen die bleiche ^Aurea australis^

gespenstisch über den starren Himmel spielte, den leuchtenden blauen

Sommergeist dieser kindlichen Sprache in seine Seele. Dies dünkte ihn

besser, als mit am Tisch zu sitzen, in dem Konvivium, das hier von früh

bis spät tagte. Er war sehr unglücklich, war es mit allen Kräften des

jungen, eben erst zum vollen Bewußtsein seiner selbst gelangten

Menschen. Alles, was er an körperlichem Unbehagen, an Gram über den

Vater, an Unbefriedigung über seinen eigenen Zustand im Vergleich zu dem

stetig untadelhaften Cook empfand, verkleidete er mit der einen Maske

des Heimwehs und ergab sich ausgiebig einem schwärmerischen und

tränenreichen Gottesdienst vor den Erinnerungsbildern der Mutter und der

Schwester Riekchen, dem er in der Einsamkeit seiner Koje oftmals haltlos

nachhing, von einem unwiderstehlichen Ansturm der Gefühle überwältigt. O

Gott, o Gott, es kümmerte sich niemand um ihn, und in seinem Innern, da

war eine Hölle, aus der alle Versuchungen stiegen, alle die ersten

stummen unbenannten Forderungen seiner Jahre an seinen Körper, gekleidet

in die Bilder der letzten Monate. Bis in seine Träume verfolgten ihn

diese schmierigen Neuseeländerinnen, die er doch haßte. Übrigens fühlte

er sich ernstlich krank. Die Nahrung, dieses ewige übelriechende

faserige Salzfleisch, widerstand ihm bis zum Erbrechen, das Zahnfleisch

schwoll ihm an, er litt qualvoll an einem Überfluß von Speichel und

konnte sich kaum auf den dick angelaufenen Füßen herumschleppen. Er sah

zum Erbarmen aus, aber nicht, daß sich jemand besonders seiner erbarmt

hätte! Er erwartete es auch gar nicht. Ging es ihnen nicht allen so oder

ähnlich? Starrten sie sich nicht alle aus gedunsenen Gesichtern und trüb

unterlaufenen Augen an wie eine Gesellschaft Ertrunkener, die, halb

verfault, ihr böses, spukhaftes Spiel in diesem fürchterlichen Teil des

Weltalls trieb, -- nein, nicht mehr auf Erden, denn dies war die gute

Erde nun und nimmermehr! Fortgerissen von verfluchten Strömungen und

Winden, ausgeliefert an dies unselige Schiff, zwischen dessen Wänden die

Gedanken hin und her jagten und sich die Köpfe stießen wie gefangene

Vögel, angewiesen einer auf den zum Überdruß, ja, bis zum Widerwillen

wohlbekannten anderen, der gewiß, o, es war wahrhaftig wahr, noch

schmutziger, noch kränker aussah als man selber, waren sie alle von

einer gellenden verzweifelten Lustigkeit. Rum, Tabak und Karten, dies

war's, was einzig aufrechterhalten konnte, denn es lag kein Trost mehr

in dem Gedanken, daß in ihnen der Geist der Menschheit seine Ausbreitung

erkämpfte, die Wissenschaft, sie war keine Göttin in Monaten, wo die

Überzeugung, daß England auf ewig für sie versunken sei, an ihrem Herzen

fraß. Und dabei fortwährend den nagenden Vorwurf der Anwesenheit dieses

Mannes zu spüren, der sich in der Kajüte nicht anders mehr zeigte als

eine vorübergehende Erscheinung, bösen und kalten Blickes und lippenlos

zusammengekniffenen Mundes, verächtlich durch die Nüstern schnaubend,

wenn er über den mit Gläsern, verschüttetem Grog und Tabaksasche

bedeckten Tisch hinsah, -- der sich seine Mahlzeiten jetzt in seiner

eigenen Kajüte anrichten ließ, -- aus Gesundheitsrücksichten, wie er

einmal verlauten ließ, denn auch er litt und sein Antlitz war gelb bis

ins Weiß der Augen hinein von der Galle, die ihm das Blut verdarb, --

aber nicht dies war der Grund, George fühlte es wohl. Cook, von seinem

Leutnant Bligh bedient und umgeben, einer schattenhaft gehorsamen

Kreatur, die das Uhrwerk ihrer Verrichtungen dem straffen beherrschten

Rhythmus in der Brust ihres Meisters aufs Haar angeregelt hatte, ließ

George jeden Nachmittag rufen, wies ihm fast wortlos eine Arbeit an oder

ließ ihn seine eigenen Papiere holen und an seinem Tisch schreiben, der

mehr Bequemlichkeit bot als die Einrichtung in der Kajüte der Forsters.

