* * * * *
Es hatte niemand bemerkt, daß Bohusch am Sonntag früh einen Gast in den
Keller des alten finsteren Hauses in der Hieronymus-Gasse geleitete. Die
beiden waren ja auch so behutsam hinabgestiegen, als gelte es einen
Schlafenden nicht zu wecken, hatten unten das Holz fortgeräumt und dann
war der Fremde, der sehr schweigsam war, mit der Laterne in den geheimen
Gang gekrochen. Der Bucklige stand und starrte ihm nach. Noch eine Weile
blieb das Loch hell, dann erloschen dort an den Kanten die Lichtstreifen
und dann flatterten ein paar Reflexe in dem schwarzen Rahmen her und
hin, schlugen sich an den Mauern die Flügel wund und fielen tot in das
grenzenlose Dunkel. Bohusch lauschte. Schritte hallten fern und immer
ferner. Da wurde ihm mit einemmale angst. Er dachte: Wozu thut er das?
Endlich hörte er keine Schritte mehr, und jetzt begann er zu rufen.
Seine Worte hatten einen seltsamen Klang; sie trugen das Schlagen
seines Herzens mit, welches er in der Kehle spürte und welches immer
wilder und ungestümer wurde: »Geben Sie acht. Rezek! -- Rezek, gehn Sie
nicht weiter. Was machen Sie denn? Aber, aber! Sie dürfen nicht weiter
gehn. Hier, hier. Hören Sie? Jesus Maria, wo sind Sie denn? Keine
Dummheiten; man kann nicht wissen ...« Plötzlich fiel das volle Licht
der Laterne auf ihn; das kam so überraschend, daß der Kleine noch eine
Weile alle Zeichen des Schreckens und der Furcht behielt und in seiner
atemlosen Verwirrung drollig genug aussah. Rezek war mit einem Sprung
neben ihm, schien ihn aber gar nicht zu bemerken. Eine gewisse
Befriedigung leuchtete in seinen dunklen Augen auf, erlosch schnell und
es kam jene strenge Verschlossenheit über sein Gesicht, welche jede
Linie versteinerte. »Nun?« brachte Bohusch endlich heraus, und nahm dem
anderen die Laterne aus der Hand, um das Licht recht nahe und recht
sicher zu haben. Der Student kam ihm auf einmal recht einfältig, fast
ein wenig komisch vor, und als er gar bemerkte, daß er in seiner Furcht
die ganze Zeit nach der entgegengesetzten Seite, wo gar kein Loch war,
gerufen hatte, schmolz seine Beklemmung, sie floß gleichsam von seiner
Gestalt herunter in einem unbändigen, blechernen Gelächter. Er war jetzt
in der Stimmung alles heiter zu finden, und ihm erschien es ein
köstlicher Spaß, daß der hagere Student das Holz wieder vor die geheime
Thüre schichtete und sich dabei so wichtig und weihevoll benahm. Im
Hinaufsteigen bat er Rezek, er möchte jetzt doch zu ihm hinauf kommen.
Seine Mutter sei gewiß auch noch zu Hause und er würde es nicht bereuen,
schöne Geschichten zu vernehmen und vielleicht auch ein Gläschen Gilka
(ja, solche Köstlichkeiten besäße er, der arme Bohusch) zu trinken. Der
Student entschuldigte sich kurz. Er hätte dringende Verpflichtungen und
würde ein anderesmal kommen. Übrigens sei das recht interessant gewesen
da unten -- und er danke auch vielmals. Bohusch war sehr enttäuscht; er
hätte jetzt so gerne erzählen mögen. Aber Rezek ließ sich nicht
erbitten. Er grüßte flüchtig, ging und vernahm noch wie der Bucklige,
der übereifrig die Treppen hinaufwatete, im ersten Stock irgendwem einen
sehr lauten »Gutenmorgen« zurief. Der Student schritt hastig die
Brückengasse aufwärts. Er fiel auf wie eben ein arg Beschäftigter unter
Müßigen auffällt, und seine schwarze, schlanke Gestalt schien sich an
diesen lichten und langsamen Sonntäglern, die der Niklas-Kirche
zuströmten, fortzuhelfen.
Unter der feierlichen Menge tauchte nicht viel später die arme Gestalt
des >König Bohusch< auf. In dieser Gegend kannten ihn die meisten,
wußten den Spottnamen, den er, weiß Gott weshalb, seit seiner Schulzeit
trug, und übermütige Jungen riefen ihm wohl auch kichernd ein >König
Bohusch< in den Rücken, der unter dem schwarzen Sonntagsrock noch viel
runder und häßlicher war. Der Verwachsene ließ sich dadurch nicht
stören, trieb eine Weile mit der Menge, kehrte aber dann um und ging,
immer lächelnd, der Altstadt zu. Er wollte jemanden begegnen; er fühlte
sich aufgelegt, irgendwem zu erklären, daß das Leben, mochte es seine
Kanten haben, im allgemeinen doch etwas ganz Treffliches ist, daß die
Tschechen ein patriotisches und prächtiges Volk seien und Prag eine
Stadt -- (»bitte, sehen Sie nur mal dieses Rudolfinum an,« -- hätte er
jetzt gesagt) -- eine Stadt die ihresgleichen nicht nebenan hatte. Die
Möglichkeit, jemanden zu finden, war am größten in der Ferdinandstraße
und >am Graben<, auf deren breiten Gangsteigen das ganze moderne Prag
den Sonntagmittag verbringt, und er lenkte dorthin ein, in der Hoffnung,
den oder jenen zu sehen -- mochte es selbst Machal oder Pátek sein. Kaum
dachte er so, erkannte er Pátek. Der mondäne Novellist schritt knapp vor
ihm her. Er trug einen ganz neuen lichtgrauen Anzug, durch welchen er
gewissermassen den etwas zaghaften Frühling protegierte, und die scharfe
Bügelfalte blieb bei seinem Schreiten ungebrochen und reichte tadellos
bis zu den leuchtenden Lackschuhen hinab, die er mit Grazie zur Geltung
zu bringen wußte. Als Bohusch, der ihn überholte, ihn anredete, legte
er die Hand mit dem Handschuh (_Café au lait_, 6¾) nachlässig an die
Krempe des niedrigen Cylinders und machte nicht viel Miene, sich in ein
Gespräch einzulassen. Aber Bohusch war so froh, wen gefunden zu haben,
daß er seine Schüchternheit vergaß, keine Aufforderung abwartete und
einfach mitging. Pátek warf auch dann und wann irgend ein Wort herunter,
das heißt er ließ es fallen, und achtete wenig dessen, ob der Kleine
diese kostbaren Fragmente auffing, oder nicht. Dieser dagegen sprach
unaufhörlich und ruhte sich dann und wann in seinem lauten Lachen aus.
Alles bot ihm Stoff. Seine Witze, die nicht immer ganz glücklich waren,
erregten rechts und links Aufmerksamkeit oder Unwillen und der vornehme
junge Mann, der nach allen Seiten hin Grüße erteilte, fühlte sich recht
unangenehm in Gesellschaft dieses >verunglückten Proletars<, wie er
Bohusch zu nennen pflegte. An der nächsten Ecke that er so, als bemerkte
er einen guten Bekannten auf der anderen Seite der Straße; er blinzelte
eine Weile hinüber, murmelte etwas Unverständliches und hüpfte, ehe
Bohusch begriff, worum es sich handle, davon. Der Bucklige ging weiter,
stand nach zehn Schritten aufs neue still, suchte die Gestalt des
Flüchtlings in dem Strome drüben, und erkannte, daß Pátek allein ging.
Da verlosch das Lachen auf seinem breiten Gesicht; er warf jemandem, der
ihn im Vorbeigehen gar nicht heftig gestreift hatte, ein Schimpfwort zu,
wandte sich um und bohrte sich mit rücksichtslosen Schultern in eine
Seitengasse durch, wo keine Sonne und kein Mensch war. Thränen hatte er
in den Augen. -- Eine Weile dachte er daran, Schileder in seinem Atelier
aufzusuchen. Dort war er immer geduldet. Wenn der Maler auch gerade
beschäftigt war, er durfte sich mit irgend einer Mappe in eine weiche
Ecke des großen Raumes verkriechen und konnte stundenlang Bilder
betrachten und seine Blicke die hohen Wandsimse entlang schicken, auf
welchen die unvereinbarsten Dinge, die abenteuerlichsten Geräte standen
und sich vertrugen hinter den dichten Schleiern eines jahrealten
Staubes. Er hatte oft Stunde um Stunde unbeachtet dort gesessen, und
wenn er irgendwo ein Stück Samt oder eine bunte, faltenleuchtende Seide
entdecken konnte, hatte er das Laken nicht mehr aus dem Auge gelassen,
und der Maler hatte es ihm gerne geschenkt. Dann war er immer hastig
seine vier Treppen hinaufgestürmt, wild vor Ungeduld, mit dem Stück Zeug
angethan, vor den Spiegel zu treten. Ja, der arme Bohusch empfand seinen
schwarzen Rock, der ja übrigens auch zu alt war, als ein recht
schlechtes, unwertes Sonntagskleid, und träumte schon als Kind davon, in
außergewöhnlichen und prächtigen Kleidern unter die Menschen gehen zu
können. Er hatte ja auch, nur damit er das rote Chorhemde bekäme, in der
Schulzeit bei dem Hochamt ministriert und, nur um der glänzenden Uniform
willen, wäre er später am liebsten Soldat geworden. Das war alles lang
vorbei und er konnte nun nicht mehr hoffen, jemals etwas anderes, selbst
bei der größten Festlichkeit anzuziehen, als diesen schwarzen, schäbigen
Rock, es sei denn, daß die Frantischka sich doch noch entschlösse, ihn
zu heiraten; zu dieser Feier würde er sich ohne Zögern einen neuen
machen lassen, und der müßte dann einen breiten Samtkragen haben. Auf
diesen Tag wartete auch noch des Vaters gestickte Weste, welche Bohusch
sich dann zurecht schneidern lassen wollte, -- erst bis es an der Zeit
war. Nur nicht umsonst das Geld ausgeben. Und ob es jemals an der Zeit
sein würde?... Den letzten Sonntag hatte Bohusch vergeblich auf die
Geliebte gewartet. Wie, wenn sie heute wieder ausbliebe?
Auf den ärmeren Friedhöfen, wo keine mächtigen Marmordenkmäler von
Gärtnerhand mit berechnender Kunst verziert werden, ist es so: der
Frühling, in seiner Unschuld, tritt ein, und das Klirren der rostigen
Gitterthür ist der letzte Lärm, den er vernimmt. Er ahnt nicht, wo er
ist. Aber es gefällt ihm wohl in diesen stillen Mauern, hinter denen
weit das Leben wogt und bei diesen kleinen Engelchen aus glänzendem
Thon, die die Hände gefaltet haben und zu ihm beten. Zu wem denn sonst?
Auch giebt es für die jungen, ängstlichen Winden keine bessere Stütze
als so ein Kreuz, darauf sie, wenn sie mal so hoch sind, wie zum Lohn
nach rechts oder links sich ausstrecken dürfen, soweit es ihnen
gefällt. Und weil es ihm doch so gut geht, wird der Frühling an einem
solchen Orte früher groß als anderswo. Die kleine dunkle Gestalt des
Bohusch wenigstens ging geradezu verloren in dem Getümmel von Primeln
und Anemonen, und über ihm lauerte der Wind in einem Baum, der Blüten
hatte, ehe ihm Blätter kamen, und schickte ihm dann und wann eine Blüte
in den Schoß und schaukelte so schalkhaft mit den zieren Zweigen, als
wollte er den Einsamen in der nächsten Sekunde doch über und über
verschütten. Der Bucklige aber war nicht gelaunt, ihn zu verstehen. Er
stäubte die Blüten mürrisch von seinen schwarzen Ärmeln und schaute an
dem sonnigen Sonntag vorbei in einen anderen -- ganz anderen Tag. Das
war auch auf einem Kirchhof. Vor drei Jahren ungefähr. Ein paar
schwarzgekleidete Leute standen um das offene Grab. Die Männer in einer
gewissen kavaliermäßigen Vornehmheit mit großen Bärten oder ganz glatt
rasierten Gesichtern, jene Falten um die Lippen, welche nach allgemeiner
Übereinkunft Zeichen der Trauer und Ergriffenheit sind, die Frauen, viel
unbedeutender, mit Taschentüchern in den Händen, und im Mittelpunkt
dieser ernsten Gruppe, eine kleine, hilflose, weißhaarige Frau. Sie war
ganz überwältigt von ihrem Schmerz, er hatte sie ganz in Besitz
genommen. Jedes Zucken ihrer armen Gestalt, jedes Flehen ihrer
erstickten Stimme gehörte ihm. Deshalb hatte sie auf alles um sich her
vergessen, auch auf ihren Sohn, den armen Bohusch. Der war arg erstaunt.
So hatte er die Mutter nie gesehen. Ihm selbst war gar nicht
außergewöhnlich zu Mute. Er dachte einfach darüber nach, wie denn der
Vater in dem Sarge habe Raum finden können. Die Truhe hatte nicht
übermäßig groß ausgesehen, und wahrscheinlich mußte er =so= liegen.
Dabei stellte er sich den Vater vor, wie er die Kniee ein wenig
emporgezogen hatte und überlegte, daß, wenn dem Toten irgendwann der
allerdings ganz unerhörte Einfall käme, die Beine zu strecken, die gelbe
Kiste ganz gewiß nachgeben würde, unten oder oben. Von solchem Sinnen
erfüllt, wartete er ruhig ab, bis die Gesellschaft den Rückweg antreten
würde. Als aber auch jetzt seine unaufhörlich schluchzende alte Mutter
ihn gar nicht kennen wollte vor Schmerz, wurde ihm sehr bang. Er konnte
ja nicht begreifen, daß die arme kleine Frau alle vierzig Jahre ihrer
Ehe, die ersten zwei vielleicht ausgenommen, aus Furcht vor ihrem Mann,
der keine Scene ertrug, niemals zu weinen gewagt hatte und nun unbewußt,
im erlösenden Genuß einer gewissen Befreiung alles Versäumte, ein Jahr
nach dem andern herunterweinte. Und vierzig Jahre weinen sich nicht so
im Handumdrehen. Ratlos sah Bohusch von einem zum andern. Sie gingen
alle an ihm vorbei, die Freunde und Genossen des Verstorbenen und die
Taktvollsten unter ihnen drückten ihm schweigend die Hand, wobei der
dazugehörigen Frau jedesmal die Augen übergingen, und der fürstliche
Kammerdiener sagte in ausländisch-korrektem Hochdeutsch: »Er war noch
gar nicht alt, Ihr Vater.« Damit wollte er betonen, daß der verstorbene
Portier um zwei Jahre älter war, als er selbst, der englische
Kammerdiener Sr. Durchlaucht. Bohusch wurde unter jedem Händedruck immer
ängstlicher, es kam ihm jetzt erst in den Sinn, daß sich da ja doch
etwas Außergewöhnliches begeben haben müsse, und bange von der steifen
Feierlichkeit dieser Menschen, blieb er mehrere Schritte hinter dem Zuge
zurück. Da fühlte er plötzlich, wie zwei Arme sich zu ihm senkten und
als er aufsah, hatte ihn ein junges blondes Frauenzimmer gerade auf die
Stirne geküßt. Sie hatte kühle Lippen, das fühlte er und was ihm noch
lieber war: sie weinte nicht. Sie hatte nur sehr, sehr traurige Augen.
Aber als der Bucklige ihren Blick fand, mußte er an einen dunklen Wald
denken. An nichts Schreckliches, nur an einen dunklen Wald und drin läßt
sichs ja wohl wohnen. So waren ihm die traurigen Augen gleich lieb, die
traurigen Augen seiner Frantischka. -- Übrigens: es kannte niemand das
Frauenzimmer damals, keiner in der ganzen Trauergesellschaft wußte ihren
Namen; sie war eben mitgekommen. Am Thor des Kirchhofs standen zwei alte
Bettelweiber, Rosenkränze zwischen den welken Fingern. Sie waren beim
17. >Gegrüßet seist du ...<; als Bohusch mit seiner neuen Freundin, Hand
in Hand, vorüberkam, unterbrachen sie ihr Gebet und die eine sagte
grinsend: »Die da mit dem Buckligen, das war die Liebste von dem
Seligen.« Und ihr zischendes Kichern wurde nach und nach das 18.
