EIN LEBENSLAUF AUS DEM
18. JAHRHUNDERT
[Illustration]
1922
VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS
JENA
Einband, Titel und Vignetten zeichnete
Alphons Wölfle
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen,
vorbehalten. Copyright 1922 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
Meiner Mutter
und dem Andenken meines Vaters
gewidmet
Erster Teil.
König Minos
[Illustration]
[Illustration]
Hinterher dachte George freilich, es wäre besser gewesen, den Mund zu
halten und die neu erworbene Kunstfertigkeit entweder schnell zu
vergessen oder sie nur auszuüben, wenn »Er« ferne war, -- etwa wie das
Schaukeln auf dem Wiesengatter, das George liebte und das »Er« des
Quietschens wegen streng verboten hatte. Aber wie hätte er, der kleine
George, hier an üble Folgen denken sollen? Unbefangen führte er sein
neues Können der Mutter vor, und Frau Justine mußte sich doch zu jemand
aussprechen, der das Ereignis besser in seiner ganzen Erstaunlichkeit zu
würdigen wußte, als der Wunderknabe selbst; dieser war nämlich in der
Stunde der Offenbarung seiner selbsterworbenen Fähigkeit genau so
rundäugig, gelassen und freundlich, wie vorher. Er hatte nun den Sinn
der sonderbaren Bilder auf den breiten Rücken der dicken
Schweinslederschwarten in Vaters Kabinett ergründet, -- Bilder, die
eigentlich keine Bilder waren, indem sie einzig nur sich selber glichen.
Er kannte sie, seit er begonnen hatte, auf dem Fußboden herumzurutschen,
er war ihren eigensinnigen Gestalten mit dem Fingerchen gefolgt und
hatte Gemeinschaft mit ihnen gehabt, denn sie gefielen ihm und er war
angenehm davon berührt, ihnen stets von neuem zu begegnen, wie sie sich
gesellig zusammen anfanden, immer die gleichen, aber nach geheimen
Gesetzen der Anziehung jedesmal anders gemischt. Etliche waren wie Tiere
mit festgestemmten Beinen und steilgereckten Schwänzen; andere
dickköpfig und menschlich; viele waren nur wie eine freundliche,
erstaunte oder einladende Gebärde, eins war wie eine brennende Kerze und
zwei von liebenswürdiger Brezelgestalt. Gewissen Lieblingen hatte er
bald eigene zärtliche Namen verliehen, so gab es ein »Pilzchen« und ein
»Tönnchen«, ein »Kugelrund« und einen »Butterkringel« unter ihnen. In
manchen Fällen bildeten sie Familien mit einem Vater oder einer Mutter
an der Spitze und einer Schar angereihter kleiner Kinder im Gefolge, die
dann alle einzeln benannt werden mußten. Einen liebte er gar nicht,
einen bösen Zickzack, der ihn anzuzischen und ihm ins Gesicht zu
springen schien, der hieß »Zetermordio«, -- wie konnte er anders heißen?
Dies war das Wort voll Angst. Allen aber wohnte eine seltsame Gewalt
inne, der das weiche Gehirn des Knaben willig erlag, der Wucht nicht
widerstrebend, mit der sie sich ihm einstampften. Dann kam er dahinter,
daß auch die großen Leute Beziehungen zu diesen Gestalten hatten, die da
in Schwarz oder Gold so regungslos verharrten und doch bedeutungsvoller
schienen als die blanken Nägelköpfe an Vaters Lehnstuhl, oder die
Tressen an seinem eigenen Sonntagsröckchen, oder die Mundtasse der
Mutter, -- denn auch diese Dinge, wie alles in der Welt, hatten ihr
eigenes Gesicht. Ja, der Vater wußte ebenfalls Namen für Pilzchen und
Tönnchen, er redete Pilzchen mit T an, und Tönnchen mit U, zu Kugelrund
sagte er O, und B zu Butterkringel. So ging es fort und war des
Aufmerkens wert, wie alles, was die große Stimme dieses Vaters über den
kleinen Kopf des Sohnes hindröhnte, -- wenn George sich auch seine
eigenen Bezeichnungen vorbehielt, ohne viel Geschrei darum zu machen.
Immerhin lehrte ihn der Vater nach seinem Verfahren ein neues
erheiterndes Spiel, indem er ihm an einem Winterabend einen ganzen
Aufmarsch der stummen Freunde auf ein Blatt Papier malte, einen nach dem
anderen deutlich benennend und diese Namen, an und für sich nichts auf
der Welt bedeutend als sich selbst, mit seiner Stimme verbindend und
zusammenziehend, daß sie plötzlich nicht mehr da waren, untergegangen in
einem Neuen, einem Wort, einem ganz bekannten Wort, -- einem
Menschennamen: George! Der nächste Aufmarsch in dieser besonderen Weise
aufgerufen ergab Forster und in der Folgezeit saß der kleine George
Forster manchmal grübelnd über dem Blatt, das er in seine Schatzecke
geschleppt hatte, wo er alles aufbewahrte, was ihm irgend belangvoll
erschien, neben Kastanien und Schneckenhäusern auch mancherlei Abfälle
vom Schreibtisch seines großen Vaters, abgenutzte Gänsekiele, winzige
Stückchen Siegelwachs und leider auch einen Schlüssel, von dem er wohl
wissen konnte, daß sein Erzeuger mindestens ebensoviel Wert auf seinen
Besitz legte, als er selber, denn er hatte der Suche nach diesem
Gegenstand, die in ein verzweifeltes Familienspiel ausgeartet war, mit
nachdenklich in den Mund versenkten Daumen beigewohnt. Durch fortwährend
wiederholte Vertiefung in die aufgemalte Zauberformel, -- durch
unwillkürliches Vergleichen mit anderen Buchstabenreihen, -- auf dem
Wege unermüdlichen blinden Herumtastens des führerlosen zarten Geistes,
-- unerklärlich im letzten Grunde, -- war es auf einmal reif gewesen,
das Wunder, und George, noch nicht fünf Jahre alt und in seinem roten
Kittelchen auf dem Schemel zu Frau Justinens Füßen sitzend, las seiner
Mutter aus einem zu Boden gefallenen Buch einen Satz vor, eine Zeile,
die sich in seiner ungeschickten Betonung für immer in das Gedächtnis
der Frau einprägte:
»Doch mir sinket die Hand, die Geschichte der Wehmut zu enden ...«
Als sie sich dann fast bebend zu ihm niederbückte und andere Seiten
aufblätterte, gab er bereitwillig neue Proben seines Könnens, ja, er las
sogar ohne Stocken nur mit einem gewissen behutsamen Beschleichen dieser
schrecklich fremden Wörter das Titelblatt ab:
»D--e--r M--e--ss--ias, ja, der Messias, -- ein Heldengedicht!«
In diesem Augenblick war »Er«, der Vater, dazugekommen, die Mutter hatte
gelacht und geweint, nun, und da war es eben herausgekommen, dies, aus
dem er allerdings nicht lange ein Geheimnis hätte machen können, was er
auch gar nicht beabsichtigt hatte; denn wußte er denn, was es für Folgen
haben würde?
Die nächste Folge war die, daß sich der kleine George mit diesem
Augenblick, dem Frauengemach, -- das hieß hier: der Küche, dem Stall und
dem Garten, -- hieß: der ständigen Gesellschaft der leisen, lächelnden
Mutter und der wuseligen kleinen Schwestern, -- entrückt sah und sich
einbezogen fand in den Kreis der männlichen Kraft des Hauses, das hieß:
nicht nur geduldet in dem Kabinett des Vaters, sondern dringend
genötigt, die schönsten Stunden des Tages daselbst zuzubringen,
gewürdigt der steten Gegenwart seines Erzeugers, der Atmosphäre von
Lavendelduft und Tabaksqualm, wie er bläulich aus den langen
holländischen Tonpfeifen quoll, deren Reinhold Forster, der Pfarrer von
Nassenhuben, sich das Jahr über unterschiedliche Dutzende aus Danzig
verschrieb; denn seine ungeduldigen Hände schlugen mit dem gebrechlichen
Rohr ebensooft den Takt zu seinen Gedanken, wie einen sanften
Trommelwirbel auf den Schultern des Söhnleins, das dann immer geduckt in
gelinder Spannung abwartete, ob es wohl wieder neue Rohrstücke zum
Seifenblasenmachen geben würde. Viel Zeit zum Seifenblasenmachen und
ähnlichen Belustigungen in der blauen Sommerluft hatte er nun allerdings
nicht mehr. Seine rundliche Grübchenhand ward mit einem Gänsekiel
bewaffnet, und mit der Zeit sah er unter seinen Fingern schnörkelhafte
Gebilde entstehen, deren Gelingen ihn solange innig erfreute, als sie
nur zum Selbstzweck da waren, zu ihrer eigenen Vervollkommnung immer
wieder aus dem schwarzen Nichts der Tinte und dem weißen des Papiers
entstehen mußten und höchstens dazu dienten, sich schön zu einem Spruch
zusammenzureihen oder zu einem Geburtstagscarmen für die Mutter, die
beim Empfang einer solchen Leistung immer ein wenig zu weinen pflegte,
-- aus Ratlosigkeit, aus Mitleid mit dem Knirps, Gott mochte wissen,
warum, -- was alsdann die »Männer« veranlaßte, einen Blick schweigenden
Einverständnisses zu wechseln. Es hob den kleinen George mit einem
Gefühl unerhörter Wichtigkeit, daß seit jenem Tage, da er lesen konnte,
der überwältigende Vater ihn als Kameraden behandelte, so etwa wie einen
Gleichstrebenden, den man um seiner verschiedenen Unzulänglichkeiten
willen, als da sind körperliche Winzigkeit und geistige Unbeholfenheit,
ein wenig verachtet, den man aber nichtsdestoweniger anerkennt und den
man unterstützt, da man selbst es in jeder Beziehung übrig hat. Oh,
welch ein Mann! Fegte sein Toupet nicht beinah die geschwärzte Decke,
wenn er in der niederen kleinen Studierstube auf und ab schritt, einen
Satz, den er dem Knaben diktiert hatte, zu seinem eigenen Vergnügen in
siebzehn Sprachen wiederholend, mit der gewaltigen Stimme singend,
rollend, zischend, je nachdem? Dann stand er am Pult, den mächtigen
Rücken widerwillig gekrümmt, und schrieb mit quietschender Feder und
weitausholenden Schnörkelbewegungen, schrieb tausendmal schneller als
George es konnte, der seine kurzen Beine um die hölzernen des Sessels
schlang, eines hohen, steifen Sessels, für ihn noch um einen aufgelegten
dicken Folianten erhöht, zumeist um Geßners »Naturgeschichte der Vögel«,
in der unter allen gefiederten Wesen zwischen Adler und Zaunkönig auch
die brave Fledermaus, als des Fliegens mächtig und darum hierhergehörig,
angeführt war. Geriet der Vater hitziger ins Arbeiten, so sank der
Unterricht in Vergessenheit, dafür wurde nach dem oder jenem Buche
geschrien, und eilfertig glitt der Knabe von seinem Sitz und schleppte
emsig herbei, was er vermochte, stand mit vorgestrecktem Bäuchlein da,
die Wucht staubiger Bände im Gleichgewicht haltend, und harrte geduldig,
daß sie ihm abgenommen würden, ließ sich anschnauzen und eilte zurück
wie ein stummer dienstbarer Kobold, klomm das schmale Leiterchen zu den
obersten Bücherreihen empor, glitt aus, stolperte und fiel unter einem
Hagel kleiner Elzevirbände, an deren Aufstellung er unvorsichtig
gerührt, -- ward wiederum angefaucht, verbiß sich das Weinen, räumte,
tief gedrückt, auf, -- -- -- hatte alsbald in riesigen Mappen nach einer
bestimmten getrockneten Pflanze zu suchen, einem Heilkraut mit einem
verzwickten lateinischen Namen, der von bitterer Zuträglichkeit nur so
triefte, aber entsetzlich schwer zu behalten war, besonders da er nur
einmal und eilig hervorgestoßen genannt wurde ... Saß, die kleine warme
Stirne gefurcht und mit bebenden Lippen diesen Namen immer vor sich hin
lispelnd, am Boden über den ungefügen Blättern der Herbarien und hatte
das Glück, das richtige Stück zu entdecken; bot es zaghaft und demütig
dar und erhielt ein zerstreutes Lob, das ihn ein wenig glücklich lächeln
ließ, aber gleich darauf stand er wieder ernsthaft und stramm, denn dies
verstand sich ja von selbst. Nun beobachtete er, während er im
Hintergrunde lautlos lateinische Vokabeln zu seinem Cornelius Nepos
auswendig lernte, daß die Arbeitswut des Vaters nachließ, -- die Feder
ruhte bisweilen und der Vater starrte nach dem vergitterten Fenster, vor
dem das rankende Geißblatt im Winde schwankte --, er murrte vor sich
hin, schrieb weiter und stöhnte dabei. George erkannte mit Befriedigung:
jetzt war der Vater hungrig geworden und gleich würde etwas geschehen,
-- richtig, da trat er ja schon an die Wand und langte mit der Miene
eines Schlafwandelnden den Hirschfänger herunter, der dort neben Büchse
und Pulverhorn hing, -- es würde etwas geschehen, wobei auch er, George,
gut wegkommen würde. Zugleich fühlte er eine leise durchdringende
Beschämung, als jetzt die Tür des Kabinetts knarrte, des Vaters schwere
Schritte über den Flur hallten und er sich vorstellte, wie nun die
Mutter in der Küche erschrak, »du liebes Gottchen!« sagte und einen
Blick in die Runde schweifen ließ über alles, was an Eßbarem dalag.
Hatte er nicht zu oft erlebt, daß sie weinte, wenn der Vater so gekommen
war, seine großen blauen, etwas vortretenden Augen zerstreut und hungrig
zum Beispiel auf den Rauchfang richtend, während sein rotbraunes Gesicht
unter der weißbestäubten Perücke schwer besorgt aussah? »Ja, meine
Liebe,« sagte er dann etwa, »die wird wohl dran glauben müssen!« und
reckte sich in seiner ganzen Länge auf, um mit dem Hirschfänger das
letzte magere Schlackwürstchen herunterzusäbeln, das dort oben baumelte.
Dann suchte er nach dem Brot, von dem er einen gewaltigen Kanten
abschnitt, und mit dem ersten stattlichen Bissen zwischen den Zähnen
verließ er die Küche, der Mutter kummervoll zunickend. »Geistige
Arbeit,« sagte er vielleicht noch mit erhobenem Zeigefinger, »geistige
Arbeit zehrt, meine Liebe!« und sah es durchaus nicht, daß die hilflosen
Lippen seiner Frau zuckten und blanke Tränen in den Brotteig sprangen,
den sie knetete. Er aber, George, er hatte es immer gesehen und sah es
auch jetzt vor sich, in gesammeltem Ernst auf dem Holzschemel neben
Vaters Ofen sitzend, die Fäustchen auf den Knien und die Augen nicht
erhebend, ein unschuldiger Heuchler, scheinbar ganz in seine Aufgabe
vertieft, als der Vater nun mit Elefantenschritten zurückkehrte. Er
blickte durchaus nicht auf, obgleich er angespannt und erwartungsvoll
lauschte, wie der Wurst jetzt knisternd die Haut abgezogen und sie samt
dem Brot in mundgerechte Brocken zerlegt wurde, denn mit dem
Hirschfänger als Messer und der eichenen Tischplatte als Unterlage ging
das nicht geräuschlos vor sich. Dazwischen kaute und schnaufte der
Vater. »George, -- da, -- iß!« sagte er, »geistige Arbeit zehrt, -- wir
sind geistige Arbeiter. Du auch. Das weiß Gott.« George hatte schnell
und neugierig den Kopf gehoben und die eine kleine Hand vor den Mund
gelegt, wie er immer tat, wenn er überrascht oder entzückt war.
