König Bohusch.
Als der große Mime Norinski um drei Uhr nachmittags in das
National-Café, welches vor dem Prager tschechischen Theater liegt,
eintrat, erschrak er ein wenig, lächelte aber gleich darauf sein
verächtlichstes Lächeln: in dem Spiegel, schräg gegenüber der Thür,
hatte sich irgend eine entfernte Ecke des Saales gefangen, und er hatte
drinnen eine schiefe Marmorsäule und unter dieser Säule einen kleinen,
buckligen Mann erkannt, dessen seltsame Augen dem Eintretenden wie
lauernd aus einem unförmigen Kopfe entgegenstarrten. Das Fremde dieses
Blickes, in dessen Tiefen irgend ein unerhörtes Geschehen sich dunkel zu
spiegeln schien, hatte ihn einen Augenblick in Schrecken versetzt. Nicht
etwan weil er besonders furchtsamer Natur gewesen wäre, sondern infolge
des profunden und versonnenen Wesens, welches so großen Künstlern
meistens eignet, und durch dessen Wall sich jedes Ereignis gleichsam
durchbohren muß. Dem Original gegenüber empfand Norinski nichts
ähnliches. Er übersah den Verwachsenen sogar eine ganze Weile, während
er mit unnötiger Wichtigkeit den andern am Stammtisch die Hand reichte.
Die Händedrücke nahmen eine ziemliche Zeit in Anspruch, denn jeder hatte
gleichsam 3 Akte. 1. Akt: Zögernd folgt die Hand des Schauspielers dem
Flehen der entgegengestreckten Hände. 2. Akt: Seine Hand spricht
nachdrücklich zu der, welche sie umfaßt: Merkst du auch die Bedeutung
dieses Moments? 3. Akt und Katastrophe, wobei Norinski jede Hand
verächtlich loslies, fortwarf: Oh du Erbärmlicher, das kannst du ja gar
nicht merken ... Diese Erbärmlichen waren diesmal: Karás, der lange
blasse Kritiker des »Tschas«, ausgezeichnet durch einen überaus langen
Hals und -- wie ein boshafter jüdischer Kollege mal behauptet hatte --
einen überaus höflichen »Adamsapfel«, welcher jeden Tropfen durch die
Einsamkeit der Kehle bis an den Kragenrand, wo er sich nicht mehr
verirren konnte, begleitete und von dort diensteifrig auf seinen Posten
zurückschnellte, Schileder, der schöne Maler, der so traurige Dinge
malte, der Novellist Pátek, der Lyriker Machal, der Student Rezek, der
etwas abseits saß, aus einem großen Stammglas heißen Tschaj mit viel
Cognac trank und schwieg. Endlich schien Norinski auch den Buckligen zu
bemerken. Er lachte: »König Bohusch!« und streckte mit ironischem
»Majestät« die Hand über den Marmortisch. Der Kleine fuhr auf und
schickte ihm, um die Mimenhand nicht warten zu lassen, überhastig seine
gelben unreifen Finger entgegen, so daß sich die beiden Hände, wie Vögel
in der Luft haschten. Dem Bohusch kam das ziemlich drollig vor, und er
ließ ein zitterndes zerbrochenes Lachen hören, das er ängstlich
unterbrach, als er bemerkte, wie die Blatternarben auf Norinskis Stirne
sich unter ärgerlichen Falten versteckten. Der Mime murmelte etwas, gab
die Jagd auf und sagte in schlechter Laune zu Karás:
»Ihr schreibt auch einen Kohl, mein Lieber. Aber das sag' ich dir, ich
spiele meinen Hamlet das nächstemal just so, wie gestern. Ich spiele
eben =meinen=. Verstehst du, Liebster?«
Karás schluckte irgendwas hinunter und sagte etwas von der Auffassung,
die andere bekundet hätten, Bedeutende; er möchte nur Kainz nennen oder
-- der Student Rezek trank heftig sein Glas aus und Norinski sagte
erregt:
»Liebster, was geht mich ein deutscher Hamlet an. Du wirst doch nicht
etwan behaupten wollen, wir dürften nicht auch unsere Meinung haben? Ist
der Shakespeare ein Deutscher? Nun, was gehn uns also die Deutschen
dabei an? Ich nehme meine Auffassung sozusagen direkt aus dem
Englischen.«
»Das einzig richtige,« sanktionierte Pátek und strich den spitzen
Modebart mit gepflegten Fingern.
»Dein Kostüm übrigens, ich meine vom malerischen Standpunkt --«
besänftigte der schöne Maler, und rasch wandte sich ihm Norinski zu.