>Gegrüßet seist du.< Bohusch aber hatte das nicht gehört. -- Er sah das
blonde Mädchen wieder und als sie ihm einmal mit der Hand über die
Stirne strich und sagte: »Du bist ein so guter, guter Kerl,« da küßte er
ihr diese Hand, und das Herz schlug ihm hastig dabei. Er hatte gefühlt,
wie es ihm eiskalt über den Rücken lief und wie ihm im Kopfe alles
polternd zusammenfiel, hatte seine Hände ineinandergepreßt, daß er hätte
schreien mögen vor Schmerz und hatte, statt zu schreien geflüstert: »Du
bist meine Liebste, nicht wahr?« und da hatte sie gelacht, laut gelacht
und genickt und ihre Augen waren voll der lieben Traurigkeit. Das war
aber doch schon lang, und der Bohusch, der jetzt unter dem Blütenbaum
auf der Malvasinka saß, hätte die Frantischka so gerne wieder darum
gefragt. Statt dessen sah er starr dem Abend in das rote Gesicht und
wußte: nun kommt sie nicht mehr. Es war auch nicht die kleinste Hoffnung
in ihm, aber gleichwohl blieb er zwischen den Hügeln und Kreuzen sitzen,
gebannt durch den dunklen Wunsch, hier wohnen zu dürfen ganz mit dem
gleichen Recht, wie die vielen Nachbarn. Was müßte er denn dazu thun?
Gott, seine Augen müßten diese Türme dort, diese Dächer, diesen leise
zerfließenden Hang einfach loslassen, Abschied nehmen müßten sie von dem
Himmel, von dem ersten Abendstern, und etwas, was tief in ihm ist, müßte
noch einmal Atem holen und >Frantischka< sagen und dann nicht mehr. Das
wäre alles und ist das so schwer? -- Es mußte doch schwer sein, denn
Bohusch erhob sich und ging den rinnigen Fahrweg abwärts durch die
breite Hauptstraße hin. Ein grauer flimmernder Nebel sickerte dort
nieder und hielt die Gasflammen gleichsam in der Luft gefangen, so daß
sie nichts von ihrem Licht herunterstreuen konnten auf die dichten
Scharen müder Ausflügler, die gespenstisch sich erst zwei Schritte vor
dem Einsamen aus der Unermeßlichkeit formten, und hart hinter ihm in das
Nichts zurücksanken. Und wenn der Bohusch seinem innersten Instinkt nach
immerzu gegangen wäre, ohne aufzusehen, er wäre gewiß in die Moldau
gekommen, die vom Eisgang her noch heftig war, so, wie ein matter Gaul
den Weg in den stillen Stall findet -- ohne aufzusehen. Aber Bohusch
=sah auf=. Die Nebel um ihn begannen zu ihm zu reden in mächtigen,
wachsenden Klängen, und alle Türme, von denen er früher hatte Abschied
nehmen wollen, erhoben ihre feierlichen Avestimmen. Es war, als würde
oben über den Dächern, hinter den undurchdringlichen feuchten Falten,
irgend ein großes Fest begangen, und die Seele des Verwachsenen war
plötzlich oben und ehe er es hindern konnte, ging sie auf in dem
mystischen Jubel der Lüfte. Und da stand der arme Bohusch und sah ihr
nach. -- Er mußte daran denken, daß über acht Tage Ostersonntag war und
das erfüllte ihn mit soviel Freude, daß er lächelnd bei seiner alten
Mutter eintrat und den ganzen Abend so drollige Dinge zu berichten
wußte, daß der alten Frau vor lauter Lachen schwach und schwindlich
wurde. Was that es, daß Bohusch später träumte, Frantischka und er
sollten heiraten. Er sah das alles genau bis zu den allerkleinsten
Einzelheiten, bis zu den Granatohrringen, welche wie Blutstropfen an den
Ohrläppchen seiner Braut hingen. Und alles ging ordentlich. Die Trauung
war in der großen Kuppelkirche von St. Niklas, und auch den Pfarrer
erkannte Bohusch gleich wieder. Bis dahin war es vernünftig und so wie
am lichten Tage. Aber mit einemmale wurde es ganz seltsam. Ein junges,
oh, ein so junges Mädchen umfaßte die Braut, die vor dem Altare neben
ihm kniete und schrie: »Ich laß dir ihn nicht, ich lieb' ihn so!« Das
schrie sie ganz laut, ganz wild -- obwohl es, ich bitte, in der großen
und ernsten Kirche von St. Niklas war. Es war nur natürlich daß der
Bräutigam -- (er trug übrigens richtig einen neuen Rock mit dunkelrotem
Samtkragen) -- sich dieses ganz junge Mädchen, welches ihn so liebte,
genauer ansehen wollte. Er erkannte die Carla, das war Frantischkas
jüngere Schwester, welche er nur flüchtig kannte, und war sehr erzürnt
über diese Störung. Als er aber doch besser zusah, gewahrte er, daß dies
blonde Kind ein Nonnenkleid trug und -- erschrak vor Freude so jäh, daß
er auffuhr und erwachte. Es dauerte eine Weile, ehe er, im Bette
sitzend, sich zurecht fand. Dann rechnete er, wie weit es war bis zum
grünen Donnerstag; und als sich nur drei Tage dazwischen fanden,
lächelte Bohusch und schlief mit diesem Lächeln, traumlos, in den Morgen
hinein.
* * * * *
Der Platz vor der königlichen Burg in Prag sieht trotz der ärmlichen
Allee, welche ihn überquert, sehr vornehm aus. Das macht: er ist ganz
von Palästen umrahmt. Am mächtigsten wirkt die breite Stirne der alten
Königsburg mit dem großen, weißen Vorplatz, hinter dessen barocken
Gittern der unermüdliche Wachposten auf und ab pendelt. Das Stammhaus
des Fürsten von Schwarzenberg und ein anderes, etwas langweiliges
Gebäude schauen wie in steter Verbeugung begriffen herüber, und zur
Rechten des Schlosses wacht in etwas protziger Pose der neugestrichene
Palast des Erzbischofs über die kleinen Wohnhäuser der Prälaten und
Domherrn, die sich nahe an ihren mächtigen Patron heranschmeicheln. An
einer Ecke nur, zu seiten der Burg, wo die Schloßstiege und die steile
Spornergasse münden, ist eine Lücke geblieben, und tief drinnen liegt in
herrlichen Panoramen, zwischen den Laurenziberg und das Belvedère
gedrängt -- Prag -- dieses reiche riesige Epos der Baukunst. Voll Licht
und Leben spannt es sich aus vor den Augen des Hradschin und zu seinen
alten fügen sich immer würdig neue, glänzende Strophen. Am anderen Ende
der Häuserreihe, die einerseits durch diesen lichten Lugaus begrenzt
erscheint, liegt ein armes, einstöckiges altes Gebäude, das tagaus
tagein dasteht mit den Händen vor den Augen und nichts schauen will von
der nahen Pracht. Die Kinder der ganzen Umgebung gehen mit scheuem
Schauern an seinem ernsten Schweigen vorbei, und lassen sie sich mal von
diesem Hause erzählen, so schlafen sie wohl die ganze Nacht nicht oder
sie haben heiße Träume, in denen blasse Nonnen seltsame Dinge thun.
Freilich, das mußte der jungen Phantasie aber auch Flügel geben, zu
hören, daß die Barnabiterinnen, welche für immer in diesen grausamen
Mauern ihr stummes Sterben leben, auch untereinander nie ein Wort
tauschen, und sich nicht einmal soviel Sonne schenken dürfen, als Eine
in dem Auge der Anderen finden kann; daß sie ihre, von bangen Gebeten
zerrissene Nacht in den Brettersärgen überstehen mußten, in denen man
sie endlich -- wohl nicht in zu langer Zeit -- in das Stück Erde legte,
das im Innersten der dunklen Wände sein sollte und zu dem gewiß niemals
der Frühling fand. Der Bruderorden dieser Barnabas-Büßer ist längst
ausgestorben. Die halbzerfallenen Schädel der beiden letzten Genossen
liegen auf einem Steinaltar in den vergessenen Gruftkatakomben von Santa
Maria della Victoria und genießen die gebetlose Ruhe des Vermoderns.
Aber die Schwestern sind viel zäher im Leiden. Als vor etwa fünfzehn
Jahren zum letztenmal die rostige Rast der Thürangeln gestört wurde, da
wollten weißhaarige Leute aus der Nähe, Betschwestern mit nicht ganz
zuverlässigem Gedächtnis -- wollten wissen, daß zu den sieben noch
lebenden Schwestern eine achte hinzugekommen sei -- aber das waren doch
nur ziemlich haltlose Vermutungen. Wohl aber hatten auch jüngere und
scharfsichtigere Menschen in den Wagen geschaut, welcher das neue Opfer
brachte und diese beschworen, daß dies ein ganz junges Mädchen von
unbeschreiblicher Schönheit und Vornehmheit gewesen sei und sagten, es
sei sündhaft, diese Fülle seltener Anmut in dem schrecklichsten aller
Klöster verwelken zu lassen. Und sie sagten noch manches; das Manche
aber war Geschwätz, das sich auf die Gründe bezog, welche diesen frühen
Lebensabschied hervorgerufen haben mochten; da baute man große
romantische Geschichten auf, die verschiedensten Dolche blitzten in den
unterschiedlichsten bengalischen Feuern, und die dämonischesten Prinzen
aller Ammenmärchen sogen Lebensmöglichkeit aus diesen Vermutungen. Man
wußte natürlich gewiß, daß irgend ein lautes und fürchterliches Ereignis
hinter diesem Entsagen stünde und vergaß wie immer, daß es vielleicht
ein ganz leises Erleiden, eine jener tiefen, lautlosen Enttäuschungen
gewesen sein konnte, welche den zartesten Seelen die dunkelgewußte
Gewißheit geben, daß Gipfel und Abgründe des Erlebens vorüber sind, und
daß nun die weite, weite Ebene mit den kleinen Gräben und lächerlichen
Hügeln beginnen würde, durch die zu wandern so müde macht. Das schöne
müde Kind kam aus dem hohen finstern Fürstenhaus in der Spornergasse, in
dem auch Bohusch seine scheuen Knabenspiele spielte, und der Tag, an
welchem der geschlossene Wagen die Prinzessin Aglaja ihrer neuen
einsamen Heimat zuführte, war auch für ihn, den damals Halbreifen, ein
Abschnitt. Eigentlich konnte er sich gar nicht vorstellen, wie die
Prinzessin zu jener Zeit aussah; er trug in seinem Innern ihr Bild aus
den Tagen, da ihr goldenes Lachen wie eine verirrte Schwalbe durch die
ernsten Hallen flatterte und sich endlich, der steifen und entsetzten
Engländerin zum Trotz, in den freien Weiten des rauschenden Parkes
verlor. Dort begegneten die beiden Kinder einander ziemlich oft und
schwatzten und scherzten und haschten einander, wie es eben Kinder thun,
die einen Zwang losgeworden sind: Aglaja ihre Gouvernante und Bohusch
seine stille treue Traurigkeit. Es folgten dann Jahre, in welchen der
Portierssohn die inzwischen Dame gewordene Gespielin nicht sah, und so
kam es, daß er in seinem Erinnern den Tag ihres Entsagens hart an jene
Stunden jubelnden Kindseins schob und den Effekt empfand, als würde
einmal der glänzendste Tag in die allertiefste Nacht, der reichste
Sommer in den trostlosesten Wintertag verändert -- ohne Übergang. Er
stand vor einem Geschehen, dessen Rücksichtslosigkeit ihn schreckte und
dessen Bedeutung geeignet war, ihm für immer die Meinung zu nehmen, daß
Reiche und Bevorzugte gleichsam die Verbündeten des Schicksals sind,
das nur dem armen Teufel feindlich und gehässig begegnet. Ein ganzes
Bündel Vorurteile fiel ihm damals mit einemmale aus den Händen, etwas
von einer Weltanschauung, von einer Religion wurde ihm geschenkt, Keime,
welche in ihm hätten reifen können und vielleicht auch aus ihm heraus,
wenn er mutiger gewesen wäre. Aber was Thaten hätten werden können, die
aus einem starken Körper frei und festlich herauswachsen, wurden bunte,
seltsame Träume in dem armen Buckligen, scheue Schwärmereien, welche
eine immer kleinere Welt betrafen und endlich nur eine schmale Gloriole
waren um das Bild der Prinzessin. Seine hilflose Dankbarkeit schmückte
dieses Bild so lange, bis aus dem lachenden, lieben Kinde eine bleiche,
heimliche Geliebte und aus der Geliebten eine verehrte Heilige wurde,
welche der Jungfrau Maria sehr ähnlich sah und ganz darin aufging, die
seltenen Wünsche des Bohusch anzuhören und alle mächtigen Eigenschaften,
welche seine unermüdliche Phantasie ihr zuschrieb, geduldig anzunehmen.
Und wie viel hatte der Bohusch dadurch vor allen übrigen Gläubigen
voraus, daß seine Heilige, wenngleich aller Welt unerreichbar, dennoch
lebte und von ihm wußte als von einem Mitwisser ihrer Kindheit, welche
sie als einziges Juwel in die ewigen Mauern doch mitgenommen haben
mußte. Dieses Verhältnis erfuhr nicht die geringste Störung, als der
Bucklige die Frantischka seine Geliebte nannte, denn damals war das
Gottwerden Aglajas schon so weit vorgeschritten, daß ihre verklärte
Gestalt hoch über allen kleinen Trieben und schwülen Träumen stand. Ihr
widmete sich Bohusch nur einmal im Jahre und zwar am grünen Donnerstage,
an welchem die Kirche des Klosters der Barnabiterinnen jedem Besuche
offen steht. Diese kleine, dunkle und ziemlich schmucklose Kirche ist
hinter dem Hauptaltar durch eine Wand ganz abgeschlossen, jenseits
welcher die Ordensschwestern an dem öffentlichen Meßamte teilnehmen. An
dem Tage vor dem christlichen Leidensfreitag -- und nur an diesem Tage
-- sickern die Stimmen der Nonnen ganz leise durch die Altarmauer und
senken sich wie ein fernes Wehklagen auf die wenigen Beter. Dann geht
ein Lauschen, ein banges Atemeinhalten, ein Erschauern durch die kleine
Gemeinde, der Priester am Altar unterbricht seine Gebete, die
Ministrantenbuben schauen ängstlich in die schwarzen Ecken des Raumes,
und die dunklen Bilder an den Wänden erwachen. Da zerreißt die scharfe
Ministrantenglocke den Bann. Die Bilder an den Wänden sind wieder tot,
der Priester neigt sich über den Kelch und die Frommen rücken in den
Bänken, schneuzen heftig und flüstern: »Es war so schwach, sind es denn
noch acht?« und dann zuckt man die Achseln und seufzt und schneuzt sich.
So war es auch an diesem grünen Donnerstag. Der Bohusch kniete ganz vorn
und harrte, bis seine Heilige rufen würde. Er hatte den Ton ihrer Stimme
nicht vergessen und glaubte immer ganz bestimmt, ihren Gesang in dem
fernen Chorlied zu erkennen. Er fing ihn auf und löste ihn aus dem
Ganzen los, wie einen Seidenfaden aus verblaßten Geweben. Er nahm ihn
gleichsam vorweg und ließ nur den Rest zu den anderen Lauschern
gelangen. Aber heute wußte er beim ersten Ton: sie fehlte. Und wie seine
Furcht es leugnen mochte, er wußte: sie fehlte. Und er lehnte sich weit
vor, und seine Angst spähte und erwürgte jedes kleinste Geräusch -- aber
immer sicherer war ihm: sie fehlte, und endlich in grenzenloser
Bangigkeit streckte er die Hände aus, weit, weit -- und lauschte mit
allen Fingerspitzen ... sie fehlte. Und da schrie es auf in ihm,
zugleich mit der Ministrantenglocke, nur einmal schrie es auf, und dann
brach er zusammen in der harten Bank wie einer, den sein Gott verläßt.
* * * * *
Der Maler Schileder war der erste, welcher eine große Veränderung an
Bohusch bemerkte. Er dachte flüchtig über deren mögliche Ursachen nach,
blieb aber ganz im Unklaren. Auch seine Frau Mathilde wußte keinen Rat.