Gleichzeitig bekam er einen furchtbaren Schreck -- die ganze Wurst! --
und was sollte es nun am Sonntag in die Erbsensuppe geben --, was nun?
Wo noch lange nicht wieder geschlachtet werden konnte, denn die Zeit war
doch noch nicht da und das Schwein noch behende wie ein Reh, -- so sagte
Malchus, der Knecht --, also was sollte die Mutter tun, nicht wahr?
Trotz seines tiefen Mitleids mit ihr kam er aber herbei wie ein
wedelndes Hündchen, nahm seinen Anteil in Empfang und verzehrte ihn in
seiner Ecke mit unruhiger Glückseligkeit und unter schwerem Nachdenken.
Da sah man's wieder, wie recht Malchus, der Knecht, hatte, wenn er beim
Stallausmisten oder beim Graben im Garten, -- Arbeiten, denen George in
achtungsvoller Untätigkeit beiwohnte, -- Erfahrungstatsachen aussprach,
wie: »Dein Vater ist der Herr. Denn warum? Ihm gehört's! Und darum: er
ißt so viel er mag!« Freilich, so war es! Zu Martini aß der Vater die
halbe Gans, und Frau, Kinder und Gesinde den Rest, er tat es nicht unter
siebzehn Klößen oder vierzehn Pfannkuchen, und rein zum Fürchten war es,
wenn Kartoffeln auf den Tisch kamen, heiß, dampfend, mit geborstenen,
erdbraunen Schalen, aus denen es weißmehlig hervorquoll. Da aß er an die
dreißig, tat sich Salz, zerlassenen Speck oder frische Butter darauf,
wischte sich den Mund und lachte nach einem tiefen Zug aus dem Bierkrug
dröhnend über seine bedrückte Tafelrunde, die hinter ihrem Hirsebrei
saß, denn Frau Justine hielt die unterirdische Knollenfrucht nun einmal
für giftig, rührte sie nicht an und litt es nicht, daß die Kinder sie
bekamen, -- selbst nicht dem König von Preußen zuliebe, der ihren Anbau
doch allenthalben poussierte. Ja, der Vater! Dem machte es nichts aus,
früh morgens um sechs auf nüchternen Magen einen ganzen Stachelbeerbusch
leer zu essen, der setzte dicke Milch auf ein halbes Schock Zwetschgen,
wenn es ihn so gelüstete, und lachte wiederum über George, der von allen
diesen Dingen mit jener Vorsicht nahm, die ihn üble Erfahrungen
frühzeitig gelehrt hatten. »Du hast einen kleinen kalten Magen, mein
Sohn!« sagte er mitleidig, und George ward betrübt und tat sein Bestes,
um des Vaters Ansprüchen auch in dieser Hinsicht zu genügen. So durchs
Haus gehen wie ein hungriger Wolf und die Eier austrinken, die Mutter
für die Glucke gesammelt hatte, oder am Freitag den Kuchen anschneiden,
der für den Sonntag bestimmt war --, würde er das je tun können? Nein
--, aber durfte er denn abweisen, was ihm der Vater _gab_? Er hätte es
nicht gedurft, auch wenn es schlecht geschmeckt hätte, das war klar! So
aß er, von leise nagender Reue geplagt und gleichzeitig von dumpfer
Bewunderung für den Vater erfüllt, dem alles gehörte, das Haus, der
Garten und das Feld, die Kirche draußen im Dorf, wo er des Sonntags von
der fichtenen Kanzel herabwetterte und seinen Halbpolacken das
Evangelium handgreiflich genug auslegte, -- die Kuh, die Ziegen und das
Schwein, und nicht zuletzt er selbst, samt der Mutter und den
Schwestern, Friederike und Sophie, und endlich Mareiken, der Magd, und
Malchus, dem Knecht. --
»Sieh nicht so hervor wie die Maus aus dem Loch!« sagte der Vater
schließlich unwirsch, wenn der beharrlich auf ihm ruhende Blick seines
Sprößlings ihm lästig wurde. Dann ging es weiter, -- Vokabeln, --
Zahlen, -- der Inseln, der Gebirge, -- der Gesteine, der Pflanzen und
der Tiere Namen, -- draußen dufteten die Linden, die Hühner kakelten
schläfrig, ab und zu hörte man die Stimmen der kleinen Schwestern, die
spielen durften, immer nur spielen, -- und George lernte, lernte und
lächelte manchmal gehorsam, wenn der große Vater Grund fand, einen Witz
zu machen anläßlich eines Versehens des Schülers ...
* * * * *
Auf Kreta aber, einer Insel, -- an sich schon furchtbar dadurch, daß sie
um und um so weit man sehen konnte, von Wasser umgeben war und gewiß
gestaltet wie die Gräte eines Schellfisches, vielleicht auch ähnlich
riechend --, auf Kreta stand derweilen das Labyrinth mit den tausend
verschlungenen, ineinandergeschobenen Gängen, in denen die armen
Ausgesetzten umherirrten. Hungernd, -- denn das letzte Stückchen Brot
aus Athen in Attika war längst verzehrt, -- und ganz im Dunkeln und ohne
ein warmes kleines Bett, in dem man sich die Decke über den Kopf ziehen
konnte zum Schutz vor dieser Dunkelheit. Und im Dunkeln immerfort das
tobende Geheul des Minotauros, der so unvorstellbar schrecklich
gestaltet war, der auf sie wartete, irgendwo auf sie wartete im Kerne
dieser Nacht ...
Es gab so viele andere Geschichten von den Alten, die der Vater ihm
erzählte und mit ihm las, und der kleine George wußte sie auch in
wohlgesetzten Worten zu wiederholen und bewahrte in seinem erstaunlichen
Schädelchen ein vortrefflich geordnetes Lager von Göttern und Helden,
Städten und Tempeln, Königen und Völkern, Schlachten und Siegen.
Indessen ruhte das alles in ihm wie in einem gutgehaltenen Herbarium
ohne Saft und Farbe, Blut und Kraft, und das lag nicht an dem Lehrer,
der, wenngleich ohne gestaltende Phantasie, so doch mit persönlichem
Feuer vortrug, Partei ergriff und keinen Anstand nahm, die großen
Griechen gelegentlich für eine Gesellschaft charakterloser Schöngeister
zu erklären. Georges Vorstellungsvermögen versagte, sobald seine
Empfindung, sein Gemüt nicht berührt wurden, und die erbebten wie
Sinnpflanzen nur vor der Vorstellung des Zärtlichen, Idyllischen, --
oder aber, und dann nachdrücklichst betroffen und mit der Fähigkeit, den
Eindruck immer von neuem erzitternd in sich wachzurufen: vor dem
Grausamen, dem Gräßlichen! Da waren Skylla und Charybdis mit ihrer
atembeklemmenden Angst, da war die Blendung Polyphems, der er, allem
innern Schaudern zum Trotz, immer wieder und in allen Einzelheiten
nachhing, ein krankhaftes Mitleid mit dem ungeschlachten Riesen
empfindend und den zugespitzten, in der Glut gehärteten Pfahl im eigenen
Auge fühlend, wie er aufzischend in Blut und Tränen wühlte. Oder mußte
er sich das vorstellen, gerade um diesen schmerzlichen Schauder zu
fühlen? Tat es ihm irgendwie wunderlich wohl, obgleich er sein kleines
Gesicht oft verzweifelt ins Kissen drückte, wenn ihn vor dem Einschlafen
die Ermordung der Freier heimsuchte? Entsetzlich, wie dem Antinous der
Pfeil in die Kehle fuhr, -- George hörte hier immer das trompetende
Angstgeschrei einer Schlachtgans, -- wie der arglose Agamemnon im Bade
starb! Mit bebenden Händen tastete er das Irrsal der Ödipussage nach,
und es war, als könnte er es nicht lassen, sich in diese Bilder zu
vertiefen und sie mit peinlicher Gewissenhaftigkeit bis ins kleinste
auszumalen, er, der im Leben ein kleiner Feigling war, und den der
Anblick von Blut hinfällig machte. Warum aber war nichts furchtbarer als
das Labyrinth jenes Königs Minos auf Kreta, von dessen letzten Schrecken
nie etwas gesagt war, über das man nur Vermutungen und Ahnungen haben
konnte? Wie, -- wie sah er aus, der Minotauros? Ein Mann mit einem
Stierkopf, -- gut! -- aber wie mochte das aussehen, wie gräßlich dies:
ein Mann mit einem Stierkopf! Diese Vermutungen waren es, die
Vorstellung einer ungeheueren Angst vor dem Unbekannten, die den Knaben
überkamen, wenn er, -- immer in jener gefürchteten und doch heimlich
ersehnten Stunde vor dem Einschlafen, -- in seiner Einbildung mit
trippelnden Schritten den finsteren Schlund des Einganges betrat. (Und
drinnen brüllte der Minotauros!) Es folgten ihm gewöhnlich eine Anzahl
von Kindern aus dem Dorf, bestimmt, sein Schicksal zu teilen, die
kleinen Schwestern waren darunter, die sich an sein Jäckchen
anklammerten, und Janusch, des Schweinehirten Sohn, der katholisch war
und sich vor nichts fürchtete, nun aber klein und demütig sich aller
polnischen Schimpfworte enthielt und George aufs Wort folgte, denn er
war ja fremd hier. (Und drinnen brüllte der Minotauros!) Es gab nun die
verschiedensten Abwandlungen dieses Traumspiels, und manche waren
ausgesprochen gemütlich, man verfügte zum Beispiel über Mundvorrat,
Brezeln, Pfefferkuchen und Gänseklein, man hatte Decken und Federkissen
mit und vor allem hatte man sich der gewaltigen Stallaterne des Malchus
bemächtigt und bei ihrem anheimelnden Schein schlug man in einer Ecke
des Labyrinths ein Lager auf, wo man aß, trank und sich vortrefflich
behagte, denn drinnen brüllte der Minotauros, aber nichts war sicherer,
als daß er nicht herauskommen würde, nein, die Gefahr war einzig die,
daß man zu ihm hineinlief. Diesmal hatte man den Faden der Ariadne,
(vorgestellt in der Gestalt von Mareiken, der Magd, in Holzpantoffeln
und ihres grauwollenen Strickknäuels), und draußen wartete geduldig das
Schiff zur Heimfahrt, man würde nicht vergessen, das weiße Segel anstatt
des schwarzen aufzuziehen, damit sich jener alte Vater nicht aufregte
und übereilt ins Meer stürzte. George legte keinen Wert auf den Ruhm des
Theseus, den Minotauros erlegt zu haben, er überließ das anstandslos dem
Janusch, der mit einem Prügel und Erdklößen bewaffnet war, wie meist.
George hatte keinen Zug zum Heroischen. Aber es kam vor, daß er jene
Gänge allein und ausgestoßen betreten mußte, daß er ohne Nahrung und
Licht war und außerdem barfuß und im bloßen Hemde (auf spitzen, kleinen
Steinen und bei eisigem Zugwind), daß er so hineinirrte in die saugende
Finsternis, sich an kalten, feuchten Mauern weiter tastete, immer in der
Angst, auf Kröten zu treten, (und immer hörend, wie es brüllte, --
brüllte!) -- daß dann, plötzlich, im Dunklen und an nichts anderem
erkennbar als an dem Duft von Küche und Kinderstube, einem sommerlichen
Duft, mit dem sie über einem zusammenschlug wie ein reifes Kornfeld, die
Mutter bei ihm war, -- oh, Wonne und Aufschluchzen, die Mutter! -- die
ihn auf den Armen hinaustrug, und dann war draußen nicht das Land der
Schellfischgräte, sondern der Garten mit seinem Lindenbaum und seinen
friedlichen Kohlköpfen. Mitunter war es auch die Starostschenka
Hermanowska aus dem Gutshause, die ihn so rettete, sie hatte das
geblümte Seidenkleid mit dem mächtigen Reifrock an und glich auf ihren
hohen Stöckelschuhen einer riesigen wandelnden Blüte, sie hob ihn mit
Schwung über diesen Wall hinüber an ihren tiefausgeschnittenen,
überpuderten Busen, an den sie seinen Kopf drückte, wie einstmals, als
sie seine Mutter besucht hatte. Auch sie duftete, aber anders,
durchdringender, köstlicher und widerlicher als alle Dinge der Welt
bisher geduftet hatten. Und dies war ein Erlebnis, in dessen Bestürzung
George sich ewig von neuem fallen lassen mußte, wie in ein bodenloses
Blumenmeer, um ohne Befriedigung, nur seltsam beklommenen Herzens,
daraus aufzutauchen.
Was bedeuteten jedoch solche Spielereien gegen die wahre Furchtbarkeit
und den nackten Ernst dieser Vorstellung, wenn sie ihn nächtlich
überfiel, während der Schlummer ihn lähmte und er ihr nichts
entgegenzusetzen hatte? Sie nahm wuchernd Besitz von den ausgestorbenen
Windungen seines Hirns, durch die der Schlaf kühl und feierlich wehte,
sie breitete sich böse und lautlos aus, bis sie das Zentrum des
Bewußtseins erreicht hatte und ihn -- ja, wen? Nun jedenfalls doch sein
eigentliches, innerstes Selbst, -- aufstörte und zu jagen begann. Dann
geriet er in einen Wirbel der Angst, in eine rasende Hoffnungslosigkeit,
-- er wußte nichts mehr vom König Minos, von der Insel Kreta, von
Theseus und dem Minotauros, es war nur noch die Idee des Labyrinths, die
ihn beherrschte, eine Idee, gleichbedeutend mit kreiselnder, nutzloser
Flucht, gehetzt in immer engeren Schlingen um einen heulenden
Mittelpunkt, dem er sich näherte, anstatt ihm zu entgehen, -- es war
Beben, Fiebern, Keuchen und -- das Schreien, das grauenhafte Schreien,
das er dann hörte, indem er sich unter der furchtbaren Last dieses
Traumes emporarbeitete, immer von neuem verschüttet wie von einem
Erdrutsch, -- dies gräßliche Schreien, von dem es dann immer hieß, er
selbst habe es ausgestoßen, er selbst ...
