schwellen!« fuhr er fort und hielt die geöffnete Dose ins Leere. »In der
Tat, Monsieur Forster,« sagte er mit fieberhafter Eindringlichkeit zu
Georges Vater aufblickend wie eine alte verliebte Frau, »Ihr Sohn hat
uns mit seinem Bericht über das Biberdorf in der Woloschka bei Fedorowka
alle beschämt, uns Veteranen der Wissenschaft, ist es nicht so -- he,
Pallas?« fragte er, mit der Dose den Kollegen bedrohend, der gelangweilt
eine halbe Schwenkung von ihm weg machte und sein Gespräch mit Forster
über die Völker längs der Wolga fortsetzte. »Sie werden mich besuchen,
Väterchen!« brach es nun unbezwinglich aus Kotelnikow hervor und er
umarmte George fast, »ich bin nur ein alter Mann, aber ich besitze doch
einiges, was Ihr Herz erheitern möchte. Wie, sollten Sie nicht meinen
Sekretär mit Musik zu sehen wünschen oder meinen zahmen Papagoyen? Er
stammt aus Surinam und ist ein Geschenk von Madame Merian, meiner
gelehrten und berühmten Freundin. Sie studiert speziell die Insekten und
malt und zeichnet sie samt den Blättern und Pflanzen, die sie zum
Aufenthalt bevorzugen, Sie werden diese kleinen Meisterwerke im Museum
der Akademie vorfinden. -- Ich, mein Freund,« setzte er hinzu, faßte
George vertraulich unter den Arm und zog ihn mit sich fort, »ich finde
unter uns gesagt mehr Geschmack an den schönen Künsten als an der
unverarbeiteten Natur. Aber lassen Sie das hier nicht laut werden,
alles, was Sie hier an Kapazitäten vereinigt sehen, huldigt den
Naturwissenschaften und der Mathematik, wie ich ja selbst zur
Mathematikklasse gehöre, -- aber ^passons çi-devant!^ Sehen Sie, dort
drüben, der Wohlbeleibte im blauen Frack ist mein Kollege Äpinus, -- er
hat den Annenorden, Pallas und Euler sind Ritter des Wlodomirordens. ^À
propos^, hören Sie ein Epigramm von mir, es ist allerliebst, ich muß es
sagen (es ist deutsch, des großen Lessing würdig):
Zerbrach auch längst die Marmorsäule,
Drauf Pallas stand mit ihrer Eule:
Hier ist sie wieder aufgebaut,
Wo Pallas seinem Euler traut.«
Er kicherte hastig, geriet ins Hüsteln und klopfte dem verlegenen George
auf den Handrücken. »Die beiden können sich nämlich gegenseitig nicht
ausstehen!« röchelte er ihm noch ins Ohr und verließ ihn, plötzlich auf
den Spieltisch zutänzelnd, an dem die Fürstin Daschkow mit dem
Astronomen Rumowski und dem Franzosen St. Pierre Platz genommen hatte.
George sah sich auf einmal völlig allein dem Glanz der Spiegel, der
kristallbehängten Kronleuchter und des eisblanken Parketts ausgesetzt,
etwas wie Platzangst lähmte ihn und er wagte keinen Schritt zu tun.
Außerdem kam er sich durch Kotelnikows Vertraulichkeiten ebenso wie
durch dessen plötzliches Vonihmablassen vor dem anderen Knaben
bloßgestellt vor und blickte unglücklich hinüber, ob dieser ihn wohl
beachtet habe. Er sah ihn noch immer in der gleichen Stellung vor dem
überlebensgroßen Bilde eines Generals mit der Allongeperücke, der auf
einem hochgebäumten Pferde saß, stehen, als sei er dort zur Ehrenwache
bestellt, die Linke am Degenknauf, die Nase keck und gelangweilt
zugleich in die Luft gestreckt. Aber obgleich er George nicht zu
beachten schien, ging mit einem Mal ein Ruck durch seine Glieder, er kam
mit etwas steifen abgemessenen Schritten auf ihn zu und blieb vor ihm
stehen.
»Mein Herr,« sagte er auf Französisch, »Sie kommen aus Deutschland:
haben Sie den König von Preußen gesehen?«
George fühlte all sein Blut zum Herzen schießen und seine Knie wankten.
»Nein, mein Herr!« stammelte er und hatte hierauf noch eine Sekunde das
Glück, die blaßblauen Augen Michail Grigorjewitschs aus nächster Nähe
mit dem Ausdruck mitleidiger Verachtung auf sich gerichtet zu sehen.
Hierauf wandte sich dieser junge Mann schweigend ab und schritt zu
seinem Standort zurück, während von der anderen Seite glücklicherweise
der Vater nahte, um George nach einigen Abschiedszeremonien mit sich
fortzunehmen.
In den Tagen nach dieser Soiree in der Eremitage war der Vater
auffallend schlechter Laune, was sich, wie immer, darin äußerte, daß er
nicht mehr als das Notwendigste sprach und sehr majestätisch und
vorwurfsvoll aussah. Ohne weitere Erklärungen abzugeben, entließ er den
Lohnlakaien und fand den Mietskutscher ab, welche beiden er sich seit
der Rückkehr nach St. Petersburg als unentbehrlich für die Gewohnheiten
eleganter Reisender gehalten hatte, ebenso wechselte er den teuren
Friseur vom Newski-Prospekt mit einem Biedermann, der in Gostinnoi dwor,
dem großen Bazar, eine Badestube für jedermann hielt. Schließlich, was
das Einschneidendste war, er befahl George die Koffer zu packen, und im
Umsehen vollzog sich eine Übersiedlung aus dem Demuth'schen Gasthof in
der Nähe des Winterpalastes zu der Witwe Olga Nikolajewna Demidow, die
im Wiborgschen Stadtteil ein hölzernes Häuschen besaß und den ganzen Tag
über billige Tränen darüber vergoß, daß Fremde in den Federbetten des
seligen Fedor Wassiliewitsch lagen, -- aber was tat sie nicht dem
Kollegienrat Stephan Rumowski zuliebe, ihrem Freunde, der sie überredet
hatte, diese Deutschen ins Haus zu nehmen?
Indessen war ein fabelhafter Winter hereingebrochen und lag über der
Stadt, den wollig weißen Bauch auf den Boden gepreßt wie ein ungeheures
Polartier. Er war eisblau und rauchig, er hatte sich in die Erde
gefressen, hielt störrisch stand, er wich und wankte nicht. Ganze Wälder
gingen in Flammen auf, um ihn aus den Häusern zu vertreiben, und die
russischen Öfen waren die einzigen wahren Freunde in der kalten fremden
Stadt. George wärmte seine Hände an den Kacheln, ehe er sich morgens an
sein mühseliges Tagewerk setzte, denn er übertrug ein deutsches Werk
über Pflanzenkunde ins Französische und saß gebückt über Papier und
Wörterbüchern, nur zuweilen aufstehend, um den Samowar zu bedienen, den
anderen Freund, der unerschöpflich belebenden Tee spendete. Der Vater
hatte sich angewöhnt, ihn nach russischer Art kochend heiß zu trinken,
Tee und Tabak, die waren es, die ihn aufrecht hielten, während er George
gegenüber ächzend an seinem Gesetzentwurf für die deutschen
Wolgakolonien arbeitete. Dieses Werk hatte die Regierung von ihm
gefordert, nachdem er zwei Monate lang in den Vorzimmern aller Großen
herumgesessen hatte, um seines, wie er meinte, mehr als wohlverdienten
Lohnes für die in einer Denkschrift niedergelegten Reisebeobachtungen
teilhaftig zu werden.
»Als ob ich mich ihnen an den Hals geworfen hätte!« schnaubte er
zwischendurch seinem Sohne zornig zu, und vergaß völlig, wie
angelegentlich er seinerzeit in Danzig Herrn von Rehbinder hofiert
hatte, vergaß auch, daß nach den leider nicht vertragsmäßig festgelegten
Abmachungen ein Teil seiner Belohnung in den Reisekosten bestanden
hatte, -- oder vielmehr, er vergaß dies nicht, redete sich aber
nachdrücklichst ein, daß natürlich der _größere_ Teil des ihm
Zukommenden noch ausstehe. Ha, wenn es ihm nur gelingen wollte, bis zu
Ihrer Kaiserlichen Majestät durchzudringen, aber da war ja ein Ring,
eine Kette war um sie hergezogen und niemals erfuhr sie vielleicht, daß
der unschätzbare Forster, den sie doch selbst herangezogen hatte, --
nun, hatte sie etwa nicht? -- »George, sage es selbst!« -- daß dieser
Mann in ihrer Nähe darbte, -- »ja, nächstens darben wir, George!« --
weil ihm »das ihm Zukommende« vorenthalten wurde.
Tatsache war, daß Graf Grigori Orloff, von Gardener unaufhörlich
überlaufen, eines Tages naserümpfend, da er alle wissenschaftlichen
Unternehmungen Katharinas gründlich verachtete, zur Fürstin Daschkow
gesagt hatte: »Dieser Deutsche redet so viel von seinen Verdiensten um
die Krone, -- worin bestehen sie eigentlich?« Worauf die gelehrte Dame,
ebenfalls naserümpfend, denn sie ihrerseits verachtete wiederum
gründlich die Liebhaberei der Kaiserin für so schöne dumme Tiere, wie
der Graf eins war, erwidert hatte: »Jedenfalls nicht in Bestrebungen,
dieser Krone Erben zu sichern!« Und mit dieser so spitzen und beinahe
schnippischen Antwort war die Angelegenheit Forsters zwischen dem
damaligen Günstling Katharinas und der zukünftigen Präsidentin der
russischen Akademie abgetan worden, so daß freilich keine Hoffnung mehr
bestand, die Kaiserin könnte gerade über diesen ihren wertvollen
deutschen Diener unterrichtet werden. Denn da die Aussendung Herrn
Forsters ins Wolgagebiet ganz mit Umgehung der Akademie vor sich
gegangen war, hatte auch diese vortreffliche Anstalt eine Neigung, seine
Leistungen so einzuschätzen wie eben die Liebhaberarbeiten eines
Privatmannes, und das war's, was Herrn Forster an jenem Abend klar
geworden war.
Er war ungeheuer empört und George trug dies in Demut, ohne ganz zu
begreifen, er nahm die Stimmung des Vaters, die sich immer wieder
prasselnd entlud, hin wie ein Schicksal und gedachte der Tage auf der
Wolga wie eines himmlischen Zufalls. Ja, schon in diesen Jahren legte er
den Grund zu der Anschauung, daß das Unglück der natürliche Zustand des
Menschen sei, Glück aber beinahe gleichbedeutend mit Unrecht. Mit dieser
Auffassung befand er sich im ausgesprochensten Gegensatz zu seinem
Erzeuger, der von Anbeginn an mit dem Leben schmollte, wenn es ihm sein
Behagen, seine Speckseiten, mit einem Wort: »das ihm Zukommende«
vorenthielt, -- _hatte_ er es aber, so bediente er sich seiner mit der
kindlichsten Selbstverständlichkeit, denn jetzt tat der liebe Gott ja
nicht mehr, als er schuldig war.
War nun in mühseliger Arbeit das kärgliche Tageslicht erschöpft, gegen
drei Uhr nachmittags also, so begann der Vater auf seinem Sessel unruhig
zu werden und langsamer zu schreiben, er blickte aus dem Fenster zum
Himmel, der sich über dem stumpfblauen Weiß der Dächer golden und rosig
zu färben begann, und plötzlich stand er auf und begann sehr eilfertig
seine äußere Erscheinung zu verschönern, wozu George schon am frühen
Morgen das Notwendige bereit gelegt hatte, vor allem die apfelgrüne
Schoßweste aus Seidensamt mit den Knöpfen aus Bergkristall, die der
Vater neulich in dem großen englischen Bazar der Brüder Hawksford
erstanden hatte, nachdem er wohl eine Stunde lang die zwölf Säle dieses
Wunderhauses durchkreist hatte und immer wieder vor der Weste gelandet
war, bis er endlich entschlossen sagte: »George, dein Urgroßvater war
Engländer!« Und hiermit waren die letzten Bedenken, sich für acht Rubel
zum Besitzer dieses köstlichen Kleidungsstückes zu machen, überwunden
gewesen. --
So weißgepudert und rosig von Angesicht leuchtete er über schneeweißem
Jabot und grüner Weste, wie der leibhaftige Frühling von Yorkshire, und
glich in nichts einem preußischen Prediger, was auch sein Ehrgeiz nicht
war. Übrigens hatte man sich selbstverständlich auch mit Pelzwerk und
den riesigen russischen Überschuhen versehen müssen, und so ausgerüstet
betrat man alsbald die Straße, der Vater neugierig, vergnügungssüchtig
und hungrig wie eine große stürmische Dogge, die vor lauter
Lebensüberschuß tobt und bellt, George hinterdrein wie ein verfrorenes
Pinscherchen, das nur ausgeht, weil es muß. Obgleich er den ganzen Tag
noch nichts zu sich genommen hatte, als des Morgens zum Tee einen
Kalatsch, eine dieser zähen russischen Semmeln, war er sich seines
Hungers doch nicht bewußt, sondern nur einer allgemeinen grausamen
Erschöpfung, einer Sehnsucht nach dem warmen Bett und eines flauen
Geschmackes im Munde. Die Kälte machte ihm den Atem stocken und legte
sich mit Klammern um seine Brust; Hände und Füße erstarrten, die Augen
tränten ihm und halbblind stolperte er hinter dem Vater drein, der
gewaltig ausschritt, vom weißen Gewölk seines Atems prächtig umwallt, im
Siebenkragenpelz wie ein wandelnder Berg. Saßen sie dann glücklich in
der sauren Wärme einer Garküche dem Ofen möglichst nahe und die Hände um
das dampfende Teeglas gelegt, das sofort vor jeden Gast hingestellt
wurde, so wurde es ja etwas besser, langsam, ganz langsam kam dann auch
ein wenig Appetit über ihn, er leckte wie ein Kätzchen seine Schale mit
Kascha aus und knusperte seine Pirogge, mit leiser Spannung auf ihren
Inhalt bedacht und enttäuscht, wenn das Fisch war. Der Vater war sich
wohl bewußt, daß es eigentlich unter seinem Stande war, zu einem
Trakteur zu gehen, aber sein Hunger war größer als sein Standesgefühl,
und ehe er in einen Gasthof ging, wo es für schweres Geld doch nicht
satt zu essen gab, zog er mit dem Knaben lieber von einem fliegenden
Händler zum andern, um an jeder Straßenecke etwas zu sich zu nehmen und
dabei der Unterhaltung mit dem Volk zu pflegen, was er liebte, George
aber fürchtete, denn er argwöhnte nicht ohne Grund, daß das Volk sich
über das deutsche Väterchen belustigte und ihm mehr Geld abnahm, als
sich mit der Rechtlichkeit vertrug. »Ein solches Leben, mein Sohn, läßt
sich nur nach den strengsten Grundsätzen der Ökonomie führen«, sagte
Forster jedoch nach derartigen Mahlzeiten befriedigt zu seinem Sohn und
schlug den Weg zur Newa ein, um dem letzten Tagesschein noch eine
Wenigkeit Amüsement abzugewinnen. Hier spielte das dicke Wintertier
Fangball mit seinen Russen und der ganze breite ebene Raum der
erstarrten Flußfläche zwischen Wassili Ostrow und dem Wiborgschen
Stadtteil war eine einzige große Kinderstube voller Geschrei und
Getümmel. Da gab es Eisberge mit Rutschbahnen, die auf flachen kleinen
Schlitten hinunterzusausen Herrn Forsters Wonne, aber Georges Schrecken
war, da veranstalteten die Schafpelze, die Bauernkutscher, die lustigen
schmierigen Iwanuschki, die den Winter über in »Piter« ihr prächtiges
Auskommen fanden, Wettrennen auf der spiegelebenen, schneestäubenden
Bahn, andere spielten Fußball, rangen und boxten und aus den
Bretterbuden der Kabacken stieg unaufhörlich der schöne bläuliche
Holzrauch, jedem Erschöpften Wärme, Tee und ein Schälchen verheißend.
