Und dann erzählte die Alte etwas mit einer armen, monotonen Stimme, die
sich vor den feuchten Wänden zu fürchten schien und in scheuen Kreisen
eng um die vier Köpfe herumschwirrte. »Die neuen,« sagte sie gerade,
leise und heimlich, als wäre das eine liebe, eigene Erinnerung, die sie
zum erstenmal jemandem anvertraute, »die neuen, die hier herunterkamen,
erhielten ein Stück Brot und einen Krug Wasser. Ja, und mit dem Brot und
dem Wasser mußten sie sich erhalten und da an dem Loch mußten sie sitzen
und zuschauen, wie der, der schon eine Woche unten saß oder zwei, no je
nachdem, (es haben manche Menschen gar so viel zähe Kraft) sich langsam
zu Ende hungerte. Na und dann, wenn's in Gotts Namen zu Ende war, wurden
sie hinuntergelassen ...«
»An diesem Seil?« neckte Zdenko.
Die Frau ließ sich nicht stören: »Hinuntergelassen wurden sie und mußten
erst den Toten, nämlich den, welchen sie haben zu Ende hungern sehen,
hineinstoßen in das Loch am Boden dort -- sehen Sie.« (Alle neigten sich
vor.)
»Manchmal werden sie den Vorgänger wohl halb aufgefressen haben,« lachte
Rezek grausam.
»Kann schon sein,« murrte die Alte und fuhr dann in ihrer langgewohnten
Erklärung fort.
Luisa lehnte sich an den Bruder: »Es ist tief?« forschte sie.
»Sehr tief.«
»Und kann keiner wieder heraus?«
»Nein,« erklärte jetzt Rezek. »Das Ding ist wie eine Flasche; oben
schmal und immer weiter gewölbt nach seinem Grunde zu. Ein
Zurückklettern giebt's da wohl kaum. Übrigens wär' das das beste
Heilmittel für Übersatte auch heute noch.«
Luisa hörte ihn lachen. Die Beschließerin zog die Kerze halb herauf und
trat dann mehr in den Raum zurück. Die Männer folgten ihr. Jetzt
eröffnete der flüchtige, scheue Schein eines Zündholzes da und dort
ungeahnte Nischen und Gänge, welche im nächsten Augenblick lautlos
wieder einzustürzen schienen. Ein unbestimmtes Sich-rühren begann. Das
Licht über dem Krater wurde ängstlich, und das breite Dunkel ringsum
schien zu erwachen, sich zu dehnen und in wachsenden Gestalten an Luisa
vorüberzufluten. Immer deutlicher erkannte sie Paar und Paar. Und sie
reihten sich zu einem taumelnden Tanz und aus Reigen und Neigen kam
endlich der Eine ihren staunenden Augen entgegen: Julius Cäsar.
Er war stumm und schwarz. Ihr schlug das Herz in die Kehle hinauf und,
erschreckt, senkte sie den Blick und er fiel, fiel in eine endlose
Tiefe. Sie wußte: So stand sie am Rande des Turms. So war sie selber das
blaue Fräulein. An ihrem Frieren fühlte sie, daß sie ohne Kleider war,
ganz ohne Kleider. Mit bebenden Fingern tastete sie an ihrem Leib hin
und sie empfand seine bloße Glätte. Dann blickte sie auf: oben war
Nacht, sternelos. Und dann stand er bei ihr, fast vor ihr, nah am
Abgrund. Das blaue Fräulein rächte sich: diesmal er. Und sie hob
unwillkürlich die Hände und stieß sie gerade nach ihm hin -- bis sie an
seine Schultern drängten, -- dann aber, im Augenblicke der jähen
Berührung, packte sie ihn krampfhaft, riß ihn zurück, zu sich her,
fühlte ihn, und in einer neuen, tiefen, zitternden Seligkeit vergingen
ihr die Sinne.