So vergaßen sie das Erstaunliche, bis eines Vormittags, kurz nach dem
Ostersonntag, Pátek im Atelier eintrat und sagte: »Unverschämtheit.«
Schileder legte Pinsel und Palette aus der Hand, betrachtete den
Erregten, der, ohne den Hut abzunehmen, auf und niederlief: »Guten
Morgen, was ist dir denn?« Der Novellist aber sagte nur noch einigemal
»Unverschämtheit«, blieb dann stehen und wollte mit großer Behutsamkeit
den tadellosen Cylinder auf einen Stoß staubiger Mappen niedersetzen.
Vorerst tippte er mit dem behandschuhten Zeigefinger an und zog ihn ein,
als hätte er einen glühenden Ofen berührt. Er balancierte mit rührender
Hilflosigkeit den Hut zwischen beiden Handflächen her und hin und sah
den Maler mit einem Blicke des Vorwurfs an: »Bei dir ist ja alles voll
Staub,« zögerte er, »man kann ja gar nichts ablegen«. Endlich sah er
sich geborgen, setzte sich und erzählte nun in ziemlicher Unordnung, er
käme aus dem »National«, dort sei man beisammen gewesen und allerlei
hätte man besprochen. »Hast du keine Cigarette?« unterbrach er sich und
fuhr erst, nachdem Schileder ihn befriedigt hatte, fort. Man hätte also
allerlei besprochen. Und der -- nun der »verunglückte Proletar« hätte
sich in so auffälliger und vordringlicher Art an den Erörterungen
beteiligt, daß er, Pátek, sich endlich doch verpflichtet fühlte, diesem
vorlauten Menschen ein für allemal eine Lehre zu geben. »Hast du keinen
Cognac?« fragte er in diesem spannenden Augenblick. Er stürzte den
Cognac hinunter und sagte mit einer Grimasse, während er sich mit den
Armen emporstemmte und ans Fenster trat: »und weißt du, was der Mensch
wagt? Er widerspricht. Hast du das schon gehört, er widerspricht. Nicht
allein das, er beleidigt mich. Er hat die Stirne, mich zu beleidigen.«
»Was hat er denn gesagt?« forschte der Maler. »Das weiß ich nicht.«
Schileder sah ihn erstaunt an, so daß er schnell, nicht ohne
Verlegenheit, hinzufügte: »Ja, glaubst du, ich hab' Zeit, mir solchen
Unsinn zu merken; daß ich mich seiner schämte, oder so was. Thatsache
ist -- stell' dir vor: er beleidigt mich. Wie sollte man sich dieses
Menschen nicht schämen!« Der vornehme Novellist schien noch einen
Augenblick heftig entrüstet, fand aber schon Interesse an Schileders
Arbeit, betrachtete das und dies und hob vorsichtig zwischen Daumen und
Zeigefinger verschiedene Blendrahmen, die zur Wand gekehrt dastanden, in
die Höhe. Schileder duldete das gutmütig und war auch nicht erstaunt,
als der junge Mann sich bald in der allerheitersten Laune
verabschiedete. Pátek that es immer so. In einer kurzen, mehr oder
minder effektvollen Scene setzte er sich mit einem ärgerlichen Ungefähr
auseinander, wurde damit ganz und gar fertig, »überwand es«, wie er sich
auszudrücken pflegte. Das hinderte den großen Überwinder nicht, die
Bohusch-Geschichte an demselben Vormittag noch fünfmal und zwar in immer
vorteilhafterer Beleuchtung zu erzählen, so, daß die fünfte Version,
welche in dem Boudoir einer modernen Operettensängerin blieb, die
graziöse Darstellung einer dualistischen Weltphilosophie enthielt, deren
gutes Prinzip sich sieghaft in der mondänen Gestalt des Erzählers
verkörperte. -- Und was schließlich zum Teil durch eigene Erfahrung,
zum Teil durch die Verbreitungen Páteks alle wußten, hatte einen wahren
Kern: Bohusch war ein anderer geworden. Seine Geliebte und seine Heilige
hatten ihn verlassen. Da wurde er gewahr, daß er diesen beiden Gestalten
so viel aus sich gegeben hatte, daß nun nur ein ganz kleiner Rest sein
eigen blieb. Er kämpfte noch ein paar Stunden, ob er dieses letzte Gut
unangetastet in die Moldau werfen sollte, oder ob sein Kapital doch noch
groß genug war, um es in der großen Bank des Lebens nützlich anzulegen.
Während dieser Erwägung fiel ihm plötzlich ein Wort ein, welches den
Ausschlag gab. Rezek hatte an jenem denkwürdigen Abend zu ihm gesagt:
»Vielleicht braucht Sie das Volk noch einmal.« Rezek hatte freilich auch
gesagt: »Wenn Sie vernünftig sind.« Und daß er jetzt vernünftiger war
als je zuvor, dafür wollte Bohusch einen Eid ablegen. Auch mutiger war
er. Er dachte vieles und sprach was er dachte, wo es nur anging, in
etwas altmodischen, langgedrechselten Sätzen aus und war bei solchen
Gelegenheiten sein eigener aufmerksamster Zuhörer. Nur ganz selten, wie
aus Vergeßlichkeit, wurde er scheu und schweigsam; er fürchtete sich
selbst vor diesen Augenblicken, in welchen der alte Bohusch mit seinen
leisen goldenen Gedanken wie ein Gespenst vor ihm stand und ihn bat, in
die stille Traurigkeit der früheren Tage zurückzukehren. Aber der
Bohusch blieb standhaft. Er war den ganzen Tag im Café und auf der
Straße, sang, pfiff und lachte, daß die Leute sich nach ihm umsahen,
stand vor den Schaufenstern, ohne etwas anderes zu betrachten, als das
unruhige Spiegelbild seiner eigenen Häßlichkeit und war wie einer, der
etwas erwartete, was nicht alle Tage geschieht. Fast instinktiv suchte
er vor allem Rezek zu begegnen. Ihm war, er müßte von =seinem= Munde das
vernehmen, was =das= Ereignis für ihn werden sollte. Allein nirgends
konnte er des Studenten habhaft werden. Aus seiner Wohnung war dieser
fortgezogen, ohne irgend eine Adresse anzugeben, und im »National«
wollte ihn keiner gesehen haben. »Er ist ein eigentümlicher Mensch,«
meinte Norinski einmal. Schileder nickte, aber der neue Bohusch höhnte:
»Er ist dumm« und lachte sein altes, armseliges Lachen, in das keiner
einstimmte.
Am Abend dieses Tages geschah das Seltsame. Bohusch, welcher auch seine
alte Mutter mehr und mehr vernachlässigte, kam später als sonst nach
Hause. Er ging, ein brennendes Zündholz in die Höhe haltend, ein paar
Stufen aufwärts. Sein Blick durchforschte das dicke Dunkel des engen,
winkeligen Flurs. Da war ihm, als ob die Kellerthüre nicht ganz
verschlossen wäre; er tastete hinzu, versuchte, öffnete sie behutsam und
glitt mit seltener Entschlossenheit die bekannten Kellerstufen abwärts.
Seine Gestalt löste sich ganz auf in der feuchten Finsternis, aus der
ferne fremde Laute ihm entgegenschlugen. Erst als er, immer lautlos
längs der kalten Wand hintastend, das Holz zur Seite geschoben fand und
bemerkte, daß aus dem geheimen Gang ein scheuer Lichtschimmer ihm
entgegenkam, empfand er Furcht. Aber ein anderes, mächtigeres Gefühl
zwang ihn näher heran. Erst lauschte er den Stimmen nebenan, und als er
nichts verstehen konnte, schob er sich mit einer unwillkürlichen
Bewegung, deren Geschicklichkeit ihn überraschte, in die Öffnung nur so
weit, daß er den Rahmen füllte, ohne in den Raum jenseits hineinzuragen.
Was er zunächst erkannte, war nicht weit vor ihm auf dem Boden eine
große Laterne, welche ein sattes Licht ausgoß, das auf den Fliesen
schwamm wie eine dünne, verschüttete Flüssigkeit. Rings an den Grenzen
dieser Lichtlache junge Männerfüße und mitten im Kreis die Füße eines
jungen Mädchens. An diese klammerte sich sein Blick an, kroch langsam
an einem Kleide von unbestimmter Farbe aufwärts und fand in der
Dämmerung zwei lichte lebendige Mädchenhände, die in heftigen Gesten den
Worten zu Hilfe kamen, die Bohusch immer noch nicht verstehen konnte.
Aber die Hände verstand er. Er begriff plötzlich, daß diese wilden Hände
an irgend etwas rüttelten, daß sie irgend ein Unrecht stürzen wollten
mit ihrem jungen, heiligen Ungestüm. Und er begann diese Hände zu
lieben. Sachte hob er den Kopf und suchte das Gesicht zu diesen
geliebten Händen. Sein Auge kämpfte einen hastigen, hartnäckigen Kampf
mit den neidischen Schatten, welche die kaum entdeckten Züge immer
wieder verwischten, bis es endlich siegte. Er erkannte die Carla. Und
nun verharrte er, und sein staunender und bewundernder Blick ließ, dem
Dunkel zum Trotz, nicht mehr von dem schönen, begeisterten Antlitz des
jungen Mädchens; er saugte die Worte von ihren Lippen, so lange bis sie
für ihn einen eigenen Klang bekamen, und das war der aus dem Traume:
»Ich lieb' ihn so ... ich lieb' ihn so ...« Das alles geschah in einem
Augenblick. Und die nächsten Minuten brachten das: das junge Mädchen
sprach immer leiser und leiser, wie jemand, der immer weiter
zurückweicht, die Worte, die noch eben so bunt und stolz von ihren
Lippen strömten, schlichen nackt und ziellos in das Dunkel, schämten
sich, und ihre Augen blieben leer an irgend etwas unten haften und
löschten langsam aus. Eine Bewegung entstand. Die Blicke der Hörer
folgten dem ihren, und eine Sekunde lang hielt das große, starre Auge
des Bohusch alle gefangen. Nur eine Sekunde, dann kam ein Entsetzen über
sie, sie empörten sich wie rebellische Sklaven, die Menge flüchtete mit
verstörtem Flüstern und wilden Flüchen in die Tiefe des Ganges, und das
Licht sprang dem Bohusch ins Gesicht wie eine gelbe Katze. Da erwachte
er und bebte. »Rezek!« schrie er.
Der neigte sich über ihn.
»Bohusch, Hund! Spionierst du?« kreischte er.
Bohusch verdrehte die Augen. Er fürchtete sich vor dem Studenten.
»Spionierst du?« brüllte der.
»Rezek!« brüllte der Krüppel noch lauter aus der Tiefe seiner Angst
heraus. Ihm fiel nichts anderes ein, als dieser Name. Dabei schmerzte
ihn seine Lage in dem engen Loch, und er fühlte, wie ihm das Weinen der
Verzweiflung kam. Da half ihm der Student in die Höhe, und sofort
bereute er seinen Kleinmut, dachte an seine Pläne und sagte mit arg
mißglückter Überlegenheit: »Ich weiß alles.« (Er meinte damit die beiden
zornigen Mädchenhände.) »Du hast also gehorcht?« drohte der Student aufs
neue. Da wagte Bohusch nicht ohne Bangigkeit: »Rezek, aber Rezek, seien
Sie doch nicht so -- bitte, seien Sie doch nicht so. Bin ich denn nicht
auch einer, was? Ich versteh' das doch, nicht? Ich bin ja doch auch mit
euch -- von Herzen mit euch.« Der Student betrachtete ihn mit
rücksichtsloser Spannung, und der Bucklige wurde ganz hilflos unter
diesem durchdringenden, erratenden Blick. Er sagte noch einigemal
dasselbe, ehe ihm die Rettung einfiel: »Ohne mich hätten Sie das ja
überhaupt nicht gefunden.« Er meinte den Keller. »Ich hab' ja gewußt,
daß Sie's brauchen können -- und wozu« betonte er mit verlogener
Schlauheit. Und der Student ließ sich täuschen. Er sagte mit kurzem
Entschluß: »Hand!« und »Schweigen«. Mit einem gewissen Selbstbewußtsein
legte der Verwachsene seine kurzen Finger in die Hand des Fanatikers;
ohne Zustimmung, ohne Betonung war sein Händedruck. Er wußte sich Sieger
und hub an, Bedingungen zu stellen. Weit holte er aus, er würde hier
unten, unter ihnen, auch reden für Volk und Freiheit. Oh, er hätte gar
bedeutende Pläne. Nur müsse Rezek ihm zusichern, daß er hier reden
dürfe. »Ja,« sagte der Student und betonte nochmals: »Schweigen!« --
Bohusch nickte gleichgültig drüber weg und forderte: »Also gewiß -- ich
werde hier reden?« Der andere gab ihm die Vertröstung und schob ihn zur
Thür. Er fürchtete diesen Krüppel wohl nicht sehr und erhoffte noch
weniger etwas von ihm; er war ihm einfach lästig. Von der Treppe rief er
ihn nochmals zurück. Er sagte zum drittenmal »Schweigen« und hielt dem
Grinsenden etwas hin. Erst wollte Bohusch greifen danach, -- dann
erkannte er: die harte, grausame Hand des Studenten, und aus der
drohenden Faust ragend, ein dünnes, langes, spitzes Messer, an dessen
Klinge das Licht der Laterne hinfloß wie welkes Blut. Und so sehr
Bohusch sich anstrengte, -- er konnte nicht mehr sein Lächeln finden. Er
erzwang eine verzweifelte Grimasse und stieg frierend die Treppen
aufwärts zu seiner Wohnung. Und der Morgen war nah. --
Seither schlief der Bohusch keine Nacht mehr. Er wartete Tag und Nacht,
bis Rezek ihn rufen würde und sann, was er dann alles zu sagen hätte.