Dazwischen, auf den mit Tannenzweigen abgesteckten Verkehrswegen wälzte
sich das Leben der wimmelnden Stadt schellenklirrend und geschäftig
herüber und hinüber, während hinter der Kuppel der Isaakskirche der Tag
verlohte und hier unten die Pechpfannen und Fackeln aufglühten, sich im
Nebel mit zitternden Kreisen wechselnden Lichtes umgebend. Es war
allenthalben eine Herzlichkeit sondergleichen, man war zärtlich für
einander besorgt und rieb sich die Nasen mit Schnee, auch wenn es noch
gar nicht nötig war, die Kälte zauberte Kräfte hervor, die Kälte machte
betrunken und selig, weil man selbst so von innerer Wärme strotzte, die
Kälte, kurz, war die eigentliche Mutter der Petersburger, sie säugte sie
mit Tee und Schnaps und machte sie wieder zu Kindern. Hier war Reinhold
Forster in seinem Element, sein großes Lachen dröhnte hinter den
Iwanuschki her, die ihre Pferdchen peitschten und anschrieen, und mit
ihm lachte behaglich das Volk, daß ihm die Bärte wackelten. Es mußte
wohl alles so sein, dachte George, der von einem Fuß auf den andern
trat, weinerlich vor Kälte und mühselig schnüffelnd. Aber, mein Gott,
wie sehr zog er es vor, den Abend in der Studierstube eines Freundes zu
verbringen, etwa bei dem gelehrten und gütigen Pallas, wo der Vater
disputierend doch auch glücklich war, und wo man ihn, der hinter dem
Ofen auf einem Schemel hockte, vergaß, so daß er im Halbschlummer
sonderbare Traumreisen in die sommerlichen Wolgagefilde oder in den
Lichtkreis von Mutters Kerze antrat, die jetzt doch auch brannte, fern,
irgendwo, wo er vor hundert Jahren einmal im Paradiese gewesen war.
Im Frühjahr, hieß es immer, -- und: wenn das Eis bricht, -- und
schließlich: wenn die Geschäfte abgewickelt sind ... dann, ja dann würde
die Heimreise angetreten werden. Was freilich dann begonnen werden
sollte, darüber grübelte der Knabe manchmal vergeblich nach, denn es
beunruhigten ihn unklare Ahnungen von der Gefährdung ihrer Existenz und
ein instinktiver Zweifel an seinem so prächtigen Vater, den er jedesmal,
wenn er sich bemerkbar machte, erschrocken wieder ins Unterbewußtsein
hinabstieß, von seiner Sündigkeit überzeugt. In einem der spärlichen
Briefe, die von der Mutter kamen, hatte gestanden, daß sie schon im
Herbst genötigt worden war, die Pfarre einem neuen Prediger zu räumen,
da von obrigkeitlicher Seite auf den im Auslande säumenden Herrn Forster
verzichtet wurde. Der Vater hatte sofort gerufen, daß er dies nicht
anders erwartet habe, daß es aber trotzdem eine Infamie sei und daß er
mit den Herren schon abrechnen werde, -- schon abrechnen ... Jedoch ließ
sich einstweilen nichts daran ändern, daß die Mutter mit den fünf
Kindern bei Verwandten in Danzig Wohnung nehmen mußte und daß diese
Tatsache zusammen mit der unsicheren Zukunft Herrn Forster gelegentlich
beunruhigte, wie ein kranker Zahn, der doch einmal weh tun _könnte_. In
solchen Tagen ließ er sein unterirdisch arbeitendes Pflichtgefühl, --
eine lästige, -- eine höchst lästige Krankheitserscheinung, -- an George
aus, es hagelte Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens und der
Himmel ward zum Zeugen angerufen, daß es nicht seine, des unglücklichen
Vaters, Schuld sei, wenn die Bildung des Knaben lückenhaft bleibe. War
es nicht der Himmel, so war es Herr Dilthey, der deutsche reformierte
Prediger, den man Forster als Beirat bei seiner Arbeit zugeteilt hatte,
-- auch so eine Kabale, zweifelte man an seinen Fähigkeiten?! -- und
Herr Dilthey, ein pünktlicher Herr im schwarzen Habit und kein Freund
von Extravaganzen, der in diesem vagabondierenden Amtsbruder einen Hohn
auf die Würde des Standes sah, bemerkte gelangweilt:
»Wir haben hier Schulen, Verehrtester, bedienen Sie sich derselben!«
worauf Forster ihn mit einem schiefen Blick ansah und in mürrisches
Schweigen versank, denn er hatte nun einmal den Ehrgeiz, den Quell von
Georges Bildung aus der Brunnenstube des eigenen Wissens zu speisen, --
zudem kosteten Schulen Geld. Indes, um vor den Augen dieses Dilthey zu
bestehen, entschloß er sich in den nächsten Tagen zu entscheidenden
Schritten, und seiner Beredsamkeit an gewissen Stellen gelang es diesmal
wirklich, im Gymnasium der Akademie wenigstens einen halben Freiplatz zu
erlangen. So geschah es, daß George, zwölfjährig, in den drei ersten
Monaten des Jahres 1767, zum erstenmal in seinem Leben eine Schule
besuchte. Dort verhöhnte man ihn um seiner Aussprache des Russischen
willen, man versteckte seine Bücher und verdarb seine Federn, man malte
mit Kreide abscheuliche Dinge auf den Rücken seines mausegrauen Rockes
und nannte ihn »Krähenfresser«, weil er unvorsichtigerweise einmal
erzählt hatte, daheim habe der Vater manchmal Krähen geschossen und
dieselben schmeckten gebraten nicht übel. Trotz alledem war er in dieser
Zeit oft sehr glücklich, denn er hatte eine heimliche zitternde Neigung
zu einem viel älteren Knaben, einem großen, faulen Schlingel, der sich
von ihm den Horaz übersetzen und ihm dafür gelegentlich einen lässigen
Schutz angedeihen ließ. Dieser Immanuel Oberhof, eines deutschen
Kaufmanns Sohn, erinnerte ihn so stark an den Kadetten, den er bei der
Fürstin Daschkow gesehen hatte, daß er der unausgesprochenen Überzeugung
war, es tatsächlich mit diesem zu tun zu haben, und das Gespräch immer
wieder auf den König von Preußen brachte, in der Hoffnung, sich
hierdurch interessant zu erweisen. --
Die Butterwoche des Karnevals vor den Fasten war noch ein Höhepunkt in
Reinhold Forsters Petersburger Aufenthalt. Er hatte seine Arbeit
beendet, sie war in den Händen des Grafen Orloff und somit seiner
Ansicht nach auf dem besten Wege zur Kaiserin selber, der er in der
nächsten Zeit vorgestellt zu werden hoffte. Er dankte nunmehr Herrn
Dilthey ab, der nachgerade anfing, ihm überlästig zu werden, das heißt,
er verabschiedete sich mit einer feierlichen Vormittagsvisite von diesem
zugeknöpften Herrn, der dies mit gehaltener Verwunderung entgegennahm
und behutsam anfragte, ob Monsieur Forster denn glaube, seine
Angelegenheit würde sich nun mit Geschwindigkeit abwickeln? Warum sie
das nicht solle? fragte Herr Forster streitbar zurück. Er hatte zu der
apfelgrünen Weste einen neuen pfirsichfarbenen Rock an, angeschafft für
sein Erscheinen vor Ihrer Majestät, jetzt aber einzig mit der Absicht
angelegt, Herrn Dilthey zu ärgern. »Warum also nicht?« wiederholte er
angelegentlichst und richtete seine Augen mit der unschuldigen
Selbstzufriedenheit eines gesättigten Säuglings auf sein verkniffenes
Gegenüber, wobei er die gesunden roten Backen unmerklich ein wenig
aufblies. Herr Dilthey ließ einen mitleidigen Blick von ihm zu George
gleiten und begnügte sich damit »^Mon Dieu!^« zu sagen. Der Ton aber, in
dem dies geschah, war geeignet, den Gast zu verstimmen. Er brach denn
auch bald auf und war, kaum war die Haustür hinter ihnen zugefallen, im
Begriff, sich seiner Meinung über diesen knöchernen Gesellen George
gegenüber gründlich zu entäußern, als er fast zusammenstieß mit einem --
nun mit einem Subjekt, -- einem Subjekt in einem abgeschabten Schafpelz,
das sich demütig beiseite drückte, als Herr Forster auf deutsch fluchte,
dann aber standhielt, als der Fluch überging in die verwunderte
Begrüßung: »Der Kuckuck, -- Betzel! -- Er ist das?!«
In der Tat war es der ehemalige Reisegefährte, der da vor ihnen stand
wie der Schatten seines einstigen Selbst, und Forster wiegte mitfühlend
sein Haupt, indem er leise mit der Zunge schnalzte, als er diese
Erscheinung musterte, die im Vergleich mit ihrer früheren Gedunsenheit
jetzt wie ein Gummiball aussah, der ein Loch bekommen hat. Betzel lachte
ein wenig krampfhaft und gab an, zu dem Ehrwürdigen Dilthey zu wollen,
in der Hoffnung, durch dessen Vermittlung eine Stelle zu finden, denn
seine Projekte seien fehlgeschlagen, jawohl, es sei nichts mit jenem aus
Hammelfett destillierten Öle, und er sähe ja selbst ein ... Er führte
nicht des näheren aus, was er einsähe, aber er stand so ungemein
bescheiden und kummervoll vor dem prächtigen Forster, daß George vor
peinlicher Beschämung nicht aufzusehen wagte. Indessen lachte der Vater
überlaut und drehte Gotthold Betzel um, ihn unter dem Arm ergreifend und
mit sich fortziehend. Jetzt werde man erst einmal miteinander
frühstücken, dann sei es immer noch Zeit, Schritte zu tun, wenn denn
Schritte nötig waren. Der Tag verlief hierauf auf das fettste und
lustigste, und nachdem Gotthold Betzel etliche Schälchen zu sich
genommen hatte, war er ganz der Alte, und Forster belustigte sich damit,
seine Bierbankprahlereien immer höher zu schrauben und neue Projekte aus
ihm hervorzulocken, kurz, er spielte ganz den großen Herrn, dem sein
gutes Geld es gestattet, einen Hanswurst zu halten, und George saß
daneben, bald ihn, bald Betzel anstarrend wie ein böses teuflisches
Schauspiel. Ihm war weinerlich zumute, er hätte nicht sagen können
warum, doch spürte er wohl mit unendlich viel zarteren Nerven als der
Vater, daß der Strudel sie schon erfaßt hatte, daß der Wirbel sie mitriß
und der Abgrund an ihnen saugte. -- -- --
Herr Forster begann nicht zu trinken, obgleich er es hundertmal die
Woche verschwor, er schlug George auch nicht mehr als sonst, -- das
Erlebnis wachsender Hoffnungslosigkeit und steigender Verzweiflung war
zu neu für ihn, als daß er sogleich die Stellung herausgefunden hätte,
die er dem gegenüber einzunehmen hatte. Aber es fiel so allmählich alles
von ihm ab, sein ganzes gehaltvolles Auftreten sank in sich selbst
zusammen, es war, als drehte ihm eine unsichtbare Hand die Rückenwirbel
einzeln heraus. Ende Februar hatte er noch die Kraft, in seinen vier
Wänden gewaltig zu toben, und dann, gleichsam mit Entrüstung
vollgepumpt, stürzte er zum Grafen Orloff, um in dessen Vorzimmer die
schöne angesammelte Spannkraft in stundenlangem Warten langsam
entweichen zu fühlen. Würde man ihn etwa wieder nicht vorlassen?
George hatte es sich angewöhnt, mit zur Schau getragenem fieberhaften
Eifer zu arbeiten, wenn der Vater von diesen Gängen heimkehrte, manchmal
lag er auch schon im Bett und schien zu schlafen, denn nichts fürchtete
er so, wie des Vaters leeren Blick, in dem eine Ratlosigkeit
sondergleichen stand. Ebenso schrecklich empfand er das veränderte Wesen
des Gestrengen, das auf einmal gleichweit entfernt von aller lärmenden
Anmaßung wie von jener pausbackigen Lustigkeit war, die etwas
Kindliches an sich hatte und seinen Ansprüchen den Schein von
Selbstverständlichkeit gab. George fühlte, daß er einen sanften Vater,
der um seine Stiefel _bat_ und für kleine Dienste _dankte_, weniger
ertragen konnte als den alten König Minos. Da der Vater nun gänzlich
aufgehört hatte, zu arbeiten, aber dennoch eine geheimnisvolle
Geschäftigkeit mit Briefschreiben und Ausgängen, auf denen George nicht
mitgenommen wurde, an den Tag legte, schloß er mit Recht auf den
bevorstehenden Aufbruch und lauschte den empörten Klagen des Vaters über
den Grafen Orloff zwar mit demütig entrüstetem Gesicht und indem er
bisweilen ein zorniges dumpfes: »O!« hervorstieß, war aber tief
innerlichst überzeugt, daß, je ärger es dieser Graf treibe, ihre Abreise
desto näher bevorstände, -- hatte ihm nicht der Vater schon ein letztes
Wort, -- »ein unwiderruflich letztes, George!« sagen lassen, nämlich er
wünsche noch vor Ablauf des April in seine Heimat zurückzukehren, und
nicht nur das, er hatte das Spiel so weit getrieben, die Anzeige seiner
bevorstehenden Ausreise in die Petersburger Blätter einrücken zu lassen,
wie es jeder Fremde gehalten war, dreimal zu tun, ehe er der Residenz
den Rücken drehte, damit die Herren Gläubiger nicht um ihr Recht kämen.