* * * * *
Und am Ende sollte gar, so scheint es, die grämliche Rosalka, welche
Zdenkos Streben und den ehrgeizigen Wunsch seiner Mutter, hoffärtig und
sündig fand, recht behalten haben. Denn es mußte doch etwas wie Hoffart
sein, was den jungen Menschen bewog, innerhalb drei Wochen dreimal
Wohnung zu wechseln; nämlich: aus seinem kleinen Kämmerchen, das in die
Mauern der Maltheser sah, in die Untersuchungshaft, von da in das
Hospital und endlich gar auf den VII. Friedhof des Wolschan, wo die
Mutter ihm ein Stück Landes, drei Schritte in der Länge und zwei breit
kaufte. Mehr wollte er nicht. Und das alles war so rasch gegangen, daß
die Frau mit dem alternden Verstand sich gar nicht finden konnte in
diese unerwartete, plötzliche Standeserhebung, nur den Kopf schütteln
konnte und immerwährend unterwegs war nach dem seltsamen, winzigen
Landgut, als wollte sie nicht begreifen, daß es dem neuen Besitzer
draußen gefiele. Sie vergaß Arbeit und Essen und kehrte jeden dritten
Tag zu dem Spitalarzt zurück, der endlich ermüdete, der verstörten
Mutter immer wieder den traurigen Fall von Lungenentzündung mit letalem
Ausgang zu erklären und anzufügen, daß dies bei solchem infamen
Herbstwetter nicht zu verwundern sei. Wenn Frau Wanka dann, von dem
ungeduldigen Arzt und den wartenden Besuchern fast aus der Thüre
gedrängt, in den perlgrau trüb triefenden Tag hinaustrat, dann nahm sie
sich jedesmal vor, sich das Wetter recht genau zu betrachten um zum
Verständnis des »traurigen Falles« zu gelangen. Aber draußen hastete sie
scheu an den Häusern und den Menschen vorbei und kam atemlos in ihre
Wohnung, wo sie Luisa fand, immer auf demselben Platz, mit heißen,
trockenen Augen und fiebernden Händen. Sie blieben dann einander
gegenüber sitzen, ohne die Lampe anzuzünden, ohne sich irgend etwas zu
sagen, ganz fern von einander, bis es so dunkel war, daß sie eine die
andere vergaßen. Von Zeit zu Zeit erhob sich eine der Frauen und ging
auf den Zehen, als sollte die andere nichts bemerken, hinaus, in Zdenkos
langverlassenes, verstaubtes Stübchen. Behutsam trat sie ein. Und erst
wenn sie den leeren Schreibtisch fand und das vernachlässigte, verdeckte
Bett, erlosch das irre Lächeln einer wilden, immer wieder gläubigen
Hoffnung auf den zuckenden Lippen. Die Zurückgebliebene aber lauschte
dann: Sie hörte die Thüre gehen. Und dann begann in der verlassenen
Kammer ein Weinen -- bang und hoffnungslos. Bis die alte Rosalka eines
Sonnabends das kleine Hinterzimmer aufwusch und dann den Schlüssel an
sich nahm. Das Weinen aber hörte nicht auf; es füllte bei Tag die beiden
Stuben aus und schien in jeder Nacht suchend durch das ganze Haus zu
gehen, so daß die Kinder nicht einschlafen wollten. Und auch Erwachsene
brannten Licht bis in den Morgen hinein; denn jeder in dem alten Haus
wollte die Ecken seines Zimmers überschauen und war im stillen froh,
wenn der nächste graue Regentag an die Scheiben schlug. Denen, die sich
darüber beschwerten, schwor die Magd Rosalka bei Seele und Ehrlichkeit,
man könne nichts dagegen thun, als Weihwasser aufstellen und Vaterunser
beten; denn so sei es jedesmal, wenn einer stürbe mit vielen weltlichen
Wünschen im Herzen und ohne die richtige Ruhe und Ergebenheit. Und man
betete beim Rübenschälen und beim Geschirrwaschen, die Nachbaren beteten
und die Höckin unter den Steinlauben betete auch. Und Weihwasser
spritzte man hinter den beiden Frauen her, welche mit jenen langsamen
taktmäßigen Schritten durch den Flur und die Gänge kamen, wie sie sie
gelernt hatten hinter dem Leichenwagen. Frau Wanka ging oft aus, eilte
ein paar Gassen entlang, um planlos wieder heimzukehren. Luisa aber
rührte sich nicht von ihrem Platz. Sie hatte keine Phantasien mehr, und
in ihren Träumen waren alle Farben so blaß geworden wie die Tage
draußen. Manchmal zählte sie die Tropfen an den Fenstern und horchte: es
rauschte an ihr vorbei wie ein großer Strom, in dem viele zerbrochene,
unverständliche Worte trieben, immer mehr und mehr -- und sie dachte:
wie nach einer Überschwemmung. Dann zuckte sie plötzlich zusammen, als
hätte sie jemand gerufen und -- begann wieder die vielen rinnenden
Tropfen zu zählen.