»Ja,« gähnte er so ganz obenhin, und dann mit herablassender
Gönnerstimme: »Was macht denn Ihr Schauspiel, Machal?«
Der Lyriker schaute eine Weile schweigend in sein Absinthglas und
erwiderte leise und kummervoll: »Es ist Frühling«.
Alle erwarteten noch etwas, aber der Dichter schien schon wieder
unterwegs nach dem blassen Garten seiner Träume. Er sah sein Absinthglas
wachsen und wachsen, bis er selbst sich mitten drin fühlte in dem
opalnen Licht, ganz leicht, ganz gelöst in dieser seltsamen Atmosphäre.
Nur Schileder hatte das gewaltige Wort ernst hingenommen. Es lag über
ihm, so dicht, daß er auch nicht mit den Wimpern hätte zucken mögen. In
seinem Tiefsten dachte er: Gott, das trifft jeder. Hat er denn etwas
besonderes gesagt? Das kann ich auch: es ist ... Er kam nicht zu Ende
damit. Alle lachten und Schileder atmete auf, als er an den Mienen der
anderen sah, daß der Ausspruch doch nicht so gewichtig gewesen sein
mochte. Karás wandte sich an den Lyriker: »Das heißt, es blüht dein
Stück. Hm?«
Da sagte Machal seiner Muse mit einer Verbeugung: »Entschuldigen Sie --«
und kam ungern zurück aus der opalnen Welt; aber das Mißverständnis war
auch zu arg: »Nein,« betonte er, »das heißt, ich bin zu traurig jetzt.
Das heißt, es ist jetzt die Zeit, wo die Natur alles Werden mißversteht,
das heißt, daß ich müde bin -- müde dieses wunden Keimens.«
»Aber verzeih,« der Novellist tippte ihn mit dem modegelben Handschuh
auf die Schulter, »das mag ja sein, aber das ist doch nicht Frühling.«
Und der Maler dachte: nein, das ist nicht Frühling.
»Im wunderschönen Monat Mai,« deklamierte der Mime.
»Einst,« hauchte der Dichter und machte eine Bewegung mit der Hand, mit
welcher er dieses Einst noch weiter zurückdrängte, »einst war das
vielleicht so, wie es in alten Gedichten steht -- der Frühling: >Licht
und Liebe und Leben<. Wer das noch glaubt, belügt sich.« Er seufzte
tief.
Wie schade, dachte der Maler, also kein Frühling mehr.
Machal aber erhob sein Gesicht, das durch große Sommerflecken entstellt
war, hoch in das klare Nachmittagslicht und konnte durch das Fenster
gerade die Rampe des Nationaltheaters sehen, längs welcher ein
Schutzmann auf und nieder ging. Das wollte er nun gerade niemandem
zeigen, allein er sagte gleichwohl:
»Schaut nur hinaus. Dieser Kampf mit den blöden brachen Schollen, den
jeder der feinen schwachen Keime kämpfen muß, um zu seinem Sommer zu
kommen. Hier,« und er schraubte sich noch ein wenig höher -- »steht die
hilflose Blüte und will blühen; das ist das einzige, was sie kann, sie
kann nur blühen und sie will wirklich niemanden stören damit, und doch
sind alle gegen sie: die schwarzen Krumen, die sie nur nach langem
Bitten durchlassen, die Tage, die wahllos Wärme und Regen und Wind auf
sie herabstreuen und die Nächte, die sich langsam an sie
heranschleichen, um sie zu würgen mit ihren eisigen Fingern. Dieser
feige traurige Kampf, das ist der Frühling.« Machal fröstelte; seine
Augen starben. »König Bohusch« sah ihn ganz starr an. Das war etwas sehr
Ungerechtes, was der Dichter sagte, schien ihm, und er hatte vieles
dagegen im Sinn. Es drängte ihn aufzustehen und hochragend und heiter
den Frühling zu verteidigen, der dennoch voll Sieg und Sonne war. Ihm
stiegen so viele schöne Gedanken in den Kopf, daß ihm die Wangen ganz
warm wurden und er eine Sekunde das Atmen vergaß. Aber ach, was hätte es
genützt, aufzustehen; sie hätten es kaum bemerkt, denn Bohusch sah, auf
der hohen Samtbank sitzend, fast größer aus als wenn er stand. Auch
seine Stimme hätte kaum bis zu Norinski hinüber fliegen können; bei
solchen Entfernungen wurde sie schon ungewiß und flatterte wie ein
angeschossener Vogel. Das wußte Bohusch. Und so schwieg er, preßte die
Lippen, die wie aus Holz geschnitzt waren, eng aneinander und begann,
wie oft als Kind, still für sich mit den vielen goldenen Gedanken zu
spielen, ganze Berge und Burgen zu bauen, aus deren schlanken
Säulenfenstern seine Träume ihn grüßten. Und er war so reich, daß er
jedesmal neue Paläste errichten konnte, von denen keiner einem alten
ähnlich sah, und das will etwas bedeuten, da der Kleine über dreißig
Jahre diese Beschäftigung trieb, seit seinem fünften Lebensjahre etwan
-- und sich doch nicht wiederholen mußte. Die anderen sprachen jetzt,