Viel, viel! Das Feinste mischte sich in seinen Phantasien mit dem
Gröbsten, und wenn es ihm =jetzt= schien, er müsse davon reden, wie man
armen Waisen ins Leben helfen könnte, war er in der nächsten Sekunde
überzeugt, daß er denen da unten raten, daß er ihnen befehlen würde,
Kirchen und Paläste zu stürmen. Ja, vor allem die Kirchen! Aber immer,
was auch seine Rede war, sah er sich als Mittelpunkt dieser Gruppe, als
der Herr, dem die schöne Carla und viele starke junge Männer
ehrfurchtsvoll und blind gehorchten. Er fühlte sich als der längst
Mißkannte, der nun endlich zu Wort und Würde kam und ging durch die
Uferlosigkeit seiner Zeit, in welcher Nacht und Tag in ein gleichmäßiges
graues Hindämmern zusammengeschmolzen waren, erfüllt von dem Wunsch,
alle zu dieser Betrachtung seiner Persönlichkeit hinzulenken. Seine
treulose Heilige hatte sich, feige, durch ewige Mauern vor seiner Liebe
geschützt und vor seiner Rache, aber der Frantischka, die seinen Ruhm
wohl auch bald von dem Munde Carlas vernehmen würde, wollte er die
Möglichkeit geben, seine Vergebung zu erlangen. Er überlegte, ob er sie
aufsuchen sollte und schrieb endlich stückweis im Verlaufe von zwei
Nächten und drei Tagen einen Brief an die unwürdige Geliebte. Seine
schmeichelnde und geleckte Kanzleischrift war in diesen Blättern
gleichsam wild geworden. Die meisten Buchstaben sahen aus wie übermütige
Karikaturen des Schreibers, welche zum Überfluß noch durch Kleider und
Kappen seltsamster Art ihr Narrentum bezeugen und sich gegenseitig,
jedes hinter dem Rücken des nächsten verhöhnen und auslachen. Im ersten
Teile dieses weitläufigen Schreibens versicherte er sie, ganz im Geiste
der mittelalterlichen Souveräne, seiner guten und gnädigen Gesinnung, im
zweiten erzählte er in seltsam endlosen und vielverschnörkelten
Satzbildern von der Bedeutung seiner geheimen Mission und im dritten
verhieß er: »Da hingegen das große Geheimnis und die unbeschreibliche
Wichtigkeit meiner Aufgaben mir zu meinem tiefsten Bedauern ganz
unmöglich und unerreichbar macht, Dich an der Versammlung, welche die
Freiheit meines Volkes und meinen eigenen Ruhm begründen helfen soll,
teilnehmen zu lassen, lade ich dich ein, am -- (da war ein nahes Datum
genannt) um 6 oder 7 Uhr abends bei mir zu sein. Vor dir und der Mutter
will ich dann reden, soviel ich reden darf, ohne Verräter zu sein,
nicht an Personen, denn die fürchte ich nicht, aber an der herrlichen,
hohen und gerechten Sache ...« und unterzeichnet war diese langwierige
Einladung -- das kam so von ungefähr aus der überangestrengten Feder:
»König Bohusch. Gegeben zu Prag«. -- Als der Bucklige das noch einmal
durchlas, mußte er lächeln, und er war fast im Begriff, die Bogen wieder
zu vernichten. Dann dachte er: nein, wenigstens ein guter Spaß ist es,
das ist es gewiß, versiegelte das Schreiben und trug es selbst auf die
Post. Als er es in den Kasten fallen hörte, atmete er tief auf. --
* * * * *
Die Frantischka hatte nichts geantwortet; aber eigentlich hatte Bohusch
das auch gar nicht erwartet. Er war überzeugt davon, daß sie kommen
würde und, fast gedemütigt, den neuen Bohusch finden sollte, dessen
Freundschaft ihr nun gewiß wie ein großes und unverdientes Geschenk
erschien. Langsam und zögernd wollte er ihr vergeben, und dann würden
sie am Sonntag wohl nicht mehr auf die Malvasinka gehen, sondern irgend
wohin, wo sie sich zeigen können, unter viele Menschen in den Baumgarten
oder in den Stern. -- Das alles dachte Bohusch nur ganz flüchtig in den
wenigen Pausen, in welchen ihn das Große nicht beschäftigte, das nunmehr
seine Pflicht, sein Leben geworden war. Es war eine aufreibende Pflicht,
diese vielen, wichtigen Dinge, die er so nach und nach in den armen
Jahren gedacht hatte, nun alle auf einmal zu denken, alle auf einmal zu
überschauen und dann der Reihe nach auszusprechen. Es war ein solches
Gedränge von Meinungen, Erinnerungen und Plänen in ihm, daß immer ein
ganzer Schwarm von seinen Lippen wollte, wild und rücksichtslos wie
Leute aus einem brennenden Theater. Dann machte der Bohusch ein strenges
Gesicht und befahl überlegen: »Ruhig, eins nach dem anderen. Es kommt
ein jeder daran.« Und gerade bei solchen Gelegenheiten geschah's, daß
die ganze Menge plötzlich verschwand, einfach zerfloß, und der Bohusch
ganz öde im Kopfe und außer stande war, etwas zu denken oder gar zu
sagen. Erst wenn er ein paar Gläser heißen Tschaj getrunken hatte, war
das bunte Gesindel wieder da, und der Bucklige freute sich und lachte,
bis ihm die Augen voll Thränen standen. Die Unrast seines Wesens war
dabei immer größer geworden. Er las viel Zeitungen und alte Bücher,
schrieb ganze Hefte voll mit seinen lächerlichen Lettern und schlief
mitten zwischen diesen Beschäftigungen, gleichviel ob tags oder nachts,
in einem Café oder in einer Kirche, selten zu Hause, ein paar
Augenblicke scheuen Schlafes, aus welchem er bald wie erschreckt
emporfuhr.
So kam der Morgen jenes Tages heran, an dem Bohusch der Mutter und der
Frantischka, welche beide an seinem eigentlichen Triumph nicht
teilnehmen durften, die abendliche Rede versprochen hatte. Die Nacht war
ihm in verschiedenen Gasthäusern und Spelunken vergangen, und jetzt
schlich er matt, übernächtig an den Häusern hin und starrte blöde und
teilnahmslos in den dichten rosigen Frühnebel des Frühlingstags. Wenige
Menschen begegneten ihm. Beim »Pulverturm« kamen ihm zwei Dienstmädchen
entgegen, mit großen Einkaufskörben, lachend und plaudernd, und ihre
Augen waren so frisch und erwacht, ihre Kleider und Schürzen noch steif
vor lauter Neusein. Ein wenig weiter überholten ihn zwei
Infanteriesoldaten. Sie schritten stramm aus, ihr Schritt klappte in
heiteren Takten auf dem Pflaster, und die Knöpfe ihrer Waffenröcke
stahlen der Sonne frühe Strahlen und warfen sie dem Bohusch keck in die
schläfrigen Augen. Dann pfiff irgend ein übermütiger Bäckerbursche dem
Buckligen ins Gesicht und lachte laut hinter ihm her, und ein Schutzmann
sang sich irgend etwas, während die Federn seines Hutes ein wenig
wehten. Rollläden rauschten auf und die Spiegelscheiben gaben sich ganz
der Sonne und brannten in weißen Flammen. Durch dieses frische,
fröhliche Aufleben kroch der Verwachsene, bleich, verkommen, mit ganz
verdrücktem Hemde und schmutzigen Kleidern, und er war wie eine giftige,
gräßliche Kröte, die man mitten in süß duftenden Beeten entdeckt. Er
merkte auch nichts von allem Glanz, als daß er ihn störte, ja er wußte
vielleicht kaum, daß es Frühling und Morgen war. Je reifer indessen
dieser Morgen wurde, desto mehr fiel eine gewisse Unruhe auf, die alle
Menschen zeigten. Leute, die sich täglich zu dieser Stunde grüßten, ohne
miteinander zu sprechen, blieben stehen, machten besorgte oder erstaunte
Gesichter, zuckten die Achseln und drückten sich endlich mit einer
bestimmten konventionellen Dankbarkeit die Hände, um zehn Schritte
weiter wieder angehalten zu werden. Man hatte offenbar das Bedürfnis,
sich etwas mitzuteilen, was alle anging und interessierte. An der Ecke
der Ferdinandstraße las ein Dienstmann in einem Kreise von Männern und
Dienstmädchen eine Stelle des »_Tschesky curir_«, und ein Stück weiter
trat ein älterer Herr aus einem Kaffeehause und sagte zu seinem
Begleiter in deutscher Sprache: »Ganz gefährliche Leute sind das. Man
sollte ...« Was man sollte, war nicht mehr zu verstehen. Der Herr ging
ziemlich selbstbewußt auf sehr glänzenden Schuhen weiter und der Jüngere
neben ihm nickte bei jedem Wort, bestätigte es ergebenst; er schien ganz
der gleichen Meinung zu sein. Als Bohusch in die Nähe des »National«
kam, erkannte er hinter einem Fenster Norinski, der den anderen, die man
nicht sehen konnte, etwas in seiner heldenhaften Art zu erklären schien.
Eine Weile zögerte der Bucklige. Dann trat er nicht ein, sondern ging
den Quai hinunter nach seiner Wohnung. Er war müde.
Norinski war indessen zu Ende gekommen. Er trank mit einer
verschwenderischen Pose seinen Kaffee aus -- es hätte ein Giftbecher
sein dürfen -- und sagte groß: »Niemand von euch wird sagen, daß ich
kein guter Tscheche bin. Und ich werde keine Gelegenheit unbenützt
lassen, auch die elenden Deutschen vom Gegenteil zu überzeugen. Soll mir
nur einmal einer kommen. Ich will dem Herrn den Kopf schon zurecht
setzen. Aber diese Geschichten dürft ihr nicht so aufbauschen. Das ist
nichts. Das sind Kindereien, ihr könnt mir das glauben.« Damit erhob er
sich, blieb sein Frühstück schuldig, verschenkte die großmütigen,
dreiaktigen Händedrücke und begab sich hocherhobenen Hauptes hinüber in
seine Garderobe. Die Zurückgebliebenen rückten intim zusammen, und Karás
begann die verschiedenen ganz kurzen Zeitungsnotizen vorzulesen, welche
sich auf den Vorfall bezogen. Alle sagten ungefähr das gleiche: die
Polizei war durch die Anzeige eines Frauenzimmers einem Bunde junger
Leute, Studenten und Handwerksgesellen, auf die Spur gekommen, welche in
den Kellerräumlichkeiten eines Hauses der Hieronymusgasse geheime
Zusammenkünfte abhielten, bei denen hochverräterische Reden die
Tagesordnung bildeten. Interessant sei es, zu betonen, daß auch Mädchen
an diesen Versammlungen teilgenommen haben sollen. Und deutsche Blätter
freuten sich noch über die Zerstörung dieser schändlichen Verbrecherbrut
und bedauerten nur, daß durch das trotzige Schweigen der in Gewahrsam
gebrachten Genossen das geistige Oberhaupt dieser Verschwörung bis jetzt
noch nicht in den Händen der öffentlichen Sicherheit sei, was aber,
dank der trefflichen Übung und Scharfsichtigkeit der Schutzmannschaft,
gewiß nicht allzulang ausbleiben würde. Und endlich, fügten die
deutschesten Zeitungen noch hinzu, erhofften sie, daß man an diesen
jungen Verbrechern und Hochverrätern endlich das lang erwartete Exempel
statuieren und mit rücksichtsloser Schärfe vorgehen würde. Das alles las
man im »National«. Schileder war ehrlich entrüstet: er sprach etwas von
dem Mut der jungen Leute und davon, daß sie nicht nur Worte machten,
schöne Worte, sondern auch handeln wollten. Er konnte es nicht gut
ausdrücken und schwieg verschüchtert, als er keine allzu lebhafte
Beistimmung fand. Einen Augenblick nickten sie ja alle, die Freunde, und
legten irgend ein kleines Wörtchen, wie ein verschämtes Almosen in die
Hand der Gerechtigkeit. Aber schließlich, sie sahen sich alle um -- man
war so verlockend allein und da konnte man ja so ein paar Geständnisse
thun. Pátek verurteilte kurzweg diese Höhlenromantik, welche doch nicht
mal mehr in den Romanen Berechtigung hätte und der Lyriker Machal, der
nur eine ganz unbestimmte Ahnung von dem Vorgefallenen hatte, gähnte
und warf zwischen je zwei Gähnversuchen ein, daß die ganze Sache ihm
brutal erscheine, furchtbar brutal. Karás, der mit jedem Tage sich
kosmopolitischer fühlte, hielt eine längere Rede, während welcher sein
»Adamsapfel« wie ein zweifelgequälter Laubfrosch auf und nieder stieg.
Sein Ende war, daß man nach außen hin von wegen der Lage der Dinge, die
Ansicht, daß diese jungen Leute nicht allein Märtyrer ihrer Idee,
sondern die gefallenen Helden einer nationalen Sache seien, mit allen
Mitteln aufrecht erhalten müßte, daß er selbst aber -- hier -- nicht
umhin könne, derartige Unreifheiten, er sagte geradezu -- Unreifheiten
-- halbwüchsiger Burschen zu verdammen. Man sei doch zu gebildet dazu,
man wüßte doch schließlich, daß man seine Rechte durch große nationale
Bethätigungen im Leben und auf dem politischen Theater (ein Wort,
welches Karás auch in seinen Feuilletons beständig gebrauchte) eher
bewahren könne, als durch solche Ungehörigkeiten. Er hatte wohl noch ein
paar geläufige Phrasen im Vorrat, aber er hörte plötzlich auf. Er wußte
selbst nicht warum. Die anderen schauten auf, und da stand Rezek vor
ihnen. Der Student, in dessen blassem Gesicht die dunklen Augen
brannten, übersah die Hände, die man ihm entgegenstreckte. Er hatte
vielleicht die letzten Worte des Kritikers vernommen, aber er erwiderte
nichts, setzte sich ruhig an seinen gewöhnlichen Platz und trank seinen
Tschaj. Seine harten Hände zitterten leise. Man wagte nicht zu sprechen.
Endlich hub Pátek an, von einem neuen Buch zu reden, und die Künstler
verloren sich ganz in diesen Erörterungen. Es handelte sich um Novellen
im Stile Maupassants, welche ein junger Kollege erscheinen lassen
wollte. Da waren noch einige Schwierigkeiten in der Geldfrage und in
anderen Verlagssachen, und man beriet, ob man dem Autor zu Hilfe kommen
sollte. Der mächtige Karás war nicht sehr geneigt dazu. Da rief Pátek
entrüstet: »Aber ich bitte Sie, das ist eine nationale Sache!«
Rezek erhob sich mit einem eisigen Lächeln: »Seid ihr Tschechen?« fragte
er.
Alle schwiegen und sahen sich verlegen an. Schileder war aufgestanden.
»Seid ihr Tschechen?« wiederholte der Student.
Karás beschwichtigte: »Was fällt Ihnen ein, Rezek? Provozieren Sie
nicht.«
»Aber reif seid ihr? Was?« fuhr der fort. »Reif und fertig.«
»Er ist betrunken,« flüsterte Machal verächtlich.
Rezek ballte die Fäuste. Aber er hielt sich zurück: »Ich weiß ja, daß
ihr gewohnt seid, gerechten Zorn für gemeine Trunkenheit zu halten. Ich
weiß. Aber sagen will ich euch nur, das Volk ist =nicht= reif, und wenn
ihr euch so fertig fühlt, so seid ihr seine Feinde, seid Verräter.«
»Ich bin Offizier,« sagte Pátek mit banger Stimme und trat vor.
Rezek hielt ihm die Faust vors Gesicht und ging, ohne ein Wort, an ihm
vorüber aus dem Saal. --
Bohusch konnte die Frantischka nicht vor sechs oder sieben Uhr, wie er
es in seinem Briefe bestimmt hatte, erwarten; gleichwohl fragte er seit
drei Uhr, warum die Geliebte immer noch nicht käme, war gegen vier im
Begriffe, sie abzuholen und unterließ es ungern und zögernd aus Stolz
oder sonst aus einem Grunde. Unruhig lief er, die Hände auf dem Rücken,
in den kleinen Stuben umher, in welchen dichtgedrängter Urväterhausrat,
wie man ihn allzu reichlich aus der Portierswohnung mitgenommen hatte,
dieses Her und Hin ziemlich erschwerte und blieb nur dann und wann bei
dem Fenster stehen, an welchem eine kleine alte Frau saß und nähte.
»Mutter,« stieß er endlich gequält heraus, »du mußt sie holen gehen!«
Die Alte nickte, hob die große runde Brille von den Augen und nickte.
Sie dachte keinen Augenblick nach: natürlich, sie mußte die Frantischka
holen gehen. Und sie vertauschte die Haube mit dem Hut und zog ein
gelbes, gutes Shawl um die schiefen Schultern. »Du kannst ja sagen, du
gingst gerade vorüber, du ... ach Gott -- na, du gingst eben gerade
vorüber. Nicht? Warum könntest du nicht zufällig dort vorübergehen? Es
gehen sicher viele Menschen dort vorüber.« Bohusch lachte abgebrochen.
»Na, so sag' doch,« fuhr er in ungeduldigem Zorne auf, »ist das
möglich?« Frau Bohusch nickte ganz verschüchtert: »Weißt du, ich will
erst in die Kirche gehen, nebenan. Ich kann dann sagen, ich war in der
Kirche ...« Sie zögerte noch. Der Bohusch dachte längst an andere Dinge.
Er sah die alte Frau kaum mehr und erstaunte fast, als er bei seinem
Auf- und Niederwandern vor ihr stand. Das gelbe Tuch war unerträglich
grell in der Nachmittagssonne. Sie schauten sich eine Weile schweigend
an, diese beiden kleinen, verkümmerten Menschen. Dann trippelte die Alte
zur Thür und nickte und nickte. Plötzlich war der Bohusch bei ihr.
»Maminko,« sagte er, und seine Stimme war wie die eines kranken Kindes.
Und die alte, verängstigte Frau verstand. Sie wuchs, sie wurde reich,
sie wurde Mutter. Durch dieses eine leise Wort wurde sie so. Alle
Bangigkeit in ihr war Güte mit einemmal, und, die noch eben so
unbeschützt und hilflos aussah, war mächtig, wie sie nun sachte die Arme
ausbreitete, und dem Bohusch war es wie eine Heimkehr. Er schmiegte den
großen schweren, wirren Kopf an ihre Brust, er schloß die heißen Augen,
er ging unter in dieser unendlichen, tiefen Liebe. Er schwieg. Und da
begann etwas in ihm zu weinen. Er hörte ganz genau, wie es anhub. Es
mußte ganz tief in ihm sein, so leise war es. Es that auch nicht weh.
Und da öffnete er neugierig die Augen; er mußte sehen, wo das weinte.