Ja, er spielte ^va banque^ und haute dabei auf den Tisch:
tausendundeinen Rubel forderte er als sein Douceur, wohlgemerkt, einen
mehr als tausend! hatte er dem Grafen ganz ohne eine diesbezügliche
Anfrage mitteilen lassen, denn tausend seien nun einmal zu wenig für
seine Dienste! Haha! welche Ironie, nicht wahr, welch feingeschliffener
Spott, -- vielleicht gar zu fein für die Lederhaut des hohen Herrn?
Wollen sehen!
Erstaunlich, daß der Vater dermaßen mit einem Grafen umsprang,
erstaunlich, aber zugleich ein wenig beängstigend, fand George; Gotthold
Betzel aber, der gerade anwesend war und dem zu Ehren diese ganze
Geschichte vielleicht zum besten gegeben ward, klatschte sich die
Schenkel und lachte unmäßig. Er fand diese Art des Vorgehens
außerordentlich spaßhaft. Der wackre Gotthold befand sich in besseren
Umständen und war wieder ganz obenauf: er war als Hauslehrer, -- als
Pädagog, als Utschitschel, -- in der Familie eines reichen Kaufmanns
angekommen, wo er nicht allein eine Reihe von Sprößlingen in Zucht und
Ordnung hielt, sondern auch eine Art von Haushofmeister darstellte, die
Rechnungen zu führen hatte und vor allem Madame vorlesen mußte, -- ein
vielseitiges Amt also, das nicht viel Zeit zu Projekten übrigließ, bei
dem man aber kleine Vorteile herausschlagen konnte, -- kleine Vorteile,
über die Gotthold Betzel sich nicht näher ausließ, aber bei deren
Erwähnung er liebenswürdig zwinkerte. Über dem klopfte es stark an der
Haustür, und der ans Fenster eilende George sah gerade noch die
Rückseite eines prächtig goldbetreßten Läufers davontänzeln, während die
alte Köchin Katinka mit allen Anzeichen erschütterter Demut ein
Briefchen hereintrug, das Reinhold Forster ein wenig zu hastig für seine
sonst zur Schau getragene Gelassenheit aufriß. »Die Sache macht sich!«
bemerkte er alsdann, richtete sich auf und rückte ein wenig mit den
Schultern. Also kam man doch zum Ziel. Er war für den nächsten Morgen
auf sechs Uhr zum Grafen Orloff bestellt. --
Wie sich diese Audienz abgespielt oder vielmehr nicht abgespielt hatte,
das erfuhr George bruchstückweise am Nachmittag des folgenden Tages,
während er mit ungeschickter Hast die Koffer packte. -- Ja, mein Gott,
sie würden reisen, -- Dank dir, lieber, guter Gott! -- und heute noch,
heute abend noch! Daß das alles traurig genug war, was der Vater da
erlebt hatte, nun ja, gewiß, -- aber reisen! Heimreisen! Wieder zur
Mutter zu kommen! Seine kleinen Hände wurden heute kaum mit den
widerspenstigen Sachen, den dicken groben Stoffen von Vaters gewaltigen
Kleidern, den poltrigen Stiefeln und Büchern, den zarten Jabots und
Spitzenmanschetten fertig und er ließ den Inhalt einer Puderdose über
Manuskripte und Reithosen niederschneien, die die große lederne Vache
schon zur Hälfte füllten, während er mit offenem Munde einem
Zornesausbruch des Vaters lauschte und dabei doch nichts dachte, als:
»In acht Tagen vielleicht, -- aber ganz sicher in vierzehn Tagen sind
wir in Danzig!«
Die Sache war die gewesen, ganz einfach die, daß, als Reinhold Forster,
-- im pfirsichfarbenen Frack und in der apfelgrünen Weste, wie es sich
von selbst versteht, -- bei grauendem Morgenlicht im Palais des Grafen
angelangt war, -- daß er daselbst erfahren hatte: nein, -- der Herr Graf
seien nicht zuhause, seien zur Jagd, -- seien auf den Schnepfenstrich
gefahren, -- hätten gewiß wieder vergessen, das Väterchen, wie schon so
oft, daß sie den deutschen Herrn bestellt hatten ... Möchten der
deutsche Herr vielleicht morgen ...
Aber da hatte Forster dem gemütlichen Dwornik mit einem Fluch den Rücken
gedreht und war durch den spritzenden Schneeschlamm davongerannt. Es war
aus, er fühlte es nun endlich mit unentrinnbarer Gewißheit. Nachdem er
zwei Stunden lang mit vorgeschobenem Kopf und geballten Fäusten in der
unbekümmerten Stadt umhergeirrt war, gleich einem wildgewordenen Stier,
sammelte er sich in einer Garküche bei einem Glas Tee und einigen
Piroggen so weit, daß sein Blut wieder sanfter kreiste und er sich,
schwermütig kauend, zugeben konnte, daß hier, in der Tat, ein Projekt
von großer Schönheit gescheitert wäre, -- freilich ohne seine Schuld --,
daß aber, wie schon oft im Leben bewiesen, Reinhold Forster nicht zu
entwurzeln sei. Es war ein Mißerfolg, gewiß --, indessen war es ein
Mißerfolg auf breiter Grundlage und dies war es, was ihn vorteilhaft von
allen bisherigen verunglückten Unternehmungen unterschied. Ein Mißerfolg
auf breiter Grundlage, hierunter verstand dieser schalkhafte Logiker die
Berührung mit Hofkreisen und die Wolgareise an und für sich, was beides
er nun einmal genossen hatte, -- er hatte es sozusagen weg, und kein
noch so mißgünstiger Teufel würde es ihm streitig machen können. Ein
solcher Mißerfolg war schon beinah ein Erfolg zu nennen, und diesen
negativen Erfolg mußte man nun eben auszunutzen suchen.
»Aufwärter! Noch ein Schälchen!«
Neue Projekte von ebenfalls und zweifellos gleich großer Schönheit hatte
es ja von jeher so zahlreich wie Kohlweißlingsraupen in einem bösen Jahr
in Reinhold Forsters Haupt gegeben, sie hatten sich seinerzeit verpuppt
und krochen jetzt zu Dutzenden aus, um ihn mit zärtlichem Flügelbewegen
tröstlich zu umgaukeln. Es galt, den nun Passenden auszuwählen und dann
aber sofort und ohne Zögern und rücksichtslos zu handeln und die
Schlappe auszugleichen. Und bei unterschiedlichen Schälchen faßte
Reinhold Forster sein neues Ziel ins Auge, wurde warm und lebendig
dabei, vergaß völlig die große Enttäuschung. Geld brauchte er, -- hm,
hm, -- er brauchte Empfehlungen, hm! Da waren Euler, Wolf, -- auch
Rumowski war gut. Und dann auf die Reede, ein Schiff ausfindig zu
machen!
Und also traf Reinhold Forster Maßnahmen.
Die »Mütterchen Elisabeth«, ein schwerfälliger russischer Kutter, der
Holz geladen hatte und außer den Forsters keine Passagiere führte,
stampfte schon zwei Tage lang westwärts, als George endlich aus der
ersten Reisebetäubung aufwachte. Übrigens war er diesmal kaum seekrank
geworden, es hatte sich nur nach der Aufregung des Reiseentschlusses und
der Anstrengung des Packens eine Erschöpfung bei ihm eingestellt, der er
sich selig hingab, fast schon in dem Gefühl, von der Mutter zu Bett
gebracht worden zu sein. Nun, am dritten Tage, stand er vergnügten
Herzens an der Reeling neben Wanja, dem Koch, und sah zu, wie die Möwen
auf die Abfälle herabstießen, die Wanja ihnen mit einem schrillen Schrei
zuschleuderte, worauf er dann eine grünliche Reihe spitziger Fischzähne
entblößte und seine tranblanken Augen hinter schrägen Fettwülsten fast
verschwinden ließ, während er George triumphierend zugrinste und seine
Finger, -- waren nicht Schwimmhäute dazwischen? -- unbedenklich an
seiner Bluse abwischte: Konnte er nicht großartig schmeißen,
vortrefflich?! Und erst die Möwchen, verteufelt, nicht wahr! Ja, ja, der
Wanja! -- Es rauschte, es knatterte und brauste, Tropfenschauer sprühten
aus dem schäumenden Gewoge da unten, das an die Schiffswände klatschte,
der Himmel war weit und blau, von langem, treibendem Gewölk
durchschifft. Wind, Fahrt und die unerklärlich prickelnde Erregung, die
von der bewegten See ausgeht, überkamen den Knaben rauschmäßig; seine
Kappe mit beiden Händen festhaltend, begann er von einem Fuß auf den
andern zu springen und Schreie auszustoßen, mit einer Art von Tanz und
Lobgeheul den Göttern der Ostsee zu huldigen, nicht wenig gestärkt durch
Wanjas Beifall, der sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlug,
anfeuernde Rufe ausstieß und nicht übel gewillt schien, auch seinerseits
in einen Tanz auszubrechen, denn er stemmte die Arme in die Seiten und
begann mit eingeknickten Knien in verwunderlicher Weise vor- und
zurückzuspringen. In diesem Augenblick hielt George inne, -- war er von
einer Ahnung überkommen, daß es sich immer strafte, wenn er sich selber
vergaß? -- sah um sich, bemerkte den Vater in einiger Entfernung, nahm
Haltung an, bemerkte aber, immer noch, von innerem Jubel geschüttelt und
übermütig genug: »Ha, -- wenn er anhält, der Wind, sind wir übermorgen
in Danzig? He, Wanja, so ist es?« Wanja hierauf, ein paar blutige
Fleischstücke auflesend, die aufs Deck gefallen waren, und sich wieder
in Schleuderhaltung aufstellend, antwortete: »Wai, Väterchen, Danzig?«
Warf sodann ein Stück Rinderherz in prächtigem Bogen einer grauen Möwe
entgegen, die herumschwenkend silberweiß aufglänzte, -- wandte sich
George ganz zu und sagte unbefangen: »Legen wir doch gar nicht in Danzig
an, Väterchen, -- halten wir nicht, eh' in London am Themsekai,
Towerstairs ...« und bemerkte es gar nicht, daß George einen Schritt von
ihm zurückwich und mit beiden Händen nach seinem Herzen griff, -- ja, es
ist wahr, er nahm diese romantische Pose ein, woraus zu ersehen ist, daß
es keineswegs ein abgenutzter Theatertrick ist, sich nach dem Herzen zu
greifen, wenn es vor Schreck stillzustehen droht, denn hier war es die
unmittelbarste Bewegung von der Welt. Ganz matt, mit blutlosen Lippen,
drehte er sich zu Herrn Forster um, der soeben herantrat, dem Anschein
nach harmlosen Frohsinnes voll, und legte die zitternde Hand auf seinen
Ärmel. »Aber Vater!« sagte er jammervoll, -- wie würde er diesen Schlag
tragen, der Vater? -- »hören Sie doch nur, was dieser Mann da behauptet!
Er sagt, daß wir in Danzig gar nicht anlegen, sondern erst -- in London
...« Es war zunächst nichts als Angst vor dem Eindruck, den diese
Mitteilung auf den Gewaltigen ausüben würde, die die arme kleine Stimme
beben ließ, ja fast ein Schuldbewußtsein, -- der Vater machte ihn für so
viele Dinge verantwortlich --, hätte er nur aufgepaßt, hätte er
vielleicht vorgestern auf der Reede in Petersburg gefragt: »Geht es auch
nach Danzig, dies Schiff, die >Mütterchen Elisabeth<, mein Herr
Kapitän?« In der Tat, dann hätte es abgewendet werden können, dies
Unheil! Nun, er wußte ja, was es zu bedeuten hatte: Zeitverlust, -- man
denke: die vergebliche Reise nach England und von dort wieder zurück
nach Danzig, und dann: unendliche Kosten, Geld, Geld, das nicht
vorhanden war, das man aufnehmen mußte, Schulden also, und -- demnächst
würden sie darben müssen, wie Herr Forster immer beteuerte, am liebsten,
wenn er so recht behaglich beim Essen saß. O, nun dauerte es noch so
viel länger, bis man die Mutter wiedersah und es gut bei ihr hatte, --
aber dieser Gedanke trat ganz zurück hinter der unmittelbaren Furcht,
welche Formen die Enttäuschung des Vaters annehmen würde. Herrgott, wenn
er nur nicht ins Wasser spränge im ersten Schrecken, -- man konnte nicht
wissen --, wenn er dem Kapitän nur nichts antäte oder Wanja am Kragen
nähme! Sie konnten nichts dafür, freilich, -- aber wenn dem Vater etwas
schief ging, hatte immer der Nächstbeste schuld, und so, -- George trat
tapfer wieder einen Schritt vor --, so war es vielleicht besser, der
Schlag traf ihn, und er zog die Schultern etwas an, des Ausbruchs
gewärtig, dessen Notwendigkeit er sich während kaum mehr als einer
Minute dramatisch vorgestellt hatte. Indessen geschah ihm wie einem,
der, mit schrecklicher Angst vor dem Knall, ein Gewehr abzufeuern sich
entschließt, das dann versagt, kurzum, auf des Vaters Gesicht malte sich
durchaus keine entsetzte Überraschung, kein Schreck, keine
Entgeisterung, Herrn Forsters Augen drückten nichts aus als unruhvolle
Verlegenheit, er wandte sich halb ab, er griff nach dem Taschentuch, er
schneuzte sich ausgiebig und starrte dabei in die Ferne. Räusperte sich
sodann, ließ ein betretenes: »Du weißt es also noch nicht, mein Sohn!«
vernehmen und blickte jetzt einigermaßen hilflos auf den Knaben nieder,
der mit hängenden Armen und so verzweifelt begreifend zu ihm aufsah, daß
selbst diesem niemals um eine Begründung seiner eigenen Taten verlegenen
Herrn das Wort versagte und er zunächst nur murmelte: »Allerdings, --
ich hätte dich einweihen sollen!«
Hatte ihn nun die Angst vor der unerfreulichen Begleitung eines
enttäuschten und heimwehkranken Kindes davon abgehalten, George
rechtzeitig von seinem Plane, nach England zu gehen, in Kenntnis zu
setzen, so hatte er dem Augenblick, in dem George sich über die
Veränderung des Reisezieles klar werden würde, doch beständig mit
peinlichen Befürchtungen entgegengesehen und konnte nicht umhin, sich
nun angenehm überrascht zu sehen. Er gab angesichts der tanzenden Ostsee
einige hastige, wortreiche Erklärungen ab, verglich die Aspekte, die die
Heimat bot, mit denen, die einem Gelehrten von seinen Fähigkeiten in
England leuchteten, erwähnte Empfehlungen an die Londoner
Freimaurerloge, die er in der Tasche trug, eröffnete Ausblicke, -- nun
eben, Ausblicke! und fand den Knaben an seiner Seite blaß, aber
aufmerksam lauschend. Die Mutter, natürlich, die Mutter würden sie
nachkommen lassen, sobald sie in London festen Fuß gefaßt haben würden,
dies verstand sich doch von selber, setzte er am Schluß in plötzlichem
Besinnen hinzu und sah erleichtert ein mattes Lächeln über das kleine
Gesicht gleiten, während ein leises: »^Merci bien, très cher papa!^« ihn
auf einmal davon überzeugte, daß er im Grunde doch außerordentlich
dankenswert gehandelt habe. George benahm sich ^raisonable^, aber, beim
Jupiter, wie sollte er auch nicht, dies war eigentlich nicht mehr als
seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Soweit war der Fall für ihn
erledigt und abgeschlossen, er war für den Rest des Tages besonders
gutgelaunt und blieb es die ganze Reise über, obgleich er am Kattegatt
zum erstenmal seekrank wurde, und zwar gleich so ausgiebig, daß er sich
verschwor, den Eltern des Janusch bei erster Gelegenheit den
rückständigen Lohn ihres Sohnes zukommen zu lassen, -- und hierin
offenbarte sich, vom Dämon eines erschütterten Verdauungsgewindes ans
Licht getrieben, die Erkenntnis, daß einer der Gründe, die ihn der
Heimkehr aus dem Wege gehen ließen, dieser war, daß er den Janusch nicht
wieder mitbrachte. Er hatte sich zwar längst eingeredet, der Janusch
habe am Hofe eines Mongolenkhans eine Stellung eingenommen, die seinen
Meriten besser entspräche als der Dienst bei einem schlichten Pilger der
Gelehrsamkeit, -- aber, immerhin, -- ganz ließ sich sein Gewissen nicht
betäuben und ein Verantwortungsgefühl lebte zuweilen auf und mußte durch
Opfer und Versprechungen beruhigt werden wie ein unzufriedener Götze,
bis es nicht mehr störte.