während Machal sich gewiß wieder im Absinthglas sitzen fühlte, von
lauten Dingen und Alltäglichkeiten in wirrem Durcheinander, und über
allem schwebte die Baßstimme des Schauspielers mit ausgebreiteten
Flügeln. Bohusch aber dichtete in seiner Ecke an seiner Apologie des
Frühlings. Er kannte ihn ja eigentlich nur so wie er im finstern und
feuchten Hirschgraben oder auf dem Kirchhof Malvasinka aussah; einmal
als Kind hatte er ihn in der wilden Schárka gesehen, und heute hörte er
noch in seiner Brust ein feines, altes Echo jenes Sonnentages. Wie selig
mußte der erst draußen zu schauen sein, wo er seine Heimat hat, weit von
der Stadt und ihrer Unrast, und es ärgerte und kränkte ihn, daß die
Menschen um ihn, die doch weit herum gekommen sind, zugaben, daß man den
Frühling verleugne. Das mußte er ihnen doch sagen. Aber ein zager
Versuch seiner Lippen ging in dem allgemeinen Hin und Wider schnell und
spurlos unter, und der arme Bohusch hätte auch nichts mehr zu sagen
gewußt. Als fürchteten sie, verraten zu werden, flüchteten seine
Gedanken in ängstlichem Ungestüm aus der schönen Versammlung, und statt
ihrer füllte eine einzige Vorstellung sein Gehirn und die sprach er
willenlos und unbemerkt aus: Ja, mein Vater. Es bedurfte eines
Augenblicks, ehe der Bucklige sich klar machte, warum er gerade an ihn
dachte. Er sah ihn: in seinem riesigen dunkelblauen Tressenpelz, dessen
Kragen mit dem mächtigen Vollbart zu verschmelzen schien, ging er mit
breiten, selbstbewußten Schritten in dem lichtgetünchten hohen Flur des
alten Fürstenpalastes in der Spornergasse her und hin. Der goldene Knopf
seines Stabes rührte fast an die goldenen Fransen, die von der Krempe
des dreispitzigen Hutes hingen, unter welchem seine Augen ernst und
wachsam waren. Dann stand der kleine kränkliche Bohusch oft hinter der
Thüre der Portierswohnung und schaute scheu durch eine Spalte dem
gewaltigen Schreiten des Vaters nach, dessen Gestalt höher war als die
aller anderen Menschen, um so vieles ragender auch als die des alten
Fürsten, vor dem der Vater den Tressenhut ganz tief abnahm, ohne sich
indessen sonderlich zu verneigen. An einen Kuß oder ein Lächeln dieses
Mannes konnte sich Bohusch, soweit er zurück sann, nicht erinnern, wohl
aber gehörte seine Gestalt und seine Stimme zu den deutlichsten
Eindrücken seiner armen Kindheit. Und darum fiel ihm der Vater auch
immer dann ein, wenn er den längst Toten um diese beiden Eigenschaften
beneidete und sich sagte: Beides ist doch eigentlich jetzt so gut wie
unbenutzt; er braucht weder Stimme noch Gestalt mehr, warum hat er das
alles dann mitgenommen? Und wenn der Bucklige das dachte, kam es immer
so: auf einmal fühlte er etwas, das ihn mitnahm, fortriß. Seine Gedanken
waren nicht mehr in ihm, sie liefen vor ihm her und er mußte sie
verfolgen, um sie wieder zu fangen. Man konnte sie doch nicht so ohne
weiters laufen lassen. Atemlos holte er sie immer an derselben Stelle
ein. Das war eine helle Herbstnacht mit hastigen Wolken. Das flüchtige
Licht war gerade geduldig genug, um Bohusch eine Marmortafel erkennen zu
lassen, auf welcher, halb von wildem Gezweig verdeckt, stand: Vitezlav
Bohusch, fürstlicher Portier. Und so oft der Kleine das las, begann er
immer mit gierigen Nägeln in Gras und Schollen zu graben, bis er immer
matter und der Atem der feuchten Erde immer schwerer und dunstiger
wurde und seine blutigen Nägel endlich kreischten auf dem glatten Holz
eines großen gelben Sarges. Und dann sah er sich auf dem Kasten in der
schwarzen Grube knieen und eine Sekunde oder zwei ratlos sein. Bis immer
dieselbe Lösung ihm kam: Man muß dieses Brett mit dem Kopf durchdrücken
können, wie eine Fensterscheibe. Hatten sie ihn nicht immer gehöhnt um
seines schweren Schädels willen? Also zu etwas muß er doch gut sein,
nicht? Krach! Das Brett weicht -- natürlich -- wie eine Fensterscheibe,
und der Bohusch holt sich mit heißer Hand aus dem dumpfen Dunkel die
Brust des Vaters und schnallt sich dieselbe wie einen Harnisch um die
schüchternen Schultern, und er langt wieder hinein und sucht und sucht
mit krampfigen Fingern und schickt auch die andere Hand zu Hilfe und
kann es gar nicht begreifen, daß er mit beiden wunden Händen die Stimme
des Vaters nicht finden kann.