So kam Allerseelen. Da sehen sogar die breiten Straßen der Neustadt
nachdenklich aus. In den vornehmen Blumenläden liegen reiche,
prahlerische Kränze bereit und die fremden Blüten in ihnen können nicht
lächeln. Die Vergnügungsspalten der Reklamesäulen sind leer überklebt,
nur das Landestheater verkündete die Aufführung der alten
Kirchhofkomödie »Der Müller und sein Kind« und in den Schaufenstern der
Kunsthandlungen sind vor die bunten, englischen Drucke drei, vier, fünf
dunkle Photographieen geschoben, die Illustrationen zu dem leisen
Wehmutliede Hermann von Gilms: »Stell auf den Tisch die duftenden
Reseden ...« Früh werden auf dem feuchtglänzenden »Graben« die Laternen
angezündet, und immer noch fahren Fiacres und Droschken vorbei mit
großen Palmenkränzen auf Kutschbock und Wagendach und an mancher
Trambahn ist über die farbige Rücklaterne ein Tannengewinde oder gar ein
Kranz von Blech gehängt, der nicht zum erstenmal am Tage der
Verstorbenen diese Reise überstehen muß. Über dem unfreundlichen Zizkov
sind schon die unglaublich langhalsigen Bogenlampen wie viele, traurige
Monde aufgegangen und drunter hin, vor den Thoren des immer weiter
wachsenden Totenparkes, ist ein unfestliches Gedränge von Menschen, von
verweinten Menschen, die ein paar halbwelke Blumen in der Hand, in
dunkler Sehnsucht sich ihrem Ziele entgegendrängen, von erzürnten
Menschen, welche die Hast des Schmerzes nicht begreifen, von
teilnahmslosen, von feiernden, von lachenden und beobachtenden Menschen
und von vielen anderen. Die Pfade sind durch die vorlauten lauernden
Verkaufsbuden verengt, und die Kinder des langen Zuges hängen sich wie
Widerhaken an die aushängenden Lampen und Lebkuchen und Spielsachen, so
daß immer neue Stockungen geschehen. Mit der Menge aber und über ihr
wälzt sich dieser dicke schwere Dunst von traurigen, müde duftenden
Blüten, welken Blättern, durchregnetem Erdreich und feuchten Kleidern,
in welchem die Worte gleichsam hängen blieben, zu dem weiten leuchtenden
Garten. Dort verteilen sich die Massen zwar in die einzelnen Alleen,
aber eigentlich sind die wenigsten bestrebt, schnell zu dem Grabe zu
kommen, welches sie beschenken wollen. Sie wollen erst auch die anderen
Seligen im Festkleid gesehen haben und finden es zu unterhaltsam, an den
Steingrüften der Vornehmen hinzuschlendern, die fremden langen Namen zu
lesen und sich an den Blumen zu freuen, welche den kostbaren Marmor ganz
verdecken. Dann hineinzulugen in die dämmerigen Grabkapellen mit den
hellen glänzenden Altären, vor welchen ein verwittertes altes Mütterchen
schon den zweiten Tag bemüht ist, den ihr ganz unbekannten Verewigten
die gutbezahlten Vaterunser und Gegrüßetseistdu der hinterbliebenen
Familienmitglieder begreiflich zu machen. Und aus diesem Schatten von
Licht und Glanz schleicht sich eine unbewußte, lebendige Fröhlichkeit in
die Gesichter der Menge, welche seltsam absticht von den paar wunden
dunklen Menschen, die sich scheu und schwarz am Wegrand hindrücken. In
blinder Ungeduld schieben sie da und dort einen Schaufrohen zur Seite
und der denkt hinter ihnen her: Totenvögel, was wollen denn die hier?