Dann saß der Jüngling über seine Aufzeichnungen gebückt, von dumpfer

Dankbarkeit erfüllt, daß er hier atmen durfte, in diesem Raum, wo alles

Bezug auf den großen Zweck der Fahrt hatte und wo ihm ein geistiges

Licht zu strahlen schien, ausgehend von dem gesammelten Antlitz ihm

gegenüber, das sich doch oft düster und verzweifelt genug über die

Karten und Berechnungen neigte. »Ein Narr!« schalt der Vater, wenn sie

abends in den Kojen lagen, -- ein vernagelter Narr, der hier nach Land

suchte in dieser starrenden Eiswüste! Von Wasser war der Pol umflossen,

umkreist von Strömungen, die ihren Weg von hier aus geheimnisvoll um den

Erdball nahmen und sich wieder vereinigten wie die Blutwege des

Menschenkörpers. Ein sonderbares, jawohl, ein höchst sonderbares Tier,

die Erde, ein Tier mit zwei Herzen, die an seinen äußersten Enden lagen,

den beiden Polen im Norden und Süden! Denn daß hier das Leben gesammelt

zitterte, lehrten das nicht schon die Lichter, die den Horizont bebend

umflammten? Nun, sie waren seltsam und nicht ganz wissenschaftlich

begründet, die Theorien des Herrn Forster, vielleicht waren sie auch in

ihrem Entstehen ein wenig von dem langen Tisch in der Kajüte beeinflußt,

an dem sich so prächtig über sie debattieren ließ, ähnlich wie über den

Stein der Weisen, dessen Möglichkeit der kleine Dr. Sparrmann in aller

Bescheidenheit standhaft verfocht. Jedoch hätte es umgangen werden

müssen, daß Mr. Forster sich eines Nachmittags, -- es war am 25.

Dezember, am Weihnachtstage, und die »Resolution« lag fast fest, wehrte

sich nur ganz leise auf und nieder bebend gegen einen Ansturm

unabsehbaren Treibeises, von dessen Stößen der Schiffskörper dröhnte und

schütterte, -- man hätte es verhindern sollen, daß der ältere Forster an

diesem Nachmittag urplötzlich seinen Stuhl zurückschob, mitten in einer

angeregten Diskussion mit Wales, daß er mit erhobenen Fingern schnalzte

und wie unter dem Zwange blitzähnlicher Eingebung ausrief: »Das muß ich

doch gleich einmal ...« worauf er sich erhob und, die linke Hand auf dem

Rücken, die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger an die Nase gelegt,

sehr eilig zur Kapitänskajüte hinüberging, wo Cook ihm stirnrunzelnd und

George einigermaßen erschrocken entgegensah, während Mahaine, neben der

Kohlenpfanne hockend, gleichmütig fortfuhr, mit seinen Zehen zu spielen.