* * * * *
An den Abenden des frühen Frühlings ist die Luft von feuchter Kühle, die
sich leise über alle Farben legt und sie lichter und einander ähnlicher
macht. Die hellen Häuser am Quai haben fast alle den blassen Ton des
Himmels angenommen und nur ihre Fenster zucken dann und wann in heißem
Leuchten und verlöschen versöhnt in dem Dämmer, sobald erst die Sonne
sie nicht mehr aufstört. Dann steht nur noch der Turm von St. Veit in
seinem ewigen greisen Grau aufrecht da. »Er ist wirklich ein
Wahrzeichen,« sagte Bohusch zu dem schweigsamen Studenten. »Er
überdauert jedes Dämmern und ist immer ganz gleich. Ich meine in der
Farbe. Nicht?«
Rezek hatte nichts gehört. Er sah hinüber nach dem Kleinseitner
Brückenturm, wo man eben die Lichter anzündete.
Bohusch fuhr fort: »Ich kenne mein Mütterchen Prag bis ins Herz -- bis
ins Herz,« wiederholte er, als wenn jemand seine Behauptung bezweifelt
hätte, »denn das ist doch wohl sein Herz, die Kleinseite mit dem
Hradschin. Im Herzen ist immer das Heimlichste und, sehen Sie, es ist
soviel Heimliches in diesen alten Häusern. Ich muß es Ihnen sagen,
Rezek, denn Sie sind vom Lande und wissen es vielleicht noch nicht. Aber
es giebt da alte Kapellen, Jesus, und was da für seltsame Dinge sind.
Bilder und Ampeln, und ganze Kästen, Rezek, ich lüg' nicht, ganze
Kästen voller Gold. Und aus diesen alten Kapellen führen Gänge weit,
weit unter der ganzen Stadt durch, vielleicht bis nach Wien.«
Rezek sah den Verwachsenen von der Seite an.
»Bei meiner Seele,« beschwor der und legte die Hand auf die schiefe,
gedrungene Brust. »Ich hätt's ja auch nicht geglaubt. Nie, mein Leben
nicht. Aber ich hab's einmal gesehen, nicht in einer Kapelle, aber --«
»Wo?« forschte der Student plötzlich mit so entschiedenem Interesse, daß
der Kleine zusammenschrak.
»Sehen Sie,« sagte er, »Sie möchten's nicht glauben. Aber in unserem
Keller da ist ganz am Ende eine Vertiefung, so etwa zwei Stufen abwärts
und dann ein Loch in der Mauer, gerade so groß, daß einer durchkrauchen
kann -- so -- natürlich auf allen Vieren.« Bohusch lachte sein
zerbrochenes Lachen.
»Na und --« drängte Rezek, fügte aber ruhiger hinzu, während er zwischen
seinen lebendigen Fingern eine Cigarette formte, »was dann?«
»Ich wär' niemals hineingekrochen. Bewahre. Aber mir fiel mal die Kerze,
mit der ich hinuntergestiegen war, brennend zwischen alte Holzscheite.
Mein Schrecken! Na, Sie können sich vorstellen, Rezek, eine brennende
Kerze in altem, trockenem Holz. Ich finde sie endlich wieder; sie war
verlöscht natürlich, aber in lauter Angst grabe ich weiter. Es hätte
doch ein Funke irgendwo darunter sein können. Da gleite ich auf einmal
mit dem Holz tiefer und sitze vor dem Loch. Schau' hinein. Nicht
möglich. Noch ein Keller, denk' ich. Ich leuchte. Aber es ist nur ein
Gang, und der führt weiß Gott wie weit, weiß Gott.«
Sie schritten jetzt ganz langsam den Quai abwärts, der steinernen Brücke
zu. Rezek that einen langen Zug aus seiner kleinen, ganz durchfeuchteten
Cigarette und sagte, ohne zu Bohusch herabzusehen: »Das ist
selbstverständlich längst vermauert, das Loch?«
»Vermauert?« kicherte Bohusch, »vermauert,« und konnte sich kaum fassen
vor Heiterkeit. »Wer so was vermauern soll?«
»Nun, Sie haben's doch jedenfalls angezeigt?« Der Student sah ärgerlich
aus. Seine dunklen Augen lauerten in dem blassen Gesicht, als wollten
sie sich auf die Antwort des Kleinen stürzen.
