»Immer ...« und Land ärgerte sich über sein Rotwerden und versprach
schnell, zu kommen.
In der Thür blieb das Mädchen nochmals stehen: »Sie sind immer so
traurig, Herr Land.«
Land schwieg.
»Woran denken Sie?« und der Blick, mit welchem sie das fragte, ergriff
ihn so, daß er mit einem Weinen in der Stimme gestand:
»An meine Mutter.«
Am Weihnachtsabend war über diese Menschen eine seltsame feierliche
Stimmung gekommen. Und sie wollte auch nachher nicht mehr aus den
Stuben. Sie blieb, wie der leise Tannenduft, über allen Dingen, selbst
als Frau Josephine, von einer jähen Schwäche befallen, die langen Tage
im Bette zubrachte. Luisa nahm ihr leise alle die kleinen häuslichen
Mühen aus den Händen, eine nach der anderen, so daß sie endlich nichts
kannte, als diesen lautlosen, dämmernden Feiertag hinter halbgesenkten
Gardinen mit dem Ofensingen und dem silbernen Uhrenschlagen. Und am
Abend gab es sanfte und schweigsame Gespräche zwischen den beiden
Frauen, und es kam kein Gestern darin vor; nur im Klange der Stimmen
bebte es noch: in der der Mutter als eine leise, zaghafte Bitte und in
den Worten des Mädchens als ein lichtes, tröstendes Verzeihen. Und
dieses war auch noch in dem tiefen Weinen wach, mit welchem Luisa sich
eines Morgens über die Mutter beugte, die ohne Kampf und Schmerz in
einem versöhnten Frieden von ihr gegangen war.
Schon eine Woche später nahm Luisa ihre Stunden wieder auf. Ihre Tage
waren alle randvoll von der Menge freudiger Pflichten, und wenn auch
die Nächte leer und bange über sie hereinbrachen, sie fühlte, daß ihr
auch aus dem Dunkel des Leides keine feindlichen Gefahren mehr
entgegenkamen. In jener Stille ihrer Genesung hatte sie sich zum
erstenmal selbst gefunden und hatte sich so reich und weit erkannt, daß
ihr Heiligstes durch diesen Verlust nicht einsamer geworden war. Der
Gram lag nur wie in eine feine Begrenzung auf ihrem Lächeln und auf
ihrem Bewegen und konnte nicht mehr das Erwachen ihres Wesens hemmen.
Im Februar dieses Jahres war noch viel Winter gewesen; allein im März
gab es einen Feiertag -- es war das Josephifest -- der alle Welt toll
machte. Nicht nur daß der Schnee nur da und dort noch an Hügeln und
Bahndämmen, vergessen und verachtet, lag, -- ein Grünen war über die
befreiten Wiesen gekommen, und über Nacht wiegten sich in dem lauen,
lichterjagenden Wind gelbe Kätzchen an den langen, kahlen Ruten.
Da war Luisa ausgegangen, um in der Kirche von Loretto bei dem großen
Mittagshochamt zu beten. Aber sie war dann -- kaum konnte sie sagen wie,
an dem lockenden Glockenspiel der Kapuziner vorübergewandert und hatte
erst aufgesehen, als sie hinter dem Baumgarten in einer der weiten
einsamen Alleen stand und die Arme ausbreitete. Sie empfand, wie sehr
sie alles um sich liebte, wie sehr das alles zu ihr gehörte, und daß
dieses leise, freudige Werden mit seinem heimlichen Glück und seiner
süßen Sehnsucht ihr Schicksal sei, nicht aber das, was Menschen in
dunklem Drange wollten und irrten.
Auf dem Heimwege kamen ihr die lichten Schwärme fröhlicher Menschen
entgegen, und da blieb sie lächelnd stehen und schaute über die helle,
lebende Landschaft: Man konnte nicht glauben, daß alle diese lachenden
Scharen wieder Raum finden würden in den engen Häusern drüben. Das
macht: jeder von ihnen ist über sich selbst hinausgewachsen in den
schimmernden Tag, den er kaum auf den Schultern spürt. Und der
leuchtende Himmel wirft seinen goldenen Glanz so reich und rasch über
die Menschen und Dinge, daß sie vergessen, ihre alltäglichen Schatten zu
haben und selber Licht sind in dem flimmernden Land. --
Bei diesem Bild mußte Luisa, sie wußte nicht warum, an Zdenko denken,
und ob es ihm einmal geschehen sei in seinem dunklen Leben, daß Menschen
so, licht und glücklich ihm entgegenkamen.