»^Merci bien, très cher papa!^« -- ja, was hätte er im Augenblick, als
statt des erwarteten Zornesausbruchs so sanfte schnelle Erklärungen
kamen, anders empfinden und denken können, vielleicht grade wegen der
ungeheuren Enttäuschung, die mit einem Schlage sein ganzes
Auffassungsvermögen lähmte und totes Grau auf die Welt herniederriß, die
eben noch so farbig und verheißungsvoll geleuchtet hatte. Es ist die
Erwartung der Liebe allein, die einem Herzen von der Demut, ja fast
Unterwürfigkeit des kleinen George Schwung und Feuer zu leihen vermag;
und seine Liebe hatte sich seit Wochen mit immer zunehmender Sehnsucht
auf die Mutter gerichtet und damit unbewußt auf ein Leben der
Geborgenheit in friedlicher, reinlicher Häuslichkeit. Er hatte die
vielen Wunder so zum Sterben satt gehabt, ohne es einem Menschen, am
allerwenigsten sich selber, eingestehen zu können. Satt hatte er die
ausgestopften Märchentiere im Museum der Akademie, den Elefanten und den
weißen Meerbären, die mongolische Kuh mit dem Pferdeschweif und das
wilde Schaf mit den Riesenhörnern, -- ganz zu schweigen von den vielen
Mißgeburten in Spiritus und der Hornkröte, der Pipa, von der ewig die
Rede war und die ihre Eier auf dem Rücken ausbrütete. Er war gelangweilt
von dem Gottorpschen Globus mit seinem Planetarium, und es war ihm ganz
gleichgültig, daß dies das achte Weltwunder vorstellen sollte, -- ebenso
wie ihm die botanischen Gärten auf der Apothekerinsel, das hölzerne
Häuschen Peter des Großen und die Mammutsknochen gleichgültig waren, die
Pallas mit ebensoviel Scharfsinn als Gelehrsamkeit als aus einer
allgemeinen Überschwemmung herrührend erklärte. Was war ihm die
surinamische Goldschnepfe, was gingen ihn die tangutischen Manuskripte
an, die Peter der Große schon 1720 nach Paris gesandt hatte, um zu
erfahren, was eigentlich darin stünde. (Ein Abbé Bignon hatte sie
sogleich ins Lateinische übertragen und den großen Zaren durch eine
gewisse klassizistische Geistesfärbung dieser Mongolenweisheit
höchlichst überrascht, und wiederum war es dem ebenso gelehrten als
scharfsinnigen Pallas vorbehalten geblieben, festzustellen -- mit
empörter Genugtuung festzustellen! -- daß auch nicht ein Wort des
Originals in dieser Übersetzung stand!) Mit einem Wort: was ging einen
kleinen Knaben, der müde, blaß und elend war, die ganze bunte
aufdringliche Welt an, wenn er noch irgendwo bei einer Mutter ein
wohlgeschütteltes Bett, sein sorglich bereitetes Essen und die ganze
Heimatluft einer vollen Kinderstube haben konnte, -- konnte, --
_konnte_, denn besessen hatte er diesen Segen ja in Wirklichkeit nie,
und darum quälte ihn wohl diese beständige dunkle Sehnsucht danach, ließ
ihn seine Pflichten verrichten, wie eine stöckrige Maschine und mit
müdem, kleinem Muffgesicht an den Kuriositäten vorüberschleichen. Im
Anfange hatte er sich eingebildet, die Kaiserin Katharina sehen zu
müssen, hatte ihrem Amtssiegel, einem Bienenkorb mit der russischen
Umschrift »Nützlich« auf einem Schreiben an den Vater Ehrfurcht erwiesen
wie einem Fetisch und mit starker Neugier auf die Geschichten gehorcht,
die man sich an allen Straßenecken von dem Leben am Hofe erzählte. Auch
dies hatte völlig an Interesse verloren, je länger der Petersburger
Aufenthalt dauerte, je tiefer das Wunder der Wolgareise hinter ihm
versank und je mehr im Verhältnis dazu seine Gesundheit abnahm.
Schließlich hatte er nur noch an die Mutter denken können, wie ein
Verdurstender in der Wüste auch nur eines Gedankens fähig ist, und dann,
dann hatte er sich eben unvorsichtig, ohne den geringsten Zweifel, ohne
eine innere Mahnung an vergangene Enttäuschung zu erhalten, übermäßig
beglückt, berauscht, tölpelhaft selig hatte er sich der Gewißheit des
nahen Wiedersehens hingegeben. Ja, und nun ...
Und nun weinte er weder noch ballte er tückische kleine Fäuste oder
stampfte den Boden, als der Vater den Rücken gewandt hatte. Er legte
sich einfach für den Rest der Reise in seine Koje, dies war es, was er
sich leistete, dort lag er stundenlang mit offenen Augen und dachte
immer wieder dasselbe, das anfing: Also nicht nach Danzig ... aber
ebenso schlief er auch stundenlang mit bleichem Gesicht und geöffnetem
Munde. Wenn der Vater zu ihm kam, empfing er ihn freundlich und aß
gehorsam, was ihm gebracht wurde, aber der Verkehr mit ihm war nicht
viel ergiebiger als mit einer sprechenden Gliederpuppe, und so blieb er
viel allein, was ihm auch recht war, denn: hätte es nicht doch plötzlich
eintreten können, daß er dem Vater in sein zufriedenes, rotes Gesicht
hinein hätte weinen müssen, weinen, weinen ... Es kam ja nie dazu, aber
es war sehr wunderbar, denn er träumte doch so oft, daß er weinte, --
nur im Wachen gelang es ihm nicht, da war alles so fern, wie hinter
Glas.
Jedenfalls war ein anderer George Forster am Newski-Prospekt auf die
»Mütterchen Elisabeth« gegangen als der, der nach drei Wochen die
Tower-Stairs in London emporstieg. Wohl erschließen sich auch solche
Blüten noch, um Frucht zu bringen, die in der Knospe vom Frost getroffen
wurden. Aber, guter Gott, wie sehen sie aus und wer will sie noch Blüten
nennen? --
* * * * *
Es ist nicht zu bezweifeln, daß der Pelikan auf dem Hühnerhofe übles
Aufsehen erregen würde und der Gockel hingegen nicht in das Dschungel
paßte. Es ist wahr, daß jeder von ihnen in der ihm angemessenen Umgebung
seinen Platz ausfüllt und gleichsam darin aufgeht, so daß man kaum noch
weiß, ist der tropische Sumpf für den Pelikan oder der Pelikan für den
tropischen Sumpf geschaffen. Herr Forster in polnisch Preußen auf dem
Lande, berufen, einer verlotterten Bevölkerung das kristallkantige Ideal
friederizianischer Selbstzucht vorzuleben und Kultur auszustrahlen, das
war gewesen, als wollte man Wasser mit Öl mischen, um eine gelindere
Flüssigkeit zu erzielen: es nutzte gar nichts, das Öl blieb oben, ein
großes, einsames Fettauge, und bald schwamm es von dannen. Herr Forster
in Petersburg, inmitten einer aus allen Völkern gemischten Gesellschaft
von Aristokraten, Gelehrten, Projektenmachern und Schwindlern, nahm
sich, zwar selbst ein Projektenmacher ersten Ranges, aber geschäftlich
und diplomatisch, ja, selbst gesellschaftlich unerfahren und nahezu roh,
-- er nahm sich aus wie ein leidenschaftlich spielendes Kind, dem sich
die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen und das, da es
nun eben einmal ein Mann und kein Kind mehr ist, lächerlich, ja,
anstößig wirkt. Herr Forster endlich, in England, hatte kaum den
geheiligten Boden seiner Vorfahren betreten, kaum den ersten Mundvoll
der ihm so geläufigen Sprache freigiebig an Lastträger, Hafenbummler und
den Hausknecht von Warwicks Boardinghouse verschwendet und dafür echten
^slang^ eingetauscht, nicht recht verständlich zwar, aber kostbar und
herzansprechend, -- Herr Forster endlich in England also, ging im Teig
auf wie die Pflaume im Plumpudding, mit anderen Worten, war nicht der
Plumpudding selber, auch nicht der Weingeist, aber immerhin ein
Bestandteil, eins seiner häufigsten, eins von hundert Bestandteilen,
unauffällig, selbstverständlich, kein Fremdkörper, kein Kuckucksei, und
war selber erstaunt und beseligt darüber.
Es war bereits etwas vom Rhythmus der Gewohnheit in der Art und Weise,
in der Forster und Sohn fremde Städte betraten, Schiffsplanken hinter
sich stoßend, Reisetaschen sieghaft schwenkend, zudringliche Lastträger
übersehend, Blicke auf Wesentliches richtend! Forster senior, dem der
Kaviar und die Piroggen, bei denen er gedarbt, mit der Zeit zu einem
Bäuchlein verholfen hatten, trug seinen Nabel stattlich vor sich her,
als wüßte er den Unsichtbaren vergoldet, verborgene Berlockes klirrten
bisweilen musikalisch unter seinem Mantel und gaben die Begleitung zu
dem ebenfalls nur ihm selber hörbaren Einzugschor seiner Gedanken, der
etwa also lautete: Er kommt, er kommt, der große Forster kommt! -- was
indessen nicht etwa mit diesen Worten sein Bewußtsein füllte, sondern
nur den allgemeinen Inhalt seiner Stimmung ausmachte. Zugleich, es ist
nicht zu leugnen, war er in guter und ehrlicher Weise freudetrunken vom
Anblick von St. Pauls Kuppel und der drohenden Towermauern, wie schon
die ferne Vision der wimmelnden Londonbridge ihn in Begeisterung
versetzt hatte, und dann: dieser Hafen! O Gott, die Newa war breit und
Petersburg war gewaltig, aber was wollte das gegen diesen majestätischen
Ausgangsort und Ruheport der gewaltigsten Handelsflotte der Welt, was
gegen diese Werften, diese Docks, dieses planvolle Gewühl der kleinen
Boote und Yachten, dieses gelassene Ein- und Ausstreichen der
hochgebugten Riesenschiffe mit der tausendbusig geschwellten Takelage
und den unzähligen starrenden Kanonenrohren sagen? -- »Ostindien!« hatte
Forster ergriffen geflüstert und Georges Hand gepreßt, diese kleine
Hand, die solcher Gebräuche ungewohnt, sich ihm schlaff und verwundert
überließ, -- »Ostindien, George! Van Diemensland! Amerika und China!
Bambus, Zuckerrohr und Cocosnuß! Weihrauch, Gold und Myrrhen! Ingwer,
Zimt und Nägelein! Papagoyen und Koffee! Das Beuteltier!« Er wäre in
seiner traumhaften Aufzählung fremdländischer Wunder gewiß fortgefahren,
wenn nicht in diesem Augenblick die »Mütterchen Elisabeth« Anker
geworfen hätte und er nunmehr in der Lage war, den undankbaren
russischen Boden endgültig verlassen zu können. Zwei Tage weidlichen
Herumtreibens im Weichbild der City folgten und zählten gewiß zu den
glücklichsten in Reinhold Forsters Leben, während auch George ein
gewisses unwilliges Behagen empfand und sich in die dumpfe Wehmut der
Enttäuschung nicht zurückfinden konnte.