Übrigens stellte er sich den König Minos wie seinen Vater vor und es
half nichts, daß er selbst diese Vorstellung als einen Verstoß gegen das
vierte Gebot erkannte und unbehaglich dagegen ankämpfte. Leider war es
ihm auch schon früher so gegangen, als er noch klein war, -- (so dachte
der Siebenjährige) -- als er noch nicht lesen konnte, -- (und immer nur
spielte), -- als ihm die Mutter die Geschichte vom kleinen Däumling
erzählt hatte. Damals hatte der Menschenfresser so ausgesehen wie der
Vater, es war nichts dagegen zu machen, auch nicht mit der verzweifelten
Gegenfrage, ob denn der Vater aussähe wie ein Menschenfresser? Nein,
denn er war immer sauber und stattlich anzusehen, von dem schimmernden
Toupet abwärts bis zu den blitzenden Schnallenschuhen, und selbst wenn
er im Hause mit dem langen Schlafrock angetan herumwandelte, der die
Wirkung seiner ohnehin großen Gestalt ins Gespenstische steigerte, mit
dem Troddelstrick um den Leib und der Zipfelmütze auf dem Haupte, -- ja,
selbst wenn er von der Jagd heimkam, in den langen Stiefeln, die ihm
fast bis zur Hüfte gingen und über und über naß und mit Schlamm
bespritzt, -- wenn er dann eine blutige Beute auf den Fußboden warf und
mit Gedröhn das ganze Haus zu seiner Bedienung in Bewegung setzte, --
auf einen Küchenstuhl geworfen saß er da, Mareiken hielt ihn von hinten
an den Schultern fest, wobei sie die Backen aufblies und die Augen
aufriß, Malchus kniete vor ihm und zerrte ihm die Stiefel ab, verfehlte
auch nicht, mit jedem auf den Rücken zu kollern, (er war kurz und dick
wie Sancho Pansa), George schleifte den Schlafrock, Rieken und Fieken
die Pantoffeln herbei, die Mutter stand am Herde und rührte ein
Eierbier, -- nein, selbst dann wirkte er nicht wie der Menschenfresser,
und wenn er auch zum Schluß Rieken und Fieken packte und sie je in einen
Stiefel steckte, so daß sie nur mit Schopf und Augen hervorsahen und
kläglich mauzten wie junge Katzen, -- (ihn freute so was unbändig), --
so fraß er doch keine Menschen, sondern aß nur, was die Mutter kochte,
und das meiste pflanzte er sich selbst im Garten, friedfertig und
ernsthaft in der Erde wühlend, -- pflanzte Rüben, Bohnen, Erbsen, Gurken
nebst fettem, glänzendem Kohl und füllte das ganze dreieckige Stück Land
hinter dem Pfarrhause bis ans äußerste seiner Möglichkeit mit nahrhaftem
Gemüse, auf daß er, Reinhold Forster, und dann natürlich auch sein Weib
Justine, seine kleinen Kinder und sein Gesinde, -- aber doch besonders
und um Gotteswillen er selbst, dieser große, starke Reinhold Forster,
daß der viel, _sehr_ viel und gut zu essen habe! Und wenn er das lange
Messer wetzte, so tat er's doch nur, um ein Huhn oder eine Gans zu
zerlegen, aber nie, um einem kleinen Jungen die Beine abzuschneiden,
(nebenbei gedacht: was war der Däumling unverschämt zu dem
Menschenfresser, wann hätte George es je gewagt, dem Vater so zu
begegnen?!) Aber nochmals: der Vater glich weder einem König Minos noch
einem Menschenfresser, (nur diese beiden, sie glichen nun eben einmal
dem Vater, vertrackt!) der Vater fraß keine Menschen und duftete
außerdem nach Lavendel, seine Hemden und Bäffchen, seine Leintücher im
Bett, selbst die Polster seines Ohrenstuhles und des alten knarrigen
Kanapees, alles mußte jahraus, jahrein süß und eindringlich Rede stehen:
blau, blau, blau ist die Sommerszeit! Dies war das einzige Blumenbeet im
Garten, das der Vater selbst anlegte, und es lag unter der Sonne da wie
ein azurfarbenes Kissen, vom Winde gewellt. Tazetten und Goldlack,
Tulpen, Narzissen und Päonien, Fliegende Herzen, Stockrosen und Braut in
Haaren, all die bunten, üppigen Blumen, die die Mutter so liebte und
heimlich aussäete, sie fanden nur in ausgesparten Winkeln und an den
Rändern der Rabatten Platz, wo sie dann freilich üppig wucherten und den
Kindern die Schultern, den Erwachsenen die Knie streiften. Eine Ecke des
Gartens durfte niemand betreten, als der Vater allein und George, wenn
er mitgenommen wurde. Hier roch es streng und seltsam, wenn die Sonne
auf den kleinen, sorgfältig gehaltenen Beeten lag, die zum Teil mit
verstellbaren Glasplatten bedeckt waren. Fremdartige Kräuter mit krausem
Blattwerk erstanden dort aus den kostbaren Samen, die der Vater wie
Goldstaub hütete, wenn sie auf seine Bestellung endlich aus London oder
Antwerpen eingetroffen waren. Kam es dann zur Aussaat, so war er meist
in der besten Laune, wie stets beim Arbeiten in diesem Gartenwinkel, den
er je nach Stimmung einen »botanischen Garten von Qualität« oder »ein
Apothekergärtlein, ein miserables« nannte. Dann grunzte und pfiff er,
während er am Boden hockte und die Pflänzchen mit seinen starken Fingern
merkwürdig zart verpflanzte und umsetzte, er erbaute eine
Miniaturgebirgslandschaft, er legte einen winzigen Sumpf an, kurz, er
»schuf Bedingungen« und gelangte zu allerlei aufregenden Ergebnissen
seiner Mühe, deren Wichtigkeit er George eindringlich mitteilte, ehe er
in gründlichen Aufsätzen und Briefen der gelehrten Welt davon Kenntnis
gab. George hielt ihm sein rosiges Apfelgesicht mit ernsthaften, runden
Augen zugewandt und lauschte offensichtlich gespannt. Wußte ein Mensch,
daß er eigentlich dachte: wenn nur Fieken meinen kleinen Spatzen nicht
findet und ihm was tut, -- und etwa: heute gibt es Kaldaunen, ich
wollt', ich war verreist!? Dies und Ähnliches ließ er sich
angelegentlich durch den Kopf gehen, während sein Gehör und Gedächtnis
dem Vater zugewandt waren wie willenlose Schreibtafeln, so daß er später
imstande war, die schwierigsten Vorträge fast wörtlich zu wiederholen,
-- und dann, bei dieser Wiederholung, beteiligte er sich auch an dem
Inhalt dessen, was er sagte, und lernte wirklich dabei. Hinterher zeigte
es sich freilich, daß Fieken den kleinen Spatzen, der sich so weich und
zärtlich anfaßte und dessen zitterndes, kleines Herz man fühlen konnte,
wenn man ihn in die hohle Hand nahm, daß Fieken diesen selben geliebten,
kleinen Spatzen wohl gefunden und ihn unbedenklich der Hauskatze zum
Spielen angeboten hatte. George weinte nicht, er nahm auch keinerlei
Rache, aber eine ungeheure Bitterkeit erfüllte sein Herz gegen diese da,
die immer spielen durfte, -- nun ja, und so weiter! Er sah sie groß und
strafend an, empfand, daß sie sich gar nichts daraus machte, sondern
ungerührt fortfuhr, den toten Balg ihrer holzköpfigen Puppe um und um zu
drehen und anzuputzen, ihm Speise anzubieten, -- kleine Steine, die sie
dann hinter sich auf den Boden warf, -- eine alberne Gaukelei! -- (der
kleine Spatz hatte schon angefangen, eingeweichtes Brot von einer
Federpose zu sich zu nehmen, sicherlich, er hätte ihn großgezogen!) --
und ging dann hinaus, die Hände auf dem Rücken, das Gesicht etwas
verzogen und innerlich starr vor Schmerz. Eine lähmende Fremdheit stand
zwischen ihm und den Kindern, er gehörte nicht zu ihnen, er wußte es,
obgleich Fieken nur ein Jahr jünger war als er, und die übrigen, -- es
waren sechs hinter ihm, als er elf Jahre alt war, -- bildeten mit ihr
eine verbündete Macht. Wenn sie ganz klein waren, hatte er immer
irgendwie die Hoffnung, sie könnten ihm gehören, dann stand er manchmal
heimlich an der Wiege, streichelte sie behutsam mit seinen
tintenbeklecksten Fingern und war unsäglich gerührt von ihrer
verwunderten Hilflosigkeit. Aber sobald sie herumwackeln konnten, war es
aus, dann hatten sie Ansprüche, denen er ratlos gegenüberstand, und
Fieken zog wie selbstverständlich mit ihnen ab. Ganz schlimm wurde es,
als der Vater ihn dazu anstellte, unter seiner Aufsicht die Schwestern
zu unterrichten und ihnen die Künste beizubringen, die er selbst wie im
Schlaf gelernt hatte. Gewiß, er machte seine Sache nicht übel und die
beklemmende Feierlichkeit der Studierstube und besonders der ständige
Anblick des über das Pult gebeugten väterlichen Rückens hielt seine
Schülerinnen in Respekt, so daß sie höchstens in Augenblicken
unerträglicher Langweile die Feder oder das Schnupftuch fallen ließen,
um unter den Tisch kriechen zu können und ihn ins Bein zu kneifen,
sicher, daß er nicht schreien würde. Aber nun sammelten sich
Rachegelüste in ihnen an für die Sonderstellung, die er sich anmaßte,
für jeden geschnauften Tadel, den der Vater ausstieß, für jede Kopfnuß,
mit der dieser eine gesudelte Aufgabe verurteilte, und überhaupt dafür,
daß sie nicht mehr so viel spielen konnten, immer nur spielen,
leichtfertiges, auf Pläsier erpichtes Gesindel, das sie nun einmal
waren. So nannten sie ihn von vorn und hinten den Herrn Magister und
ahmten den etwas steifen Gang mit den auf den Rücken gelegten Händen
nach, den er sich angewöhnt hatte. Wenn er mitspielen wollte und im
Anfang alles gut ging, wenn er sich dann glücklich einmal vergaß, schrie
und tollte wie die anderen und unbeholfene Sprünge machte, dann fühlte
er ganz plötzlich, wie die Bosheit über sie kam, ohne einen sonderlichen
Grund, als den, daß er sich anders benahm wie sonst und sich
offensichtlich einbildete, zu ihnen zu gehören. Alsbald fiel es ihm wie
Reif aufs Herz, er ward unsicher, forschte in ihren verschlossenen
kleinen Fratzen, in denen die Lippen verkniffen waren oder breit und
höhnisch verzogen, er fühlte sich umlauert, ward bebend empfindlich und
gereizt, und dann war auf einmal Streit da und er immer der Schuldige.
Wie furchtbar war das! Wußte es die Mutter denn, wie unglücklich er war?
Sie rief ihn herein, wenn er an seinen Tränen würgend beiseite schlich,
sie schalt ihn mit keinem Wort, wenn die anderen ihn verklagten, -- sie
strich ihm kummervoll über den Kopf und gab ihm etwas zu tun, ließ ihn
Gemüse putzen und hatte unendliche Geduld mit seinen ungeschickten
Händen. Allmählich kamen sie dabei ins Plaudern und unterhielten sich
gedämpft und eifrig, gerieten von Bohnen und Kürbissen zu Apfelbäumen
und Weihnachten, erheiterten sich an Erinnerungen aus seiner frühesten
Kindheit, als er noch sehr klein und dumm und alles so wunderschön
gewesen war. »Denn damals,« sagte Frau Justine und blickte müde auf ihre
arbeitenden Finger, »damals war auch der Vater noch zufriedener,
Georgie, er hatte ... horch, kommt er da nicht? -- nein, es ist der
Malchus! -- er hatte noch nicht so viel Ideen von Ruhm und Ehre und der
weiten Welt. Aber er hat recht, -- er hat recht, -- er verkümmert hier,
seine Gaben liegen brach, er ist noch jung ...« so wiederholte sie
traurig eine Reihe oft gehörter Beweisgründe ihres Gatten und George
nickte ernsthaft dazu. Das sagte der Vater, sagte es in den letzten
Jahren mehrmals des Tages in den verschiedensten Tonarten, und
allmählich war die Atmosphäre im Hause geladen mit Unzufriedenheit und
harrte bebend des zündenden Funkens. Anders, anders sollte alles werden,
-- aber wie? und: -- mein Gott, konnte man hier nicht glücklich sein?
George entsann sich in späteren Jahren immer wieder eines Abends, der
mit seinem klaren, starken Bronzegold durch die schwarzen zitternden
Kronen der Pappeln vor dem Hause geschienen hatte. Das Küchenfenster
stand offen und der Oktoberduft von Rauch und modernden Blättern drang
mit der herben Luft herein. Draußen in der frühen Dämmerung hantierte
Malchus und ging mit seinen schweren Schuhen über den Hof; eine Kette
klirrte, -- die Stalltür knarrte und dann brüllte die Kuh. Irgendwo,
vielleicht hinten im Garten beim Nußbaum oder auf der Dorfstraße, wo der
Ziehbrunnen quietschte, kreischten die Schwestern mit Mareiken. Hier
drinnen war es dämmrig, still und warm. Auf dem Herde flackerte ein
Holzfeuer unter dem summenden Kessel, warf zuckende Lichter hinauf in
die Finsternis des Rauchfanges und ließ die kupfernen Geräte rötlich
auffunkeln, die an der Wand gereiht hingen. Es roch nach reifen Äpfeln,
-- nach Dill, der in großen Büscheln unter der Decke trocknete, und in
dem großen Holzschaff plätscherte es zuweilen, darin schwammen die
Karpfen, die der Starost vorher »mit einem ehrerbietigen Kompliment« an
die Frau Predigerin geschickt hatte und die es morgen Mittag geben
sollte. Der Vater war fern, es war heute nichts mehr zu lernen, zu
denken, sein Geist war ganz entspannt und gleichsam selig nicht
vorhanden. Nach dem Zank mit den Schwestern vorhin war sein Herz nun
gelöst in Dankbarkeit und Rührung. Er hätte gern noch ein wenig geweint,
eng an die Schulter der Mutter gedrückt, aber er ließ es bleiben und gab
sich einem träumerischen Fluten der Gedanken hin. Und auf einmal war es,
als ginge ihre Furcht davor, daß es jemals anders werden könnte, auf ihn
über, auf einmal empfand er wie noch nie die Welt da draußen jenseits
der heimatlichen Feldmark wie ein tosendes Meer, all die Städte, die
hohen Schulen, die Namen großer und gelehrter Herren, die der Vater
dauernd im Munde führte, kreisten mit bedrohlicher Wirklichkeit um sein
Haupt, und ein Gefühl, ins Bodenlose zu stürzen, überkam ihn so stark,
daß er sich an den Arm der Mutter klammerte und flüsterte: »Wir bleiben
doch, -- Mutter, -- wir bleiben doch hier ...«
»Ach, Georgie,« murmelte sie schwach und schob ihn sanft bei Seite, denn
jetzt waren es wirklich Reinholds Schritte, die draußen erklangen, --
und, -- liebes Gottchen, -- seine Kartoffeln waren gewiß noch nicht gar!