Auf dem VII. Friedhof ist es etwas freier und einsamer. Es ist mehr Raum
hier; denn nur ein Teil des umzäunten Landes ist mit Gräbern und Grüften
erfüllt, weiterhin ist ahnungsloser, gesunder, gutgewässerter Boden, dem
man noch die früheren Ernten ansieht und der aus seiner müßig gewordenen
Kraft ratlos einen üppigen, wilden, sinnlosen Garten gezeugt hat. Das
war eine gute Nachbarschaft für den armen Zdenko Wanka, der immer noch
die Reihe der Gräber an der linken Mauer hin abschloß, als wagte niemand
zu sterben seither in der großen, abgrundvollen Stadt. Die beiden
vereinsamten Frauen, Mutter und Tochter, leisteten ihm nun schon den
zweiten Tag Gesellschaft, und die alte Rosalka kam ab und zu und
erzählte dem tauben Schmerz der beiden von der Pracht und dem Glanze
anderer Grüfte. Daß der Hügel des Zdenko nicht so recht festlich werden
wollte, trotz der vielen Levkoien, Astern und Vergißmeinnicht, kam
daher, daß durch allen Schmuck irgendwo immer wieder das nasse, neue
Erdreich durchdrang, in welchem der Grassamen noch nicht Zeit gehabt
hatte, aufzugehen. Etwas scheu schien das frische Grab sich
zurückzuziehen -- wie einer, der zum erstenmal in einer Gesellschaft
ist, deren Art und Anstand er noch nicht kennt. Auch die beiden Gäste
fanden nicht recht die Sprache des Verkehrs mit dem Verlorenen, und so
mag des toten Zdenko erster Feiertag recht trübe gewesen sein. Frau
Josephine weinte nicht mehr. Sie saß auf einem der Holzbänkchen, wie sie
sich am Fußende der Grabstätten finden, und hatte gewiß vergessen, daß
der fremde, feuchte Herbstabend immer dichter über ihr hereinsank. Die
Tochter, die in dem Kleidchen von schwarzem Kaschmir noch kleiner und
blasser aussah wie sonst, beobachtete, ohne daß sie davon wußte, die
Scene, die an einem Grabe gegenüber geschah. Ein hagerer, verhärmter
Mann hatte eben eine kleine, blaue Lampe und einen Maiglöckchenstrauß
auf die Stätte niedergelegt, und es war eine zaghafte, rührende
Zärtlichkeit in seiner Bewegung gewesen, etwas von jener unbeholfenen
Anmut junger, verliebter Menschen. Aber wie er nun wieder aufrecht stand
und sein weinendes, dreijähriges Kind an den schwarzen verschnittenen
Sonntagsrock preßte, da brach diese Geste hart ab und eine zitternde,
hoffnungslose Wehmut begann ihn zu beugen. Er kämpfte mit ihr und
suchte immer wieder die Augen des Kindes, vielleicht um zu wissen, wie
die Augen der Mutter waren, oder um sich daraus ein wenig Glanz und
Hoffnung zu holen. Das Kind aber weinte ...
Da schob sich eine Gruppe von schwarzgekleideten, jungen Männern in dem
Nationalrock, der Tschamara, zwischen Luisa und jene beiden Mutterlosen.
Es waren größtenteils Studenten, Freunde und Genossen des Wanka, welche
an diesem Tage mit politischen Ovationen und Liedern an die Gräber ihrer
Großen und Genossen kamen, um sie über das Gesetz der Gleichheit,
welches in diesen stillen Mauern herrschte, zu erheben. Der Widerstand,
der ihrem Beginnen jedes Jahr aufs neue von den vorsichtigen Behörden
entgegengesetzt wurde, war Schuld daran, daß diese Kundgebungen einen
über alle Herzlichkeit lauten prahlerischen Charakter bekamen und das
jugendliche Ungestüm sich nicht mit dem leisen Niederlegen seiner
blühenden Liebe begnügen wollte. So ordneten sich auch jetzt die Reihen,
um an Wankas Grab eines der scharfen Kampflieder anzustimmen, welches
den mit allem Versöhnten an die Tage des Sturmes erinnern sollte. Es
mußte dem getreuen Genossen -- und Wanka war in Treuen gestorben --
doch auch lieb sein, von dem Ausharren der Brüder zu vernehmen, er mußte
gleichsam einen Augenblick wieder mitten unter sie treten, wenn seine
eigenen Worte und Wünsche über seinem Hügel erwachten. Allein als schon
das Zeichen des Anfangs gegeben werden sollte, traten die jungen Leute
mit einem dumpfen Gemurmel auseinander. Sie schämten sich plötzlich, ihr
rohes Streitlied in den tiefen, geweihten Schmerz dieser schwarzen
Frauen hineinzuschreien, und die Besten unter ihnen ahnten die Ewigkeit.