Waren sie so tagsüber mit langen Schritten und mit beständig im
neugierigen Drehn und Wenden der Köpfe hin- und herpendelnden Zöpfen
durch die Straßen gezogen, hatten nicht nur die modischen Spaziergänge
wie Newbordstreet, Pallmall und Hydepark, sondern auch St. Giles besucht
und dort gar in einer unterirdischen Garküche gespeist, wo die Bestecke
mit Ketten am Tisch befestigt gewesen waren, -- hatten sie besichtigt,
was nur zu besichtigen war, -- und George tat das auf einmal mit
kritischer Teilnahme, als sei plötzlich eine Kapsel von seiner Seele
gesprungen, er puffte auch Vorübergehende, die ihm nicht aus dem Wege
gingen, -- kurz, er brach sich Bahn, körperlich und seelisch, -- da es
denn doch nichts half! -- (dies war vorübergehend eine Zeit, in der er
sich selbst fast brutal behandelte, er tat es, ohne es zu wissen oder zu
wollen, weil er sonst zugrunde gegangen wäre,) -- hatte man sich
solchergestalt müde und hungrig gelaufen, so folgten erquickliche Abende
im Gastzimmer des Logierhauses, gegen dessen Kamingitter der Vater
sachgemäß die Fußsohlen stemmte, während er aus seiner Tonpfeife
rauchte, Porter trank und George ein wenig Ingwerbier genoß. Gleichviel,
daß andere Gäste anwesend waren und den redseligen Herrn offenbar als
willkommenes Schauspiel betrachteten, gleichviel, daß hinter ihm laut
erörtert wurde, ob nicht auch andere Leute ein Recht auf den Platz am
Feuer hätten? -- wobei George unbehaglich hin- und herrückte, Herr
Forster jedoch nur geistesabwesend über die Schulter zurückblickte und
einen Mund voll Rauch nach den unzufriedenen Mitmenschen blies, womit
sich jene alsbald beruhigten, -- Herr Forster schien den Landesbrauch
gefühlsmäßig zu treffen. -- »Es ist ein Wunderbares, ein Fabelhaftes,
ein Göttliches um den Zusammenhang der irdischen Länder, mein Sohn, wie
sie aus dem Nichts des Gedankens hervortauchen und sich
aneinanderreihen,« sagte er an einem solchen Abend und sah diesmal ohne
Zweifel gläubig und erschüttert aus, soweit es im Bereich seines
fleischigen Gesichtes lag, diesen Ausdruck anzunehmen. »An Rußland habe
ich immer noch eher glauben können, weil es sich von Westpreußen aus
auch zu Fuß hätte ergehen lassen, -- freilich in mühseliger Arbeit, aber
doch immerhin, -- das ist wie aus einem Stück Tuch und keine Naht
dazwischen. Die Inseln hingegen! Mein Sohn! Im Vertrauen will ich dir
sagen, ich habe England nicht für möglich gehalten! Nun aber, da es
unter meinen Füßen standhält, bin ich geneigt, auch an Vandiemensland zu
glauben, ohne daß meine Augen es gesehen haben.« Er lächelte fast
kindlich. »Wunderbar! Wunderbar ist die Gestalt der Erde!« sagte er
andächtig und nahm die Pfeife aus dem Mund, um die Ellbogen auf die
breit auseinandergestellten Knie zu setzen und, die linke Faust unters
Kinn geschoben, verzückt ins Feuer zu starren. »Manchmal halte ich sie
im Traum in meinen Händen und rolle sie behutsam von West nach Ost
meinen Augen entgegen, als sei ich die Sonne, in deren Glanz sie sich
wälzt, oder ich sehe sie schweben, im goldenen Dunst, den göttlichen
Ball, mit der sphärisch erklingenden Seele. -- Dann gedenke ich ihrer
Hülle, George,« sagte er träumerisch, -- »Gras und allerlei Kräuter, und
wie das Wasser überall durch sie sickert und kreist und aus ihr atmet,
und ich fühle die Wucht der Gebirge und das Keimen der Kristalle und die
sonderliche Kraft der Formen, wie sie blind sich auswirkt in tausend
Gestalten. Du wirst hier Gott eingefügt haben wollen, George,« -- und er
wandte sich dem Knaben mit einem geistreichen Lächeln und einer
verbindlichen Handbewegung zu, »gut und wohl, -- indessen reden wir hier
nicht als Pastoren und somit können wir uns zugestehen, daß es kein
Gottesleugnen ist, wenn ich ihn in die Schöpfung hinein projiziere,
anstatt ihn mir außerhalb selbiger zu denken, -- du verstehst mich?«
Und, ohne eine Antwort abzuwarten, sein glattes Kinn streichend und mit
der Pfeife in steilaufgereckter Hand gestikulierend, fuhr er fort: »Ich
denke mir die Erde nackt und bloß, ihre gewaltigen Glieder so wie sie
der Sintflut entstiegen, ohne die Grenzmarken des Menschen, ohne die
Larven der Nationen über ihrer göttlichen Unschuld. Schrankenlos
hingerollt die Ebene, sich aufbäumend im Gebirge, niedergleitend unter
die wallende Fläche des Ozeans, jungfräulich wieder aufsteigend unter
einem andern Himmel und sich neu offenbarend. Ich denke mir ...« die
surinamische Goldschnepfe strich durch den Raum, Kondorgeflügel
erbrauste, Büffelherden nahten und stoben vorüber wie schmetternde
Wolken. Indessen auch die Ameislein und die Bienen und sonstigen
Insekten, die surinamischen Schmetterlinge und die Vögleins Colibri, die
Honigvögleins, die sich durch die Luft schwingen wie fliegende Funken
und mit langen nadelspitzen Schnäblein aus Blüten trinken, -- Blüten ^à
propos^ ... Es blieb _nichts_ ungesagt in dieser Stunde, und Herr
Forster phantasierte sublim über den Inhalt der Erde, er tat es mit
Wildheit, Schwung und Feuer und vergaß nicht die Tiere und Gemüslein,
die er gerne aß, und endlich das wunderbarste Getier, die Menschheit
selbst, wie sie gleichzeitig an allen Orten der Erde hauste und sich so
emsig betätigte, -- er legte den Finger an die Nase und gedachte des
indischen Brahmanen, der über seine Schriftrolle gebückt säße in eben
diesem Augenblick, da der wilde Sohn der nordamerikanischen Prärien sich
im Kriegstanz um sein Lagerfeuer schleudere, oder der emsige Bewohner
von O'Tahiti seine Rindenmatte walke, während der deutsche Bürger --
»oder sagen wir: der große Haller zu Zürich« -- sich soeben die
Zipfelkappe für die Nacht über die Ohren ziehe, »und wir, mein Sohn, an
diesem Kaminfeuer sitzen, auf britischem Boden sitzen, vom Ozean umspült
wie auf dem Gipfel eines Berges Arrarat und das Selbstbewußtsein der
ganzen Erde gegenwärtig in unsern Hirnen kulminiert, -- wunderbar,
höchst wunderbar ...«
Herr Forster blickte plötzlich um sich und nahm wahr, daß es leer in der
Gaststube geworden war, daß hinter der Tonbank Mr. Freeling, -- von Mrs.
Freeling stets als »^my little old man^« bezeichnet, -- mit knackenden
Kiefern gähnte, -- daß George die Augen mit einem Ausdruck glasiger
Starrheit auf ihn gerichtet hielt, und er verstummte. Er machte ein paar
krampfhafte Bewegungen mit Stirn- und Gesichtsmuskulatur, wobei er die
Augen wie ein Geblendeter zukniff und aufklappte, sog ein paar Mal
hastig an dem erkalteten Rohr und fuhr dann, von sich selbst ernüchtert,
mit der Hand über die Augen. »Du hast keine Imagination, mein Sohn,«
bemerkte er verdrießlich und klopfte die Pfeife am Kamingitter aus,
worauf er sich erhob und federnd davonschritt, sich selbst nicht recht
klar darüber, was ihn soeben überkommen und aus ihm geredet hatte.
George folgte ihm gedemütigt, überholte ihn und riß die Türe vor ihm
auf, -- wohl, es mochte ihm an Imagination mangeln oder an etwas
dergleichen, kurz, er konnte sich nicht so verwundern und dieser
Verwunderung so prächtige Worte verleihen wie der Vater, es schien ihm
alles so selbstverständlich, -- dies, daß man nach England kam, wenn man
nach England reiste, und fraglos, daß man ein Land namens Surinam
erreichen würde, falls man ein dorthin segelndes Schiff bestiege, --
aber er empfand diesen Mangel in dieser Stunde irgendwie als
beunruhigend und beschämend. Als er in seinem riesigen, von Vorhängen
umwallten Bette lag und zitternd darauf wartete, daß die feuchten Laken
sich erwärmen möchten, als er die Hände vor die Augen preßte, um nicht
in die fremde englische Finsternis starren zu müssen, -- der Vater blies
längst in gesund atmendem Schlummer melodisch vor sich hin, -- da dachte
er sich aus, wie gut es sein müßte, eine Mutter zu sein und niemals
reisen zu müssen, eine Mutter mit guten kleinen Kindern in einer warmen
duftenden Küche, in der es lauter behagliche Arbeit gab, wie
Rübchenschaben, Suppenkochen, Kuchenrühren und Topfauslecken, und als er
darüber endlich einschlief, war es nicht mehr die Mutter, die es so gut
hatte, sondern das kleinste Kind in der hölzernen Wiege im Eckchen beim
Herd, das von nichts wußte als von Schlummer, Milch und Liebe, und dies
kleinste Kind war er. --
Dalrymple zu besuchen, Dalrymple, den unbekümmerten Pfadfinder im
indischen Meer, den Autor gründlicher geographischer Werke, den
unübertroffenen Zeichner der berühmtesten Landkarten, -- Dalrymple also
aufzusuchen, sich ihm vorzustellen und seine russischen
Empfehlungsbriefe bei ihm abzugeben, war nach den ersten Londoner
Schlendertagen Herrn Forsters vornehmstes Ziel. »Forster und Sohn«,
sagte er, hinter einem bräunlichen, turbangekrönten Diener einen hellen
länglichen Raum betretend, dem drei Schiebefenster Licht gaben und wo
ein Herr in kaffeebraunem Frack von einem langen Arbeitstisch sich erhob
und ihnen mit hochgezogenen Augenbrauen einigermaßen erwartungsvoll
entgegenblickte, -- »Forster und Sohn, von St. Petersburg eingetroffen,
aus den Diensten Ihrer Kaiserlichen Majestät nach der beispiellosen
Wolga-Expedition rühmlichst entlassen, -- Forster und Sohn, mein Herr,
die sich bei ihrem ersten Betreten britischen Bodens beeilen, Ihnen ihre
Huldigung darzubringen, nachdem sie Ihre Verdienste jahrelang aus der
Ferne staunend empfunden haben!«
Forster und Sohn, die sich, schräg hinter einander aufgestellt, bei
jeder Nennung ihrer Namen mit dem Hut in der Rechten und mit der Linken
auf dem Herzen emphatisch verneigt hatten, überreichten nunmehr, -- das
heißt, Reinhold Forster überreichte, zwei oder drei Briefe, deren Siegel
Mr. Dalrymple hastig erbrach, die er mit kurzen Ausrufen, -- Ausdrücken
seliger Überraschung und unerwarteten Glückes ohne Zweifel, -- überflog,
um sodann ... Aber während er las, hatten die Forsters Zeit gehabt, sich
umzusehen. »Verehrtester! Welch ein Arbeitsraum!« rief Reinhold aus, als
Dalrymple ihn nun auf einen der hochlehnigen Sessel vor dem Kamin
nötigte und George auf dem Rande eines Taburetts Platz genommen hatte.
»Welch ein Raum, welch ein Geist, welch ein Ausblick! Nicht genug, daß
die ganze Erde von den Wänden sieht,« -- und er wies auf die äußerst
sauber ausgeführten Landkarten, die mit der Hand koloriert in heiterem
Blau und anderen kräftigen Farben ringsum hingen, -- »Boten aus aller
Welt blicken Ihnen in die Fenster hinein und versichern den wirkenden
Geist dauernd einer schöneren Ferne!« Er sah entzückt nach den Fenstern,
vor denen wimpelgeschmückte Mastspitzen und ein Gewimmel von Rahen im
straffen Taugeflecht in der blaugoldenen Luft des Apriltages schwankten
und tanzten. Mitunter schob ein ausfahrender großer Segler seine
Schwanenbrust leuchtend hindurch, und unzählige Möwen belebten das Bild
mit dem Rhythmus ihres Hin- und Wiederschwebens: Dalrymple's Haus lag am
Strand und draußen flutete die Themse. Nun lächelte er und schlug ein
Bein über das andere. »Es läßt die Reiselust nicht einschlafen, dies
Bild, es erhält den Geist auf der Wanderschaft, ich bedarf seiner als
eines Surrogates für das Leben an Bord, mein Wertester,« sagte er
freundlich und ließ seinen blaugrauen Seemannsblick über Vater und Sohn
hingehen, wie über ein Gewölk am Horizont, -- »aber kommen wir zur
Sache!« »Das Leben an Bord!« fiel Forster begeistert ein, die Rechte
gegen Dalrymple ausreckend, als wollte er ihn umhalsen, »wie gut ich Sie
verstehe, Verehrter! Die Grenzen der Kontinente sprengen und sich dem
schrankenlosen Ozean überlassen, -- welch ein berauschender Gedanke!«
Herr Dalrymple neigte höflich zustimmend sein Haupt: »Sehr wohl,«
bemerkte er, »indessen, -- kommen wir zur Sache!«
»Ein Mann und sein Pflugsterz, ein Mann und sein Schwert, -- Ein Mann
und sein Segel, -- ein Mann und sein Pferd!« schwärmte Forster weiter,
»verzeihen Sie die deutschen Verse, mein Herr, aber sie sind es, die die
Essenz meines Geistes enthalten! Ich bin ein Gelehrter, Herr, aber kein
Bücherwurm, was Sie meiner ganzen Konstitution unschwer anmerken werden,
auch ohne Lavater gelesen zu haben. Ich bedarf der Motion, um mich frei
entfalten zu können, -- ist's nicht an dem, George ...«
»Ich bezweifle das nicht,« gab Dalrymple zu und seine hellen Augen
bekamen etwas Starres, »aber sagen Sie mir nun gefälligst ...«
»Ich bin vom feurigsten Enthusiasmus für England beseelt!« rief Forster
nun, »England ist ohne Vergleich an Unternehmungslust und Macht, England
läßt sich die Erde schmecken und sie bekommt ihm wohl, das ist's, was
mich begeistert! Engländer zu heißen, mein Herr, würde für mich einer
Erhebung in den Adelsstand gleichkommen, und mit wehmütigem Stolz
gedenke ich meiner Vorväter, die treue Diener der Stuarts waren und mir
doch kein Anrecht auf diese Heimat hinterließen, als meinen Namen und
einige unverfälschte Tropfen englischen Blutes. Machen Sie mich zum
Engländer, Herr, indem Sie mich für England arbeiten lassen, und Sie
werden sehen ...«
»^Well!^« Mr. Dalrymple fühlte Boden unter den Füßen und war offenbar
erleichtert. »Meine russischen Freunde sind des Lobes voll über Ihre
wissenschaftlichen Leistungen, mein Herr, -- gestatten Sie, daß ich die
Kupfer zu meinem neuen Werk, die soeben eingetroffen sind, Ihrem Urteil
unterbreite.«
Die beiden Männer vertieften sich alsbald an der Hand dieser Abbildungen
in ein Gespräch, bei dem George ein wenig das unheimliche Gefühl hatte,
daß seinem Vater auf den Zahn gefühlt werde, was dieser indessen nicht
zu bemerken schien und seine Kenntnisse mit bereitwilliger Fröhlichkeit
entfaltete. Nach einer Weile schlug Mr. Dalrymple mit zufriedenem
Gesicht die Mappe zu, und nach einem kurzen Blick auf das blaue
Emailzifferblatt seiner kugelförmigen goldenen Uhr sagte er, daß er nun
in eine Sitzung müsse, ob Mr. Forster etwa bereit sei, ihn zu begleiten?