-- »ach, -- mein Georgie ...«
Er war wie kein anderer in die Gemütszustände seines Vaters eingeweiht,
die dieser täglich in langen Selbstgesprächen vor ihm aufrollte. Ganz
abgesehen davon, ob einer den Predigerberuf in sich fühle oder nicht, --
und es gäbe Männer, die bei aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit
einzig dem täglichen Brot zuliebe nach diesem Amt hätten greifen müssen,
also weder berufen noch auserwählt, George! -- ganz abgesehen davon: war
es etwa eines Predigers würdig, fast einzig von seiner Hände Arbeit zu
leben und sich von dem zu nähren, was er dem Boden abrang, -- diesem
Sumpf- und Sandboden obendrein, der freiwillig nur Kiefern und Wacholder
hervorbrachte, -- wer die fressen wollte, müßte wohl einen Jesuitenmagen
haben, -- hoho! Nein, aber er habe es satt, wie ein Bauer zu leben und
im Winter bis zum Dach einzuschneien und gegen die Wölfe in Fehde zu
liegen! Er sei nun denn doch aus den Jahren heraus ... (Verstummen,
Aus-dem-Fenster-Starren, den Ellbogen auf das Stehpult gestemmt und mit
dem Rauch der Pfeife ungeheure Verachtung ausstoßend!) Ob er, Georgie,
wohl glaube, daß es gerecht sei, einen Mann, der siebzehn Sprachen
verstünde und über die gesamte Bildung seines Zeitalters verfügte, --
dessen brieflichen Umgang die feinsten Geister suchten und nach dessen
Gutachten so mancher Große schon verlangt hätte, -- ob es gerecht sei,
den in die finstere Polackei zu begraben und ihn dort vermodern zu
lassen? Aber -- (auf und nieder in der engen Stube wie ein Tiger im
Käfig und Dräuen in die Ferne mit der Faust) -- sie hatten nicht mit
Reinhold Forster gerechnet, sie kannten den Mann eben nicht und würden
ihn erst erkennen, wenn sie das Nachsehen hätten, denn außer Landes
würde er gehen, außer Landes ... (Neuerliches Verstummen, gegen den
Kachelofen gelehnt und offensichtlich durch die Wärme von hinten etwas
besänftigt.) Sodann, gemäßigt, im Plauderton: Da hatte man nun seine
Dienste dem König von Preußen angeboten, dem ersten deutschen Fürsten,
einem Mann von zweifellos (Achselzucken!) den größten Meriten nicht nur
um die Eroberung von Schlesien und die Einführung der Kartoffel. Und
hatte man nicht den Bescheid erhalten, daß man als Prediger bei seinem
Leisten zu bleiben und nicht in die Wissenschaften zu pfuschen habe?!
(Verächtliches Schnauben durch die Nase.) Hier sollte man also bei den
Jesuiten weiter Speichel lecken und Gott danken, wenn man nicht vom Volk
gesteinigt, wenn einem die Kirche nicht demoliert und das Dach über dem
Kopf angezündet wurde? Hätte Georgie Lust das zu erleben, -- he? Wenn
nun der Roskowski einmal hierher käme mit seinen zweierlei Stiefeln,
schwarz und rot, die Feuer und Tod bedeuteten, und der umherritt und die
evangelischen Prediger brandschatzte? Wollte Georgie zusehen, wenn er
dem Vater Hände und Füße abhackte und die Zunge ausrisse, hoho, -- na,
also, nicht wahr?! (Träumerische Benutzung des lavendelduftenden
Schnupftuches) Nein, nein -- (gewichtiges Kopfschütteln) _nein_, zum
Märtyrer fühlte er sich nicht geboren und ganz unbeschadet seiner
religiösen Überzeugung würde er eher in jesuitische Dienste treten, als
hier noch weiter einen verlorenen Posten verteidigen, er würde so zu
einem Märtyrer seiner Wissenschaft werden, man bemerke dies wohl! (Im
Vertrauen gesagt, George, denn die Weiber haben keinen Verstand davon:)
Unterhandlungen seien da im Wege, Unterhandlungen von weittragender
Bedeutung, -- man konnte jetzt noch gar nichts sagen, aber ...
Jedenfalls auch für Georges Zukunft von höchster Wichtigkeit, -- na,
kurz und gut: abwarten! (Gedankenvolles Saugen am Rohr, Vertiefung ins
Rauchgewölk: Ja, ja!) »Am liebsten ginge ich nach England.« Das wäre das
Land der Zukunft, da fände sich wahrer Weltbürgersinn und lebte sich aus
in gewaltigen erdumspannenden Plänen, ins Werk gesetzt von einer
unerschöpflichen Tatkraft. England, England! (Triumphmarsch durch die
Stube mit geschwungenem Pfeifenrohr und wehendem Schlafrock) »Georgie,
England unser Vaterland, vergiß es nicht! Vor hundert Jahren noch saßen
wir Forsters in der fetten Yorkshire-Landschaft an den Fleischtöpfen
Ägyptens, auf eigenem Boden, ehe wir auswanderten und ausgerechnet nach
diesem gottverlassenen Erdenzipfel!« -- »Sehr löblich, unsere
Beweggründe, sehr löblich, allerdings ...« setzte er pädagogisch hinzu,
denn sein Urgroßvater hatte England aus Treue gegen den enthaupteten
Karl I. verlassen, -- »Indessen,« -- abschließendes Gebrumm, -- »gab's
nicht auch andere Länder, um dahin zu flüchten? War Preußen näher als
die Niederlande etwa?« --
Projekte! Das war es! Projekte hinter den nachdenklichen Runzeln des
Vaters, Projekte hinter seinem zerstreuten Lächeln, Projekte hinter
jedem jähzornigen Aufbrausen. Man stand auf, man schlief ein mit
Projekten, man träumte Projekte, Projekte waren täglich Brot auch für
den Knaben. Freilich, es kamen Stimmungen über ihn wie an jenem
Oktoberabend, als er sich an die Mutter geklammert hatte, -- aber wenn
sie ihn jetzt zum Helfen zu sich rief und halblaut und zärtlich mit ihm
plauderte, als fürchtete sie immer, belauscht zu werden, -- »Unser
liebes Haus, nicht wahr, Georgie, unser schöner Garten ...!« dann fühlte
er sich unbehaglich und kam sich wie ein Verräter vor, wenn er nickte
und wohl auch einmal seufzte, um nicht ganz stumm zu bleiben. Ein
schöner Garten, ein liebes Haus, -- ja gewiß, -- aber wie mochte es denn
sein, wenn nun einmal ein Projekt in Erfüllung ging und die enge Welt
der Heimat aufsprang wie eine Eierschale, aus der er auskriechen würde
wie der hoffnungsvollste Gickelhahn?! So machte er sein einfältigstes
kleines Heuchelgesicht der Mutter zuliebe, deren Kummer er ganz deutlich
spürte und der ihm das Herz wund rieb, -- dachte aber trotzdem
unaufhörlich mit unruhiger Neugier an die letzten dunklen Reden des
Vaters, der wieder einmal in Danzig war, -- wohlgemerkt, mit einem neuen
mausfarbenen Rock aus feinstem Tuch und mit einem halben Dutzend seiner
krausesten Jabots versehen, von der Staatsperücke ganz zu schweigen! Was
tat er denn immer wieder in Danzig, wo sich zur Zeit auch Herr von
Rehbinder aufhielt, der russische Gesandte in Polen, ein ergebenster
Diener der großen Zarin, ein Werkzeug ihres Willens und ein charmanter
Mann obendrein?! Was mochte es zu bedeuten haben, daß er neuerdings
beständig vom »heiligen Rußland« fabulierte, von Europens Morgenland,
von der Edelsteinmauer des Ural und der wandernden Breite der Wolga, an
deren Ufern sich Deutsche niederlassen sollten wie in Paradieses Schoß,
-- couragierte Männer, deren Familien, hm, hm -- ein majestätischer
Blick zu Frau Justine hinüber -- es ihnen auf Knien danken würden, daß
ihr Mut Frau und Kinder von den mageren Weiden der Heimat in dies zweite
Kanaan versetzen würde, dem dringlichen Ruf Katharinas folgend, die in
werbenden Manifesten den Heimatlosen von ganz Europa Freistätten,
billiges Brot und unerhörte Vorteile in den noch unbewohnten Gefilden
ihres riesigen Reiches bot? Warum mußte er, George, auf einmal anfangen,
Russisch zu lernen, seine Zunge üben, das R zu schnurren wie ein
spinnender Kater und das kurz vorher leidenschaftlich begonnene
Holländisch liegen lassen? Warum lächelte der Vater oft so
gedankenverloren vor sich hin, wenn er arbeitete, warum tat er so, als
ginge ihn die Frühjahrsbestellung des Gartens nichts mehr an? So von
Neugier und Ungeduld zerfressen, und um den wehklagenden Augen der
Mutter zu entgehen, verging sich der Knabe gegen seine eigene Natur und
wilderte ein paar Wochen mit Janusch und ähnlichen Kumpanen umher, stahl
Äpfel, zündete Heuschober an und quälte Hunde und Katzen, alles Dinge,
deren Versuchungen bis dahin an ihm abgeglitten waren. Er benahm sich
ungeschickt genug dabei, wurde von den anderen regelmäßig vorgeschickt,
um die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und hinterher ausgelacht, und
war eben bereit, gedemütigt und angeekelt in das alte Leben der
Stubenhockerei zurückzukehren, als die Pocken, die im Dorf umgingen,
über ihn herfielen und seinen dürftigen Körper eine geraume Zeit
zwischen Tod und Leben hin und her zerrten. Dann kamen hübsche Tage, in
denen er das fürchterliche Labyrinth der Fiebernächte wieder ganz
vergaß, Tage des Himbeersaftes und des Griesbreis und oh, der lieben
Gellert'schen Fabeln, -- Tage des Nichtmehrkrankseins und doch noch
Gehätscheltwerdens, Tage voll des Sonnenscheins mütterlicher Liebe und
eigener Verantwortungslosigkeit, -- nichts lernen, nichts schreiben,
immer nur deutsch sprechen, ach -- und immer nur spielen, -- Tage, so
selige, und die letzten seiner Kindheit. Denn als er aufstand,
narbenbedeckt, ein kleiner alter Mann, noch müde und elend und an nichts
weniger denkend als an Projekte, -- da war es so weit, da barst die
Eierschale und er mußte hinaus, ob er wollte oder nicht. Im Auftrag der
russischen Regierung, wie er sagte, wie er zweifellos auch annahm und,
-- jedenfalls durch Vermittlung des scharmanten Rehbinder, -- auf Kosten
der Krone, ging Reinhold Forster an die Wolga, um dort die Bedingungen
der ersten deutschen Ansiedelungen zu studieren, und er hatte es sich
ausbedungen, seinen ältesten Sohn, -- »einen hoffnungsvollen,
strebsamen, jungen Gelehrten« -- mitzunehmen. Ja, er nahm ihn mit sich,
als Hündchen, als Famulus, vielleicht auch nur, weil ihm der Knabe zur
unentbehrlichen Gewohnheit geworden war und in einem ersten plötzlichen
Zurückschauern vor den einsamen Wegen der Fremde. --
* * * * *
In der ersten Nacht auf See, nachdem der Leuchtturm von Zoppot im Nebel
hinter ihnen versunken war, und die Ostseewellen sich das rundbauchige
Schiff gegenseitig zuwarfen, machte George, in seinem schmalen Wandbett
unsanft hin und her geschleudert, wehleidige Zugeständnisse und rief
außer dem einen großen »Vater unser« noch alle Nebengötter vergangener
Jahre an, die er längst endgültig abgetan zu haben meinte: Maria nämlich
und Joseph, dazu Jakob, Abraham und Isaak, sowie Moses und Elias und
andere weißbärtige, wunderkräftige Gestalten des Religionsunterrichtes,
denen er als kleiner Knabe in endlosen geflüsterten Gebeten gemeint
hatte huldigen zu müssen, mit krankhafter Gewissenhaftigkeit bedacht,
nur ja keinen zu vergessen, der dann im Himmel traurig auf seinem
besonderen Thrönchen hätte sitzen müssen, vielleicht mürrisch, am Ende
gar zornig des gewohnten Weihrauchs harrend. Er versicherte nicht nur
_sich_ ihres Beistandes, sondern vor allem _sie_ seiner Ergebenheit, --
»denn ich habe euch ja alle so lieb« wisperte er nach ausführlicher
Namensnennung und fügte zur größeren Sicherheit abschließend hinzu: »und
_alle_ Engel!«, denn schließlich, _Engel_ war (seines Erachtens) ein
jeder von ihnen und so war es ganz gewiß, daß keiner vernachlässigt
worden war. Er hatte sich auf diese Weise früher oft in den Schlaf
gebetet und nur Fieken, die immer durchaus wissen wollte, _was_ er denn
so für sich zu flüstern habe, hatte ihm die Gewohnheit verleidet. In
dieser Nacht aber kehrte er reuig zu ihr zurück, demütigte sich
ausgiebig und gelobte Dienstbarkeit für alle Zeiten, wenn man ihn nur
lebendig aus diesem fürchterlichen Schiff entkommen und ihn jemals
wieder einen vergnügten kleinen Magen haben lassen wollte. In einer
Atempause des Sturmes, als das Ächzen, Knarren, Klatschen und Heulen für
einen Augenblick aussetzte, vernahm er neben dem unbehaglichen Stöhnen
und Würgen der beiden anderen Fahrtgenossen, -- des Herrnhuter Bruders
David Krüzner und des Jenaer Studenten Gotthold Betzel, -- ein
wohlbekanntes gründliches Knurschen und Schmatzen und stellte bei sich
fest, -- wobei sich sein Gedärme schmerzlich zusammenzog und süßliche
Flauheit sein Denken lähmte, -- daß der Vater da in der Finsternis Äpfel
aß, er meinte nun plötzlich auch den frischen heimatlichen Duft wie
einen schönen Fremdling durch die verdorbene Luft der niedrigen Kajüte
schweben zu spüren und krümmte sich gleicherweise vor Heimweh wie vor
Seekrankheit. Der Vater wurde nicht seekrank, mochte Gott wissen, wie er
das anfing, der stand am Morgen mit den possierlichsten Bocksprüngen auf
und verließ pfeifend den Raum, nicht ohne seinem Sohn und dessen
Leidensgenossen mit gerunzelter Stirn und teilnahmsvoll rollenden Augen
»eine kleine Collation« angeboten zu haben, da doch ein gefüllter Magen
den ganzen Menschen aufrecht zu halten imstande sei, wie er an sich
selbst erfahren zu haben meinte. George schüttelte angstvoll abwehrend
den Kopf, der Herrnhuter, der so im Bett mit der weißen Zipfelmütze über
den Ohren ein knittriges Altmütterchengesicht hatte, sah nur zum Himmel
und bewegte beschwörend die Hände, Gotthold Betzel aber verlangte
murrend nach einem ^Spiritus liquor^, den Herr Forster alsbald in
Gestalt eines Nösels Rum feierlich herbeitrug und den leidenden Bruder
tränkte, wie eine Mutter den Säugling. Er versäumte nicht, die Flasche
auch George und dem ehrwürdigen Krüzner mit aufmunterndem Blick
hinzuhalten, zuckte bedauernd die Achseln und nahm selbst einen
kräftigen Schluck, der ihn sichtlich bis zu den Schnallen seiner Schuhe
wohlig durchschüttelte. Sodann verschwand er und schickte den Janusch,
um für die Sauberkeit des Fußbodens zu sorgen, und Janusch wankte
herein, selbst grün und gelb aussehend, -- jawohl, der Janusch war
mitgenommen worden, denn was war ein Reisender ohne Kammerdiener? Er war
ein Baum ohne Schatten! -- und Janusch tat sein Bestes, aber dann rollte
er sich am Fußende von Georges Bett zusammen und George nahm mit
Ergriffenheit wahr, daß der ehemals so gefährliche Feind gebrochen war
wie er selber. Hatte er schon seit dem Tage seines Dienstantrittes ein
gewissermaßen abgeklärtes Wesen zur Schau getragen, daß sich George
gegenüber einstweilen in völliger Nichtbeachtung, gegen den Vater jedoch
in rasender Dienstfertigkeit ausprägte, so ward es jetzt offenbar, daß
er mit dem zerfetzten Wams auch die feindliche Gesinnung bis aufs letzte
abgestreift und mit den heilen Strümpfen, den ledernen Beinkleidern und
dem sauberen moosgrünen Kamisol, das Forster ihm zu Danzig in aller Eile
hatte anmessen lassen, eine begeisterte Unterwürfigkeit angezogen hatte,
auch für George, den er »Panje« nannte und ihm den Ärmel küßte, jetzt,
ehe er so zusammensank und den Kopf an die hölzerne Wandverschalung
lehnte. Er sagte nichts weiter, aber aus dem blassen schmutzigen Gesicht
sahen seine Augen grell wie die eines wilden Waldtiers, das aus seiner
warmen sichern Höhle gerissen war, und George ehrte diesen Zustand, als
den eines Leidensgenossen, und lag erschöpft still, keines Gedankens
fähig, als des einen, wie paradiesisch es sein müßte, jetzt zuhause in
einem stillstehenden Bett zu liegen, -- und meinetwegen die Pocken zu
haben, nur zuhause und, -- ja, -- bei der Mutter!