Sie senkten den großen Kranz, in dessen Immergrün Karten mit ihren Namen
staken, ganz an das Ende des Grabes nieder, als empfänden sie
unbestimmt, daß der, welcher bis an diesen Platz Hand in Hand mit ihnen
gewandert war, doch nicht mehr voll zu ihnen gehörte, wenigstens in
seiner eigensten Sehnsucht nicht.
Und aus ihnen blieb Rezek zurück. Ernst und hoch, die Arme auf der Brust
verschränkt, stand er da und hatte nur das blasse harte Gesicht, wie
sinnend, gesenkt. Vielleicht war er der einzige, welcher dachte, daß
Zdenko an der zerstörten Freude gestorben sei, wenngleich er selbst es
am wenigsten verstehen konnte. Er war eine strenge Savonarolanatur,
welche da und dort im Land Scheiterhaufen entzündete; und es kamen
junge, gläubige Menschen, welche ihren ganzen Reichtum in die Flammen
legten: die Freude und das Lachen und die Sehnsucht. Denn der Fanatiker
wollte ein verarmtes und entsagendes Heer hinter sich, weil er wußte,
daß es keine wildere Waffe giebt, als die Verzweiflung. Und sein Gesetz
fand Anhänger auch in diesem weichen, slavischen Volke, welches mit den
Schätzen seines Gemütes sich selbst verliert und verleugnet.
Auch Luisa hatte zaghaft alles vor ihm niedergelegt, was sie aus ihrer
traumdunklen Kindheit besaß; er hatte es nicht bemerkt, denn sie schien
ihm kein Mitstreiter zu sein, dessen Gewinnung wertvoll wäre. Und dann
hatte Luisa noch etwas hinzugelegt, etwas Unklares, Schmerzlich-seliges,
wofür sie keinen Namen wußte: das aber hatte Rezek nicht erkannt, weil
es ihre erste, bebende Liebe war. -- Wie er jetzt näher zu dem Mädchen
trat, fühlte er vielleicht zum erstenmal, daß er sich nicht über ein
Kind neigte, und unwillkürlich grüßte sein Auge das Weib. Aber Luisa
verstand ihn nicht, er war ihr weit und vergangen wie alles. Kaum eine
Erinnerung war er ihr. Und da nahm sein Auge zugleich Abschied von ihr,
und er verneigte sich einmal tief, wie Luisa es nie bei ihm gesehen
hatte und ging. Es war schon fast Nacht, und Luisa konnte ihn mit ihren
wunden Augen nicht begleiten über die nächsten Kreuze hinaus.