Und sieh: es weinte gar nicht in ihm; die Mutter war das. Da konnte der
Bohusch die Lider nicht mehr schließen: Thränen warteten dahinter; viele
Thränen. -- Es war auf einmal so festlich in der Stube. Die Dinge um die
beiden armen Menschen herum bekamen ein Glänzen, wie sie es nie besessen
hatten, auch in ihren fürstlichen Tagen nicht. Jedes Kännchen, jedes
Gläschen in der steifen Etagère hatte mit einemmal sein Licht und
prahlte damit und wollte Sterne spielen. Da kann man sich denken, daß es
sehr hell wurde in der Stube.
Dann schlug die Uhr, vorsichtig, als bedauerte sie es thun zu müssen.
Aber sie schlug doch fünfmal, und die Mutter ging.
»Wohin denn?« bangte der Bucklige.
»Ich muß die Frantischka holen.« Da fiel dem Bohusch alles wieder ein.
Er zögerte und sagte dann fast traurig: »Ja so, du mußt die Frantischka
holen.«
Das war der Abschied.
Als der Bohusch allein war, begann er wieder das nervöse und rastlose
Schreiten. Da und dort, wie im Vorübergehen, stellte er etwas zurecht,
fegte den Staub von der Tischplatte und verlor sich unversehens darin,
seine Schriften und Bücher zu ordnen. Dabei war ihm ganz warm geworden.
Und als er sein heißes Gesicht irgendwo in einem Spiegel fand, erstaunte
er. Er trug, um die Schultern geschmiegt, das grelle gelbe Seidentuch
der Mutter. Das war doch drollig. Er wollte lachen, vergaß aber darauf
und mit unwillkürlichen Bewegungen des Behagens vergrub er seinen Rücken
noch mehr in die sanften Falten. Er fühlte sich müde und ließ sich in
der guten Stube, schwer und breit, in die geblumten Kissen des steifen
Kanapees fallen, welches mit dem ovalen Tisch gerade die Mitte des
Raumes erfüllte. Er sann und sann. Das arme festliche Kanapee klagte
unter ihm. Da sprang er auf, strich mit einer gewissen Zärtlichkeit die
gehäkelten Schutzdeckchen glatt und blieb in einem der Stühle, welche zu
seiten standen. Sein Gesicht, welches manchmal knabenhaft sein konnte,
alterte jetzt von Minute zu Minute unter dem Einflusse seines
angestrengten Nachdenkens, es wurde geradezu zerfressen von den Falten,
welche darüber hinkrochen und sich einbohrten wie Raupen in eine kranke
Frucht. Wußte er denn auch alles, was er sagen würde? Eine unbestimmte
Angst hing über ihm. Er fühlte sich so verlassen, schwindlig, wie einer,
den man auf einem hohen Turm vergessen hat. Er tastete nach einem Halt.
Und in der nächsten Weile bildete er sich ein, er störe auch die
Ordnung, die festliche Ordnung des Zimmers, dadurch, daß er auf =diesem=
Platze wartete. Er erschrak über seine Vermessenheit. Er schlich immer
weiter zurück und kauerte endlich auf einem hochbeinigen Stühlchen in
der Ecke der Stube, nahe bei der Thüre. Da kam Ruhe über ihn. Er
dachte: So, nun ist es vorüber; ich habe ja alles schon gesagt und er
wußte doch, daß er nur geweint hatte, und das ist etwas anderes wie eine
Rede, so ein Weinen. Dennoch beharrte er trotzig: Ich habe alles gesagt,
die Mutter weiß alles -- »und du auch« -- ergänzte er laut und suchte
die Augen der gelben Katze, welche ihm langsam und listig aus der
anderen Ecke entgegenkam. Keine Kralle kreischte auf der braunen,
glänzenden Diele. Lautlos kam das Tier näher, es wurde groß, es wurde
größer, und als es so war, daß der Bohusch darüber hinfort gar nicht
mehr in die stille, feierliche Stube schauen konnte, da schlief er. Und
er hatte wohl Träume. Denn er sagte mit einer Stimme, die ferneher
klang: »Das ist es, Rezek, bitte -- das ist das Geheimnis: der Maler muß
das Volk malen und ihm sagen: du bist schön.« Da fiel ihm der Kopf
vornüber und er zwang ihn nur mühsam wieder empor. »Der Dichter muß das
Volk dichten und ihm sagen: du bist schön.« Er seufzte im Traume: »Schön
sein ist es.« Dann begann ein Lächeln in seinen Mundwinkeln, ein gutes,
frommes Lächeln, das wuchs über das Gesicht des Schlafenden und machte
es wieder jung. Er hauchte noch: »Ich werde es nie verraten«, und dann
wurde sein Traum so tief, daß kein Wort daraus mehr bis auf seine Lippen
kam.
Die Thüre ging. Der Bucklige schlug aber die Augen erst auf, als Rezek
ihn rauh am Halse packte und nahe kreischte: »Hast du geschwiegen?« Der
Bohusch fühlte dieses Wort auf seiner Wange ganz heiß. Seine Hände
wehrten krampfhaft ab, aber in seinen Augen war noch immer kein
Verstehen. Sie lächelten noch. Sie lächelten den schrecklichen Rächer
an, bis sie starben. Und dann glitt das gelbe Tuch über den armen Körper
und deckte den Bohusch und sein Geheimnis zu. --
Die Geschwister.
Mittags waren in dem alten Haus gegenüber der Maltheserkirche -- drei
Treppen hoch -- die neuen Mieter eingezogen, und bis zum Abend wußte man
nur, daß sie ungewöhnlich große Möbel mitgebracht hatten, die in den
engen Windungen der Wendeltreppe fast stecken geblieben wären. Und die
alte, triefäugige Hökin, die nahe, unter den dunklen Steinlauben saß,
konnte sich kaum beruhigen in Erinnerung der riesigen Eichenschränke und
beschwor die Nachbarn, ihr zu glauben, daß es »hochherrschaftliche«
Schränke gewesen seien. Diese Versicherung bewirkte, daß eine
ungewöhnliche Unruhe die vielen kleinen Parteien des bewußten Hauses in
Atem hielt: jeden Augenblick kam aus irgend einer der weißlakierten
Thüren, auf deren jeder um ein Blech- oder Glasschild herum sich ein
paar schmutzige Visitenkarten drängten, ein unordentliches Frauenzimmer
heraus, lauschte die Treppe aufwärts, und fuhr beschämt zusammen, wenn
es da schon auf andere Horcher stieß, welche ebenfalls in Schrecken sich
zurückziehen wollten, bis die gleichgesinnten Seelen einander erkannten
und ihre hungernde Neugier durch dunkle Vermutungen nur noch mehr
anreizten.
Plötzlich aber wurde die weibliche Bewohnerschaft aus dem engen
Treppenhaus, welches wie eine Wirbelsäule durch das Gemäuer aufwuchs,
nach den Hoffenstern hingezogen. Tief unten in dem röhrenförmigen Hofe,
wie am Grunde eines Brunnens, begann ein Leierkasten schluchzend die
Melodie aus dem »Bettelstudent«, und zugleich waren auch schon -- man
wußte nicht woher -- ein paar Kinder dabei, welche um den alten Saufbold
einen wilden und seltsamen Tanz aufführten. Die Töne aber kamen nach
gequältem Ächzen wie ein Rülpsen aus den trockenen Orgelkehlen, schienen
emporzuschnellen und wie unsichtbare Lassoleinen an den verschiedenen
Hälsen zu ziehen, welche in ganz unglaublicher Länge aus allen Lucken
und Küchenfenstern herauswuchsen und als ein bizarrer architektonischer
Schmuck die Kahlheit der Wände unterbrachen. Die Frauenzimmer, welche
sich da von hüben und drüben begrüßten, sahen einander in der Dämmerung
zum Verwechseln ähnlich; ihre Gesichter schienen alle, wie ein
vorsichtiges Mimicri, die unbeschreibliche Mißfarbe der Mauer angenommen
zu haben und auch in Bewegung und Stimme war eine so überraschende
Einheitlichkeit zu bemerken, daß sie mehr als zugehörige Organe dieses
Hauses, denn als freibewegliche Einzelwesen erscheinen mochten. Man
könnte nun leicht glauben, daß die Aufmerksamkeit der vielen Köpfe dem
erbärmlichen Leierkasten gehörte, -- denn manche nickten sogar den Takt
mit; in Wahrheit aber wuchsen alle Augen ganz sachte zu dem
Küchenfenster des dritten Stockes, und manch leichtgläubiges Ohr glaubte
dessen Riegel klirren zu hören. Allein die Drehorgel hatte sich mit
einem Galopp, zu dem ein kleiner schwarzer Rattler die Begleitung
heulte, erschöpft, der Spielmann brüllte seinen Dank und schlürfte mit
schweren Schritten davon. Der helle Schwarm der Kinder zog wie eine
Kette hinter ihm her, und mit einemmale fühlten alle die Stille und das
Dunkel des dumpfen Hofes. Aber gerade in diesem eigentümlich lauschenden
Augenblick ging das ersehnte Fenster fast unhörbar auf, und die alte
Magd Rosalka neigte sich weit vor. Fast alle Köpfe tauchten unter, nur
eine kecke, ungeduldige Stimme schrie: »Na, seid ihr schon fertig
eingezogen?« Die Magd Rosalka nickte nur und gerade als der Leierkasten
in einem nächsten Hause leise etwas sehr Wehmütiges begann, setzte sich
die Alte wie ein großer, trauriger Vogel ins schwarze Fenster und ließ
nachlässig, als wären es Kartoffelschalen, Stück für Stück die
Lebensgeschichte ihrer Herrschaft in den horchenden Hof hinunterfallen.
Und wenngleich jetzt niemand an den Fenstern zu sehen war, so ging doch
keines von ihren breiten Worten den Mauern verloren, aus denen nur dann
und wann eine ermunternde Frage aufstieg. Eine Stunde nachher, als sie
bei den Malthesern Ave läuteten, kannte auch die alte Hökin unter den
Steinlauben das ganze Schicksal der Försterswitwe Josephine Wanka und
ihrer beiden Kinder und gab es ihren letzten, täglichen Kunden, dem
Gerichtskanzlisten Jerabek und dem Lakaien Dvorak nebst den
»hochherrschaftlichen« Schränken mit.
Aber vielleicht hätte es gar nicht der Generalbeichte der Alten
gebraucht, um dem Durste der Frauenzimmer genugzuthun. Denn die drei
Menschen, die aus dem kleinen Krummau in die Hauptstadt übergesiedelt
waren, trugen ihre Erinnerungen und Erlebnisse gleichsam über den
Kleidern, so daß man nur anzustreifen brauchte, um ein Stück
davonzutragen. Zum Teil lag dies wohl an dem Gebrauche der kleinen
Stadt, drin sich jeder mit seiner Freude schmückt und sein Leid auch
möglichst sichtbar mitträgt; wer so unklug ist, da nicht mitzuthun, dem
wird beides aus dem heimlichen Versteck von den unbarmherzigen Händen
der Nachbarn herausgezerrt, und er mag sehen, ob er in dem von Haß und
Hohn entstellten Gerücht seine leise Freude oder seinen stillen Kummer
wiedererkennt. Bei der Familie Wanka mochte aber diese Freimütigkeit
zunächst darin ihren Grund haben, daß das jüngste und folgenreichste
Ereignis ihres Lebens immer noch -- obwohl ein Jahr seither vergangen
war -- über ihnen lag. Besonders bei den Frauenzimmern merkte man noch
die Spuren des Schicksals, gleichsam die Abdrücke seiner brutalen Griffe
in ihren Gesichtern und man hörte die Angst, welche immer irgendwo im
Hintergrunde ihrer Stimme wartete, um sich plötzlich ohne Grund über
alle Worte auszubreiten. Nur der etwa zwanzigjährige Sohn, Zdenko, hatte
etwas Ernstes und Verschlossenes in seinem strengen Gesicht, das ihn
schnell aller Sympathien beraubte; der Umstand allein, daß er -- so
hörte man schon in den ersten Tagen -- Student der Medizin sei,
verursachte, daß man ihm an Stelle der Zuneigung eine gewisse trotzige
Achtung schenkte, die er jedoch nicht zu bemerken oder abzulehnen
schien. Aber wenn die Frauen in ihrem Wesen sich auch fortwährend
verrieten, behielten sie gleichviel etwas Kühles den dienstwilligen
Hausgenossen gegenüber, und seit jenem ersten Tag waren Wochen
vergangen, ohne daß eine von den Nachbarinnen die Stuben der Frau
Försterswitwe betreten hätte. Dieses war, dank seiner schweren
Erreichbarkeit, nach und nach zu einem von allen im Wetteifer
angestrebten Ziele geworden, und man scheute keine List und kam bis in
die späten Abendstunden, von Wankas einen Zuckermörser oder einen
Korkzieher, den man merkwürdig oft verlegte, oder endlich den
Bodenschlüssel entleihen, Dinge, welche man meistens davontrug, nebst
dem Ärger, nicht über die Schwelle des Wohnzimmers gesehen zu haben.
Diese hoffnungslose Hartnäckigkeit stand in keinem Verhältnis zu den
ursprünglichen Geständnissen der alten Magd, und es war begreiflich,
daß man von ihrem Entgegenkommen alles weitere erwartete; doch auch sie
schien schweigsamer und mißtrauisch zu werden und begann, wenn man sie
bedrängte, immer wieder die eine Geschichte zu erzählen, welche längst
alle kannten: von dem Märzmorgen, an dem die Holzknechte den
Revierförster Joachim Wanka, von Wilddieben erschossen, aus dem Walde
heimgebracht hatten. Und daß sein Gesicht voll erstarrten Zornes war und
dunkel, gleichsam ganz im Schatten der buschigen Brauen dalag und wie
seine Fäuste sich nicht mehr lösten, auch in den vielen Thränen nicht,
so daß der Förster wohl seine liebe Not haben würde -- einmal -- am
jüngsten Tage zu thun, als sei er die ganze Zeit mit fromm gefalteten
Händen dagelegen. Dann bekreuzte sich die Alte mit gewohnheitsmäßigem
Ungefähr und versicherte zum Überfluß, sie habe aus Träumen und Zeichen
längstbevor das ganze Unheil gewußt und auch daraus, daß der Herr Julius
Cäsar im Krummauer Schloß wieder umgegangen sei und es dem Kastellan
geschah, daß in einem Armstuhl der Kaiser Rudolf ihm gegenübersaß und,
den Kopf in die Hand gesenkt, über das nächtliche Moldauthal fort in die
Sterne sah.
Wer solches nicht glauben mochte, den pflegte die alte Rosalka kurzweg
zu verachten; denn sie hielt das für einen Mangel von Bildung und
Erfahrung und für eine von den vielen üblen Folgen jener Kultur, die »in
der Großstadt« immer mächtigere Fortschritte macht. Sie konnte dann auch
nicht umhin, am Abend, wenn Frau Wanka mit ihrem Sohn gar ernste und
bedachtsame Gespräche zu führen schien, die Tochter Luisa, welche so
ganz überflüssig mit großen, verlorenen Augen dabeisaß, heimlich in die
Küche hinauszuwinken und sie vor dem sündigen Munde der Ketzer zu
warnen, welche vor nichts mehr Scheu hätten -- vor keinem Kirchhof und
vor keiner Mitternacht, ja, nicht einmal vor beiden zusammen. Und da war
über ein Kurzes jene Stimmung heraufbeschworen, in der die Alte sich zu
Hause fühlte: die Dinge rundum, vom steifen Küchenschrank bis zu dem
plumpen Waschtrog, welche eben noch so nüchtern dagestanden hatten,
begannen mit einemmale lauschend zu werden, und es war, als rückten sie,
um kein Wort Rosalkas zu verlieren, näher und näher an die beiden Frauen
heran, Geräusche erwachten wie von Schritten, und ohne Grund lachte eine
von den alten Blechpfannen: »plink!« Dann hielt die Magd ein und mit
klopfendem Herzen verfolgten beide den silbernen Ton und ihnen geschah,
daß eine unsichtbare Uhr irgend eine bedeutsame Stunde geschlagen hätte.