Unterdessen erholte sich der Herrnhuter so weit, daß er, allerdings im
Liegen und die Hände vorsichtig über den Magen gefaltet, imstande war
einen Psalm anzustimmen. Er wählte den zweiundvierzigsten und stärkte
sein Herz im Sprechgesang:
»Deine Fluten rauschen daher,« klagte er, »daß hier eine Tiefe und da
eine Tiefe brausen; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich
...«
Als er fertig war, blickte er die Knaben freundlich an und richtete sich
behutsam ein wenig auf. »Ist es nicht köstlich, meine Kinder,« fragte
er, »sich so völlig in der Hand des Herrn zu wissen und sich ihm ganz
überlassen zu müssen? Ach, daß wir uns doch nur im Unglücke so richtig
sein eigen fühlen, -- aber das Fleisch ist schwach.« Er hätte gewiß noch
mehr gesagt, aber Gotthold Betzel schüchterte ihn mit ärgerlichem
Grunzen hinlänglich ein und es verging noch manche Stunde, ehe eine
ergiebige Unterhaltung in Gang kommen konnte, wenn schon Reinhold
Forster mehrmals des Tags erschien wie das leibhaftige gute Wetter, um
jene kleinen Kollationen zu sich zu nehmen, deren er, wie gesagt, zu
seiner Aufrechterhaltung bedurfte. --
»Ihr werdet Hunger haben, immer,« hatte die Mutter kurz vor dem Abschied
mit weinenden Augen lächelnd gemeint, und: »Pah, Hunger!« hatte der
Vater geantwortet, der gerade ein Schinkenbein vorhatte und mit beiden
Backen kaute, -- »und wenn schon, meine Liebe! Die Wissenschaft ist
Opfer wert.« Nichtsdestoweniger widmete er sich jetzt hingebungsvoll dem
umfangreichen Vorratskorb, den Frau Justine mit so viel Sorgfalt gepackt
hatte, es schien die Zeit des Opferbringens noch nicht gekommen zu sein,
und auf einem Schemel auf dem Fußboden der Kajüte hockend, besagten Korb
zwischen den Knien, hielt er inmitten der Reisekumpane die
vergnüglichsten Kolloquien ab. »Du staunst, mein Sohn,« sprach er etwa
dabei und George lächelte zuvorkommend, wenn schon etwas matt, -- »ja,
du staunst und wie sollte ich es dir verdenken! Siehst du doch deinen
griesgrämigen Herrn Vater, der sich ganz darauf vorbereitete, hinter dem
Ofen zu vertrocknen als ein dürres Reis, mit einem Male gleichwie
versetzt an strömende Wasserbäche. Das Amt in Ehren, mein Herr Bruder in
Christo,« wandte er sich an den milden Krüzner, »in Ehren das Amt! Aber
wenn einem Manne für sein Dorf in der Polackei die Welt angeboten wird,
ja, wenn ihm die Größte aller Kaiserinnen eigenhändig --
vergleichsweise, nun, meine Herren, vergleichsweise! -- wenn sie ihm
also das Tor auftut zu ihrem gewaltigen Reich: Ich bitte um die Ehre,
Monsieur Forster! Ein Narr, nicht wahr, wer da nicht zugriffe, ein Narr!
Und außerdem, ich besitze gewisse Gaben, die über das Amt hinausgehen,
Herr Bruder, den Rahmen des Amtes sprengen, -- jawohl, -- wenn ich so
sagen darf ... Herr Bruder!« Er brummte noch verschiedene Male »Hm, hm!«
hinterher, wobei er mit zwei Fingern vorsichtig an seiner Nase zupfte
und verliebt vor sich hinblickte. »Jetzt kommen gleich die Verdienste um
die Erforschung der Wasserfauna und der Insekten, die Bekanntschaft mit
Herrn von Rehbinder, dem Geschäftsträger Ihrer Kaiserlichen Majestät,
die Korrespondenz mit Herrn von Haller in Zürich und die Fertigkeit,
sich in siebzehn Sprachen auszudrücken, -- endlich aber sein Vermögen,
den großen Zeh in den Mund stecken und mit dem Kopf zwischen den Beinen
hindurchgucken zu können, welch letzteres Kunststück er gewiß ^ad
oculum^ demonstrieren wird,« -- dachte George ergeben, der neben der
Bewunderung für seinen Vater zum erstenmal in seinem Leben eine leise
Befangenheit empfand, wenn dieser sich allenthalben so wohlig
entfaltete, wie eine Blume im Sonnenlicht. Doch hub jetzt David Krüzner
an, während er bescheiden aus einem leinenen Reisesacke zehrte und
sparsam nur mit den Vorderzähnen zu knabbern schien, -- er hatte eine
lange geduldige Oberlippe und große feuchte Kaninchenaugen, -- »Es geht
nichts über ein Wirken in der Stille, lieber Bruder, und der Herr weiß
es ja, wie ich ihn hätte preisen wollen, wenn er mir Armen ein solches
Amt verliehen hätte, wo ich meinen Mitbrüdern unangefochten hätte dienen
können. Indes, da es sein heilsamer Wille ist, mich hinauszusenden unter
Morduanen, Baschkiren und Kalmücken, -- ei, so geht David Krüzner, denn
es ziemt ihm nicht, wider den Stachel löcken.«
»Recht habt Ihr, Herr Bruder,« sagte Forster mit einer gewissen Öligkeit
in der Stimme, die George von der Kirche her an ihm kannte, -- dann
wußte er, jetzt dachte der Vater an ganz andere Dinge, was aber die
Leute durchaus nichts anging -- »das Schäflein bleibt in seines Hirten
Händen, -- auch unter den Heiden! Indessen ^suum cuique^, Herr Bruder,
^suum cuique^, -- meint Er nicht auch, Herr Studiosus?« Und während
David Krüzner murmelnd bekannte, ein demütiger Bruder zu sein und kein
Latein zu verstehen, hub Gotthold Betzel an: »Der Teufel hole Morduanen
und Baschkiren so gut wie jedes Amt in Deutschland, wo einen die Ratzen
bei lebendigem Leibe auffressen, da die lieben Tierlein selbsten nichts
zu nagen haben. Ich aber gehe nach St. Petersburg, dort kann man Kaiser
sein, ehe man sich's versieht, was mir übrigens ein viel zu heißer Boden
wäre. Ich werde aber der Kaiserin mein Projekt zur Beleuchtung
nächtlicher Paläste und Hütten mittelst eines aus Hammeltalg
destillierten Öles vorlegen, wobei der Mensch sich zugleich erwärmen
kann, und alsdann werde ich mit großen gewonnenen Schätzen in die Türkei
verreisen, -- allwo man weiter sehen wird.«
»^Ergo bibamus!^ Trink Er, Herr Bruder, ich hab mir auch einmal den
Rücken im Kollegio krumm gesessen«, sagte Forster teilnahmsvoll und
reichte ihm die Flasche, ohne weiter auf die Projekte des ^pp.^ Betzel
einzugehen. Gegen Ende der Reise, die in neun Tagen glatt und sicher
verlief, saß er übrigens mehr in der Kajüte des Kapitäns, dem er
gewaltigen Eindruck durch seine Kenntnis der fernsten Küsten und Völker
machte, und der ihn nichtsdestoweniger fabelhaft anlog, um ihn zu
übertrumpfen, was ihm aber nicht gelang, denn Forster hatte immer noch
etwas daraufzusetzen: auf das Meerweib die fliegenden Fische, auf den
Magnetberg die feuerspeienden Berge und auf das Nagelmeer die kochenden
Springquellen Islands, wobei sie sich gegenseitig vortrefflich
unterhielten und der Schipper Mandeweit, der alljährlich einmal um das
Kattegatt herum nach London segelte, im übrigen aber nie in seinem Leben
über die große Punschbowle der Nordsee hinausgekommen war, den gelehrten
Herrn für »'nen verdammten Slusuhr« erklärte, was einen hohen Grad von
Anerkennung bei ihm bedeutete. Er nahm Forsters Mitteilungen restlos in
seinen Lügenschatz auf und zwar als Glanzstücke, und wurde so zu einem
unfreiwilligen Verbreiter der Wahrheit. Auch Gotthold Betzel erholte
sich alsbald so weit, um von der Gesellschaft zu sein. Verschiedne
Spiele Karten bildeten einen Teil seines Reisegepäcks, und er weihte
Herrn Forster und den Schiffer in die Geheimnisse des Rabougierens ein,
nicht ohne gründlichen Gebrauch von seiner Überlegenheit zu machen, die
sich Mandeweit fluchend, Forster mit Gelassenheit gefallen ließ: er tat
wohl mit, gewiß, er war kein Spielverderber, aber im Grunde war dies
denn doch ein Amusement für seichte Köpfe und wenn man nicht unterwegs
gewesen wäre ... Zudem langweilten ihn die Karten von jeher gräßlich und
er verlor schon allein aus Gleichgültigkeit fortwährend und versetzte
dadurch Gotthold Betzel in unbändig gute Laune; dieser erinnerte sich
seiner musikalischen Gabe und sang nunmehr viel mit rauher Stimme, sang
Lieder, deren Inhalt den Bruder Krüzner wehmütig, George und Janusch
aber außerordentlich heiter stimmte. Diese beiden trollten auf Deck
umher und erschienen so wenig als Herr und Diener wie nur je in den
vergangenen Tagen zu Hause.
»Georgie, Panje, ist sich viel zu viel Wasser, ist sich fürchterlich!«
hatte Janusch am ersten Tage schaudernd erklärt, und George, obgleich
innerlichst geneigt, ihm zuzustimmen, hatte die Hände auf den Rücken
gelegt und mit vorgeschobener Unterlippe sein Magistergesicht
aufgesetzt. Mein Gott, wenn das noch alles Wasser wäre, was es auf Erden
gäbe, -- aber bewahre, -- dies war ja nicht mehr als daß ein kräftiger
Walfisch es auf einen Zug austrinken könnte! Und »Täubchen schöne« waren
das da oben auch nicht, sondern Wasservögel, Möwen, vermutlich, -- ja,
so etwas konnte man wissen, ohne einen von den groben Matrosen zu
fragen, die gleich mit der Gegenfrage bei der Hand waren, ob man wohl
belieben würde, mal unterzutauchen, mal Salzwasser zu schlucken, mal
sein Fell auswringen zu können? Die gelbbraunen Eulenaugen des Janusch
wurden vor Staunen immer runder und das nahm George wie eine
Aufforderung an seine Ehre, selbst unter keinen Umständen Verwunderung
an den Tag zu legen. Am achten Tage sah man einen Zug wilder Schwäne,
der von Süden kommend den Meerbusen kreuzte und sich untereinander
ermutigend geheimnisvolle Töne zurief, -- Namen vielleicht der
unendlichen Seen Finnlands. Am Morgen darauf tauchte Kronstadt aus dem
Nebel, wie das phantastische Bollwerk des Seekönigs und am Abend
desselben Tages schaukelten die Reisenden auf ihren festlandungewohnten
Sohlen die Newski-Perspektive hinab. Nun versagte die Haltung des nicht
zu Rührenden dennoch und es war erfreulich, einen Vater zu haben, dessen
Hand man ergreifen konnte, -- merkwürdigerweise schien diese große Hand
selbst einen gewissen Anhalt an der kleinen des Sohnes zu finden. Stumm
gingen sie diese ungeheuerste aller Straßen hinunter und sahen sich
immer wieder nach dem Janusch um, der unter der Last des Reisesackes
gebeugt hinter ihnen drein keuchte, unterstützt von einem freundlichen
schlitzäugigen Kerl, der sich mit dem übrigen Gepäck beladen hatte und
jedesmal aufmunternd grinste, wenn er angesehen wurde. Übrigens gewann
Herr Forster mit jedem Schritt an Sicherheit, und schon im Gasthaus
Peter Bierbergs trat er auf wie der siebenfach gebrühte Weltreisende,
der sich beileibe nichts vormachen läßt und alles an Erfahrung überragt.
Was Peter Bierberg demütig zu stimmen schien, ihn aber nicht hinderte,
die neuen Gäste unter Achselzucken und mancherlei Entschuldigungen in
einem Raum mit einer vielköpfigen polnischen Familie einzuquartieren, wo
Vater und Sohn zusammen ein Bett beziehen mußten und mancherlei an
Schamhaftigkeit auszustehen hatten, d. h. sie schämten sich fast zu
Tode, aber die dicke polnische Mama schien nur an feuriger Lebendigkeit
zu gewinnen. Indes verging dieser erste Aufenthalt in St. Petersburg
traumhaft schnell, und George hatte kaum Zeit sich darüber klar zu
werden, daß er nun zwar wieder auf festem Lande, aber doch unendlich
weit von daheim und der Mutter entfernt war, -- hatte seinen kleinen
Kopf kaum den Eindrücken dieser wilden großen Stadt angepaßt, ihren
Palästen und stattlichen Steinhäusern, die grün oder ^café au lait^
getüncht mit ihren bunten flachen Dächern und den anspruchsvollen
Säulenverzierungen ihrer Vorderseiten bereits anfingen, die alte
hölzerne Stadt Peters zu verdrängen, ihren Bazaren und Kuppelkirchen,
den Kanälen und vor allem der wimmelnden Newa mit ihren unheimlich
schwankenden Schiffbrücken, die doch Droschken, Roß und Reiter und die
ganze bunte treibende Masse des Volkes vom ersten Admiralitätsteil
hinüber nach Wassilii Ostrow trugen, -- mit diesem Volke endlich selbst,
so vielfältig an Erscheinungen, wie es sogar der Danziger Hafen, an
dessen Jahrmarktstrubel er bisher alles Wunderbare bemaß, nicht war und
nie sein konnte, -- er hatte also kaum begriffen, daß sein kleines Ich
nun diese ungeheure, schreiende, heulende, bewegliche, geheimnisreiche
Erweiterung erfahren hatte, -- denn jeder Ort stürzt sich unaufhörlich
nach Einheit gierig in die Gemüter, die ihn auffangen und widerstrahlen,
und jedes Ich hat seine Grenzen erst da, wo sein Bewußtsein aufhört, das
Bewußtsein eines Kindes aber verschwimmt mit dem Umriß seines Wohnortes,
-- kaum hatte er solchermaßen Nassenhuben abgestreift, mit der
vertrauten Enge von Haus und Garten und dem leeren Umkreis von
Kiefernheide und Ebene, -- kaum Danzig verwunden, das ihm hundert
Gesichter gehabt zu haben schien und ihn schmerzhaft ergriffen hatte mit
seiner angehäuften Kultur, seinem katholischen Prunk und seiner
Bevölkerung von lauter Pastoren und Starosten, ja, lauter Herren, wie es
daheim nur zwei gegeben hatte! -- kaum lag die See hinter ihm mit ihren
heftigen Anforderungen an Körper und Gemüt, von denen das ^nil admirari^
dem Janusch gegenüber vielleicht die schwerste gewesen war, -- denn es
ist unerhört hart, mit elf Jahren beständig die Würde zu wahren, -- so
kam St. Petersburg wie ein kurzer Fiebertraum und schon ging es weiter.