Dann wandte sie sich heimwärts. Die Schatten der Menschen lagen grau in
den kalten, verlassenen Gassen aufgeschichtet wie vergessene
Alltagskleider, und ein dumpfer Wintergeruch schien von ihnen
auszugehen. Luisa fröstelte und auf den ersten tückischen Vorschlag der
schiefen Bürgersteige, zu laufen, ging sie lustig ein und trabte nun
recht kindisch bergab an den uralten Palästen vorbei, deren mürrische
Thorriesen zürnend auf sie niedersahen. Vor denen aber hatte sie keine
Furcht mehr.
In der Thür stand Rosalka und erzählte mit vielen Gesten den
Nachbarinnen, welche sie umdrängten, eine wichtige Neuigkeit, an welcher
die Frauen eifrig nickend Anteil nahmen. Sobald eine von ihnen Luisa
erblickt hatte, begannen sie alle in ungeduldigem Ungestüm zu winken und
zu rufen. Einige Kinder schrieen mit, und Luisa begriff von allem
endlich nur das Wort: Besuch. Das genügte für ihr größtes Erstaunen.
Während sie die finstere Stiege hinauf jagte, gab es in ihren Gedanken
nur ein einziges, riesiges »Wer?«. Mit dieser Neugierde in den Augen
sprang sie in die Stube, wo Frau von Meering mit unverhehlter
Gekränktheit, steif und stramm, auf dem Sofa wartete. Aber das größere
Erstaunen war doch auf der Seite der Oberstin, welche eben erst ihr
Beileid für den letzten Unglücksfall mitgebracht hatte und außer stande
war, diesem strahlenden, atemlosen Kind eines von ihren schönen,
gnädigen Trauerworten zu zeigen. Sie fühlte eine mächtige, gerechte
Entrüstung dieser lachenden Gesundheit gegenüber und kam sich ebenso
überflüssig vor wie bei jenem früheren Fall. »Diese Leute,« dachte sie,
»das muß in der Familie liegen.«
Inzwischen hatte Luisa sich zu einigen Entschuldigungen erholt und
fragte die Dame artig nach dem Grunde ihres Besuches. Frau von Meering
drückte hastig ihr Taschentuch vor das Gesicht und schluchzte aus einer
Falte heraus: »Ihre arme, arme Mutter.«
Als auf diese ergreifende Bemerkung keine Antwort kam, sah die Oberstin
auf und betonte mit strengen Augen: »Sie war eine sehr achtbare, brave
Frau.«
Luisa saß mit gesenktem Blicke da und betrachtete -- so schien es -- die
Spitze ihres zierlichen Fußes. Die Dame wartete noch eine Weile, und da
Luisa immer noch nicht zu weinen begann, erkannte sie, daß diesem
verstockten Mädchen gegenüber doch alle Milde und Anteilnahme erfolglos
sein würde. Und indem sie gleichsam in ihrer Miene schon anfing, sich zu
erheben, fügte sie in bitterem Tone hinzu:
»Ich wollte Ihnen nur das Eine sagen, mein Kind. Sie haben doch wohl
schon die Veränderungen überlegt, welche seit dem Tode ihrer braven
Mutter nötig geworden sind?«
»Ich weiß nicht« -- zögerte Luisa verlegen.
»Es versteht sich doch von selbst, daß Sie diesem jungen Mann
augenblicklich kündigen müssen, der, wie ich mit Erstaunen vernehme,
immer noch bei Ihnen wohnt.«
»Aber --« machte Luisa mit großen, erstaunten Augen. Dann zuckte ein
Lächeln über ihr Gesicht, welches fast schelmisch war.
Frau von Meering stand schon an der Thür.
»Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Sie darauf aufmerksam zu
machen. Sie können ja thun, wie es Ihnen beliebt.«
»Ja, gnädige Frau,« erwiderte Luisa in plötzlichem Übermut und stellte
sich auf die Fußspitzen, um die Oberstin, welche immer größer zu werden
schien, zu erreichen. Dann fragte sie lächelnd: »Wollen Sie nicht noch
einen Augenblick ausruhen, gnädige Frau?«
Die Dame aber entfloh aus diesem gräßlichen Hause. Sie war schon in der
Küche, wo sich ihr die alte Magd Rosalka ungestüm entgegenwarf, um ihr
dann ganz behutsam den Ärmel der Seidenmantille in der Nähe des
Ellbogens zu küssen. Die Beleidigte entriß sich mit einem knappen
»Adieu« der sklavischen Verehrung und fand in dem Gaffen der
Hausgenossen auf Stiegen und Gängen und in ihrer tuschelnden Bewunderung
nur ein kleines Entgelt für diese »erlittene Mißhandlung.«
Luisa blieb eine Weile nachdenklich stehen. Rosalka war nach vorn ans
Fenster gelaufen, um noch etwas von der vornehmen Dame zu sehen, welche,
wie sie betonte, »bei uns« zu Besuch war.
Als sie wieder zurückkam, hatte sie sehr neugierige Augen.
Luisa bemerkte es nicht. Sie sagte während des Auf- und
Niederschreitens: »Ich glaube, wir bleiben in dieser Wohnung. Und
darüber hab' ich ganz vergessen, mit Ihnen zu sprechen, Rosalka. Sie
sind also jetzt bei mir im Dienst und unter den alten Bedingungen. Sie
wollen doch?«
Die Alte verschwor ihre zeitliche und ewige Glückseligkeit dafür, und
dabei passierte es, daß sie unter Thränen mit einemmal, statt wie von
Kindheit her: Loisinka, »Fräulein« zu ihrer Herrin gesagt hatte.
Dann pochte Luisa an Lands Thüre.
Er kam ihr lächelnd entgegen. »Sie Maulwurf,« rief sie ihn scherzend an,
»immer in der Stube. Heute müssen Sie mal hinaus aus der Stadt.
Frühling! Ich war draußen weit, weit« und sie machte eine Bewegung, als
wollte sie ihm zeigen, wo der Frühling liegt. Ihre Augen glänzten so
verheißend. Dann fuhr sie fort in wichtigem, geschäftlichem Ton: »Ich
will Sie nicht stören, Herr Land. Nur das wollte ich Ihnen mitteilen.
Ich behalte die Wohnung; es bleibt also alles beim alten, d. h. wenn Sie
mit dem Zimmer sonst zufrieden sind?«
Er suchte ihre Augen und sah dann rasch zu Boden: »Oh,« sagte er weich,
»ich bin sehr gerne hier, ich glaube ...« Er begann die Handflächen
aneinander zu reiben ...
Luisa hatte die Klinke in der Hand behalten: »Das ist schön,« half sie
ihm und wurde auch etwas ratlos.
Er sah aus, als hätte er etwas auf dem Herzen.
Die beiden jungen Menschen schwiegen.
Dann begann das Mädchen: »Ich möchte so gern etwas besser deutsch
lernen, vielleicht können Sie ein wenig böhmisch brauchen dafür.«
»Ja« atmete Land auf, »ich liebe Ihre Sprache.«
»Also,« bat Luisa heiter, »dann kommen Sie doch, wenn Sie Zeit haben,
eine Weile nach vorn. Es giebt ein paar Bücher da, auch deutsche.«
Und in der Thüre fügte sie an: »Kommen Sie so oft Sie wollen,« und
leiser: »Sie müssen mir viel von Ihrer Mutter erzählen.«
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
steht.
Schauen sie nur irgend einen an. Der Karás schreibt in deutsche
Schauen sie nur irgend einen an. Der Karás schreibt in deutschen
mal mehr in den Romanen Berechtigung hätte und der Lyriker Machál, der
mal mehr in den Romanen Berechtigung hätte und der Lyriker Machal, der
im Stile Maupassant, welche ein junger Kollege erscheinen lassen
im Stile Maupassants, welche ein junger Kollege erscheinen lassen
dem Arger, nicht über die Schwelle des Wohnzimmers gesehen zu haben.
dem Ärger, nicht über die Schwelle des Wohnzimmers gesehen zu haben.
aber nich nur ihm selbst rückhaltlose Anerkennung zu, er wußte jeden
aber nicht nur ihm selbst rückhaltlose Anerkennung zu, er wußte jeden
Rezek folgte. »Ich komme oft her,« sagte er. Es geht so langsam mit dem
Rezek folgte. »Ich komme oft her,« sagte er. »Es geht so langsam mit dem
sich eine Cigarrette anzuzünden. Dann gingen sie schweigend der Stadt zu.
sich eine Cigarette anzuzünden. Dann gingen sie schweigend der Stadt zu.
]