Der ganze Auftritt bildete späterhin eine der furchtbarsten Seiten in

Georges Erinnerung. Der Vater hatte sich breitbeinig mit

selbstgefälligem Schmunzeln niedergelassen und angehoben: »Mein lieber

Kapitän, ich muß Ihnen doch einmal meine Ansicht über den Aspekt unserer

Fortschritte ^in puncto^ der Entdeckung eines Erdteils in diesen Breiten

darlegen.« Er hatte alsdann mit nichts zurückgehalten, was seine Zweifel

an dem Vorhandensein eines solchen Erdteils überhaupt ausmachten, hatte

die Theorie von den Strömungen anmutig hindurchgeflochten und der ^Aurea

australis^ gedacht als einer Ausstrahlung pulsierender, magnetischer

Kräfte, bei welch unbeweisbarer Vorstellung er besonders liebevoll

verweilte, hatte des öfteren »mein lieber Kapitän« gesagt, und zwar in

einem Ton aufmunternder Nachsicht, hatte auch schließlich

zusammenfassend seinen Rat für den weiteren Verlauf der Unternehmung

gegeben, der auf eine schleunige Rückkehr in die lieblichen Gewässer der

Südsee hinauslief, -- und bei alledem hatte er durchaus nicht bemerkt,

was George mit wachsendem Bangen sah, daß nämlich Cooks Augen eine

gefährlich kaltblaue Färbung angenommen hatten und aus dem gelben

Gesichte schienen wie nur irgendein Stück Polareis, daß es um sein

hartes Kinn zuckte und daß seine Hand eine Kartenrolle knackend

zusammenpreßte. Was dann kam, hatte unter vergifteter Höflichkeit

begonnen, -- gedämpfte Satzanfänge wie: »Mein Herr, ich bin zwar von dem

Wert Ihrer Kenntnisse hinreichend überzeugt ...« hafteten George später

ebenso im Gedächtnis wie das Anschwellen der Stimme hinter dem »aber, --

aber, aber!« »Muß Sie _aber_ ganz ausdrücklich bitten ...« »Nun was denn

etwa?« -- »Bitten, Ihre Befugnisse nicht zu überschreiten, -- gefälligst

in Ihren Grenzen zu bleiben ...« Dabei war Cook nicht sitzengeblieben,

sondern er stand am Tisch und krampfte die Hände um die Kante, daß die

Knöchel weiß anliefen. -- »Wertester, ich kannte den ruhigen Mann nicht

wieder!« bekannte Herr Forster späterhin unbefangen dem schaudernd

lauschenden Mr. Hodges. Cook, in der Tat, er stand da etwas

vornübergebeugt wie auf dem Sprunge und bleckte die Zähne, eine

Grimasse, die Mahaine, der ihn starr und staunend ansah, nachahmte und

sie durch eine krallende Gebärde der vorgestreckten Hände verstärkte. In

solchen Fällen, dachte Herr Forster blitzschnell, gilt es, die äußerste

Ruhe zu bewahren, -- laut äußerte er aber unglücklicherweise: »George,

weißt _du_, was Mr. Cook meint?« wozu er etwas unbehaglich lachte und

auf seinem Stuhl herumrückte, -- sich dann allerdings zurücklehnte und

die Arme hoheitsvoll kreuzte, indessen hatte er sich nun einmal die

Blöße gegeben und einer innerlichen Erfahrung zuwidergehandelt, die da

besagt, daß man gefährlichen Tieren auch nicht einen Schatten innerer

Unsicherheit zeigen dürfe, man gebe ihnen damit zugleich ein Gefühl

ihrer Überlegenheit. Diese Überlegenheit von seiten des Kapitäns stürzte

denn auch unmittelbar in die Bresche des Gegners und nahm Formen an, --

bediente sich Redewendungen ... nun, Mr. Forster blies sich auf,

dunkelrot, wie er allmählich wurde, ließ seine runden Augen vorquellen

und -- suchte vergeblich nach Worten, schnaubte, stieß ein »Unerhört!«

um das andere hervor, und: »George, verlasse das Zimmer!« -- worauf

George, der in tödlicher Verlegenheit in sein Heft gestarrt hatte, sich

bleich erhob, denn: -- »Lassen Sie Ihren Sohn aus dem Spiel, er ist ein

braver, unglücklicher Jüngling, dessen Fleiß und dessen Gründlichkeit

von Ihnen schamlos ausgebeutet werden ...« hatte Cook vorher geschrien,

-- »Mein Herr, Sie beleidigen in mir die Würde der Wissenschaft!« »Mein

Herr, Sie selbst sind ein Hohn auf die Würde der Wissenschaft!«

»Mein Herr, Sie, -- ja, bei Gott, Sie sind ja ein ganz anmaßender

Poltron!«

»Mein Herr, Sie sind ein geschwätziger Charlatan!« -- dies etwa waren

die Sätze, die ihm noch in die Ohren gellten, während er aus der Kajüte

glitt. Er warf sich in seine Koje, verzweifelt, blutleeren Herzens,