Ging weiter mit Vorspannpaß im eigenen Wagen, zweihundertfünfzig Werst
in vierundzwanzig Stunden, die wachsenden Tage und die immer heller
bleibenden Nächte hindurch, kaum daß es einmal ein Nachtquartier in
einem schmutzigen Gasthaus gab, wo der Wirt wohl in Ehrfurcht vor dem
Herrn, der in Geschäften der Krone reiste und darum nur halbes Postgeld
bezahlte, erstarb und Herrn Forsters Laune dadurch prächtig anfachte, wo
man aber dafür des Nachts von Ungeziefer halb gemordet wurde. Doch war
der Vater unterwegs außerordentlich frisch und lebendig und benutzte die
Zeit zu den eingehendsten Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens,
er botanisierte mit George neben dem Wagen her, wenn dieser mit
trostloser Langsamkeit durch die Sandwege unendlicher Wälder schaukelte,
und erging sich in verzückten Rhapsodien über die Ergiebigkeit und
Unberührtheit dieses Landes, sobald man mit frischem Vorspann wieder
feurig dahinrollte, fleißige kleine Pferde vor sich, die ihre zottigen
Köpfe begeistert warfen und schüttelten, wenn der Iswotschik sie weniger
mit der langen Peitsche als mit dem zärtlich singenden Ton seiner Stimme
aufmunterte. George gewöhnte sich an den Anblick von Januschs Rücken mit
dem hin und her tanzenden kurzen steifen Zopf vor sich auf dem Bock und
wartete oft sehnsüchtig darauf, daß der runde Kopf herumwanderte und ein
von Hochachtung und Mitleid gleicherweise sprechender Blick aus Januschs
Eulenaugen langsam über ihn hinwegging, -- worauf er sich wieder etwas
gestärkt fühlte, denn ein Leiden ohne Zeugen hätte auch den heiligen
Märtyrern nicht halb so viel Spaß gemacht, dessen sei man nur gewiß!
Zuhause hatte die Mutter doch manchmal bewundert, was alles er zu
leisten hatte, hatte ihm an besonders harten Tagen einen Apfel
zugesteckt oder gar einen Eierkuchen gebacken, -- sehr heimlich
freilich, und dann hatten sie ihn zusammen am Herde verspeist, weder
Rieken noch Fieken durften das wissen, auch nicht Malchus, der Knecht
oder Mareiken, die Magd. Hier aber mußte man die Lippen zusammenpressen,
tief durch die Nüstern schnaufen, um einen Augenblick Zeit zu gewinnen,
und dann seine Antwort hervorschnurren, ganz ausgeliefert diesen
undurchdringlichen blauen Porzellanaugen und im Banne der starken Hand,
die ungeduldig am Wagenschlag trommelte und so leicht von dort abglitt
und Georges Kopf traf, der sich dann geduldig duckte, -- nein, hierbei
sollte Janusch keinen Anlaß haben sich umzudrehen, und es ging, es ließ
sich wahrhaftig aushalten, diese Kopfnüsse lautlos hinzunehmen! Zu
größeren Exekutionen, wie der Vater sie sonst als Unterbrechung der
Arbeitsstunden liebte, war ja in der Kibitka Gottseidank kein Platz; der
Vater sah ganz davon ab, nachdem er sich in den ersten Tagen hart am
Ellbogen gestoßen hatte, -- ein Zeichen, daß auch er sich beherrschen
konnte, wenn es sein mußte. George wußte schon von zuhause her, daß man
am besten dabei fuhr, wenn man dem Gewaltigen diente, als sei dies ganz
selbstverständlich; nun aber bildete er die Kunst, dem Riesen alles an
den Augen abzusehen und seinen Wünschen lautlos zuvorzukommen, vollends
aus. Der Riese war zuweilen äußerst schlechter Laune, -- schön war das
Reisen, ja, und wissenschaftlich war das Land ergiebig wie ein Pudelpelz
an Flöhen, aber es war doch auch geradezu widerwärtig groß und es nahm
gar kein Ende mit lichten wehenden, wehenden Birkenwäldern, mit den
bunten hölzernen Dörfern, mit der unendlichen mattgrünen Ebene, hinter
der der Horizont sich immer weiter hinausschob, wiewohl man an jedem
Abend glaubte, man würde morgen im ewigen Osten landen und hätte die
Wolga längst im Schlaf überschritten. Zudem widerstand ihm einstweilen
die landesübliche Kost, er verachtete Schtschi und Kascha, vor Kwas aber
ekelte er sich geradezu und behauptete lärmend, es sei unsittlich,
diesen gegorenen Unrat zu trinken, man könne nicht wissen, welche
Ingredenzien dazu verwendet würden. Einzig die Malinowka fand einige
Gnade vor ihm, er pflegte sie allenthalben ernsthaft zu fordern und
legte starke Verstimmung an den Tag, wenn dieses aus Kirschsaft, Zucker
und Wein gebraute Getränk nicht zu bekommen war. Endlich kam er
dahinter, daß die Russen Meister in der Kunst der Pastetenzubereitung
waren; nun war freilich alles gut, und sobald er so weit war, zu wissen,
daß sich die verschiedensten Piroggen, seien sie mit Pilzen, Fischen,
Fleisch oder Speck und Rosinen gefüllt, auch als Reisevorrat mitnehmen
ließen, gewann er einen bedeutenden Überschuß an Spannkraft. Er sorgte
für den Vorratskorb und allenfalls für die Kiste, die die Bücher und
seine wissenschaftlichen Notizen enthielt, welche George an den
spärlichen Rasttagen nach seinem Diktat sorgfältig ins Reine schreiben
mußte. Die Sorge für das übrige Gepäck überließ er dem Janusch und
erklärte ihn für einen exemplarisch vortrefflichen Bedienten, ohne zu
bemerken, daß sein kleiner Sohn den besten Teil der notwendigen Arbeit
verrichtete, denn der Janusch war den mannigfachen Besitztümern
gegenüber, die die Zivilisation seiner Herrschaft erforderte, ziemlich
ratlos und hatte nicht Zeit, über diese Ratlosigkeit hinauszuwachsen,
wie man bald erfahren wird. So begnügte er sich mit der Pflege des
Schuhzeuges und dem Zuschnallen und Schleppen der Koffer, während George
stillschweigend für Sauberkeit und geglättete Lage der Kleider sorgte.
Als Herr Forster ihn einmal bei diesem Geschäft zu bemerken geruhte,
stellte er nachdenklich fest: »Wie sehr du deiner Mutter gleichst, mein
Sohn!« legte weiter keinerlei Ergriffenheit an den Tag, machte aber in
Zukunft George für jeden Flecken auf den Kleidern verantwortlich.
Endlich erreichten sie Nishni-Nowgorod. Hier klaffte ein Riß in der
farblosen Haut der Ebene und die Seele Rußlands lag bloß, starrend bunt,
asiatisch üppig, wie das Innere der märchenhaften Kirchen:
Edelsteinhöhlen, von Rubinlicht durchblutet, -- wie die Völker, die hier
zusammenströmten mit dem Geruch unübersehbarer Pferdeherden und des
Leders, mit unerhörter Farbenfreude in den Gewändern und dem leisen
Geklirr von silbernen Kettchen und Klapperwerk an den hohen bunt
aufgenähten Mützen ihrer Weiber. Zudem strotzte alles von Fettigkeit und
Schmutz, aber den Reisenden, von Staub, Wind und blendender Sonne
gedörrt wie sie waren, tat die feuchtigkeitsgesättigte Luft der
Stromniederung wohl und unter den Segenswünschen des Iswotschik, -- ja,
er würde warten, bei Gott, nicht rühren würde er sich aus seiner
Herberge! am Ufer würde er stehen und sich blind schauen, bis das
hochverehrte Väterchen wieder flußaufwärts gefahren käme! möchte es nur
gefahren kommen, möchte es nur! -- bestiegen sie eine Schaluppe und der
Strom nahm sie auf. Wasser! hieß wiederum die Losung, aber anders war
ihr Klang als zuvor auf der See, anders, zielbewußter und beseelter
schien diese rastlos vorwärts sich wälzende Flutmasse in der ungeheuren
Schwermut ihres Willens, der nichts wußte von der tobenden
Regellosigkeit des Meeres. Nicht daß George es sich klar gemacht hätte,
aber er verstand, -- er verstand! Er kauerte hinter einer Rolle von
Tauen am Bug des Schiffes und blickte grade aus, es war alles so sanft
und ernst, wie die Wasser sich um die flachen Inseln teilten, wie die
Schilfwälder meilenweit wogten und raschelten, wie große Stelzvögel
majestätische Kreise darüber zogen. Er blickte nach Osten, wo die
Wasserfläche in die unendliche Ebene überging und mit dem Horizont
verschmolz; im Westen aber stand abends der Himmel tiefgolden hinter der
schwarzen ruhigen Festigkeit der Berge. Dann begannen die Burlaki zu
singen, während sie Anker warfen, und auch das verstand er, ohne
vielleicht ein einziges Wort zu erfassen, er hockte nur da, ein sehr
kleiner Junge trotz Schoßrocks und Haarbeutels, hatte den Kopf auf die
Knie gelegt und weinte. Es war ihm aber gar nicht schmerzlich zumute,
nur so, als müsse nun endlich alles leichter werden, und das war doch so
gut, -- so gut. Irgend etwas streichelte ihn, nahm ihn und wiegte ihn
ein, die übermäßige Spannung, die ihn seit Beginn der Reise bis an die
Grenze seiner Fähigkeit gestrafft hatte, löste sich, der »Herr Magister«
zog sich völlig ins Wesenlose zurück, ein Knabe blieb, kindlich,
zutraulich oder unartig, kurz, er fiel an seine eigene Natur zurück und
das nach sieben Jahren zum erstenmal, denn im Grunde hatte er sich von
ihr entfernt, damals, als er so plötzlich lesen konnte, -- ach ja, wie
war es nur gekommen? -- als es mit dem Spielen vorbei gewesen war. Dazu
kam, daß es dem Vater ähnlich erging wie ihm selber, Herr Forster
verbrachte ganze Tage in träumerischem Vorsichhinstarren und ließ sich
die Sonne auf den breiten Rücken brennen, wobei er manchmal blinzelte
und mauzend gähnte wie ein träger Kater. Zwischendurch erhob er sich
allerdings, reckte sich, daß die Gelenke krachten, rieb sich gewaltig
die Hände und begann dann eine hastige Teilnahme für die
vorübergleitenden Ufer an den Tag zu legen, fragte den Steuermann, der
unbewegten Gesichtes Auskunft gab, leidenschaftlich aus und stand
gebückt, auf dem linken hochgestellten Knie ein Schreibtäfelchen, in das
er eifrig Notizen eintrug. Es war aber nicht die Rede davon, sie
auszuarbeiten, wie George immer heimlich fürchtete, wenn er den Vater
bei dieser Beschäftigung sah, sondern Herr Forster blieb sanft und faul
und ward nur ein wenig munterer, wenn angelegt wurde und man an Land
ging, was alle zwei bis drei Tage einmal geschah. Alsdann suchte man
sich Reittiere zu verschaffen oder ging zu Fuß landeinwärts in die
wilden Wälder oder die öden Steppen hinein, sammelte Pflanzen und
stellte Tieren nach, bei welcher Gelegenheit Janusch wie wild hinter der
armen Tschokuschka, dem allerliebsten Zwerghasen her war, dessen
wachtelschreiähnlichen Lockruf er nachzuahmen verstand und dessen
unterirdische Laufgräben und Höhlen er mit dachshundgleicher Spürnase
aufzufinden wußte. Er gab sich dieser Unterhaltung mit einer Art
weinerlicher Leidenschaft hin und George fühlte es wohl, Janusch hatte
keine andere Freude mehr, Janusch war bitter enttäuscht und suchte hier
eine Entschädigung für seinen Tatendurst und seinen Ehrgeiz, denen ein
Leben auf dem Kutscherbock und auf der Ruderbank zu eng war. Dies war
klar, obgleich Janusch sich nie darüber äußerte, aber sein mürrisches
Schweigen, diese finstere Majestät seiner Verdrießlichkeit lasteten
schwer auf George, gerade weil er selbst so vergnügt war und sich mit
ängstlicher Seele bemühte, auch seine Umgebung heiter zu wissen, als
läge in deren Unzufriedenheit eine Gefährdung dieses harmonischen
Zustandes. Um die Wahrheit zu sagen, der Janusch haßte das Wasser, und
nun hatte er die Ostsee gerade überstanden und war schon wieder in so
einen hölzernen Trog gebannt, der auf dem widerwärtigen Element schwamm
und schwankte, daß einem vom bloßen Zusehen übel werden konnte. Ja, wohl
hatte er daheim die Pferde in die Schwemme geritten, aber das war auch
bei Gott etwas ganz anderes gewesen, da war er der Herr von Pferd und
Wasser, diesem Tümpel, dessen Blutegel und schlammgrüne gelbbauchige
Salamanderchen er alle persönlich kannte. Nun, und dann, so halbnackt
und naß wie irgend ein Wasserteufel ins Dorf zurückgaloppieren,
schreiend, peitschenknallend und fratzenschneidend, daß alle Kinder und
Mädels Reißaus nahmen, -- das war doch etwas anderes als so tagaus
tagein, so wiegala wogala in diesem verdammten Kasten sitzen zu müssen.
Der Janusch grollte. Der Janusch starrte den Treidelpferden nach, die so
geduldig am Ufer gingen und die schwer beladenen Barken zogen, und
beneidete die Bauern, die sie trieben. Tausendmal mehr noch aber
beneidete er andere Leute, die man zum erstenmal Anfang August auf dem
westlichen Ufer antraf, wo man eines Abends schon von weit her eine
Wolke schweben sah, eine Wolke von Rauch und Staub, die als sie näher
hinzukamen, von der sinkenden Sonne ganz golden durchglüht war, und
darin tummelte sich ein Gewimmel von Menschen und Tieren, entstanden,
wie Pilze aufschießend, dunkele, runde und zugespitzte Zelte und war ein
Geschrei, Gebrüll und Gewieher, von Peitschenknallen und Flintenschüssen
zerrissen, daß George und Janusch sogleich an Jahrmarkt dachten und
George wahrnahm, wie der Janusch ganz glühende Augen bekam und ungebeten
des Vaters große Stulpenstiefel bereit stellte, dann aber von einem Fuß
auf den andern tanzte und sich durchaus geberdete wie ein Hund, der die
Anstalten eines Aufbruches wittert und noch nicht genau weiß, ob er
mitgenommen werden wird. Herr Forster enttäuschte ihn denn auch nicht,
und obgleich der Steuermann murrte, man würde sich dies ganze Gesindel
auf den Hals laden, ließ er angesichts des Kalmückenlagers anlegen und
ging mit den beiden Knaben hinüber, unbewaffnet und seelenruhig wie auf
seiner Dorfstraße zuhause. Tief befriedigt kehrte er zurück, hatte aber
nichts dagegen, daß sogleich der Anker gelichtet und alsdann noch die
halbe Nacht stromabwärts gefahren wurde. Selbst auf dieser Strecke
folgte ihnen auf dem linken Ufer ein Haufe halbwüchsiger Knaben und
Kinder zu Fuß und zu Pferde, von großen weißen Windhunden geisterhaft
begleitet und umschwärmt, während die Schaluppe auf dem Wasser
dahinglitt und Strom und Steppe in dem grenzenlosen, vom
silberbläulichen Mondlicht erfüllten Rund der Himmelskugel lagen.