Der war eben erst wieder vernünftig: »Sie wissen ja, meine Mutter, --
der hab ich's erzählt. Und sie hat gesagt: >Ein Loch? Was geht uns das
an, Bohusch. Leg' das Holz wieder davor, wie es war.< Und da hab' ich
also das Holz davor gelegt, so wie es war. Sie hat ja recht, was geht
uns das Loch an.« Der Student nickte zerstreut und sagte dann rasch: »Es
ist doch noch kalt im April.« Er schob die eckigen Schultern höher und
nahm den schäbigen gelben Sommerüberzieher, den er den ganzen Winter
getragen hatte, vorn fest zusammen; »wollen wir da hinüber ins Café? Ein
Tschaj wird wohlthun. Kommen Sie.« Er schob seine Hand unter den Arm des
Buckligen und wollte ihn mitziehen. Bohusch sträubte sich: »Aber, was
glauben Sie, Rezek; wir waren lang genug im Café.« »Ja so, mit =denen=.«
Der Student legte den Ton der Verachtung auf das letzte Wort. »Ich will
mit =Ihnen= plaudern, Bohusch; nicht mit diesen großen Herren, mit
diesen Künstlern.« »Was reden Sie denn,« staunte Bohusch, »das Volk muß
stolz sein auf sie.« Rezek blieb stehen und war ganz blaß: »Wenn diese
Menschen lieber stolz sein wollten auf das Volk. Aber glauben Sie mir,
sie wissen nichts von einander -- das Volk nicht von ihnen und sie nicht
vom Volk. Ich bitte Sie, was sind sie denn, sind das Tschechen, ja?
Schauen sie nur irgend einen an. Der Karás schreibt in deutschen
Zeitungen über unsere Kunst. Und unsere Kunst, was ist das? Lieder
vielleicht, wie sie das ganz junge, gesunde, kaum erwachte Volk singen
könnte? Erzählungen von seiner Kraft und von seinem Mut und von seiner
Freiheit? Bilder von seiner Heimat? Ja? Keine Spur. Davon wissen ja
diese Herren gar nichts. Sie sind ja nicht von heute, wie das Volk, das
noch ganz kindisch ist, voller Wünsche und ohne eine einzige Erfüllung.
Sie sind ja über Nacht fertig geworden. Überreif. Das ist ja soviel
bequemer, als der lange, eigene Weg durch Bedrückung hindurch, wie das
Volk ihn gehen muß, das arme! Fast mühelos ist das. Man importiert
alles aus Paris: die Kleider und die Gesinnung, die Gedanken und die
Inspiration. Man war gestern Kind und ist heute ein junger Greis, ein
Übersättigter. Man weiß auf einmal alles. Und man macht danach seine
Kunst. Man malt Greuelscenen und Orgien. Man sucht im Weib die Dirne und
verherrlicht sie in Romanen; dann verurteilt man in frivolen Liedern
diese Dirne und feiert die Mannesliebe in schweren Strophen, und endlich
ist man am Ziel: man verherrlicht nicht mehr und verurteilt auch nicht
mehr. Man ist dessen müde. Man ist ja so über alles hinaus. Man ist
Mystiker. Man ist überhaupt gar nicht mehr hier, in Böhmen zu Haus; iwo,
man hat seine Heimat irgendwo -- was weiß ich -- an dem Urquell des
Lebens. Das ist doch lustig. Nicht? Während das Volk sich rührt und zum
erstenmal fühlt, wie jung und gesund es ist und die neue zage Kraft des
Anfangs in seinen Adern quillt, schänden die Künstler seine Sprache
dadurch, daß sie ihren Frühling für die kranke Kunst eines Endes
mißbrauchen?« Der Student hatte sich heiß und heiser gesprochen.
Sie standen immer noch an derselben Stelle. Vorübergehende begannen
aufmerksam zu werden und auch ein Schutzmann sandte von Zeit zu Zeit
einen mißtrauischen Blick herüber. Bohusch schaute schweigend zu dem
Studenten auf und er schien ihm jetzt ebenso hoch und stolz in die Nacht
zu ragen, wie drüben der alte Turm des Doms. --
Jetzt sagte Rezek mit veränderter Stimme, geärgert durch die Neugier der
Menschen: »So kommen Sie doch ins Café.«
Und Bohusch ganz unter dem Bann dieses Befehles, ging mit. Er konnte
sich gar nicht vorstellen, daß er hätte nein sagen können. Als sie aber
an der Thür des kleinen Cafés stillestanden, sagte er zaghaft: »Ich kann
doch wirklich nicht, Herr Rezek, verzeihen Sie, aber nun kann ich doch
wirklich nicht. Meine Mutter, Sie wissen ja. Sie erwartet mich am Abend.
