»Freilich. Erst neulich sagte mir die Frau Oberstin, sie wüßte eine
schöne Stelle für dich, wenn du nur ein bißchen mit Kindern umzugehen
verständest und die Anfangsgründe im Französischen ...« Das weitere
vernahm Luisa gar nicht, es war ihr zu neu und fremd, was die Mutter
erzählte. Aber abends oft, wenn die Mutter mit Rosalka in der Küche
abrechnete, und Luisa, schon halb entkleidet, am Rande ihres Bettes saß
und sich so recht müde und klein fühlte, faltete sie die Hände und
sprach ihr erstes Kindergebet und glaubte seinen lieben, verblaßten
Worten, daß sie wirklich noch ein Kind, ein kleines, blondes Kind sei,
und sie sehnte etwas über sich wie einen treuen, traulichen Schutz und
träumte dann von Engeln mit breiten, goldenen Flügeln.
Aber trotz alledem war es wirklich nach dem Willen der Mutter geschehen.
Luisa nahm Unterricht in Musik und im Französischen, täglich mehrere
Stunden, und ihre Lehrerinnen versicherten, daß sie gute Fortschritte
mache. Sie selbst wußte nichts davon. Sie begriff allmählich, daß sie
einmal andere prächtige und märchenhafte Dinge besessen hätte -- es war
lange her -- und, daß der Ersatz, den man ihr nun gab, arm und kalt und
ohne alle Schönheit war. Und sie lebte einen Winter in stumpfer,
williger Ergebenheit hin, ohne daß irgend etwas sich veränderte, als daß
sie blasser, kleiner und leiser wurde. Ihr Schritt war kaum mehr zu
vernehmen, und wie oft erschrak eines von den Nachbarskindern, wenn sie,
ohne daß die Treppe geknarrt hatte, mitten im Gange stand, und es lief
meist schreiend davon, wenn das Mädchen die bleichen Hände ihm mit
zaghafter Zärtlichkeit entgegenhielt. -- So schienen es äußerlich ganz
ruhige Zeiten zu sein, in welchen jeder seine Pflicht that ohne Erregung
oder Störung und doch bestand ein stiller und unerbittlicher Kampf
zwischen der tüchtigen, thätigen Witwe, die mit jedem Tag rüstiger
wurde, und dem duldenden Mädchen, welches vor Erstaunen noch nicht
wußte, wie ihm geschah und gegen die rücksichtslose Entschlossenheit der
Mutter keine andere Waffe fand, als dieses unmerkliche, stumme
Verwelken, das seinem Gesichtchen eine so rührende, wehmütige Schönheit
verlieh.
Vielleicht sah Ernst Land diese Schönheit, aber er erkannte sie nicht.
Er fürchtete sich vor den Frauen und doch dachte er manchen Abend an
sie, an irgend ein unbestimmtes Bild von Anmut und Güte, welches bald
die hütenden Hände über ihm hielt, bald bang und zaghaft von seinem
Schutz und seiner Hilfe lebte. Er war in engen Verhältnissen mitten in
der Stadt herangewachsen, ohne Geschwister, ohne Freunde, förmlich
großgehetzt von seinem alten, verbitterten Vater, der nicht erwarten
konnte, bis der Sohn zu verdienen begann. Er riß ihn endlich aus den
Studien, gerade als der Jüngling Gefallen gefunden hatte an der
Wissenschaft, und hielt seine Pflicht für erfüllt von dem Augenblicke
an, da Ernst in einer Apotheke untergebracht und versorgt war. Nun
konnte er machen, was er wollte. »Nun steht dir die Welt offen,« pflegte
der alte Land mit dem letzten Pathos, dessen er fähig war, zu erklären.