In der Nacht nach diesem Allerseelentage war kein Weinen in dem Hause,
gegenüber der Maltheserkirche. Noch ehe es ganz licht war, stand Frau
Josephine auf, zog sich sorgfältiger als sonst an und teilte der Tochter
mit, daß sie heute, da sie so viele Montage versäumt hätte, zu Oberstens
ginge. Luisa sah mit schwachem Erstaunen auf. Die Stimme der Mutter
erschien ihr ganz unbekannt als sie nun noch anfügte, sie hätte durchaus
nicht die Absicht, dieses gute und vornehme Haus zu verlieren. Auch
würde sie es gern sehen, wenn Luisa sie abholen wollte, um sich bei
Meerings in Erinnerung zu bringen. Dann ging Frau Wanka. Und das ganze
Haus sah wie ein einziges steinernes Staunen hinter ihren Schritten her,
welche fast ganz dieselbe energische Rüstigkeit wieder zeigten, welche
sie vor dem Unglück besaß. Dieses rasche, ruckweise Sich-aufrichten nach
Wochen des haltlosesten Hingegebenseins hatte in der That etwas
Überraschendes und Unheimliches. Frau Josephine mußte in den beiden
Tagen am Grabe des Sohnes irgend eine Ersparnis an Kraft und Energie,
dessen Vorhandensein sie während mancher Jahre vergessen hatte, in sich
entdeckt haben und daß sie es nun wohl anzuwenden wußte, beweist der
Umstand, daß Frau von Meering den Schmerz der Mutter als nicht tief und
herzlich genug bezeichnen konnte. Sie erwartete eine gebrochene Frau zu
sehen und fand sie fast steif vor Aufgerichtetsein, sie war so gerne
bereit gewesen, gerührt und gefühlvoll zu werden vor dem beredten
Schmerze und sah nun etwas, was man im besten Fall stumme Trauer nennen
durfte, und welchem gegenüber sie eine starke, unbehagliche Verlegenheit
empfand. Dazu kam noch die Neugierde, aus dieser treuesten Quelle zu
entnehmen, wie viel an dem, »was man sich so erzählt,« Wahrheit sei. Der
Oberst hatte vom Stammtisch im »Hecht«, wo man gerne kannegießerte, ganz
eigentümliche Gerüchte heimgebracht, Geschichten, in denen alle
politischen Schlagworte der letzten Zeit vorkamen und zwar in solchem
Sinne, daß es dem Herrn von Meering und seiner Gemahlin mit einemmale
bedenklich erschien, Mitglieder einer so anrüchigen tschechischen
Familie in ihrem Hause zu sehen und ein ernstlicher Familienrat
abgehalten wurde, in welchem Für und Wider gerechtermaßen abgewogen,
keine eigentliche Entscheidung ergab. Der Tod des jungen auf Abwege
geratenen Menschen stimmte den alten Militär etwas nachsichtiger, und
den Ausschlag gab endlich die kluge Überlegung, daß ja zunächst nur die
an und für sich anständige Mutter, Witwe eines fürstlichen Försters, im
Hause Meering von Meerhelm Zutritt hätte und daß obbesagte tüchtige
Wittib nur mit der Putzwäsche in nähere Berührung träte, welche
ihrerseits wieder, dadurch daß sie aus Rumburg stammte, gegen
Tschechisierung und durch die fünfzackige Adelskrone derer von Meerhelm
(seit zehn Jahren) auch vor allen demokratischen Einflüssen gesichert
war. So kam es, daß Frau Josephine eine ganz freundliche Aufnahme
gefunden hatte und daß man es für selbstverständlich hielt, daß die
alten Wäschemontage fortab wieder eingehalten würden. Frau von Meering
gab die stille Zuversicht nicht auf, bei einem der künftigenmale näheres
zu erfahren; daß dies nicht schon beim ersten Wiedersehen sich gefügt
hatte, empfand sie als Kränkung und konnte denn auch nicht umhin, der
Witwe im allerunschuldigsten Tone ihre tiefe Teilnahme an dem Unglück,
»welches durch seine besonderen Umstände noch so viel schmerzlicher
sei,« -- zu versichern. Diese Zwischenbemerkung, welche sie als
Eingeweihte und Wissende erscheinen ließ, imponierte ihr sehr und sie
hielt dieselbe für einen feinen Angriff gegen die »undankbare
Verschlossenheit dieser Leute«.
Frau Wanka aber hatte gar nichts, weder von der Enttäuschung der
Oberstin, noch von dem Hieb bemerkt, in welchem diese sich rächte; sie
mußte in diesen Tagen so manches mit sich überlegen, und die Folgen
ihrer Versonnenheit traten jetzt Schlag um Schlag in rascher Reihe ins
Leben. Da war zunächst in einer böhmischen und in einer deutschen
Tageszeitung je ein kleines Inserat erschienen, welches einem
anständigen, jungen Mann ein stilles, gutmöbliertes Zimmer in ruhiger
Gegend versprach, und wer den Spuren dieser Verheißung nachgegangen
wäre, hätte sich unversehens auf der Kleinseite gefunden, hätte die
Höckin unter den Steinlauben nach »Nummer 87 neu« gefragt und die
breite, ausführliche Antwort erhalten, daß dies drei Treppen hoch bei
Wankas sei und daß Wankas jetzt an Herren abmieten wollten,
wahrscheinlich weil sie gar so unglaublich viel Unglück gehabt hätten.