Und sie hätte Angst, wenn ich nicht komme. Sie ist so. Entschuldigen
Sie ...«
Der Student unterbrach ihn kurz: »Dann begleit' ich Sie.« Er schien
jetzt gar nicht mehr zu frieren. Und sie gingen nach der Kleinseite.
Schweigend. Als sie an dem Schutzmann vorüberkamen, fühlte der
Verwachsene, wie Rezek einen dunklen, mißtrauischen Blick von dort
auffing. Er schaute auf; aber der Student hatte den Kopf schon
abgewendet und spuckte gleichgültig nach der anderen Seite, wobei er
bemüht schien, den Eckstein zu treffen. Bohusch dachte nach; er fühlte
eine Verwandtschaft zwischen den schönen Gedanken, die ihm heute
Nachmittag im »National« gekommen waren und dem, was Rezek gesagt hatte
und was er nun noch sagen würde. Es war zum erstenmal, daß ihn diese
Empfindung überfiel, obwohl er oft mit dem Studenten zusammentraf; er
hatte ihn stets für dumm gehalten. Warum? Vielleicht weil er sonst so
viel schwieg? Deswegen hielt man ja wahrscheinlich ihn, Bohusch, für
beschränkt. Andererseits aber, wie schön war das an sich magere und
häßliche Gesicht des Studenten während seiner begeisterten Worte
geworden. Alles was eckig und hölzern aussah in seinem Gesicht und in
seinen Gesten erhielt eine Betonung ins Erhabene: es wurde streng,
herrisch, rücksichtslos. Dieser ganze, hoch aufgeschossene junge Mensch,
der zu schnell gewachsen, zu schlecht genährt und zu erbärmlich
gekleidet war, hatte für Bohusch ganz unversehens etwas Elementares,
Ewiges bekommen, und wie er so neben ihm hinging, wurde er die
Empfindung nicht los, daß er sich diesen Tag besonders merken müsse:
Samstag, den 17. April. Die Vorstellung wuchs in ihm ganz bestimmt und
deutlich, aber gleichsam im Hintergrund seiner Seele, während vorn sein
eigenes Ich stand, sich verneigte und zu Bohusch sprach: Das muß ich mir
entschieden verbeten haben, ganz entschieden! Du hast gar nicht das
Recht, mein Lieber, alle Schätze, welche ich dir, dem Bohusch, gebe, zu
verschweigen. Heraus damit. Sprich. Die Leute sollen wissen, daß ich
reich bin. Ich weiß, was du sagen willst. Du bist häßlich. Aber rede nur
erst. Reden macht schön. Da hast du es gerade sehen können. Versprich
mir's. -- Und der arme Bohusch gab seinem Ich das Ehrenwort: Gewiß, von
jetzt an werde ich reden. Und Bohusch wollte gerade beginnen, als der
Student neben ihm stehen blieb und über die Moldau hinwies, auf deren
hohen dunklen Wogen verlorene Lichter trieben: »Schauen Sie dort den
Vyschehrad, die alte Stammburg der Libuscha, und da den Hradschin und
hinter uns die Teynkirche, lauter Heiligtümer. Wenn die Herren zur
Vergangenheit flüchten, wie sie immer wieder behaupten, warum nicht zu
=dieser= Vergangenheit. Warum erzählen sie uns vom Orient und von den
Kreuzzügen und vom schwarzen Mittelalter? Das ist eine künstlerische
Frage, sagen sie. Nein, sage ich: Das ist eine Herzensfrage. Das ist
nicht Zufall, daß ihnen jene entfernten Dinge >liegen< und das Nahe,
Vertraute ihnen nichts zu sagen hat. Sie sind einfach Fremde. Und das
Volk pflegt ängstlich seine alte unbeholfene Tradition, die trotz aller
Sorgfalt blasser und blasser wird von Enkel zu Enkel, so daß es kaum
mehr weiß von den lebendigen Reichtümern seiner Heimat. Freilich! Es
wäre doch auch zu erniedrigend für diese großen Herren, das Volk vor
seine heiligen Erbstücke zu begleiten und ihm in neuen, klaren Worten
zu sagen von ihrem alten Wert und ihrer geweihten Würde.«
Bohusch sah starren Auges die Steine des Gangsteiges an und sagte, wie
sich zwingend leise, immer wieder von Hüsteln unterbrochen:
»Sie haben recht, Rezek, Sie haben ganz gewiß recht. Ich kann das alles
ja nicht so gut verstehen; denn es ist gewiß nicht so ganz einfach, was
Sie da sagen. Aber recht haben Sie. Ich hab' mir das ja manchmal
gedacht. Warum malt man das und nicht das. Warum schreibt man so und
nicht so ... aber doch, wenn Sie mir gestatten wollen zu bemerken, daß
die Dichter nichts vom Hradschin und vom Teyn erzählen, das macht
nichts, das macht nichts. Ich meine, -- sehen Sie, ich kenne mein
Mütterchen Prag bis ins Herz, ja, und mir hat nie ein Dichter davon was
gesagt. Man muß nur groß werden mitten unter diesen Kirchen und
Palästen. Die brauchen, weiß Gott, keinen, der für sie spricht, die
sprechen selbst, mein' ich. Wenn man nur hören mag. O, was die für
Geschichten wissen. Lieber, ich will Ihnen einmal einige erzählen, ja?