Und manchmal ging die alte Küchenlampe, wie im Einverständnis mit
Rosalka, gerade während dieses Hinhorchens aus, und die satte Dämmerung
wurde schwer und schwül von tausend taumelnden Möglichkeiten. Luisa,
welche immer ganz stumm in einer Ecke saß, wurde kleiner und kleiner
diesen Mächten gegenüber; sie schien sich aufzulösen und nichts
zurückzulassen als zwei ängstliche große Augen, welche den Spukgestalten
mit einem gewissen gläubigen Vertrauen nachgingen. Es war dann wie in
dem großen Maskensaal des Krummauer Schlosses, dessen Wände bis hoch zur
gewölbten hallenden Decke hinauf mit lebensgroßen Gestalten bemalt sind.
Ein französischer Maler soll vor vielen hundert Jahren diese
Karnevalsgruppen so geschickt, in so reichem und überraschendem Wechsel
komponiert haben, daß man -- selbst am lichten Tage -- hinter jeder
Figur immer noch neue, phantastisch verkleidete Gäste auftauchen sieht.
In Krummau aber weiß man ganz bestimmt, daß solches nicht an dem
Verdienste des Malers, sondern an dem seltsamen Umstand liegt, daß die
Ritter und Damen zu einer gewissen Stunde zu erwachen beginnen, um das
Schauspiel jener einen fernen Nacht zu wiederholen. Aus den Wänden
steigend, erfüllen sie den Saal mit ihrem schimmernden Gewimmel. Bis die
riesigen Grenadiere an der Saalthüre die Hellebarden hart an den Boden
stoßen: da ordnen sich die Reihen. Ein Donner rollt über sie hin. Mit
seinem wilden, schwarzen Sechsgespann ist Prinz Julius Cäsar, des
zweiten Rudolf heimlicher Sohn, an der ragenden Rampe vorgefahren und
kaum einen Atemzug später steht er, schwarz und schlank, mitten unter
den Gästen, die sich tief, tief verneigen, wie eine Cypresse im wehenden
Ährenfeld. Dann mischt die Musik die Menge, eine fremde Musik, welche
bei dem Aneinanderstreifen der kostbaren Kleider zu entstehen scheint
und wachsend, sich breit und brausend aus den Massen erhebt, wie die
Melodie eines Meeres. Und da und dort teilt der Prinz mit einem Wink die
glänzenden Wellen, verschwindet in ihnen, steigt an der anderen Ecke
stolz aus ihnen empor, läßt sein leuchtendes Lächeln wie einen
Sonnenblitz über sie hingleiten und schleudert ein helles, übermütiges
Wort, gleich einem köstlichen Ring, nach dem alles hascht, mitten ins
Gewoge hinein. Und unter dem wilderen und wühlenden Hin und Wider wächst
die heimliche Lust. An eines silbernen Ritters Seite erkennt der Prinz
ein blasses, blaues Fräulein und fühlt zugleich: die Liebe zu ihr, den
Haß für ihren Begleiter. Und beides in ihm ist rot und rasch. Und er hat
den silbernen Ritter wohl zum König gemacht; denn dem fließt über den
blanken Panzer ein Purpur nieder, immer breiter und blutender, bis er
stumm zusammenbricht unter der Last des fürstlichen Mantels: »Es geht
manchem König so,« lacht ihm der Prinz in die sterbenden Augen. Da
erstarren die festlichen Gestalten vor Grauen und blassen langsam und
bang in die verlöschenden Wände zurück, und wie ein fahles Felsland
steigt der verlassene Saal aus den letzten leuchtenden Wellen. Nur
Julius Cäsar bleibt zurück, und das gierige Glühn seiner heißen Augen
versengt dem blassen Fräulein die Sinne. Aber wie er sie greifen will,
entreißt sie sich seinen zwingenden Blicken und flüchtet in den
schwarzen, hallenden Saal; ihr leichtes, blaues Seidenkleid bleibt,
zerfetzt, wie ein Stück Mondlicht in den wilden Fingern des Prinzen, und
er windet es sich um den Hals und würgt sich damit. Dann tastet er ihr
nach in die Nacht hinein und jubelt plötzlich auf. Er hört, sie hat die
kleine Tapetenthür entdeckt und er weiß: nun ist sie sein; denn von da
giebt es nur einen Weg: die schmale Turmtreppe, die in das kleine
duftende Rundgemach mündet -- hoch im Moldauturme. Und mit übermütiger
Hast ist er hinter ihr, immer hinter ihr, und er vernimmt nicht ihren
verscheuchten Schritt, aber wie einen Glanz sieht er sie bei jeder
Wendung der Treppe vor sich her. Da faßt er sie wieder, und jetzt hält
er das zarte, angstwarme Hemdchen in der Hand, nur das Hemdchen, und
seinen Lippen und Wangen ist es kühl. Es schwindelt ihn, und wie er
seine Beute küßt, lehnt er zögernd an der Wand. Dann mit drei, vier
Tigersprüngen taucht er hinauf in die Thür des Turmgemachs und --
erstarrt: hoch vor der Nacht ragt, nackt, der reine weiße Leib, wie vom
Fensterrande aufgeblüht. Und reglos sind sie beide. Aber dann, eh' er's
noch denkt, heben sich zwei helle, kinderzarte Arme in die Sterne
hinein, als wollten sie Flügel werden, es verlischt etwas vor ihm, und
vor dem hohen Fensterbogen ist nichts mehr als hohle heulende Nacht und
ein Schrei ...
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Und du bist wirklich achtzehn?« sagte Zdenko und neigte sich über sein
erschrockenes, weinendes Schwesterchen, welches, ganz klein und scheu,
in dem Winkel der Küche kaum zu finden war. »So kommen dir deine alten
Gespenster auch her, nach Prag, nach? Oder hat Rosalka sie in ihren
Töpfen und Pfannen mitgebracht?« Die alte Magd wandte sich grollend ab.
»Ja,« zögerte Luisa, »ja,« und atmete stockend auf, »zuerst, wie wir
herkamen, hab' ich gedacht, ich bin sie los. Wie ich die hellen Häuser
gesehen habe und die breiten Gassen, da war mir ganz frei und fröhlich;
hier aber auf der Kleinseite ist es fast noch schlimmer als bei uns.
Nicht?« Und langsam schaute sich das Mädchen um. Zdenko aber zog sie
hinter sich her in die helle Wohnstube. »Natürlich, wie ich's gesagt
habe,« rief er seiner Mutter entgegen, -- »während wir hier reden, ist
sie schon wieder bei der alten Hexe draußen und ganz aufgeregt von dem
ewigen Unsinn.« Frau Josephine schüttelte leise den Kopf mit den
breiten, grauen Scheiteln und sagte: »Wann wirst du denn mal vernünftig
werden, Kind?« Sie nähte ruhig fort an weißen Leinenstücken, und in dem
Korb neben ihr wartete noch viel Arbeit. Doch nach einer Weile legte
die Witwe die zerstochenen Finger in den Schoß und sah der Tochter ins
Gesicht. Luisa hatte, von der hellen Lampe geblendet, die Augen
geschlossen und in ihrem zarten blassen Gesichtchen war eine so
deutliche Angst zurückgeblieben, daß die Mutter erschrak. Es fiel ihr
mit einemmale auf, wie schwach und schmächtig das Mädchen war, und ob
sie überhaupt Kraft genug haben würde, im Leben einmal ganz ohne Halt
und Hilfe aufrecht zu bleiben. Die gütigen, blaßblauen Augen der Mutter
trübten sich in Thränen, es konnte aber auch von der Anstrengung sein;
denn das Weißnähen ist eine mühselige Arbeit, und die Lider der Frau
Wanka waren stets ein wenig gerötet davon. Luisa, die den Blick gefühlt
haben mußte, ging nach einer Weile daran, der Mutter zu helfen. So waren
beide Frauen über das Linnen gebeugt, und die Hängelampe beleuchtete
grell den grauen und den blonden Scheitel. Jetzt sagte Zdenko: »Ich weiß
nicht, ich bilde mir immer ein, die Luisa ist so klein geblieben vor
lauter Ehrfurcht. Wirklich. Es kann so sein. Wenn einer immer, von ganz
klein auf, lauter so große Dinge sieht wie sie, -- denkt euch nur das
Schloß auf dem steilen Felsen, diese hohen Höfe, die großen Kanonen auf
den Schanzen und endlich in den Sälen -- Stühle und Bilder und Vasen --
alles wie für Riesen gemacht -- dann wächst er diesen Dingen entweder
nach ...« (Frau Wanka sah ihrem Sohn lächelnd ins Gesicht und nähte dann
eifrig weiter) »oder -- er verliert überhaupt allen Mut, ihnen
nachzuwachsen. Denn er muß sich denken: so groß werd' ich ja doch nie.
Und vor lauter Schauen und Staunen vergehen die Tage, und man vergißt
auf sich selbst und darauf, daß diese Dinge doch eigentlich nur ein
Beispiel sind. Glaubst du nicht, Luisa?«
»Vielleicht,« nickte die Schwester und unterbrach nicht ihre Arbeit.
»Ich hab's ja auch mal empfunden, daß einen das drücken kann -- als
Bub.« Zdenko sah über die Frauen fort ins Unbestimmte. »Aber dann kommt
einmal der Ruck, da man sich vor alledem auf die Fußspitzen stellt,
statt davor hinzuknieen, und hat man das erst einmal weg, dann ist's
nicht mehr lange bis zum Drüberhinsehen. Und glaubt mir, das macht alles
aus. Nur immer alles überschauen. Der zu höchst steht, ist immer der
Herr. Ich hab es immer schon ganz deutlich geahnt, was unsere Zeit so
verworren macht und so unsicher; aber jetzt seit ich hier in der Stadt
bin und viele Menschen sehe -- weiß ich's: daß keiner drüber steht. Ihr
sagt mir, das ist falsch: über der Stadt ist der Bürgermeister und über
ihm der Statthalter und der muß wieder zum König ein gut Stück
hinaufsehen und der König zum Kaiser und dieser zum Papst. Der Papst
aber reicht trotz seiner dreimalhohen Krone immer noch nicht bis zum
lieben Gott hinauf, meint ihr. Ich denke, das kommt davon, daß man das
Ding meistens vom verkehrten Ende ansieht. Mir scheint, ganz tief unten
ist der liebe Gott und ein wenig über ihm der Papst und so fort. Oben
aber ist das Volk. Das Volk aber ist ja nicht eines, das sind viele; sie
stoßen und schieben einander, und es verstellt einer dem anderen die
Sonne. Da mein' ich halt immer, -- irgend einen müßten sie von Zeit zu
Zeit in die Höhe heben, nicht zu hoch (er könnte leicht hinunterfallen
bis dorthin, wo der König ist oder der Kaiser), aber doch so, daß er
ihre starken und treuen Schultern unter sich fühlt und mit ruhigem
Bedacht eine Weile lang hinschauen kann über ihre Köpfe. Wenn er dann
wieder unter ihnen steht, wird er wie aus der Heimat zurückgekehrt sein
und seinen Brüdern sagen können, wo die Sonne aufgeht und wie lang es
noch währen mag bis dahin -- und so manches mehr. So aber ...« Zdenko
verdeckte seine Augen mit der Hand. Dann erhob er sich heftig: »Mua,
laßt jetzt die Plackerei und geht schlafen; es ist spät. Die Lampe wird
auch gleich verlöschen.« Seine Stimme war rauh. Er bemerkte erst jetzt,
daß Luisa nicht mehr über das Weißzeug geneigt dasaß; ihre Augen
brannten ihm entgegen, groß und leuchtend wie nie. Und seltsam, er sah
sich in diesen Augen und richtete sich stolz und stark auf wie vor einem
Spiegel.
Seine Mutter aber nähte immerzu mit rüstigem rastlosem Mühen, und Zdenko
hatte ganz plötzlich das Bedürfnis, zu ihr hinzutreten und ihr die Hände
zu küssen.
* * * * *
Es war nicht Mißtrauen, welches die Magd Rosalka still und schweigsam
gemacht hatte den Hausgenossen gegenüber. Alten Leuten ergeht es oft so,
wenn sie aus der gewohnten Kleinhäuslichkeit ihrer Provinzstadt
vertrieben, sich in einem neuen Orte zurechtfinden sollen; sie können
sich den größeren Maßstäben nicht anpassen und sind wie aus einer engen
Stube in einen hallenden Saal versetzt, drin ihre heimlichsten Worte wie
von unsichtbaren Chören laut nachgesprochen werden, während ihre vielen
heftigen Gesten sich in der Weite dieses teilnahmslosen Raumes zu
verlieren scheinen. Im Anfang gefällt ihnen das der Neuheit wegen, aber
bald fühlen sie es wie eine Anstrengung, die, ohne genügenden Lohn,
entmutigend wirkt und lassen von einem Morgen an die Hände im Schoß und
die Worte auf der Zunge liegen. Es kommt nämlich noch dazu, daß die
Leute auf dem Lande um ein tüchtiges bescheidener sind. Da genügt es,
einmal ein recht ansehnliches Unglück gehabt zu haben, um für alle Zeit,
bis zum letzten gottseligen Tage, das achtungsvolle Bedauern der
Bekannten wie eine lebenslängliche Rente zu beziehen. Aber »in der
Großstadt« sollte man ja -- grollte die Alte -- um halbwegs obenauf zu
bleiben, mindestens wöchentlich einmal einen Vater verlieren und alle
drei Wochen von der Treppe oder aus dem Fenster fallen. Sie gedachte mit
betrübten Augen ihrer »Stellung« in Krummau und konnte es ihrer
Herrschaft nicht verzeihen, daß sie, um dem Zdenko die Universität zu
ermöglichen, nach Prag übergesiedelt wäre. Sie vergönnte es der Frau
Förster, daß sie nun selbst ein paarmal der Woche in »Häuser« gehen
mußte, um durch Weißnäharbeit zu ihrer kleinen Pension und dem fürstlich
Schwarzenbergschen Gnadengehalt das hinzuzuverdienen, was der neue
Haushalt und die Heranbildung des Sohnes verlangte. Sie wußte auch, daß
Frau Wanka dem Zdenko jedes Opfer bringen würde und den dunkeln Wunsch
hatte, in ihm einen »studierten Doktor« zu sehen, welches für Rosalka
als das ungebührliche Streben einer zügellosen Hoffart, um derenwillen
man sich dreimal bekreuzen mußte, erschien.
Anders faßte man dieses Trachten der Witwe in dem Hause der Frau Oberst
a. D. Meering von Meerhelm auf, wo die Försterin jede Woche einmal, und
zwar am Montag, dem Wäschetag, die Putzwäsche ausbesserte. Frau
Charlotte Meering lobte nämlich den Eifer der Mutter und tadelte dabei
nur, daß Zdenko Wanka die böhmische statt der deutschen Universität
bezogen hätte. Dieser einleuchtende Mißgriff war Schuld, daß man ihn nie
zu sich bitten konnte. Vergebens versicherte die Witwe, daß das ganz im
Sinne ihres armen seligen Mannes geschehen sei, der ein guter Tscheche
gewesen wäre; die Oberstin lächelte nur vornehm und konnte, wie sie
sich ihrem Gemahl gegenüber ausdrückte, »die Beschränktheit dieser Leute
nicht verstehen.« Dafür durfte Luisa die Mutter manchmal abholen kommen
und, wenn sie versprach, nur deutsch zu sprechen, 10 Minuten mit den
Meeringschen Kindern, einem fünfzehnjährigen Rangen und der etwan 3
Jahre jüngeren Lizzie »spielen«. Der Erfolg war freilich immer ein
entgegengesetzter d. h. die beiden Geschwister stürzten sich auf das
scheue und ängstliche Mädchen und begannen es, wie irgend ein Ding, zu
schieben und zu stoßen, bis Frau von Meering meist gerade in dem
Augenblick in die Thür der Kinderstube trat, da Luisa an einen Schrank
gebunden, ein weißes Opfer darstellte, während ihre Sprößlinge sie mit
wildem Siegesgeheule, nach Indianersitte, umsprangen. Da war es nun
nicht erstaunlich, daß Luisa sich diesen Besuchen keineswegs
entgegenfreute und dankbar war, wenn die Mutter ihr verstattete, sie im
Flur oder in der Straße zu erwarten. Manchmal kam dann gerade der Herr
Obrist an ihr vorbei nach Hause und blieb, da er die Schrecken des
Wäschetags vermeiden wollte, noch einen Augenblick vor dem Mädchen
stehen. Der kleine, etwas dickliche Herr, der einen großen Ehrbegriff
inwendig und einen großen Orden auf der Außenseite seiner Brust trug,
blies mit einiger Behaglichkeit seinen Schnurrbart auf und leitete das
kurze Gespräch immer also ein:
»Warten auf den Herrn Bräutigam, gnädiges Fräulein?«
Darauf wurde Luisa jedesmal so rot, als die schlechte Beleuchtung der
Gasse es notwendig machte. Der alte Herr freute sich daran und erkannte
von einemmal zum nächsten immer deutlicher die Köstlichkeit seines
Witzes, den er beim Abendessen, natürlich nachdem die Kinder zu Bette
waren, gerne seiner Lotti wiederholte. Sonst wußte er ohnehin nicht viel
zu erzählen. Denn es lag etwas Versonnenes in seinem Wesen, welches man
auch durch dieses Beispiel beleuchten kann. So hat er mehr als fünf
Jahre darüber nachgedacht, was der Wink, den man ihm zeitweilig von
»oben« gab, bedeuten mochte. Verstanden hat er ihn freilich erst viel
später, als das rastlose Winken höherenorts schon eine Art von Sturm
hervorgerufen hatte, welcher endlich den Herrn Obristen von dem
gefährlichen Gipfel eines Regimentskommandos sachte in das beschauliche
Thal des Ruhestandes herunterwehte, in dem er sich nun -- nach wie vor
sinnend -- erging. Er war ein Mann, der die Tiefen des Lebens nach den
schauerlichen Abgründen alter Kalendergeschichten bemaß und sich oft
verwunderte, wie hoch er, allen Fährlichkeiten zum Trotz, auf der
irdischen Rangleiter emporgekommen war. Seine gerechte Gesinnung teilte
aber nicht nur ihm selbst rückhaltlose Anerkennung zu, er wußte jeden
nach Wert und Würden zu behandeln. Seit er erfahren hatte, daß der
verstorbene Wanka fürstlicher Förster gewesen war und daß auch Frau
Josephine dann und wann im Schlosse Frauenberg die Kammerfrau vertreten
mußte, sah er die Witwe gerne in seinem Hause und fühlte einen Hauch
indirekter Fürstenhuld von dieser Familie ausgehen.