Janusch war ganz aufgeregt, er hockte neben George und flüsterte mit
heiserer Stimme von allem, was sie gesehen hatten, wobei er immer wieder
ins Polnische verfiel und zu den am Ufer Dahinreisenden hinüberstarrte,
mit bebenden Nüstern die Luft einziehend, als hoffte er den ihm so
köstlichen Geruch des Lagers noch einmal zu spüren, nach Pferden, nach
Leder, nach Schafmist, nach Milch, säuerlich und gegoren. Und dann war
auch hier alles so himmlisch fettig gewesen, sogar in dem Tee, der ihnen
feierlich in der Kibitka des Chans dargeboten worden war und der aus
einer kunstvollen kupferbeschlagenen Lederkanne herauskam, war
zerlassene Butter gewesen und außerdem Milch und Salz; man trank ihn aus
Bechern, die gleichfalls von hornhartem Rindsleder waren. Alle diese
gelbbraunen glänzenden Gesichter mit den schwarzen strähnigen Haaren,
den blanken Äuglein und den breiten Mäulern waren dem Janusch
ansprechend und zutrauenerweckend erschienen, die langen dünnen
Schnurrbärte der Männer ehrfurchteinflößend und die Rüstung des Chans
und seiner Umgebung mit Ringpanzer und rundem Helm, Bogen, Pfeilen und
kurzem Feuergewehr gewaltig und königlich. Er hatte das weiße Kamel aus
Buchara angestaunt, das ihn hochmütig übersah, denn es war ja das
_weiße_ Kamel und es durfte allein den kleinen zweiräderigen Wagen
schleppen, der die Heiligtümer enthielt, den fetten kleinen Buddha aus
vergoldetem Holz, die Räucherfässer und die Schriftrollen, unter denen
der Schamane jetzt zornig hantierte; denn ihm gefiel der Besuch eines
friedlichen fremden Mannes nicht, er hielt ihn für einen andern
Zauberer. Aber auch die gewöhnlichen Kamele waren sehenswert, wie sie
geduldig niederknieten und sich mit vorgebogenem Halse die unerhörten
Lasten abnehmen ließen, -- ganze Häuser trugen sie an den Seiten ihrer
wunderlichen Höcker, überhaupt, was waren das für Tiere? Die Pferde
waren zottiger und wilder, die Rinder kleiner und hochbeiniger als
zuhause, die Ziegen hatten keine Hörner und die Schafe so fette
Schwänze, -- kurz, es war alles, alles anders und doch berauschend,
schwindelerregend schön, es war kaum ein Unterschied zwischen Mensch und
Vieh, alles umdrängte, beschnüffelte und betastete einen, man kam sich
gegenseitig nahe, man roch und schmeckte sich und das war es, was
Janusch seit Monaten entbehrte, ja, das war es, und so war er jetzt wie
betrunken. Er aß Schafkäse und Dörrfleisch und trank gegorene
Stutenmilch, er kroch in jedes Zelt hinein, wo auf den Dreifüßen
frischer Tschipan in flachen eisernen Schalen gebraut wurde, und die
blanken Knöpfe an seinem grünen Kamisol verhalfen ihm zu einem billigen
Vorrang vor dem mausegrauen George, der hinter ihm herging, sich
unbehaglich fühlte und den Vater herbeisehnte, der endlos mit dem Chan
um Waffen und Ledergefäße handelte, ja, dem es sogar gelang, gegen ein
Bernsteinkettchen, nach dem es einer schiefäugigen kleinen Dame
gelüstete, einer Lieblingstochter des kahlköpfigen Oberhauptes offenbar,
eine Gebetsmühle einzutauschen, sehr zum Ärger des Schamanen, der dem
Chan die Verfolgung aller bösen Geister prophezeite und hinter den
Gästen dreinräucherte, am liebsten entschieden das ganze Lager
abgebrochen und an einem andern unentweihten Ort wieder aufgeführt
hätte. -- Nein, George hatte eine verschwiegene, aber sehr starke
Abneigung gegen alle diese bunten Zaubervölker, von denen immer neue
auftauchten, so daß nach ein paar Tagereisen die Städte und Dörfer ihr
Gesicht wechselten; er liebte es gar nicht, mit dem Vater in die Hütten
zu gehen und Gemeinschaft zu haben mit Morduanen, Tschuwaschen und
Baschkiren oder wie sie sonst hießen, er hielt sie in der Tiefe seines
Herzens allesamt für Räuber, von denen ihm Akim, ein alter Schiffer, mit
dem er sich notdürftig verständigen konnte, mehr durch aufgerissene
Augen, emporgehobene Hände, dumpfe Kehltöne und eine Gebärde, die das
Halsabschneiden anschaulich wiedergab, erzählt hatte. Er kam sich
merkwürdigerweise am sichersten vor, wenn weit und breit kaum eine
menschliche Ansiedlung zu erblicken war, wenn die Strombreite sich bis
zum Horizont ausdehnte, rastlos vorwärts ziehend, das erhabene Antlitz
voll der Farbe des Himmels, -- wenn ringsum nichts war, als das Rucken
der Ruder oder das Knarren des Segelgestänges, das leise hinstreichende
Rauschen und Glucksen am Kiel, der Schrei eines Wasservogels und die
schläfrige Unterhaltung der Matrosen. Vielleicht auch ihr Gesang am
späten Nachmittag oder an einem Morgen, wenn der Himmel mit seinen
Wolkenmassen allzu niedrig über der Ebene hing, daß alles so erdrückend
traurig ward und die Seele sich aufzulösen suchte, -- dann ward in
diesem Gesang alles eins, Himmel und Erde, Strom und Mensch, und die
sanft bewegte dunkele Linie der Berge war wie eine schwermütige
Begleitung, wenn die Töne verschwommen von dort zurückkehrten. Da waren
die graugrünen Weiden auf den langen niedrigen Sandinseln, sie
spiegelten sich im stillen Wasser und ließen ihre langen Zweige von der
Strömung mitschleifen; da waren Fischer, die im Wasser wateten, die ihre
Netze stellten und ihre Hütten am Ufer hatten, kaum als Menschen
empfunden, sondern als eine Äußerung der Landschaft, -- da waren die
Mündungen einströmender kleiner Flüsse, von Schilfwäldern verborgen,
schamhaft, wie ein Verschmelzen der Liebe. Da war der Geruch nach Teer
und Werg und bittrem Holzrauch, von der feuchten Reinheit des Gewässers
durchatmet, und zuweilen auch der nach Fischen und faulenden Pflanzen.
Das alles war gut, zärtlich und gelinde, George lächelte viel ohne
eigentlichen Grund, er saß und besah seine Hände, sehr kleine Hände, wie
er fand, sie erinnerten ihn irgendwie an Fieken, die Schwester, die doch
noch ein Kind war. Und siehe, da fiel es ihm ein, mitten auf der Wolga
fiel es ihm ein, daß er ja selbst nur ein Jahr älter als Fieken sei! Er
wunderte sich einen Augenblick, vergaß es aber wieder. Dort handelte der
Vater mit einem Bord an Bord mit ihnen fahrenden Fischer um Wälshaut zum
Schließen seiner Weingeistflaschen, in denen er gefangenes Gewürm
aufhob. George mußte dabei sein, stand daneben, lauschte dem Handel und
einem Streit über den Goldfisch, die Beschanaja Ryba, -- »Verzehre ihn
nicht, Väterchen, er macht toll und Gott gnade deiner hohen Familie!«
Ein Fressen für die Heiden sei er, die Morduanen und Tschuwaschen, --
Väterchen lachte und ließ ihn zum Abend bereiten, fand ihn aber
langweilig im Geschmack und zog auf die Dauer Sterlett vor, -- George
lächelte träumerisch und ging zum Bug zurück, wo auch Akim hockte und
Körbe aus Weiden flocht, -- da saß er und wartete, daß die Seele
wiederkehrte, der scheue Vogel, der ihn jetzt dauernd umschwärmte und
Wohnung machen wollte, da Formeln und Vokabeln nicht mehr den Platz
ausfüllten.
Übrigens staunte er manchmal, wenn er späterhin den Vater von dieser
Reise erzählen hörte; Herr Forster wurde dann ganz dithyrambisch und gab
Schilderungen von der Wucht der Gewässer, von dem Einfluten der Oka und
der Kama, -- die Rivalinnen der Wolga nannte er diese beiden, -- und der
übrigen gewaltigen Nebenströme, von dem Gewander der Barken und Flöße,
dem Gesumm der wachsenden Städte, dem Überfluß an Holz in den krachenden
Urwäldern und dem geheimnisvollen, unheimlichen und unerschöpflichen
Leben der wilden Tiere und Menschen, von denen beide Ufer überquollen.
Gewissenhaft suchte er dann in seiner Erinnerung und bemerkte, daß er
von alledem nichts wußte. Er erinnerte sich an Akim und an die Fischer
und daß er gerne Störrogen gegessen hatte, obgleich er sich ein wenig
davor ekelte. Er erinnerte sich an die Frau des reichen Tataren, den sie
in Kasan besucht hatten, wie sie auf dem Divan gesessen hatte, von
Goldstickerei, von Ketten und Ringen starrend und durch den Dampf ihrer
muschelzarten chinesischen Tasse mit den geschwärzten Zähnen zu ihm
hinüberlächelnd. Der Vater hatte ihn aus irgendeinem Grunde hier
zurückgelassen und war fortgegangen, er hockte klein und bescheiden auf
einem Polster neben dem Ofen, in dem ein Feuer brannte, obgleich draußen
warmer Spätsommer war. Auch er bekam eine bläuliche Eierschale voll Tee
und ein Häufchen klebriger Süßigkeiten auf einem schönen Tischchen vor
sich hingestellt, das mit Perlmutter ausgelegt war, aber er schämte sich
zu essen unter dem Lächeln dieser Frau, die ihre edelsteinbeladenen
feisten Hände nur bewegte, um die Tasse zum Munde zu führen und sie dann
leer der Dienerin zu reichen, die ebenfalls beständig lächelte, aber
doch mehr wie ein wirklicher Mensch. Er wollte vermeiden sie anzusehen,
und ließ seine Augen verzweifelt umherwandern, -- da war ein
wunderlicher bunter Holzkoffer, mit blankem Zierat beschlagen, kupferne
Waschbecken, ein Spiegel, ganz wie zu Hause, und auch Nelken und
Geranium am Fenster. Dann aber wieder ein Lackschränkchen mit goldenen
Blumen und Vögeln und der Samowar summend und fauchend. Er fühlte, wie
ihm warm wurde, übermäßig warm, seine Hände wurden ganz feucht und er
hätte sich gern einmal das Gesicht abgewischt, wenn nur die Tatarin ...
Nun hatte er doch hinübergesehen und war tödlich erschrocken: das
Gesicht seiner Wirtin löste sich auf, es rieselte ihr von der Stirn, zog
Bahnen durch ihre kohlschwarzen Brauen und rosigen Wangen, ja selbst ihr
lackroter Mund ward wie verschmiert, wie eine klaffende blutige Wunde.
Mein Gott, was war nur geschehen? Sie schwitzte, die Gute, sie
schwitzte; sie hatte diesen wohltuenden Ausbruch, der der Zweck ihres
Teetrinkens war, aber in diesem Augenblick saß sie völlig hilflos da,
bis die Dienerin mit dem Tuche zur Hand war, einem Tuche, das schon
mehrere Wochen zu diesem Zweck gedient zu haben schien. Alsbald war der
Samowar zur Seite geschoben, die Tatarin schnaufte zufrieden und genoß
ihren Zustand, immer aufs neue von der lächelnden Zofe abgetupft, bis
die Ergiebigkeit ihrer Poren erschöpft war. Sodann trat ein Kästchen aus
Zinkblech in Erscheinung, das in seinen Fächern vielfarbig leuchtete.
Die Tatarin hielt ihr Mondgesicht mit breit verzogenem Munde hin, und
nun ward gemalt, gestrichelt und gewischt, immer von dem flinken,
behutsamen Mädchen, während das entstehende Kunstwerk regungslos saß und
nur manchmal aus schmalen Augenschlitzen zu George hinüberblinzelte. Nun
vollendet, verharrte es unbeweglich, die rotgefärbten Fingerspitzen über
dem stattlichen Leibe aneinander gelegt und ins Leere lächelnd in dem
Bewußtsein übergroßer Schönheit. George geriet so unter den Bann des
Eindrucks, dort drüben befinde sich ein Edelsteinschrein, ein
Schnitzwerk vielleicht, ein Bild, nur eben kein Mensch, daß er es wagte,
die Beine zu bewegen und sich an der Nase zu kratzen, -- da sah er, wie
die Tatarin die Augen herumwälzte, und gleich saß er wieder versteinert.
Nun sagte sie auch etwas zu ihm, sagte dreimal den nämlichen Satz, wobei
er sie verzweifelt anstarrte, denn er verstand sie doch nicht, bis sie
endlich unzufrieden mit dem Kopf wackelte und verstummte. Dann sagte sie
plötzlich mit ganz heller Stimme auf Russisch: »Tschaj? Tee?« und nickte
mit schief geneigtem Haupte. Da er diesmal begriff, bejahte er
begeistert, um sie zu erfreuen und jedenfalls nicht zu erzürnen, und
sogleich richtete sie einen Strom hastiger Rede gegen die Dienerin, die
hinausglitt und mit einem frischen brausenden Samowar wiederkehrte, der
alsbald Wasser hervorsprudelte und Dampf spie, während ein
frühlingszarter Duft sich im Augenblick des Aufbrühens aus der Kanne
erhob, den das Götzenbild befriedigt schnuppernd einsog. Und indem das
Mädchen mit leisem Klingeln seiner Armreife und Ohrringe hin und her
eilte, um die Tassen zu füllen, -- sie trug ein lichtblaues Jäckchen mit
Silberstickerei und unter dem engen roten Obergewand weite Pluderhosen,
die über den Knöcheln zusammengebunden waren, -- indem die Tatarin der
heißen Tasse die Zähne zeigte, indem George verzweifelt pustete und die
Augen nicht von seinem Gegenüber ließ, kam es mit der Gleichmäßigkeit
eines bösen, stets sich wiederholenden Traumes zu demselben Auftritt wie
vorhin, einmal, und noch einmal: Teetrinken, Schwitzen und Schminken und
dann erst kam endlich der Vater mit dem Tataren zurück, -- ja, der Vater
hatte gut lachen! --
Überhaupt hatte er sich auf dieser Reise oft gefürchtet, daran erinnerte
er sich später besonders gut und daß er sich gewöhnt hatte, mit der
kleinen Pfote über den Augen einzuschlafen, wenn er nicht den Kopf ganz
im gebogenen Arm vergrub, das stammte von diesen Nächten im Schilf her,
in denen immer ein Mann mit geladenem Gewehr wachen mußte, denn die
Räuber entstammten nicht nur Akims Phantasie, sondern die Berge waren
voll von ihnen, und die Matrosen bekreuzten sich dankbar, wenn wieder
ein Wolok, -- eine jener angeschwemmten mit Weidengebüsch bestandenen
Landzungen vor den Einmündungen der Flüsse, -- umschifft war, _ohne_ daß
dort Geheul und Flintenknattern aus dem Hinterhalt aufgebrochen war.