Oder noch besser: Sie sollen meine Mutter davon reden hören.«
Rezek machte eine Bewegung der Ungeduld. Bohusch bemerkte es sogleich
und stockte einen Augenblick, dann: »Verzeihen Sie. Ich hab' eigentlich
nur noch sagen wollen ... ja, also das mit dem Hradschin ist nicht
schade, aber das andere. Das, was nicht Vergangenheit ist. Die Gassen da
und diese Menschen und dann besonders die Felder hinter der Stadt und
die Menschen dort. Das haben Sie doch sicher auch schon gesehen: Ein
Feld, wissen Sie, so ein Feld ohne Ende, traurig und grau. Und der Abend
dahinter. Und nichts, nur ein paar Bäume und ein paar Menschen; und die
Bäume gebückt und die Menschen auch. Oder so im Steinbruch, wie sie da
draußen hinter Smichov sind. Von dem grauen, kahlen Berg rollen die
kleinen Kiesel herunter in die Schuttmulde. Wie das klingt. Ja, das ist
auch ein Lied; und unten sitzen Männer und behauen den ganzen Tag die
grauen Steine und machen kleine, brave glatte Würfelchen aus ihnen und
sehen die Sonne trüb durch die Horngläser, die sie vor den Augen haben.
Und die jüngeren von ihnen vergessen manchesmal und heben leise zu
singen an, kein ausgelassenes Lied, bewahre, irgend eins, das zum Takt
paßt »_Kde domov muj_« oder so was. Und dann horchen alle. Es dauert
aber nicht lang. Dem Jungen fällt bald ein, daß der Kieselstaub zu
scharf ist, schlecht für die Lunge, na, und da ist er halt wieder still
... Aber -- Sie müssen verzeihen --« der Kleine sah hilflos umher, faßte
sich aber wieder, als er sah, daß das Auge des Studenten ernst und
aufmerksam auf ihm ruhte. Er empfand dies als Sieg und mit mehr
Sicherheit als bisher fuhr er in seiner Rede fort: »ich hab' nur noch
sagen wollen: Warum malen sie das nicht, warum? Warum dichten sie nicht
so was. Das ist doch tschechisch -- es ist ja so traurig.«
Rezek nickte nur und sagte: »Glauben Sie, daß das Volk sehr traurig
ist?«
Bohusch sann nach: »Freilich,« meinte er dann zögernd, »eigentlich kenn'
ich ja so wenig; ich komm' ja nie weit hinaus. Aber ich glaub' es doch.«
»Warum?«
»Warum, fragen Sie? Gott, weiß ich's? Die Eltern sind traurig und die
Kinder sind es auch und bleiben es. Sie sehen, kaum daß sie laufen
können, den traurigen Nepomuk vor der Thür, der den Gekreuzigten im Arm
hält, und die alte Weide am Dorfteich und die Sonnenblumen im kleinen
Garten, die so früh müde werden in der stillen Sonne. Macht das froh?
Und dann lernen sie so zeitig den Haß. Die Deutschen sind überall und
man muß die Deutschen hassen. Ich bitte Sie, wozu das? Der Haß macht so
traurig. Sollen die Deutschen thun, was sie wollen. Sie verstehen unser
Land doch nicht und deshalb können sie uns es niemals fortnehmen. An den
Grenzen, da giebt es ja wohl große Wälder und Gebirge, wo die Deutschen
ganz fest sitzen, nicht wahr? Aber die umrahmen doch eigentlich nur das
Land. Was dazwischen liegt, die vielen Felder und Wiesen und Flüsse, das
ist unsere Heimat, das gehört uns, wie wir dazu gehören mit allem in
uns.«
»Als Sklaven,« -- warf Rezek verächtlich ein.