Er würde einen Kreis von Männern antreffen, die nichts anderes als
willens seien, das Gute und Vortreffliche zu unterstützen, wo immer sie
es anträfen, -- kurz, es handelte sich um einen Besuch in der Loge »Zur
goldenen Gans«, eine der kostbarsten Tochterlogen der Großloge von
England, von der Forster zweifellos schon gehört hatte, -- hatte er etwa
nicht? -- und zu deren Aufsehern Dalrymple zu gehören sich schmeicheln
durfte. Ob Forster davon gehört hatte?! Aber hier stand er ja mit einem
Schritt am Ziel seiner Wünsche, am Ziel der Wünsche aller Pläneschmiede
und Projektenmacher seiner Zeit, und mochte man immer in Deutschland
noch vielfach die »Freymäurer« für Deisten und Libertiner, für
Independenten schlimmster Art halten, darüber war er denn doch hinaus,
vor allem, da er hier nicht als preußischer Prediger stand, -- und
überhaupt, gleichviel! Wenn er nur Hilfe und Unterstützung fand, -- und
waren die hier nicht jedem Strebenden gewiß? Ob man den Knaben mitnehmen
konnte? Aber nein, dies ging nicht an, und so wurde George angewiesen,
zu warten, ja Mr. Dalrymple legte ihm, unter der Tür noch einmal
umkehrend, ein Buch in die Hände, das George gleich an dem rauhhaarigen
Mann auf dem Titelblatt, der, strumpf- und schuhlos, aber mit zwei
Flinten und einem riesigen umgeschnallten Säbel bewehrt, auf einem
unverkennbaren Eiland fußend dastand, als eine englische Ausgabe des ihm
wohlbekannten »Robinson« erkannte. Da er von jeher keine große Vorliebe
für die ungemütlichen Schicksale dieses Helden gehabt hatte, legte er
das Buch auf den Tisch, sobald Schritte und Stimmen der Männer verhallt
waren, und nun blickte er sich im Zimmer um, und eine ganze Weile tat er
nichts anders als dies, daß er um sich blickte und, -- von Entzücken
überwältigt, -- lächelte.
Wie war das alles so über die Maßen schön und wunderbar!
Er hockte auf seinem Taburettchen an dem einen Ende des langen Tisches,
der in seiner Mitte, dort wo der hochlehnige Sessel mit der Stirnseite
zum Fenster gewandt davorstand, als Schreibtisch diente und auf
wohlumgrenztem Raum mit Schriftwerk aller Art, einem außerordentlich
schönen Schreibzeug aus Bergkristall und Gänsekielen in reicher Auswahl
bedeckt war, am entgegengesetzten Ende aber den Zweck eines
Zeichentisches erfüllte, auf dem Reißbretter, Zirkel und Winkelmaß nebst
den verschiedensten Farbennäpfchen und Fläschchen chinesischer Tusche
mit Pinseln, Papieren und Pergamenten sich breit machten, -- während auf
der ihm zugewandten Seite ein kunstvoller Himmelsglobus stand, von den
fremdartigsten Instrumenten umgeben, wie er sie wohl in der Kajüte und
in den Händen der Schiffer gesehen, aber nie in solcher Nähe vor sich
gehabt hatte. Dies war ein Kompaß und jenes da ein Sextant, er wußte es,
aber ihr Gebrauch war ihm doch mehr oder weniger rätselhaft. Und welche
Auswahl jener wundersamen Rohre, in deren Rund die Ferne sich einfangen
ließ, lag hier auf Purpursamt gebettet und funkelte sanft! Dicht vor ihm
stand ein solches Rohr aufgestellt, aber senkrecht gerichtet und ein
Glasplättchen unter sich, auf dem ein perlmuttern gefleckter
Schmetterlingsflügel lag, -- ein Mikroskop --, er kannte auch dies, und
das zweibeinige Ungeheuer am Fenster, das breitstelzig dastand und seine
Mündung auf die Wolken richtete wie ein Geschütz, mochte ein
Himmelsfernrohr sein, mit dem Dalrymple in den seltenen klaren Nächten
nach Mond und Sternen sah. An dem letzten Fenster ruhte eine gewaltige
Erdkugel von verschossenem Grün in einem tischhohen Gestell, vor dem
Kamin hing ein kunstvolles Schiffsmodell mit einer Menge winziger
drohender Kanonenrohre von der Decke herab, und dort, wo die Wände nicht
von Karten bedeckt waren, standen Regale mit Büchern gefüllt und von den
merkwürdigsten Gegenständen gekrönt, einer blendend weißen, wunderbar
verästelten Koralle etwa oder einem ausgestopften metallisch
erglänzenden Vogel von sonderbar jüdischem Aussehen, einer Blaurake, wie
er später vernahm. Auch gab es einen Glasschrank, der Erzstufen und
Kristalldrusen, aufgespannte lasurfarbene Schmetterlinge, rosige
ostindische Muscheln und dergleichen zu bergen schien, jedoch erhob sich
George durchaus nicht, um diese Merkwürdigkeiten näher in Augenschein zu
nehmen, sondern es genügte ihm vollkommen, hier zu sitzen, ganz an das
unerklärliche Behagen hingegeben, das dieser Raum auf ihn ausströmte.
Wohl, er kannte alle Gegenstände im einzelnen, kannte sie bis zum
Überdruß aus dem Petersburger Museum und hatte dieses und jenes
Instrument in den Studierzimmern der gelehrten Freunde seines Vaters
wahrgenommen, Arbeitsräumen, die gemeinhin verräucherte Höhlen waren, in
denen mehr oder weniger in ihrer äußeren Erscheinung vernachlässigte
Männlein lichtabgewandt hausten, wie syrische Anachoreten. Das Kabinett
des Vaters daheim mit den fichtenen Büchergestellen und dem wackligen
Stehpult fiel ihm ein, er sah den Schatten des Gaisblatts auf den
blankgescheuerten Dielen tanzen, sah ein kleines Geschwister dort
kriechen und danach haschen und sich sodann irgendwie unwürdig benehmen,
auch das Petersburger Quartier sah er vor sich, in dem ungemachte
Betten, Kleider, Bücher, Stiefel, Manuskripte und Tabakspfeifen ein
hoffnungsloses Durcheinander gebildet hatten, -- dies alles zog zum
Vergleich herausfordernd an ihm vorüber, und nur mit dem Erfolg, daß er
sich auch weiterhin nicht rührte, um sich blickte und lächelte. So mußte
es sein, ach ja, ganz so, und nicht anders, und hier mußte man am Tisch
sitzen gleich dem ruhmreichen Dalrymple, sauber und korrekt vom Scheitel
bis zur Sohle, ohne die geringste Vernachlässigung im Anzug, einem
Offizier mehr gleichend als einem Bücherschreiber, von elastischer
Straffheit in jeder zielbewußten Bewegung, eine Klarheit von Stirne,
Augen und dem Lächeln des Mundes ausstrahlend, die den wundervoll
geordneten und durchgebildeten Aufbau der inneren Welt verriet, wo alles
durchsichtig und gesetzmäßig lebte und arbeitete. Hier entstand kein
Gedanke, der sich nicht dem Ziel untergeordnet hätte, auf das Dalrymples
Arbeit just gerichtet war, und nichts war sicherer, als daß das Rad der
Tätigkeit in diesem gleichmäßig wachen Haupt nie stille stand, mochte es
auch zuweilen sanfter gehen, etwa nur von den Eindrücken eines
Morgenrittes im taufeuchten Hydepark, eines Abendganges am Flußufer, den
heimkehrenden Herden entgegen, oder auch allein von den lichtvollen
Traumbildern einer Nacht bewegt. In seines Geistes Fülle versenkt, doch
mit dieser Arbeit, dem Element seines Lebens, unmittelbar der Wohlfahrt
seiner Mitbürger dienend, ihren Handel und Wandel, wie er sich vor
seinen Fenstern tausendfältig und ameisenhaft entfaltete und abspielte,
fördernd, unsichtbar eingreifend, Richtlinien gebend und Ziele
verleihend, Englands Sohn mit Leib und Seele auch darin, daß er
seefahrtskundig sein Schiff mit eigener Hand durch die Meere zu steuern
verstand, -- doch auch dies nur zweckerfüllt und niemals aus dumpfer
Schwärmerei oder Abenteuerlust unternehmend --, siehe, da war das Ideal
des kleinen George Forster, wie es, ihm selber unbekannt und annoch in
sieben Schleier gehüllt in seiner Seele schlummerte, plötzlich Fleisch
und Blut geworden, trat vor ihn hin und lockte sein Spiegelbild hervor,
daß es dem Knaben vor Augen trat, freilich unklar wie aus beschlagenem
Glas. Es deuchte ihn eine fast unausdenkbare Seligkeit und doch das
einzig begehrenswerte Ziel, in einem Gemach gleich diesem hausen zu
dürfen, Besitzer zu sein solcher geordneter schimmernder Bücherreihen,
mit solchen blanken ernsthaften Geräten, in denen der erhabene Geist der
Mathematik sich in klaren einfältigen Formen offenbarte, rasch und
sicher hantieren, mit raschelnder Feder perlenschnurgleiche
Buchstabenreihen über reines körniges Papier ziehen und so ganz und gar
bis in die kleinste Einzelheit von Ordnung und Zweckmäßigkeit umgeben
sein zu können. Diesem Kinde hatte Arbeit das Spiel zu früh ersetzen
müssen; was Wunder, wenn seiner Art zu arbeiten lebenslänglich etwas von
der Methode des Spielens anhaftete, daß sie einer gewissen Verklärung
durch die Phantasie bedurfte, um fruchtbar zu sein, eines Anreizes in
der Gestalt ihrer äußeren Hilfsmittel, daß ihre Spannkraft im höchsten
Grade von Abwechselung abhängig war, -- ja, daß sie sich selbst zuweilen
mit ihrem Schatten, mit einer Absicht, einem Plan, einem Projekt
verwechselte? Gleichviel! Als George etwa eine Stunde allein in diesem
Heiligtum der Wissenschaft gesessen hatte, war er von dem schweigsamen
Geiste der Tätigkeit, der hier herrschte, so durchdrungen, daß er von
sich selbst gerührt war und ein so reinliches Gewissen in sich fühlte,
als habe er angestrengt gearbeitet, zugleich aber empfand er eine
inbrünstige sehnsüchtige Kümmernis, die sich uneingestanden aus
hoffnungsloser Verzweifelung, aus einem armen kleinen Neid
zusammensetzte.
Ein Kompaß lag vor ihm auf dem Tisch, die Magnetnadel unter einer
schwach gewölbten Scheibe von Bergkristall eingelassen in eine
handtellergroße sechseckige Bronzeplatte mit eingeritzten Ziffern, auf
die ein niederzuklappender Weiser mit seinem Schatten deuten mußte, --
eine winzige Sonnenuhr also, ein äußerst sauberes, zierliches,
handliches Gerät, das man in seinem Futteral von rotem Maroquin überall
bei sich tragen konnte, -- er widerstand der Versuchung nicht, es in die
Hand zu nehmen, und betrachtete es andächtig. ^Bion à Paris^ stand im
Halbkreis um den Kompaß herum zu lesen, -- ach ja, solche Gegenstände
galt es zu besitzen und sich ihrer unter freiem Himmel zu bedienen, --
er seufzte ein wenig und legte das Instrumentchen zärtlich auf den Tisch
zurück. In diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und ehe er es sich
versah, stand ein Kind in der Mitte des Zimmers, ein kleines Mädchen in
zierlich gerafftem lichtblauen Kleid, stockte bei seinem Anblick und
sagte in den ausdrucksvollsten Tönen: »^What are you doing here? In my
fathers room and in our house? How did you come in?^« Dabei blitzte sie
ihn mit empörten grünbraunen Augen an und hob eine große weiße
Angorakatze, die mit ihr gekommen war und ihre Knie umschmeichelte, mit
beiden Händen auf, es war nicht zu erraten, ob als Waffe und um sie
gegen ihn zu schleudern, oder um sich an dieses befreundete Wesen
anzuklammern, denn sie selbst machte eine ganz kleine Wendung zur Tür,
bereit, sich bei der geringsten verdächtigen Bewegung des Eindringlings
zurückzuziehen. George indessen, dem sein Englisch auf einmal
wegschwamm, war aufgesprungen, ließ die Arme hilflos hängen und
stammelte erschrocken eine deutsche Erklärung für seinen unbegreiflichen
Aufenthalt in diesem Heiligtum, die er gleich darauf, etwas gefaßter,
auf Englisch wiederholte, als er den ratlosen Ausdruck der jungen Dame
wahrnahm. Während dieser Erklärung, in der »^my father and Mr.
Dalrymple^« den festen Kern eines Knäuels verwirbelter Perioden bildeten
und die Wendung »^You know^« zur Ausfüllung von Verlegenheitspausen
oftmals wiederkehrte, begann das Kind zu lächeln, die rosige Wange in
das Fell des Tieres schmiegend, und sodann, auf ihn zutretend und mit
spitzen Fingerchen auf ihn deutend, sagte sie in hohen zwitschernden
Tönen: »Du bist kein Engländer, du, -- das bist du nicht!? Aber du
kommst nicht aus Indien wie Arya.« Hierauf, mit demselben Fingerchen
sein Gesicht berührend, die kleine Nase ein ganz klein wenig angeekelt
kraus ziehend, nachdenklich: »Was ist das? Was hast du da? Haben alle
Leute in deinem Lande so kleine Löcher in ihrer Haut?« Worauf George,
mit der eigenen Hand über seine pockennarbige Wange streichend, beschämt
eingestand, daß dieser beleidigende Anblick von einer Krankheit
herrühre, wobei er sich trostlos verhedderte, da ihm die nötigen
Ausdrücke fehlten und schließlich: »^Bad cough, you know!^« sagte, weil
dies im Grunde die einzige Krankheitsbezeichnung war, die er auf
Englisch wußte, da Mrs. Freeling an einem ^bad cough^ litt und ihre
Gäste einzig davon zu unterhalten pflegte. Er war äußerst peinlich
berührt und von einer nach Tränen verlangenden Erregung durchzittert,
darüber, daß dies fremde Mädchen ihn so ohne weiteres auf seine
körperlichen Mißstände anredete, zumal da es ihn nach seiner Erklärung
durchaus nicht mitleidig, sondern weiter mit kühler Neugier betrachtete,
wie ein ausländisches Tier. Jedoch ging nun plötzlich wieder jenes
Lächeln über ihr Gesicht, das tanzende Sternchen in die Augen zu zaubern
schien, und aus dem goldbraunen Geringel der Locken gleicherweise wie
aus den vereinzelten lustigen Sommersprossen in der zarten Haut, den
blaßroten Lippen und den weißen Zähnchen leuchtete; sie sagte
nachsichtig: »^You look like a little old man!^« drehte sich einmal auf
dem Absatz um, mit einer Handbewegung, die das ganze Zimmer vorstellend
umfaßte: »^Mr. Dalrymple is my father^,« und, wieder Aug' in Auge mit
ihm, schloß sie: »^And that's Pussy^,« wobei sie ihm die Katze mit
beiden Armen hinreichte und die Krallen des Tieres mit einem
ausdrucksvollen »^Don't, Pussy!^« aus dem Musseline ihres Kleidchens
löste. »Halte sie einen Augenblick! Ich werde dir etwas Komisches
zeigen.« Eilig lief sie zu dem großen Globus in der Ecke des Zimmers,
umspannte die Kugel mit beiden rundlichen Armen und versuchte sie aus
dem Gestell zu heben. »Nein, ich kann es nicht allein,« rief sie zornig,
»schnell, komm her und hilf mir. Aber so halte doch die Katze!« Und da
George nun ratlos dastand, denn er hatte die Katze losgelassen, um die
Hände frei zu bekommen, und Pussy zog sich eilig in die Nähe des Kamins
zurück, trommelte sie mit beiden Fäustchen auf den Globus, rief lachend
und aufgebracht: »^How funny a boy you are!^« und brachte es dann unter
Stöhnen und Prusten mit seiner Hilfe zustande, daß die große hohle
Kugel, auf der die Weltteile und Ozeane von Abbildungen der seltsamsten
Fabelwesen, wie von Einhörnern, Meerweibern und Seeschlangen bevölkert
waren, in die Mitte des Zimmers gerollt wurde. Nun hieß es: »^Try to
catch Pussy!^« denn Pussy hatte sich, entschieden ahnungsvoll, auf die
hohe Lehne eines der Kaminsessel zurückgezogen und beobachtete die
Vorbereitungen mit Mißtrauen, -- entwich bei der Annäherung der Kinder
von dort und schritt mit vorgetäuschter Würde und affektierter
Zierlichkeit über alle Geräte, Papiere und Bücher des Arbeitstisches
hinweg, raste sodann in einem Ausbruch von Verzweiflung in dem ganzen
Raum herum, wobei ihre Besitzerin vor Lachen umfiel, George aber seinen
ganzen Ehrgeiz entfaltete und sie griff, indem er ihr den Weg
versperrte. »^I have her, Miss!^« schrie er triumphierend, erntete ein
vor Lachen atemloses: »^Oh, how awfully funny! Don't call me Miss! I am
Evelyn!^« und nun ward das sich scheinbar in sein Schicksal ergebende
Tier, -- ein Kater übrigens, -- mit allen Vieren auf die Kugel gestellt.