Auch an die deutschen Ansiedlungen, deren Besuch der eigentliche Zweck
des ganzen Unternehmens war, erinnerte er sich nur in verschwimmenden
Umrissen, und eigentlich nur an jene Frau, die ihm die Füße gewaschen
und ihn zu Bett gebracht hatte wie einen müden kleinen Jungen, gar nicht
wie einen »hoffnungsvollen jungen Gelehrten«. Auch daran, daß er da,
nach Monaten zum erstenmal wieder in einem richtigen weißen Bett ruhend,
trotz aller Erschöpfung noch lange wachgelegen hatte, von einem jähen
nagenden Heimweh befallen. Alle diese Erinnerungen aber verblaßten vor
jenem letzten schrecklichen Erlebnis mit dem Janusch.
Sie hatten in der Nähe des Kaspi einen Ausflug landeinwärts gemacht, die
Sonne prallte blendend von der grauweißen Salzrinde der Wüste ab, die
Luft war flimmernd heiß und schwer zu atmen wie von Salzlösung
gesättigt, der Janusch war mürrisch und George tieftraurig. Beide
stapften sie in finsterem Schweigen hinter dem Vater her, der im Sande
grub und Versteinerungen suchte. Akim hatte sie begleitet und nahm die
Beute in einen seiner Weidenkörbe auf, die beiden Erwachsenen der
Unternehmung waren somit beschäftigt und in bester tätiger Laune,
besonders Herr Forster, der fortwährend vor sich hinpfiff und Akim durch
neckische Fragen zum Kichern brachte. Ein langgestreckter Hügelrücken
erhob sich unter der Menge der Flugsanddünen wie ein ruhender Löwe in
einer Herde geduckter Schäfchen, er hatte felsige Flanken und ein von
interessanten Tonschichtungen rotstreifiges Fell, also ging Herr Forster
auf ihn los wie ein witternder Jäger und sah sich in keiner Weise nach
George um, der hinter einem Flugsandhügel zurückblieb, und zwar weil
Janusch sich mit einem Laut verzweifelten Unmutes zu Boden geworfen
hatte. »Hunger hat er sich, Durst hat er sich, will er sich nachhause,
Janusch, armes Hund!« schluchzte er schnaubend und krallte seine mageren
Finger in die spröde bröckelnde Salzkruste. »Is sich furchtbares Land,
Wasser, viel zu viel, kein Stall, kein Schwein, kein Garnichts!« »Wir
geben dir doch immer zu essen, Janusch«, sagte George ratlos und
nestelte gebückt an dem Frühstückskorb, den der Heulende auf dem Rücken
trug, -- man mußte ihn stärken, -- o Gott! -- dies war gewiß ein Kollaps
der Kräfte, -- Herr Forster befürchtete für sich selbst dauernd Kollapse
der Kräfte und erörterte eingehend diese Möglichkeit, -- eine Kollation,
nicht wahr, über dem Spazieren ward man müde, mußte anbeißen: »Janusch!«
Aber der Janusch hatte sich hingesetzt und wehrte angeekelt ab, --
»nicht so!« Sein Gesicht war rot gescheuert von salzigem Sand, sein
krauses schwarzes Haar bestäubt, wie das einst so stolze grüne Kamisol,
er zog die Knie an, umschlang sie mit den Händen und starrte aus seinen
grellen Augen trostlos gradeaus in die leere Wüste. »Hat sich Hunger
schweinernes von Mutter, hu hu!« fügte er dann hinzu, steckte den Kopf
zwischen die Knie und gab sich weiter haltlos seinen Gefühlen hin, die
ihm in diesem Augenblick des Zusammenbruches die polnische Sumpfheide
mit Mutters Hütte als Paradies erscheinen ließen. Da waren sie alle
zerlumpt und zottelig und um den rauchenden Herd war kein Fleckchen ohne
irgendwelchen lieben persönlichen Dreck, der sich jahrelang hielt und
wärmte. Da roch es scharf und beißend nach ranzigem Speck und Fusel, die
so gut schmeckten, hintereinander genossen, versteht sich! Ach, für eine
Weile mochte es gut sein, gekleidet zu gehn wie ein Starost, mit
Georgie-Panje Gemeinschaft zu haben, sich allen Schimpfens und aller
Stallgewohnheiten zu enthalten und dem großen Pan Forster demütig zu
dienen wie einem lieben Gott in Stulpenstiefel. Aber seinesgleichen
waren sie nicht, diese Menschen, die nach gar nichts rochen außer etwa
so zahm und süß wie der Pan Forster nach Lavendel oder etwas anderem,
was nicht zu essen war, -- und übrigens roch er nicht einmal selbst so,
sondern nur seine Hemden und Röcke. Ach, Hemd und Rock, das hatte mit
dem Menschen verwachsen zu sein wie sein eigenes Fell und mußte ganz
durchtränkt von der Persönlichkeit werden! All diese Gedanken fanden
sich nicht etwa in kristallisierter Klarheit in den Hirngängen des
Janusch vor, aber sie quollen doch wie Lava rebellisch in seinem ganzen
Körper auf und nieder und drängten zum Ausbruch, -- denn der Janusch
dachte, fühlte und litt mit seinem Bäuchlein und mit seiner Zunge
ebensogut als mit dem Herzen und dem Kopf, es ging bei ihm alles
einheitlich und verschmolzen vor sich und manchmal hatte er abends
geweint, weil er nicht mehr so viel Läuse hatte wie früher und das
Kratzen vor dem Einschlafen doch so angenehm gewesen war. Nicht, daß er
sich dessen bewußt geworden wäre, aber eben: ihm fehlte etwas!
George war aufs tiefste peinlich berührt und empfand es auf einmal
deutlich, daß er den Janusch nicht liebte, ja mehr noch, daß der Janusch
trotz des sauberen Kamisols nicht aufgehört hatte, ihm widerlich zu
sein, wie daheim, seit seinen ersten Lebensjahren. Aber gerade deshalb
fühlte er einen dumpfen Zwang, dem anderen dienen zu müssen, und mit
schmerzlicher Überwindung beugte er sich nieder, um die zuckenden
Schultern des Janusch zu berühren, -- mein Gott, was sollte er nur
sagen, und geschah dem Janusch nicht eigentlich ganz recht? Wer hatte
immer mit Pferdeäpfeln geschmissen und nicht nur geschmissen, sondern
auch getroffen! und das war es doch eigentlich. Und gab es das wohl
überhaupt, Heimweh nach einem Stall, in dem Hühner, Katzen, Schweine und
Menschen zusammen hausten? Gleichviel, der Janusch heulte, er sprudelte
Flüssigkeit von sich in wütendem Schluchzen, er ließ sich gehen, war
menschlich, war arm ... Was tat man mit ihm? Wenn nur der Vater ...
In diesem Augenblick erzitterte von fernher die Erde, sie wußten beide
zunächst nicht, woher die glühende Lautlosigkeit der Wüste diesen
dumpfen Trommelwirbel nahm, der Luft und Boden erschütterte. Janusch war
aufgefahren und starrte George an, der seinerseits mit beiden Händen in
die Höhe gezuckt war und mit offenem Munde dastand. Er hatte aber keine
Zeit weder aufzuschreien noch davonzulaufen, er machte einen mühseligen
Versuch, die nächste Düne zu erklettern, blieb jedoch auf halber Höhe
liegen, Ärmel und Schuhe voll Sand. Und da lag er denn und sah. Auf
zottigen kleinen Pferden kam ein Reitertrupp herangebraust, von Waffen
starrend, die Ringelpanzer in der Sonne glänzend, Haarschöpfe hoch auf
dem runden Schädel scharf abgebunden, im Winde flatternd. Unmöglich,
einen einzelnen ins Auge zu fassen, wie die hundertmal wiederholte
Erscheinung eines höllischen Grinsens rasten sie vorüber auf die
Pferdeköpfe geduckt und schnatternde Schreie ausstoßend wie ein Zug
wilder Gänse. Flimmernder Staub umwölkte sie, Sand spritzte unter den
Hufen. Der letzte ritt in einigem Abstand und um einen Bruchteil
langsamer, er war der einzige, der die Knaben bemerkt zu haben schien,
denn mit wahnsinniger Geschicklichkeit drehte er sich ohne anzuhalten
auf dem Pferderücken herum, -- er ritt ohne Sattel und Bügel --, indem
er die eine Hand rückwärts aufstemmte und die lederumwickelten Beine
durch die Luft schwang. Er war unbewaffnet, -- war er der Hanswurst oder
der Koch des kriegerischen Zuges? --, er vollführte ein paar greuliche
Faxen mit aufgerissenem Rachen und wildfuchtelnden Armen, um die Knaben
zu erschrecken, zu unterhalten ... George war wie betäubt, wie
geblendet, er sah ohne zu sehen, aber der Janusch, um Himmels willen,
was kam dem Janusch bei? Mit ausgebreiteten Armen machte er ein paar
Schritte, lief er, ja wahrhaftig, da lief er dem Kerl nach und der, mit
derselben teuflischen Geschwindigkeit sich wieder im Sitz
herumschwingend, machte kehrt und kam zurückgeflogen, wie das schlagende
Wetter. Ein Niederbeugen im Fluge, ein gellender Raubvogelschrei, und da
saß der Janusch vor dem Kalmücken, die Arme um den Pferdehals geworfen
und noch einen Blick zu George sendend, in dem Gott weiß was lag, Angst
jedenfalls, aber auch Triumph ohne Grenzen, und George fragte sich
später immer wieder, ob es wohl möglich sei, daß der Janusch in jenem
Augenblick, als sein Schicksalsfaden wie rasend abrollte, imstande
gewesen war, ihm die Zunge herauszustrecken, -- oder ob das eine
Augentäuschung seinerseits war, hervorgerufen durch die Gewöhnung an
gewisse Eindrücke, ausgehend vom Mienenspiel des lieben Janusch?
Hierzu ist nur zu bemerken, daß es nicht gelang, dieses Bedienten
ohnegleichen wieder habhaft zu werden, und daß, wie schon gesagt, dieses
Erlebnis das letzte deutlich umrissene in Georges Erinnerung an die
Wolgareise blieb. --
* * * * *
Der andere Knabe war in die Uniform irgendeiner militärischen
Erziehungsanstalt gekleidet, einen knapp sitzenden blauen Frack mit
spärlichen Silberknöpfen; er hatte den schwarzen Dreispitz unter dem
rechten Arm und die linke Hand am Knauf des Degens, der fast wagrecht
von seiner Hüfte abstand. Er trug zwischen den mit Eiweißkleister
haltbar gemachten und dick überpuderten Haarrollen an den Schläfen ein
ungeheuer gelangweiltes Gesicht zur Schau, veränderte es aber aufs
liebenswürdigste, sobald der Blick einer Dame ihn traf, etwa gar das
hurtig wandernde Auge seiner gnädigen Tante, der Fürstin Daschkow, der
geistvollen jungen Staatsdame Katharinas, die ihn, den bedauernswerten
Michail Grigorjewitsch, zu dieser nichts weniger als glänzenden Soiree
bei Hofe mitgenommen hatte. Er hatte gehofft, Hofgesellschaft
anzutreffen, -- nun, etwa den »engeren Kreis«, -- und Stoff zur
Unterhaltung der Kameraden zu sammeln wie eine Honigbiene. Und nun war
hier, in den Sälen der Eremitage, fast die gesamte Akademie versammelt,
lauter greise Männerchen mit gebückten Schultern und die Hände auf dem
Rücken, wie er entrüstet in Bausch und Bogen feststellen zu müssen
glaubte, obgleich eigentlich nur der ^D.^ Pallas, der dort drüben mit
dem riesigen Deutschen plauderte, diese Haltung innehielt, und --
freilich, dies war lächerlich, -- neben ihm das Wunderkind, der Sohn des
Deutschen, in einem Ableger von seines Vaters mausegrauen Rock gekleidet
und mit Strümpfen, die über den Knöcheln Falten schlugen, das stand auch
so da und guckte von unten schief zu dem großen Pallas hinauf, der es
körperlich übrigens kaum überragte. Die Kaiserin war nicht mehr
anwesend. Sie hatte der Versammlung ihre Gegenwart nicht viel länger als
eine Viertelstunde gegönnt, und hatte den Eindruck hinterlassen, daß man
sie gelangweilt habe, weshalb eine Art von Schuldbewußtsein die Stimmung
der Gesellschaft drückte. --
George sah indessen nicht so sehr auf die farblosen Lippen des
Kollegienrates, als daß er mit einem Ausdruck verlegener Sehnsucht zu
dem anderen Knaben hinüberschielte, dessen Blick er spürte, den er aber
um nichts in der Welt anzureden gewagt hätte. Er hatte ihn entdeckt,
sobald er den Saal betreten hatte, und war sofort von der Hoffnung
befallen worden, der Vater möchte sich mit ihm still und bescheiden an
die Wand stellen, -- eben neben jenen Knaben, -- denn die Gesellschaft
dünkte ihn glänzend, großartig und furchteinflößend, so sehr
verwechselte er den Eindruck des durch hunderte von Kerzen erleuchteten
sechseckigen Spiegelsaales mit dem der sich darin bewegenden Menschen.
Einzig Simon Kotelnikow, der Oberbibliothekar, trug einen ponceauroten
Schoßrock und eine reichgelockte Staatsperücke und nahm sich zwischen
seinen Kollegen aus gleich einem Paradiesvogel unter einem Krähenvolk,
wie er so umherwippte und überall gastfrei den Deckel seiner goldenen
Dose aufspringen ließ, der Katharinas Bildnis ^en miniature^ zeigte.
Böse Zungen behaupteten, er sei einzig deshalb so freigebig, um das
Gespräch auf diese Dose, ein Geschenk der Kaiserin, zu bringen. In
Wirklichkeit war Kotelnikow dem Schnupftabak dermaßen ergeben, daß er in
der Stunde nicht weniger als sechs Prisen brauchte, -- »um den Olymp zu
entwölken« meinte er, auf seine gewölbte, von feinen Falten liniierte
Stirn weisend, -- deswegen hielt er in Gesellschaft seine Dose für
jedermann offen und bediente sich selbst wie aus Zerstreutheit zu
gleicher Zeit. Er besaß außer dem Ehrgeiz, Voltaire zu ähneln, keine
Eitelkeit, und sein häßlich-slavisches braunes Gesicht mit der
eingedrückten Nase und den funkelnden braunen Äuglein gab ihm ein
gewisses Anrecht darauf. Aber eine ganz hoffnungslose Güte, die
unausrottbar in seinem Herzen wurzelte, zerstörte immer von neuem seine
Versuche, dem großen Vorbild an spielender Bosheit ähnlich zu werden, so
sehr er auch dagegen anwütete und sich selbst den Bösen vormimte.
»Der zwölfjährige Jesus im Tempel«, sagte er eben mit dem verzweifelten
Versuch zu einer Blasphemie, die ihm selbst so widerstrebte, daß sich
sein ledernes Gesicht völlig verzerrte und es ihm in der Hand zuckte,
sich zu bekreuzen, welche Regung er, maßlos über sich selbst
erschrocken, noch rechtzeitig unterdrückte, indem er dem jungen Forster
die Hand auf die Schulter legte.