»Sagen Sie das nicht. Bitte. Nicht als Sklaven. Als Kinder. Vielleicht
als nicht ganz anerkannte, nicht ganz erbberechtigte Kinder --
augenblicklich. Aber doch als echte, natürliche Kinder. Sie müssen's
doch fühlen. Sie sagen selbst: das Volk ist ganz jung und gesund, dann
wird es ja wohl auch stark sein und sich nicht ergeben. Möglich, daß
einer oder der andere Ketten trägt -- heute. Das geht vorüber. Ich
weiß, da hat einer >Sklavenlieder< geschrieben, einer von den Älteren.
Der hat nicht recht. Kein Redlicher in unserem Volk macht Lärm mit den
Ketten. Sicher nicht. Er hebt sie sogar beim Gehen vorsichtig in die
Höhe, damit die liebe Erde nichts merkt von seinem Elend ... So sind die
Aufrichtigen von uns.«
Jetzt waren sie gerade am Anfang der Brückengasse angelangt, drängten
sich durch die dichteren Mengen der Fußgänger und bogen eilig in die
erste, enge Seitengasse ein. Beim Schein der nächsten Laterne
betrachtete der Student seinen Begleiter mit unverhehltem Erstaunen; er
schüttelte den Kopf, schien irgend etwas auf den Lippen zu zerdrücken
und sagte: »Sie sind ein Redner, Bohusch.«
»O,« machte der Kleine und sah ganz beschenkt aus.
»Nein, im Ernst. Nur müssen Sie sich sagen lassen. Das mit den Deutschen
... Wenn Sie vernünftig sind, vielleicht braucht Sie das Volk noch
einmal.«
»Waaas?« machte Bohusch und wollte lachen aus Schrecken und
Verlegenheit. Aber Rezek hatte die Lippen fest zusammengepreßt, sah sehr
ernst aus und schwieg. Da wurde dem Buckligen sehr bange. Er drängte
sich näher an den Studenten heran und flüsterte:
»Das denk' ich mir ja nur alles so. Wirklich. Ich weiß ja nicht.
Vielleicht ist es ja auch anders. Ich kann's ja auch nicht so sagen. Sie
müssen nicht schlecht denken von mir, Herr Rezek.« Und auf einmal wurde
er ganz verzagt. »Sehen Sie, ich bin ja so ein armer Kerl. Wenn Sie
wüßten, wie arm ich bin; am Vormittag da schreib' ich ab in der
Redaktion, und am Abend, da bin ich bei der Mutter, sie ist so alt und
sieht fast nichts mehr. So ist es jeden Tag. Und am Sonntag, wenn ich
meine Frantischka sehe, wissen Sie, wo wir dann bleiben? Auf der
Malvasinka. Dort wo die grünen Kreuze stehen, eins wie das andere.
Lauter Kinder liegen dort, und auf den schmalen Blechtafeln steht immer
nur irgend ein Vorname, >der kleine Karel< oder >die kleine Marie< und
ein Gebet dabei. So ist das dort. Und dort bleiben wir am Sonntag. >Hier
sind wir allein, _milatschku_,< sagt meine Frantischka. >Ja, sag' ich,
Frantischka, hier sind wir allein.< Und dabei weiß ich, daß wir bei
lauter Toten sind. Macht das was? Es ist ja immer noch was dazwischen,
manchmal Frühling, manchmal Schnee. -- Ach, ich bin ja so ein armer
Kerl.«
»Nun, nun,« beschwichtigte Rezek, und sie standen schon vor dem Hause,
in welchem der Bohusch unter dem Dach zwei Stuben mit seiner alten
Mutter teilte. Der Student schien es eilig zu haben. »Sie sind mir also
nicht bös, Herr Rezek,« bat der Bucklige. »Dazu ist doch kein Grund,«
meinte jener hastig, »und gute Nacht. Ich seh' Sie ja wohl, morgen im
Café!«
»Ja, morgen, vielleicht -- obzwar es ist Sonntag, da muß ich mit meiner
Frantischka -- ja -- gute Nacht.«
Rezek, der schon ein paar Schritte gemacht hatte, kehrte plötzlich
zurück. Er legte die unruhige Hand auf die Schulter des Kleinen und
fügte ohne besondere Betonung sehr hastig an:
»Wirklich, Sie haben mich neugierig gemacht, Bohusch, das haben Sie.
Möchten Sie mich nicht mal in den Keller führen?« ...
»Keller?«
»Ach, Sie wissen doch, zu jenem Loch.«
»O ja, wenn Sie wollen, gewiß.«
»Gut, also bald, wann?...«
»Wann Sie wollen.«
»Morgen früh?«
»Morgen früh.«