Der junge Mann aber schien keine Sehnsucht zu haben nach dieser »offenen
Welt«. Seine Gedanken pilgerten nicht hinaus in das Neue und
Unbestimmte, wenn er sie nicht beobachtete, kehrten sie auf tausend
heimlichen Pfaden zu der einzigen, erloschenen Schönheit seiner Kindheit
zurück und knieten hin vor einer kleinen, traurigen Frau, von der er
nichts wußte, als daß sie weiche, slavische Lieder sang und zur Zeit, da
er begann in die Schule zu gehen, im dunklen Hinterzimmer auf dem Bette
lag und, ohne jemandem davon zu sagen, ganz langsam und lautlos,
vielleicht ein Jahr lang, starb. Damals fürchtete er sich fast vor ihr,
aber als sie so früh fortgegangen war, vermißte er sie überall und
gewöhnte sich, alles Gute, was ihm geschah, immer wieder ihrer zarten
Liebe zuzuschreiben, von welcher er glaubte, daß sie über seinen Tagen
wach geblieben sei. Es geht früh verwaisten Kindern so: Alle Freuden,
die ihre Gespielen sorglos und selig untereinander teilen, wollen sie
nicht antasten und winden sie in stiller Treue immer wieder um das eine
dunkle Bild ihrer Sehnsucht, das in diesem Rahmen rührender Opfer
mählich klarer, glücklicher, teilnehmender scheint. Und weil sie arm
bleiben, bleiben sie einsam und weil sie ihre Freuden nicht verraten,
gewinnen sie keine Genossen dafür. Überhaupt: wem die Mutter nicht den
Weg in die Welt gezeigt hat, der sucht und sucht und kann keine Thüre
finden.
Erst seit der Provisor bei Wankas wohnte, konnte es geschehen, daß er
manchmal das Gefühl hatte, zu Hause zu sein. Er war gerne in seinem
Stübchen und brachte die freien Sonntage damit zu, vor dem großen
Schreibtische, in den schweren Rauchwolken seiner Pfeife verloren, in
alten Büchern zu lesen, über deren vergilbten Blättern er Heut und
Morgen vergaß. Was Wunder, daß er ein leises Pochen an seiner Thüre
überhörte und erst erschreckt auffuhr, als Luisa eintrat und hinter dem
dichten Tabaksqualm zag und unschlüssig stehen blieb. Sie war wie ein
Traum in ihrem verblaßten, schmucklosen, blauen Kleid, mit den großen,
schweigsamen Augen, und weil sie Blumen in der Hand trug, drei kleine,
weiße Rosen, die sich scheu an sie anzuschmiegen schienen.
»Oh bitte, entschuldigen Sie,« sagte sie jetzt deutsch mit ein wenig
slavischem Tonfall, »ich habe gedacht, Sie sind schon fort zum Essen ...
Ich will nur ...« und jetzt ging sie an ihm vorbei und steckte die drei
weißen Rosen hinter ein kleines Brustbild Zdenkos, welches an der
Fensterwand hing. Land hatte es oft betrachtet. Er sah jetzt, wie ihre
Hände zitterten vor schmerzlicher Zärtlichkeit und, ganz in Anspruch
genommen von diesem Schauen, war er nicht imstande, etwas zu sagen oder
zu thun oder zu denken. Er hörte noch das Mädchen: »Sein erster
Geburtstag, den er nicht mehr bei uns ist,« -- und dann war alles wie
vordem, er stand allein in dem sonntagstillen Stübchen, und hätte nun
wohl weiterlesen können. Allein das gelang ihm nicht. Er mußte immer
wieder nach der Thüre hinsehen, als ob er irgendwen erwartete, und
endlich begann der Rauch ihn zu ärgern und er öffnete das Fenster, so
daß die Luft des klaren Februartages frisch und licht hereinfloß. Da war
ihm einen Augenblick sehr festlich zu Mute und er dachte: »ich habe hohe
Gäste bekommen: drei weiße Rosen« und lächelte wie im Traum.
Im September kommen viele aus den Waldsommern und von der See in die
Stadt zurück. Sie sind des Gehens in den Gassen nicht mehr gewohnt und
halten plötzlich, ehe sie sich dessen versehen, ihren Hut in der Hand
wie im Walde, oder sie singen ganz laut vor sich hin. Das macht: die
Erinnerungen schlafen noch nicht in ihnen. Und wenn sie einander
begegnen, sind sie redselig und mitteilsam. Sie fühlen wie aus dem
Erzählen etwas, wie der Glanz der letzten lauschenden Tage aufsteigt und
sich tröstend über die schwülen Straßen und Plätze breitet. Und
vielleicht sagen sich die beiden beim Abschiednehmen: »Sie sehen sehr
gut aus« -- und »wie Sie sich verändert haben.« Und sie lächeln sich
einen Augenblick verlegen und dankbar an.