wagte nicht zu denken, sich des fürchterlichen Erlebnisses klar bewußt

zu werden, schluchzte wild gegen die Wand und lag, wie von einem Schlag

aufs Haupt betäubt, regungslos still, als der Vater eintrat. Jedoch

suchte Herr Forster sein Lager merkwürdig lautlos auf und nahm keinen

Anlaß, sich durch eine Aussprache weiter über seine Niederlage zu

erleichtern. Nachdem er seinen massigen Körper krachend hingeworfen und

mit umständlichem Wälzen einigermaßen erträglich geordnet hatte, hörte

George ihn wohl noch ein paarmal: »Unerhört!« murmeln, alsdann aber zu

seinem grenzenlosen Erstaunen bald tief und gesund atmen, gemäßigt und

anmutig wie nur je schnarchen, -- kein Zweifel, der große Mann schlief,

schlief sanft in dem ihm von seinen Sternen verliehenen

unerschütterlichen Selbstgerechtigkeitsgefühl! Die geisterhaft helle

Polarnacht stand draußen vor den runden vereisten Fenstern und füllte

den Raum mit einem trüben unwirklichen Licht, George sah seinen Atem

dampfen und zog Kleider und Decken schaudernd enger um sich zusammen.

Ununterbrochen krachte und dröhnte der Schiffsrumpf im Kampf mit den

Schollen, sie scheuerten ihre harten rauhen Leiber schurrend an seinen

Flanken, sie zwangen seinen Bug, über sie hinwegzusteigen oder ihre

Massen in Verzweiflung knirschend zu durchschneiden, sie drängten ihn

mit einem fürchterlich klirrenden Getöse der Übermacht gegen den Wind

rückwärts ... Es schien George ausgemacht, daß dies seine letzten

Stunden seien, daß das Schiff nicht standhalten könnte, es ächzte, es

schrie, es mußte in jedem nächsten Augenblick dem Druck erliegen, sich

in seinen Fugen verschieben, als ein Haufen trümmerhaften Holzgebeins

mit ihnen allen zugrunde gehen! Er rührte sich nicht, er lag auf dem

Rücken, die Hände auf der Brust verkrampft, die Augen starr und blicklos

geöffnet, mit heißen zersprungenen Lippen sinnlos flüsternd, Bruchstücke

von Gebeten, Abschiedsworte an die Mutter, an Riekchen, -- dennoch ohne

Furcht, nur mit steinerner Todesgewißheit, mit einem bittern, rasenden

Schmerz über die Verächtlichkeit des Lebens im Herzen, -- dieses Lebens,

das jetzt eben noch in den Schiffsgängen und -räumen polternd torkelte,

viehisch brüllte. Denn es war Weihnachten, die Matrosen hatten Rum,

soviel sie wollten, ja, es war Weihnachten, dachte George mit stumpfem

Hohn, die heulten ihre unflätigen Lieder und der Vater hatte sich mit

dem Kapitän auf Leben und Tod geschlagen, war es nicht so? Mit Degen,

mit Messern? Nein, der Kapitän hatte den Vater mit der neunschwänzigen

Katze gezüchtigt wie einen verfluchten Meuterer und hatte vor ihm

ausgespien, aber der Vater hatte sich nichts daraus gemacht, nur er,

George allein, trug die Schande. Oh, ein Glück, -- ein Glück, daß sie

untergingen! Der Kapitän hatte Recht gehabt, er war der liebe Gott,

kristallen rechtschaffen, wie ein lieber Gott zu sein hatte, sie waren

Gewürm, Gesindel, Zigeuner, ein Dreck zum Wegfegen. Er zog den Strich,

sein Leben, zwanzig Jahre, ergab eine Summe von Mühsal und Plackerei und

Demütigung. »Ja, ja, und du bist schuld!« flüsterte er, in aller

Verwirrung zum erstenmal sein Schicksal ganz begreifend, vielleicht noch

unter dem Eindruck der Worte Cooks, »den Sie schamlos ausbeuten ...« --

er wandte sich ab von diesen Worten, wie seine Sohnespflicht es ihm zu

gebieten schien, und doch, sie flüsterten von allen Seiten in seine

Ohren. In einer bohrenden Fiebervorstellung fühlte er sich auf dem

schnarchenden Atem des Vaters in der Koje unter ihm tanzen, wie eine

Seifenblase, abhängig von dem brutalen Blasebalg dieser ledernen Lunge.

Dazu orgelte der Matrose Friesleben draußen »Vom Himmel hoch, da komm

ich her ...«, ward von trunkenem Gelächter und dem Geheul englischer

Stimmen überschrien, die Mutter schien in der Kajüte auf- und

niederzuschweben, eine brennende Wachskerze in der einen, ein

bluttropfendes Herz in der andern Hand ... Betäubender Urweltslärm brach

wie eine Sturzsee über ihm zusammen. -- -- --

Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert · 第 4 / 24 题