Es kommt nun darauf an, ob der junge, anständige Mann mehr jung oder
mehr anständig ist, um hier im lauschigen Plauderdunkel der Steinlauben
mehr oder wenig von dem Schicksal der Förstersfamilie zu vernehmen. Es
ist ungewiß, inwieweit Ernst Land unterrichtet war, als er an einem
Novembertag auf der bekannten Wendeltreppe von »87 neu« zweimal in
Gefahr kam, Hals und Beine zu brechen, und nachdem unterschiedliche
Thüren vor seiner deutschen Frage entrüstet ins Schloß gefallen waren,
endlich vor der alten Rosalka stand, welche ihn mit großem Mißtrauen
betrachtete. Er gefiel ihr nicht, das wußte sie im Augenblick. Er war
ihr »zu deutsch«. Das empfand sie dann und wann einem Menschen
gegenüber, obwohl sie nicht wußte, was diesen Eindruck hervorrief, kaum,
ob es ein Zuviel oder ein Mangel war. Sie starrte in die Gläser seines
angelaufenen Kneifers, konnte die Augen dahinter nicht finden und ließ
sich die deutsche Frage zweimal wiederholen, obwohl sie dieselbe
verstanden hatte. Es versöhnte sie erst ein wenig, als der junge Herr in
einem sehr seltsamen Böhmisch unter großen Anstrengungen die Geschichte
eines Zimmers erzählte, welches irgendwo zu vermieten sein sollte. Seit
fünf Tagen wiederholte Land diese Behauptung vor allen Thüren und war
ganz satt und matt von den Speisedünsten und Verwünschungen, welche er
dafür mitbekommen hatte. Da Frau Wanka, mit welcher er sich deutsch
verständigen konnte, keine unverhältnismäßigen Ansprüche machte, und das
Hinterzimmer ihm ruhig und erträglich schien, beschloß er zu bleiben.
»Lärm mache ich keinen,« sagte er mit seiner etwas ängstlichen Stimme am
Ende ihrer Unterredung, »und gestört werden Sie durch mich nicht sein.
Unter Tags bin ich ja viel im Geschäft und abends, -- Gott, da liest man
ein wenig und ...« »Bitte, bitte,« erwiderte Frau Wanka auch etwas
verlegen. Und in der Thüre wandte sie sich etwas zurück: »Verzeihen Sie,
Herr, vielleicht darf ich fragen, was Sie sind?« Pause. -- »Apotheker,«
sagte der junge Mensch traurig und sah dabei in die Mauern der
Maltheserkirche hinein. --
Sie störten einander wirklich nicht, Wankas und der junge Provisor. Sie
sahen einander kaum. Luisa vermied es, ihm zu begegnen; es schmerzte sie
zu sehr, einen fremden Menschen in das Zimmer des Zdenko eintreten zu
sehen, und sie konnte nicht fassen, wie die Mutter das hatte über sich
bringen können. Sie verstand die Mutter überhaupt nicht mehr, seit sie
ihr eines Abends eine lange Rede gehalten hatte, drin viel von dem
ewigen Nichtsthun, mehr noch von Pflicht und Arbeit handelte. Und als
sich Luisa zage bereit gefunden hatte, in die Häuser zu gehen oder für
ein Geschäft zu arbeiten, geschah etwas sehr Erstaunliches. »Du mußt
höher hinauf, das ist nichts für dich,« so etwan war die Erwiderung der
Witwe, »ich hätte gleich von vornherein daran denken sollen. Wozu hast
du denn in Krummau Klavierstunden genommen; da kamst du doch ziemlich
weit. Und im Französischen. Wenn du es nach unserem Umzug nach Prag
nicht vernachlässigt hättest, könntest du heute schon Stunden geben.«