Sofort begann es unbehaglich einen Fuß vor den anderen zu setzen, um
hinunterzugelangen, hierdurch geriet die Kugel in Bewegung, Pussys
Unbehaglichkeit steigerte sich zum kläglichen Miauen, er reckte den
Schwanz steil auf und, unentwegt weiter trippelnd rollte er auf der
Kugel durch den ganzen Raum, von Evelyn jauchzend umtanzt und von George
unter Staunen begleitet. Als nun wiederum jemand eintrat, und zwar
diesmal eine hagere ältliche Dame, die von seinem Anblick ebenso
überrascht schien wie Evelyn vorhin, hatte er doch bereits genug
Unbefangenheit gewonnen, um auf des Kindes vergnügte Einführung seiner
Person: »^Only listen, Miss Jones!^« und zu ihm gewandt: »^Now tell her
that of Mr. Dalrymple and my father!^« eine leidlich wohlgesetzte
Erklärung seiner Anwesenheit fertigbringen zu können, die zwar Evelyn
enttäuschte (»^You told it otherwise and much more funny last time!^«),
jene würdige Dame aber hinreichend befriedigte. Er wurde nun mit ins
Wohnzimmer genommen, er bekam Tee mit geröstetem Brot, Butter und
Marmelade, er mußte der Miß von Deutschland und St. Petersburg
berichten, wozu sie abwechselnd »^Awfully!^« oder »^How strange!^« sagte
und gelegentlich seine Sätze verbesserte. Evelyn jedoch setzte ihm drei
Puppen auf den Schoß und erklärte ihn zu deren Großvater, -- denn der
Vater sei nun einmal Pussy, von jeher, und könnte doch nicht abgesetzt
werden! --
* * * * *
Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß das Leben eines jeden Menschen
in seinem Verlauf Strecken aufweist, die, obschon durch Jahre getrennt,
einander doch seltsam ähneln, weniger ihrem Inhalt als ihrem äußeren
Rhythmus nach. Als der Vater mit ihm in Warrington nahe bei Manchester
angelangt war, wo er am Predigerseminar die Stelle eines Lehrers für
Naturgeschichte und Sprachen angenommen hatte, -- als sie dort ein
kleines Haus inmitten eines Gärtchens voller Stockrosen und
Stachelbeeren bezogen hatten, -- als schließlich die Mutter mit den
Geschwistern angelangt war, und sie sich nun alle mitsammen, da der
Winter ins Land zog, eng aneinanderschlossen, der Kälte und der Fremde
Trotz boten und sich gegenseitig zur Heimat wurden --, da schien es
George anfangs, als steige verjüngt und verklärt die erste Zeit seines
Lebens wieder herauf. Dem Himmel sei Dank, man war nicht nach Amerika
gesegelt, um dort ein gewisses gottverlassenes Gebiet näher zu
untersuchen, wozu Lord Baltimore die nötigen Mittel herzugeben bereit
war, denn dieser Würdenträger schien besonders neugierig auf die
Verhältnisse in jenem Landesteil. Man hatte auch auf die Pfarre
verzichtet, die Lord Shelburne in Persacole, einem äußerst idyllischen
Ort, zu vergeben hatte, jawohl, man tat sich nicht wenig auf seine
Grundsätze zugute, ließ sich nicht ein auf ein nicht ganz fest
gesichertes Unternehmen, -- (»war nicht die Schachfigur irgend so eines
Großen, verstehst du, mein Sohn!«) und machte sich nicht noch einmal im
Leben zum Schuhputzer eines Patrons, indem man den Büttel im
Predigerrock darstellte (»jawohl, denn darauf kam es doch schließlich
heraus!«). War es auch etwas Entzückendes um das Entgegenkommen all
dieser Brüder im Geiste der Loge, man hatte doch seine persönliche
Freiheit zu wahren, (dies war der neueste Standpunkt), und letzten
Grundes wollte man sich nicht festlegen, weil Mr. Dalrymple da einige
Andeutungen gemacht hatte, -- einige ganz unverbindliche Andeutungen ...
Kurz und gut, Reinhold Forster schied von London, nachdem er Mitglied
einer Loge geworden war und auf die »Vereinigung aller Guten zum Guten«
schwur. Jedoch, so ausgiebig er die Grundsätze der Verbindung in seiner
Unterhaltung anbrachte, die Gleichheit aller Menschen vor dem höchsten
Gesetz war ihm keineswegs in Fleisch und Blut übergegangen und er, für
sein Teil, bewahrte seit den Petersburger Erfahrungen ein dumpfes
Mißtrauen gegen die, die er »die Großen« nannte, war auf seiner Hut und
würde sich nicht noch einmal übertölpeln lassen. Leider drang ihm dies
Bewußtsein seiner Überlegenheit dermaßen aus allen Poren, daß er
allerlei Anstoß damit erregte, worüber er sich wiederum nicht wenig
wunderte, da er sich für außerordentlich diplomatisch hielt. Auf George
hatte die Schilderung der freimaurerischen Gebräuche und Feierlichkeiten
einen tiefen und beseligenden Eindruck gemacht, und es erhöhte den
Zauberschein, der Mr. Dalrymple in seiner Vorstellung umgab, noch
bedeutend, daß dieser in seiner Loge ein Ehrenamt bekleidete und somit
von priesterlicher Würde umflossen war. Im stillen hatte er es sich fest
vorgenommen, seinerzeit die kleine Evelyn zu heiraten und als demütiger
Famulus um Dalrymple herum zu leben, betraut mit der Instandhaltung der
Instrumente und dem Kolorieren von Landkarten, auch mit Schreibarbeiten,
die er besonders künstlich und schön auszuführen gedachte, wenn er dabei
nur in jenem unvergeßlichen Raum leben durfte, -- aus dem er übrigens
Pussy verbannt wissen wollte. Dies Ziel vor Augen begann er seinen Weg
mit einer ersten Ahnung von Bewußtheit zu gehen. Es war ein Jammer, daß
der Vater Mr. Dalrymple so wenig glich, daß er so gar keinen Wert auf
Akkuratesse und Pünktlichkeit legte und trotz seiner Vorliebe für ein
elegantes Auftreten, oder vielmehr einer Neigung für das Bunte und
Prächtige, sein Äußeres vernachlässigte, wenn man nicht auf ihn achtete.
Er, George, begann jetzt, seinen eigenen Sinn für peinliche Ordnung
wie ein Steckenpferd zu pflegen und erzielte unter seinen
Gebrauchsgegenständen, seinen Büchern, Papieren und Schreibgeräten eine
ihn selbst entzückende Nettigkeit, die sich auch auf seine Kleider und
Schuhe erstreckte und so weit ging, daß er aufgebracht wurde, wenn die
Mutter sich dieser Dinge wieder annehmen wollte oder gar Fieken, die
während der Trennung etwas, wie ihm schien, aufdringlich
Hausmütterliches angenommen hatte. Die Mutter, immer noch in der ersten
bitteren Ergriffenheit von seinem Anblick, da sie ihn so gewachsen,
abgemagert und mit einem Schatten von stillem, grauen Ernst auf dem
schmal gewordenen Gesicht wieder gefunden hatte, ließ ihn gewähren und
meinte in diesem ihrem ersten Kinde ihr eigenes Herz zu erkennen, wie es
sich in den vierzehn Jahren ihrer Ehe aus kindlichem Lebensvertrauen in
die stumme Ergebenheit des Dienenmüssens geschickt hatte. In den ersten
Tagen nach ihrer Ankunft geschah es einmal, daß sie in der Dämmerung des
Oktoberabends mit ihm allein war, oder doch wenigstens ohne den Vater
und die größeren Geschwister. Sie saß am Fenster, mit dem Jüngsten auf
dem Schoß, und blickte tödlich erschöpft in den erlöschenden Herbsttag,
ohne einen anderen Gedanken als den der Dankbarkeit, daß sie nun festen
Boden unter sich fühlte und nicht mehr den schwankenden des Schiffes
oder der Postkutsche. Daß sie das nun hinter sich hatte, Sturm und
Wellen, Kattegatt und Skagerrak, sie allein mit den fünf Kindern! Mein
Gott, sie schauderte immer wieder unter einem Rückkehren der
körperlichen Angst dieser letzten Wochen und lächelte matt und erlöst zu
George auf, der schon eine Weile an ihre Schulter gelehnt neben ihr
stand, ohne sich zu rühren. Jetzt glitt er nieder und kniete vor ihr,
Augen und Hände scheinbar mit dem Kleinen beschäftigt, dessen Fingerchen
er festhielt. Dann aber begann er über das Kleid der Mutter hinzutasten,
zögernd und ungeschickt, als begrüßte er die bunten Streublümchen in dem
braunen Perkal alle einzeln, und nun faßte er nach dem Medaillon aus
dünnem Golde, das ihr an einem Sammetband um den Hals hing, und das, er
wußte es, ein Löckchen von ihm selbst aus seinen ersten Lebensjahren
barg. »Ach, -- auch das ...« murmelte er und schlug plötzlich die Augen
voll zu ihr auf, die im nächsten Augenblick von Tränen überflossen,
während er das Gesicht an ihre Knie drückte, ihren Schoß mit beiden
Armen umspannte und so krampfhaft schluchzte, daß sein ganzer Körper
bebte. Sie, erschrocken, und doch nicht unvorbereitet auf diesen
Ausbruch, legte die Linke auf seinen Kopf, -- die Rechte umfaßte und
hielt den kleinen Christian --, und so, ihn ab und zu sanft streichelnd,
sagte sie nichts weiter als: »Georgie, -- mein Georgie ...« in einem Ton
hoffnungsloser Ermüdung, in dem aber mehr Zärtlichkeit und Verständnis
lagen, als mit vielen Worten sich hätte ausdrücken lassen. Endlich, als
das Weinen verebbte und seine Arme sich ein wenig lösten, wandte sie den
Blick vom Fenster zu ihm und sich über ihn neigend, selbst
aufschluchzend in einer Wallung von Gram und Zorn, fragte sie mit rauher
Stimme: »Hat er dich geschlagen, oft geschlagen, mein Kind?« -- und fuhr
dann fort, ihn stumm zu liebkosen, indem sie den Oberkörper hin und her
wiegte und mit einem Ausdruck unsäglicher Bitterkeit über ihn weg ins
Leere blickte. --
Während harter, trockener Arbeit, die ihn an sein Tischchen in der
Fensternische des großen Wohnzimmers spannte wie einen Ackergaul vor den
Karren, -- hier saß er gebückt und übersetzte, er, der zwölfjährig sechs
Sprachen beherrschte, -- da war es doch gut, war tröstlich, draußen die
Mutter hantieren zu hören und den gleichmäßigen Verlauf häuslichen
Lebens um sich zu spüren! Wie hätte er wohl sonst dies ausgehalten, dies
Nachbauen großer systematischer Werke mit einem anders gefärbten
Material, aber so, daß Stein um Stein sich deckte, daß ein Gebäude
entstand, dem Vorbilde aufs Haar gleichend, in jedem Türmchen und
Eckchen, in jedem Geräte der Einrichtung, -- oh, dies beständige Hin-
und Herblicken von Buch zu Buch, dies Vergleichen, dies Abwägen der
Worte, -- und was dann endlich vor ihm lag, war nichts Neues, war ewig
wieder dasselbe, was schon einmal dastand. Indessen wußte er jetzt, daß
es ein Hilfsmittel gab, solche Arbeit erträglich zu machen, es war eine
rastlose geduldige Hingabe an die Genauigkeit und Buchstabentreue, an
der er sich erbauen konnte, wie an der rechtwinkligen Aufstellung seiner
Bücher und Geräte oder an dem tadellosen Anblick einer fertigen
Manuskriptseite. Hier war er seiner selbst sicher, keinen Anfechtungen
und Zufällen ausgesetzt wie beim Unterrichten der Geschwister oder der
englischen Knaben in jener Schule, die er dreimal wöchentlich mit
größter Überwindung betrat und mit dem Gefühl bitterster Demütigung
wieder verließ, halb ohnmächtig von der Anstrengung, die ihn das
Aufrechthalten seiner Würde, das Übersehen und Überhören des Spottes
seiner Schüler und die reinliche Erfüllung seiner Pflicht kostete.