Wenn Frau Wanka an diesen Montagabenden endlich mit müden Augen aus dem
Thor des Meeringschen Hauses trat, küßte sie die Tochter, und die beiden
Frauen gingen, meist ohne ein Wort zu tauschen, durch die lebhaften
Gassen der Neustadt der steinernen Brücke zu. Erst wenn sie aus der
lauten Brückengasse in die schmalen, kaumbeleuchteten Zweiggäßchen
eingelenkt waren, löste sich ihre Stimme, und sie begannen leise und
langsam von Zdenko zu reden, wie zwei Spieluhren, die zaghafte Lieder
träumen mitten in der Nacht. Über ihren Gesprächen war eine treue,
rührende Zärtlichkeit, die um so inniger klang, als sie niemals in die
Worte herunterstieg, aber die Frauen ganz erfüllte, ihre Bewegungen
verschönte und ihr Lächeln leuchtender machte. Seit jenem Abend, da
Luisas Augen sich so seltsam entzündet hatten an den heißen Worten des
Bruders, war er für sie ein Anderer geworden, ein Mächtiger; und
wenngleich die Liebe, die Frau Wanka ihrem Sohne bewahrte, tieferen
Quellen entsprang, so verstanden Mutter und Tochter einander doch in
dieser lauschenden und leisen Sprache und sagten einander darin mit
vielen Worten etwa dieses: er ist ein Anderer geworden.
Sie hatten recht damit. Eine freudige Erregung war über den jungen
Menschen gekommen. Die Freundschaft mit dem Wald und die rüstige Ruhe
seines Vaterhauses hatten ihn beschenkt, immer und immer wieder, und was
man dafür von ihm wollte, war so lächerlich gering gewesen. Wenn er die
Jahre vor des Vaters Tode überdachte, war er jetzt geneigt, zu glauben,
er hätte eigentlich nur einen einzigen Tag gekannt, der, zufrieden und
satt, hinter jeder Nacht immer wieder hervorkam -- bis zu dem ersten
schweren Schmerz: dem gewaltsamen Tode des teuren Vaters. Hinter dem
lag etwas lebloses und leeres, das wie ein Ausruhen war oder wie ein
Vergessen. Aber mitten drin -- so empfand er das, -- war dann eine
Thüre, ein Thor irgendwo aufgegangen, und nun stürmten sie herein,
lauter junge und bunte Tage, die ihm in ungeduldigem Heischen die Hände
hinhielten. Was war er ihnen dankbar für ihr Begehren! Wie ein
Heimgekehrter stand er da, der Gaben austeilt nach allen Seiten, und die
Dinge sind weither und jeder der Beschenkten weiß sie zu verwenden.
Wanka hatte das Gefühl, daß die ganze Welt aus seiner Tasche lebte, und
es sollte ihr nicht schlecht gehen dabei. Er war immer in einem Kreise
junger Leute zu finden, denen er ernste und lose Einfälle in buntem
Durcheinander hinwarf, und sie fanden alle genug darin, um ihre Tage
damit zu füllen und ihre Nächte. Er bemerkte nicht das Ziellose in
diesen jungen Köpfen; denn er hatte selbst kein Ziel, weil er tausend
hatte und heute dieses, morgen jenes zu greifen vermeinte. Diese Art zu
leben brachte ihn mit einer großen Menge Menschen in Berührung und allen
gab er sich mit derselben Treue hin, und wenn er sich einmal wieder
recht an einem eigenen neuen Gedanken begeistert hatte, so glaubte er
es den Menschen danken zu müssen, welche ihn mißtrauisch umstanden. Nach
und nach wurde er stiller, hörte nun auch die Gegenreden aufmerksam an
und fand, daß er eigentlich nicht im stande war, ihnen zu antworten.
Langsam begann er einzusehen, daß alle seine Begeisterungen Bruchstücke
eines großen Monologes waren und dieses Erkennen ernüchterte und
vereinsamte ihn sehr.
Nächtelang saß er jetzt schweigend an dem Stammtisch des Nationalcafés,
an welchem Männer verkehrten, die älter und ernster waren als er und von
denen er glaubte, daß sie an der Spitze des Volkes ständen. Es waren
Dichter und Maler, Schauspieler und Studenten. Sie hatten alle etwas in
ihrem Gehaben, was ihn früher stark abgestoßen hatte, allein er suchte
sich daran zu gewöhnen. Nach dem Theater fanden sie sich müde und
mürrisch zusammen und wenn sie sich begrüßten, lächelten sie einander
mitleidig zu. In ihren Kleidern war entweder etwas übertrieben vornehmes
oder eine grobe Vernachlässigung zu bemerken und man konnte auf den
ersten Blick schwer erkennen, was sie vereinte. Erst einige Gläser
Tschaj oder Budweiser Bieres machten begreiflich, daß die Ähnlichkeit in
den großen Worten liege, welche immer zahlreicher und ungestümer von
ihren Lippen kamen, je später es wurde. Ein Unterschied blieb allerdings
noch darin bestehen, daß die in den modernen Kleidern ihre Worte
gleichsam nur vor sich auf den Tisch legten mit der Warnung: nicht
anrühren, während die Anderen sie einfach in die Luft warfen, gleichviel
wen sie treffen mochten. Da hörte nun Wanka die Angelegenheiten der
»Nation« verhandeln, er erfuhr zum erstenmal von ihrer Bedrängnis und
Not, von ihrer stillen und innigen Sehnsucht. Eine Beschämung überfiel
ihn plötzlich wie einen Lachenden, der erfährt, daß ein Toter im Hause
sei, und er dachte darüber nach, wie es denn geschehen konnte, daß er
von all diesem Drückenden gar nichts gemerkt hatte alle Jahre lang. Er
dürstete, recht viel davon zu erfahren, aber wenn er sich den Männern
wieder zuwandte, entdeckte er, daß sie ganz in demselben Tone längst von
anderen Dingen sprachen, von der Kunst und ähnlichem. Und er sah mit
einemmale, daß ihre Begeisterung nichts als Heftigkeit war, und daß sie
nichts Gemeinsames besaßen als ihre Einbildung. Da zog er sich von ihnen
zurück. Er blieb wieder die Abende zu Hause, widmete sich mit mehr Fleiß
seinen Studien an der Universität und bildete sich eine Zeitlang ein,
es sei alles wie vordem. Bis ihm an solch einem Abend, wie damals, als
er Luisa bei ihren Gespenstern in der Küche fand, ganz von ungefähr sein
innerstes Nachsinnen zu Worten wurde. Seither wußte er auch, daß er den
Leuten auf der Gasse anders in die Augen sah, bemüht, in ihren Mienen
die Spuren jenes Leidens zu finden, von dem sein Volk heimgesucht sein
sollte. Da und dort glaubte er jetzt wirklich eine gedrückte,
geknechtete Gestalt zu bemerken, allein, wenn er näher zusah, erkannte
er enttäuscht, daß es nur die Last der Armut war oder des Elends, welche
auf den fremden Schultern lag, nicht das Joch der Knechtschaft. Und doch
ließ es ihm nicht Ruhe. Er fühlte immer noch Kräfte in sich und fragte
bei jedem Tage an, ob sein Volk ihrer bedürfe. Er wurde immer ratloser
und unzufriedener, hielt es weder im Lehrsaal noch in der Wohnstube aus,
wo Luisa saß und ihn mit großen fragenden Augen erwartete. So machte er
weite Spaziergänge.
Einmal im Frühling war er den Podskal entlang gegangen, tief in Sinnen,
und als er aufblickte, ragte auf teilweise abgegrabenem Terrain ein
graues, einförmiges Gebäude vor ihm auf, dessen Fenster ihm leer, wie
ausgebrannt, entgegenstarrten. Wanka hielt es für eine einstige Kaserne,
welche nun der Demolierung preisgegeben war, und trat, da der Platz
nicht weiter abgeschlossen schien, durch eines der gähnenden Thore ein.
Die Höfe waren mit Thürrahmen und Thüren, Brettern und allerlei altem
Gerümpel angefüllt, und diese Dinge sahen ganz unglaublich traurig aus
in dem glanzlosen, langsam verlöschenden Licht des späten Nachmittags.
Der Student wandte sich ab und, von irgend einem Gefühl bestimmt, stieg
er die ausgetretenen Holztreppen hinauf und ging weite weiße Gänge
entlang und durch viele geweißte Räume hin, deren Decken niedrig, deren
Dielen zum Teil aufgerissen waren. Und dann schritt er noch eine Treppe
hinan und stand wieder in einem Gang, dessen Schlußwand schon halb
eingerissen war, so daß der Wind breit hereinkonnte, aus dem grauen Tag.
Er riß Strohhalme von den Sparren der Decke los und trieb sie, wie
Pfeile, dem Fremden entgegen. Wanka trat gleich in eine der nächsten
Thüren ein und fand sich in einer engen, kaum drei Schritten breiten und
nicht viel längeren: Zelle, die ganz gleichmäßig erfüllt war mit dem
spärlichen Licht, das durch eine vergitterte Öffnung, nahe der Decke,
hereinfloß. Die weißgrauen Wände waren mit vielen Ritzen wie mit einem
seltsamen, wirren Muster bedeckt, und erst nach einem Augenblick
erkannte der Student, daß dieses Muster sich in Worte und in Bilder
löste; Gebetsworte und Flüche, Namen und Orte las er, und alles
hineingeritzt in wilde, grinsende Fratzen, merkwürdig verschmolzen mit
den Linien ihrer Nasen und Augen, mehr wie beredte Falten und Runzeln,
als wie Schriftzüge. Und ein Gesicht wuchs hinter dem anderen hervor,
bleich und bebend, wie ein Haufe Volkes drängte ihm die immer mehr
erwachende Wand entgegen, allen voran ein drohender zorniger Mann mit
hohlen Augen. Und quer über seine Stirne stand: »Jesus Maria«.
Da hörte Wanka, wie jemand seinen Namen sagte und in unbeschreiblichem
Grauen wandte er sich, als ob er flüchten wollte, und stieß heftig auf
Rezek, den blassen Studenten, der mit eigentümlichem und eingeweihtem
Lächeln sagte: »Das waren auch Künstler diese hier. Nicht?«
Wanka erkannte den Studenten und sah ihn verständnislos an.
»Nun ich meine, jeder in seiner Art,« lächelte der noch. Dann fügte er
ernst hinzu: »Glauben Sie mir, daß mir diese Bilder hier näher gehen,
als das was unsre Maler malen und unsre Dichter zusammenreimen. Wissen
Sie, was das hier ist? Volkslieder. Nicht vor tausend Jahren entstanden
und nicht unverständlich nach zehntausend Jahren. Gedichte in einer
ewigen Sprache. Man sollte diese Wände ebenso sorgsam ausnehmen, wie die
Hieroglyphenmauern in den Pyramiden. Man sollte sie in die Kirchen
hängen; denn sie sind heilig. Sehn Sie hier,« und er legte den schmalen
harten Finger auf eine Zeichnung, welche mit ungelenken Strichen ein
kleines Haus darstellte; »das hat die Sehnsucht gemacht und der Glaube
hat ein Gebet drunter geschrieben und die Verzweiflung einen Fluch und
der Hohn hat mit wunden blutenden Nägeln um alles das herum eine Fratze
gezeichnet, in der das liebe kleine Haus aussieht wie ein gieriges,
weitgeöffnetes Maul. -- Haben Sie jemals ein furchtbareres Gemälde
gesehen?«
»Kommen Sie,« sagte Wanka von plötzlicher Furcht erfaßt.
Rezek folgte. »Ich komme oft her,« sagte er. »Es geht so langsam mit dem
Niederreißen. Ich lese in diesen Wänden wie im Buche der Offenbarung.
Auf viele Fragen habe ich da Antwort gefunden.«
Sie schwiegen. »Freilich,« fügte Rezek an, als sie aus dem Thor traten,
»die Antwort ist schließlich wieder eine Frage. Aber nur eine, immer
dieselbe und das ist nicht so schrecklich wie die vielen.« --
»Was ist das eigentlich für ein Haus?« fragte Wanka jetzt und wandte
sich zurück zu dem verlassenen Bau, der schwarz und groß mit seinen
leeren Fenstern vor dem Abend stand.
Rezek blickte auf: »Das alte St. Wenzels Strafhaus.« Er blieb stehen, um
sich eine Cigarette anzuzünden. Dann gingen sie schweigend der Stadt zu.
Die beiden jungen Menschen, welche früher oft aneinander vorbeigegangen
waren, fanden sich jetzt beinahe jeden Tag. Es war aber mehr eine Macht
über seinem Willen als eigene Absicht, welche Wanka zu dem düsteren
Kollegen hinzog und was ihn dann festhielt, war der Umstand, daß Rezek
alle Fragen, welche ihn in der letzten Zeit gequält hatten, erriet und
die unausgesprochenen wie unwillkürlich beantwortete. Zdenko sah
freilich nicht, wie weit diese Antworten über seine Fragen hinausragten,
und so konnte es geschehen, daß seine Kraft und die naive Klugheit
seiner reinen Jugend bald blind im Dienste des energischen Agitators
standen, dem sie sehr gelegen und günstig sein mußten. Die verschärfte
Strenge des Polizeidienstes, die Geschichte des »König Bohusch« und
andere halbpolitische Ereignisse hatten die jungen Leute vorsichtig und
ängstlich gemacht, und Rezek mußte sich zu manchem seiner Zwecke des
bezahlten Pöbels bedienen, der ihm dann bei nächster Gelegenheit als
Angeber gegenübertrat. So aber war der Traum des dunklen Mannes:
unverdorbene junge Leute guten Standes finden, welche überzeugt von dem
Recht ihres Beginnens, mit der ganzen blinden Bärenkraft ihrer Gesinnung
einer nationalen Befreiung entgegenstreben und in jugendlicher
Unverzagtheit einem Ziele nachgehen, das er selbst nicht immer glauben
wollte.