So war auch Luisa zurückgekehrt. Seit dem frühen Frühling war sie
fortgewesen: Es giebt da ein heißes, heimliches Land. Glühende Blumen
sehen sich in schwarze Teiche, über denen Vögel und Wolken rauschen.
Weiße Wege drängen sich zwischen die Stämme hoher und dunkler Bäume, und
finden in diesen Wäldern ein lautloses, wogendes Leben. Gestalten kommen
in unbegreiflichen Gewanden, und es können Menschen sein mit traurigen
Mienen oder mit kühlen, lächelnden Lippen. Erst geschieht dir, du
hättest von ihnen sagen hören und du mußt sinnen, wann und was. Aber sie
küssen dich und da erkennst du Freunde in ihnen, welche du geliebt und
vergessen hast. Und du willst sie reuig wieder küssen. Vor deinem Gruße
aber entfremden ihre Züge, und sie weichen zurück in den weiten,
wogenden Wald, oder sie fallen dich an mit grausamen, blutenden Worten
und wollen, du sollst ihnen dein Herz schenken dafür. Und es ist ein
Land der Jugend: Kinder und Jünglinge, Jungfrauen und junge Mütter mit
ihrem wehen Glück tanzen und tasten die leuchtenden Gelände hin und ihre
Wangen sind heiß von einer fremden Freude. Aber sie sehen einander
nicht; denn in ihren Augen hat nichts Raum neben dem Staunen. Wenn sie
die anderen Pilger klagen oder lachen hören, lauschen sie hin und
glauben, daß das die Vögel sind oder die Wipfel oder die Winde. Sie
haben alle =ein= Ziel: den Flammenberg, mitten im Lande. Und von dort
findet manch einer nicht mehr heim.
Luisa aber kam aus dem Lande, welches Fieber heißt, langsam und lächelnd
durch die Gärten der Genesung zurück. Zögernd erkannte sie sich selbst
und die Mutter, welche ihr weinend die Hände küßte, und die Stube, die
wie geschmückt war mit dem goldenen, vollen Septemberlicht. Es war eine
festliche Wiederkehr.
Und was waren das für Tage seit dem ersten Ausgehen. Dieses fortwährende
Wiedersehen und Begrüßen mit allen Dingen und mit allen Leuten. Und die
Menschen lächelten, und die Dinge glänzten so. Sie ging wie an lauter
schimmernden Spiegeln hin, welche ihr verraten wollten, wie breit und
groß sie geworden sei. Sie wußte das auch. Sie fühlte sich stark und
ausgeruht. Ohne davon zu erzählen, begann sie ihre Stunden zu besuchen.
Sie hatte nichts vergessen, und noch vor Weihnachten konnte sie selbst
einem kleinen Mädchen Klavierunterricht geben. Die Kleine hatte einen
großen Respekt vor ihrer Lehrerin, und doch waren ihre Rollen in
Wirklichkeit umgekehrt. Die Liebe dieses kleinen Wesens und seine
Anhänglichkeit riefen täglich in Luisa eine Menge neuer freudiger
Empfindungen wach, und in ihr war ein Hinhorchen, welchem des Kindes
Fragen wie schöne, segnende Antworten klangen. Und ihr geschah mit
einemmale so Vieles in diesen heitern und ereignislosen Tagen, daß sie
nicht Zeit fand, über das Gestern hinauszublicken; was dahinter war,
schien eine einzige, große Vergangenheit und Versöhnung zu sein, aus
welcher kein Schatten mehr in dieses neue, reiche Leben hineinragte.
Am Weihnachtstage trat Luisa bei dem Provisor ein.
»Ich wollte Sie nur bitten, Herr Land, kommen Sie doch heute abend zu
uns, wenn Sie sonst nichts vorhaben.«
Ernst Land lächelte dankbar. Dann folgte er dem Blicke des Mädchens und
wurde verlegen. Über Zdenkos kleinem Brustbild waren drei frische, weiße
Rosen.