Gleichzeitig war er von Hunger geschwächt, der ihn in diesen Jahren zu
überfallen pflegte, wie ein reißender Wolf, denn sein Körper streckte
sich nun und befand sich in fortwährendem Aufruhr gegen die Lebensweise,
der er unterworfen wurde. Dann führte ihn sein Heimweg an jener
Bäckerbude vorüber, -- ach nein, -- er führte gar nicht daran vorüber,
aber man konnte doch durch jene Straße gehen, wo sie sich befand,
magisch anziehend mit dem stillen Glanz ihres Schaufensters, hinter dem
die leckersten Apfel- und Fleischpastetchen lagen, während ein
köstlicher warmer Duft nach frischem buttrigen Gebäck das ganze Gebäude
umwitterte. Er würde vorbeigehen, dies war ihm meist zwei Schritte von
der verhängnisvollen Türe entfernt noch ganz klar, gewiß, er würde nicht
erliegen, -- nicht einmal die Augen wollte er der Versuchung zuwenden,
-- ach, warum war er überhaupt durch diese Straße gegangen? Und welche
Gewalt war es, die ihn dann hinriß, eine scharfe Biegung auf die Türe zu
zu machen und sie aufzustoßen? Manchmal gelang es ihm, vorüberzukommen,
aber nach zehn Schritten kehrte er dann um und lief beinah zurück, mit
wässerndem Munde und die Faust in der Tasche um ein armes kleines
Geldstück geballt, manchmal auch ging er rasch, aufrecht, mit trotzig
vorgeschobener Unterlippe auf den Laden zu, und das meist, wenn er gar
kein Geld hatte und darauf rechnete, daß die Bäckersfrau ihm auf den
Namen und Stand seines Vaters hin Kredit geben würde. Hierauf konnte er
es kaum erwarten, den stillen Heckenweg zu erreichen, wo er die Tüte
öffnen und hastig und gierig über die Kuchen herfallen konnte, die er
verschlang, ohne recht zu kauen, atemlos, während ihm Tränen aus den
Augen liefen und er nur den letzten mit zögernder Andacht verzehrte. Da
nun der Hunger gestillt war, überkam ihn die schrecklichste Reue, wie er
dermaßen habe schwelgen können, ohne der Mutter und den Geschwistern, --
nicht allen, aber Friederiken etwa, der zweiten Schwester, die er
liebte, -- etwas abzugeben; er schämte sich fast zu Tode und mußte sich
doch von Zeit zu Zeit noch den Mund lecken, indem er langsam nach Hause
ging. Diese Sündenfälle wiederholten sich zu seiner Verzweiflung immer
wieder und sein Schuldkonto wuchs. Eines Tages ereignete es sich, daß
die dicke Bäckersfrau, nachdem sie eine Weile mit mürrischem Gesicht und
angelecktem Daumen in ihrem Rechnungsbuch geblättert und mit der
Stricknadel Zahlen zusammengezählt hatte, sich unter ihrer Haube kraute
und erklärte: »^You must pay me first, Master!^« und wenn nicht anders,
müsse sie sich an den Herrn Vater halten. Worauf sie das Buch zuklappte
und hinter George drein die Nadeln klirren ließ. Er schlich mit
hängenden Armen aus dem Dufte der Pastetchen, von so viel Härte wie von
einem Schlag ins Gesicht getroffen, -- einer Härte, die er im Grunde als
berechtigt anerkennen mußte; es hatte so kommen müssen, er hatte es ja
genau gewußt und hatte doch wie ein Blinder darauf los gesteuert. Der
Schweiß brach ihm aus, während er mit äußerer Fassung dahinging; er rang
nach Atem und fühlte sich von körperlicher Angst durchrieselt, -- hier
ging er, ein Verworfener, ein Verschwender, -- »verbrachte sein Gut mit
Prassen!« fiel ihm ein, -- und nun, in dem stillen Heckenweg, dem Zeugen
so vieler Sünden, angelangt, rang er buchstäblich die Hände. Die Folgen
seines Tuns waren ihm schrecklich klar, Zornesausbrüche und Schläge
seitens des Vaters, stille Tränen der Mutter, -- dies alles aber war
nicht so quälend wie die innere Überzeugung, es nicht besser verdient,
die Erkenntnis, sich miserabel benommen zu haben, so, wie er es nie und
nimmer von sich erwartet hatte, und daß andere nun Zeugen dieses
Zusammenbruchs werden sollten! Er hatte nicht mehr gebetet, seit jenem
Tag auf der »Mütterchen Elisabeth«, seit jenem betretenen »Du weißt es
also noch nicht, mein Sohn« des Vaters, -- nicht etwa aus
Prometheustrotz, sondern die Gewohnheit war von selber eingeschlafen, er
hatte sich ihrer begeben aus einer Erschöpfung der Hoffnungskraft
heraus, die einer schweren Erkrankung, einer seelischen Lähmung
gleichkam, -- jetzt in diesem Augenblick war zum erstenmal ein
gespanntes Gefühl stark genug, das angestaute Eis zu durchbrechen, die
innere Vergletscherung aufzutauen: er betete, er schrie und flehte
stumm, aber heiß und stürmisch mit aufgehobenen Händen um Errettung,
weniger vor der Strafe als vor der Demütigung, gelobte, zu einem jungen,
blühenden Kirschbaum als einem Vertreter Gottes aufblickend,
Selbstzucht, Reinheit, Enthaltsamkeit, geriet ins Schluchzen,
umklammerte mit den Händen die eigene schmale, tobende Brust und lehnte
an einem Zaun, um sich auszuweinen, jetzt schon erhört sich wähnend,
einfach durch die Linderung, die er nach diesem Ausbruch im Herzen
verspürte. Langsam nach Hause wandelnd, geriet er in eine sanfte,
traumhafte Stimmung, empfand Vogelruf und Baumesblüte, lichtblauen,
wolkendurchschimmerten Himmel und fächelnden Wind mit erstauntem Glück
wie unerwartete Zärtlichkeit, fand, sich noch einmal ungern an den Grund
seines Kummers erinnernd, daß er längst beschlossen habe, der Mutter
alles zu beichten, und gab sich dann ganz einer neuen schwärmenden
Seligkeit hin, die sein aufgepflügtes Herz hervorgehen ließ wie
kindliche Saat. Er war schon in die Straße eingebogen, an deren Ende
sein Ziel war, aber immer noch heiter und sorglos schreitend, von
unbekanntem Leichtsinn getragen, versuchte er eine Pfütze zu überhüpfen,
die er sonst wohl umwandelt hätte, und natürlich trat er hinein und
blickte ein wenig bestürzt und ernüchtert nieder auf das schwerfällige
linke Bein, dessen stramm sitzender grauer Strumpf mit Schmutzspritzern
bedeckt war, während der stumpfe Schnallenschuh einen betrüblichen
Gegensatz zu seinem blanken gepflegten Bruder darbot. Nachdenkend, ob es
wohl gegeben sei, das Schnupftuch hier anzuwenden, durchzuckte es ihn
plötzlich von den Augen zum Herzen, daß ihm das Blut einen Augenblick
stockte, und aus dem Schlamm einer Wagenspur hob er mit bebenden Fingern
auf, was golden dort blinkte, hielt es, lächelte verwirrt, zog nun
wirklich das Schnupftuch, rieb und putzte, ging dabei weiter wie ein
Schlafwandelnder, stand wieder still und starrte auf das kleine blanke
Ding in seiner Hand, das nicht verschwand, sondern dalag und glänzte,
sich erwärmte und sich ihm zum Eigentum gab: »O mein Gott,« dachte er
mit versagenden Worten, »wahr und wahrhaftig!« Es war eine Guinee. --
Da war er nun erhört, auf eine recht greifbare Art erhört, dermaßen
erhört, daß ihm der Segen den Schädel fast einschlug, und er sich
zunächst gar nicht zu sammeln vermochte. Er dachte seltsamerweise
zunächst an einen silbernen Fingerhut, den die Schwester Friederike sich
wünschte, und daß er ihn nun kaufen und ihr mitbringen könne, dachte an
ein kleines ausgezeichnetes Federmesser für sich selbst, dessen er
entschieden bedurfte, und dazwischen natürlich immer wieder an die
Bezahlung jener Schulden, aber gar nicht so, als habe der Himmel ihm
dies Goldstück nur eigens zur Errettung aus dieser Not und in
Beantwortung seines Hilfegeschreis in den Schoß geworfen. Er empfand
dunkel ein Mißverhältnis zwischen dem Rausch gelösten Gefühls von vorhin
und dieser glatten Erledigung aller Schwierigkeiten, ja, er war beinahe
geneigt, diesen Fund für einen glücklichen Zufall und nichts anderes zu
halten, denn er hatte seine Erhörung dahin, sie hatte einzig in der
wundervollen Erleichterung seines Herzens nach dem Gebet gelegen. Wenn
er nun betroffen innerlich Dank stammelte, so geschah es keineswegs mit
dem Jubel des von Gott mit Gnade Überschütteten, sondern
pflichtschuldigst. Ein leiser Widerschein der ersten Seligkeit kehrte
zurück, als er Friederiken sein Geschenk überreichte und das Aufleuchten
ihrer Augen sah; übrigens geschah dies heimlich vor den anderen und
selbst vor der Mutter. Er vertraute der Schwester sein ganzes Erlebnis
an, sah auf ihrem beglückten kleinen Gesicht alle Schattierungen des
Mitleids und des Staunens wechseln, wurde von ihr gestreichelt und sogar
ganz schüchtern geküßt und empfand männliche Rührung, teils über sich
selbst, teils über den Eindruck, den er hervorrief. Mit diesem Tage war
in seiner Brust etwas gelockert, er gab sich von nun an gern solchen
Rührungen hin und suchte sie sogar auf, er betete, rein um des Betens
willen, und war oft recht untröstlich unglücklich, ohne zu wissen warum.
Viel Zeit zu solchen Ergriffenheiten hatte er nicht, so vertrieb er sich
des Abends im Bett die Zeit mit ihnen, wie einst mit den grausigen
Spielereien, die das Labyrinth betrafen, an die er jetzt gewissermaßen
anknüpfte, indem er sich _Gott_ in den Mittelpunkt der Irrgänge gebannt
vorstellte und _seine_ Stimme dort hörte, nicht schaurig rollend, wie
die des Minotauros, sondern stark, schwingend und summend, in einer
Harmonie, deren Süße ihm den Brustkasten vibrieren ließ. Sich zu ihm
_hinzubeten_, das war's, was es jetzt galt, und er betete zielvoll,
inbrünstig, bis zum körperlichen Taumel, bis zur Betäubung. Friederike
ward mit in diese Ekstasen hineingerissen, nur, daß es ihr oft schwer
fiel, zu warten, bis das gesunde laute Atmen von Sophie und dem Bruder
Karl verriet, daß diese beiden, einer Teilnahme an dem Geheimnis nicht
Gewürdigten, eingeschlafen waren: sie ward müde, die kleine Friederike,
und gab keine Antwort mehr, wenn er endlich flüstern konnte: »Wachst du,
Riekchen?« --
Beim Vater fand er keinerlei Nahrung für solche Übungen, Herr Forster
hatte sich nun vollends gehäutet und wies nirgends mehr ein Kennzeichen
des preußischen Predigers auf, wenn er sich schon stets nach dem
Grundsatz richtete, daß ein Weltmann allezeit die Gefühle seiner
Umgebung schonen müsse. Indessen ging ihm denn doch die Freiheit des
Denkens über alles (und nebenbei war der Zwang der regelmäßigen
Lehrstunden im College wahrhaftig recht lästig!), und so hatte er sich
bald mit dem Rektor Sullenham und dem Reverend Holliday, seinen
unmittelbaren Vorgesetzten, gründlich überworfen, -- Fragen des
naturwissenschaftlichen Unterrichts gaben den Anlaß, welche die Herren
in den wolligen Perücken auf biblischer Grundlage, Herr Forster indes im
Sinne der Aufklärung behandelt haben wollte. Er zog sich aus dem College
zurück, blieb jedoch trotzig in Warrington und begann eine freie
Lehrtätigkeit, deren Aufblühen ihn hauptsächlich im Hinblick auf die
Bekniffenheit des ehrwürdigen Holliday zu freuen schien, dessen
Privatstunden nicht eben überlaufen waren. Daneben entfaltete er einen
in der Tat unermüdlichen Eifer im Übersetzen von Reisebeschreibungen,
und nacheinander schleppte er George mit sich nach Indien, an den
Mississippi und nach Cumana in Südamerika, wobei der Knabe,
hineingerissen in das rastlos arbeitende Räderwerk dieser brutalen
geistigen Maschinerie, die keine Erschlaffung kannte und auch bei andern
nicht anerkannte, Handlangerdienste zu leisten hatte und diesem
unerschrockenen Reisenden auf den Spuren von Kalm, Osbeck, Bossi und
Löffling atemlos im Urwald der Vokabeln Bahn hieb. Es war wahr, der
Vater war wieder von der stürmischen Tatkraft vergangener Jahre beseelt,
und die Zeit der Gebrochenheit schien George ein peinlicher Traum zu
sein, so völlig stand er von neuem unter dem Eindruck der Berechtigung
der ungleichmäßigen, aber immer heftigen Lebensäußerungen seines
Erzeugers, und war eins in dem Eifer stummer Botmäßigkeit mit der Mutter
und den Geschwistern. Hingen sie nicht von ihm ab, säugte er sie nicht
an seinem Busen wie der Riese im Märchen? Saßen sie nicht auf der Straße
ohne ihn? »Nun -- nicht wahr?« -- majestätisches Augenrollen um den
Tisch herum. Hinzufügung: »Auf der Straße hier im wildfremden Lande!«
Also! Und somit gerechtfertigte Besitzergreifung der beiden letzten
Hammelrippchen auf der Schüssel -- »Du warst doch satt?« -- zur Mutter
gewandt. Aber wie sollte sie anders! Übrigens gab es zwei
Persönlichkeiten im Hause, die bei solchen Gelegenheiten mürrisch wurden
und ihre Verstimmung unverhohlen zur Schau trugen, die Schwester Sophie
nämlich und den Bruder Karl, -- ja, es war erstaunlich und unerhört,
aber diese beiden widerstanden ihm mit Worten und Werken, und
sonderbarerweise ernteten sie nicht nur weniger Kopfnüsse als die andern
Kinder, sondern wurden gewissermaßen als ernst zu nehmende Gegner
angesehen, über die er sich zuweilen heimlich bei Frau Justine beklagte.
Fieken, ja, das war ein ganz gefährliches Kind, egoistisch und obstinat
nannte er sie, und der kleine Karl war gefräßig und futterneidisch, war
so etwas wohl erhört!? Hier habe die Edukation einzugreifen, sagte er
vorwurfsvoll, und zog sich zurück, nachdem seine Frau demütig und
erschrocken alles versprochen hatte. Nun hatte sie wieder ein paar Tage
damit zu tun, daß sie die Kinder innerlich vor ihm verteidigte, mit der
Frage: Woher hatten sie's denn, dies Wesen, -- etwa von ihr? Und welches
andere von den Kindern war ihm so ähnlich wie Fieken, -- sah er das
nicht selbst, und konnte er sich in dem kleinen Karl nicht spiegeln?
Doch hielt sie solche Gedanken für schwere Anfechtungen und fast schon
für Übertretungen des sechsten Gebotes. Zu ihm aufsehend vergaß sie
Heimweh, Unzufriedenheit und Ermüdung; er war der Herr und sie sehr
schwach und unwürdig. Bitterkeit war Sünde, -- mein Gott, daß sie auch
immer wieder da hinein verfiel! Und sie beugte sich über ihre Arbeit,
sie schaffte von früh bis tief in die Nacht, die Kleinsten wärmten ihr
Herz, Fieken unterstützte sie auf rauhe aber tatkräftige Weise, mit
George aber und Riekchen lächelte sie manchmal mitten unter Tags, als
tauschten sie ein heimliches Zeichen. --