Auf ihren gemeinsamen Wegen, an welchen Luisa lauschenden Anteil nahm,
hatten sie eine kleine, niebesuchte Gaststube entdeckt hoch auf dem
Hradschin. Von ihrem Runderker aus sahen sie oft, wie die schweren
dunstigen Frühlingsabende die Stadt zerstörten, wie ihr Feuer an den
Kuppeln und Türmen zehrte und da und dort wie Wahnsinn aus zwei
sinnenden Fensteraugen schlug. Und die ganze Last dieser ahnungsvollen
Dämmerungen war auf den drei jungen Menschen; da wandte sich der
energische Rezek, der eine große Furcht vor diesen leisen weiten Stunden
hatte, wohl an das versonnene Mädchen und sagte mit harter Stimme:
»Loisinka, spiel sie uns etwas.« Und aus der Wandnische, wo Luisa saß,
rauschten wie Flügelschläge die langen Töne eines Harmoniums, und die
schlichten Volkslieder machten die Menschen noch leiser und einsamer. Es
wurde immer dunkler um sie her und sie mochten sich vorkommen wie
Abschiednehmende, die einander zuwinken und sich doch nicht mehr
erkennen ... Bis das Lied mitten im Klange brach und das zitternde
Verstummen des Harmoniums verschmolz mit Luisas zaghaft ausbrechendem
Weinen. Dann befahl Rezek: »Spiel sie doch was heiteres ..«
Aber Luisa kannte nur ein paar Volkslieder und der Bruder sagte: Unser
Volk hat keine lustigen Töne. Seine liebsten Lieder sind wie vor dem
Weinen.
Da begann Rezek mit heftigen Schritten in der kleinen Stube auf und ab
zu gehen und endlich blieb er im Erker stehen und sagte:
»Wie ein Kind ist unser Volk. Manchmal seh ich es ein: unser Haß gegen
die Deutschen ist eigentlich gar nichts Politisches, sondern etwas --
wie soll ich sagen? -- etwas Menschliches. Nicht, daß wir uns mit den
Deutschen in die Heimat teilen müssen, ist unser Groll, aber daß wir
unter einem so erwachsenen Volk groß werden, macht uns traurig. Es ist
die Geschichte von dem Kinde, welches unter Alten heranwächst. Es lernt
das Lächeln, noch ehe es das Lachen gekonnt hat.«
Als aber die Kellnerin die Lampe angezündet hatte, setzte sich Rezek in
den großen, alten Lehnstuhl und begann, die gelben nervösen Hände vor
die Augen gepreßt, wie zu sich selbst zu reden: »Was hilft alles. Damals
als man dem Volk gesagt hat: du bist jung, haben sich die Gebildeten
geschämt dafür. Und sie sind schnell alt geworden statt älter zu werden.
Statt sich jedes Tages zu freuen, haben sie ein Gestern haben müssen und
ein Vorgestern. Königinhofer Handschrift, freilich! Damit nicht
zufrieden, haben sie ihre Kultur in der Fremde gesucht und gleich dort,
wo sie am fertigsten ist -- bei den Franzosen. Und so kams: zwischen den
gebildeten Tschechen und dem Volk sind Jahrhunderte. Sie verstehen sich
nicht mehr. Wir haben nur Greise und Kinder, was die Kultur betrifft.
Wir haben unsern Anfang und unser Ende zu gleicher Zeit. Wir können
nicht dauern. =Das= ist unsere Tragödie, nicht die Deutschen.«
Luisa sah den Schrecken, welcher sich in den Zügen des Bruders ausprägte
während dieses Geständnisses. Er schien sich mühsam zurückzuhalten, alle
seine Sehnen waren wie zum Sprunge gespannt.
Rezek bemerkte es nicht mehr, er war wie aus einem bösen Traume erwacht,
und der strenge Accent seiner Stimme schien alles frühere zu widerrufen.
Er entwarf an diesem Abend die kühnsten Pläne und spürte mit dem ihm
eigenen Scharfsinn so rücksichtslos allen Mitteln und Möglichkeiten
nach, schien sich so klar über die Ziele seiner unermüdlichen Agitation,
daß Zdenko wieder ganz in seinem Einfluß unterging.
Dennoch bezeichnete dieser Abend für Wanka den Beginn eines harten
inneren Kampfes. Er hatte sich stolz und stark gefühlt in seiner
Mission, so lange er glaubte, für ein junges und gesundes Volk zu
streben und nun hatte er erfahren, daß dieses Volk an innerem Zwiespalt
krankte und an sich selber verzweifelte. Und er verlor alle Freude und
allen Mut. Es geschah ihm wie dem tollkühnen Lieutenant, der vor seinen
Scharen hineinstürzt in die feindliche Übermacht. Da vernimmt er, daß
die Niederlage der Seinen schon besiegelt ist; und was im Augenblick
noch eine freudige Heldenthat war, ist ihm ein nutzloses, verzweifeltes
Opfer. Der arme junge Mensch fühlt mit einemmale so viel Neues,
Unverbrauchtes, Einsames in sich, das nicht zu Ende gehen will und sich
sehnt, in einem andern stillen Frühling aufzublühen. -- Die hohen und
hellen Worte der nationalen Begeisterung waren ihm erloschen, und mehr
als einmal stürzte Wanka aus den heißen heimlichen Versammlungen in die
nächtlichen Gassen hinaus, durch welche er, planlos, einem ungewissen
Morgen entgegenirrte. Aber so stark stand Rezeks Persönlichkeit über
ihm, daß er mitten in seinen Grübeleien immer wieder von ihm einen
Ausweg erhoffte und nicht wagte, dem finsteren Gesellen seine wachsenden
Zweifel einzugestehen. Er schwieg gegen alle davon. Er bemerkte die
besorgte Frage in den Augen seiner schlichten Mutter, und er glaubte sie
zu übertönen durch seine heftige, hastige Zärtlichkeit. Er neigte sich
inniger seinem blassen Schwesterchen zu und suchte sich gleichsam
wiederzuerkennen in diesen flüchtigen Augenblicken einer reinen Liebe.
Jetzt begann Luisa ahnungsvoll die Zerrissenheit in Zdenkos Seele zu
begreifen. Sie wußte ja nichts von der beginnenden Untreue an seinem
Werke und daß er seine übernommene Pflicht als Zwang empfand. Aber sie
sah, daß er an irgendwelchen Ketten zerrte und das schien ihr die eherne
Macht des Rezek zu sein, aus welcher er entfloh, um schwach und verzagt,
immer wieder zurückzukehren. Lange schon stand die Gestalt des bleichen
Mannes auch über ihr. Sie fand sein Bild in allen ihren Gedanken und war
nicht mehr erstaunt dabei. Ihr schien, er gehörte hinein wie der
Gekreuzigte in die Klosterzelle. Und sie konnte ihm nicht wehren, daß er
auch in ihre Träume wuchs und endlich eines wurde mit dem dunklen
Prinzen des alten Maskentraumes und nun für sie nicht mehr Rezek,
sondern Julius Cäsar hieß. Und da geschah dem Mädchen etwas Seltsames.
Irgendwelche Scenen aus fernen Jahren und halbvergessene Träume und
Gestalten und fremde purpurne Worte, die sie von ihrem Bruder vernommen
hatte, und anderes, welches sie gar nicht zu erklären vermochte,
umdrängte sie wie eine neue phantastische Zeit, in der alle Gesetze
anders werden und alle Pflichten. Sie konnte zwischen Thun und Träumen
nicht mehr unterscheiden und schaute alle Geschehnisse des Alltags in
den Farben jenes Krummauer Blutfestes, ihrer tiefsten und
erschütterndsten Erinnerung. Sie lebte jetzt mitten unter den stillen,
feierlichen Gestalten und fühlte immer deutlicher, daß auch sie eine
Rolle haben müsse in diesem heimlichen Reigen. Und tagelang saß sie,
eine vergessene Arbeit im Schoß, am Fenster, sah mit verlorenen Augen in
die hohen kahlen Mauern der Maltheserkirche und sann: Welche nur,
welche?
* * * * *
Die trägen, lässigen Sommertage gingen langsam dem Feste von Mariens
Himmelfahrt entgegen. Eine schwere Traurigkeit lag über Wankas. Das
Heimweh, welches die vier Menschen schon fast vergessen hatten, kam
wieder in einer anderen, unerwarteten Gestalt über sie. Sie sehnten sich
nicht mehr nach der Vergangenheit, sondern sie träumten in den heißen
Stuben hinter dichtverhangenen Fenstern von dem leichten, luftigen
Dorfsommer, dem die kühlen Wälder so nachbarlich sind. Von den hellen
Feldwegen, über welche die jungen Obstbäumchen ihre rührend dünnen
Schatten legen, so daß man drüber hin wie auf einer Leiter geht, von
Strich zu Strich. Von den schweren, reifen Feldern, die so breit und
prächtig zu wogen beginnen gegen den Abend zu und von den Hainen, in
deren dunkelnder Stille die schweigsamen Teiche liegen, von denen
niemand weiß, wie tief sie sind. Und dabei dachte jeder von den vier
Menschen an irgend eine bestimmte unbedeutende Stunde, deren kleines
Glück man einst, ohne es zu werten, ebenso mitgenommen hatte. Und um so
schmerzlicher war dieses Sehnen, als es nicht ein Unwiderbringliches
betraf, als jeder fühlte, wie der heitere Heimatsommer ihn erwartete und
traurig wurde, wenn keiner kam. Um ihm wenigstens näher zu sein, machte
man kleine Ausflüge die Moldau entlang, und die Försterswitwe glaubte am
leichtesten den kleinen Wäldern hinter Kuchelbad ihre gutmütige
ländliche Lüge und wurde von jener unmerklichen Fröhlichkeit erfüllt,
welche alten, arbeitsamen Leuten eigen ist. Sie war still und in sich
gekehrt und lächelte kaum, aber die Falten um die Lippen waren vergangen
und das gab ihrem Gesicht etwas Junges und Sonniges, wie sie es
vielleicht als Braut nicht besessen hatte. Sie bemerkte dann auch kaum,
wie selten Zdenko den Blick in die lichte Landschaft erhob von dem
Wurzelpfad, und wie schnell die Sommerblumen welkten in den heißen
Händen Luisas. Die alte Rosalka blieb ganz zu Haus und trotzte; sie
sagte vom Sommer: nein, wenn er nicht zu mir kommt, nachlaufen werd' ich
ihm nicht; setzte sich mit einem alten Gebetbuch ans Küchenfenster und
schlief über der Frömmigkeit ein.
Die staubigen Augusttage schienen nur auf einem nicht zu lasten: auf
Rezek. Er blieb von unermüdlicher Kraft, ja in jüngster Zeit war sogar
eine übermütige Lustigkeit in seinem Wesen, welche Wanka nicht verstehen
konnte. Er wußte nicht, daß Rezek stets so zügellos wurde, wenn die
Gefahr nahe über ihm und seinem geheimen Streben aufstieg und nahm diese
Veränderung eher als Zeichen guter Erfolge hin.
Seine letzten Bedenken entschwanden, als Rezek bei einem Spaziergange,
den sie wieder nach alter Gewohnheit zu dritt unternahmen, vorschlug, in
der »Vikárka« (einem kleinen, uralten Gasthofe, dem St. Veitsdom
gegenüber) einzukehren. Sie saßen bei einem dunkeln Tische in der
hintersten Stube und stießen mit echtem Melniker an. Der Student kargte
nicht mit dem Wein, und so laut wurde seine Lustigkeit, daß die paar
übrigen Gäste, es waren bischöfliche Lakaien, daran teilnehmen mußten.
Rezek erzählte die Sage von der Brotgräfin, die im alten Czerninschen
Palast umgehen sollte, knüpfte seinen tückischen Spott an die
spannendsten Stellen und veränderte so die Wirkung seiner Worte in einer
seltsamen und überraschenden Weise. Da und dort wurden andere
Geschichten wach (sie lauern in allen Ecken dieser dämmernden Stuben),
und es fügte sich, daß Zdenko die Krummauer Sagen, auch jene von Julius
Cäsar zum besten gab.
»Eigentlich wäre das deine Sache,« hatte er vorher zu Luisa gesagt.
Sie aber schüttelte nur stumm den Kopf, hob dann das Weinglas und hielt
es lange an die Lippen. Mit fast verschlossenem Munde begann sie zu
saugen, und ihre Augen schauten dabei groß in den Trank hinein, dessen
purpurner Widerschein über ihrem schmalen Gesichtchen lag.
Mit einemmale sagte Rezek: »Wie Sie das sagen. Merkwürdig. Ist nicht
eine Ähnlichkeit zwischen unserer Zeit und den Tagen vor dem
dreißigjährigen Kriege?«
Unter seinen Worten bebte etwas. Zdenko und andere lachten. Luisa aber
hob das Becherglas langsam von ihrem kühlen roten Munde und sah mit
erschreckten Augen zu dem Studenten auf.
Als man später auf dem Heimweg war, blieb Rezek nahe bei der alten
Schloßstiege vor einem Thor, über dessen Bogen ein schwarzes Ehewappen
prangte, stehen und fragte: »Waren Sie schon mal drin?«
Die Geschwister verneinten.
»So kennen Sie nicht einmal die Daliborka? Schämen Sie sich.«
Und schon trat Rezek durch den engen Thürrahmen des Thores ein und
Luisa, die nun bei ihm stand, erblickte einen reinlichen Hof, drin, von
den lichten Mauern bewacht, die breiten, warmen Schatten des Nachmittags
lagerten. Eine kleine, alte Frau trat grüßend aus der Hausthüre, jagte
einen Schwarm Hühner vor sich her und winkte dann den Fremden, zu
folgen. Zdenko ging voran, dann kam Rezek und zuletzt Luisa, denn der
Pfad war so schmal, daß einer hinter dem anderen gehen mußte. Luisa
zögerte ein wenig und schaute mit glänzenden Augen umher: da war ein
lächerlich kleiner Gemüsegarten, dessen Kohlköpfe und Spargelstangen
ein sechsjähriges Kind wohl hätte zählen können; mitten drin aber ragte
ein stämmiger Apfelbaum, welcher seine kleinen roten Früchte der fern
verschimmernden Stadt zu zeigen schien. Ein paar dichtverwucherte Stufen
lenkten in einen feuchten und dämmernden Teil des Hanges hinab und dort
standen viele Sträucher von wilden Rosen, deren Zweige Luisa nicht
vorbei lassen wollten. Da blieb Rezek stehen, und das Mädchen vernahm
die Stimme des Zdenko: »Also das ist der berühmte Hungerturm. Der Ritter
Dalibor hat da drinnen aus lauter Sehnsucht die Geige spielen gelernt.
Das war doch hier?«
»Ja,« erwiderte Rezek, »aber ich glaube immer, er hat das Geigen schon
früher getroffen. Die Sehnsucht singt selten.«
Und da standen sie schon vor der schwerbeschlagenen Pforte des grauen
Turmes. Luisa sah empor und bemerkte, daß die breiten Mauern nur
teilweise von einem neugezimmerten Dach überspannt wurden. Auf dem
freien Rande der Zinne ragte neben einer zerrauften Silberdistel eine
schlanke, junge Akazie und hob ihre blassen Blättertrauben mit
zärtlicher Anmut in den lichten Himmel hinein. Das war das letzte Bild
vom Tage. Es wurde immer feuchter und schwärzer, und die dumpfige Luft
legte sich wie ein Schleier vor des Mädchens Augen. »Findet sie uns
nach?« hörte sie den Studenten mal fragen. Er hielt ihr die Hand hin.
Seine Stimme kam rauh und fremd aus den ungewissen Tiefen des Gewölbes,
und Luisa war nicht imstande zu antworten. Sie tastete mit angehaltenem
Atem, leise erschauernd, an den eisigen Wänden hin und fand sich erst
wieder, als ihr der rötliche Schein eines Lichtes, wie wärmend, aus der
nächsten Halle entgegenkam. Da fand sie die beiden Männer und die Frau
inmitten des Raumes über irgend etwas gebeugt, und eine schwehlende
Kerze schwankte an einem Strick gerade über ihren gesenkten Köpfen. Dann
glitt das Licht mit einem kreischenden Geräusch tiefer und tiefer an den
drei Gesichtern vorbei, welche eine Sekunde lang grell beschienen waren;
es sank bis vor ihre Füße und verschwand langsam in einer schwarzen
runden Öffnung des Bodens, über der nur noch ein letzter, löschender
Glanz hin und herzuckte. Da neigte auch Luisa sich vor und erkannte, wie
die Kerze, klein, tief unten ankam in einem zweiten grauen Gemach, unter
welchem noch ein drittes, schwarz, zu beginnen schien.
»Oh,« sagte Luisa.